Schweden hatte vierzig Jahre lang gearbeitet, um die Berechtigung zu

erlangen, die jeder mündig Gewordene zu bekommen pflegt. Man hatte

Broschüren geschrieben, Zeitungen gegründet, Steine geworfen, Diners

eingenommen und Reden gehalten; man hatte Tagungen veranstaltet und

Petitionen aufgesetzt, hatte Eisenbahnfahrten gemacht, Hände gedrückt,

Freiwilligenkorps eingerichtet, und schließlich mit viel Lärm bekommen,

was man wollte. Der Enthusiasmus war groß und berechtigt. Die alten

Birkentische im Opernkeller wurden zu politischen Tribünen, aus

dem Dunst des Reformpunsches wurde dort mancher Politiker geboren,

der sich später zu einem großen Schreier entwickelte, der Duft der

Reformzigarren weckte manchen ehrgeizigen Traum, der sich später nicht

verwirklichte; man wusch mit Reformseife den alten Staub von sich ab

und dachte, alles sei gut; und dann ging man schlafen nach dem vielen

Lärm, um auf das glänzende Resultat zu warten, das jetzt von selber

kommen mußte. Man schlief ein paar Jahre lang, aber als man aufwachte,

stand die Wirklichkeit vor einem, und man glaubte sich verrechnet zu

haben. Hier und da wurde ein Murren laut; die Staatsmänner, die man

noch eben bis zu den Wolken emporgehoben hatte, wurden kritisiert;

unter der studierenden Jugend gab es sogar Leute, die entdeckten,

daß die ganzen Anträge von einem Lande übernommen seien, das zu dem

Antragsteller in sehr nahen Beziehungen stand, und daß man diese

Anträge im Original in einem sehr bekannten Handbuch lesen könne.

Genug: die Zeit zeichnete sich durch eine gewisse Niedergeschlagenheit

aus, die bald die Form allgemeiner Unzufriedenheit oder Opposition, wie

man es nennt, annahm. Doch es war eine neue Art Opposition, denn sie

war nicht, wie gewöhnlich, gegen die Regierung gerichtet, sondern gegen

den Reichstag. Es war eine konservative Opposition, der sich Liberale

und Konservative, Junge und Alte anschlossen, so daß es ein großes

Elend im Lande war.

Nun ereignete es sich, daß die Zeitungsaktiengesellschaft

»Graumützchen«, die unter liberalen Konjunkturen geboren und groß

geworden war, einzuschlafen begann, da sie Ansichten verteidigen sollte

(falls man von Ansichten einer Aktiengesellschaft sprechen kann), die

nicht populär waren. Die Direktion legte der Generalversammlung einen

Antrag auf Änderung gewisser Ansichten vor, die nicht mehr die für den

Bestand des Unternehmens erforderliche Abonnentenzahl sicherten. Die

Generalversammlung nahm den Antrag an, und das »Graumützchen« gehörte

jetzt zu den Konservativen. Aber -- hier war ein Aber, das freilich

die Gesellschaft nicht sehr bedrückte -- man mußte den Chefredakteur

wechseln um sich nicht zu blamieren; daß die unsichtbare Redaktion

bleiben konnte, sah man als selbstverständlich an. Der Chefredakteur,

der ein Ehrenmann war, nahm seinen Abschied. Die Redaktionsmitglieder,

die lange wegen ihres roten Anstrichs gelästert worden waren,

akzeptierten das Anerbieten mit Freude, da sie dadurch gratis ein

Diplom als »bessere Leute« bekamen. Blieb nur die Sorge, einen neuen

Chefredakteur zu beschaffen. Nach dem neuen Programm der Gesellschaft

mußte er folgende Qualifikationen besitzen: er mußte zunächst

ungeteiltes Vertrauen als Mitbürger genießen, mußte dem Beamtenstande

angehören, mußte einen Titel haben, mochte er usurpiert oder erworben

sein, der bei Bedarf verbessert werden konnte, mußte außerdem ein

respektables Äußeres besitzen, so daß er sich bei Festen und andern

öffentlichen Veranstaltungen sehen lassen konnte, mußte unselbständig

sein, vielleicht etwas dumm, weil die Gesellschaft wußte, daß wahre

Dummheit stets von konservativer Denkart und daneben einem gewissen

Grad von Hinterlist begleitet ist, die die Wünsche der Vorgesetzten in

der Luft spürt und nie vergißt, daß das allgemeine Wohl privater Natur

ist, vom rechtlichen Standpunkt nämlich; er mußte bei Jahren sein,

weil man ihn dann leichter lenken konnte, und verheiratet, weil die

Gesellschaft, die aus Geschäftsleuten bestand, die Erfahrung gemacht

hatte, daß verheiratete Knechte sich besser benahmen als

unverheiratete.

