von der Akademie will ich nicht haben, denn die kennt alle Welt, und im
übrigen ist der Stoff religiös.«
»Du willst etwas Feineres haben? +Oui!+ Ich verstehe! Wenn sie
nicht nackt sein müßte, könnte ich vielleicht ...«
»Sie soll gar nicht nackt sein, bist du verrückt, unter so vielen
Männern; im übrigen ist es ein religiöser Stoff ...«
»Ja, ja, das wissen wir schon. Sie soll jedenfalls ein Kostüm anhaben,
etwas orientalisch, soll vornübergebeugt dastehen, denke ich mir, und
tun, als höbe sie etwas vom Boden auf, soll die Schultern, den Hals und
die ersten Rückenwirbel zeigen, ich verstehe! Aber religiös, natürlich,
wie Magdalena! +Oui!+ Vogelperspektive, jawohl!«
»Du mußt doch auch mit allem deinen Scherz treiben und alles
herabziehen!«
»Zur Sache! Zur Sache! Du sollst ein Modell haben, denn das muß man
haben; du selber kennst keins! Gut! Deine religiösen Gefühle verbieten
dir, eins zu beschaffen, also werden Rehnhjelm und ich, wir beiden
leichtsinnigen Gesellen, dir eins besorgen!«
»Es muß ein anständiges Mädchen sein, das sage ich im voraus!«
»Natürlich, ja! Wir wollen sehen, was wir in der Sache tun können,
übermorgen, wenn wir Geld bekommen!«
Und dann wurde wieder gemalt, schweigend und still, bis die Uhr vier
wurde, bis sie fünf wurde. Dann und wann warf man unruhige Blicke auf
den Weg hinaus. Sellén brach zuerst das bange Schweigen.
»Olle bleibt lange aus! Es ist ihm bestimmt etwas zugestoßen!« sagte
er.
»Ja, es geht nicht mit rechten Dingen zu; aber warum mußt du auch immer
diesen armen Teufel schicken? Du kannst doch deine Besorgungen selbst
machen!«
»Ach, er hat nichts weiter zu tun, und er geht so gern!«
»Das kannst du nicht wissen, und übrigens will ich dir sagen: man weiß
nicht, wie Olle endet. Er hat große Pläne und kann jeden Tag wieder
auf den Beinen sein, und dann wäre es gut, zu seinen Freunden zu
zählen!«
»Ach, was du sagst! Was hat er denn Großes vor? Ich glaube wohl, daß
Olle ein großer Mann wird, wenn auch nicht als Bildhauer! Aber was
trödelt dieser entsetzliche Kerl! Hältst du es für möglich, daß er das
Geld vertut?«
»O ja! Er hat schon lange nichts gekriegt, und die Versuchung kann zu
groß gewesen sein,« antwortete Lundell und schnallte den Schmachtriemen
zwei Löcher enger, während er überlegte, was er an Olles Stelle getan
haben würde.
»Ja, man ist ja auch nur ein Mensch, und jeder ist sich selbst der
Nächste,« stimmte Sellén bei, der genau wußte, was er getan hätte. »Ich
kann aber nicht warten; ich muß Farbe haben, und wenn ich sie stehlen
soll! Ich gehe zu Falk!«
»Willst du den armen Kerl schon wieder aussaugen! Du hast ihm doch
gestern erst das Geld für den Rahmen abgenommen! Und das war nicht
wenig!«
»Ach, lieber Freund! Ich bin nun einmal gezwungen, der Scham den Kopf
abzubeißen, es hilft nichts! Was muß man nicht alles auf sich nehmen!
Übrigens ist Falk ein hochherziger Mann, der für jede Situation
Verständnis hat. Jetzt gehe ich aber! Wenn Olle nach Hause kommt, so
sage ihm, er sei ein Rindvieh! Adieu einstweilen! Komm ins Rote Zimmer,
dann wollen wir sehen, ob der liebe Gott so gnädig ist, uns etwas Essen
zu bescheren, ehe die Sonne untergeht! -- Schließe die Tür ab, wenn du
gehst, und lege den Schlüssel unter die Schwelle! Adieu!«
Er ging, und nicht lange danach stand er vor Falks Tür in der
Grafmagnistraße. Er klopfte, bekam aber keine Antwort! Da öffnete er
die Tür und trat ein. Falk, der wahrscheinlich unruhige Träume gehabt
hatte, fuhr aus dem Schlaf auf und starrte Sellén an, ohne ihn zu
erkennen.
