erlangen, die jeder mündig Gewordene zu bekommen pflegt. Man hatte
Broschüren geschrieben, Zeitungen gegründet, Steine geworfen, Diners
eingenommen und Reden gehalten; man hatte Tagungen veranstaltet und
Petitionen aufgesetzt, hatte Eisenbahnfahrten gemacht, Hände gedrückt,
Freiwilligenkorps eingerichtet, und schließlich mit viel Lärm bekommen,
was man wollte. Der Enthusiasmus war groß und berechtigt. Die alten
Birkentische im Opernkeller wurden zu politischen Tribünen, aus
dem Dunst des Reformpunsches wurde dort mancher Politiker geboren,
der sich später zu einem großen Schreier entwickelte, der Duft der
Reformzigarren weckte manchen ehrgeizigen Traum, der sich später nicht
verwirklichte; man wusch mit Reformseife den alten Staub von sich ab
und dachte, alles sei gut; und dann ging man schlafen nach dem vielen
Lärm, um auf das glänzende Resultat zu warten, das jetzt von selber
kommen mußte. Man schlief ein paar Jahre lang, aber als man aufwachte,
stand die Wirklichkeit vor einem, und man glaubte sich verrechnet zu
haben. Hier und da wurde ein Murren laut; die Staatsmänner, die man
noch eben bis zu den Wolken emporgehoben hatte, wurden kritisiert;
unter der studierenden Jugend gab es sogar Leute, die entdeckten,
daß die ganzen Anträge von einem Lande übernommen seien, das zu dem
Antragsteller in sehr nahen Beziehungen stand, und daß man diese
Anträge im Original in einem sehr bekannten Handbuch lesen könne.
Genug: die Zeit zeichnete sich durch eine gewisse Niedergeschlagenheit
aus, die bald die Form allgemeiner Unzufriedenheit oder Opposition, wie
man es nennt, annahm. Doch es war eine neue Art Opposition, denn sie
war nicht, wie gewöhnlich, gegen die Regierung gerichtet, sondern gegen
den Reichstag. Es war eine konservative Opposition, der sich Liberale
und Konservative, Junge und Alte anschlossen, so daß es ein großes
Elend im Lande war.
Nun ereignete es sich, daß die Zeitungsaktiengesellschaft
»Graumützchen«, die unter liberalen Konjunkturen geboren und groß
geworden war, einzuschlafen begann, da sie Ansichten verteidigen sollte
(falls man von Ansichten einer Aktiengesellschaft sprechen kann), die
nicht populär waren. Die Direktion legte der Generalversammlung einen
Antrag auf Änderung gewisser Ansichten vor, die nicht mehr die für den
Bestand des Unternehmens erforderliche Abonnentenzahl sicherten. Die
Generalversammlung nahm den Antrag an, und das »Graumützchen« gehörte
jetzt zu den Konservativen. Aber -- hier war ein Aber, das freilich
die Gesellschaft nicht sehr bedrückte -- man mußte den Chefredakteur
wechseln um sich nicht zu blamieren; daß die unsichtbare Redaktion
bleiben konnte, sah man als selbstverständlich an. Der Chefredakteur,
der ein Ehrenmann war, nahm seinen Abschied. Die Redaktionsmitglieder,
die lange wegen ihres roten Anstrichs gelästert worden waren,
akzeptierten das Anerbieten mit Freude, da sie dadurch gratis ein
Diplom als »bessere Leute« bekamen. Blieb nur die Sorge, einen neuen
Chefredakteur zu beschaffen. Nach dem neuen Programm der Gesellschaft
mußte er folgende Qualifikationen besitzen: er mußte zunächst
ungeteiltes Vertrauen als Mitbürger genießen, mußte dem Beamtenstande
angehören, mußte einen Titel haben, mochte er usurpiert oder erworben
sein, der bei Bedarf verbessert werden konnte, mußte außerdem ein
respektables Äußeres besitzen, so daß er sich bei Festen und andern
öffentlichen Veranstaltungen sehen lassen konnte, mußte unselbständig
sein, vielleicht etwas dumm, weil die Gesellschaft wußte, daß wahre
Dummheit stets von konservativer Denkart und daneben einem gewissen
Grad von Hinterlist begleitet ist, die die Wünsche der Vorgesetzten in
der Luft spürt und nie vergißt, daß das allgemeine Wohl privater Natur
ist, vom rechtlichen Standpunkt nämlich; er mußte bei Jahren sein,
weil man ihn dann leichter lenken konnte, und verheiratet, weil die
Gesellschaft, die aus Geschäftsleuten bestand, die Erfahrung gemacht
hatte, daß verheiratete Knechte sich besser benahmen als
unverheiratete.
