Und Sellén peitscht seine Lackschuhe mit dem Stöckchen, riecht

verschämt an der Blume im Knopfloch und sieht sehr gleichgültig aus.

Da aber holt Olle seine Kartoffel heraus, um nachzusehen, ob Lundell

nicht bald kommt; und da muß Sellén sein Fernglas nehmen, um nach den

Galerien hinaufzusehen, ob er vielleicht dort sitzt. Dann aber darf

Olle mit der Hand über die Samtjacke streichen, um zu fühlen, wie weich

sie ist, denn Sellén versichert, daß es für den Preis ungewöhnlich

guter Samt ist. Und da muß Olle fragen, was er kostet, und das weiß

Sellén, der zur Revanche Olles Manschettenknöpfe bewundert, die aus

Muscheln gemacht sind.

Und dann erscheint Lundell, der bei dem großen Schmaus auch einen

Knochen abbekommen hat, denn er soll für geringen Preis das Altarbild

für die Kirche in Träskaala malen; aber das hat keinen sichtbaren

Einfluß auf seinen äußeren Menschen gehabt, abgesehen davon, daß seine

fetten Wangen und sein strahlendes Gesicht eine bessere Diät andeuten.

Und mit ihm kommt Falk. Ernst, aber froh, ehrlich froh im Namen der

ganzen Welt, weil dem Verdienst Gerechtigkeit widerfahren ist.

»Ich gratuliere dir, Sellén, aber das war nicht mehr als recht,« sagte

er. -- Und das findet Sellén auch.

»Ich habe seit fünf Jahren ebenso gut gemalt, weißt du, und man hat

gegrinst; man hat noch vorgestern gegrinst; aber jetzt! Pfui Teufel,

sind das Menschen! Sieh, diesen Brief habe ich von diesem Idioten, dem

Professor in Karls +IX.+, bekommen.«

Große Augen und scharfe Augen, denn den Tyrannen möchte man gern in

der Nähe sehen, ihn in den Händen halten und wenigstens das Papier

mißhandeln, auf dem er seinen Namen geschrieben hat.

»›Mein bester Herr Sellén!‹ Hört nur! -- ›Ich heiße Sie in unserer

Mitte willkommen!‹ -- Die Kanaille hat Angst! -- ›Ich habe immer eine

hohe Meinung von Ihrem Talent gehabt!‹ -- So ein Heuchler! Zerreißt den

Wisch und laßt uns seine Dummheit vergessen!«

Und dann nötigt Sellén zum Trinken; er stößt mit Falk an und spricht

die Hoffnung aus, er werde auch bald in irgendeiner Weise durch seine

Feder von sich hören lassen; Falk zögert und errötet und verspricht,

das zu tun, wenn die Zeit da sei, aber seine Studienzeit werde lange

dauern; er bittet die Freunde, nicht die Geduld zu verlieren, wenn er

auf sich warten lasse, und dankt Sellén für die gute Kameradschaft,

in der er gelernt habe, Geduld zu üben und Entbehrungen zu ertragen.

Sellén jedoch sagt, er solle keinen Unsinn schwatzen; was es für eine

Kunst sei, zu leiden, wenn man keine andere Wahl habe, und inwiefern es

merkwürdig sei, zu entsagen, wenn man nichts bekomme?

Olle aber lacht so gütig, und die Hemdbrust schwillt vor Freude, so

daß man die roten Hosenträger sieht, und er trinkt auf Lundells Wohl

und rät ihm, sich Sellén zum Vorbild zu nehmen, damit er nicht um der

ägyptischen Fleischtöpfe willen das Gelobte Land vergesse; denn er

habe Talent, das habe Olle gesehen, und zwar immer, wenn er er selber

bleibe und seine eigenen Gedanken male; sobald er aber heuchle und

fremde Gedanken male, dann sei er schlechter als andere; deshalb solle

er jetzt dies Altarbild als ein Geschäft auffassen, durch das er in die

Lage versetzt werde, später nach eigenem Kopf und Herzen zu malen.

