»Wollen Sie nicht eine Tasse Tee trinken, Herr Pastor, ehe wir

anfangen?« fragte die Wirtin, die wieder das Unbehagen einer kleinen

Enttäuschung verspürte.

Der Pastor warf einen Blick über das Tablett.

»Danke, nein; da Punsch da ist, trinke ich den. Ich habe es mir zur

Regel gemacht, meine Damen, nie in meinem äußeren Leben von meinen

Mitmenschen abzustechen. Alle Menschen trinken Punsch, ich liebe dies

Getränk nicht, aber die Welt soll nicht sagen, ich sei besser als sie,

und Heuchelei ist ein Laster, das ich verabscheue! Darf ich den Bericht

vorlesen?«

Er ließ sich am Schreibtisch nieder, tauchte die Feder ein und begann:

»Über die im Monat Mai eingegangenen Gaben für die Kinderkrippe

Bethlehem wird hierdurch von der Verwaltung Bericht erstattet.

Unterzeichnet Eugenie Falk.

Geborene -- wenn ich fragen darf ...«

»Ach, das ist nicht nötig,« versicherte Frau Falk.

»Evelyn Homan.«

»Geborene -- wenn ich bitten darf ...«

»Von Bähr, lieber Herr Pastor!«

»Antoinette Rehnhjelm.«

»Geborene, meine Gnädige ...«

»Rehnhjelm, Herr Pastor.«

»Ach richtig, verheiratet mit dem Vetter, der Mann tot, kinderlos! Wir

können fortfahren! Eingegangene ...«

Allgemeine (fast allgemeine) Bestürzung!

»Aber«, wendete die Frau Revisor ein, »setzen Sie nicht auch Ihren

Namen darunter, Herr Pastor?«

»Ich verabscheue Heuchelei so sehr, meine Damen, aber wenn Sie es

wünschen! Bitte sehr!«

»Nathanael Skaare.«

»Prosit, Herr Pastor; trinken Sie ein wenig, bitte, ehe Sie anfangen,«

bat die Wirtin mit einem bezaubernden Lächeln, das matter wurde, als

sie sah, daß das Glas des Pastors geleert war, worauf sie es von neuem

füllte.

»Ich danke Ihnen, gnädige Frau, aber wir wollen nicht zu heftig

vorgehen! Wir fangen also an. Wollen Sie bitte das Manuskript

vergleichen!

Eingegangene Gaben: Ihre Majestät die Königin: 40 Kronen. Gräfin von

Fabelkrantz: 5 Kronen und ein Paar wollene Strümpfe. Kommerzienrat

Schalin: 2 Kronen, ein Stoß Kuverte, sechs Bleistifte und eine

Flasche Tinte. Fräulein Amanda Libert: eine Flasche Eau de Cologne.

Fräulein Anna Feif: ein Paar Manschetten. Karlchen: 25 Pfennig

aus seiner Sparbüchse. Fräulein Johanna Pettersson: eine halbes

Dutzend Handtücher. Fräulein Emilie Björn: ein Neues Testament.

Kolonialwarenhändler Persson: ein Beutel Hafergrütze, ein

Viertelzentner Kartoffeln und eine Flasche eingemachte Zwiebeln.

Kaufmann Scheike: zwei Paar wollene Un --«

»Meine Herrschaften,« unterbrach Ihre Gnaden, »darf ich mir eine Frage

erlauben: Soll dies wirklich gedruckt werden?«

»Ja, natürlich,« antwortete der Pastor.

»Dann bitte ich aus der Direktion austreten zu dürfen.«

»Glauben Eure Gnaden wirklich, die Gesellschaft könne durch freiwillige

Gaben weiterbestehen, wenn die Namen der Geber nicht gedruckt werden?

