Hause, dessen Fassade vom Erdgeschoß bis zum Dachfirst mit Schildern
bedeckt war: Christliche Buchdruckerei Friede, A.-G., 2. Stock;
»Das Erbe der Gotteskinder«, Redaktion, Zwischenstock; Expedition
vom Jüngsten Gericht, 1. Stock; Expedition der Friedensposaune, 2.
Stock; Redaktion der Kinderzeitschrift: Nähre meine Lämmer, 1. Stock;
Direktion der Christlichen Bethausaktiengesellschaft Gnadenstuhl,
vermittelt Auszahlungen und bewilligt Darlehn gegen erste Hypothek,
3. Stock; Kommt zu Jesus, 3. Stock. Achtung!(symbol) Ordentliche
Verkäufer, die Kaution stellen können, finden Beschäftigung.
Missionsaktiengesellschaft Adler verteilt den Gewinn des Jahres 1867 in
Kupons, 2. Stock; Kontor des Christlichen Missionsdampfers Zululu, 2.
Stock.
(symbol) Der Dampfer geht, so Gott will, am 28. cr. ab. Güter werden
gegen Konnossement und Zertifikat im Kontor Schiffsbrücke, an der
Dampferladestelle, angenommen.
Der Nähverein Bienenkorb nimmt Gaben im Erdgeschoß entgegen.
Priesterkrausen werden gewaschen und geplättet beim Portier! Oblaten
1,50 pro Pfund, beim Portier! Achtung! Schwarze Frackanzüge, passend
für Konfirmanden, zu verleihen. Ungegorener Wein (Matth. 26, 28) zu
verkaufen beim Portier, 75 Öre pro Kanne, ohne Gefäß.
Unten, links von der Haustür, war eine christliche Buchhandlung.
Falk blieb stehen und las die Titel der im Fenster ausgelegten
Bücher. Es war das Althergebrachte: indiskrete Fragen, unverschämte
Beschuldigungen, verletzende Vertraulichkeiten, alles längst und
gründlich bekannt. Aber was seine Aufmerksamkeit mehr anzog, waren die
vielen illustrierten Zeitschriften, die mit ihren großen, englischen
Holzschnitten aufgeschlagen lagen, um die Leute anzulocken. Die
Kinderzeitschriften besonders hatten ein interessantes Programm, und
der Buchhandlungsgehilfe wußte zu erzählen, daß alte Männer und Frauen
stundenlang vor dem Fenster stehen und die Illustrationen betrachten
konnten, die ihre frommen Gemüter zu rühren und die Erinnerung an eine
entschwundene, vielleicht in Torheit entschwundene Jugend wachzurufen
schienen. Falk wurde einen Augenblick von einem gottlosen Gedanken
ergriffen, den er aber sofort zu dem sittlichen Inselvolk schickte, das
Brot ißt und sein Blut trinkt, und er schämte sich seines Gedankens.
Er steigt zwischen pompejanischen Wandmalereien die breiten Treppen
hinauf, die lebhaft an den Weg erinnern, der nicht zur Seligkeit
führt, und kommt dann in ein großes Zimmer, das wie der Saal einer
Bank eingerichtet ist, mit Pulten, die noch nicht von Kassierern und
Buchhaltern eingenommen sind. Mitten im Zimmer steht ein Schreibtisch,
groß wie ein Altar, einer Orgel mit vielen Registern gleichend; die
Register werden hier von einer ganzen Klaviatur von Knöpfen für
Lufttelegraphen mit trompetenähnlichen Sprachrohren gebildet, die die
Verbindung mit allen Räumen des Gebäudes herstellen. Daneben steht ein
großer Mann in Reitstiefeln, den Priesterrock mit einem Knopf oben am
Halse zugeknöpft, so daß er wie ein offner Uniformrock aussieht, mit
weißem Halstuch und einer Seekapitänsmaske darüber, denn das richtige
Gesicht ist in einer Pultschublade oder einer Packkiste verschwunden.
Der große Mann peitscht seine blanken Stiefelschäfte mit einer
Reitgerte, deren Knauf, symbolisch, von einem Pferdefuß gebildet wird,
und raucht eine starke Regalia, die er eifrig kaut, anscheinend um
den Mund in Tätigkeit zu halten. Falk betrachtet den großen Mann mit
Erstaunen.