Falk will die Gelegenheit wahrnehmen und heraushören, was Olle über

sich selbst und seine Kunst denkt, etwas, was ihm schon lange ein

Rätsel ist, als Ygberg das Rote Zimmer betritt. Man bestürmt ihn im

nächsten Augenblick mit Einladungen, Platz zu nehmen, denn man hatte

ihn in den stürmischen Tagen vergessen, und will ihm nun zeigen, daß

es nicht aus egoistischen Gründen geschehen ist; Olle aber wühlt in

seiner rechten Westentasche, und mit einer Geste, die sehr unauffällig

sein soll, stopft er einen zusammengerollten Papierlappen in Ygbergs

Rocktasche, und dieser versteht, denn er antwortet mit einem dankbaren

Blick.

Ygberg trinkt Sellén zu und meint, man könne wohl sagen, was er bereits

an anderer Stelle ausgesprochen habe, Sellén habe sein Glück gemacht.

Anderseits wieder könne man auch behaupten, das sei nicht der Fall.

Sellén sei noch nicht entwickelt, er brauche noch viele Jahre, denn die

Kunst sei lang, das wisse Ygberg selbst, der entschiedenes Pech gehabt

habe und deshalb nicht in den Verdacht kommen könne, einen zu beneiden,

der bereits so anerkannt sei wie Sellén.

Der aus Ygbergs Rede sprechende Neid rief eine leichte Wolke an dem

sonnigen Himmel hervor, aber nur für einen Augenblick, denn alle

wußten, daß der Neid durch die Bitterkeit eines langen, verlorenen

Lebens zu entschuldigen war.

Mit desto froheren Gefühlen überreichte Ygberg gönnerhaft Falk eine

neugedruckte kleine Schrift, und dieser sah mit Erstaunen das schwarze

Bild der Ulrika Eleonora sich auf dem Umschlag abzeichnen. Ygberg

erklärte, er habe die Bestellung auf den Tag abgeliefert. Smith habe

Falks Absage und seinen Widerruf mit größter Ruhe entgegengenommen und

sei jetzt im Begriff, Falks Gedichte zu drucken.

Die Gaslampen verloren ihren Schein vor Falks Augen, und er versank

in tiefe Gedanken, weil sein Herz zu voll war, um sich Luft machen zu

können. Seine Gedichte sollten gedruckt werden, und Smith würde die

hohen Kosten bestreiten. Es mußte also etwas daran sein! Das war genug

zum Nachdenken für diesen Abend.

Rasch enteilten die Stunden dieses Abends den Glücklichen, und die

Musik verstummte, und die Gaslampen wurden ausgelöscht; man mußte

gehen, aber es war noch zu früh, sich zu trennen, und so machten sie

einen Spaziergang an den Kaien entlang unter endlosen Gesprächen und

philosophischen Erörterungen, bis sie müde und durstig wurden; da

endlich schlug Lundell vor, die Gesellschaft zu Marie zu führen, bei

der sie Bier bekommen würden. Und nun wanderten sie nach Ladugaardsland

hinaus und kamen in eine Gasse, die auf den Zaun eines ans unbebaute

Land grenzenden Tabakfeldes mündete. Da standen sie nun vor einem alten

zweistöckigen Steinhause, das nach der Straße einen Giebel hatte. Über

der Tür grinsten zwei in die Mauer eingesetzte Köpfe aus Sandstein,

deren Ohren und Kinn sich in Blatt- und Schneckenformen auflösten, die

ein Schwert und ein Beil umgaben. Dies war das alte Scharfrichterhaus.

Lundell, der mit der Örtlichkeit bekannt zu sein schien, gab ein Signal

vor einem Fenster zu ebener Erde, worauf das Rouleau hochgezogen und

eine Scheibe geöffnet wurde; ein Frauenkopf sah heraus und fragte, ob

es Albert sei. Als Lundell sich zu diesem seinem +Nom de guerre+

bekannte, schloß die Frau die Tür auf und ließ die Gesellschaft

herein gegen das Versprechen, leise zu sein; da dieses Versprechen

ohne Schwierigkeit gegeben werden konnte, so befand sich das Rote

Zimmer bald im Hause und wurde Marie unter schnell angenommenen Namen

vorgestellt.