Diese Persönlichkeit wurde gefunden und besaß in hohem Grade alle

aufgeführten Eigenschaften. Es war ein selten schöner Mann von

ziemlich guter Figur, mit langem, wallendem, blondem Vollbart, der

alle schwachen Punkte seines Gesichtes verdeckte, durch die sonst

die Seele unbehindert hätte hindurchblicken können. Seine großen,

offnen, falschen Augen fingen den Beschauer ein und lauerten ihm

sein Vertrauen ab, das dann ehrlich mißbraucht wurde; seine etwas

verschleierte Stimme, die nur Worte der Liebe, des Friedens, der

Gerechtigkeit und vor allem der Vaterlandsliebe sprach, lockte viele

irre gemachte Zuhörer an den Punschtisch, an dem der vortreffliche Mann

seine Abende verbrachte, indem er Gerechtigkeit und vaterländisches

Gefühl propagierte. Man vernahm mit Erstaunen, welchen Einfluß

dieser Ehrenmann auf seine schlechte Umgebung ausüben sollte; sehen

konnte man es nicht, aber man hörte es. Diese ganze Koppel, die

jahrelang auf alles Alte und Ehrwürdige losgelassen gewesen, die auf

Regierung und Beamte gehetzt worden war, die sogar die höheren Dinge

angegriffen hatte, war jetzt still und liebevoll, nur nicht gegen

die alten Freunde; ehrenhaft und gerecht, nur nicht in ihrem Herzen.

Sie folgten in allem dem neuen Programm, das der neue Redakteur bei

seinem Regierungsantritt aufgestellt hatte und dessen Kardinalpunkt

-- in wenigen Worten -- war, alles neue Gute zu verfolgen, alles alte

Schlechte zu fördern, vor der Macht zu kriechen, die emporzuheben, die

Erfolg hatten, die niederzuschlagen, die hinauf wollten, den Erfolg zu

verehren und das Unglück zu schmähen; in der freien Übersetzung des

Programms hieß dies allerdings: »Nur dem Erprobten und anerkannt Guten

Beifall zu spenden, aller Sensationssucht entgegenzuarbeiten, streng

aber gerecht den Einzelnen zu verfolgen, der durch Unehrlichkeit den

Erfolg erringen möchte, den nur redliche Arbeit schenken darf.« Für

diesen geheimnisvollen letzten Punkt, der den Redaktionsmitgliedern

am meisten am Herzen lag, gab es eine nicht allzufern liegende

Erklärung. Die Redaktion bestand nämlich aus lauter Leuten, die alle

auf irgendeine Weise in ihren Hoffnungen enttäuscht worden waren;