Dies war also die letzte Mode dieser Art Menschen, denn auch in
Menschen gibt es Moden. Dies war der große Verkünder, dem es gelungen
war, eine Mode daraus zu machen, sündig zu sein, nach Gnade zu dürsten,
elend, armselig, erbärmlich, mit einem Wort irgendwie schlecht zu
sein. Dieser Mann hatte die Erlösung fashionabel gemacht! Er hatte ein
Evangelium für die Große Parkstraße gefunden! Die Gnadenordnung war
Sport geworden. Man veranstaltete Wettrennen in Sündigkeit, bei denen
der Schlechteste den Preis errang; man stellte Schnitzeljagden nach
armen Seelen an, die erlöst werden sollten; aber es gab auch, gestehen
wir das, Treibjagden nach Opfern, an denen man sich in Besserung üben
wollte, indem man sie zum Gegenstand der grausamsten Wohltätigkeit
machte.
»Ach, Herr Falk, Sie sind es!« sagt die Maske. »Willkommen, mein
Freund! Sie wollen sich wohl meine Tätigkeit ansehen! Verzeihen Sie,
Herr Falk, Sie sind doch erlöst? Ja! Nun also! Dies ist die Expedition
der Druckerei-Aktiengesellschaft -- entschuldigen Sie einen
Augenblick.«
Er tritt an die Orgel und zieht ein paar Register, worauf man als
Antwort ein Pfeifen hört.
»Bitte, sehen Sie sich einstweilen hier um!«
Er setzt den Mund an eine Trompete und ruft: »Siebente Posaune und
achtes Weh! Nyström! Schrift Mediäval, 8, vorrätig, Überschriften
Fraktur, Namen gesperrt!«
In derselben Trompete antwortet eine Stimme: »Das Manuskript fehlt!«
Die Maske setzt sich an die Orgel, nimmt eine Feder und einen Bogen
Papier und läßt die Feder über das Papier gleiten, während er durch die
Zigarre spricht.
»Diese Tätigkeit -- hat -- solchen Umfang angenommen, -- daß sie --
nahezu meine -- Kräfte übersteigt, -- und -- meine -- Gesundheit würde
schlechter sein -- als -- sie ist, -- wenn -- ich sie nicht -- so gut
pflegte.«
Er springt auf, zieht ein anderes Register und ruft in eine andere
Trompete hinein: »Korrektur von ›Hast du deine Schulden bezahlt?‹« --
Und dann fährt er fort, zugleich zu sprechen und zu schreiben:
»Sie wundern -- sich, -- warum -- ich Reitstiefel -- anhabe. Das hat
seinen Grund -- darin, -- daß ich -- viel reite, -- meiner Gesundheit
-- wegen ...«
Ein Laufjunge bringt die Korrektur. Die Maske reicht sie Falk und sagt
mit der Nase -- weil der Mund beschäftigt ist -- »lesen Sie das!«,
während er mit den Augen dem Jungen zuschreit: »Warten!«
»Zweitens -- (mit einer Bewegung der Ohren sagt er prahlerisch zu Falk:
Hören Sie, daß ich orientiert bin) -- weil ich finde, -- daß ein Mann
des Geistes -- sich -- durch sein -- Äußeres nicht von andern Menschen
-- unterscheiden sollte, -- denn das -- nennt -- man geistigen --
Hochmut, und -- es gibt nur -- Anlaß zu -- Lästerungen.«
Ein Buchhalter tritt ein und wird von der Maske mit der Stirnhaut
begrüßt, der einzigen Partie, die nicht in Anspruch genommen ist.
Um nicht müßig dazusitzen, nimmt Falk die Korrektur zur Hand und liest.
Die Zigarre spricht weiter.
»Alle andern -- Menschen -- haben Reitstiefel, -- ich -- möchte mich --
um keinen Preis von ihnen unterscheiden, -- äußerlich, -- deshalb, --
weil -- ich kein -- Heuchler bin, -- trage ich -- Reitstiefel.«
Darauf gibt er dem Laufjungen das Manuskript und schreit -- mit dem
Munde: »Vier Winkelhaken Siebente Posaune für Nyström!« -- Und dann zu
Falk gewendet:
»Jetzt bin ich fünf Minuten frei! Wollen Sie, bitte, in den Lagerraum
eintreten?«
Zum Buchhalter:
»Was lädt der Zululu?«
»Branntwein,« antwortet der Buchhalter mit einer rostigen Stimme.
