»Wie groß muß das Grundkapital sein?«

»Sehr klein! Man darf keine großen Kapitalien festlegen. Eine

Million! Davon werden dreihunderttausend bar eingezahlt, der Rest in

Obligationen!«

»Aber, aber, aber! Die dreihunderrtausend Kronen müssen doch wohl in

Banknoten eingezahlt werden?«

»O du mein Schöpfer! Banknoten? Banknoten sind doch kein Geld! Hat man

Banknoten, ist es gut, hat man keine, auch gut! Nun also! Deshalb muß

man kleine Leute interessieren, die nur Banknoten haben!«

»Aber die großen? Womit bezahlen die?«

»Mit Aktien, Obligationen, Schuldscheinen natürlich! Nun, nun, nun!

Das kommt später! Laß sie nur zeichnen, so werden wir das übrige schon

arrangieren!«

»Aber nur dreihunderttausend? So viel kostet ja ein einziger großer

Dampfer! Wenn man nun tausend Dampfer versichert?«

»Tausend? Oh! Neptun hatte achtundvierzigtausend Versicherungen im

vorigen Jahr und hat sich nur gerade so gehalten!«

»Nun, um so schlimmer! Aber wenn -- wenn es nun schief geht ...«

»Dann liquidiert man!«

»Liquidiert?«

»Ja, macht Konkurs! Das nennt man so! Und was tut es, wenn die

Aktiengesellschaft Konkurs macht? Nicht du, nicht ich, nicht er macht

Konkurs! Sonst aber pflegt man eine neue Aktienausgabe zu machen, oder

man fertigt Obligationen aus, die dann in schweren Zeiten vom Staat

preiswert eingelöst werden können!«

»Es ist also kein Risiko?«

»Gar keins! Übrigens, was hast du zu riskieren? Hast du einen Pfennig?

Nein! Nun also! Was habe ich zu riskieren? Fünfhundert Kronen! Ich

nehme nicht mehr als fünf Aktien, siehst du! Und fünfhundert sind für

mich so viel!«

Er nahm eine Prise Schnupftabak, und damit war die Sache in Ordnung.

Diese Gesellschaft kam zustande, man mag es glauben oder nicht, und sie

verteilte in den zehn Jahren ihrer bisherigen Tätigkeit 6, 10, 10, 11,

20, 11, 5, 10, 36 und 20 Prozent. Man schlug sich um die Aktien; und

um das Geschäft erweitern zu können, wurde eine neue Aktienemission

vorgenommen, gleich darauf aber wurde eine Generalversammlung

einberufen, und über diese sollte Falk jetzt für das »Rotkäppchen«

referieren, dessen außerordentlicher Berichterstatter er war.

Als er an einem sonnigen Nachmittag im Juni in den Kleinen

Börsensaal kam, wimmelte es dort schon von Leuten. Es war eine

glänzende Gesellschaft. Staatsmänner, Genies, Gelehrte, Militärs und

Zivilbeamte der höchsten Rangstufen, Uniformen, Doktorfracks, Orden,

Kommandeurbänder, -- all diese Leute wurden von einem gemeinsamen

großen Interesse hierhergezogen, der Förderung dieser menschenliebenden

Institution, die man Seeversicherung nennt. Und es ist eine große

Liebe erforderlich, um sein Geld für den in einer Notlage befindlichen

Nächsten aufs Spiel zu setzen, der vom Unglück betroffen wird; so

viel Liebe hatte Falk nie auf einmal beisammen gesehen! Er war fast

verwundert darüber, obwohl er der Illusionen noch nicht gänzlich

beraubt war; aber seine Verwunderung wuchs, als er den kleinen

Schuft, den ehemaligen Sozialdemokraten Struve, wie ein Ungeziefer

in dem Gewimmel umherkriechen sah und beobachtete, wie hochgestellte

Persönlichkeiten ihm die Hand drückten, ihm auf die Schulter schlugen,

ihm zunickten und ihn ansprachen. Besonders fiel ihm auf, wie er von

einem älteren Herrn mit Ordensband begrüßt wurde und wie Struve bei

diesem Gruß doch errötete und sich hinter einem bestickten Rücken

verbarg; dadurch kam er in Falks Nähe, der ihn sofort festhielt und ihn

fragte, wen er eben gegrüßt habe.