die meisten allerdings durch eigene Schuld, hauptsächlich durch

Leichtsinn und Trunksucht; einige waren sogenannte Universitätsgenies

gewesen, die einmal als Sänger, Redner, Poeten oder Witzbolde einen

großen Namen gehabt hatten und später einer gerechten Vergessenheit,

die sie ungerecht nannten, anheimfielen. Nun hatten sie eine Reihe

von Jahren hindurch voll Ärger alle Unternehmungen der Neulinge und

überhaupt alles Neue fördern und rühmen müssen; es war also kein

Wunder, wenn sie jetzt die günstige Gelegenheit ergriffen, um unter

dem ehrenhaftesten Vorwand allem, was neu war, Gutem und Schlechtem

durcheinander und ohne Unterschied, den Krieg zu erklären. Der

Redakteur besonders war ein wahrer Herkules in bezug darauf, Humbug

und Unehrlichkeit aufzustöbern. Wenn ein Reichstagsabgeordneter sich

Anträgen widersetzte, die darauf hinausliefen, für die Interessen

privater Vereinigungen das Land zu ruinieren, so wurde er sofort als

ein Scharlatan bezeichnet, der originell sein wolle, der nach dem

Ministerfrack dürste -- er sagte nicht Portefeuille, denn er hielt sich

meistens an die Kleider. Aber die Politik war nicht seine Stärke,

oder ehrlicher gesagt, seine Schwäche; das war die Literatur. Er

hatte einmal auf dem Nordischen Fest eine Rede in Versen auf die Frau

gehalten und damit einen wichtigen Beitrag zur lyrischen Literatur

geliefert, der auch in so vielen Provinzzeitungen abgedruckt wurde,

wie der Verfasser für seine Unsterblichkeit für nötig hielt. Damit

war er Dichter; er kaufte sich nach bestandenem Examen ein Billett

zweiter Klasse, um nach Stockholm zu fahren, ins Leben hinauszutreten

und die Huldigung entgegenzunehmen, die er in seiner Eigenschaft als

Dichter verlangen konnte. Unglücklicherweise lesen die Großstädter die

Provinzzeitungen nicht. Der junge Mann war unbekannt, und sein Talent

wurde nicht gewürdigt. Als kluger Mann, denn sein kleiner Verstand

hatte nie durch eine übermächtige Phantasie Schaden genommen, verbarg

er die Wunde und ließ sie das Geheimnis seines Lebens sein. Die

Bitterkeit, hervorgerufen dadurch, daß er seine ehrliche Arbeit, wie er

es nannte, unbelohnt sah, machte ihn besonders geeignet zum Kritiker

literarischer Werke; aber er schrieb nicht selbst, denn seine Stellung

verbot ihm, an solchen persönlichen Beschäftigungen teilzunehmen,

sondern das überließ er dem Rezensenten, der alle an Gerechtigkeit und

unbeugsamer Strenge übertraf. Dieser hatte selbst sechzehn Jahre lang

Verse geschrieben, die kein Mensch gelesen hatte, unter Benutzung eines

Pseudonyms, ohne daß irgend jemand sich die Mühe gemacht hätte, nach

dem wirklichen Namen des Verfassers zu fragen. Seine Gedichte wurden

aber jede Weihnacht aus dem Staub ausgegraben und im »Graumützchen«

gelobt, von einem Unparteiischen natürlich, der stets seine Signatur

unter den Artikel setzte, damit das Publikum nicht glauben solle, der

Verfasser habe ihn selbst geschrieben; denn man hoffte immer noch, daß

der Verfasser dem Publikum bekannt sei. Jetzt, im siebzehnten Jahre,

hielt der Verfasser es für opportun, ein neues Buch (die Neuauflage

eines alten) unter seinem wirklichen Namen herauszugeben. Aber da

wollte das Unglück, daß das »Rotkäppchen«, das von jungen Leuten

geschrieben wurde, die nie den wirklichen Namen des alten Pseudonymus

gehört hatten, den Verfasser als einen Anfänger behandelte und sein

Erstaunen darüber ausdrückte, daß ein Schriftsteller gleich bei seinem

ersten Auftreten seinen Namen auf das Buch setzte und ferner, daß ein

junger Mann so trocken und so altmodisch schreiben könne. Das war ein

harter Schlag; der alte Pseudonymus bekam einen Fieberanfall, erholte

sich aber wieder, nachdem er im »Graumützchen« glänzend rehabilitiert

worden war, das in einem Atem das ganze Publikum herunterriß, es

unsittlich und unehrlich nannte, weil es eine ehrliche, gesunde und

moralische Arbeit nicht zu schätzen vermöge, die man ohne Schaden

einem Kind in die Hand geben könne. Über diesen letzten Ausspruch

machte sich ein Witzblatt sehr lustig, so daß der Pseudonymus einen

Rückfall bekam, worauf er aller einheimischen Literatur, die künftig

herauskommen würde, ewigen Tod schwur; freilich nicht aller, denn ein

guter Beobachter konnte bemerken, daß recht häufig schlechte Literatur

im »Graumützchen« gelobt wurde, wenn auch in lahmer, zweideutiger Art,

und derselbe Beobachter konnte feststellen, daß diese Literatur von

bestimmten Verlegern herausgegeben wurde; das brauchte aber nicht zu

bedeuten, daß der Pseudonymus sich von irgendwelchen äußeren Umständen,

wie Kohlrouladen oder Fischkonserven, hätte beeinflussen lassen, denn

er war, gleich allen Mitgliedern der Redaktion, ein gerechter Mann, der

ganz sicher nicht gewagt haben würde, mit andern so hart ins Gericht zu

gehen, wenn er nicht selber untadelig gewesen wäre.