Ausgeschlossen!«

»Und die Wohltätigkeit soll also der kleinlichsten Eitelkeit Glanz und

Gewicht geben?«

»Aber nein! Nicht so! Eitelkeit ist ein Übel, sehr richtig, ja! Wir

verkehren das Böse in Gutes, wir verwandeln es in Wohltätigkeit, ist

das nicht gut?«

»Ja, aber wir dürfen einer kleinlichen Sache nicht einen schönen Namen

geben; das ist Heuchelei!«

»Eure Gnaden sind sehr streng; die Heilige Schrift sagt, man soll

nachsichtig sein; vergebt ihnen ihre Eitelkeit!«

»Ja, Herr Pastor, ich vergebe ihnen, aber mir selbst nicht! Daß

beschäftigungslose Damen sich mit Wohltätigkeit unterhalten, das ist

verzeihlich, das ist brav, aber daß sie das eine gute Tat nennen, was

nur ein Vergnügen ist, ein Vergnügen, größer als andere durch den Reiz,

den die Öffentlichkeit, die größte Öffentlichkeit, die es gibt, nämlich

die Publikation im Druck, ihm verleiht, das ist schändlich!«

»Ach,« griff Frau Falk ein mit der ganzen Kraft ihrer furchtbaren

Logik, »meinen Eure Gnaden, es ist schändlich, Gutes zu tun?«

»Nein, kleine Freundin, aber drucken zu lassen, daß man ein paar

wollene Strümpfe gespendet hat, das halte ich für schimpflich.«

»Nun, aber ein paar wollene Strümpfe schenken ist doch Gutes tun, also

ist es schimpflich, Gutes zu tun ...«

»Nein, es drucken zu lassen, mein Kind; Sie müssen hören, was ich

sage,« wies Ihre Gnaden die hartnäckige Hausfrau zurecht, die sich noch

nicht ergab, sondern fortfuhr:

»Ach, das Drucken ist schimpflich! Nun, aber die Bibel ist doch auch

gedruckt, dann ist es also auch schimpflich, die Bibel zu drucken ...«

»Wollen Sie bitte fortfahren, Herr Pastor,« unterbrach Ihre Gnaden,

etwas verletzt durch die ungezogene Art, mit der die Hausfrau ihre

Dummheiten verfocht, aber diese ließ nicht nach.

»Ach so, Eure Gnaden halten es für unter ihrer Würde, mit einer so

geringen Frau wie mir Ansichten auszutauschen ...«

»Nein, mein Kind, aber behalten Sie Ihre Ansicht; ich möchte nicht

tauschen.«

»Nennt man das diskutieren, frage ich? Herr Pastor, wollen Sie uns

bitte sagen, ob man es diskutieren nennen kann, wenn der eine Teil sich

weigert, auf die Beweisführung des andern zu antworten?«

»Meine beste Frau Falk, diskutieren kann man das allerdings nicht

nennen,« antwortete der Pastor mit einem zweideutigen Lächeln, das

Frau Falk beinahe zum Weinen gebracht hätte. »Aber wir wollen eine

gute Sache nicht durch Zank verderben, meine Damen. Wir schieben den

Druck auf, bis der Fonds größer wird. Wir haben das junge Unternehmen

aufkeimen sehen wie ein Samenkorn, und wir wissen, daß viele

wohlwollende Hände gesonnen sind, die junge Pflanze zu pflegen; aber

wir müssen an die Zukunft denken. Die Gesellschaft hat einen Fonds;

dieser Fonds muß verwaltet werden, wir müssen mit andern Worten darauf

bedacht sein, uns nach einem Verwalter umzusehen, einem praktischen

Mann, der die eingegangenen Gaben veräußern und sie in Geld verwandeln

kann; wir müssen mit andern Worten einen Rendanten wählen. Ich fürchte,

eine solche Persönlichkeit können wir nicht ohne pekuniäre Opfer

bekommen -- und was bekommt der Mensch ohne solche Opfer? Haben die

Damen eine geeignete Persönlichkeit für dieses Amt vorzuschlagen?«

Nein, daran hatten die Damen nicht gedacht.

»Nun, dann möchte ich einen jungen Mann von ernster Gemütsart in

Vorschlag bringen, den ich für geeignet halte. Hat die Direktion etwas

dagegen, daß Sekretär Eklund gegen eine mäßige Entschädigung Rendant

der Krippe wird?«

Nein, dagegen hatten die Damen nichts, besonders da Pastor Skaare ihn

empfahl, und das konnte er um so mehr, als der Sekretär ein naher

Verwandter von ihm war. Und so bekam die Gesellschaft einen Rendanten,

mit sechshundert Kronen Gehalt.

»Meine Damen,« nahm der Pastor wieder das Wort, »finden Sie nicht, daß

wir für heute genug im Weinberg gearbeitet haben?«

Schweigen. Frau Falk blickt nach der Tür, ob ihr Mann nicht kommt.

