seinen einträglichsten Beschäftigungen, sich in die Angelegenheiten
anderer Leute zu mischen, wie man es nennt; er trug Klatsch von einer
Familie zur anderen, säte hier ein Korn Zwietracht und da eins, um dann
die dankbare Rolle des Vermittlers zu übernehmen. Hierdurch verschaffte
er sich einen gefürchteten Einfluß und konnte, wenn er wollte, die
Menschen wie Puppen tanzen lassen. Falk empfand diesen unangenehmen
Einfluß auch und wollte sich ihm entziehen, vermochte es aber nicht,
denn Levin verstand durch Kunstgriffe seine Neugier sehr geschickt zu
reizen; und indem er mehr andeutete als er selbst überhaupt wußte,
entlockte er den Leuten ihre Geheimnisse.
Jetzt hatte also Levin die Peitsche in der Hand, und er schwor sich,
sie seinen Unterdrücker fühlen zu lassen. Einstweilen knallte er nur
in der Luft, aber Falk war auf Hiebe gefaßt. Er versuchte das Thema zu
wechseln. Er forderte zum Trinken auf, und es wurde getrunken. Levin
wurde immer weißer und kälter, aber sein Rausch wuchs! Er spielte mit
seinem Opfer.
»Deine Frau hat Besuch heute abend,« sagte er gleichgültig.
»Woher weißt du das?« fragte Falk bestürzt.
»Ich weiß alles,« antwortete Levin und zeigte die Zähne. Er wußte
wirklich beinahe alles. Seine ausgedehnten Geschäftsverbindungen
nötigten ihn, so viele öffentliche Lokale wie möglich zu besuchen, und
dort bekam er viel zu hören, sowohl was in seiner Gesellschaft wie in
fremder erzählt wurde.
Falk bekam tatsächlich Angst, er wußte nicht warum, und er fand es
geraten, die drohende Gefahr abzuwenden. Er wurde höflich und sogar
demütig, Levin dagegen immer kühner. Schließlich blieb dem Wirt nur
übrig, eine Rede zu halten, wirklich an die Veranlassung dieses
Gelages mit den Massen von Speisen und Weinen zu erinnern, mit einem
Wort, dem Helden des Tags eine Anerkennung zu spenden. Es gab keinen
anderen Ausweg; -- er war allerdings kein Redner, aber es mußte nun
einmal sein! Er klopfte an die Bowle, füllte das Glas, erinnerte
sich einer alten Rede, die sein Vater auf ihn gehalten hatte, als er
Geschäftsinhaber geworden war, stand auf und begann sehr langsam:
»Meine Herren! Ich bin jetzt seit acht Jahren Inhaber des Geschäftes;
damals war ich erst dreißig Jahre alt.«
Die Veränderung der Lage vom Sitzen zum Stehen rief einen heftigen
Blutandrang nach dem Kopf hervor, so daß er sich verwirrt fühlte, wozu
auch Levins höhnische Blicke beitrugen. Er geriet so in Verwirrung, daß
die Zahl dreißig ihm ungeheuer groß vorkam und er ganz bestürzt darüber
wurde.
»Habe ich dreißig gesagt? Das -- habe ich nicht gemeint! Jedenfalls
hatte ich damals bei meinem Vater viele Jahre konditioniert, wie viele
Jahre kann ich mich jetzt nicht genau erinnern. Mja -- es würde zu
weit führen, alles aufzuzählen, was ich in diesen Jahren durchgemacht
und erfahren habe, denn das ist des Menschen Schicksal! Ihr findet
vielleicht, daß ich egoistisch bin ...«
»Hört!« stöhnte Nyström, der sein müdes Haupt auf den Tisch gelegt
hatte.
Levin stieß den Rauch gegen den Redner aus, als speie er ihn an.
Falk, der jetzt betrunken war, fuhr fort, während seine Blicke ein
fernes Ziel suchten, das er nicht fassen konnte:
»Der Mensch ist egoistisch, das wissen wir alle. Mja! Mein Vater, der
eine Rede auf mich hielt, als ich Geschäftsinhaber wurde, wie ich
vorhin sagte --«
Hier holte der Redner seine goldene Uhr heraus und löste sie von der
Kette. -- Die beiden Zuhörer rissen die Augen auf. Wollte er Levin eine
Ehrengabe überreichen?