Struves Verlegenheit steigerte sich in hohem Grade, und er mußte bei

der Antwort seine ganze Frechheit zu Hilfe nehmen: »Das müßtest du

eigentlich wissen! Das ist der Präsident des Kollegiums für Auszahlung

der Beamtengehälter.«

Als er das gesagt hatte, mußte er hinüber an das andere Ende des

Saales, aber so eilig, daß Falk ein Verdacht überkam: Sollte dieser

Mensch sich meiner Gesellschaft schämen? Sollte ein Ehrloser sich

durch die Gesellschaft eines anständigen Menschen geniert fühlen?

Jetzt begann die glänzende Versammlung ihre Plätze einzunehmen. Aber

der Stuhl des Vorsitzenden war noch leer. Falk blickte sich nach dem

Tisch der Berichterstatter um, und als er Struve neben dem Referenten

des Konservativen rechts von dem Sekretär an einem Tisch sitzen

sah, faßte er sich ein Herz und schritt mitten durch die glänzende

Versammlung hindurch; aber gerade als er den Tisch erreicht hatte,

wurde er von dem Sekretär zurückgehalten, der ihn fragte: »Für welche

Zeitung?«

Eine momentane Stille entstand im Saal, und mit bebender Stimme

antwortete Falk: »Rotkäppchen«, denn er erkannte in dem Sekretär den

Aktuar aus dem Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter.

Ein ersticktes Gemurmel durchlief die Versammlung, worauf der Sekretär

mit lauter Stimme sagte: »Ihr Platz ist dort hinten.« Er deutete nach

der Tür, wo wirklich ein kleiner Tisch stand. Da erfaßte Falk in einem

einzigen Augenblick, was konservativ bedeutete, und was Schriftsteller

hieß, wenn man nicht konservativ war, und mit siedendem Blut ging er

durch die hohnlachende Menge zurück; aber als er sie mit brennenden

Blicken musterte, als wolle er sie herausfordern, begegnete sein

Auge einem andern, ganz hinten an der Wand; und diese Augen, die so

sehr jenem andern Augenpaar glichen, das jetzt erloschen war, ihn

aber dereinst mit Liebe angesehen hatte, waren grün vor Bosheit und

durchbohrten ihn wie eine Nadel, und er hätte weinen mögen vor Kummer,

daß ein Bruder einen Bruder so ansehen konnte.

Er nahm seinen bescheidenen Platz an der Tür ein und ging nicht seiner

Wege, nur weil er nicht fliehen wollte. Bald wurde er aus seiner

scheinbaren Ruhe von einem Herrn geweckt, der jetzt hereintrat und

ihn beim Ausziehen des Überrocks in den Rücken stieß, worauf ein paar

Gummischuhe unter seinen Stuhl gestellt wurden. Der Eintretende wurde

von der Versammlung begrüßt, die sich wie ein Mann erhob. Es war der

Präsident der Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton, aber er war

mehr. Es war ein früherer Reichsmarschall, ein Freiherr, einer von

den Achtzehn der Schwedischen Akademie, Exzellenz und Kommandeur des

Hausordens Seiner Majestät des Königs usw.

Der Hammer schlug auf den Tisch, und der Präsident flüsterte unter

lautlosem Schweigen die folgende Begrüßungsrede (die er kurz

vorher in einer Steinkohlenaktiengesellschaft in den Räumen der

Kunstgewerbeschule gehalten hatte): »Meine Herren! Unter allen

patriotischen und für die Menschheit heilbringenden Unternehmungen

dürften wenige, wenn nicht gar keine, so edler und in ihren Absichten

menschenfreundlicher Art sein wie eine Versicherungsgesellschaft.«

»Bravo, bravo!« rauschte es durch die Versammlung, ohne auf den

Marschall irgendeinen Eindruck zu machen.

»Was ist das Menschenleben anders als ein Kampf, ein Kampf auf Leben

und Tod, kann man sagen, gegen die Naturkräfte, und wenigen von uns

dürfte es wohl erspart bleiben, früher oder später mit ihnen in Streit

zu geraten.«

»Bravo!«

»Lange ist der Mensch, besonders im Naturstadium, ein Raub der Elemente

gewesen; ein Spielball, ein Handschuh, der wie ein Rohr vom Winde

hierhin und dorthin geweht wurde! Heute ist das anders! Ganz anders!

