»Von welcher Akademie? Von der Akademie der Wissenschaften! Nun ja! die

die vielen Flintsteinsachen herausgibt. Nun ja!«

»Flintsteinsachen?«

»Nun ja, Sie wissen doch, mein Herr, die Akademie der Wissenschaften.

Nun ja, unten im Museum am Strom, nun also!«

»Nein, Herr Smith, die schwedische Akademie, bei der Börse ...«

»Nun ja! Die mit den Stearinkerzen! Gleichviel! Kein Mensch weiß, wozu

die gut ist! Nein, sehen Sie, mein Bester, man muß einen Namen haben,

wie zum Beispiel Tegnell, Öhronschlegel und so weiter! Unser Land hat

viele große Dichter, auf die ich mich im Augenblick nicht besinne; aber

man muß einen Namen haben. Herr Falk! Hm! Wer kennt Herrn Falk? Ich

jedenfalls nicht, und ich kenne viele große Dichter! Ich habe neulich

noch zu meinem Freunde Ibsen gesagt: Hör einmal, Ibsen -- ich duze

ihn --, hör einmal, Ibsen, schreibe etwas für meine Zeitschrift; ich

bezahle, was du verlangst! Er hat geschrieben, ich habe bezahlt, aber

ich habe es auch bezahlt bekommen. Nun also!«

Der niedergeschmetterte junge Mann wäre am liebsten in die Fugen des

Fußbodens gekrochen und hätte sich versteckt, als er hörte, daß er

einem Manne gegenüberstand, der Ibsen duzen durfte. Er wollte sein

Manuskript wieder an sich nehmen und davonlaufen, wie vorhin der

andere, hinaus, weit fort, an irgendeinen größeren Strom. Smith schien

das zu empfinden.

»Nun ja. Sie können Schwedisch schreiben, mein Herr, das glaube ich

schon! Sie kennen wohl auch unsere Literatur besser als ich sie kenne!

Nun also! Gut! Mir ist eine Idee gekommen! Ich habe gehört, daß es

große, schöne, geistliche Schriftsteller in der Vergangenheit gegeben

hat, unter Gustaf Eriksson oder seiner Tochter Christine; nun ja, das

ist einerlei! Ich besinne mich auf einen, der einen großen, einen sehr

großen Namen hat; er hat eine große Versdichtung über Gottes Schöpfung

geschrieben, glaube ich! Haakan heißt er mit Vornamen!«

»Haqvin Spegel meinen Sie, Herr Smith! Gottes Werke und Ruhe!«

»Ja richtig! Nun also! Ich habe die Absicht, das herauszugeben! Unser

Volk sehnt sich nach Religion in unseren Tagen; das empfinde ich; und

man muß den Leuten etwas geben. Ich habe ihnen freilich schon etwas

von diesem Hermann Francke und Arndt gegeben, aber die große Stiftung

kann billiger verkaufen als ich, und jetzt will ich etwas Gutes billig

herausbringen. Wollen Sie sich der Sache annehmen?«

»Ich weiß nicht, was ich dabei zu tun hätte, da es sich nur um einen

Neudruck handelt,« antwortete Falk, der nicht nein zu sagen wagte.

»Aber nein, so eine Unwissenheit! Die Redaktion und die Korrektur! Sind

wir einig? Sie geben es heraus! Nicht wahr? Wollen wir einen kleinen

Zettel schreiben? Die Arbeit kommt in Lieferungen heraus. Nicht wahr?

Einen kleinen Zettel. Geben Sie mir Feder und Tinte her! -- So!«

Falk gehorchte; er konnte keinen Widerstand leisten. Smith schrieb, und

Falk unterschrieb.

»So! Das wäre die Sache! Nun die andere! Geben Sie mir das kleine

Buch, das da auf dem Regal liegt! Im dritten Fach! So! Sehen Sie

her! Eine Broschüre. Titel: Der Schutzengel. Nun, sehen Sie sich die

Vignette an! Ein Engel mit einem Anker und einem Schiff -- es ist ein

Schoner ohne Rahen, glaube ich! Es ist ja bekannt, wie segensvoll die

Seeversicherung für das allgemeine soziale Leben ist. Alle Menschen

haben doch einmal -- wenig oder viel -- auf einem Fahrzeug über See zu

schicken. Nicht wahr? Nun also! Alle Menschen brauchen deshalb eine

Seeversicherung. Nicht wahr? Nun also! Das haben nicht alle Menschen

eingesehen? Nein! Deshalb ist es also die Pflicht des Wissenden, den

Unwissenden aufzuklären? Nun also! Wir beide wissen, Sie und ich, also

müssen wir aufklären. Dieses Buch handelt davon, daß jeder Mensch seine

Sachen versichern muß, wenn er sie über See schickt! Aber dies Buch ist

schlecht geschrieben! Nun also! Deshalb wollen wir es besser schreiben!

