Stuhl.
Die Papierrolle rollte sich knisternd wieder zusammen, der Vorsitzende
stand auf, dankte mit einer Verbeugung, die fragte: Ist weiter nichts
gefällig?, und der Besitzer der Papierrolle setzte sich auf die Bank
und begann die Späne fortzublasen, die der Verhutzelte ausgestreut
hatte, aber sein steifer goldgestickter Kragen hinderte ihn, in
dieselbe Sünde zu verfallen, die der Vorsitzende in der Frühe begangen
hatte.
Die Verhandlungen gingen weiter. Sven Svensson aus Torrlösa bat ums
Wort in der Armenfürsorgefrage. Wie auf ein gegebenes Zeichen erheben
sich alle Berichterstatter, gähnen und recken sich.
»Jetzt gehen wir hinunter und essen Frühstück,« erklärt das
»Rotkäppchen« seinem Schützling. »Wir haben eine Stunde und zehn
Minuten Zeit.«
Sven Svensson aber spricht.
Die Mitglieder der Kammer beginnen sich zu rühren, etliche gehen
hinaus. Der Vorsitzende spricht mit einigen guten Mitgliedern und
drückt dadurch vonseiten der Regierung seine Mißbilligung dessen aus,
was Sven Svensson vorbringt. Zwei ältere Mitglieder von der Stockholmer
Bank gehen mit einem jungen Herrn, anscheinend einem Neuling, in die
Nähe des Redners, um diesen wie ein Wundertier vorzuführen; sie nehmen
ihn genau in Augenschein, finden ihn lächerlich und kehren ihm den
Rücken.
Das »Rotkäppchen« scheint es für ein Gebot der Höflichkeit zu halten,
Falk darüber aufzuklären, daß der Redner die »Zuchtrute« der Kammer
ist. Er ist weder kalt noch warm, kann von keiner Partei benutzt
werden, ist für kein Interesse zu gewinnen, aber er spricht, spricht.
Doch worüber er spricht, das kann niemand sagen, denn es ist niemals
in irgendeiner Zeitung über ihn berichtet worden, und keiner hat
sich die Mühe gemacht, im Protokoll nachzusehen; die Schreiber an
den Tischen aber haben geschworen, wenn sie einmal zur Macht kämen,
seinetwegen die Gesetze ändern zu lassen.
Falk jedoch, der eine gewisse Schwäche für alles Unbeachtete hat,
bleibt im Saal und hört, was er schon lange nicht mehr gehört hat:
einen Ehrenmann, der untadelig seinen Weg geht und die Klage der
Unterdrückten und Mißhandelten vorbringt -- und niemand hört ihn an.
Struve hat beim Anblick des Landmanns schnell seinen Entschluß gefaßt
und ist in die Kneipe hinuntergegangen, wohin ihm jetzt die andern
folgen und wo sie die halbe Kammer treffen.
Als sie gegessen haben und etwas angeheitert sind, gehen sie wieder
hinauf, setzen sich auf die Hühnersteige und hören noch eine Weile Sven
Svensson reden, oder richtiger, sehen ihn reden, denn jetzt ist die
Unterhaltung nach dem Frühstück so lebhaft, daß man kein Wort von dem
Sprecher hört.
Aber es nimmt doch einmal ein Ende. Niemand hat etwas einzuwenden,
irgendeine Folge hat die Rede nicht, es ist, als sei sie überhaupt
nicht gehalten worden.
Der Oberschreiber, der unterdes einmal in seine Ämter hat laufen
können, um seine Postzeitungen durchzusehen und sein Feuer im Ofen zu
schüren, ist jetzt wieder auf seinem Platz und liest:
»72. Denkschrift des Staatsausschusses über den Antrag Per Ilssons aus
Träskaala, 10000 Kr. zur Restaurierung der alten Schnitzarbeiten in
der Kirche von Träskaala zu bewilligen.«
Der Hundekopf auf der Barriere der Zuhörertribüne sah drohend aus, als
wolle er seinen Knochen bewachen.
