»Und Sie haben doch die tiefsinnigsten Rollen gespielt; Sie haben

Shakespeare gespielt? Sie haben den Hamlet gespielt? Sind Sie wirklich

nie in Ihrem Innersten erschüttert gewesen, wenn Sie den tiefen Monolog

›Sein oder Nichtsein!‹ gesprochen haben?«

»Was meinen Sie mit tief?«

»Tiefsinnig, tief gedacht!«

»Erklären Sie sich! Ist es so tief zu sagen: Soll ich mir das Leben

nehmen oder nicht? Ich würde es sehr gern tun, wenn ich wüßte, was nach

dem Tode kommt, und das würden alle andern auch tun, aber wir wissen es

nun einmal nicht, deshalb wagen wir nicht, uns das Leben zu nehmen. Ist

das nun so tiefsinnig?«

»Nein, so nicht ...«

»Nun also! Sie haben ganz sicher schon einmal daran gedacht, sich das

Leben zu nehmen? Nicht wahr?«

»Ja, das haben wohl alle Menschen getan!«

»Nun, warum haben Sie es nicht getan? Weil Sie, wie Hamlet, es nicht

wagten, weil Sie nicht wissen, was hinterher kommt. Nun, waren Sie da

sehr tiefsinnig?«

»Nein, natürlich nicht!«

»Nun also, es ist ganz einfach eine Banalität. Es ist mit einem Wort --

wie nennt man das, Gustav?«

»Es ist alt!« kam die Antwort vom Uhrgehäuse her, wo man auf das

Stichwort gewartet zu haben schien.

»Ja, es ist alt! Hätte aber der Dichter ein annehmbares Bild von dem

künftigen Leben gegeben, das wäre neu gewesen!«

»Ist alles Neue so ausgezeichnet?« fragte Rehnhjelm, der über die neuen

Dinge, die er zu hören bekam, sehr niedergeschlagen war.

»Das Neue hat wenigstens ein Verdienst -- nämlich: daß es neu ist!

Versuchen Sie Ihre Gedanken selber zu denken, und Sie werden sich immer

neu finden. Wollen Sie glauben, daß ich gewußt habe, worüber Sie mit

mir sprechen würden, bevor Sie in die Tür traten? Und daß ich weiß, was

Sie mich nun zunächst fragen werden, nun wir in die Nähe Shakespeares

gekommen sind?«

»Sie sind ein sonderbarer Mensch; ich muß gestehen, daß Sie in dem, was

Sie sagen, recht haben, obwohl ich es nicht gutheiße.«

»Nun, was halten Sie von der Leichenrede des Antonius an Cäsars Bahre?

Ist die nicht merkwürdig?«

»Das gerade wollte ich Sie fragen? Es ist ganz, als könnten Sie meine

Gedanken lesen.«

»Ja, das habe ich Ihnen ja eben gesagt. Und ist das so seltsam, da alle

Menschen dasselbe denken oder richtiger sagen? Nun, was finden Sie tief

daran?«

»Das kann ich mit Worten nicht ausdrücken ...«

»Nun, finden Sie denn nicht, daß es eine ganz gewöhnliche Form einer

ironischen Äußerung ist? Man sagt genau das Gegenteil von dem, was man

meint, und wenn man die Kanten schärft, so wird keiner umhin können,

sich daran zu stechen. Nun, aber haben Sie je etwas Schöneres gelesen

als Julias und Romeos Zwiegespräch nach der Hochzeitsnacht?«

»Ja, die Stelle, wo er sagt, er habe geglaubt, es sei die Nachtigall,

als es die Lerche war?«

»Welche andere Stelle sollte ich meinen, da die ganze Welt sie meint.