Das Zimmer war nicht groß; es war früher eine Küche gewesen, und

der Herd war noch darin. Das Meublement bestand aus einer Kommode,

wie Dienstmädchen sie haben; darauf ein Spiegel mit einer weißen

Musselingardine; über dem Spiegel eine kolorierte Lithographie,

die den Erlöser am Kreuz darstellte; die Kommode war überladen mit

kleinen Porzellangegenständen, Parfümflaschen, einem Gesangbuch

und einem Aschbecher und schien mit ihrem Spiegel und den zwei

brennenden Stearinkerzen einen kleinen Hausaltar zu bilden. Über dem

Ausziehsofa, das noch nicht aufgemacht war, saß Karl +XV.+ zu

Pferde, umgeben von Ausschnitten aus dem »Vaterland«, die meistens

Polizeibeamte darstellten, diese Feinde aller Magdalenen. Am Fenster

vegetierten eine Fuchsia, ein Geranium und eine Myrte, -- der stolze

Baum der Venus neben den Pflanzen des Armenhauses. Auf dem Nähtisch

lag ein Photographiealbum. Auf der ersten Seite war der König, auf der

zweiten und dritten Papa und Mama, arme Landleute, auf der vierten ein

Student -- der Verführer --, auf der fünften das Kind, und auf der

letzten der Bräutigam -- ein Handwerker. Das war ihre Geschichte, die

übliche. An einem Nagel neben dem Herd hing ein elegantes Kleid mit

reichen Plissees, ein Samtmantel und ein Hut mit Federn -- das war das

Feengewand, in dem sie ausging, um Jünglinge zu fangen. Und sie selbst!

Eine stattliche vierundzwanzigjährige Frau von gewöhnlichem Aussehen.

Leichtsinn und durchwachte Nächte hatte ihrem Teint diese durchsichtige

Weiße gegeben, welche die Reichen, die nicht arbeiten, auszuzeichnen

pflegt, aber ihre Hände trugen noch die Spuren der mühsamen Arbeit

ihrer Jugend. In einen schönen Schlafrock gekleidet, mit gelöstem

Haar, konnte sie wohl für eine Magdalena gelten. Sie hatte ein

verhältnismäßig schamhaftes Wesen und war heiter, höflich und gesittet

in ihrem Benehmen.

Die Gesellschaft verteilte sich in Gruppen, setzte die unterbrochene

Unterhaltung fort und nahm neue Themen auf. Falk, der jetzt Dichter war

und in allem etwas Interessantes finden wollte, auch in dem Banalsten,

vertiefte sich in ein sentimentales Gespräch mit Marie, was ihr sehr

gefiel, weil es ihr schmeichelte, als Mensch behandelt zu werden. Sie

kamen wie gewöhnlich auf ihre Geschichte und die Motive, aus denen

sie ihre Laufbahn gewählt hatte. Bei der ersten Verführung hielt sie

sich nicht lange auf; »das sei nicht der Rede wert«; desto düsterer

schilderte sie ihre Zeit als Dienstmädchen, dies Sklavenleben unter den

Launen und Zänkereien einer beschäftigungslosen Frau, dies Leben der

Arbeit ohne Ende. Nein, dann lieber die Freiheit!

»Ja, aber wenn Sie dieses Lebens einmal überdrüssig werden?«

»Dann verheirate ich mich mit Westergren!«

»Und er will Sie haben?«

»Er freut sich schon jetzt auf den Tag, und übrigens mache ich dann

selbst mit meinem Ersparten einen kleinen Handel auf. Aber danach haben

schon so viele gefragt. -- Hast du Zigarren?«

»Ja, die habe ich! Aber jetzt wollen wir hiervon reden!«

Er nahm ihr Album und schlug den Studenten auf -- es ist immer ein

Student mit weißer Binde und der Studentenmütze auf den Knien, von

tölpelhaftem Aussehen, der den Mephistopheles spielt.

»Wer ist das?«

»Ach du, das war ein netter Junge!«

»Der Verführer? Was?«

»Still du! Es war meine Schuld ebenso gut wie seine, und so ist es

immer, mein Bester; beide haben Schuld! Da siehst du mein Kind! Das hat

der liebe Gott zu sich genommen, und das war wohl das beste. Aber jetzt

wollen wir von etwas anderem sprechen! -- Was ist das für ein lustiger

Kerl, den Albert heute abend mitgebracht hat? Der da am Herd sitzt

neben dem Langen, der bis an den Schornstein reicht?«

Olle, dem diese Worte galten, fühlte sich ganz beschämt über die

schmeichelhafte Aufmerksamkeit, die seine Person erregte, und er drehte

an seinem gebrannten Haar, das nach den vielen Libationen schon wieder

glatt wurde.