»Überreichte mir bei diesem Anlaß diese goldene Uhr, die er von seinem
Vater bekommen hatte, im Jahre --«
Wieder diese furchtbaren Zahlen, und er schrak zurück.
»Diese goldene Uhr, meine Herren, habe ich bekommen, und nie denke
ich ohne Rührung -- an den Augenblick, da ich sie bekam. Sie finden
vielleicht, daß ich egoistisch bin, meine Herren? Das bin ich nicht.
Es ist allerdings nicht schön, über sich selbst zu sprechen, aber
bei einer solchen Gelegenheit liegt es nahe, daß man zurückschaut --
über das Vergangene. Ich will nur von einem einzigen kleinen Umstand
erzählen.«
Er hatte Levin vergessen, hatte die Bedeutung des Tages vergessen und
dachte, es sei sein Junggesellenschmaus. Jetzt aber schwebte ihm die
Szene mit dem Bruder am Morgen und sein Triumph vor. Er fühlte ein
unklares Bedürfnis, von diesem Triumph zu sprechen, konnte sich aber
auf keine weiteren Einzelheiten besinnen, als daß er ihm bewiesen
hatte, er sei ein Schuft; die ganze Beweiskette war seinem Gedächtnis
entfallen, und es waren nur zwei Tatsachen übriggeblieben. Bruder und
Schuft; er versuchte sie zu verknüpfen, aber sie wollten sich nicht
vereinigen. -- Sein Hirn arbeitete und arbeitete, und neue Bilder
drängten sich heran. Er hatte das Verlangen, von einem edelmütigen
Zuge seines Lebens zu sprechen, und ihm fiel ein, daß er seiner Frau
am Morgen Geld gegeben hatte, daß sie schlafen konnte so lange sie
wollte, und ihren Kaffee im Bett trinken durfte; aber das war für diese
Gelegenheit nicht geeignet; er befand sich in einer schwierigen Lage
und kam zur Besinnung aus Furcht vor dem Schweigen, das entstanden war,
und den scharfen Blicken, die ihn unablässig betrachteten. Er fand sich
mit der Uhr in der Hand dastehen. Mit der Uhr? Wo war sie hergekommen!
Warum saßen sie hier im Dunkeln, während er stand? Ja, so war es, er
hatte ihnen von der Uhr erzählt, und sie warteten auf die Fortsetzung.
»Diese Uhr, meine Herren, ist freilich keine merkwürdige Uhr. Es ist
nur französisches Gold.«
Die beiden früheren Besitzer der silbernen Uhren machten große Augen.
Dies war ihnen neu!
»Und ich glaube, es sind nur sieben Rubine -- es ist durchaus keine
merkwürdige Uhr -- es ist eher eine schlechte Uhr!«
Er wurde aus irgendeinem geheimen Grunde, der seinem Gehirn kaum bewußt
war, wütend und mußte seinem Zorn irgendwie Luft machen. Er schmetterte
die Uhr auf den Tisch und schrie:
»Es ist eine verdammt schlechte Uhr, sage ich. Hört zu, wenn ich rede!
Glaubst du mir nicht, Fritz? Antworte! Du sitzt da und siehst so falsch
aus. Du glaubst nicht, was ich sage! Ich sehe es deinen Augen an,
Fritz, du glaubst nicht, was ich sage. Ich bin ein Menschenkenner, du!
Und ich kann schon noch einmal für dich Bürgschaft leisten! -- Entweder
lügst du, oder ich lüge! Hör zu: soll ich dir beweisen, daß du ein
Schuft bist? Mja! Hör zu, Nyström! Wenn -- ich -- ein falsches Zeugnis
abgebe, bin ich dann ein Schuft?«
»Natürlich bist du ein Schuft!« antwortete Nyström prompt.
»Ja! -- Mja!«
Er versuchte sich vergebens zu erinnern, daß Levin ein falsches Zeugnis
oder überhaupt irgendein Zeugnis abgegeben habe, also war die Sache
hinfällig. Levin war müde und fürchtete, das Opfer könne die Besinnung
verlieren, so daß es nicht mehr die Kraft hätte, den zugedachten Schlag
zu empfinden. Er unterbrach also den Redner mit einem Scherz in Falks
eigenem Stil.