»Geht das?« fragt die Maske.
»Es geht!« antwortet der Buchhalter.
»Nun, dann in Gottes Namen! -- Kommen Sie, Herr Falk.«
Sie betreten ein Zimmer, das mit Regalen voll Bücherstößen bekleidet
ist. Die Maske schlägt mit der Reitgerte auf die Rücken der Bücher und
sagt hochmütig -- ohne Umschweife:
»Dies habe ich geschrieben! Was sagen Sie dazu? Ist das nicht viel?
Sie schreiben ja auch -- etwas! Wenn Sie sich dranhalten, werden Sie
eines Tages auch so viel schreiben! --« Er biß und riß an der Zigarre
und spuckte die Stückchen aus, die wie Schmeißfliegen umherschwirrten,
bevor sie sich auf die Rücken der Bücher setzten; dabei machte er ein
Gesicht, als denke er an etwas Verächtliches.
»Versöhnungsfackel? Hm! Ich finde, das ist ein dummer Name! Finden Sie
das nicht auch? Haben Sie ihn sich selbst ausgedacht?«
Zum erstenmal hatte Falk Gelegenheit, ihm zu antworten, denn wie alle
großen Männer beantwortete er sich seine Fragen selbst; Falks Antwort
war nein. Weiter kam er nicht, denn die Maske war schon wieder in Gang.
»Ich finde, das ist ein sehr dummer Name! Und Sie glauben, er zieht?«
»Ich weiß nichts von der Sache und begreife nicht, wovon Sie sprechen.«
»Sie wissen nichts?«
Er nimmt eine Zeitung und zeigt sie.
Falk liest mit Bestürzung folgende Anzeige:
»Zur Subskription: Die Versöhnungsfackel. Zeitschrift für die
christliche Welt. Erscheint demnächst, unter der Redaktion von Arvid
Falk (Preisträger der Akademie der Wissenschaften). Das erste Heft
enthält Haakan Spegels ›Gottes Schöpfung‹, eine Versdichtung von
anerkannt religiösem Geist und tiefer Christlichkeit.«
Er hatte vergessen, auch den Spegel abzulehnen, und nun stand er
sprachlos da.
»Wie groß ist die Auflage, he? -- Zweitausend, vermute ich. -- Zu
wenig! Hat keinen Zweck! Mein Jüngstes Gericht hat zehntausend, und ich
stecke doch nicht mehr als -- was soll ich sagen -- fünfzehn netto
ein!«
»Fünfzehn?«
»Tausend, junger Mann!«
Die Maske schien ihre Rolle vergessen zu haben und in alte Gewohnheiten
zu verfallen.
»Nun also,« fuhr er fort. »Sie wissen, daß ich ein beliebter Prediger
bin, ich kann das ohne Prahlerei sagen, denn die ganze Welt weiß es.
Sie wissen, daß ich sehr beliebt bin, ich kann es nun einmal nicht
ändern, es ist so. Ich wäre ein Heuchler, wenn ich sagte, ich wüßte
nicht, was die ganze Welt weiß! Also gut, ich werde Ihr Unternehmen im
Anfang unterstützen. Sehen Sie sich diesen Sack hier an. Wenn ich Ihnen
sage, daß er Briefe enthält, von Damen -- ja, ja, beruhigen Sie sich,
ich bin verheiratet --, die mich um meine Photographie bitten, so habe
ich nicht zuviel gesagt.«
Es war aber in Wirklichkeit nur ein Beutel, den er aufpeitschte.
»Um den Damen und mir viel Mühe zu ersparen und zugleich einem Menschen
einen großen Dienst zu leisten, gedenke ich, Ihnen die Erlaubnis zu
geben, meine Biographie zu schreiben, mit Bild, wodurch Ihre erste
Nummer in Zehntausenden von Exemplaren abgesetzt würde und Sie mit
dieser einen Nummer rund tausend Kronen in die Tasche stecken könnten.«
»Aber Herr Pastor --« (er hätte beinahe Kapitän gesagt) -- »ich weiß
nichts von dieser Sache!«
»Macht nichts! Gar nichts! Der Verleger hat mir selbst geschrieben
und um mein Bild gebeten. Und Sie sollen meine Biographie schreiben!