Nun, hier beruht doch die Wirkung auf einem einzelnen, sehr häufig

angewandten poetischen Bilde; glauben Sie nun, daß Shakespeares Größe

auf poetischen Bildern beruht?«

»Warum wollen Sie mir alles zertrümmern, warum wollen Sie mir meinen

ganzen Halt nehmen?«

»Ich werfe Ihre Krücken fort, damit Sie -- selber gehen lernen. Im

übrigen: verlange ich, daß Sie auf das eingehen, was ich sage?«

»Sie verlangen es nicht, Sie zwingen einen, es zu tun!«

»Dann müssen Sie meine Gesellschaft meiden. -- Ihre Eltern sind traurig

über Ihr Vorhaben?«

»Ja, natürlich! Wie können Sie das wissen?«

»Das sind alle Eltern! Warum müssen Sie mein Urteilsvermögen

überschätzen? Sie dürfen überhaupt nicht überschätzen!«

»Glauben Sie, daß man dadurch glücklicher wird?«

»Glücklicher? Hm! Kennen Sie jemanden, der glücklich ist? Antworten Sie

jetzt mit eigenen Ansichten, nicht mit fremden Worten!«

»Nein!«

»Nun, wenn Sie nicht glauben, daß irgend jemand glücklich ist, wie

können Sie dann davon sprechen, daß man glücklicher wird? -- Also Sie

haben Eltern! Es ist sehr dumm, Eltern zu haben!«

»Wieso? Wie meinen Sie das?«

»Finden Sie es nicht unnatürlich, daß eine alte Generation eine neue

erziehen und sie mit ihren veralteten Dummheiten aufpäppeln soll? Nun,

Ihre Eltern verlangen Dankbarkeit von Ihnen? Nicht wahr?«

»Ja, man soll doch auch wohl seinen Eltern dankbar sein?«

»Dankbar dafür, daß sie uns mit gesetzlicher Erlaubnis in dies Elend

hineingesetzt, uns mit schlechtem Essen ernährt, uns geschlagen,

unterdrückt, gedemütigt, sich unsern Wünschen widersetzt haben?

Wollen Sie glauben, daß eine Revolution nötig ist? Nein, zwei! Warum

trinken Sie nicht Absinth? Sie haben Angst davor? Ach, sehen Sie,

es ist doch das Rote Kreuz darauf! Es heilt die Verwundeten auf dem

Schlachtfelde, Freund und Feind! Es betäubt den Schmerz, stumpft die

Gedanken ab, tilgt die Erinnerung, erstickt alle edlen Gefühle, die

den Menschen verleiten, Torheiten zu begehen, und löscht schließlich

das Licht der Vernunft aus. Wissen Sie, was das Licht der Vernunft

ist? Das ist erstens eine Phrase, zweitens ein Irrlicht, Sie wissen,

so ein Licht, das über Orten umhertanzt, wo Fische vermodert sind

und Phosphorwasserstoff erzeugt haben; das Licht der Vernunft ist

Phosphorwasserstoff, aus der grauen Gehirnsubstanz erzeugt. Es ist doch

merkwürdig, daß alles Gute hier auf Erden untergeht und vergessen wird.

Ich habe bei meinen zehnjährigen Streifzügen und meiner anscheinenden

Untätigkeit alle Volksbibliotheken durchgelesen, die in den kleinen

Städten existieren; alles Schlechte und Bedeutungslose, was in den

Büchern steht, wird zitiert und neu gedruckt, aber das Gute bleibt

unbeachtet. -- Was ich sagen wollte -- erinnern Sie mich daran, daß ich

bei der Sache bleibe --«

Jetzt begann die Uhr ihr Unwesen zu treiben und donnerte sieben

Schläge. -- Die Tür flog auf, und herein wälzte sich mit großem Lärm

ein Mensch. Es war ein Fünfziger mit fettem, schwerem Kopf, der wie ein

Mörser zwischen ein paar fetten Schultern ruhte, wie auf einer Lafette

mit einer beständigen Elevation von 45 Grad, und aussah, als wolle er

die Sterne bombardieren. Das Gesicht machte den Eindruck, als sei sein

Besitzer aller möglichen Verbrechen und aller unmöglichen Laster fähig,

werde aber von Feigheit abgehalten, sie zu begehen. Er schleuderte

sofort eine Granate auf den Düsteren und verlangte von dem Kellner

einen Rumgrog in einer grammatikalisch ungehobelten Sprache, mit einer

Stimme wie ein Korporal.

»Das ist der Lenker Ihres Geschicks,« flüsterte der Düstere Rehnhjelm

zu. »Das ist der große Tragöde, der Direktor und Intendant, mein

Todfeind.«

Rehnhjelm schauderte, als er die entsetzliche Gestalt betrachtete, die

einen Blick tiefsten Hasses mit Falander gewechselt hatte und nun dasaß

und den Gang mit Spucksalven beschoß.