Der Mensch hat revoltiert, in einer unblutigen Revolution, nicht in

der Weise, wie ehrvergessene Vaterlandsverräter bisweilen gegen ihre

gesetzlichen Herrscher vorgegangen sind, nein, gegen die Natur, meine

Herren! Er hat den Naturkräften den Krieg erklärt und gesagt: Bis

hierher und nicht weiter!«

»Bravo! Bravo!« (Händeklatschen.)

»Der Kaufmann sendet sein Schiff, seinen Dampfer, seine Brigg, seinen

Schoner, seine Bark, seine Jacht, was weiß ich, aus. Der Sturm

zerschmettert das Fahrzeug! Der Kaufmann sagt: Zerschmettere du nur!

Und der Kaufmann hat nichts verloren! Das ist der große Gesichtspunkt,

der große Gedanke der Versicherungsidee! Bedenken Sie, meine Herren,

der Kaufmann hat dem Sturm den Krieg erklärt -- und der Kaufmann hat

gesiegt.«

Ein Orkan von Beifallsrufen rief ein Siegerlächeln auf den Lippen des

großen Mannes hervor, und er sah aus, als tue dieser Orkan ihm sehr

wohl.

»Aber meine Herren! Wir dürfen die Institution der Seeversicherung kein

Geschäft nennen! Es ist kein Geschäft! Wir sind keine Geschäftsleute,

um alles in der Welt nicht! Wir haben Geld zusammengeschossen, das wir

aufs Spiel zu setzen bereit sind, nicht wahr, meine Herren?«

»Sehr richtig!«

»Wir haben Geld zusammengeschossen, sage ich, um es für den vom Unglück

Betroffenen bereit zu stellen; denn den Prozentsatz, den er zahlt, ein

Prozent ist es, glaube ich, kann man keine Einzahlung nennen; deshalb

haben wir dafür sehr richtig den Namen Prämie, nicht als wenn wir

irgendeine Belohnung nehmen wollten -- Prämie bedeutet Belohnung -- für

unsere geringen Dienste, die wir -- ich für meine Person möchte das

aussprechen, nur aus Interesse, aus reinem Interesse -- an der Sache

leisten, und ich wiederhole, ich glaube nicht, daß einer von uns sich

bedenken würde, das kommt wohl gar nicht in Frage, ich glaube nicht,

daß einer von den Herren es auch nur schmerzlich empfinden würde, wenn

sein Zuschuß, wie ich die Aktien nennen möchte, im Interesse der Sache

verwandt würde.«

»Nein, nein!«

»Und nun bitte ich den Herrn geschäftsführenden Direktor, den

Jahresbericht zu verlesen.«

Der Direktor stand auf. Er sah bleich aus, als habe er einen Sturm

durchgemacht, seine großen Manschetten mit den Onyxknöpfen vermochten

kaum ein leises Zittern der Hand zu verbergen, seine listigen Augen

suchten aus Smiths bärtigem Gesicht Trost und Geisteskraft zu schöpfen,

er schlug den Rock auf und ließ die breite Hemdbrust schwellen, als

wolle er einen Schauer von Pfeilen auffangen, -- und dann las er.

»Wunderbar und nicht vorauszusehen sind in Wahrheit die Schickungen der

Vorsehung --«

Bei dem Worte Vorsehung erblaßte ein guter Teil der Versammlung; aber

der Reichsmarschall hob seine Augen zur Decke, als sei er auf den

schlimmsten Schlag gefaßt (einen Verlust von zweihundert Kronen).

»Das soeben beendete Versicherungsjahr wird in den Annalen lange als

ein Kreuz auf dem Grabe der Unglücksfälle stehen, die der Voraussicht

des Weisesten Hohn gesprochen und die Berechnungen des Vorsichtigsten

über den Haufen geworfen haben.«

Der Reichsmarschall legte die Hände vor die Augen, als bete er, Struve

aber dachte, die weiße Brandmauer sei schuld, und stürzte ans Fenster,

um die Vorhänge herunterzulassen, doch der Sekretär kam ihm zuvor.