»Kennst du diese Mißgestalt da hinten auf der Tribüne?« fragte das
»Rotkäppchen«.
»Olle Montanus, ja, das will ich meinen.«
»Weißt du, daß er der Landsmann von dem Träskaalaer ist? O, das ist ein
pfiffiger Kerl! Sieh dir den sprechenden Kopf an, jetzt wo der Mann aus
Träskaala spricht.«
Per Ilsson hat das Wort.
Struve wendet mit Verachtung dem Sprecher den Rücken und schneidet sich
ein Stück Tabak ab, Falk und das »Rotkäppchen« halten die Bleistifte
zur Aktion bereit.
»Nimm du die Redensarten,« sagt das »Rotkäppchen«, »ich notiere die
Tatsachen.«
Falks Papier war nach einer Viertelstunde mit folgenden Buchstaben
bedeckt:
»Vaterl. Kultur. Ökon. Interessen. Vorw. d. Materialism. Nach Fichte
Mater. Vaterl. Kult. nicht Mater. Ergo Vorw. hinfällig. Ehrw. Tempel
im Glanz der Morgensonne. Turm bis in die Wolken. Heidn. Zeit. Philos.
nicht träumen lassen. Heil. Rechte der Nation. Heil. Inter. d. Vaterl.
Kult. Akad. der Wissensch. u. d. Künste.«
Dies Sammelsurium, das zum Teil Heiterkeit erregt hatte, besonders bei
der Ausgrabung des toten Fichte, rief doch eine Erwiderung von der
hauptstädtischen Bank und von der Bank von Upsala hervor:
Der erste sagte: obwohl er weder die Kirche von Träskaala noch Fichte
kenne, und obwohl er nicht wisse, ob die alten Gipsonkel zehntausend
Kronen wert seien, so glaube er doch seinen Beifall ausdrücken zu
müssen, um einen schönen Antrag in der Kammer zu unterstützen, denn es
sei das erstemal, daß die Majorität zu etwas anderem Geld verlange als
zu Brücken, Zäunen, Volksschulen und ähnlichem.
Der Redner auf der Upsalaer Bank meinte (nach Struves Aufzeichnungen):
der Antragsteller habe +a priori+ recht; seine Prämisse: die
vaterländische Kultur müsse gepflegt werden, sei richtig; seine
Schlußfolgerung: die zehntausend Kronen müßten gezahlt werden, sei
bindend; der Zweck, die Absicht, die Tendenz sei schön, löblich,
vaterländisch, aber hier sei doch ein Fehler begangen worden. Von wem?
Vom Vaterlande? Vom Staat? Von der Kirche? Nein! Von dem Antragsteller!
Verstandesmäßig gesehen habe der Antragsteller recht und deshalb könne
der Redner nicht anders, er wiederhole das noch einmal, als den Zweck,
die Absicht, die Tendenz loben, und er werde das Schicksal des Antrags
mit den wärmsten Sympathien begleiten; er fordere die Kammer auf, im
Namen des Vaterlandes, im Namen der Kultur und im Namen der Kunst, dem
Antrag zuzustimmen; er selbst aber müsse den Antrag ablehnen, da er,
begriffsmäßig, falsch, unmotiviert, uneigentlich sei, denn er wolle den
Begriff des Orts unter den des Staats subsumieren.
Der Kopf auf der Zuhörertribüne rollte die Augen und bewegte die Lippen
konvulsivisch, während die Abstimmung vorgenommen wurde, aber als sie
vollzogen und der Antrag genehmigt worden war, explodierte der Kopf und
verschwand durch die mißvergnügte und gepuffte Zuhörerschar.
Falk glaubte den Zusammenhang zwischen Per Ilssons Antrag und Olles
Anwesenheit und Verschwinden zu begreifen. Struve, der nach dem
Frühstück noch konservativer und lärmender geworden war, äußerte sich
rückhaltlos über dies und jenes. Das »Rotkäppchen« war ruhig und
gleichgültig; er hatte aufgehört, sich zu wundern.