»Prost, alter Schuft!«
Dann setzte er die Peitsche in Bewegung. Er zog nämlich eine Zeitung
aus der Tasche und fragte Falk in kaltem, mörderischem Ton:
»Hast du die ›Volksfahne‹ gelesen?«
Falk starrte das Skandalblatt an, schwieg aber. Das Unvermeidliche
mußte kommen.
»Es steht ein amüsanter Artikel über das ›Kollegium für Auszahlung der
Beamtengehälter‹ darin.«
Falk wurde weiß im Gesicht.
»Man sagt, dein Bruder habe ihn geschrieben.«
»Das ist eine Lüge! Mein Bruder ist kein Skandalschreiber! Mein Bruder
nicht, du!«
»Leider hat er doch dafür büßen müssen! Er soll aus dem Amt fortgejagt
sein!«
»Das lügst du!«
»Nein, ich habe ihn übrigens heute mittag mit einem Bummler im
›Zinnknopf‹ gesehen! Es ist verflucht schade um den Jungen!«
Das war wirklich das Schlimmste, was Karl Nikolaus treffen konnte.
Er war entehrt! Sein Name und der Name seines Vaters, -- alles, was
die alten Bürger ausgerichtet hatten, war vergebens gewesen. Wenn
einer gekommen wäre und ihm erzählt hätte, seine Frau sei gestorben,
-- dann wäre doch noch nicht alles verloren gewesen, auch ein
Geldverlust hätte sich wieder gutmachen lassen. Wenn ihm einer erzählt
hätte, feine Freunde Levin oder Nyström seien wegen Wechselfälschung
verhaftet worden, so würde er ganz einfach die Bekanntschaft mit ihnen
abgeleugnet haben, denn er ließ sich nie außerhalb des Hauses mit
ihnen sehen. Aber die Verwandtschaft mit seinem Bruder konnte er nicht
ableugnen. Er war entehrt durch seinen Bruder! Das war ein Faktum.
Levin hatte es eine gewisse Befriedigung bereitet, diese Geschichte
vorzubringen; denn Falk, der seinem Bruder nie ein ermunterndes Wort
gönnte, wenn dieser es hörte, pflegte dagegen seinen Freunden gegenüber
mit ihm und seinen Verdiensten zu protzen.
»Mein Bruder, der Assessor! Hm! Das ist ein Kopf! Er wird es weit
bringen, das sollt ihr sehen!« Es hatte Levin gereizt, ständig diese
indirekten Vorwürfe zu hören, um so mehr, als Karl Nikolaus eine
bestimmte, unübersteigbare Grenze zwischen Post- und Ministerialbeamten
zog, wenn er sie auch nicht mit einem Wort präzisieren konnte.
Levin hatte, ohne die Hand heben zu müssen, eine blendende Rache
genommen, eine so wohlfeile Rache, daß er es sich leisten zu können
glaubte, edelmütig zu sein und als Tröster aufzutreten.
»Nun, du mußt es nicht so verdammt schwer nehmen! Man kann ja doch ein
Mensch sein, wenn man auch Zeitungsschreiber ist, und was den Skandal
betrifft, so ist er nicht so gefährlich. Wenn man keine bestimmten
Persönlichkeiten angreift, ist es ja kein Skandal; im übrigen ist es
sehr amüsant geschrieben, sehr witzig, und wird in der ganzen Stadt
gelesen.«
Diese letzte Trostpille brachte Falk vollends in Raserei.
»Er hat meinen guten Namen gestohlen, meinen Namen! Wie kann ich es
wagen, mich morgen auf der Börse sehen zu lassen. Was werden die Leute
sagen!«
Mit den Leuten meinte er eigentlich seine Frau, die über das Ereignis,
das die Mesalliance weniger fühlbar machte, sehr entzückt sein würde.
Seine Frau würde seinesgleichen werden -- dieser Gedanke machte ihn
rasend. Er wurde von einem unauslöschlichen Menschenhaß gepackt. Er
hätte der Vater dieses Bastards sein mögen, dann hätte er wenigstens
seine Hände waschen können, indem er sich das väterliche Prärogativ
zunutze machte, einen Fluch aussprach und damit frei war; aber daß
einem Bruder ein solches Recht zustand, hatte man noch nie gehört.