Nicht wahr? Sie schreiben mir eine Novelle von zehn Seiten für meine

Zeitschrift »Unser Land«, und ich verlange, daß Sie so viel Verstand

haben, den Namen Triton, -- so heißt eine neue Gesellschaft, die mein

Neffe gegründet hat und die ich unterstützen will, und man soll doch

seinem Nächsten helfen, nicht wahr? -- Nun also! Der Name Triton soll

zweimal vorkommen, nicht mehr und nicht weniger; aber so, daß es nicht

auffällt. Verstehen Sie?«

Falk fühlte sich etwas abgestoßen von dem angebotenen Geschäft, aber es

lag ja noch nichts Unehrenhaftes in dem Vorschlag; er bekam ja Arbeit

bei dem einflußreichen Manne, und alles im Handumdrehen, ohne weitere

Anstrengung. Er dankte also und nahm an.

»Sie kennen doch das Format. Vier Spalten pro Seite macht vierzig

Spalten zu je zweiunddreißig Zeilen. Nun also. Wir wollen vielleicht

einen kleinen Zettel schreiben.«

Smith schrieb einen Zettel, und Falk unterschrieb.

»Nun also, gut. Und jetzt hören Sie zu. Sie kennen doch die schwedische

Geschichte. Nun also, wieder auf dem Regal! Da liegt ein Klischee, ein

Holzstock! Rechts! Nun also! Können Sie mir sagen, wer die Dame ist? Es

soll eine Königin sein.«

Falk, der anfangs nichts weiter sehen konnte als ein schwarzes Stück

Holz, entdeckte schließlich einige menschliche Züge und erklärte, nach

seiner Ansicht müsse es Ulrika Eleonora sein.

»Hab ich es nicht gesagt! Hihihi! Dies Klischee ist als Königin

Elisabeth von England benutzt worden, in einem amerikanischen

Volksbuch, und nun habe ich es mit unzähligen anderen billig gekauft.

Jetzt nehme ich es als Ulrika Eleonora in meine Volksbibliothek auf.

Wir haben ein so gutes Volk; es kauft meine Bücher so brav. Nun also.

Wollen Sie den Text schreiben, mein Herr?«

Falks fein ausgebildetes Gewissen konnte hierin nichts eigentlich

Unrechtes finden, obwohl seine Gefühle sehr unangenehm berührt waren.

»Nun also! Dann schreiben wir einen kleinen Zettel! Sechzehn Seiten

Oktav zu drei Spalten zu je vierundzwanzig Zeilen. So!«

Und dann wurde wieder geschrieben. Da Falk die Audienz für beendet

hielt, machte er Miene, sein Manuskript wieder an sich zu nehmen, auf

dem Smith die ganze Zeit gesessen hatte. Aber dieser wollte es nicht

aus den Händen geben, er werde es bestimmt lesen, aber es werde noch

etwas dauern, erklärte er.

»Nun, Sie sind ja ein verständiger Mann, mein Herr, und wissen, was die

Zeit wert ist. Hier war vorhin ein junger Mann, auch mit Versen, einer

großen Versdichtung, für die ich keine Verwendung habe. Nun, ich habe

dem Herrn dasselbe angeboten wie Ihnen; wissen Sie, was er gesagt hat?

Er sagte, ich solle etwas tun, was ich nicht aussprechen kann. Ja, das

hat er gesagt, und dann ist er davongelaufen. Der Mann wird nicht lange

leben! Adieu! Adieu! Sie verschaffen sich wohl den Haakan Spegel! Nun

also! -- Adieu! Adieu!«

Smith deutete mit dem Pfeifenschaft nach der Tür, und Falk entfernte

sich.