Diese Persönlichkeit wurde gefunden und besaß in hohem Grade alle
aufgeführten Eigenschaften. Es war ein selten schöner Mann von
ziemlich guter Figur, mit langem, wallendem, blondem Vollbart, der
alle schwachen Punkte seines Gesichtes verdeckte, durch die sonst
die Seele unbehindert hätte hindurchblicken können. Seine großen,
offnen, falschen Augen fingen den Beschauer ein und lauerten ihm
sein Vertrauen ab, das dann ehrlich mißbraucht wurde; seine etwas
verschleierte Stimme, die nur Worte der Liebe, des Friedens, der
Gerechtigkeit und vor allem der Vaterlandsliebe sprach, lockte viele
irre gemachte Zuhörer an den Punschtisch, an dem der vortreffliche Mann
seine Abende verbrachte, indem er Gerechtigkeit und vaterländisches
Gefühl propagierte. Man vernahm mit Erstaunen, welchen Einfluß
dieser Ehrenmann auf seine schlechte Umgebung ausüben sollte; sehen
konnte man es nicht, aber man hörte es. Diese ganze Koppel, die
jahrelang auf alles Alte und Ehrwürdige losgelassen gewesen, die auf
Regierung und Beamte gehetzt worden war, die sogar die höheren Dinge
angegriffen hatte, war jetzt still und liebevoll, nur nicht gegen
die alten Freunde; ehrenhaft und gerecht, nur nicht in ihrem Herzen.
Sie folgten in allem dem neuen Programm, das der neue Redakteur bei
seinem Regierungsantritt aufgestellt hatte und dessen Kardinalpunkt
-- in wenigen Worten -- war, alles neue Gute zu verfolgen, alles alte
Schlechte zu fördern, vor der Macht zu kriechen, die emporzuheben, die
Erfolg hatten, die niederzuschlagen, die hinauf wollten, den Erfolg zu
verehren und das Unglück zu schmähen; in der freien Übersetzung des
Programms hieß dies allerdings: »Nur dem Erprobten und anerkannt Guten
Beifall zu spenden, aller Sensationssucht entgegenzuarbeiten, streng
aber gerecht den Einzelnen zu verfolgen, der durch Unehrlichkeit den
Erfolg erringen möchte, den nur redliche Arbeit schenken darf.« Für
diesen geheimnisvollen letzten Punkt, der den Redaktionsmitgliedern
am meisten am Herzen lag, gab es eine nicht allzufern liegende
Erklärung. Die Redaktion bestand nämlich aus lauter Leuten, die alle
auf irgendeine Weise in ihren Hoffnungen enttäuscht worden waren;
die meisten allerdings durch eigene Schuld, hauptsächlich durch
Leichtsinn und Trunksucht; einige waren sogenannte Universitätsgenies
gewesen, die einmal als Sänger, Redner, Poeten oder Witzbolde einen
großen Namen gehabt hatten und später einer gerechten Vergessenheit,
die sie ungerecht nannten, anheimfielen. Nun hatten sie eine Reihe
von Jahren hindurch voll Ärger alle Unternehmungen der Neulinge und
überhaupt alles Neue fördern und rühmen müssen; es war also kein
Wunder, wenn sie jetzt die günstige Gelegenheit ergriffen, um unter
dem ehrenhaftesten Vorwand allem, was neu war, Gutem und Schlechtem
durcheinander und ohne Unterschied, den Krieg zu erklären. Der
Redakteur besonders war ein wahrer Herkules in bezug darauf, Humbug
und Unehrlichkeit aufzustöbern. Wenn ein Reichstagsabgeordneter sich
Anträgen widersetzte, die darauf hinausliefen, für die Interessen
privater Vereinigungen das Land zu ruinieren, so wurde er sofort als
ein Scharlatan bezeichnet, der originell sein wolle, der nach dem
Ministerfrack dürste -- er sagte nicht Portefeuille, denn er hielt sich
meistens an die Kleider. Aber die Politik war nicht seine Stärke,
oder ehrlicher gesagt, seine Schwäche; das war die Literatur. Er
hatte einmal auf dem Nordischen Fest eine Rede in Versen auf die Frau