Der Vorlesende trank ein Glas Wasser. Das rief einen Ausbruch der

Ungeduld hervor.

»Zur Sache! Ziffern!«

Der Reichsmarschall nahm die Hand von den Augen und war bestürzt, es

dunkler zu finden als vorher. Ein Augenblick der Verlegenheit, und der

Sturm war im Anzug. Man vergaß allen Respekt!

»Zur Sache! Weiter!«

Der Direktor mußte einen Haufen von Phrasen überspringen und direkt auf

die Sache losgehen.

»Also gut, meine Herren, ich werde mich kurz fassen.«

»Vorwärts, zum Donnerwetter!«

Der Hammer fiel auf den Tisch. »Meine Herren!« Es lag so viel

Ritterhaus in diesem einen »Meine Herren!«, daß man sich sofort der

Achtung erinnerte, die man sich selber schuldig war.

»Die Gesellschaft hat im abgelaufenen Jahre die Haftung für rund 169

Millionen übernommen!«

»Hört! Hört!«

»Und hat an Prämien anderthalb Millionen vereinnahmt.«

»Bravo!«

(Falk stellte hier in aller Eile eine kleine Berechnung an und

konstatierte: wenn der ganze Prämienbetrag, anderthalb Millionen,

angesetzt wurde, dazu das gesamte Grundkapital in einer Höhe von einer

Million -- ungefähr -- so blieben noch 166 Millionen, für die die

Gesellschaft die Kühnheit besessen hatte, die Haftung zu übernehmen,

und er begann den Sinn des Ausspruches von den Schickungen der

Vorsehung zu erfassen.)

»An Schadenersatz hat die Gesellschaft bedauerlicherweise 1728670

Kronen, 8 Ör auszahlen müssen.«

»Schändlich!«

»Wie Sie sehen, meine Herren, hat die Vorsehung ..«

»Lassen Sie die Vorsehung aus dem Spiel! Ziffern! Ziffern! Die

Dividende!«

»Mit Schmerz und Bedauern kann ich in meiner beklagenswerten

Eigenschaft als geschäftsführender Direktor unter den augenblicklichen

ungünstigen Verhältnissen keine andere Gewinnverteilung in Vorschlag

bringen als fünf Prozent des eingezahlten Kapitals.«

Jetzt brach der Sturm los, den kein Kaufmann der Welt besiegen konnte.

»Schändlich! Unverschämt! Schwindler! Fünf Prozent! Pfui Teufel! Da

kann man ja sein Geld verschenken!«

Aber man hörte auch menschenfreundlichere Äußerungen, wie zum Beispiel:

»Die armen kleinen Kapitalisten, die nur von ihrem Gelde leben! Was

soll aus denen werden! Gott behüte, so ein Unglück! Hier muß der Staat

schleunig helfen! Oh! Oh!«

Als es möglich wurde fortzufahren, verlas der Direktor die Elogen,

die der Aufsichtsrat dem geschäftsführenden Direktor und allen

Beamten hatte zuteil werden lassen, die »mit unermüdlichem Fleiß und

ungeteiltem Eifer die undankbare Aufgabe übernommen hätten« usw. Das

wurde mit offenem, ehrlichem Hohn angehört.

Darauf wurde der Bericht der Revisoren verlesen. Sie hatten (nach

einem erneuten Ausfall gegen die Vorsehung) die Geschäfte in guter, um

nicht zu sagen, vortrefflicher Ordnung und bei der Inventuraufnahme

alle Garantiefonds-Obligationen als richtig (!) befunden, weshalb sie

den Antrag stellten, den Geschäftsführern Entlastung zu erteilen unter

lebhafter Anerkennung ihres ehrlichen und mühevollen Strebens.

Die Entlastung wurde natürlich erteilt. Darauf erklärte der

geschäftsführende Direktor, er meine die ihm zustehende Tantieme

(hundert Kronen) nicht annehmen zu dürfen, sondern wolle sie dem

Reservefonds überweisen. Das wurde mit Beifall und Lachen aufgenommen.

Nach einem kurzen Abendgebet, das heißt nach einer demütigen Bitte,

die Vorsehung möge im nächsten Jahre zwanzig Prozent geben, wurde die

Versammlung vom Reichsmarschall geschlossen.