»Guten Abend, Bruder,« grüßte Sellén.
»Ach, Donnerwetter, du bist es! Ich muß etwas Komisches geträumt haben!
Guten Abend, setz dich und rauche eine Pfeife! Ist es schon Abend?«
Sellén, dem die Symptome bekannt vorkamen, tat doch, als merke er
nichts, sondern nahm die Unterhaltung auf.
»Du bist wohl heute nicht im ›Zinnknopf‹ gewesen?«
»Nein,« antwortete Falk verwirrt, »ich bin nicht da gewesen. Ich war in
›Iduna‹.«
Er wußte wirklich nicht, ob er das geträumt hatte, oder ob er dagewesen
war, aber er freute sich, daß er es gesagt hatte, denn er schämte sich
seines Mißgeschicks.
»Nun, das war recht,« bekräftigte Sellén. »Im ›Zinnknopf‹ ist das Essen
nicht gut.«
»Ja, das muß ich auch sagen,« erwiderte Falk, »ihre Fleischsuppe ist
verdammt schlecht!«
»Ja, und dann steht der alte Wirt da, dieser Lümmel, und zählt die
Butterbrote.«
Bei dem Wort Butterbrote erwachte Falk zum Bewußtsein, aber er fühlte
sich nicht sonderlich hungrig, wenn auch etwas matt in den Beinen. Das
Thema war jedoch unangenehm und mußte rasch gewechselt werden.
»Nun,« sagte er, »hast du dein Bild für morgen fertig?«
»Nein, leider Gottes, es geht nicht!«
»Was ist denn jetzt los?«
»Ich kann unmöglich fertig werden.«
»Kannst nicht? Warum sitzt du nicht zu Hause und arbeitest?«
»Ach, es ist die alte Geschichte, lieber Falk! Ich habe keine Farbe!
Farbe!«
»Nun, dem läßt sich doch wohl abhelfen? Hast du etwa kein Geld?«
»Dann wäre es ja nicht schlimm!«
»Und ich habe auch keins! Was sollen wir da machen?«
Sellén schlug die Augen nieder, bis seine Blicke in die Höhe von Falks
Westentasche kamen, in die eine sehr dicke goldene Kette hineinkroch;
nicht, daß Sellén geglaubt hätte, es sei Gold, abgestempeltes Gold,
denn er hätte nicht begriffen, wie man so übermütig sein könne, so viel
Geld außen auf der Weste zu tragen. Seine Gedanken hatten aber eine
bestimmte Richtung eingeschlagen und er fuhr fort:
»Wenn ich wenigstens etwas zu versetzen hätte; aber wir sind so
unvorsichtig gewesen, die Winterüberzieher an dem ersten sonnigen Tag
im April wegzugeben.«
Falk errötete. Solche Dinge hatte er noch nicht mitgemacht.
»Versetzt ihr Überzieher?« fragte er. »Bekommt ihr auf solche Sachen
etwas?«
»Versetzen kann man alles -- alles,« betonte Sellén. »Wenn man nur
etwas hat.«
Vor Falks Augen drehte sich alles im Kreise. Er mußte sich setzen. Dann
zog er seine goldene Uhr heraus.
»Was meinst du, was man für die bekommt, mit Kette?«
Sellén wog die künftigen Pfänder in der Hand und betrachtete sie mit
Kennermiene.
»Ist es Gold?« fragte er mit schwacher Stimme.