Darauf öffnete sich die Tür von neuem, und herein glitt ein fast

eleganter, älterer Mann mit pomadisiertem Haar und gewachstem

Schnurrbart. Er ließ sich vertraulich neben dem Direktor nieder, der

ihm den mit einem Karneolring geschmückten Mittelfinger zum Schütteln

reichte.

»Das ist der Redakteur der hiesigen konservativen Zeitung: der

Verteidiger von Thron und Altar. Er hat freien Zutritt zu den Kulissen

und möchte alle Mädchen verführen, auf die nicht der Direktor seine

Augen wirft. Er war früher königlicher Beamter, mußte die Stellung aber

aufgeben, -- ich schäme mich, zu sagen, warum,« erläuterte Falander.

»Aber ich schäme mich auch, im selben Raum zu sitzen wie diese Herren,

und ich gebe außerdem hier heute abend meinen Freunden ein kleines

Fest anläßlich meines gestrigen Benefizes. Wenn Sie Lust haben, in

schlechter Gesellschaft zu sein, mit den verworfensten Subjekten, zwei

übel beleumundeten Damen und einem alten Lump von Herrn, so sind Sie

mir um acht Uhr willkommen.«

Rehnhjelm zögerte nicht einen Augenblick, die Einladung anzunehmen.

Die Spinne an der Wand kletterte durch ihr Netze wie um es zu

inspizieren, und verschwand dann. Die Fliege blieb noch eine kleine

Weile sitzen. Aber die Sonne verkroch sich hinter der Domkirche, die

Maschen des Netzes lösten sich auf, als seien sie nie gewesen, und die

Espen zitterten vor dem Fenster. Da aber erhob der große Mann, der

künstlerische Direktor, seine Stimme und schrie, denn das Sprechen

hatte er verlernt; und er sagte:

»Nun, du hast gesehen, wie das Wochenblatt mich wieder angegriffen

hat.«

»Ach, um das Geschwätz mußt du dich nicht kümmern!«

»Ich soll mich nicht darum kümmern! Was meinst du damit, zum Teufel?

Liest es nicht die ganze Stadt? Oh, ich werde mich schon darum kümmern!

Ich gehe zu ihm in die Wohnung und verprügele ihn, das tue ich! Er

behauptet ganz frech, ich übertreibe und sei affektiert.«

»Nun, so bestich ihn doch! Aber mache keinen Skandal!«

»Bestechen? Denkst du, das habe ich nicht versucht? Diese liberalen

Zeitungsschreiber sind verdammt sonderbare Leute! Wenn man mit ihnen

befreundet und bekannt ist, können sie nett über einen schreiben, aber

bestechen, das geht nicht, und wenn sie noch so arm sind!«

»Ach, du verstehst dich nicht darauf! Man muß nicht gerade drauflos

gehen, sondern muß ihnen Geschenke schicken, die man versetzen kann,

oder auch bares Geld, anonym, und sich dann später nie etwas merken

lassen!«

»Wie man es mit dir macht? Nein du, das geht bei ihnen nicht; ich habe

es schon versucht. Es ist eine Hölle, mit Leuten mit Prinzipien zu tun

zu haben.«

»Was meinst du, was war das für ein Opfer -- um das Thema zu wechseln

--, das der Teufel in den Klauen hatte?«

»Das geht mich nichts an!«

»Vielleicht doch! Gustav! Wer war der Herr, den Falander bei sich

hatte?«

»Ja, der will zum Theater und heißt Rehnhjelm.«

»Was sagst du? Der will zum Theater? Der?« schrie der Direktor.

»Ja, das will er,« antwortete Gustav.

»Und Tragödie spielen, natürlich. Und von Falander protegiert werden?

Und sich nicht an mich wenden? Und meine Rollen nehmen? Und uns die

Ehre erweisen. Und ich weiß kein Wort von der Sache? Ich? Ich? Das

tut mir leid um ihn! Es ist schade um ihn! Was für eine schreckliche

Zukunft! Ich werde ihn natürlich protegieren! Ich werde ihn unter

meine Flügel nehmen! Man fühlt die Kraft meiner Flügel, auch wenn ich

nicht fliege! Sie haben einen guten Druck! Das war ein schmucker Kerl!

Ein feiner Kerl! Schön wie ein Antigonus! Schade, daß er nicht zuerst

zu mir gekommen ist, dann hätte er Falanders sämtliche Rollen bekommen!