Vielleicht war er selbst zum Teil an seiner Schande schuld; hatte er
nicht den Neigungen des Bruders bei der Berufswahl Gewalt angetan,
hatte er diesen Artikel vielleicht durch die Szene am Morgen
hervorgerufen oder durch die ökonomischen Schwierigkeiten, in die
er den Bruder gebracht hatte? Er? Sollte er dies verschuldet haben?
Nein! er hatte nie eine schlechte Handlung begangen; er war rein, er
genoß Achtung und Ansehen, er war kein Skandalschreiber, er war nicht
weggejagt worden; hatte er nicht ein Papier in der Tasche mit der
Bestätigung, daß er der beste Freund mit dem besten Herzen sei? Hatte
der Magister das nicht vorhin vorgelesen? Ja, natürlich! Er begann zu
trinken -- unmäßig -- nicht um sein Gewissen zu betäuben, das hatte er
nicht nötig, denn er hatte nichts Unrechtes getan, sondern um seinen
Zorn zu ersticken. Aber das half nichts, der Zorn kochte über, und die
in der Nähe saßen, wurden verbrüht.
»Trinkt, ihr Elenden! Da sitzt das Vieh und schläft! Das nenne ich
Freunde! Weck ihn auf, Levin! Du! Du!«
»Wen schreist du so an?« fragte der gekränkte Levin in mürrischem Ton.
»Dich natürlich!«
Über den Tisch wurden Blicke gewechselt, die nichts Gutes verhießen.
Falk, dessen Laune sich besserte, als er einen anderen in Wut geraten
sah, nahm einen Löffel voll Bowle und goß sie dem Magister über den
Kopf, daß sie ihm hinten in den Kragen lief.
»Tu das nicht noch einmal,« sagte Levin energisch und drohend.
»Wer sollte mich hindern?«
»Ich. -- Ja, ich! Ich dulde solche Schändlichkeiten nicht, daß du seine
Kleider ruinierst!«
»Seine Kleider!« lachte Falk. »Seine Kleider! Ist das nicht mein Rock,
hat er ihn nicht von mir bekommen?«
»Jetzt geht es zu weit,« -- sagte Levin und stand auf, um zu gehen.
»Ja, jetzt gehst du! Du bist satt, du kannst nicht mehr trinken, du
brauchst mich heute abend nicht mehr; willst du mich um einen Fünfer
anpumpen? Wie? Darf ich nicht die Ehre haben, dir etwas Geld zu leihen?
Oder soll ich lieber unterschreiben, unterschreiben, du?«
Bei dem Wort unterschreiben spitzte Levin die Ohren. Wie, wenn er ihn
in dieser erregten Stimmung überrumpeln könnte? Er wurde ganz weich bei
dem Gedanken.
»Du darfst nicht ungerecht sein, lieber Bruder,« nahm er das Gespräch
wieder auf. »Ich bin nicht undankbar und weiß deine Güte durchaus zu
schätzen; ich bin arm, so arm, wie du nie gewesen bist und nie werden
kannst; ich habe Demütigungen erduldet, die du nie für möglich halten
würdest, dich aber habe ich immer als einen Freund angesehen. Wenn ich
das Wort Freund sage -- meine ich es. Du hast heute abend getrunken und
bist traurig, deshalb bist du ungerecht; aber ich versichere allen, daß
es kein besseres Herz gibt als deins, Karl Nikolaus. Und das sage ich
nicht zum erstenmal. Ich danke dir für deine Aufmerksamkeit heute, wenn
ich nämlich die festliche Bewirtung, die uns zuteil geworden ist, und
die ausgezeichneten Weine, die hier geflossen sind, auf mich beziehen
darf. -- Ich danke dir, lieber Bruder, und trinke auf dein Wohl. Prost,
Bruder Karl Nikolaus. Hab Dank, hab herzlichen Dank! Du sollst dies
nicht umsonst getan haben! Denke daran!«
Diese mit vor Bewegung (Gemütsbewegung) zitternder Stimme gesprochenen
Worte taten merkwürdigerweise ihre Wirkung. Falk kam sich gut vor;
hatte man ihm nicht abermals versichert, daß er ein gutes Herz habe?