»Es ist Gold!«
»Gestempelt?«
»Gestempelt!«
»Uhr und Kette?«
»Uhr und Kette!«
»Hundert Reichstaler,« erklärte Sellén und schüttelte die Hand, daß
die goldene Kette klirrte. »Aber es ist schade. Du sollst nicht um
meinetwillen deine Sachen versetzen.«
»Dann also um meinetwillen,« sagte Falk, der sich nicht einen Anschein
von Selbstlosigkeit geben wollte, die er nicht besaß. »Ich brauche
auch Geld. Wenn du sie in Geld verwandeln willst, so tust du mir einen
Gefallen!«
»Also gut,« sagte Sellén, der seinen Freund nicht durch unzarte Fragen
in Verlegenheit bringen wollte. »Ich versetze sie! Zieh dich jetzt an,
Bruder! Das Leben ist zuweilen bitter, siehst du, aber wir müssen uns
doch damit abfinden!«
Er schlug Falk auf die Schulter, mit einer Herzlichkeit, wie sie nicht
oft den Schutzwall von Hohn durchdrang, den er um sich angelegt hatte,
und sie gingen fort.
Es wurde sieben Uhr, bis die Besorgung erledigt war. Dann kauften sie
Farbe, und darauf begaben sie sich ins Rote Zimmer hinunter.
Berns Salon begann gerade zu dieser Zeit seine kulturhistorische
Rolle in dem Stockholmer Leben zu spielen, indem er dem ungesunden
Café-Chantant-Betrieb, der in den sechziger Jahren in der Hauptstadt
floriert oder grassiert und sich von da über das ganze Land verbreitet
hatte, den Garaus machte. Hier versammelten sich von sieben Uhr an
Scharen von jungen Leuten, die sich in dem abnormen Zustand befanden,
der eintritt, wenn man das elterliche Haus verläßt, und so lange
dauert, bis man selbständig wird; hier saßen Scharen von Junggesellen,
die der einsamen Kammer oder dem Dachstübchen entflohen waren, um
hier in Licht und Wärme sitzen zu können, um ein menschliches Wesen
zu treffen, mit dem sie plaudern konnten. Der Wirt des Lokals hatte
verschiedentlich Versuche gemacht, sein Publikum durch Pantomime,
Gymnastik, Ballett und so weiter zu amüsieren, aber man hatte ihm sehr
deutlich zu verstehen gegeben, daß man nicht hierher kam, um sich zu
amüsieren, sondern um Ruhe zu haben, daß man ein Konversationszimmer,
einen Versammlungsraum suchte, in dem man sicher war, jederzeit einen
Bekannten zu treffen; da die Musik kein Hindernis für eine Unterhaltung
bildete, eher im Gegenteil sie förderte, so wurde sie geduldet und
bildete schließlich einen Bestandteil der Abenddiät des Stockholmers,
neben Punsch und Tabak. So wurde Berns Salon der Junggesellenklub für
ganz Stockholm. Die einzelnen Cliquen hatten ihre Ecken, und die
Kolonisten von Lill-Jans usurpierten das hintere Schachzimmer unter
der südlichen Galerie, das wegen seiner roten Möbel und um der Kürze
willen mit der Zeit den Namen »Das rote Zimmer« bekam. Hier war man
immer sicher, sich zu treffen, wenn man auch im Laufe des Tages wie
Spreu auseinandergeweht worden war; von hier wurden förmliche Razzien
durch den Saal unternommen, wenn die Not groß war und Geld aufgetrieben
werden mußte; dann wurde eine Kette gebildet; zwei Mann streiften
die Galerien ab, zwei nahmen den Saal auf den Längsseiten; man zog
gewissermaßen ein Schleppnetz, und selten zog man vergeblich, da ja
im Laufe des Abends immer neue Gäste zuströmten. Heute abend kam eine
solche Arbeit nicht in Frage, deshalb ließ sich Sellén stolz und ruhig
neben Falk auf dem roten Sofa nieder.
Nachdem sie eine kleine Komödie miteinander gespielt hatten, was sie
trinken wollten, blieben sie schließlich dabei stehen, daß sie essen
müßten. Sie hatten gerade das Abendbrot in Angriff genommen, und
Falk fühlte seine Kräfte wachsen, als ein langer Schatten auf ihren
Tisch fiel -- und vor ihnen stand Ygberg, bleich und abgezehrt wie
gewöhnlich. Sellén, der sich in einer glücklichen Situation befand
und dann immer gut und höflich war, fragte sofort, ob er ihnen nicht
Gesellschaft leisten wolle, und Falk schloß sich diesem Aufforderung
an. Ygberg zierte sich noch, während er schon den Inhalt der Schüsseln
abschätzte, ob er wohl satt oder nur halb satt werden würde.