Seine Schritte waren nicht leicht. Das Holzklischee in seiner

Brusttasche war schwer, es zog ihn zu Boden, es hielt ihn zurück. Er

dachte an den blassen jungen Mann mit dem Manuskript, der so etwas

zu Smith zu sagen gewagt hatte, und ihm kamen hochmütige Gedanken.

Dann aber tauchte die Erinnerung an alte väterliche Ermahnungen

und Ratschläge auf, und zugleich meldete sich die alte Lüge, daß

alle Arbeit gleich achtbar sei, und hielt ihm seinen Hochmut vor;

da unterwarf er sich seiner Vernunft und ging nach Hause, um

achtundvierzig Spalten Ulrika Eleonore zu schreiben.

Da er früh aufgestanden war, fand er sich schon um neun Uhr am

Schreibtisch sitzend. Er stopfte sich eine große Pfeife, faltete zwei

Bogen Papier, wischte seine Stahlfedern ab und versuchte sich zu

besinnen, was er von Ulrika Eleonore wußte. Er schlug im Ekelund und

Fryxell nach. Da stand vielerlei unter der Rubrik Ulrika Eleonore,

aber von ihr selbst stand fast nichts da. Um halb zehn hatte er das

Thema erschöpft; er hatte aufgeschrieben, wann sie geboren war, wann

sie starb, wann sie die Regierung antrat, wann sie dem Thron entsagte,

wie ihre Eltern hießen und mit wem sie verheiratet war. Das war ein

gewöhnlicher Auszug aus einem Kirchenbuch und füllte nicht mehr als

drei Seiten, -- blieben also nur noch dreizehn. Er rauchte einige

Pfeifen. Er stocherte mit der Feder im Tintenfaß, als wollte er nach

der Midgardschlange fischen, aber es kam nichts nach oben. Er mußte

sich über ihre Person äußern, eine flüchtige Charakteristik geben;

er hatte das Gefühl, ein Urteil über sie aussprechen zu müssen.

Sollte er sie loben oder sie heruntermachen? Da er in dieser Frage

indifferent war, konnte er sich zu nichts entschließen, und die Uhr

wurde elf. Er machte sie herunter, -- und war unten auf der vierten

Seite (blieben noch zwölf). Hier war guter Rat teuer. Er sollte von

ihrer Regierung sprechen; aber da sie nicht regiert hatte, so war

nichts darüber zu sagen. Er schrieb über ihre Räte -- eine Seite --,

blieben noch elf. Er rettete Görtz' Ehre -- eine Seite --, blieben

noch zehn. Er hatte noch nicht die Hälfte. Wie er diese Frau haßte!