Aber aus der dunklen Wolke von Menschen, in die Olle Montanus einen
Spalt gerissen hatte, tauchte jetzt klar und hell und leuchtend wie
eine Sonne ein Gesicht auf, und Arvid Falk, der seine Blicke dorthin
gewandt hatte, mußte die Augen niederschlagen und sich abwenden -- es
war sein Bruder, das Haupt der Familie, die Ehre des Namens, der ihn
einmal groß und glänzend machen würde. Hinter Nikolaus Falks Schultern
sah man die Hälfte eines schwarzen Gesichts mit milden, falschen Zügen,
das dem Blonden Heimlichkeiten zuzuflüstern schien. Falk hatte nur eben
Zeit, sich über die Anwesenheit des Bruders in diesem Hause zu wundern,
weil er seinen Unwillen gegen die neue Staatsform gut kannte, als der
Vorsitzende auch schon Anders Andersson die Befugnis erteilte, einen
Antrag einzubringen; diese Befugnis machte sich Andersson mit großer
Ruhe zunutze und las: »Auf Grund hinreichender Vorkommnisse stelle
ich hiermit den Antrag, der Reichstag möge von sich aus den Beschluß
fassen, daß Seine Majestät der König bei allen Aktiengesellschaften,
deren Statuten er sanktioniert, solidarisch verantwortlich ist.«
Die Sonne verlor ihren Schein auf der Zuhörertribüne, und im Saal erhob
sich ein Orkan.
Graf von Splint hat das Wort:
»+Quousque tandem Catilina!+ So weit mußte es kommen! Man vergißt
sich so sehr, daß man die Regierung zu tadeln wagt! Hören Sie, meine
Herren! Man tadelt die Regierung, oder, was schlimmer ist, man macht
sie zur Zielscheibe eines Scherzes, eines rohen Scherzes, denn anders
kann man diesen Antrag wohl nicht auffassen. Ein Scherz, sage ich,
nein, ein Attentat, ein Verrat! O mein Vaterland! Deine unwürdigen
Söhne haben vergessen, was sie dir schuldig sind! Aber wie kann es
auch anders sein, da du deine Ritterwacht, deinen Schild, deine Wehr
verloren hast. Ich fordere, daß Per Andersson, oder wie der Mann heißt,
seinen Antrag zurückzieht, oder, bei Gott, er soll sehen, daß König
und Vaterland noch treue Verteidiger haben, die wohl einen Stein heben
können, um die vielköpfige Hydra des Verrats zu zerschmettern!«
Beifall von der Zuhörertribüne, Unwille im Saal.
»Ha, glaubt ihr, ich fürchte mich!«
Der Redner arbeitet mit den Armen, als würfe er mit Steinen, die Hydra
aber lacht mit ihren hundert Gesichtern. Der Redner sucht nach einer
andern Hydra, die nicht lacht, und er findet die Referententribüne.
»Dort! Dort!« Er deutet nach dem Taubenschlage hinauf und schleudert
Blicke, als sehe er in der Wand den Abgrund sich auftun. »Dort sitzt
das Rabennest! Ich höre ihr Gekrächz, aber sie können mich nicht
einschüchtern! Auf, schwedische Männer, haut den Baum ab, sägt
die Bretter durch, reißt die Balken nieder, zertretet die Stühle,
zertrümmert die Pulte, in Splitter nicht größer als so« (er mißt ein
Stück vom kleinen Finger ab) »und verbrennt das ganze Gesindel mit Mann
und Maus, dann sollt ihr sehen, wie das Reich in Ruhe blüht und wie
seine Pflanzen gedeihen. So spricht ein schwedischer Edelmann! Denkt
daran, Bauern!«
Diese Rede, die vor drei Jahren am Ritterhausmarkt mit Bravorufen
begrüßt und wörtlich ins Protokoll aufgenommen worden wäre, um später
separat gedruckt und an alle staatlichen Volksschulen und andere
allgemeine Wohltätigkeitseinrichtungen verteilt zu werden, wurde jetzt
als ein Amüsement angesehen, im Protokoll gehörig berichtigt und
sonderbarerweise nur in den Oppositionsblättern erwähnt, die sonst
nicht gern so etwas aufnehmen.