»Sie haben eine scharfe Feder, Herr Assessor,« sagte er, um die
Aufmerksamkeit von den Streifzügen, die seine Gabel über das Tablett
machte, abzulenken.
»Wieso? Was habe ich?« fragte Falk und flammte auf; nach seiner Meinung
hatte kein Mensch mit seiner Feder Bekanntschaft gemacht.
»Dieser Artikel hat viel Beifall gefunden!«
»Welcher Artikel? Ich verstehe nicht!«
»Nun, dieser Artikel in der ›Volksfahne‹ über das Kollegium für
Auszahlung der Beamtengehälter!«
»Den habe ich nicht geschrieben!«
»Im Kollegium wird das aber behauptet! Ich habe einen mir bekannten
außerordentlichen Hilfsarbeiter aus dem Amt getroffen: die Erbitterung
soll nicht klein sein!«
»So?«
Falk fühlte sich zur Hälfte schuldig, und jetzt wurde ihm klar, was
sich Struve an jenem Abend auf Mosebacke notiert hatte. Struve war aber
doch nur Referent gewesen, Falk hatte gesprochen, und er fühlte sich
verpflichtet, für das Gesagte einzustehen, selbst auf die Gefahr hin,
als -- Skandalschreiber angesehen zu werden! Da er jetzt fühlte, daß
der Rückzug ihm abgeschnitten war, erkannte er deutlich, daß es nur
eine Möglichkeit gab, und zwar: draufloszugehen!
»Gewiß,« sagte er, »ich bin der Urheber des Artikels. Aber
sprechen wir von etwas anderm! Was halten Sie von Ulrika Eleonora,
Herr Ygberg? Ist das nicht eine interessante Gestalt? Oder die
Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton? Oder Haqvin Spegel?«
»Ulrika Eleonora ist der interessanteste Charakter in der ganzen
schwedischen Geschichte,« erwiderte Ygberg ernst; »ich habe eben eine
Bestellung auf einen Aufsatz über sie bekommen.«
»Von Smith?« fragte Falk.
»Ja, woher wissen Sie das?«
»Dann kennen Sie auch den Schutzengel?«
»Woher wissen Sie denn das?«
»Ich habe ihm die Sachen heute mittag zurückgeschickt.«
»Es ist unrecht, nicht zu arbeiten! Sie werden es bereuen! Glauben Sie
mir!«
Eine hektische Röte war Falk in die Wangen gestiegen, und er sprach
wie im Fieber. Sellén saß ruhig da und rauchte und hörte mehr auf die
Musik als auf die Unterhaltung, die ihn einesteils nicht interessierte
und ihm andernteils unverständlich war. Von der Sofaecke, in der er
saß, konnte er durch die beiden Türöffnungen, die auf die südliche
Galerie führten und Aussicht auf den Saal gewährten, die nördliche
Galerie überblicken. Durch die gewaltigen Rauchwolken, die ständig über
dem Schlund zwischen den beiden Galerien standen, konnte er doch die
Gesichter der Leute erkennen, die sich auf der andern Seite befanden.
Plötzlich heftete sich seine Aufmerksamkeit auf irgend etwas weit
hinten. Er nahm Falk beim Arm.
»Nein, sieh doch, so ein Duckmäuser! Sieh, dort hinter dem linken
Vorhang!«
»Lundell!«
»Ja, der! Er ist auf der Suche nach einer Magdalena! Sieh, jetzt redet
er sie an! Das ist ein feines Kind!«
Falk errötete, daß Sellén es bemerkte.
»Sucht er seine Modelle hier?« fragte er verwundert.
»Ja, wo sollte er sie sonst herkriegen? Er kann sie sich doch nicht im
Dunkeln greifen!«
Gleich darauf trat Lundell ein und wurde von Sellén mit einem
gönnerhaften Kopfnicken begrüßt, dessen Bedeutung er zu verstehen
meinte; er verbeugte sich deshalb höflicher als gewöhnlich vor Falk
und drückte in beleidigender Weise sein Erstaunen über Ygbergs
Anwesenheit aus. Ygberg, der dies alles genau beobachtet hatte, nahm
die Gelegenheit beim Schopf und fragte, was Lundell zu verzehren
wünsche; dieser machte große Augen und glaubte sich unter lauter
Magnaten zu befinden. Er fühlte sich sehr glücklich, er wurde weich
und menschenfreundlich, und als er ein warmem Abendbrot bekam, empfand
er das Bedürfnis, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. Er hatte Falk
etwas zu sagen, das war unverkennbar, konnte aber nicht dazu kommen.