gehalten und damit einen wichtigen Beitrag zur lyrischen Literatur
geliefert, der auch in so vielen Provinzzeitungen abgedruckt wurde,
wie der Verfasser für seine Unsterblichkeit für nötig hielt. Damit
war er Dichter; er kaufte sich nach bestandenem Examen ein Billett
zweiter Klasse, um nach Stockholm zu fahren, ins Leben hinauszutreten
und die Huldigung entgegenzunehmen, die er in seiner Eigenschaft als
Dichter verlangen konnte. Unglücklicherweise lesen die Großstädter die
Provinzzeitungen nicht. Der junge Mann war unbekannt, und sein Talent
wurde nicht gewürdigt. Als kluger Mann, denn sein kleiner Verstand
hatte nie durch eine übermächtige Phantasie Schaden genommen, verbarg
er die Wunde und ließ sie das Geheimnis seines Lebens sein. Die
Bitterkeit, hervorgerufen dadurch, daß er seine ehrliche Arbeit, wie er
es nannte, unbelohnt sah, machte ihn besonders geeignet zum Kritiker
literarischer Werke; aber er schrieb nicht selbst, denn seine Stellung
verbot ihm, an solchen persönlichen Beschäftigungen teilzunehmen,
sondern das überließ er dem Rezensenten, der alle an Gerechtigkeit und
unbeugsamer Strenge übertraf. Dieser hatte selbst sechzehn Jahre lang
Verse geschrieben, die kein Mensch gelesen hatte, unter Benutzung eines
Pseudonyms, ohne daß irgend jemand sich die Mühe gemacht hätte, nach
dem wirklichen Namen des Verfassers zu fragen. Seine Gedichte wurden
aber jede Weihnacht aus dem Staub ausgegraben und im »Graumützchen«
gelobt, von einem Unparteiischen natürlich, der stets seine Signatur
unter den Artikel setzte, damit das Publikum nicht glauben solle, der
Verfasser habe ihn selbst geschrieben; denn man hoffte immer noch, daß
der Verfasser dem Publikum bekannt sei. Jetzt, im siebzehnten Jahre,
hielt der Verfasser es für opportun, ein neues Buch (die Neuauflage
eines alten) unter seinem wirklichen Namen herauszugeben. Aber da
wollte das Unglück, daß das »Rotkäppchen«, das von jungen Leuten
geschrieben wurde, die nie den wirklichen Namen des alten Pseudonymus
gehört hatten, den Verfasser als einen Anfänger behandelte und sein
Erstaunen darüber ausdrückte, daß ein Schriftsteller gleich bei seinem
ersten Auftreten seinen Namen auf das Buch setzte und ferner, daß ein
junger Mann so trocken und so altmodisch schreiben könne. Das war ein
harter Schlag; der alte Pseudonymus bekam einen Fieberanfall, erholte
sich aber wieder, nachdem er im »Graumützchen« glänzend rehabilitiert
worden war, das in einem Atem das ganze Publikum herunterriß, es
unsittlich und unehrlich nannte, weil es eine ehrliche, gesunde und
moralische Arbeit nicht zu schätzen vermöge, die man ohne Schaden
einem Kind in die Hand geben könne. Über diesen letzten Ausspruch
machte sich ein Witzblatt sehr lustig, so daß der Pseudonymus einen
Rückfall bekam, worauf er aller einheimischen Literatur, die künftig
herauskommen würde, ewigen Tod schwur; freilich nicht aller, denn ein
guter Beobachter konnte bemerken, daß recht häufig schlechte Literatur
im »Graumützchen« gelobt wurde, wenn auch in lahmer, zweideutiger Art,
und derselbe Beobachter konnte feststellen, daß diese Literatur von
bestimmten Verlegern herausgegeben wurde; das brauchte aber nicht zu
bedeuten, daß der Pseudonymus sich von irgendwelchen äußeren Umständen,
wie Kohlrouladen oder Fischkonserven, hätte beeinflussen lassen, denn
er war, gleich allen Mitgliedern der Redaktion, ein gerechter Mann, der
ganz sicher nicht gewagt haben würde, mit andern so hart ins Gericht zu
gehen, wenn er nicht selber untadelig gewesen wäre.