Neue Pfeifen! Neue Stahlfedern! Er ging in der Zeit zurück, er gab

einen Überblick, und da er gereizt war, setzte er sein altes Ideal

Karl +XII.+ herab; aber das ging so rasch, daß dadurch nur eine

einzige Seite den andern hinzugefügt wurde. Rest neun! Er schritt

in der Zeit weiter vor und hackte auf Fredrik +I.+ herum. Eine

halbe Seite! Er schaute mit sehnsüchtigen Blicken auf das Papier, sah

nach, wo die Mitte war, konnte aber nicht bis dahin kommen. Er hatte

aber doch schon siebeneinhalb kleine Seiten geschrieben, wo Ekelund

nur anderthalb hatte. Er warf das Klischee auf den Fußboden, stieß es

unter den Schreibtisch, kroch ihm nach, stäubte es ab und legte es

auf den Tisch! War das eine Qual! Ihm war so trocken in der Seele wie

einem Buchsbaumbusch, versuchte sich zu Ansichten emporzuschrauben,

die er nicht hatte, er versuchte irgendwelche Gefühle für die

verstorbene Königin in sich zu erwecken, aber ihre langweiligen in

Holz geschnittenen Gesichtszüge machten denselben Eindruck auf ihn

wie er auf den Holzstock. Da sah er seine Unfähigkeit ein und fühlte

sich verzweifelt, erniedrigt! Und diesen Beruf hatte er gegen den

anderen eingetauscht. Er ließ wieder seine Vernunft sprechen und

ging zum Schutzengel über. Der war ursprünglich für eine deutsche

Gesellschaft namens Nereus verfaßt und enthielt kurz folgendes: Herr

und Frau Schloß waren nach Amerika ausgewandert und hatten dort große

Reichtümer erworben, die sie, damit die Erzählung möglich wurde,

unpraktischerweise in kostbaren Gegenständen und Nippsachen angelegt

hatten; damit nun diese ganz sicher umkommen sollten und nichts

gerettet werden konnte, wurden sie auf einem Dampfer erster Klasse

vorausgeschickt, nämlich auf Washington, Nr. 326 der Veritas, der mit

Kupfer beschlagen, mit wasserdichten Schotten versehen und für vier

Millionen Taler bei der großen deutschen Seeversicherungsgesellschaft

Nereus versichert war. Nun also! Herr und Frau Schloß reisten mit

den Kindern auf dem besten Dampfer der White-Star-Linie, Bolivar,

der bei der großen deutschen Seeversicherungsgesellschaft Nereus

(Grundkapital zehn Millionen Dollar) versichert war, und kamen in

Liverpool an. Die Reise wurde fortgesetzt. Sie kamen bis an die

Spitze von Skagen. Das Wetter war natürlich auf der ganzen Reise

schön gewesen und der Himmel strahlend klar, aber gerade als sie an

die gefährliche Spitze von Skagen kamen, brach natürlich der Sturm

los; das Fahrzeug scheiterte, die Eltern, die ihr Leben versichert

hatten, ertranken und garantierten dadurch den geretteten Kindern eine

Summe von fünfzehntausend Pfund Sterling. Die Kinder waren natürlich

sehr froh darüber und kamen in guter Laune in Hamburg an, um die

Lebensversicherungssumme und das elterliche Erbe in Besitz zu nehmen.

Man denke sich ihre Bestürzung, als sie die Nachricht bekamen, daß die

Washington vor vierzehn Tagen auf der Doggerbank gestrandet und daß

ihr ganzes Vermögen unversichert zugrunde gegangen sei. Ihnen blieb

also nur die Lebensversicherungssumme. Sie eilten auf die Agentur der

Gesellschaft, aber man denke sich ihren Schreck, als sie erfuhren, daß

die Eltern unterlassen hatten, die letzte Prämie zu bezahlen, die --

welches Schicksal! -- am Tage vorher fällig gewesen war -- gerade an

dem Tage, als sie ertranken. Die Kinder waren hierüber sehr betrübt

und betrauerten ihre Eltern tief, die so fleißig für sie gearbeitet

hatten. Weinend fielen sie sich in die Arme und schwuren sich, fortan

stets ihre Sachen zu versichern und nie mehr zu versäumen, ihre

Lebensversicherungsprämien zu bezahlen.

Und dies sollte nun lokalisiert, schwedischen Verhältnissen angepaßt

und lesbar gemacht werden, in einer Novelle, mit der er in die

Literatur eintreten sollte. Von neuem erwachte der Teufel des Hochmuts

und flüsterte ihm zu, er sei ein Lump, wenn er sich mit diesen Dingen

befasse; aber diese Stimme wurde bald von einer anderen übertönt, die

aus der Magengegend kam und von ungewöhnlich saugenden und stechenden

Gefühlen begleitet war. Er trank ein Glas Wasser und rauchte eine

neue Pfeife, aber das Unbehagen steigerte sich; seine Gedanken wurden

düsterer; er fand sein Zimmer ungemütlich, die Zeit schien ihm lang

und einförmig; er fühlte sich matt und niedergeschlagen; alles kam ihm

widrig vor; seine Gedanken waren abgeschmackt und drehten sich nur um

nichtige oder unangenehme Dinge, und zugleich wuchs die körperliche

Unlust. Er fragte sich, ob er hungrig sei. Es war ein Uhr, und er

pflegte nicht vor drei zu essen! Er untersuchte unruhig seine Kasse.

Fünfunddreißig Ör. Also kein Mittagessen! Das war das erstemal in

seinem Leben! Dergleichen Sorgen hatte er noch nie gehabt. Aber mit

fünfunddreißig Ör brauchte man nicht zu hungern. Er konnte sich doch

Brot und Bier holen lassen. Nein, das konnte er nicht, denn das

war nicht möglich, das schickte sich nicht; und wenn er selbst in

den Milchladen hinunterging? Nein! Und wenn er ausging und pumpte?