Unglücklicherweise spielte das Orchester gerade »Hör uns, Schweden« und
ging im nächsten Augenblick zu »Ein feste Burg ist unser Gott« über.
Falk ließ mehr Getränke kommen.
»Sie lieben gleich mir das alte gute Kirchenlied, Herr Assessor,«
begann Lundell.
Falk konnte eigentlich nicht sagen, daß er Choräle besonders
bevorzugte, sondern er fragte Lundell, ob er nicht Punsch trinken
wolle. Lundell hatte Bedenken; er wisse nicht, ob er es wagen könne.
Er wolle vielleicht erst noch etwas mehr essen, er sei kein großer
Trinker, was er, nachdem er den dritten Schnaps getrunken hatte, durch
einen heftigen aber kurzen Hustenanfall beweisen zu müssen glaubte.
»Versöhnungsfackel ist ein guter Name,« fuhr er fort; »er deutet das
tiefe religiöse Bedürfnis der Versöhnung an und zugleich das Licht,
das in die Welt kam, als das größte aller Wunder geschah, das den
Hoffärtigen ein Ärgernis ist.«
Damit legte er einen Fleischkloß hinter den letzten Backenzahn und
wartete ab, was für eine Wirkung seine Worte haben würden; -- aber er
fühlte sich nicht geschmeichelt, als er drei verständnislose Gesichter,
die das größte Erstaunen ausdrückten, sich zugewandt sah. Er mußte
deutlicher sprechen.
»Spegel ist ein großer Name, und seine Rede ist nicht wie die der
Pharisäer. Wir wissen alle, daß er den herrlichen Choral ›Jetzt
schweigen die Klagelieder‹ geschrieben hat, dessengleichen man suchen
soll. Prost, Assessor! es freut mich, daß Sie ein solcher Repräsentant
sind!«
Hier entdeckte Lundell, daß er nichts im Glase habe. -- »Ich darf mir
wohl noch einen Schnaps einschenken!«
Zwei Gedanken schwirrten durch Falks Hirn. Erstens: Der Kerl säuft ja
Branntwein! Zweitens: Wie kann er das von Spegel wissen? Wie ein Blitz
durchfuhr ihn ein Verdacht, aber er wollte nichts wissen, sondern sagte
nur:
»Prosit, Herr Lundell!«
Das unangenehme Gespräch, das nun folgen mußte, wurde glücklicherweise
durch Olles Kommen verhindert. Denn dieser kam wirklich, zerlumpter
als gewöhnlich, schmutziger als gewöhnlich und dem Anschein nach auch
lahmer in den Hüften, die wie Bugspriete unter dem Gehrock abstanden,
der jetzt nur noch von einem einzigen Knopf dicht über der ersten
Rippe zusammengehalten wurde. Aber er war vergnügt und lachte, als
er so viele Speisen und Getränke auf dem Tisch sah, und zu Selléns
Entsetzen begann er über den Verlauf seiner Mission zu berichten und
sich seiner Aufträge zu entledigen. Er war wirklich von der Polizei
gefaßt worden.
»Hier hast du die Quittungen!«
Er reichte Sellén über den Tisch zwei grüne Pfandscheine, die dieser
sofort in eine Papierkugel verwandelte.
Er war zur Polizeiwache gebracht worden. Er zeigte, daß man ihm den
Rockkragen abgerissen hatte. Dort hatte er seinen Namen angeben
müssen. Der war natürlich falsch! Kein Mensch hieß Montanus! Dann
den Geburtsort: Västermanland. Das war natürlich falsch, denn
der Wachtmeister stammte selber daher und kannte natürlich seine
Landsleute. Nun das Alter: achtundzwanzig Jahre. Das war eine Lüge,
»denn er müsse mindestens vierzig sein«. Wohnung: Lill-Jans! Das war
eine Lüge, denn da wohnte nur ein Gärtner. Beruf: Künstler! Das war
auch eine Lüge, »denn er sehe aus wie ein Vagabund«!