Dann kam der Theaterrezensent. Er hatte in einem Aushebungsbüro

in X-köping seine Bildung erworben und seine dramatischen Studien

gemacht und hatte sich dabei in eine Größe verliebt, die nur bei

ihrem Auftreten in X-köping groß war. Da er nicht gebildet genug

war, zwischen seinem privaten Urteil und einem mehr allgemeinen zu

unterscheiden, so passierte ihm das Mißgeschick, daß er, als er zum

erstenmal in den Spalten des »Graumützchens« losgelassen wurde, die

erste Schauspielerin des Landes heruntermachte und behauptete, sie habe

in dieser Rolle Mamsell -- wie sie nun gerade hieß -- imitiert. Daß

dies auf plumpe Art geschah, braucht wohl nicht erwähnt zu werden, und

daß es geschah, ehe das »Graumützchen« seinen Mantel nach dem Winde

gedreht hatte, auch nicht. All das verschaffte ihm einen Namen, das

heißt einen verhaßten, einen verachteten Namen, aber immerhin einen

Namen, der ihn für den Unwillen, den er erregte, schadlos hielt. Zu

seinen hervorragenderen, wenn auch spät geschätzten Eigenschaften als

Theaterkritiker gehörte, daß er taub war. Da es mehrere Jahre dauerte,

bis das entdeckt wurde, wußte man nicht, ob es mit einem Renkontre in

Verbindung stand, das seine Rezension eines Abends im Opernvestibül,

als das Gas schon ausgelöscht war, hervorgerufen hatte. Fortan übte

er seine Armkraft nur an den Jungen, und wer die Verhältnisse kannte,

konnte aus seiner Rezension genau ersehen, ob er etwa ein Mißgeschick

in den Kulissen gehabt hatte, denn der eingebildete Kleinstädter hatte

an irgendeinem schlechten Ort gelesen, Stockholm sei ein Paris, und das

glaubte er.

Der Kunstkritiker endlich war ein alter Akademiker, der nie einen

Pinsel in der Hand gehabt hatte, der aber dem vornehmen Künstlerverein

Minerva angehörte, wodurch er in die Lage versetzt wurde, dem Publikum

Kunstwerke zu beschreiben, bevor sie fertig waren, so daß er ihm

die Mühe ersparte, sich sein Urteil selbst zu bilden. Er war immer

mild gegen seine Bekannten und vergaß nie einen einzigen von ihnen,

wenn er über eine Ausstellung berichtete; dabei hatte er eine so

vieljährige Übung, gut über sie zu schreiben -- wie hätte er es auch

anders wagen sollen --, daß er zwanzig Stück in einer halben Spalte

aufzählen konnte, wodurch seine Kritiken an das bekannte Spiel »Bilder

und Verse« erinnerten. Die Jungen dagegen erwähnte er mit peinlicher

Gewissenhaftigkeit nie, so daß das Publikum, das seit zehn Jahren

nur immer die alten Namen gehört hatte, an der Zukunft der Kunst zu

verzweifeln begann. Eine Ausnahme hatte er aber gemacht; das war

gerade jetzt geschehen, und leider in einem unglücklichen Augenblick;

deshalb befand sich das »Graumützchen« an diesem Morgen in erregter

Gemütsverfassung.

Es war folgendes geschehen:

Sellén, wenn wir uns des unbedeutenden Namens von einem früheren,

nicht eben bemerkenswerten Anlaß erinnern, war im letzten Augenblick

mit seinem Bilde in die Ausstellung gekommen. Nachdem dieses den

schlechtesten Platz, der eben möglich war, bekommen hatte, da sein

Urheber weder die königliche Medaille besaß noch der Akademie

angehörte, erschien der »Professor in Karls +IX.+« Er wurde so

genannt, weil er nie etwas anderes als Szenen aus Karls +IX.+

Geschichte malte; das wieder kam daher, daß er einmal auf einer Auktion

ein Weinglas, ein Tischtuch, einen Stuhl und ein Pergament aus Karls

+IX.+ Zeit gekauft hatte; diese Gegenstände malte er jetzt seit

zwanzig Jahren, bisweilen mit, bisweilen ohne König. Aber er war nun

einmal Professor und Ritter hoher Orden, und das half nichts. Jetzt war

er mit dem akademisch Gebildeten zusammen, als seine Augen zufällig auf

den Oppositionsmann und sein Bild fielen.