Dann kam der Theaterrezensent. Er hatte in einem Aushebungsbüro
in X-köping seine Bildung erworben und seine dramatischen Studien
gemacht und hatte sich dabei in eine Größe verliebt, die nur bei
ihrem Auftreten in X-köping groß war. Da er nicht gebildet genug
war, zwischen seinem privaten Urteil und einem mehr allgemeinen zu
unterscheiden, so passierte ihm das Mißgeschick, daß er, als er zum
erstenmal in den Spalten des »Graumützchens« losgelassen wurde, die
erste Schauspielerin des Landes heruntermachte und behauptete, sie habe
in dieser Rolle Mamsell -- wie sie nun gerade hieß -- imitiert. Daß
dies auf plumpe Art geschah, braucht wohl nicht erwähnt zu werden, und
daß es geschah, ehe das »Graumützchen« seinen Mantel nach dem Winde
gedreht hatte, auch nicht. All das verschaffte ihm einen Namen, das
heißt einen verhaßten, einen verachteten Namen, aber immerhin einen
Namen, der ihn für den Unwillen, den er erregte, schadlos hielt. Zu
seinen hervorragenderen, wenn auch spät geschätzten Eigenschaften als
Theaterkritiker gehörte, daß er taub war. Da es mehrere Jahre dauerte,
bis das entdeckt wurde, wußte man nicht, ob es mit einem Renkontre in
Verbindung stand, das seine Rezension eines Abends im Opernvestibül,
als das Gas schon ausgelöscht war, hervorgerufen hatte. Fortan übte
er seine Armkraft nur an den Jungen, und wer die Verhältnisse kannte,
konnte aus seiner Rezension genau ersehen, ob er etwa ein Mißgeschick
in den Kulissen gehabt hatte, denn der eingebildete Kleinstädter hatte
an irgendeinem schlechten Ort gelesen, Stockholm sei ein Paris, und das
glaubte er.
Der Kunstkritiker endlich war ein alter Akademiker, der nie einen
Pinsel in der Hand gehabt hatte, der aber dem vornehmen Künstlerverein
Minerva angehörte, wodurch er in die Lage versetzt wurde, dem Publikum
Kunstwerke zu beschreiben, bevor sie fertig waren, so daß er ihm
die Mühe ersparte, sich sein Urteil selbst zu bilden. Er war immer
mild gegen seine Bekannten und vergaß nie einen einzigen von ihnen,
wenn er über eine Ausstellung berichtete; dabei hatte er eine so
vieljährige Übung, gut über sie zu schreiben -- wie hätte er es auch
anders wagen sollen --, daß er zwanzig Stück in einer halben Spalte
aufzählen konnte, wodurch seine Kritiken an das bekannte Spiel »Bilder
und Verse« erinnerten. Die Jungen dagegen erwähnte er mit peinlicher
Gewissenhaftigkeit nie, so daß das Publikum, das seit zehn Jahren
nur immer die alten Namen gehört hatte, an der Zukunft der Kunst zu
verzweifeln begann. Eine Ausnahme hatte er aber gemacht; das war
gerade jetzt geschehen, und leider in einem unglücklichen Augenblick;
deshalb befand sich das »Graumützchen« an diesem Morgen in erregter
Gemütsverfassung.
Es war folgendes geschehen:
Sellén, wenn wir uns des unbedeutenden Namens von einem früheren,
nicht eben bemerkenswerten Anlaß erinnern, war im letzten Augenblick
mit seinem Bilde in die Ausstellung gekommen. Nachdem dieses den
schlechtesten Platz, der eben möglich war, bekommen hatte, da sein
Urheber weder die königliche Medaille besaß noch der Akademie
angehörte, erschien der »Professor in Karls +IX.+« Er wurde so
genannt, weil er nie etwas anderes als Szenen aus Karls +IX.+
Geschichte malte; das wieder kam daher, daß er einmal auf einer Auktion
ein Weinglas, ein Tischtuch, einen Stuhl und ein Pergament aus Karls
+IX.+ Zeit gekauft hatte; diese Gegenstände malte er jetzt seit
zwanzig Jahren, bisweilen mit, bisweilen ohne König. Aber er war nun
einmal Professor und Ritter hoher Orden, und das half nichts. Jetzt war
er mit dem akademisch Gebildeten zusammen, als seine Augen zufällig auf
den Oppositionsmann und sein Bild fielen.