Dreizehntes Kapitel

Die Schickungen der Vorsehung

Frau Falk hatte am selben Nachmittag, als ihr Mann zu der Versammlung

des Triton gegangen war, ihr neues blaues Samtkleid geschickt bekommen,

mit dem sie jetzt gleich auf frischer Tat Frau Revisor Homan, die

ihr gegenüber wohnte, ärgern wollte. Und nichts war leichter und

einfacher, denn sie brauchte sich nur am Fenster zu zeigen -- und

dazu hatte sie tausend Anlässe, während sie die Arrangements in den

Zimmern überwachte, mit denen sie ihre Gäste, die sie um sieben Uhr

zur Sitzung erwartete, »zu Boden schmettern« wollte. Die Direktion der

Kinderkrippe Bethlehem wollte nämlich zusammentreten und den ersten

Monatsbericht prüfen. Nun bestand aber die Direktion aus Frau Revisor

Homan, deren Mann -- als Beamter -- nach Frau Falks Ansicht hochmütig

war, aus der adelsstolzen Baronin Rehnhjelm und aus Pastor Skaare, der

in allen vornehmen Häusern Hausprediger war und deshalb gedruckt werden

mußte. Aus diesem Grunde sollte die ganze Direktion auf die denkbar

großartigste und liebenswürdigste Art zu Boden geschmettert werden.

Die Inszenierung hatte schon bei der großen Gesellschaft begonnen,

für die alles alte Mobiliar, das keinen Antiquitäts- oder Kunstwert

besaß, weggeschafft und durch blendend Neues ersetzt worden war. Die

mitwirkenden Figuren wollte Frau Falk bis zum Ende der Sitzung leiten,

dann sollte eine Störung durch Falk kommen, der einen Admiral mit nach

Hause brachte -- er hatte seiner Frau mindestens einen Admiral mit

Uniform und Orden versprochen --, worauf Falk und der Admiral die Bitte

stellen sollten, als zahlende Mitglieder in die Krippe aufgenommen zu

werden; Falk sollte außerdem einen Teil des Gewinns, den er bei der

Dividendenausteilung in der Aktiengesellschaft Triton so ohne sein

Zutun eingeheimst hatte, als Schenkung zur Verfügung stellen.

Frau Falk hatte jetzt ihre Arbeit am Fenster erledigt und machte

nun den perlmuttereingelegten Jakarandatisch zurecht, an dem der

Monatsbericht verlesen werden sollte. Sie wischte das Achattintenfaß

ab, legte den silbernen Federhalter auf die Schildpattschale, drehte

das Petschaft mit dem Chrysoprasschaft so, daß der bürgerliche

Namenszug nicht zu sehen war, schüttelte vorsichtig die aus feinstem

Stahldraht verfertigte Geldkassette, so daß die Ziffer einiger darin

als Gefangene verwahrten Banknoten (ihre Handkasse) sichtbar wurde, und

erteilte dann dem Diener, der in Gala war, ihre letzten Befehle. Darauf

setzte sie sich in den Salon und nahm eine sorglose Stellung ein, in

der sie von der Meldung ihrer Freundin, der Frau Revisor, überrascht

werden wollte, die sicher zuerst kommen würde, -- und das tat sie auch.

Frau Falk umarmte Evelyn und küßte sie auf die Wange, und Frau Homan

umarmte Eugenie, die sie an der Tür zum Eßzimmer empfing, wo sie sie

zurückhielt, um sie nach ihrer Meinung über die neuen Möbel zu fragen.

Die Frau Revisor wollte aber nicht bei dem festungsartigen eichenen

Büfett aus der Zeit Karls +XII.+ mit den hohen japanischen Vasen

verweilen, weil sie sich davon überwältigt fühlte, sondern wendete

sich der Kerzenkrone zu, die sie zu modern fand, und dem Eßtisch, der

nicht zum Stil passe; sie fand außerdem, die Öldrucke hätten nichts zu

suchen zwischen den alten Familienbildern, und sie brauchte eine gute

Weile, um den Unterschied zwischen einem Ölgemälde und einem Öldruck zu

erklären; Frau Falk streifte gegen alle Möbelkanten, die ihr erreichbar

waren, um durch das Rascheln ihres neuen Samtkleides die Aufmerksamkeit

der Freundin zu erregen, aber es gelang ihr nicht. Sie fragte die

Freundin, wie ihr der neue Brüsseler Teppich im Salon gefalle; und

als diese fand, er kontrastiere zu sehr mit den Vorhängen, wurde sie

ärgerlich und hörte auf zu fragen.