Unmöglich! Es gab keinen Menschen, den er hätte anpumpen mögen! Bei

dieser Gewißheit raste der Hunger wie ein losgelassenes Raubtier

und zerriß ihn, zerfleischte ihn und jagte ihn durch das Zimmer.

Er rauchte eine Pfeife nach der andern, um die Bestie zu betäuben,

aber es nützte nichts. Jetzt ertönte unten auf dem Kasernenhof ein

Trommelwirbel, und er sah, wie die Soldaten mit ihren kupfernen

Flaschen aufmarschierten, um sich ihr Mittagessen zu holen; aus allen

Schornsteinen, die er sah, stieg Rauch auf, auf Skeppsholm läutete die

Mittagsglocke, beim Nachbar, dem Polizisten, in der Küche prasselte

es, und Bratengeruch drang durch die offene Korridortür zu ihm herein;

er hörte im Zimmer nebenan Messer und Teller klappern, hörte, wie die

Kinder das Tischgebet sprachen; die Pflasterer unten auf der Straße

hielten, gesättigt, auf den leeren Proviantbeuteln Mittagsschlaf; er

war überzeugt, daß die ganze Stadt in diesem Augenblick zu Mittag aß,

alle außer ihm! Und er wurde böse auf Gott! Da durchkreuzte ein klarer

Gedanke sein Gehirn. Er nahm Ulrika Eleonora und den Schutzengel,

wickelte sie in Papier, schrieb Smiths Name und Adresse darauf und gab

dem Boten seine fünfunddreißig Ör. Dann atmete er erleichtert auf,

legte sich auf sein Sofa und hungerte mit Hochmut im Herzen.

Sechstes Kapitel

Das rote Zimmer

Dieselbe Mittagssonne, die Arvid Falk in dem erstem Kampf mit dem

Hunger hatte unterliegen sehen, schien heiter in die Stube in

Lill-Jans, in der Sellén in Hemdärmeln vor seiner Staffelei stand und

an seinem Bilde malte, das am folgenden Tage vor zehn Uhr, vollständig

fertig, gefirnißt und mit Rahmen versehen in der Ausstellung sein

sollte. Olle Montanus saß auf der Schlafbank und las in dem wunderbaren

Buche, das er sich auf einen Tag gegen sein Halstuch geborgt hatte; ab

und zu warf er einen Blick auf Selléns Bild und sprach seinen Beifall

aus, denn er bewunderte in Sellén ein großes Talent. Lundell arbeitete

in Ruhe an seiner Kreuzesabnahme; er hatte schon drei Bilder auf der

Ausstellung und wartete, wie so viele andere, mit einer gewissen

Spannung den Verkauf ab.

»Das ist gut, Sellén!« sagte Olle. »Du malst göttlich!«

»Darf ich deinen Spinat jetzt einmal anschauen?« fiel Lundell ein, der

prinzipiell nie etwas bewunderte.

Das Motiv war einfach und großzügig. Ein Flugsandfeld an der Küste von

Halland mit dem Meer im Hintergrunde; Herbststimmung, Sonnenstrahlen

durch zerrissene Wolken; ein Teil des Vordergrundes war Flugsand

mit eben angeschwemmtem, noch von Wasser triefendem Tang, von der

Sonne beleuchtet; dahinter das Meer, zu einem guten Stück in starkem

Schatten, hohe See mit weißen Kämmen, ganz hinten am Horizont aber

schien wieder die Sonne und öffnete eine Perspektive ins Unendliche.

Die einzige Staffage bildete ein Volk Strichvögel. Dies Bild mußte von

jedem unverdorbenen Gemüt verstanden werden, das den Mut gehabt hat,

die geheimnisvolle, reiche Bekanntschaft der Einsamkeit zu machen, das

gesehen hat, wie der Flugsand vielversprechende Ernten erstickt. Es

war mit Inspiration und Talent gemalt; die Stimmung hatte die Farbe

gegeben, nicht umgekehrt.

»Du mußt etwas im Vordergrunde haben,« predigte Lundell. »Setze eine

Vordergrundkuh dahin!«

»Ach rede nicht!« antwortete Sellén.