»Das ist Diakonus Maansson,« sagte Lundell.

»Pfui Teufel, ist das ein Pfaffe? Ich hätte es ja an seinen

verschmitzten Augen sehen können. -- Wißt ihr, vorige Woche war auch

einer hier. -- Komm her, Masse, laß dich anschaun!«

Olle kroch vom Herd herunter, auf dem er gesessen und mit Ygberg Kants

kategorischen Imperativ diskutiert hatte. Er war so gar nicht daran

gewöhnt, von Frauen beachtet zu werden, daß er sich sofort jünger

fühlte, und mit schlendernden Schritten ging er auf die Schöne zu,

die er mit einem Auge bereits beobachtet und bezaubernd gefunden

hatte. Er drehte seinen Schnurrbart so gut wie möglich und fragte mit

gezierter Stimme, während er eine Verbeugung riskierte, die nicht in

der Tanzstunde gelernt war:

»Finden Sie, Fräulein, daß ich wie ein Pastor aussehe?«

»Nein, jetzt sehe ich, daß du einen Schnurrbart hast. Du hast zu

saubere Kleider an, um ein Handwerker zu sein -- laß mich deine Hand

sehen, -- ach, du bist doch Schmied!«

Olle war rief gekränkt.

»Bin ich so häßlich, mein Fräulein?« sagte Olle mit rührender Stimme.

Marie sah ihn einen Augenblick an.

»Du bist recht häßlich! Aber du siehst nett aus!«

»O mein Fräulein, wenn Sie wüßten, wie weh Sie meinem Herzen tun. Mich

hat noch nie eine Frau liebgehabt; ich kenne so viele, die glücklich

sind, obwohl sie häßlicher waren als ich, aber das Weib ist ein

verwünschtes Rätsel, das kein Mensch lösen kann, und deshalb verachte

ich die Frau!«

»Gut! Olle,« ertönte eine Stimme aus dem Schornstein, wo Ygbergs Kopf

saß. »Sehr gut!«

Olle wollte nach dem Herd zurückkehren, aber er hatte ein Thema

berührt, das Marie zu sehr interessierte, als daß sie es hätte

abbrechen mögen, und er hatte eine Saite angeschlagen, deren Ton sie

kannte. Sie setzte sich neben ihn, und sie vertieften sich bald in eine

weitschweifige, ernste Diskussion -- über Weib und Liebe.

Rehnhjelm aber, der den ganzen Abend still, stiller als gewöhnlich

gewesen war, und aus dem keiner recht klug wurde, war allmählich etwas

aufgelebt und saß jetzt in Falks Nähe in der Sofaecke. Er hatte schon

lange etwas auf dem Herzen, was ihm nicht über die Lippen wollte. Er

nahm sein Bierglas und klopfte auf den Tisch, als wolle er eine Rede

halten, und als seine nächsten Nachbarn verstummt waren, sprach er mit

zitternder und nachlässiger Stimme:

»Meine Herren! Sie denken, ich bin ein Rindvieh, ich weiß, Falk, ich

weiß, daß du mich für dumm hältst, aber ihr sollt sehen, Jungens, ihr

sollt sehen, hol mich der Teufel ...«

Er hob die Stimme und schlug das Bierglas auf den Tisch, daß es

zerbrach, worauf er auf das Sofa zurücksank und einschlief.

Diese Szene, die nicht ganz ungewöhnlich war, erregte doch Maries

Aufmerksamkeit. Sie stand auf und brach ihre Unterhaltung mit Olle ab,

der obendrein die rein abstrakte Seite der Frage zu verlassen begann.

»Nein, so ein hübscher Bengel! Wo habt ihr den her? Armer Junge! Er ist

so müde. Ich habe ihn gar nicht gesehen!«

Sie legte ihm ein Kissen unter den Kopf und breitete ihren Schal über

ihn. »Seht nur diese kleinen Hände! Solche habt ihr Bauernjungens

nicht! Und dies Gesicht! So unschuldig! Pfui, Albert; du hast ihn

verleitet, so viel zu trinken!«

Ob es nun Lundell gewesen war oder ein anderer, war in diesem Falle

unwesentlich, denn der Mann war betrunken; sicher war aber, daß niemand

ihn zu verleiten brauchte, denn ihn verzehrte eine ständige Begierde,

eine innere Unruhe zu betäuben, die ihn von seiner Arbeit wegzutreiben

schien.