Man ließ sich am Tisch im Salon nieder und begann sofort nach

den Rettungsbojen zu greifen -- nach Photographien, unlesbaren

Gedichtbüchern und ähnlichem. Ein kleines Blatt fiel der Frau Revisor

in die Hände; es war auf rosa Papier mit Goldschnitt gedruckt und

trug den Titel »An Großhändler Nikolaus Falk bei Vollendung seines

vierzigsten Lebensjahres«.

»Ah, das sind die Verse, die neulich auf der Gesellschaft vorgelesen

wurden. Wer hat sie doch noch geschrieben?«

»Ja, das ist ein Genie, ein Freund meines Mannes. Er heißt Nyström.«

»Hm! Komisch, daß man den Namen noch nie gehört hat! Also ein Genie!

Aber warum hat man ihn auf der Gesellschaft nicht zu sehen bekommen?«

»Er war krank, bedauerlicherweise, da konnte er nicht kommen, meine

Liebe!«

»Ach so! Ja, meine liebe Eugenie, es ist schrecklich traurig mit deinem

Schwager! Er ist schlimm dran!«

»Sprich nicht von ihm! Es ist eine Schande und ein Kummer für die

Familie, ganz schrecklich!«

»Es war recht unangenehm auf der Gesellschaft, weißt du, wenn Leute

kamen und mich nach ihm fragten. Ja, meine liebe Eugenie, ich habe mich

wirklich geschämt für dich ...«

Das ist für das Büfett aus der Zeit Karls +XII.+ und die

japanischen Vasen, dachte die Frau Revisor.

»Für mich? O bitte sehr, für meinen Mann, meinst du?« fiel Frau Falk

ein.

»Nun, das ist wohl dasselbe, scheint mir!«

»Nein, durchaus nicht! Ich denke gar nicht daran, mich für alle

Taugenichtse verantwortlich zu fühlen, mit denen mein Mann verwandt zu

sein geruht!«

»Wie schade, daß deine Eltern neulich auf der Gesellschaft auch krank

sein mußten. Wie geht es deinem lieben Papa jetzt?«

»Danke, sehr gut! Wie nett und besorgt du bist!«

»Nun ja, man muß doch nicht nur an sich selbst denken! Ist er sehr

kränklich, der alte -- wie soll ich ihn nennen?«

»Kapitän, bitte!«

»Kapitän? Ich glaube mich doch zu erinnern, mein Mann sagte, er sei --

Flaggschiffer, aber das wird dasselbe sein. Und von den Töchtern war

auch keine da.«

Das ist für den Brüsseler Teppich, dachte die Frau Revisor.

»Nein! Die sind so launenhaft, auf die kann man nie rechnen.«

Frau Falk sah ihr ganzes Photographiealbum durch, daß der Einband

krachte. Sie war ganz rot vor Wut.

»Sag einmal, liebe Eugenie,« fuhr die Frau Revisor fort, »wie hieß doch

dieser unangenehme Herr, der neulich abends die Verse vorlas?«

»Du meinst Levin, den Königlichen Sekretär Levin; das ist der intimste

Freund meines Mannes.«

»Ach, wirklich! Hm! Wie sonderbar! Mein Mann ist Revisor im selben Amt,

wo er Sekretär ist, und ich will dich gewiß nicht traurig machen oder

dir etwas Unangenehmes sagen; so etwas sage ich nie zu einem Menschen;

aber mein Mann behauptet, er soll in sehr schlechten Verhältnissen

leben. Also das ist sicher keine passende Gesellschaft für deinen

Mann.«

»Sagt er das? Das ist etwas, was ich nicht weiß und worein ich mich

auch nicht mische. Ich will dir sagen, meine liebe Evelyn, ich mische

mich nie in die Angelegenheiten meines Mannes, wenn es auch viele Leute

gibt, die das tun!«

»Verzeih, meine Liebe, aber ich glaubte, dir einen Dienst zu leisten,

wenn ich dir dies sagte.«

Das war für den Kronleuchter und den Eßtisch! Blieb nur noch das

Samtkleid!