»Meine Zeit ist knapp, und ich sehe mich außerstande, länger zu

verweilen! Hat jemand noch etwas hinzuzufügen? -- Nein! -- Aber indem

ich Gottes Beistand für unser Unternehmen anflehe, das einen so schönen

Anfang genommen hat, wünsche ich uns allen Gnade und Segen und kann das

nicht mit besseren Worten tun, als er selber uns gelehrt hat, da er uns

beten lehrte: Abba, lieber Vater! Vater unser ...«

Er verstummte, als scheue er sich, seine eigene Stimme zu hören,

und die Gesellschaft hielt die Hände vor die Augen, als schäme sie

sich, sich ins Gesicht zu sehen. Die Pause wurde lang, länger, als

man ertragen konnte; sie wurde zu lang, aber keiner wagte sie zu

unterbrechen; man blickte zwischen den Fingern durch, ob nicht jemand

eine Bewegung machen würde, als ein heftiges Klingeln draußen im

Korridor die Gesellschaft wieder auf die Erde riß.

Der Pastor nahm seinen Hut, trank sein Glas aus und erinnerte ein

wenig an einen Menschen, der sich davonschleichen will. Frau Falk

strahlte, denn jetzt würde die Zerschmetterung kommen, und die Rache

und die Rehabilitierung, und ein lebhaftes Feuer strahlte aus ihren

Augen.

Und die Rache kam, und die Zerschmetterung auch, denn der Diener

brachte einen Brief herein, der von ihrem Manne geschrieben war; was

er enthielt -- das erfuhren die Gäste nicht, aber sie sahen genug, um

sofort zu erklären, sie wollten nicht länger stören, und sie würden zu

Hause erwartet.

Ihre Gnaden, die gern bleiben wollte, um die junge Frau zu beruhigen,

deren Aussehen einen hohen Grad von Unruhe und Kummer verriet, wurde

jedoch keineswegs dazu ermuntert, sondern ihr wurde im Gegenteil eine

so auffallende Aufmerksamkeit beim Anziehen der Sachen erwiesen, daß es

den Eindruck machte, als wolle man sie am liebsten so rasch wie möglich

auf der Straße sehen.

Man trennte sich unter recht großer Verlegenheit, die Schritte

erstarben auf der Treppe, und die Fortgehenden konnten an dem nervösen

Knacken des Schlosses, das hinter ihnen zugemacht wurde, hören, daß die

arme Hausfrau die Einsamkeit herbeisehnte, um ihren Gefühlen Luft zu

machen. Und das tat sie. Als sie in den großen Zimmern allein geblieben

war, brach sie in heftiges Weinen aus; aber es waren nicht Tränen,

die wie Mairegen auf ein altes, verstaubtes Herz fallen, es war die

Galle des Zorns und der Wut, die den Spiegel der Seele verdunkelt und

dann niedertropft und wie Säure die Rosen der Gesundheit und Jugend

zerfrißt.

Vierzehntes Kapitel

Absinth

Eine heiße Nachmittagssonne brannte auf das Pflaster in der großen

Provinzstadt X-köping. Im Saal des Ratskellers war es noch still

und leer; Tannengrün lag auf dem Fußboden und roch nach Begräbnis;

die geeichten Likörflaschen standen auf ihren Regalen und hielten

Mittagsschlaf, gerade gegenüber den Branntweinflaschen mit den

Ordensketten um den Hals, die bis zum Abend Urlaub hatten; die Wanduhr,

die nie Mittagsschlaf halten konnte, stand wie ein langer Rekel an der

Wand aufgerichtet und verhökerte die Zeit, während sie einen riesigen

Theaterzettel zu studieren schien, der auf einem Garderobenhaken

daneben aufgespießt war; der Saal war sehr lang und schmal, und die

beiden Längswände waren mit birkenen Tischen besetzt, die von der

Wand ausgingen, so daß der Saal das Aussehen eines Stalls bekam, in

dem die Tische, alle auf vier Beinen, die Pferde bildeten, die, mit

den Hinterteilen dem Zimmer zugewendet, an die Wand gebunden waren;