Lundell war jedoch nicht entzückt über die Betrachtungen, die sein

schöner Freund veranlaßte, und der wachsende Rausch spornte seine

religiösen Gefühle an, die an diesem Abend infolge des reichlichen

Essens ziemlich stumpf gewesen waren. Und da der Rausch allgemein zu

werden begann, nahm er Veranlassung, an die Bedeutung des Abends zu

erinnern und an die Gefühle, die ein Abschied hervorruft. Er erhob sich

von seinem Platz, füllte das Bierglas, lehnte sich gegen die Kommode

und appellierte an die allgemeine Aufmerksamkeit.

»Meine Herren« -- er erinnerte sich der Anwesenheit Magdalenas -- »und

Damen. Wir haben heute abend gegessen und getrunken, und zwar, um zum

Thema zu kommen, in der Absicht, jetzt von dem Materiellen abzusehen,

das nur der niedere, sinnliche, tierische Bestandteil unseres Wesens

ist, in einem Augenblick wie diesem, da die Stunde des Abschieds naht

-- wir sehen hier ein betrübliches Beispiel des Lasters, das wir das

Laster der Trunksucht nennen! Es ist in Wahrheit erschütternd für das

religiöse Gefühl! Wenn man nach einem Abend, den man im Freundeskreise

verbracht hat, sich veranlaßt fühlt, ein Glas auf den zu trinken, der

sein seltenes Talent gezeigt hat -- ich meine Sellén --, dann sollte

man doch denken, daß die Achtung vor einem selbst sich in irgendeiner

Weise geltend machte. Ein solches Beispiel, betone ich, hat hienieden

in einer höheren Potenz sich zu erkennen gegeben; ich erinnere mich

der schönen Worte, die mir stets in den Ohren klingen werden, solange

ich lebe, und ich bin überzeugt, daß wir uns alle ihrer erinnern,

wenn auch der Ort nicht sehr geeignet ist; dieser junge Mann, der,

soviel ich sehe, dem Laster zum Opfer gefallen ist, das wir Trunksucht

nennen wollen, hat sich leider in unsere Gesellschaft eingeschlichen

und, um mich kurz zu fassen, traurigere Resultate gezeitigt, als man

hätte erwarten sollen. Prosit, edler Freund Sellén, ich wünsche dir

alles Glück, das dein edles Herz verdient! Und auch dein Wohl, Olle

Montanus! Falk ist ebenfalls ein edler Mann, der sich in größerem Maße

bemerkbar machen wird, wenn seine religiösen Gefühle die Festigkeit

erlangt haben, die sein Charakter zu verbürgen scheint. Von Ygberg

will ich nicht sprechen, denn er hat jetzt endlich seinen Entschluß

gefaßt, und wir wünschen ihm alles Gute für die Laufbahn, die er so

schön begonnen hat -- die philosophische; es ist eine schwere Laufbahn,

und ich sage mit dem Psalmisten: Wer kann es uns sagen? Wir haben

jedoch allen Anlaß, für unsere Zukunft das Beste zu erhoffen, und ich

glaube, wir können stets auf sie rechnen, solange wir edel von Gefühl

sind und nicht nach schnödem Gewinn trachten, denn, meine Herren, ein

Mensch ohne Religion ist ein Vieh. Deshalb möchte ich die Herren alle

miteinander auffordern, ihre Gläser zu heben und sie bis zum Grund zu

leeren auf alles Edle, Schöne und Herrliche, das wir erstreben! Prosit,

meine Herren!«

Das religiöse Gefühl begann jetzt Lundell zu überwältigen, in so hohem

Grade, daß die Gesellschaft es geraten fand, an Aufbruch zu denken.