»Ach, Sie sind auch wieder hier?« -- Er setzte den Kneifer auf. »So,
dies soll also der neue Stil sein! Hm! Hören Sie auf mich, mein Herr!
Hören Sie auf einen alten Mann; nehmen Sie das weg! Nehmen Sie es weg!
Oder ich sterbe! Und Sie tun sich selbst einen großen Gefallen! Was
meinst du dazu, lieber Bruder?«
Der Bruder hielt es ganz einfach für eine Unverschämtheit; er wolle als
Freund dem Herrn raten, Schildermaler zu werden.
Sellén wendete sanftmütig aber durchdringend ein, es gebe so sehr viele
tüchtige Leute in diesem Beruf, deshalb habe er die künstlerische
Laufbahn gewählt, in der man ja im übrigen allem Anschein nach sehr
viel leichter vorwärts komme. Über diese naseweise Antwort geriet
der Professor außer sich, und er kehrte dem Niedergeschmetterten mit
einer Drohung den Rücken, die der Akademiker in ein paar Verheißungen
umwechselte.
Darauf hatte die erleuchtete Ankaufskommission getagt, -- bei
verschlossenen Türen. Als die Türen sich wieder öffneten, waren sechs
Bilder angekauft für das Geld, das die Allgemeinheit bereitgestellt
hatte zur Förderung einheimischer Künstler. Der Auszug aus dem
Protokoll, der in den Zeitungen veröffentlicht wurde, hatte
nachstehenden Wortlaut: »Der Kunstverein hat gestern folgende Arbeiten
angekauft. 1. Wasser mit Ochsen, Landschaft von Großhändler K. 2.
Gustaf Adolf vor dem Brand von Magdeburg. Geschichtliches Gemälde
von Leinwandhändler L. 3. Ein sich schneuzendes Kind. Genrebild von
Leutnant M. 4. Der Dampfer Bore im Hafen. Marine von Schiffsmakler
N. 5. Wald mit Dame. Landschaft von Kgl. Sekretär O. 6. Hühner mit
Champignons, Stilleben von Schauspieler P.«
Diese Kunstwerke, die durchschnittlich tausend Reichstaler kosteten,
waren dann im »Graumützchen« in zweidreiviertel Spalten (die Spalte zu
fünfzehn Kronen) gelobt worden, und das war nichts Merkwürdiges; aber
der Rezensent hatte, teils um die Spalte zu füllen, teils um beizeiten
ein zunehmendes Übel zu unterdrücken, eine Unsitte getadelt, die sich
einzunisten begann: daß nämlich junge, unbekannte Abenteurer, die der
Akademie entlaufen seien, jetzt ohne Studien, nur durch Effekthascherei
und Kniffe das gesunde Urteil des Publikums zu trüben suchten. Hierauf
wurde Sellén bei den Ohren genommen und gestäupt, so daß sogar seine
Gegner es ungerecht fanden, -- und dann weiß man Bescheid. Nicht genug
damit, daß ihm jede Spur von Talent abgesprochen und er ein Scharlatan
genannt wurde, man griff auch seine privaten finanziellen Verhältnisse
an, machte Anspielungen auf die minderwertigen Lokale, in denen er zu
Mittag essen mußte, auf die schlechte Kleidung, die er trug, auf seine
mangelhafte Moral, seinen geringen Fleiß, und endete damit, ihm im
Namen der Religion und der Sittlichkeit eine Zukunft in irgendeiner
Zwangsanstalt zu prophezeien, wenn er sich nicht beizeiten bessere.
Dies war ein großes Verbrechen, aus Leichtsinn und Eigennutz begangen,
und daß, als das »Graumützchen« an diesem Abend herauskam, nicht eine
Seele verloren ging, war ein Wunder.