aber nun standen alle und schliefen, hier und da hatte einer das

Hinterbein etwas hochgehoben, denn der Boden war recht holperig; daß

sie schliefen, konnte man sehen, da die Fliegen ungestört auf ihren

Rücken spazierten; aber der sechzehnjährige Kellner, der an die Uhr

neben dem Theaterzettel gelehnt saß, schlief nicht, denn er schlug

wieder und wieder mit seiner weißen Schürze nach den Fliegen, die

eben draußen in der Küche gespeist und sich nun aufgemacht hatten,

um ihr Spiel zu treiben; dann sank er wieder zurück und lehnte sein

Ohr gegen den dicken Bauch der Uhr, als wolle er feststellen, was sie

zu Mittag gegessen habe. Und das sollte er bald erfahren, denn jetzt

stieß das lange Biest auf und genau vier Minuten später noch einmal,

und dann begann es in seinem Rumpf zu rumoren und zu lärmen, daß der

Junge in die Höhe fuhr und hörte, wie die Uhr unter entsetzlichem

Röcheln sechsmal hintereinander schlug, um dann wieder zu ihrer stillen

Beschäftigung zurückzukehren.

Aber der Junge mußte an seine Arbeit, und er machte jetzt eine Ronde

durch seinen Stall, striegelte seine Gäule mit der Schürze und

räumte auf, als erwarte er Gäste. Er stellte Streichhölzer auf einen

Tisch hinten im Hintergrunde des Saales, von wo ein Beobachter den

ganzen langen Raum mit seinen Blicken bestreichen konnte. Neben die

Streichhölzer stellte er eine Flasche Absinth und zwei Gläser, ein

Likörglas und ein Wasserglas. Darauf ging er nach dem Brunnen, holte

eine große Karaffe Wasser, stellte sie neben die feuergefährlichen

Dinge auf dem Tisch und machte dann einige Promenaden durch den Saal,

wobei er höchst unerwartete Positionen einnahm, als imitiere er

jemanden. Jetzt hatte er die Arme über der Brust verkreuzt, hielt den

Kopf gesenkt, hatte den linken Fuß vorgestreckt und warf Adlerblicke

über die abgeschabten Tapeten der alten Wände; eben verkreuzte er die

Beine, die Knöchel der rechten Hand auf dem Tischrand, und hielt in

der linken eine Lorgnette aus einem Bierflaschendraht, durch die er

spöttisch die Deckenleisten betrachtete, als die Tür aufflog und ein

fünfunddreißigjähriger Herr mit einer Sicherheit eintrat, als sei er

hier zu Hause. Sein bartloses Gesicht hatte die scharf markierten Züge,

die fleißiges Trainieren der Gesichtsmuskeln zu verleihen pflegt und

die man nur bei Schauspielern und noch einer andern Gesellschaftsklasse

findet; man sah alle Muskeln und Bänder durch die von einem dunklen

Bartboden beschattete Haut, ohne das elende Drahtwerk wahrzunehmen, das

diese feinen Tasten in Bewegung setzt, denn es war kein gewöhnliches

Klavier, das eines Pedals bedurft hätte. Eine hohe Stirn, etwas schmal,

mit eingesunkenen Schläfen, erhob sich wie ein echt korinthisches

Kapitell; darüber hingen schwarze, ungeordnete Locken wie wilde

Pflanzen, zwischen denen kleine, gerade Schlangen hinunterkrochen

und zu den Augenhöhlen zu gelangen suchten, ohne jemals dorthin zu

kommen. Seine großen, dunklen Augen sahen im Ruhezustand sanft und

melancholisch aus, aber er konnte auch Feuer geben, und dann glichen

die Pupillen den Mündungen eines Revolvers.

Er ließ sich an dem hergerichteten Tisch nieder und warf einen

betrübten Blick auf die Wasserkaraffe.

»Warum stellst du immer Wasser hin, Gustav?«

»Weil Herr Falander nicht verbrennen soll.«

»Was geht es dich an, ob ich verbrenne! Kann ich das nicht halten, wie

ich will!«

»Herr Falander sollen heut nicht Nihilist sein!«

»Nihilist! Wer hat dich das Wort gelehrt? Wo hast du das her? Bist du

verrückt, Junge? Sag!«

Er stand vom Tisch auf und gab ein paar Schüsse aus seinen dunklen

Revolvern ab.

Gustav verstummte vor Furcht und Entsetzen über den Ausdruck in dem

Gesicht des Schauspielers.

»Nun, antworte, Junge, wo hast du das Wort her?«

»Herr Montanus hat es neulich gesagt, als er von Träskaala hier war,«

antwortete Gustav ängstlich.