Darauf baten die Upsalaer ums Wort. Der Redner war in der Sache
vollkommen mit dem Vorredner einig und hatte mit seinem feinen Ohr
etwas von dem einstigen Schwerterklang in dessen Rede vernommen;
jetzt wolle er selbst über die Idee der Aktiengesellschaft als Idee
sprechen, aber er bat darauf aufmerksam machen zu dürfen, daß die
Aktiengesellschaft keine Ansammlung von Geld sei, keine Vereinigung
von Personen, sondern die Aktiengesellschaft sei eine moralische
Persönlichkeit und als solche unzurechnungsfähig --
Jetzt erhob sich im Saal ein solches Gelächter und Geschwätz, daß der
Referent nichts mehr von der Rede verstehen konnte, die damit endete,
daß die Interessen des Vaterlandes auf dem Spiel ständen, begriffsmäßig
genommen; würde der Antrag nicht abgelehnt, so würden die Interessen
des Vaterlandes vernachlässigt und somit der Staat in Gefahr geraten.
Sechs Redner beschäftigten sich bis zur Mittagspause damit, Auszüge aus
der offiziellen Statistik Schwedens, aus Naumanns Verfassung, aus dem
Juristischen Handbuch und aus der Göteborger Handelszeitung vorzulegen,
und immer war die Schlußfolgerung, das Vaterland sei in Gefahr, wenn
Seine Majestät der König für alle Aktiengesellschaften, deren Statuten
von ihm sanktioniert worden seien, solidarisch verantwortlich gemacht
werde, und die Interessen des Vaterlandes ständen auf dem Spiel. Einer
war kühn genug, zu behaupten, die Interessen des Vaterlandes ständen
auf einem Becherwurf, während ein anderer meinte, sie ständen auf einer
Karte; manche waren der Ansicht, sie hingen an einem Haar, während der
letzte Redner vorzog, zu sagen, sie hingen an einem Faden.
Vor Beginn der Mittagspause wurde die Verweisung an einen Ausschuß
abgelehnt, das heißt, das Vaterland brauchte nicht mehr durch
die Ausschußmühle, das Kanzleisieb, die Reichshäckselkiste, die
Keulenschwinge und den Presselärm zu gehen. Das Vaterland war gerettet!
Armes Vaterland!
Neuntes Kapitel
Verschreibungen
Karl Nikolaus Falk und seine liebe Frau saßen einige Zeit nach den
Ereignissen des vorigen Kapitels eines Morgens am Kaffeetisch. Der Mann
war, gegen seine Gewohnheit, nicht in Schlafrock und Pantoffeln, und
die Frau hatte einen kostbaren Morgenrock an.
»Ja, du, sie sind gestern hier gewesen und haben alle fünf ihr Leid
geklagt,« sagte die Frau mit einem munteren Lachen.
»Das ist doch ver...«
»Nikolaus! Besinne dich! Du stehst jetzt nicht mehr hinterm
Ladentisch!«
»Was soll ich denn sagen, wenn ich wütend werde?«
»Erstens wird man nicht wütend, man wird böse! Und dann kann man sagen:
›Das ist sehr merkwürdig!‹«
»Nun, es ist also sehr merkwürdig, daß du mich immer mit unangenehmen
Dingen traktieren mußt. Sprich nicht ständig von so etwas, was mich in
Wut bringt.«
Ȁrgert, mein Alter! -- So, ich soll also immer meinen Kummer allein
tragen, du aber lastest ...«
»Lädst heißt es.«
»Lastest heißt es, deinen Ärger mir auf. Sag, hast du mir das
versprochen, als wir uns heirateten?«
»Nun, nun, nur keine Auseinandersetzungen, keine Logik! Sprich nur
weiter! Sie waren also alle fünf hier, die Mama und deine fünf
Schwestern!«
»Vier Schwestern! Du hast wirklich nicht viel Liebe zu deinen
Verwandten!«
»Zu deinen Verwandten! Das hast du doch auch nicht!«
»Nein! Ich mag sie nicht!«
»Nun also, sie waren hier und haben darüber gejammert, daß dein
Schwager aus dem Amt gejagt ist, das hatten sie im ›Vaterland‹ gelesen.