Das Rouleau war schon eine gute Weile vom Tageslicht beleuchtet worden,

und die Landschaft mit der Ritterburg und der Jungfrau strahlte jetzt

im ersten Glanz der Morgensonne. Als es hochgezogen wurde, fiel das

Tageslicht voll in das Zimmer und beleuchtete diejenigen von der

Gesellschaft, die sich in der Nähe des Fensters befanden, so daß sie

wie Leichen aussahen. Ygberg, der auf dem Herd schief, die Hände um

das Bierglas gefaltet, hatte noch den roten Schein vom Stearinlicht im

Gesicht und gab einen vortrefflichen Effekt. Olle aber hielt Reden auf

das Weib, auf den Frühling, auf die Sonne, auf das Universum, wobei er

das Fenster aufmachen mußte, um für seine Gefühle Luft zu bekommen.

Die Schlafenden wurden aufgerüttelt, Abschiedsgrüße wurden gewechselt,

und die ganze Gesellschaft ging durch den Torweg hinaus. Als sie auf

die Gasse kamen, drehte Falk sich um; da lag Magdalena im offenen

Fenster; die Sonne schien auf ihr weißes Gesicht, und ihr langes,

schwarzes Haar, das von der Sonne dunkelrot gefärbt wurde, glitt am

Halse herunter und sah aus, als stürze es sich in mehreren Rinnsalen

auf die Straße hinab; und über ihrem Kopf hingen Schwert und Beil und

die beiden grinsenden Gesichter. In einem Apfelbaum auf der anderen

Seite der Gasse aber saß ein schwarz und weißer Fliegenschnäpper und

sang sein milzsüchtiges Lied als Ausdruck seiner Freude, daß die Nacht

vorbei war.

Zwölftes Kapitel

Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton

Levi war ein junger Mann, der, zum Kaufmann geboren und erzogen, eben

im Begriff stand, sich mit Hilfe seines reichen Vaters selbständig zu

machen, als der Vater starb und nichts hinterließ als eine unversorgte

Familie. Das war eine große Enttäuschung für den jungen Mann, denn er

war jetzt in den Jahren, da er meinte, selber mit arbeiten aufhören

und andere für sich arbeiten lassen zu können; er war fünfundzwanzig

Jahre alt und hatte ein vorteilhaftes Äußeres; breite Schultern und

das völlige Fehlen von Hüften machten seinen Rumpf besonders geeignet,

einen Gehrock in der Weise zu tragen, wie er es so oft bei gewissen

ausländischen Diplomaten bewundert hatte; sein Brustkorb hatte von

Natur die elegante Wölbung, die einer Hemdbrust mit vier Knöpfen

volle Elevation geben kann, auch wenn der Träger auf dem Lehnstuhl

an der Schmalseite eines langen, mit Mitgliedern vollbesetzten

Direktionstisches niedersinkt; ein schön geteilter Vollbart gab seinem

jungen Gesicht ein einnehmendes und zugleich vertrauenerweckendes

Aussehen; seine kleinen Füße waren dazu geschaffen, über einen

Brüsseler Teppich in einem Direktionsbüro zu schreiten, und seine

wohlgepflegten Hände eigneten sich besonders gut für eine leichtere

Arbeit, zum Beispiel, seinen Namen zu unterzeichnen, am liebsten auf

gedruckten Formularen. In dieser Zeit, die man heute die gute nennt,

obwohl sie tatsächlich für viele recht bös war, hatte man soeben die

große Entdeckung -- die größte des Jahrhunderts -- gemacht: -- daß es

billiger und angenehmer ist, vom Gelde anderer zu leben als von seiner

eigenen Arbeit. Viele, viele hatten sie sich schon zunutze gemacht, und

da sie nicht patentamtlich geschützt war, darf niemand sich wundern,

daß auch Levi sich beeilte, sich ihrer zu bedienen, besonders da er

selber jetzt kein Geld besaß und keine Lust hatte, für eine Familie zu

arbeiten, die nicht seine eigene war.

Er zog also eines Tages seinen besten Anzug an und lenkte seine

Schritte zu seinem Onkel Smith.

»So, also du hast eine Idee; nun, laß hören! Es ist gut, Ideen zu

haben.«

»Ich wollte eine Aktiengesellschaft gründen.«

»Schön! Dann wird Aron Rechnungsführer, Simon Sekretär, Isaak Kassierer

und die andern Jungen Buchhalter; das ist eine gute Idee. Nun weiter!