»So, Montanus!« wiederholte der düstere Mann und setzte sich wieder.

»Montanus ist mein Mann; das ist ein Kerl, der versteht, was man sagt.

Hör einmal, Gustav, du kannst mir ruhig erzählen, was für einen Namen,

einen Spitznamen, verstehst du, dies Theaterpack mir gegeben hat. Nun,

hab keine Angst!«

»Nein, der ist so häßlich, daß ich ihn nicht sagen mag.«

»Warum willst du es nicht, wenn du mir mit so wenig eine Freude machen

kannst? Findest du nicht, mir tut etwas Aufheiterung not? Sehe ich so

schrecklich vergnügt aus? Vorwärts! Wie sagen sie, wenn sie fragen, ob

ich hier gewesen bin? Sagen sie nicht: Ist ...«

»Der Teufel ...«

»Ah! Der Teufel! Das ist ein guter Name. Sie hassen mich, nicht wahr?«

»Ja, schrecklich!«

»Schön! Aber warum? Habe ich ihnen etwas Böses getan?«

»Nein, das können sie nicht sagen!«

»Das glaube ich auch!«

»Aber sie sagen, Herr Falander verdirbt die Menschen!«

»Verdirbt?«

»Ja, sie sagen, Herr Falander hat mich verdorben, weil ich finde, daß

alles alt ist!«

»Hm! Hm! Pflegst du ihnen zu sagen, daß ihre Witze alt sind?«

»Ja, alles was sie überhaupt sagen, ist alt; sie sind alle miteinander

so alt, daß sie mich anwidern!«

»So! Findest du nicht auch, daß es etwas Altes ist, Kellner zu sein?«

»Aber gewiß! Es ist alt, zu leben, es ist alt, zu sterben, alles ist

alt -- nein -- eins nicht -- Schauspieler zu sein!«

»Doch, mein Freund, das ist das Älteste von allem. Sei jetzt still, ich

muß mich betäuben!«

Er trank seinen Absinth aus und sank mit dem Kopf gegen die Wand, an

der ein langer brauner Streifen zu sehen war, an der Stelle, wo der

Rauch seiner Zigarre in den sechs langen Jahren, die er hier gesessen

hatte, emporgestiegen war. Die Sonnenstrahlen drangen durch das Fenster

herein, wurden aber erst von den großen Espen draußen durchgeseiht,

deren leichtes Blattwerk sich im Abendwinde regte, so daß der Schatten

an der Längswand ein bewegliches Netz bildete, in dessen unterster Ecke

der Kopf des düsteren Mannes mit seinen ungeordneten Locken einen

Schatten warf, der genau wie eine große Spinne aussah.

Gustav hatte sich wieder hingesetzt, um den Uhrenmann zu behorchen, und

beobachtete ein nihilistisches Schweigen, während er zusah, wie die

Fliegen um die Hängelampe tanzten.

»Gustav!« ertönte es hinten von dem Spinnennetz her.

»Ja!« erklang es vom Uhrgehäuse.

»Leben deine Eltern noch?«

»Nein, das wissen Sie doch, Herr Falander!«

»Das ist gut für dich!«

Eine lange Pause.

»Gustav!«

»Ja!«

»Kannst du nachts schlafen?«

»Was meinen Sie, Herr Falander?« antwortete Gustav und errötete.

»Was ich sage!«

»Natürlich kann ich das! Warum sollte ich es nicht können?«

»Warum willst du Schauspieler werden?«

»Das kann ich nicht sagen! Ich glaube, ich würde glücklich werden!«

»Bist du denn jetzt nicht glücklich?«

»Das weiß ich nicht! Ich glaube es nicht!«

»Ist Herr Rehnhjelm schon hier gewesen?«

»Nein, das ist er nicht, aber er wollte Herrn Falander um diese Zeit

hier aufsuchen.«

Eine lange Pause; worauf die Tür geöffnet wird und ein Schatten in das

große Netz fällt, das ins Wanken kommt, so daß die Spinne in der Ecke

eine hastige Bewegung macht.

»Herr Rehnhjelm?« sagt der düstere Kopf.

»Herr Falander?«

»Seien Sie mir willkommen! Sie haben mich heute schon gesucht?«

»Ja, ich bin heute mittag angekommen und wollte Sie sofort aufsuchen.