»Ach, Sie sind auch wieder hier?« -- Er setzte den Kneifer auf. »So,

dies soll also der neue Stil sein! Hm! Hören Sie auf mich, mein Herr!

Hören Sie auf einen alten Mann; nehmen Sie das weg! Nehmen Sie es weg!

Oder ich sterbe! Und Sie tun sich selbst einen großen Gefallen! Was

meinst du dazu, lieber Bruder?«

Der Bruder hielt es ganz einfach für eine Unverschämtheit; er wolle als

Freund dem Herrn raten, Schildermaler zu werden.

Sellén wendete sanftmütig aber durchdringend ein, es gebe so sehr viele

tüchtige Leute in diesem Beruf, deshalb habe er die künstlerische

Laufbahn gewählt, in der man ja im übrigen allem Anschein nach sehr

viel leichter vorwärts komme. Über diese naseweise Antwort geriet

der Professor außer sich, und er kehrte dem Niedergeschmetterten mit

einer Drohung den Rücken, die der Akademiker in ein paar Verheißungen

umwechselte.

Darauf hatte die erleuchtete Ankaufskommission getagt, -- bei

verschlossenen Türen. Als die Türen sich wieder öffneten, waren sechs

Bilder angekauft für das Geld, das die Allgemeinheit bereitgestellt

hatte zur Förderung einheimischer Künstler. Der Auszug aus dem

Protokoll, der in den Zeitungen veröffentlicht wurde, hatte

nachstehenden Wortlaut: »Der Kunstverein hat gestern folgende Arbeiten

angekauft. 1. Wasser mit Ochsen, Landschaft von Großhändler K. 2.

Gustaf Adolf vor dem Brand von Magdeburg. Geschichtliches Gemälde

von Leinwandhändler L. 3. Ein sich schneuzendes Kind. Genrebild von

Leutnant M. 4. Der Dampfer Bore im Hafen. Marine von Schiffsmakler

N. 5. Wald mit Dame. Landschaft von Kgl. Sekretär O. 6. Hühner mit

Champignons, Stilleben von Schauspieler P.«

Diese Kunstwerke, die durchschnittlich tausend Reichstaler kosteten,

waren dann im »Graumützchen« in zweidreiviertel Spalten (die Spalte zu

fünfzehn Kronen) gelobt worden, und das war nichts Merkwürdiges; aber

der Rezensent hatte, teils um die Spalte zu füllen, teils um beizeiten

ein zunehmendes Übel zu unterdrücken, eine Unsitte getadelt, die sich

einzunisten begann: daß nämlich junge, unbekannte Abenteurer, die der

Akademie entlaufen seien, jetzt ohne Studien, nur durch Effekthascherei

und Kniffe das gesunde Urteil des Publikums zu trüben suchten. Hierauf

wurde Sellén bei den Ohren genommen und gestäupt, so daß sogar seine

Gegner es ungerecht fanden, -- und dann weiß man Bescheid. Nicht genug

damit, daß ihm jede Spur von Talent abgesprochen und er ein Scharlatan

genannt wurde, man griff auch seine privaten finanziellen Verhältnisse

an, machte Anspielungen auf die minderwertigen Lokale, in denen er zu

Mittag essen mußte, auf die schlechte Kleidung, die er trug, auf seine

mangelhafte Moral, seinen geringen Fleiß, und endete damit, ihm im

Namen der Religion und der Sittlichkeit eine Zukunft in irgendeiner

Zwangsanstalt zu prophezeien, wenn er sich nicht beizeiten bessere.

Dies war ein großes Verbrechen, aus Leichtsinn und Eigennutz begangen,

und daß, als das »Graumützchen« an diesem Abend herauskam, nicht eine

Seele verloren ging, war ein Wunder.