Er glaubte es. Sein Rausch trat jetzt in das sentimentale Stadium. Man
kam sich näher, man sprach abwechselnd über seine guten Eigenschaften,
über die Bosheit der Welt, sprach darüber, wie warm man fühle und
einen wie guten Willen man habe; man hielt sich an den Händen. Falk
sprach von seiner Frau, wie gut er zu ihr sei; er sprach davon, wie
geistlos seine Tätigkeit sei, wie tief er den Mangel an Bildung
empfinde, wie verfehlt sein Leben sei; und als er seinen zehnten Likör
getrunken hatte, vertraute er Levin an, er habe sich eigentlich dem
geistlichen Beruf widmen, ja Missionar werden wollen. Man wurde immer
geistiger und geistiger. Levin sprach von seiner verstorbenen Mutter,
von ihrem Tod und ihrem Begräbnis, von einer verschmähten Liebe und
schließlich von seinen religiösen Anschauungen, über die er nicht
mit jedem Beliebigen spräche; und jetzt war man bei der Religion
angelangt. Die Uhr wurde eins, wurde zwei, und man hörte noch immer
nicht auf, während Nyström, den Kopf und die Arme auf den Tisch gelegt,
getreulich schlief. Das Kontor war von dem Tabakrauch, der das Licht
der Gaslampen verdunkelte, in Dämmerung gehüllt; die sieben Kerzen
des siebenarmigen Leuchters waren niedergebrannt, und der Tisch sah
betrüblich aus. Ein paar Gläser hatten den Fuß verloren, Zigarrenasche
war auf das beschmutzte Tischtuch verstreut, Streichhölzer lagen auf
dem Fußboden umher. Durch die Öffnung in den Fensterläden drang jetzt
das Tageslicht herein, brach in langen Strahlen durch die Tabakswolken
und bildete eine kabbalistische Figur auf dem Tischtuch zwischen
den beiden Glaubenshelden, die eifrig im Zuge waren, die Augsburger
Konfession umzuredigieren. Sie sprachen jetzt mit zischenden Stimmen,
das Gehirn war stumpf geworden, die Worte kamen immer trockener heraus,
die Spannung ließ nach, trotz dem fleißigen Anheizen, man versuchte
noch einmal, sich zur Ekstase emporzuschrauben, aber sie flackerte
und flackerte, der Geist entfloh, bedeutungslose Worte wurden noch
hervorgebracht, bald aber erlosch der letzte Funke; die betäubten
Hirne, die wie gepeitschte Kreisel gearbeitet hatten, ließen nach und
fielen um. Nur ein Gedanke stand noch klar da -- man mußte schlafen
gehen, sonst würde man sich voreinander ekeln, man mußte allein sein.
Nyström wurde geweckt. Levin umarmte Karl Nikolaus und steckte drei
Zigarren in die Tasche. Man war zu hoch gestiegen, um so schnell
wieder herunter kommen und über den Schuldschein sprechen zu können.
Die Abschiedsgrüße wurden ausgetauscht, der Wirt ließ die Gäste hinaus,
-- und er war allein! Er öffnete die Läden, und das Tageslicht fiel
herein -- er öffnete das Fenster und ein frischer Luftstrom von der
Schiffsbrücke drang durch die enge Gasse, deren eine Häuserreihe von
der eben aufgegangenen Sonne beleuchtet wurde. Es schlug vier; dieser
wunderbare, kurze Glockenschlag, den nur der auf dem schlaflosen Bett
des Kummers oder der Krankheit liegende, nach dem Morgen verlangende
erbarmenswerte Mensch zu hören pflegt. Selbst die Österlangstraße,
diese Straße des Lasters, des Schmutzes, der Schlägereien, lag still,
einsam, rein da. Falk fühlte sich tief unglücklich. Er war entehrt, und
er war einsam. Er schloß das Fenster und die Läden, und als er sich
umdrehte und die Verwüstung sah, begann er aufzuräumen. Er sammelte
alle Zigarrenstummel auf und warf sie in den Kamin, er deckte ab, er
fegte aus, er wischte Staub, er stellte alles auf seinen Platz. Er
wusch sich Gesicht und Hände und kämmte sich; ein Polizist hätte ihn
für einen Mörder halten können, der sich bemühte, die Spuren seiner
Tat zu verwischen. Aber bei all dem dachte er klar, bestimmt und
deutlich. Und als er das Zimmer und sich selbst in Ordnung gebracht
hatte, war sein Entschluß gefaßt, den er wirklich lange vorbereitet
hatte und der jetzt ins Werk gesetzt werden sollte. Er wollte die
Schande auslöschen, die er in seiner Familie erlitten hatte, er wollte
emporsteigen, er wollte ein berühmter, ein mächtiger Mann werden; er
wollte ein neues Leben beginnen, er hatte einen Namen hochzuhalten, und
er wollte ihn zu Ehren bringen. Er fühlte, daß eine große Leidenschaft
nötig war, um sich nach dem Schlag, den er heute abend empfangen hatte,
aufrechtzuerhalten; der Ehrgeiz hatte lange in ihm geschlummert, man
hatte ihn geweckt, und nun war er da.