Sie erraten mein Anliegen; ich möchte mich um ein Engagement beim

Theater bewerben.«

»Ach wirklich! Das wundert mich!«

»Wundert es Sie?«

»Ja, allerdings! Aber warum suchen Sie mich zuerst auf?«

»Weil ich weiß, daß Sie der beste Schauspieler sind, und weil ein

gemeinsamer Bekannter, der Bildhauer Montanus, Sie mir als einen

ausgezeichneten Menschen empfohlen hat.«

»Oh, hat er das? Was kann ich denn für Sie tun?«

»Mir einen Rat geben!«

»Wollen Sie an meinem Tisch Platz nehmen?«

»Danke sehr, wenn ich der Wirt sein darf.«

»Das kann ich nicht zugeben ...«

»Aber als mein eigener Gast, wenn Sie nichts dagegen haben?«

»Wie Sie wünschen! -- Sie wollen einen Rat? Hm! -- Wollen Sie einen

aufrichtigen haben? Ja, natürlich! Aber hören Sie gut zu und nehmen

Sie das ernst, was ich Ihnen sage, und vergessen Sie nie, daß ich am

heutigen Tage soundso gesagt habe, denn ich habe gewissermaßen die

Verantwortung für das, was ich sage.«

»Nun, sprechen Sie Ihre Meinung aus, ich höre!«

»Haben Sie schon Pferde bestellt? Nein! Tun Sie es und reisen Sie

wieder nach Hause!«

»Halten Sie mich denn für untauglich, Schauspieler zu werden?«

»Nein, sicher nicht! Ich halte niemanden für untauglich dazu. Im

Gegenteil! Alle Menschen haben mehr oder minder das Talent, Menschen

darzustellen!«

»Nun also?«

»Ach, das ist etwas ganz anderes, als Sie ahnen! Sie sind jung,

Ihr Blut ist in Wallung, tausend Bilder, schöne, helle wie in den

Märchenbüchern, wirbeln in Ihrem Kopf durcheinander, aber Sie wollen

diese Bilder nicht verbergen, Sie wollen sie ins Licht hinausbringen,

sie auf die Arme nehmen und sie zeigen, vor allem sie der Welt zeigen

und dabei eine stolze Freude empfinden, -- nicht wahr?«

»O gewiß, -- Sie sprechen meine Gedanken aus!«

»Ich habe nur den besten und gewöhnlichsten Fall angenommen, denn

ich suche nicht schlechte Motive für alles, obwohl ich das meiste

recht niedrig einschätze! Also gut, diese Neigung ist so stark, daß

Sie lieber Not und Demütigungen auf sich nehmen, sich von Vampiren

aussaugen lassen, das Vertrauen ihrer Mitmenschen verlieren, Konkurs

machen, untergehen wollen, als umkehren! Nicht wahr?«

»Jawohl! Oh, wie gut Sie mich kennen!«

»Ich habe einmal einen jungen Mann gekannt -- jetzt kenne ich ihn

nicht mehr, denn er hat sich sehr verändert! Er war fünfzehn Jahre

alt, als er der Strafanstalt entlief, die jede Gemeinde für die Kinder

unterhält, die das äußerst gewöhnliche Verbrechen begangen haben, zur

Welt zu kommen; in dieser Strafanstalt müssen die unschuldigen Kinder

die Sünden ihrer Eltern abbüßen, denn wie sollte es sonst kommen ..

Ach bitte, erinnern Sie mich, daß ich bei der Sache bleibe! Er hielt

sich dann fünf Jahre in Upsala auf und las schauerlich viele Bücher;