»Hier ist die Farbe, vier Tuben! Sieh sie dir an!«
Dann hatten sie das Bündel aufgemacht, wobei das eine Laken zerrissen
war!
»Deshalb habe ich nur eine Krone und fünfundzwanzig Öre für beide
bekommen! Sieh dir die Quittungen an; da wirst du sehen, daß es
stimmt!«
Dann war er gefragt worden, wo er die Sachen gestohlen habe. Olle
hatte geantwortet, er habe die Sachen nicht gestohlen, worauf der
Wachtmeister ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, es sei hier nicht die
Rede davon, ob er sie gestohlen, sondern wo er sie gestohlen habe! Wo?
Wo? Wo?
»Hier ist das Geld zurück, fünfundzwanzig Öre! Ich habe nichts
genommen.«
Darauf war ein Protokoll über die »Gestohlenen Sachen«, die mit drei
Siegeln versiegelt wurden, aufgesetzt worden. Vergebens hatte Olle
seine Unschuld beteuert, vergebens hatte er an ihr Rechtsgefühl und
ihre Humanität appelliert. Dieser letzte Appell hatte, wie es schien,
die Wirkung, daß der Polizist vorschlug, man solle zu Protokoll nehmen,
daß der »Gefangene« -- er war schon Gefangener -- einen starken Rausch
gehabt habe, was auch geschah, allerdings mit der Einschränkung, daß
das Wort »stark« wegfiel. Dann hatte der Wachtmeister wiederholt
den Polizisten gebeten, sich zu erinnern, ob der Gefangene bei
der Festnahme nicht Widerstand geleistet habe; der Polizist hatte
versichert, er könne es nicht auf seinen Eid nahmen, daß der Gefangene
Widerstand geleistet habe (was in diesem Falle sehr bedenklich gewesen
wäre, weil er tückisch und drohend aussehe), er »glaube« aber doch
bestimmt, der Gefangene habe versucht, Widerstand zu leisten, indem er
in einen Torweg flüchtete; das wurde zu Protokoll genommen.
Nun wurde ein Rapport aufgesetzt, den Olle unterschreiben sollte.
Der Rapport hatte folgenden Wortlaut: Ein Mann von tückischem und
drohendem Aussehen ist in der Norrlandstraße angetroffen worden, wie
er an der linken Häuserreihe entlang schlich, um dreiviertel fünf Uhr
nachmittags, mit einem Bündel von verdächtiger Beschaffenheit in der
Hand. Die verhaftete Mannsperson war bei ihrer Festnahme mit einem Rock
aus grünem Kord bekleidet (ohne Weste), mit Beinkleidern aus blauem
Boi und einem Hemd, das am Halse P. L. gezeichnet war (was beweist,
daß es entweder gestohlen ist oder daß der Verhaftete einen falschen
Namen angegeben hat), mit grauen Wollstrümpfen und einem niedrigen
Filzhut mit Hahnenfeder. Der Verhaftete hat den angenommenen Namen Olle
Montanus angegeben, hat fälschlich behauptet, in Västermanland als Sohn
eines Bauern geboren zu sein, hat glaubhaft zu machen versucht, daß er
Künstler sei und hat als Wohnort Lill-Jans angegeben, was nachweislich
falsch ist. Er hat bei der Verhaftung Widerstand zu leisten versucht,
indem er in einen Torweg flüchtete.
Darauf folgte die Spezifikation des Inhalts des gestohlenen Bündels.
Da Olle sich weigerte, die Richtigkeit des Rapports anzuerkennen,
wurde sofort nach dem Gefängnis telephoniert, worauf eine Droschke
den Gefangenen, das Bündel und einen Polizisten abführte. Als sie
in die Münzstraße einbogen, erblickte Olle seinen Retter, den
Reichstagsabgeordneten Per Ilsson aus Träskaala, einen Landsmann von
ihm, den er anrief und der ihm bestätigte, daß der Rapport falsch sei.