Um Ihnen die Arbeit zu erleichtern, habe ich von einem Freund den
Hauptinhalt aufsetzen lassen, so daß Sie nur eine Einleitung zu
schreiben brauchen -- kurz und ausdrucksvoll, ein paar Winkelhaken
höchstens! Jetzt wissen Sie es!«
Falk war verzagt über so viel weise Voraussicht, und wunderte sich, daß
die Photographie dem Original so unähnlich war und die Handschrift des
Freundes der der Maske so völlig glich.
Die Maske hatte ihm Bild und Manuskript überreicht und streckte ihm
jetzt die Hand hin, um sich danken zu lassen.
»Grüßen Sie -- den Verleger!« -- Er war so nahe daran, Smith zu sagen,
daß eine leichte Röte zwischen seinen Backenbärten aufstieg.
»Aber Sie kennen meine Anschauungen ja nicht, Herr Pastor,«
protestierte Falk.
»Anschauungen? He? Habe ich nach Ihren Anschauungen gefragt? Ich
verlange die Anschauungen eines Menschen nie zu wissen! Gott behüte
mich! Ich? Nie!«
Er peitschte noch einmal die Rücken seiner Verlagsartikel, öffnete
die Tür, begleitete seinen Biographen hinaus und kehrte zu seinem
Altardienst zurück.
Falk konnte wie gewöhnlich, und das war sein Unglück, erst hinterher
die passende Antwort finden, und er war schon unten auf der Straße,
als sie ihm einfiel. Eine Kellerluke, die zufällig offen stand (und
nicht mit Plakaten bedeckt war) nahm Biographie und Porträt in ihren
Schoß auf.
Darauf ging er in die nächste Zeitungsredaktion, um einen Protest
gegen die »Versöhnungsfackel« in die Presse zu bringen und dann einem
sicheren Hungertode entgegenzugehen.
Achtes Kapitel
Armes Vaterland!
Es schlug zehn von der Riddarholmskirche einige Tage später, als
Falk vor dem Reichstagsgebäude anlangte, um den Berichterstatter
des »Rotkäppchens« in der Zweiten Kammer zu unterstützen. Er
beschleunigte seine Schritte, denn in diesem Amt, wo man ordentlich
bezahlt wurde, mußte man doch wohl auf den Glockenschlag zur Stelle
sein, dachte er. Er ging die Ausschußtreppe hinauf und wurde auf die
linke Berichterstattertribüne der Zweiten Kammer gewiesen. Mit einem
gewissen feierlichen Gefühl betrat er die wenigen Planken, die wie
ein Taubenschlag unter der Decke aufgehängt waren, damit »die Männer
des freien Worts von hier aus hören sollten, wie die heiligsten
Interessen des Landes von seinen würdigsten Mitgliedern diskutiert
wurden«. Dies Ganze war Falk völlig neu, aber er wurde von keinem
großen Eindruck überwältigt, als er von seinem Verschlag niederblickte
und unter sich den leeren Saal sah, der lebhaft an eine Lancastersche
Schule erinnerte. Es war fünf Minuten nach zehn, aber noch war außer
ihm keine lebende Seele anwesend. Einige Minuten lang herrschte eine
Stille wie in einer Dorfkirche vor der Predigt; ein leises Knabbern
tönte durch den Saal. Eine Ratte, denkt er; aber dann entdeckt er auf
der Berichterstattertribüne gerade gegenüber eine kleine, verhutzelte
Gestalt, die auf dem Geländer einen Bleistift anspitzt, und er sieht,
wie die Späne niederschneien und sich unten auf die Tische legen. Es
gibt hier nicht vieles, worauf seine Augen ruhen können, als sie an den
leeren Wänden umhertasten, aber sie heften sich schließlich auf die
alte Wanduhr aus den Zeiten Napoleons +I.+, deren kaiserliche,
frisch vergoldete Embleme den aufgewärmten Kohl symbolisieren; aber
auch die Zeiger, die zehn Minuten über zehn zeigen, sind -- ironisch
-- ein Symbol für etwas, als die Türen im Hintergrunde sich öffnen,
und ein Mann hereintritt. Er ist alt; seine Schultern beugen sich
schon unter der Last der öffentlichen Ämter, sein Rücken krümmt sich
unter dem Gewicht der kommunalen Missionen, sein Hals ist durch das
lange Sitzen in feuchten Amtszimmern, Komiteesälen, Bankgewölben
usw. aus der Fasson gekommen, es liegt etwas Pensioniertes in seinen
leidenschaftslosen Schritten über den langen Kokosläufer, der zum
Rednerpult führt. Als er in die Mitte des Ganges kommt, in die Nähe
der kaiserlichen Uhr, bleibt er stehen -- er scheint es gewohnt zu
sein, mitten auf dem Wege stehenzubleiben und umherzuschauen, aber auch
zurück; jetzt jedoch bleibt er stehen, vergleicht seine Spindeluhr mit
der Wanduhr, und schüttelt unzufrieden den alten, verbrauchten Kopf:
zu schnell, zu schnell! und sein Gesicht drückt eine überirdische Ruhe
aus, die Beruhigung, daß seine Uhr nicht zu langsam gehen kann. Er
setzt seine Wanderung durch den Gang mit den gleichen Schritten fort,
als gehe er auf sein Lebensziel zu, und es ist sehr die Frage, ob er
es nicht dahinten in dem ehrenvollen Lehnstuhl neben dem Rednerpult
gefunden hat.