Oh! Oh! Oh! Aber das ist noch nicht zu spät! Ha! Erst muß der Teufel

ihn verderben! Er ist noch etwas zu frisch! Er sah wirklich unverdorben

aus! Armer Junge! Ja, ich sage nur: Gott behüte ihn!«

Der Laut des letzten Stoßgebets erstarb unter dem Lärm, der entstand,

als nun alle Groggäste der Stadt sich einfanden.

Fünfzehntes Kapitel

Theateraktiengesellschaft Phönix

Am folgenden Tage erwachte Rehnhjelm in seinem Bett im Hotel spät

am Vormittag. Die Erinnerungen an die verflossene Nacht stiegen wie

Gespenster auf und umgaben sein Bett mitten an dem sommerhellen Tag.

Er sah das schöne, mit Blumen reich geschmückte Zimmer, in dem die

Orgie bei fest verschlossenen Fensterläden stattgefunden hatte; er sah

die fünfunddreißigjährige Schauspielerin, die von einer Rivalin in das

Mutterfach verdrängt worden war; sie kommt voll Verzweiflung und Wut

über neue Beschimpfungen herein, betrinkt sich, legt die Beine auf die

Sofalehne und knöpft, als es zu warm im Zimmer wird, die Taille auf, so

sorglos, wie ein Herr nach einem großen Diner die Weste aufmacht; da

wankt der alte Komiker umher, der frühzeitig das Liebhaberfach aufgeben

mußte, nach einer kurzen Blütezeit zu Dienerrollen herabgesunken

ist und nun die Kleinbürger mit seinen Liedern und vor allem seinen

Erzählungen aus der Zeit seiner Größe ergötzt; aber mitten in dem

Rauch und den Bildern des Rausches sieht er die junge Sechzehnjährige,

die mit tränengefüllten Augen eintritt und dem finsteren Falander

berichtet, daß der große Direktor ihr wieder schimpfliche Anträge

gemacht und bei ihrer Weigerung geschworen habe, sich zu rächen und

ihr nur noch Dienstmädchenrollen zu geben; und er sieht Falander, der

die Sorgen und Kümmernisse aller entgegennimmt und sie anhaucht, daß

sie verschwinden; wie er alles in ein Nichts auflöst: Kränkungen,

Demütigungen, Fußtritte, Unglücksfälle, Not, Elend und Jammer; wie er

seine Freunde belehrt und ermahnt, nichts zu überschätzen, vor allem

die eigenen Sorgen nicht. Aber wieder und immer wieder sieht er die

kleine Sechzehnjährige mit dem unschuldigen Gesicht, deren Freund er

geworden ist und von der er beim Abschied einen Kuß bekommen hat, einen

heftigen, leidenschaftlichen Kuß; sein überreiztes Hirn erinnerte sich

jetzt, wenn es aufrichtig war, diesen Kuß etwas unerwartet gefunden zu

haben. Aber wie hieß sie doch nur?

Er steht auf, um nach der Wasserkaraffe zu greifen, und bekommt ein

kleines Taschentuch mit Weinflecken darin in die Hand. Ah! Da steht es

unauslöschlich mit Zeichentinte geschrieben -- Agnes! Es küßt es auf

der reinsten Stelle zweimal und stopft es in den Koffer. Darauf zieht

er sich sorgfältig an, um zum Theaterdirektor zu gehen, der zwischen

zwölf und drei Uhr am sichersten zu treffen ist.