»Tu, wie ich sage, du Tollkopf, sonst verkaufst du nicht. Setze

irgendeine Figur dahin, ein Mädchen. Ich will dir helfen, wenn du es

nicht kannst, sieh her ...«

»Bitte, keine Dummheiten! Was soll man draußen im Sturm mit

Weiberröcken. Du bist doch zu toll auf Weiberröcke!«

»Nun, tu was du willst,« antwortete Lundell, heimlich verletzt durch

den Scherz über eine seiner schwachen Seiten. -- »Aber wenigstens

hättest du Störche malen können statt dieser grauen Möwen, von

denen man nicht weiß, was für eine Art es ist. Denke dir die roten

Storchbeine gegen die dunkle Wolke, das wäre ein Kontrast!«

»Ach, das verstehst du nicht!«

Sellén war nicht stark im Motivieren, doch war er seiner Sache gewiß,

und sein gesunder Instinkt führte ihn sicher an allen Mißgriffen

vorbei.

»Aber du wirst nicht verkaufen,« fing Lundell wieder an, der um das

ökonomische Wohlergehen des Kameraden besorgt war.

»Nun, so werde ich auch so leben! Habe ich jemals etwas verkauft? Bin

ich deswegen schlechter? Denkst du, ich weiß nicht, daß ich verkaufen

könnte, wenn ich malte wie die andern; denkst du, ich kann nicht ebenso

schlecht malen wie sie? Oh, darauf kannst du Gift nehmen! Aber ich will

nicht!«

»Du mußt doch schließlich daran denken, deine Schulden zu bezahlen.

Du bist Meister Lund im ›Kochkessel‹ ein paar hundert Reichstaler

schuldig.«

»Nun, davon wird er nicht arm! Übrigens hat er ein Bild bekommen, das

doppelt soviel wert ist!«

»Du bist doch der eingebildetste Mensch, der mir je vorgekommen ist!

Das Bild war keine zwanzig Reichstaler wert.«

»Ich taxiere es auf fünfhundert, nach dem üblichen Preis! Aber Neigung

und Geschmack sind recht verschieden hier in der Welt, das weiß Gott!

Ich finde deine Kreuzigung erbärmlich, du findest sie gut. Nun also!

Das kann dir niemand verdenken! Es ist eben sehr verschieden!«

»Jedenfalls hast du uns allen im ›Kochkessel‹ den Kredit verdorben;

Meister Lund hat ihn mir gestern gekündigt, und ich weiß nicht, wo ich

heute zu Mittag essen soll.«

»Nun, was willst du auch damit? Man kann auch so leben! Ich habe seit

zwei Jahren nicht zu Mittag gegessen!«

»Ach, du hast erst neulich ein Mittagessen ergaunert von diesem

Assessor, der dir in die Klauen gefallen war.«

»Ja, das stimmt! Das ist ein netter Junge! Übrigens ein Talent, es

ist viel Natur in seinen Versen; ich habe an diesen Abenden einige

gelesen. Doch ich fürchte, er ist etwas zu weich, um sich in der Welt

durchzusetzen; die Kanaille hat so empfindliche Gefühle!«

»Wenn er mit dir verkehrt, wird sich das schon legen. Aber ich finde es

eine Schande mit anzusehen, wie du den jungen Rehnhjelm in der kurzen

Zeit verdorben hast. Du hast ihm ja wohl in den Kopf gesetzt, er müsse

zum Theater gehen!«

»Nein, hat er das erzählt? Ja, das ist ein forscher Kerl! Aus dem wird

was, wenn er am Leben bleibt; das ist jedoch gar nicht so einfach, wenn

es so schrecklich wenig zu essen gibt! -- Gottsdonnerwetter! Jetzt ist

die Farbe verbraucht! Hast du etwas Weiß? Gott sei mir gnädig, alle

Tuben sind so ausgepreßt, daß -- du mußt mir Farbe geben, Lundell.«

»Ich habe nicht mehr, als ich selber brauche, und wenn ich auch welche

hätte, würde ich mich hüten, dir etwas zu geben!«

»Ach, rede keinen Unsinn; du weißt, es ist eilig!«

»Im Ernst, ich habe deine Farben nicht! Wenn du Haus hieltest, würden

sie länger reichen ...«

»Ja, das wissen wir! Dann gib Geld her!«

»Geld, ja, das wäre so etwas!«

»Auf, Olle, du mußt hin und was versetzen!«

Bei dem Wort Versetzen machte Olle ein heiteres Gesicht, denn dann,

wußte er, würde es auch Essen geben. Sellén begann das Zimmer zu

durchsuchen.