Vierundzwanzig Stunden später erschien der »Unbestechliche«. Er
stellte gewisse eingehende Betrachtungen darüber an, wie das Geld der
Allgemeinheit von einer Clique verwaltet werde; wie unter den jetzt
angekauften Bildern kein einziges von einem Maler gemalt sei, sondern
alle von Beamten und Gewerbetreibenden, die sich nicht entblödeten,
mit den Künstlern zu konkurrieren, die hier ihr einziges Absatzgebiet
hätten; wie diese Räuber den Geschmack verdürben und die Künstler
demoralisierten, deren einziges Streben hinfort darauf gerichtet sein
müsse, ebenso schlecht zu malen wie die Verkaufenden, wenn sie nicht
untergehen wollten. Dann wurde Sellén erwähnt. Sein Bild sei das erste
seit zehn Jahren, das einer Menschenseele entsprungen sei; zehn Jahre
lang sei die Kunst ein Produkt von Farben und Pinsel gewesen; Selléns
Bild sei eine ehrliche Arbeit, voll Inspiration und Begeisterung,
völlig ursprünglich, wie nur ein Mensch, der dem Geist in der Natur ins
Auge gesehen habe, malen könne. Der Rezensent warnte den Jungen, gegen
die Alten zu kämpfen, denn die habe er schon überholt; er ermahnte ihn,
zu glauben und zu hoffen, denn er habe eine Aufgabe usw.
Das »Graumützchen« schäumte vor Wut.
»Ihr sollt sehen, der Kerl hat Erfolg!« rief der Chefredakteur. »Zum
Teufel, warum mußten wir auch so schroff gegen ihn vorgehen! Denkt,
wenn er sich durchsetzt! Dann haben wir uns blamiert!« Aber der
Akademiker schwur, er werde keinen Erfolg haben, und er ging nach Hause
mit Unfrieden in der Seele und las in seinen Büchern und schrieb eine
Abhandlung, die von neuem den Beweis führte, daß Sellén ein Scharlatan
und der »Unbestechliche« bestochen sei.
Das »Graumützchen« atmete auf, aber nur, um einen neuen Schlag zu
bekommen.
Die Morgenzeitungen des nächsten Tages verkündeten, Seine Majestät der
König habe Selléns »meisterhafte Landschaft« angekauft, die bereits
seit mehreren Tagen das Publikum in die Ausstellung locke.
Jetzt faßte der Wind das »Graumützchen«, und es flatterte wie ein
Lappen auf einem Zaunpfahl. Sollte man umkehren oder drauflosgehen?
Es galt die Zeitung, und es galt den Rezensenten. Da beschloß der
Chefredakteur (auf Befehl des geschäftsführenden Direktors), den
Rezensenten zu opfern und die Zeitung zu retten. Aber wie? Man
erinnerte sich Struves, der in allen Labyrinthen der Öffentlichkeit
völlig zu Hause war, und rief ihn herbei. In einem Augenblick hatte
er die Situation erfaßt und versprach, in wenigen Tagen die Sache zu
deichseln. Um Struves Machinationen zu verstehen, muß man einige der
wichtigsten Daten seiner Biographie kennen. Er war der geborene ewige
Student und nur aus Not in die Literatur gekommen. Zunächst wurde er
Redakteur der sozialdemokratischen »Volksfahne«; darauf knüpfte er
Beziehungen zu dem konservativen »Bauernschinder« an; als diese Zeitung
aber in eine andere Stadt verlegt wurde, mit Inventar, Druckerei und
Redakteur, änderte sich der Name in »Bauernfreund«, und damit nahmen
auch die Anschauungen eine andere Farbe an. -- Darauf war Struve an das
»Rotkäppchen« verkauft worden, wo er gerade durch seine Bekanntschaft
mit allen Schlichen der Konservativen sehr erwünscht war, genau wie es
jetzt beim »Graumützchen« sein erheblichstes Verdienst war, daß er alle
Geheimnisse des Todfeindes, des »Rotkäppchens«, kannte, die er mit der
größten Freiheit mißbrauchte.
Struve begann die Reinwaschungsarbeit mit einem Artikel in der
»Volksfahne«, aus dem dann einige Zeilen im »Graumützchen« zitiert
wurden, die von dem großen Zulauf zur Ausstellung berichteten. Darauf
schrieb er ein Eingesandt im »Graumützchen«, worin er den akademischen
Kritiker angriff; dem Eingesandt waren einige beruhigende Worte, »Die
Redaktion« unterzeichnet, beigegeben. Diese Worte lauteten: »Obwohl
wir niemals die Ansicht unseres geehrten Rezensenten in bezug auf die
mit Recht sehr gerühmte Landschaft Herrn Selléns geteilt haben, können
wir doch anderseits das Testimonium des geehrten Einsenders nicht voll
unterschreiben; da es aber zu unseren Grundsätzen gehört, auch anderen
Anschauungen in unseren Spalten Raum zu geben, so haben wir nicht
gezögert, den obenstehenden Artikel zum Druck zu bringen.«
Jetzt war das Eis gebrochen. Struve, der, wie man sagte, über alles
schrieb -- außer über kufische Münzen --, schrieb jetzt eine glänzende
Kritik über Selléns Bild zusammen und unterzeichnete sie mit dem höchst
charakteristischen +Dixi+. Und da war das »Graumützchen« gerettet
und Sellén natürlich auch, aber das war nicht so wichtig.