sein Gehirn wurde in sechs Fächer eingeteilt, in die sechs Sorten von

Angaben eingepackt wurden: Angaben von Zahlen und Namen; ganze Speicher

voll fertiger Urteile, Schlußfolgerungen, Theorien, plötzlicher

Einfälle, Dummheiten. Das mochte noch angehen, denn das Gehirn ist

geräumig; aber es sollte auch die Gedanken anderer aufnehmen, alte

vermoderte Gedanken, an denen fremde Menschen ihr ganzes Leben lang

gekaut hatten und die sie jetzt ausspuckten; da bekam er Erbrechen

und da -- er war zwanzig Jahre alt, als er zum Theater ging. Sehen

Sie meine Uhr an; sehen Sie den Sekundenzeiger: sechzigmal, ehe es

eine Minute wird, sechzigmal sechzig, ehe es eine Stunde wird, und

das wieder vierundzwanzigmal, und es ist erst ein Tag; das wieder

dreihundertfünfundsechzigmal -- und es ist erst ein Jahr. Denken Sie

nun, zehn Jahre! Herr -- sind Sie schon einmal vor einem Hause auf

und ab gegangen und haben auf einen lieben Bekannten gewartet? Die

erste Viertelstunde vergeht wie ein Nichts; die zweite Viertelstunde

-- nun, man tut es so gern für einen, den man lieb hat; die dritte

Viertelstunde: er kommt nicht; die vierte: Hoffnung und Furcht; die

fünfte: man geht fort, kehrt aber wieder um; die sechste: Herr Gott,

ich habe meine Zeit unnötig verschwendet; die siebente: aber ich

bleibe doch hier, da ich nun einmal so lange geblieben bin; die achte:

Raserei, Verwünschungen; die neunte: man geht nach Hause und legt

sich auf sein Sofa und fühlt eine Ruhe, als halte man den Tod im Arm.

Er wartete zehn Jahre, zehn Jahre lang! Sträuben sich mir nicht die

Haare auf dem Kopf, wenn ich zehn Jahre sage? Sehen Sie nach! Es sind

doch noch welche da? Zehn Jahre vergingen, bevor er eine Rolle bekam.

Und dann hatte er Erfolg -- sofort. Und da wäre er beinahe wahnsinnig

geworden über seine vergeudeten zehn Jahre; er raste, weil es nicht vor

zehn Jahren geschehen war, und wunderte sich, daß das eingetroffene

Glück ihn nicht glücklich machte, und so wurde er unglücklich.«

»Meinen Sie, daß er die zehn Jahre nicht gebraucht hat, um seine Kunst

zu studieren?«

»Er konnte ja nie studieren, da er nie spielen durfte. Er war eine

lächerliche Figur, ein Ausschuß auf dem Theaterzettel; der Direktor

sagte, er sei nicht zu gebrauchen, und wenn er sich an einen andern

Direktor wendete, sagte der, er habe kein Repertoir!«

»Aber warum war er nicht glücklich, als er Erfolg hatte?«

»Glauben Sie, eine unsterbliche Seele ist damit zufrieden, Erfolg

zu haben? -- Aber warum über so etwas reden! Ihr Entschluß ist

unwiderruflich! Meine Ratschläge sind überflüssig! Es gibt keinen

anderen Lehrmeister als die Erfahrung, und er ist sehr launisch und

berechnend, genau wie die Lehrer in der Schule; einige Schüler werden

immer gelobt, andere bekommen immer Prügel; Sie sind dazu geboren,

Lob zu bekommen; glauben Sie nicht, daß ich das in Hinblick auf Ihre

Herkunft sage; ich bin aufgeklärt genug, dem weder Gutes noch Böses

zuzuschreiben; das ist ein völlig gleichgültiger Faktor in diesem

Falle, denn hier gilt der Mensch als Mensch! Ich wünsche Ihnen, daß Sie

so rasch wie möglich Erfolg haben, damit Sie aufgeklärt werden -- so

rasch wie möglich! Sie verdienen das, glaube ich!«

»Aber haben Sie denn keine Achtung vor Ihrer Kunst? Der größten und

herrlichsten von allen?«

»Die überschätzt wird wie alles, worüber Menschen Bücher geschrieben

haben. Sie ist gefährlich, denn sie kann schaden! Eine schön

gesagte Lüge kann einen wahrhaften Eindruck machen! Sie gleicht der

Volksversammlung, in der die ungebildete Majorität den Ausschlag gibt.

Je oberflächlicher, desto besser -- je schlechter, desto besser. Ich

habe damit nicht gesagt, daß sie unnötig ist!«

»Was Sie sagen, kann doch nicht wirklich Ihre Ansicht sein!«

»Es ist meine Ansicht, aber sie braucht deshalb ja nicht zuzutreffen.«

»Aber haben Sie denn wirklich keine Achtung vor Ihrer Kunst?«

»Vor meiner? Warum sollte ich vor meiner mehr Achtung haben als vor der

anderer?«

Das rote Zimmer · 第 12 / 25 段