Als er das Ziel erreicht hat, macht er halt, holt sein Taschentuch
heraus und schnäuzt sich im Stehen; darauf läßt er den Blick über die
lauschende Zuhörerschar von Bänken und Tischen schweifen und sagt
ein paar bedeutungsvolle Worte, zum Beispiel: »Meine Herren, jetzt
habe ich mich geschnäuzt.« Dann setzt er sich und versinkt in eine
präsidentenhafte Ruhe, die Schlummer sein könnte, wenn sie nicht
Wachen wäre; und, wie er glaubt, allein in dem großen Raum, allein mit
seinem Gott, schickt er sich an, Kräfte zu sammeln für die Arbeit des
kommenden Tags, als ein starkes Knabbern von links, hoch oben unter
dem Dach, ihn aufschreckt; er wirft den Hals herum, daß er mit einem
Dreiviertelblick die Ratte morden kann, die in seiner Gegenwart zu
knabbern wagt. Falk, der die Stärke der Resonanz in dem Taubenschlag
nicht berechnet hatte, nimmt den Todesstoß von dem mordenden Blick
entgegen, der sich jedoch beim Niedergleiten von der Decke mildert und
leise flüstert -- denn laut wagt er es nicht zu sagen: »Es war nur
ein Berichterstatter; ich fürchtete, es sei eine Ratte!« Dann aber
überkommt den Mörder tiefe Reue über die Sünde, die sein Auge begangen
hat, und er verbirgt sein Gesicht in der Hand -- und weint? -- Nein, er
reibt den Fleck fort, den der Anblick eines widrigen Gegenstandes auf
der Netzhaut seines Auges hervorgerufen hat.
Nun aber beginnen sich die Türen zu öffnen, die Mitglieder kommen, und
die Zeiger der Wanduhr kriechen vorwärts, immer weiter vorwärts. Der
Vorsitzende teilt in Form von Händedrücken und Grüßen Gratifikationen
an die Guten aus und straft die Bösen, indem er sein Gesicht von ihnen
abwendet, denn er muß gerecht sein wie der Höchste.
Jetzt kommt der Berichterstatter vom »Rotkäppchen«, häßlich, nicht ganz
nüchtern und verschlafen; trotzdem scheint er ein Vergnügen darin zu
finden, die Fragen des Neulings wahrheitsgemäß zu beantworten.
Noch einmal öffnen sich die Türen sperrangelweit, und herein kommt
ein Herr mit so sicheren Schritten, als sei er hier zu Hause, der
Kammerverweser aus der Steuereinschätzungskanzlei, der Aktuar aus dem
Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter; er geht sogar bis an den
Sessel, begrüßt den Vorsitzenden wie einen alten Bekannten und wühlt in
den Papieren, als wären es seine eigenen.
»Wer ist das?« fragt Falk.
»Das ist der Oberschreiber,« antwortet der Freund vom »Rotkäppchen«.
»Was? Schreibt ihr hier auch?«
»Auch! Das wirst du bald sehen! Sie haben ein ganzes Stockwerk voller
Schreiber; die ganzen Böden sitzen voll, und bald werden auch im Keller
Schreiber sitzen!«
Jetzt wimmelt es da unten wie in einem Ameisenhaufen. Der Hammer
schlägt auf den Tisch, und es wird still. Der Oberschreiber verliest
das Protokoll der vorigen Tagung, das ohne Widerspruch genehmigt wird.