Vierundzwanzig Stunden später erschien der »Unbestechliche«. Er

stellte gewisse eingehende Betrachtungen darüber an, wie das Geld der

Allgemeinheit von einer Clique verwaltet werde; wie unter den jetzt

angekauften Bildern kein einziges von einem Maler gemalt sei, sondern

alle von Beamten und Gewerbetreibenden, die sich nicht entblödeten,

mit den Künstlern zu konkurrieren, die hier ihr einziges Absatzgebiet

hätten; wie diese Räuber den Geschmack verdürben und die Künstler

demoralisierten, deren einziges Streben hinfort darauf gerichtet sein

müsse, ebenso schlecht zu malen wie die Verkaufenden, wenn sie nicht

untergehen wollten. Dann wurde Sellén erwähnt. Sein Bild sei das erste

seit zehn Jahren, das einer Menschenseele entsprungen sei; zehn Jahre

lang sei die Kunst ein Produkt von Farben und Pinsel gewesen; Selléns

Bild sei eine ehrliche Arbeit, voll Inspiration und Begeisterung,

völlig ursprünglich, wie nur ein Mensch, der dem Geist in der Natur ins

Auge gesehen habe, malen könne. Der Rezensent warnte den Jungen, gegen

die Alten zu kämpfen, denn die habe er schon überholt; er ermahnte ihn,

zu glauben und zu hoffen, denn er habe eine Aufgabe usw.

Das »Graumützchen« schäumte vor Wut.

»Ihr sollt sehen, der Kerl hat Erfolg!« rief der Chefredakteur. »Zum

Teufel, warum mußten wir auch so schroff gegen ihn vorgehen! Denkt,

wenn er sich durchsetzt! Dann haben wir uns blamiert!« Aber der

Akademiker schwur, er werde keinen Erfolg haben, und er ging nach Hause

mit Unfrieden in der Seele und las in seinen Büchern und schrieb eine

Abhandlung, die von neuem den Beweis führte, daß Sellén ein Scharlatan

und der »Unbestechliche« bestochen sei.

Das »Graumützchen« atmete auf, aber nur, um einen neuen Schlag zu

bekommen.

Die Morgenzeitungen des nächsten Tages verkündeten, Seine Majestät der

König habe Selléns »meisterhafte Landschaft« angekauft, die bereits

seit mehreren Tagen das Publikum in die Ausstellung locke.

Jetzt faßte der Wind das »Graumützchen«, und es flatterte wie ein

Lappen auf einem Zaunpfahl. Sollte man umkehren oder drauflosgehen?

Es galt die Zeitung, und es galt den Rezensenten. Da beschloß der

Chefredakteur (auf Befehl des geschäftsführenden Direktors), den

Rezensenten zu opfern und die Zeitung zu retten. Aber wie? Man

erinnerte sich Struves, der in allen Labyrinthen der Öffentlichkeit

völlig zu Hause war, und rief ihn herbei. In einem Augenblick hatte

er die Situation erfaßt und versprach, in wenigen Tagen die Sache zu

deichseln. Um Struves Machinationen zu verstehen, muß man einige der

wichtigsten Daten seiner Biographie kennen. Er war der geborene ewige

Student und nur aus Not in die Literatur gekommen. Zunächst wurde er

Redakteur der sozialdemokratischen »Volksfahne«; darauf knüpfte er

Beziehungen zu dem konservativen »Bauernschinder« an; als diese Zeitung

aber in eine andere Stadt verlegt wurde, mit Inventar, Druckerei und

Redakteur, änderte sich der Name in »Bauernfreund«, und damit nahmen

auch die Anschauungen eine andere Farbe an. -- Darauf war Struve an das

»Rotkäppchen« verkauft worden, wo er gerade durch seine Bekanntschaft

mit allen Schlichen der Konservativen sehr erwünscht war, genau wie es

jetzt beim »Graumützchen« sein erheblichstes Verdienst war, daß er alle

Geheimnisse des Todfeindes, des »Rotkäppchens«, kannte, die er mit der

größten Freiheit mißbrauchte.

Struve begann die Reinwaschungsarbeit mit einem Artikel in der

»Volksfahne«, aus dem dann einige Zeilen im »Graumützchen« zitiert

wurden, die von dem großen Zulauf zur Ausstellung berichteten. Darauf

schrieb er ein Eingesandt im »Graumützchen«, worin er den akademischen

Kritiker angriff; dem Eingesandt waren einige beruhigende Worte, »Die

Redaktion« unterzeichnet, beigegeben. Diese Worte lauteten: »Obwohl

wir niemals die Ansicht unseres geehrten Rezensenten in bezug auf die

mit Recht sehr gerühmte Landschaft Herrn Selléns geteilt haben, können

wir doch anderseits das Testimonium des geehrten Einsenders nicht voll

unterschreiben; da es aber zu unseren Grundsätzen gehört, auch anderen

Anschauungen in unseren Spalten Raum zu geben, so haben wir nicht

gezögert, den obenstehenden Artikel zum Druck zu bringen.«

Jetzt war das Eis gebrochen. Struve, der, wie man sagte, über alles

schrieb -- außer über kufische Münzen --, schrieb jetzt eine glänzende

Kritik über Selléns Bild zusammen und unterzeichnete sie mit dem höchst

charakteristischen +Dixi+. Und da war das »Graumützchen« gerettet

und Sellén natürlich auch, aber das war nicht so wichtig.