Elftes Kapitel
Glückliche Menschen
Es ist sieben Uhr abends. Das Orchester bei Berns spielt den
Hochzeitsmarsch aus dem Sommernachtstraum, und bei seinen festlichen
Klängen hält Olle Montanus seinen Einzug ins Rote Zimmer, in dem noch
keins der Mitglieder anwesend ist. Olle sieht heute stattlich aus. Er
hat einen hohen Hut auf, den er seit seiner Konfirmation nicht mehr
besessen hat. Er hat neue Kleider, heile Stiefel an, ist gebadet,
frisch rasiert und hat sich die Haare brennen lassen, als wolle er
auf seine Hochzeit gehen; eine schwere Messingkette hängt auf der
Weste, und eine deutliche Anschwellung ist an der linken Westentasche
zu sehen. Ein sonniges Lächeln liegt auf seinem Gesicht, und er
sieht so gütig aus, als wolle er der ganzen Welt mit einem kleinen
Vorschuß helfen. Er legt seinen früher so vorsichtig zugeknöpften
Überzieher ab und setzt sich mitten auf das Sofa, schlägt den Rock
auf und zupft an der weißen Chemisette, daß sie sich knackend wölbt,
und wenn er sich bewegt, knistert das Futter der neuen Hosen und der
Weste. Das scheint ihm großes Vergnügen zu machen, ebenso großes, als
wenn er seine Stiefel an den Sofabeinen knarren läßt. Er holt seine
Uhr heraus, seine alte, liebe Kartoffel, die ein Jahr lang und noch
einen Fristmonat im Leihhaus gewesen ist, und die beiden Freunde
scheinen sich beide der Freiheit zu freuen. Was ist diesem armen
Menschen passiert, daß er so unsagbar glücklich aussieht? Wir wissen,
daß er nicht in der Lotterie gewonnen, keine Erbschaft gemacht, keine
ehrenvolle Anerkennung bekommen, nicht das holde Glück errungen hat,
das über alle Beschreibung geht; was ist denn nur geschehen? Ganz
einfach: er hat Arbeit gefunden!
Und dann kommt Sellén: in Samtjacke, Lackschuhen, mit Plaid und
einem Krimstecher am Riemen, Spazierstock, gelbseidenem Halstuch,
zartfarbigen Handschuhen und einer Blume im Knopfloch. Ruhig und
zufrieden wie immer; keine Spur von den aufregenden Eindrücken, denen
er in den letzten Tagen ausgesetzt war, ist auf seinem mageren,
intelligenten Gesicht zu sehen. In seiner Gesellschaft ist Rehnhjelm,
stiller als gewöhnlich, denn er weiß, daß er sich von einem Freund und
Beschützer trennen muß.
»Nun, Sellén,« sagt Olle, »jetzt bist du glücklich? Nicht wahr?«
»Glücklich! Was ist das für ein Unsinn. Es ist mir gelungen, eine
Arbeit zu verkaufen. Die erste in fünf Jahren! Ist das zuviel?«
»Aber du hast doch die Zeitungen gelesen? Du hast einen Namen!«
»Nun, darum wollen wir uns nicht kümmern! Du mußt nicht glauben, daß
ich mir aus solchen Bagatellen etwas mache. Ich weiß ganz genau,
wieviel mir noch fehlt, bis ich etwas bin! In zehn Jahren, Bruder
Olle, wollen wir über die Sache reden.«
Und Olle glaubt die eine Hälfte und glaubt die andere nicht, und er
knackt mit der Chemisette und knistert mit dem Futter, so daß Selléns
Aufmerksamkeit erregt wird und er sich zu dem Ausruf veranlaßt sieht:
»Potztausend, wie fein du bist!«
»Ja, findest du? Aber du siehst ja aus wie ein Löwe!«