Um sich nichts vorwerfen zu müssen, geht er um zwölf Uhr ins Theater

und trifft einen Diener, der ihn fragt, was er wünsche und ob er ihm

zu Diensten sein könne. Rehnhjelm hält das nicht für möglich, sondern

fragt von neuem, ob der Direktor nicht zu sprechen sei; darauf wird

ihm mitgeteilt, daß der Direktor sich augenblicklich in der Fabrik

befinde, später aber herkommen werde. Rehnhjelm hält das Wort Fabrik

für eine familiäre Bezeichnung für das Theater, wird aber dahin

belehrt, daß der geschäftsführende Direktor eigentlich Inhaber einer

Streichholzfabrik ist. Sein Schwager, der Rendant, ist auf der Post

beschäftigt und pflegt erst um zwei Uhr zu kommen, und dessen Sohn,

der Sekretär, tut auf dem Telegraphenamt Dienst, so daß man nie sicher

ist, ihn zu treffen. Da jedoch der Diener Rehnhjelms Anliegen zu kennen

glaubte, überreichte er ihm in eigenem und in des Theaters Namen ein

Exemplar der Statuten des Theaters, mit denen der junge Debütant sich

die Zeit vertreiben sollte, bis einer von den Direktionsmitgliedern

käme. Er wappnete sich also mit Geduld und setzte sich auf ein Sofa,

um zu studieren. Als er die Satzungen durchgelesen hatte, war es erst

halb eins. Da unterhielt er sich mit dem Diener bis dreiviertel eins.

Darauf machte er sich daran, den ersten Paragraphen der Statuten zu

ergründen: »Das Theater ist eine moralische Institution, deshalb müssen

alle seine Mitglieder sich der Gottesfurcht, der Tugend und guter

Sitten befleißigen.« Er drehte und wendete den Satz und suchte ihn

ins rechte Licht zu stellen, ohne daß es ihm gelang. Wenn das Theater

schon eine moralische Institution ist, so brauchen doch die Mitglieder,

die (neben Direktor, Rendant, Sekretär, Maschinen und Dekorationen)

die Institution bilden, so brauchen sie sich doch nicht erst all des

Schönen, wie es nun auch heißt, zu befleißigen. Wenn man gesagt hätte:

Das Theater ist eine unmoralische Institution und deshalb ... Ja, dann

hätte es einen Sinn gegeben; so war es aber von der Direktion nicht

gemeint. Und dann dachte er an Hamlets »Worte, Worte«, erinnerte sich

aber sofort, daß es alt sei, Hamlet zu zitieren, und daß man seine

Gedanken mit eigenen Worten ausdrücken müsse; so überlegte er lange und

blieb schließlich dabei stehen, es Geschwätz zu nennen; er verwarf auch

das als nicht originell, aber das war das Original ja auch nicht.

Paragraph 2 half ihm dann, sich eine weitere Viertelstunde mit

Betrachtungen über den Text zu vertreiben. »Das Theater ist keineswegs

zum Vergnügen da. Nicht bloß zur Belustigung.« Da stand: Das Theater

ist nicht zum Vergnügen da, und da stand: Das Theater ist nicht

ausschließlich zum Vergnügen da, also ist es (auch) zum Vergnügen da.

Darauf dachte er darüber nach, wann man sich im Theater unterhält:

Ja, wenn man sieht, wie Kinder, zumal Söhne, ihre Eltern um Geld

betrügen, vor allem, wenn die Eltern sparsam, gutmütig und verständig

sind; zweitens wenn Frauen ihre Männer betrügen; das ist besonders

lustig, wenn der Mann alt ist und die Hilfe seiner Frau braucht;

weiter erinnerte er sich, furchtbar gelacht zu haben über zwei alte

Männer, die dem Hungertode nahe waren, weil ihr Geschäft zurückgegangen

war; und noch heutigentags lachte man darüber in dem Stück eines

klassischen Dichters. Er erinnerte sich ferner, sich an dem Unglück

eines älteren Mannes ergötzt zu haben, der das Gehör verloren hatte;

erinnerte sich, zusammen mit sechshundert andern Menschen sich

höchlich amüsiert zu haben über einen Priester, der auf natürlichem

Wege Heilung für die Verrücktheit suchte, in die seine Enthaltsamkeit

ihn gebracht hatte, und über die Heuchelei, die er zur Erreichung

seiner Absichten anwenden mußte. Worüber hatte man nur so gelacht,

fragte er sich. Und da er nichts anderes zu tun hatte, so versuchte

er darauf zu antworten! Ja, über Unglück, Not, Elend, Laster, Tugend,

über die Niederlage des Guten, den Sieg des Bösen. Dies Resultat, das

ihm teilweise neu war, versetzte ihn in gute Stimmung, und er fand

einen großen Genuß an diesem Spiel mit Gedanken. Da die Direktion noch

nichts von sich hören ließ, setzte er das Spiel fort und kam, ehe fünf

Minuten vergangen waren, zu dem Ergebnis, daß man in der Tragödie über

genau dieselben Dinge weint, über die man in der Komödie lacht. Da

aber blieb er stehen, denn herein stürmte der große Theaterdirektor,

rannte an Rehnhjelm vorbei, als sehe er ihn nicht, und stürzte in ein

Zimmer links, wo einen Augenblick später eine Klingel von starker Hand

in Bewegung gesetzt wurde. Der Diener brauchte eine halbe Minute, um

hinein zu gehen und mit der Erklärung wieder herauszukommen, Seine

Hoheit empfange.