War es nicht so?«
»Jawohl! Und dann waren sie unverschämt genug, mir zu sagen, ich hätte
jetzt keine Berechtigung mehr, dicknäsig zu sein.«
»Hochmütig, Altchen!«
»Dicknäsig, haben sie gesagt; ich würde mich nie herabgelassen haben,
einen solchen Ausdruck anzuwenden!«
»Nun, was hast du denn geantwortet? Du hast es ihnen wohl ordentlich
gegeben?«
»Ja, darauf kannst du dich verlassen! Und zwar so, daß die Alte drohte,
nie mehr ihren Fuß über meine Schwelle zu setzen.«
»Ach, hat sie das gesagt? Glaubst du, daß sie Wort hält?«
»Nein, das glaube ich nicht! Aber sicher ist, daß der Alte ...«
»Du sollst nicht ›der Alte‹ von deinem Vater sagen, wenn einer es
hört.«
»Glaubst du, dann würde ich mir das erlauben? -- Jedenfalls kommt der
Alte -- unter uns -- nie mehr hierher.«
Falk versank in tiefes Nachdenken. Dann nahm er wieder das Wort:
»Ist deine Mutter hochmütig? Ist sie leicht zu verletzen? Ich verletze
so ungern Menschen, wie du weißt! Du mußt mir ihre schwachen,
empfindlichen Seiten aufzählen, dann werde ich vermeiden, ihnen zu nah
zu kommen.«
»Ob sie hochmütig ist? Das weißt du doch, auf ihre Art. Wenn sie
zum Beispiel erführe, daß wir eine Gesellschaft gegeben und sie und
die Schwestern nicht eingeladen hätten, dann würde sie nie wieder
herkommen.«
»Sicher nicht?«
»Ja, darauf kannst du dich verlassen!«
»Es ist merkwürdig, daß Leute ihres Standes ...«
»Was redest du?«
»Nun, nun! Daß Frauen so empfindlich sein können! Sag einmal, wie steht
es augenblicklich mit deinem Verein? Wie nanntest du ihn doch?«
»Für Frauenrechte!«
»Was sollen das für Rechte sein?«
»Nun, die Frau soll über ihr Vermögen selbst verfügen können.«
»Kannst du das denn nicht?«
»Nein, das kann ich nicht.«
»Ja, was hast du denn für Vermögen, über das du nicht verfügen darfst?«
»Dein halbes Vermögen, mein Alter! Meinen gesetzlichen Anteil als deine
Ehefrau!«
»Himmeldonnerwetter, wer hat dich solche Dummheiten gelehrt?«
»Das sind keine Dummheiten, das ist der Geist der Zeit, siehst du. Die
neue Gesetzgebung müßte so werden: Ich hätte bei unserer Heirat die
Hälfte bekommen müssen, und für diese Hälfte hätte ich kaufen können,
was ich wollte.«
»Und wenn du sie ausgegeben hättest, müßte ich dich doch versorgen? Ich
würde mich hüten!«
»Du würdest wohl dazu gezwungen werden, sonst kommst du ins
Arbeitshaus! So steht es im Gesetz, wenn einer seine Frau nicht
versorgen will.«
»Nein, höre einmal, jetzt geht es zu weit! Aber abgesehen davon: habt
ihr eine Sitzung gehabt? Was sind denn da für Leute gewesen? Erzähle
doch!«
»Wir stellen jetzt in den vorbereitenden Sitzungen erst die Statuten
auf.«
»Nun, was sind denn für Leute da?«
»Vorläufig erst Frau Revisor Homan und Ihre Gnaden Rehnhjelm.«
»Rehnhjelm! Das ist ein recht guter Name! Mir ist, als hätte ich ihn
schon früher einmal gehört. Aber war nicht auch von einem Nähverein die
Rede, den ihr gründen wolltet?«
»Stiften, heißt es! Ja, und denke nur, Pastor Skaare will einmal abends
kommen und eine Vorlesung halten.«
»Pastor Skaare ist ein vortrefflicher Prediger und verkehrt in
der vornehmen Welt. Es ist recht, mein Altchen, daß du schlechte
Gesellschaft meidest. Es gibt nichts Gefährlicheres für den Menschen
als schlechte Gesellschaft. Das hat mein Vater immer gesagt und das
ist einer meiner strengsten Grundsätze geworden.«
Die Frau las Brotkrümel auf und versuchte mit ihnen ihre leere
Kaffeetasse zu füllen; der Mann wühlte in der Westentasche nach seinen
Zahnstochern, um etwas Kaffee zu entfernen, der sich zwischen den
Zähnen festgesetzt hatte.