Elftes Kapitel

Glückliche Menschen

Es ist sieben Uhr abends. Das Orchester bei Berns spielt den

Hochzeitsmarsch aus dem Sommernachtstraum, und bei seinen festlichen

Klängen hält Olle Montanus seinen Einzug ins Rote Zimmer, in dem noch

keins der Mitglieder anwesend ist. Olle sieht heute stattlich aus. Er

hat einen hohen Hut auf, den er seit seiner Konfirmation nicht mehr

besessen hat. Er hat neue Kleider, heile Stiefel an, ist gebadet,

frisch rasiert und hat sich die Haare brennen lassen, als wolle er

auf seine Hochzeit gehen; eine schwere Messingkette hängt auf der

Weste, und eine deutliche Anschwellung ist an der linken Westentasche

zu sehen. Ein sonniges Lächeln liegt auf seinem Gesicht, und er

sieht so gütig aus, als wolle er der ganzen Welt mit einem kleinen

Vorschuß helfen. Er legt seinen früher so vorsichtig zugeknöpften

Überzieher ab und setzt sich mitten auf das Sofa, schlägt den Rock

auf und zupft an der weißen Chemisette, daß sie sich knackend wölbt,

und wenn er sich bewegt, knistert das Futter der neuen Hosen und der

Weste. Das scheint ihm großes Vergnügen zu machen, ebenso großes, als

wenn er seine Stiefel an den Sofabeinen knarren läßt. Er holt seine

Uhr heraus, seine alte, liebe Kartoffel, die ein Jahr lang und noch

einen Fristmonat im Leihhaus gewesen ist, und die beiden Freunde

scheinen sich beide der Freiheit zu freuen. Was ist diesem armen

Menschen passiert, daß er so unsagbar glücklich aussieht? Wir wissen,

daß er nicht in der Lotterie gewonnen, keine Erbschaft gemacht, keine

ehrenvolle Anerkennung bekommen, nicht das holde Glück errungen hat,

das über alle Beschreibung geht; was ist denn nur geschehen? Ganz

einfach: er hat Arbeit gefunden!

Und dann kommt Sellén: in Samtjacke, Lackschuhen, mit Plaid und

einem Krimstecher am Riemen, Spazierstock, gelbseidenem Halstuch,

zartfarbigen Handschuhen und einer Blume im Knopfloch. Ruhig und

zufrieden wie immer; keine Spur von den aufregenden Eindrücken, denen

er in den letzten Tagen ausgesetzt war, ist auf seinem mageren,

intelligenten Gesicht zu sehen. In seiner Gesellschaft ist Rehnhjelm,

stiller als gewöhnlich, denn er weiß, daß er sich von einem Freund und

Beschützer trennen muß.

»Nun, Sellén,« sagt Olle, »jetzt bist du glücklich? Nicht wahr?«

»Glücklich! Was ist das für ein Unsinn. Es ist mir gelungen, eine

Arbeit zu verkaufen. Die erste in fünf Jahren! Ist das zuviel?«

»Aber du hast doch die Zeitungen gelesen? Du hast einen Namen!«

»Nun, darum wollen wir uns nicht kümmern! Du mußt nicht glauben, daß

ich mir aus solchen Bagatellen etwas mache. Ich weiß ganz genau,

wieviel mir noch fehlt, bis ich etwas bin! In zehn Jahren, Bruder

Olle, wollen wir über die Sache reden.«

Und Olle glaubt die eine Hälfte und glaubt die andere nicht, und er

knackt mit der Chemisette und knistert mit dem Futter, so daß Selléns

Aufmerksamkeit erregt wird und er sich zu dem Ausruf veranlaßt sieht:

»Potztausend, wie fein du bist!«

»Ja, findest du? Aber du siehst ja aus wie ein Löwe!«

Das rote Zimmer · 第 9 / 25 段