Was für eine Gesellschaft soll es sein?«

»Eine Seeversicherungsaktiengesellschaft, habe ich gedacht.«

»So so, das ist schön! Alle Menschen müssen ihre Sachen versichern,

wenn sie eine Seereise machen. Aber deine Idee? Nun?«

»Das ist meine Idee!«

»Das ist keine Idee! Wir haben doch die große Gesellschaft Neptun! Nun

also! Das ist eine gute Gesellschaft! Deine muß besser sein, wenn du

mit ihr konkurrieren willst! Was ist das Neue an deiner Gesellschaft?«

»Oh, ich verstehe! Ich ermäßige die Prämien, dann bekomme ich alle

Kunden des Neptun!«

»Ja, das ist eine Idee! Also der Prospekt, den ich natürlich drucken

lasse, enthält als Ouvertüre: ›Da es ein lange empfundenes Bedürfnis

ist, die Seeversicherungsprämien herabzusetzen, dies aber aus Mangel an

Konkurrenz nicht geschehen ist, so geben sich Unterzeichnete hiermit

die Ehre, zur Aktienzeichnung für die Gesellschaft‹ ... Nun?«

»Triton!«

»Triton? Was ist das für ein Mann?«

»Das ist ein Meergott!«

»Na schön! Triton! Das wird ein gutes Plakat. Das mußt du bei Rauch in

Berlin machen lassen, dann wird es nachher in ›Unser Land‹ abgedruckt.

Nun also! Unterzeichnete! Ja! das wäre zunächst ich! Aber wir müssen

große, gute Namen haben! Gib mir den Staatskalender her! So!«

Smith blätterte eine gute Weile.

»Eine Seeversicherungsaktiengesellschaft müßte einen hohen Seeoffizier

haben. Nun, warte einmal! Admiral nennt man das ja wohl!«

»Ach, die haben ja kein Geld!«

»Ei, ei, ei! Verstehst du so wenig von Geschäften, mein Junge? Sie

zeichnen, brauchen aber nicht einzubezahlen, und dann bekommen sie

ihre Zinsen dafür, daß sie die Generalversammlungen besuchen und an den

Diners beim Direktor teilnehmen. Nun also! Hier sind zwei Admirale!

Der eine hat das Ordensband des Polarsterns, der andere aber hat den

russischen Annenorden! Was macht man da! -- Ja! -- Nun also! -- Wir

nehmen den Russen, denn Rußland ist ein gutes Seeversicherungsland!

So!«

»Aber glaubst du denn, Onkel, daß sie sich so einfach nehmen lassen?«

»Ach, sei doch still! Jetzt müssen wir einen ehemaligen Minister haben!

-- So! Nun also! Mit dem Titel Exzellenz! Ja! Gut! -- und dann einen

Grafen! Das ist schwieriger! Grafen haben so viel Geld! Wir nehmen

einen Professor! Die haben nicht viel Geld! Gibt es Professoren der

Schiffahrt? Das wäre gut für das Geschäft! Ist neben dem Restaurant

vom Südtheater nicht ein Segelklub? Ja! Nun also! Jetzt ist die Sache

in Ordnung! Ach, ich habe das Wichtigste vergessen. Ein Jurist! Ein

Justizrat! Nun also! -- Da haben wir ihn!«

»Ja, den; aber wir haben noch kein Geld!«

»Geld! Was soll man mit Geld, wenn man eine Gesellschaft gründet! Muß

nicht der, der sein Gut versichert, das selber bezahlen? Jawohl! Sollen

wir für ihn bezahlen? Nein! Also die Leute müssen mit ihren Prämien

bezahlen! Nun also!«

»Aber das Grundkapital?«

»Ach! Man schreibt Grundkapital-Obligationen aus.«

»Ja, aber man muß einen Teil auch bar einzahlen!«

»Jawohl, man zahlt bar ein mit Obligationen. Ist das nicht bezahlen?

Nun also! Wenn ich dir eine Obligation für eine bestimmte Summe gebe,

so bekommst du in jeder Bank Geld darauf. Ist eine Obligation also kein

Geld? Nun also! Und in welchem Gesetz steht, daß bar dasselbe ist wie

Banknoten? Dann sind Privatbanknoten auch kein Bargeld! Was?«

Das rote Zimmer · 第 10 / 25 段