Als Rehnhjelm eintrat, hatte der Direktor schon abgeprotzt und seinen

Mörser in so großem Winkel gerichtet, daß er unmöglich den Sterblichen

sehen konnte, der leise zitternd eintrat. Aber er mußte ihn gehört

haben, denn er fragte sofort in verletzendem Ton, was gefällig sei.

Rehnhjelm erklärte, er wolle debütieren.

»Oh! Großes Debüt! Großer Enthusiasmus! Haben Sie ein Repertoire, Herr?

Haben Sie Hamlet, Lear, Richard Sheridan gespielt und sind nach dem

dritten Akt zehnmal herausgerufen worden? Was? He?«

»Ich bin noch nie aufgetreten!«

»Ach so! Das ist etwas anderes!«

Er setzte sich in einen versilberten, mit blauer Seide bezogenen

Lehnstuhl, und sein Gesicht legte eine Maske an, die in einer der

Biographien im Svetonius als Illustration hätte dienen können.

»Darf ich Ihnen meine aufrichtige Meinung sagen, mein Herr? Ja?

Verzichten Sie auf diese Laufbahn!«

»Unmöglich!«

»Ich wiederhole: Verzichten Sie auf diese Laufbahn! Es ist die

schrecklichste aller Karrieren! Sie ist so voll von Demütigungen,

Unannehmlichkeiten, Nadelstichen, Dornen, mein Herr, die Ihnen, glauben

Sie mir, das Leben so verbittern, daß Sie schließlich wünschen, nie

geboren zu sein!«

Er sah wirklich glaubwürdig aus, aber Rehnhjelm war unerschütterlich in

seinem Entschluß.

»Nun, beachten Sie meine Worte wohl! Ich rate Ihnen feierlich ab

und erkläre Ihnen: die Aussichten sind so trübe, daß Sie vielleicht

jahrelang als Statist fungieren müssen! Überlegen Sie sich das! Und

kommen Sie später nicht zu mir und beschweren Sie sich. Diese Laufbahn

ist so verteufelt schwer, mein Herr, daß Sie, wenn Sie Bescheid wüßten,

sie nie einschlagen würden! Sie haben eine Hölle vor sich, glauben Sie

mir, jetzt ist es gesagt!«

Es waren vergeudete Worte!

»Würden Sie dann nicht lieber gleich ohne Debüt ein Engagement nehmen?

Das ist weniger riskant.«

»Ja natürlich, aber das hatte ich nicht in Erwägung gezogen.«

»Wollen Sie bitte diesen Kontrakt unterschreiben? Zwölfhundert Kronen

Gage und zwei Jahre Kontrakt. Ist das gut?«

Er holte einen ausgefüllten und von der Direktion unterzeichneten

Kontrakt, der unter dem Löschblatt lag, hervor und reichte ihn

Rehnhjelm zur Unterschrift, und Rehnhjelm, dem die zwölfhundert Kronen

den Kopf verwirrten, unterschrieb unbesehen.

Als das geschehen war, reichte der Direktor ihm seinen großen

Mittelfinger mit dem Karneolring und sagte: »Willkommen!«, wobei er das

Zahnfleisch des Oberkiefers und das gelbe, blutgesprenkelte Weiße der

beiden Augen mit der seifengrünen Iris zeigte.

Und dann war die Audienz beendet. Rehnhjelm aber, dem das Ganze zu

rasch gegangen war, blieb stehen und nahm sich die Freiheit, zu fragen,

ob er nicht warten solle, bis die Direktion versammelt sei.

»Die Direktion?« rief der große Tragöde; »das bin ich! Haben Sie etwas

zu fragen, so wenden Sie sich nur an mich! Wollen Sie einen Rat haben,

so wenden Sie sich an mich! an mich, mein Herr! An keinen andern! So!