»Was habt ihr denn hier? Ein Paar Stiefel! Darauf bekommen wir

fünfundzwanzig Öre, also ist es besser, sie zu verkaufen.«

»Das sind Rehnhjelms Stiefel, die darfst du nicht nehmen,« unterbrach

Lundell, der sie am Nachmittag, wenn er in die Stadt ging, anziehen

wollte. -- »Findest du, daß du fremde Sachen nehmen darfst?«

»Ja, was tut das? Er kriegt sie ja später bezahlt! Was ist dies hier

für ein Paket? Eine Samtweste! Die ist schön! Die nehme ich selber,

dann kann Olle meine wegtragen! Kragen und Manschetten! Ach, das ist

nur Papier! Ein Paar Strümpfe! Hier, Olle, fünfundzwanzig Öre! Stecke

sie in die Weste. Die leeren Flaschen kannst du verkaufen! Ich glaube,

am besten verkaufst du alles!«

»Willst du wirklich anderer Leute Sachen verkaufen? Du hast doch keine

Spur von Rechtsgefühl,« unterbrach Lundell wieder, der stark darauf

spekuliert hatte, auf dem Wege der Überredung in den Besitz dieses

Pakets zu kommen, das ihm schon lange in die Augen gestochen hatte.

»Ach, das bekommt er später bezahlt! Aber dies ist nicht genug! Wir

müssen ein paar Bettlaken nehmen! Was tut das! Wir brauchen keine

Laken! So, Olle! Pack es nur ein!«

Olle machte mit großer Geschicklichkeit aus einem Laken einen Sack, in

den er unter Lundells eifrigsten Protesten alles hineinstopfte.

Als der Sack fertig war, nahm Olle ihn unter den Arm, knöpfte den

zerlumpten Gehrock zu, um das Fehlen der Weste besser zu verdecken, und

machte sich auf den Weg nach der Stadt.

»Er sieht aus wie ein Dieb,« sagte Sellén, der am Fenster stand und

verschmitzt auf den Weg hinausblickte. -- »Wenn ihn nur die Polizei

ungeschoren läßt, ist es gut! -- Eile dich, Olle!« rief er dem

Fortgehenden nach. »Kaufe sechs Brötchen und zwei Flaschen Bier, wenn

bei der Farbe noch etwas übrigbleibt.«

Olle drehte sich um und schwenkte so zuversichtlich den Hut, als habe

er das Festmahl schon in den Taschen.

Lundell und Sellén waren allein. Sellén stand da und bewunderte seine

neue Samtweste, der so lange Lundells heimliche Liebe gegolten hatte.

Lundell kratzte seine Palette ab und warf neidische Blicke auf die

verlorene Herrlichkeit. Aber nicht darüber wollte er jetzt sprechen,

nicht das wollte ihm so schwer über die Lippen.

»Wirf doch einen Blick auf mein Bild,« sagte er. »Was hältst du davon,

im Ernst?«

»Du mußt nicht soviel daran tüfteln und zeichnen, du mußt malen! Wo

kommt das Licht her? Von den Kleidern! Von den nackten Partien! Das ist

doch ganz närrisch! Was atmen diese Menschen? Farbe, Leinöl! Ich sehe

keine Luft!«

»Nun,« meinte Lundell, »das ist eben verschieden, wie du sagst! Aber

wie findest du die Komposition?«

»Zu viel Menschen!«

»O, du bist ja schrecklich, ich möchte am liebsten noch ein paar mehr

haben!«

»Laß mich jetzt sehen! Einen Fehler hat das Bild!« -- Sellén schoß

diese langen Blicke, die den Bewohnern der Küste oder der Ebene eigen

sind.

»Ja, einen Fehler hat es! Siehst du ihn?« gab Lundell zu.

»Es sind nur Männer! Das ist etwas zu trocken!«

»Ja, das stimmt! Daß du das siehst!«

»Du willst also ein Weib haben?«

Lundell überzeugte sich durch einen Blick, ob er scherze; aber das war

schwer festzustellen, denn jetzt pfiff er.

»Ja, mir fehlt eine weibliche ~Figur~,« antwortete er.

Es wurde still, und das war unangenehm, wenn zwei so alte Bekannte

unter vier Augen sind.

Das rote Zimmer · 第 5 / 25 段