Dann verliest er ein Gesuch um vierzehntägigen Urlaub für Jon Jonsson
aus Lerbak.
Wird bewilligt!
»Gibt es hier auch Urlaube?« fragt der Neuling verwundert.
»Aber natürlich. Jon Jonsson muß nach Hause und in Lerbak Kartoffeln
pflanzen.«
Jetzt beginnt sich die Estrade mit jungen Leuten zu füllen, die mit
Feder und Papier bewaffnet sind. Lauter alte Bekannte aus Falks
Hilfsarbeiterzeit. Sie lassen sich an kleinen Tischen nieder, als
wollten sie Preference spielen.
»Das sind die Schreiber,« erklärt das »Rotkäppchen«. -- »Sie scheinen
dich zu erkennen!«
Und das ist wirklich der Fall, denn sie setzen ihre Kneifer auf und
blicken alle nach dem Taubenschlag hinauf, genau so herablassend, wie
die Parkettbesucher im Theater nach der Galerie hinaufsehen. Jetzt
flüstern sie untereinander und tauschen Ansichten über einen Abwesenden
aus, der sich allem Anschein nach auf dem Stuhl befinden muß, auf dem
Falk sitzt. Falk fühlt sich von so viel Aufmerksamkeit so tief gerührt,
daß er Struve, der verschlossen, ungeniert, schmutzig und konservativ
den Taubenschlag betritt, nicht allzu freundlich begrüßt.
Der Oberschreiber verliest einen Antrag auf Bewilligung neuer
Binsenmatten für das Vestibül und neuer Messingnummern für den
Galoschenständer.
Bewilligt!
»Wo sitzt die Opposition?« fragt der Uneingeweihte.
»Ja, du, das weiß der Teufel, wo die sitzt.«
»Sie sagen doch zu allem ja!«
»Warte nur noch ein bißchen, dann wirst du schon hören!«
»Sind sie denn noch nicht hier?«
»Hier kommt und geht man, wie es einem gefällt.«
»Das ist ja genau wie bei einer Behörde.«
Der konservative Struve, der diese leichtfertige Rede gehört hat, meint
die Regierung repräsentieren zu müssen.
»Was redet der kleine Falk da? Er soll nicht murren!«
Falk braucht eine so lange Zeit, um die passende Antwort zu finden, daß
die Verhandlungen unten ihren Anfang nehmen.
»Du mußt dich nicht um ihn kümmern,« tröstet das »Rotkäppchen«; »er ist
immer konservativ, wenn er Geld zum Mittagessen hat, und er hat vorhin
fünf Kronen von mir gepumpt!«
Der Oberschreiber liest: »54. Bericht des Ausschusses über Ola Hipssons
Antrag auf Abschaffung der Pfahlzäune.«
Holzhändler Larsson aus Norrland fordert unbedingte Annahme: »Was soll
aus unsern Wäldern werden?« ruft er; »ich will nur fragen: was soll aus
unsern Wäldern werden?« Und er wirft sich keuchend auf die Bank nieder.
Diese kernige Beredsamkeit ist in den letzten zwanzig Jahren aus der
Mode gekommen, und die Szene wird mit Zischen aufgenommen, worauf das
Schnaufen auf der norrländischen Bank von selber aufhört.
Der Vertreter Ölands schlägt Sandsteinmauern vor; der Vertreter von
Schonen bevorzugt Buchsbaumhecken; die Leute aus Norrbotten sind
der Ansicht, daß Pfahlzäune unnötig sind, wenn man keine Äcker hat,
und ein Redner auf der Stockholmer Bank meint, die Frage müsse an
eine Kommission von Sachverständigen, er betont Sachverständigen,
verwiesen werden. Da aber bricht ein Sturm los. Lieber den Tod als eine
Kommission! Man verlangt Abstimmung. Der Antrag wird abgelehnt, und die
Pfahlzäune werden stehenbleiben, bis sie von selber umfallen.