-- Marsch!«

Es sah aus, als bleibe Rehnhjelms Rockschoß an einem Nagel hängen,

gerade als er im Hinausgehen war, so hastig blieb er stehen und

drehte sich um, gewissermaßen um festzustellen, wie die letzten

Worte aussahen, aber er erblickte nur das rote Zahnfleisch, das einem

Folterwerkzeug glich, und das mit Blut marmorierte Auge, weshalb

er keine Lust verspürte, eine Erklärung zu fordern, sondern in den

Ratskeller eilte, um Mittag zu essen und Falander zu treffen.

Dieser saß schon an seinem Tisch, ruhig und gleichgültig, als sei er

auf das Allerschlimmste, was es auch sei, gefaßt. Es wunderte ihn also

nicht, daß Rehnhjelm engagiert worden war, wenn er auch sehr finster

wurde, als er es erfuhr.

»Wie gefällt dir der Direktor sonst?« fragte Falander.

»Ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige gegeben, aber ich wagte es

nicht.«

»Das wagt die Direktion auch nicht, und deshalb ist er Alleinherrscher.

Du wirst immer sehen, daß die Roheit die Macht in Händen hat. Du weißt,

daß er auch Dramatiker ist?«

»Das habe ich gehört!«

»Er schreibt eine Art historische Schauspiele, die immer Beifall

finden; das kommt daher, daß er Rollen schreibt, statt Charaktere zu

gestalten. Er bringt Applausstellen bei den Abgängen an und treibt

Wucher mit dem sogenannten vaterländischen Gefühl. Übrigens können

seine Figuren nicht sprechen, sie keifen und zanken nur: Männer

und Fragen, Alte und Junge, allesamt, so daß sein bekanntes Stück

›König Göstas Söhne‹ mit Recht ein historisches Spektakelstück in

fünf Auftritten heißt, denn es sind keine Akte, sondern regelrechte

Auftritte, Familienauftritte, Straßenauftritte, Reichstagsauftritte

und so weiter. Statt der Antworten erteilt man sich Gertenhiebe, die

nicht Szenen, sondern den schrecklichsten Spektakel hervorrufen.

Statt der Dialoge hat er Wortwechsel, in denen man sich gegenseitig

beschimpft, und die höchste dramatische Wirkung wird von

Handgreiflichkeiten hervorgerufen. Die Kritik sagt, er sei groß in

der Schilderung historischer Charaktere. Wie hat er aber Gustav Wasa

in dem erwähnten Stück geschildert? Ja, als einen breitschultrigen,

langbärtigen, großmäuligen, unlenksamen und muskelstarken Mann -- er

zerschlägt unter anderem auf dem Reichstag in Västeraas einen Tisch

und tritt bei der Versammlung in Vadstena eine Tür ein. Aber einmal

sagte die Kritik, seinen Stücken fehle der Sinn; da wurde er böse und

nahm sich vor, Sittenkomödien mit Sinn zu schreiben. Er hatte einen

Jungen, der die Schule besuchte (das Ungeheuer ist verheiratet!), sich

unanständig benahm und Prügel kriegte. Sofort schrieb der Vater eine

Sittenkomödie, in der er die Lehrer abkonterfeite und schilderte, wie

unmenschlich die Jugend heutzutage behandelt werde. Ein andermal wurde

eine gerechte Rezension über ihn geschrieben, und sofort verfaßte er

eine Sittenkomödie, in der er die liberalen Journalisten der Stadt

darstellte! Nun, meinetwegen mag er tun, was er will!«

»Ja, aber warum haßt er dich?«

»Weil ich auf einer Probe Don Pasquale gesagt habe, obwohl er erklärt

hatte, es heiße Paskal. Das Resultat: ich wurde bei Geldstrafe

verurteilt, den Namen so auszusprechen, wie er befahl, wobei er

erklärte, es möge in der ganzen Welt heißen, wie es wolle, hier aber

solle es Paskal heißen, denn so heiße es!«

»Wo kommt er her? Was ist er gewesen?«

»Kannst du nicht sehen, daß er Stellmachergeselle gewesen ist? Aber

wüßte er, daß du es weißt, so würde er dich vergiften! Doch, um jetzt

von etwas ganz anderm zu sprechen: wie fühlst du dich nach gestern?«

»Ausgezeichnet! Ich habe ganz vergessen, dir zu danken!«

Das rote Zimmer · 第 13 / 25 段