Die beiden Ehegatten genierten sich voreinander. Jeder kannte die
Gedanken des andern, und sie wußten, wer zuerst das Schweigen
brach, würde eine Dummheit sagen, etwas Kompromittierendes. Sie
suchten in aller Stille nach neuen Themen, prüften sie, fanden sie
aber untauglich; alle standen in irgendeiner Beziehung zu dem eben
Gesprochenen oder waren damit in Verbindung zu bringen. Falk versuchte
einen Fehler im Arrangement des Tisches zu entdecken, der sich seinen
Unwillen zuziehen konnte. Die Frau blickte aus dem Fenster, um
eventuell einen Wetterumschlag zu konstatieren, aber -- vergeblich.
Da kam der Diener und brachte mit den Zeitungen den Rettungsanker,
während er zugleich Herrn Levin meldete.
»Lassen Sie ihn warten!« befahl der Herr des Hauses.
Darauf ließ er die Stiefel eine Weile über die Dielen knarren, damit
der arme Wartende draußen auf dem Korridor beizeiten von seinem hohen
Kommen unterrichtet würde.
Levin, auf den das neu erfundene Warten auf dem Korridor einen
lebhaften Eindruck machte, wurde schließlich, zitternd, in das Zimmer
des Hausherrn geführt, wo er kurz wie ein Bittsteller empfangen wurde.
»Hast du das Wechselformular bei dir?« fragte Falk.
»Ich glaube,« antwortete der Bestürzte und holte ein Bündel
Schuldscheine und Wechselformulare aller möglichen Gattungen aus der
Tasche. -- »Zu welcher Bank möchtest du am liebsten gehen? Ich habe
Formulare für sozusagen alle.«
Trotz dem feierlichen Charakter der Situation mußte Falk lachen, als
er halbausgefüllte Schuldscheine sah, auf denen der eine Name fehlte,
ausgeschriebene Wechsel ohne Akzeptanten und fertige Wechsel, die
refüsiert worden waren.
»Wir nehmen wohl die Reiferbank,« sagte Falk.
»Das ist wirklich die einzige, die nicht geht, weil -- man -- mich dort
kennt!«
»Nun, dann die Schuhmacherbank, die Schneiderbank, irgend eine, aber
rasch!«
Man einigte sich auf die Schreinerbank.