»Nun,« fing die gute Frau Revisor wieder an, »dein Schwager soll ja,

soviel ich gehört habe ...«

»Schone meine Gefühle und sprich nicht von einem verkommenen Menschen!«

»Ist er wirklich verkommen? Ich hörte, er solle mit den schlechtesten

Menschen verkehren, die man sich vorstellen kann ...«

Hier wurde Frau Falk begnadigt, denn der Diener meldete Ihre Gnaden die

Baronin Rehnhjelm.

O wie willkommen sie sei! O wie liebenswürdig von ihr, ihnen die Ehre

zu erweisen!

Und liebenswürdig war sie wirklich, die alte Dame mit dem freundlichen

Gesicht, wie es nur ein Mensch haben kann, der mit dem wahren Mut durch

alle Stürme hindurchgegangen ist.

»Nun, liebe Frau Falk,« sagte Ihre Gnaden, nachdem sie Platz genommen

hatte, »ich kann Sie von Ihrem Schwager grüßen!«

Frau Falk fragte sich, was sie der Person Böses getan habe, daß nun

auch die mit Sticheleien kam, und sie antwortete in gekränktem Ton:

»Ach so!«

»Ja, das ist ein so liebenswürdiger junger Mann; er war heute bei mir

und hat meinen Neffen besucht; sie sind so gute Freunde! Oh, das ist

ein ganz vortrefflicher junger Mann!«

»Ja, nicht wahr?« fiel die Frau Revisor ein, die bei Frontveränderungen

nie auf sich warten ließ. »Wir haben eben von ihm gesprochen.«

»Wirklich? Und was ich am meisten bewundere, ist sein Mut, eine solche

Laufbahn einzuschlagen, bei der man so leicht auf Grund gerät; aber so

etwas brauchen wir bei ihm nicht zu befürchten, er ist ein Mensch von

Charakter und Prinzipien; finden Sie nicht auch, liebe Frau Falk?«

»Ja, ich habe das auch immer gesagt, aber mein Mann war anderer

Meinung.«

»Ach, dein Mann«, fiel die Frau Revisor ein, »hat immer seine Meinungen

für sich gehabt.«

»Also, er verkehrt mit Ihrem Neffen, Frau Baronin?« nahm Frau Falk

eifrig das Gespräch wieder auf.

»Ja, sie haben einen kleinen Zirkel, in dem auch Künstler sind. Sie

haben doch von dem jungen Sellén gelesen, dessen Bild von Seiner

Majestät angekauft worden ist?«

»Ja natürlich, wir waren auf der Ausstellung und haben es gesehen. Der

ist auch dabei?«

»Ja, das ist er. Es soll den jungen Leuten oft recht kläglich gehen,

wie jungen Menschen wohl fast immer, wenn sie sich in der Welt

emporarbeiten sollen.«

»Dein Schwager soll ja Poet sein,« sagte die Frau Revisor.

»Nun, das will ich meinen! Hm! er schreibt ganz ausgezeichnet; er hat

in diesem Jahre einen Preis von der Akademie bekommen, und mit der Zeit

wird sicher etwas Großes aus ihm werden,« antwortete Frau Falk mit

voller Überzeugung.

»Ja, das habe ich ja immer gesagt,« bestätigte die Frau Revisor.

Und nun gingen sie mit Arvid Falks Vortrefflichkeit hausieren, so daß

er schon im Tempel des Ruhms angelangt war, als der Diener Pastor

Skaare meldete. Dieser trat mit eiligen Schritten ein und begrüßte die

Damen hastig.

»Ich bitte um Entschuldigung, daß ich spät komme, aber ich habe nicht

viele Minuten Zeit. Ich muß um halb neun zur Sitzung bei der Gräfin von

Fabelkrantz und komme direkt von meiner Arbeit.«

»Oh, daß Sie es so eilig haben, Herr Pastor!«

»Ja, meine ausgedehnte Tätigkeit läßt mir keine Ruhe. Vielleicht können

wir also gleich zu den Verhandlungen schreiten.«

Von dem Diener wurden Erfrischungen hereingebracht.

Das rote Zimmer · 第 11 / 25 段