Darauf wurde Olle losgelassen und bekam sein Bündel wieder. Und jetzt
war er hier und --
»Hier habt ihr Brötchen! Es sind nur noch fünf, ich habe eins
aufgegessen. Und hier ist das Bier!«
Er legte wirklich fünf Brötchen auf den Tisch, die er aus der
Rocktasche holte, dazu zwei Flaschen Bier, die er aus den Hosentaschen
hervorzog, worauf seine Figur wieder die gewohnten Disproportionen
annahm.
»Du mußt Olle entschuldigen, Falk, er ist es nicht gewohnt, sich unter
Menschen zu bewegen. -- Stecke die Brötchen wieder ein, Olle; was sind
das für Dummheiten!« belehrte Sellén.
Olle gehorchte. Lundell wollte das Tablett nicht hergeben, obwohl
er es so gründlich abgeweidet hatte, daß man auch nach den Spuren
nicht hätte bestimmen können, was auf den Platten gelegen hatte;
aber die Branntweinflasche wurde dann und wann dem Glase genähert,
worauf Lundell wie in Gedanken einen Schnaps trank. Ab und zu stand
er auf oder drehte sich auf dem Stuhl um, um »nachzusehen«, was sie
spielten, wobei seine Gesten von Sellén genau beobachtet wurden. Dann
kam Rehnhjelm. Schweigsam und betrunken setzte er sich nieder und
suchte ein Ziel für seine umherirrenden Blicke, wo sie sich ausruhen
konnten, während er Lundells Verwarnungen anhörte. Seine müden Augen
richteten sich schließlich auf Sellén und blieben auf der Samtweste
haften, die für den ganzen späteren Teil des Abends einen reichen Stoff
für seine stillen Betrachtungen bildete. Einen Moment hellte sich sein
Gesicht auf wie beim Anblick eines alten Bekannten, dann aber erlosch
das Licht wieder, als Sellén, »weil es zog«, den Rock zuknöpfte.
Ygberg protegierte Olle, indem er ihm ein Abendbrot spendierte, und
wurde nicht müde, ihn mäzenatenhaft zu ermuntern, zuzugreifen und
sich einzuschenken. Die Musik wurde, je weiter der Abend vorschritt,
um so lebhafter, und die Unterhaltung paßte sich ihr an. Falk fühlte
sich sehr wohl in diesem Zustand der Betäubung; hier war es warm,
hell, geräuschvoll, rauchig, und hier saßen Menschen, deren Leben er
um einige Stunden verlängert hatte und die infolgedessen glücklich
und fröhlich waren wie Fliegen, die von einigen Sonnenstrahlen neu
belebt werden. Er fühlte sich ihnen verwandt, denn sie waren im Grunde
unglücklich, und sie waren bescheiden, sie verstanden, was er sagte,
und wenn sie sich äußerten, sprachen sie wie Menschen, nicht wie
Bücher; sogar ihre Roheit hatte einen gewissen Reiz, denn es lag so
viel Natur darin, so viel Unschuld; selbst Lundells Heuchelei vermochte
ihm keinen Widerwillen einzuflößen, denn sie war so naiv, so lose
angeklebt, daß sie jeden Augenblick abgerissen werden konnte. Und so
verging der Abend, und der Tag ging zu Ende, der ihn unwiderruflich auf
die dornige Laufbahn des Schriftstellers geworfen hatte.
Siebentes Kapitel
Christi Nachfolge
Am folgenden Morgen wurde er von der Aufwärterin geweckt, die ihm einen
Brief überreichte, der folgenden Wortlaut hatte:
2. Thim. +IV+, 7. 8. 9. 1. Kor. +IX+, 24. 25. 26.
Teurer Bruder!
Unseres H. J. Ch. Gnade und Friede, die Liebe des Vaters und die
Gemeinschaft des H. G. usw. Amen!
Ich habe aus dem »Graumützchen« von gestern abend ersehen, daß Du
die »Versöhnungsfackel« herauszugeben gedenkst. Suche mich in meiner
Tätigkeit morgen früh vor neun Uhr auf.
Dein erlöster
Nathanael Skaare.
Jetzt verstand er Lundells Rätsel, zum Teil.
Er kannte freilich den großen Gottesmann Skaare nicht persönlich und
wußte nichts von der »Versöhnungsfackel«, aber er war neugierig und
beschloß, dem unverschämten Ruf Folge zu leisten.