Der Oberschreiber liest: 66. Bericht des Ausschusses über Karl Jönssons
Antrag auf Aufhebung des Beitrages für die Bibelkommission. Bei diesem
ehrwürdigen Namen einer hundertjährigen Institution hört sogar das
Grinsen auf, und ein ehrfurchtsvolles Schweigen entsteht im Saal. Wer
würde es wagen, die Religion in ihren Grundfesten anzugreifen? Wer
würde es wagen, sich der allgemeinen Verurteilung auszusetzen? Der
Bischof von Ystad bittet ums Wort.
»Soll ich schreiben?« fragt Falk.
»Nein, das geht uns nichts an, was er sagt.«
Aber der konservative Struve schreibt das folgende Referat:
»Die heil. Interessen des Vaterlandes. Im Namen der Religion und
der Menschlichkeit. 829. 1632. Ketzer. Neuerungssucht. Gottes
Wort. Menschenwort. Hundert Jahre. Ansgar. Eiferer. Biederk.
Unparteilichkeit. Fähigkeit. Lehre. Bestand der schwed. Kirche. Uralte
schwedische Ehre. Gustaf +I.+ Gust. +II.+ Höhen von Lützen.
Augen Europas. Urteil der Nachwelt. Trauer, Schande. Der grüne Rasen.
Wasche meine Hände. Sie haben es nicht gewollt.«
Karl Jönsson bittet ums Wort.
»Jetzt schreiben wir,« sagt das »Rotkäppchen«.
Und sie schreiben, während Struve den Samt des Bischofs bestickt.
»Unsinn. Große Worte. Kommission tagte hundert Jahre. Kosten
hunderttausend Kr., neun Erzbischöfe, dreißig Prof., Upsala zus.
fünfhundert Jahre. Diätare. Sekretäre. Gehilfen. Nichts geleistet.
Probebogen. Schlechte Arbeit. Geld, Geld, Geld! Jedes Ding beim rechten
Namen! Humbug. Beamten. Aussaugesystem.«
Nicht eine Stimme erhebt sich, aber bei der geheimen Abstimmung wird
der Antrag angenommen.
Während das »Rotkäppchen« mit geübter Hand die holperigen Ausführungen
Jönssons zurechtstutzt und eine packende Überschrift darüber setzt,
ruht Falk sich aus. Als aber seine Augen die Zuhörertribüne streifen,
treffen sie auf einen bekannten Kopf, der auf der Barriere liegt und
dessen Besitzer Olle Montanus heißt. Er sieht in diesem Augenblick aus
wie ein Hund, der einen Knochen bewacht. Nicht ohne Grund sah er so
aus, aber das wußte Falk nicht, da Olle sehr verschwiegen war.
Jetzt erschien unten bei der Bank unter der rechten Galerie, gerade
an der Stelle, wo die verhutzelte Gestalt die Späne des Bleistifts
hatte niederschneien lassen, ein Herr in blauer Beamtenuniform mit dem
Dreispitz unter dem Arm und einer Papierrolle in der Hand.
Der Hammer fiel auf den Tisch, und es entstand ein ironisches,
boshaftes Schweigen.
»Schreib,« sagte das »Rotkäppchen«, »aber nimm nur die Zahlen. Ich
nehme das andere.«
»Wer ist das?«
»Das sind königliche Anträge.«
Jetzt wurde aus der Papierrolle vorgelesen: »Antrag Seiner Majestät
des Königs auf Erhöhung des Beitrags von 50000 Kr. für das Amt zur
Vervollkommnung adliger Jünglinge in lebenden Sprachen, unter Rubrik
Schreibmaterialien und Ausgaben auf 56000 Kr. 37 Öre.«
»Was sind das für Ausgaben?« fragte Falk.
»Wasserkaraffen, Schirmständer, Spucknäpfe, Jalousien, Diners in
Hasselbacken, Gratifikationen und dergleichen. Halt den Mund; es kommt
noch mehr!«
Die Papierrolle fährt fort: »Antrag Seiner Majestät des Königs auf
Einrichtung von sechzig neuen Offiziersstellen in der westgotländischen
Kavallerie.«
»Waren es sechzig?« fragte Falk, dem staatsmännische Angelegenheiten
völlig fremd waren.
»Sechzig waren es! Schreibe nur!«
Die Papierrolle entrollte sich knisternd und wurde immer größer und
größer.
»Antrag Seiner Majestät des Königs, fünf neue ordentliche
Kanzlistenstellen einzurichten in dem Kollegium für Auszahlung der
Beamtengehälter.«