»Nun,« sagte Falk mit einem Blick, als habe er die Seele des andern
gekauft, »jetzt mußt du dir einen neuen Anzug bestellen, aber bei einem
Uniformschneider, damit du später deine Uniform auf Kredit bekommst.«
»Uniform? Die brauche ich nicht ...«
»Schweig, wenn ich spreche! Sie muß Donnerstag nächster Woche fertig
sein, wenn ich meine große Gesellschaft gebe. Du weißt, ich habe mein
Geschäft mit Lager verkauft und bekomme morgen das Bürgerrecht als
Großhändler.«
»Oh, ich gratuliere ...«
»Schweig, wenn ich spreche! Jetzt gehst du nach Skeppsholm und machst
einen Besuch! Durch dein falsches Wesen und dein unerhörtes Talent,
Unsinn zu schwatzen, hast du meine Schwiegermutter erobert. Gut! Nun
frage sie, wie sie über meine große Gesellschaft am vorigen Sonntag
denkt.«
»Über deine ...? Hast du ...?«
»Schweig und gehorche nur! -- Dann wird sie grüne Augen machen und
fragen, ob du eingeladen gewesen seist! Das bist du natürlich nicht,
da ich überhaupt keine Gesellschaft gegeben habe. Gut! Ihr äußert
gegenseitig euer Mißvergnügen, werdet gute Freunde, verleumdet mich,
ich weiß, das kannst du; aber meine Frau mußt du loben! Verstehst du?«
»Nein, nicht ganz!«
»Das brauchst du auch nicht, gehorche nur! Noch eins: Du kannst Nyström
sagen, ich sei so hochmütig geworden, daß ich nicht mehr mit ihm
verkehren wolle. Sage das rundheraus, dann sagst du doch einmal die
Wahrheit! -- Nein, halt! Wir wollen damit noch etwas warten. Du gehst
zu ihm, sprichst von der Bedeutung des Donnerstags, stellst ihm die
großen Vorteile vor, die vielen Wohltaten, die glänzenden Aussichten
und so weiter. Du verstehst.«
»Ich verstehe!«
»Aber dann gehst du zum Buchdrucker mit dem Manuskript, und dann ...«
»Dann stoßen wir ihn nieder!«
»Ja, wenn du dich so ausdrücken willst, meinetwegen!«
»Und ich lese auf der Gesellschaft die Verse vor und teile sie aus?«
»Hm, ja! Noch eins! Versuche mit meinem Bruder zusammenzukommen!
Erkunde seine ganzen Verhältnisse und mit wem er verkehrt! Hefte dich
an ihn, stiehl sein Vertrauen -- das ist leicht; werde sein Freund!
Sage ihm, ich hätte ihn betrogen, sage ihm, ich sei hochmütig, und
frage ihn, wieviel er dafür verlangt, seinen Namen abzulegen!«
Levins weißes Gesicht wurde von einem leichten grünen Schatten
überzogen, der ein Erröten vorstellen sollte.
»Dies letzte ist nicht schön,« sagte er.
»Was? Hör einmal! Noch eins! Als Geschäftsmann möchte ich meine
Angelegenheiten in Ordnung haben! Ich bürge für eine soundso große
Summe, -- ich muß sie bezahlen, das ist doch klar!«
»Oh! Oh!«
»Ach rede nicht! Im Falle eines Todes habe ich keine Sicherheit.
Schreibe mir diesen Schuldschein aus, ausgestellt auf den Inhaber und
auf Sicht zahlbar; das ist ja nur eine Formalität!«
Bei dem Worte Inhaber ging ein leichtes Zittern durch Levins Glieder,
und er faßte zögernd die Feder, obwohl er genau wußte, daß es keinen
Rückzug gab. Er sah eine Perspektive von schäbigen Kerlen, die
Spalier standen, mit Stöcken in den Händen, Kneifern vor den Augen,
die Brusttaschen geschwollen von gestempelten Schriftstücken, er
hörte Klopfen an Türen, Laufen auf Treppen, Vorladungen, Drohungen,
Fristgewährungen; hörte die Rathausuhr schlagen, während die Männer
ihre spanischen Rohre schulterten und er mit einem Klotz am Bein zum
Richtplatz geführt wurde, wo man ihn selber laufen ließ, während seine
Bürgerehre beim Jubel der Menge unter dem Beil fiel.
Er unterschrieb. Die Audienz war zu Ende.
Zehntes Kapitel
Zeitungsaktiengesellschaft »Graumützchen«