Er war jetzt völlig nüchtern geworden, steckte sich eine Zigarre an,
trank einen Kognak und ging in seine Wohnung hinauf, still und leise,
um seine Frau nicht zu wecken.
Fünftes Kapitel
Bei dem Verleger
Arvid Falk wollte seine Versuche bei dem mächtigen Smith beginnen
-- den Namen hatte dieser aus übertriebener Bewunderung für alles
Amerikanische angenommen, als er einmal in seiner Jugend einen kleinen
Ausflug nach dem großen Lande gemacht hatte --, bei dem gefürchteten
Manne mit den tausend Armen, der sogar aus schlechtem Material in zwölf
Monaten einen Schriftsteller machen konnte. Seine Methode war bekannt,
aber es gab niemanden, der sie anzuwenden wagte, denn dazu war ein
beispielloser Grad von Frechheit erforderlich. Der Schriftsteller,
dessen er sich annahm, konnte sicher sein, einen Namen zu bekommen,
deshalb wurde Smith von namenlosen Schriftstellern überlaufen. Als ein
Beispiel dafür, wie unwiderstehlich er war und wie er die Leute trotz
Publikum und Kritik hochbringen konnte, pflegte die folgende Geschichte
angeführt zu werden. Ein junger Mensch, der noch nie etwas geschrieben
hatte, verfaßte einen schlechten Roman, den er Smith brachte. Diesem
gefiel das erste Kapitel -- mehr las er nie --, und er beschloß, die
Welt mit einem neuen Schriftsteller zu beglücken. Das Buch kommt
heraus; auf der Rückseite des Umschlages steht zu lesen: »Blut
und Schwert. Roman von Gustav Sjöholm. Diese Arbeit des jungen und
vielversprechenden Schriftstellers, dessen Name in weiten Kreisen schon
lange bekannt und sehr geschätzt war, usw. ... Tiefe der Charaktere
... Klarheit ... Kraft. Unserem Romane lesenden Publikum aufs wärmste
zu empfehlen.« Das Buch erschien am 3. April. Am 4. April stand in
der viel gelesenen Stockholmer Zeitung »Graumützchen«, von der Smith
fünfzig Aktien besaß, eine Kritik. Die Kritik schloß: »Gustav Sjöholm
ist bereits ein Name; wir brauchen ihm nicht erst dazu zu verhelfen;
und wir empfehlen dieses Werk nicht nur dem Romane lesenden, sondern
auch dem Romane schreibenden Publikum.« Am 5. April war das Buch in
allen Zeitungen der Hauptstadt angezeigt, und in der Annonce fand sich
das folgende Zitat: »Gustav Sjöholm ist bereits ein Name; wir brauchen
ihm nicht erst dazu zu verhelfen (Graumützchen).«
Am selben Abend stand eine Rezension im »Unbestechlichen«, der aber
von niemandem gelesen wird. Da wurde das Buch als ein Muster für
erbärmliche Literatur besprochen, und der Rezensent verschwor sich,
daß Gustav Sjöblom (ein absichtlicher Schreibfehler des Rezensenten)
überhaupt kein Name sei. Aber da der »Unbestechliche« nicht gelesen
wurde, so verhallte diese Opposition ungehört.
Die anderen Zeitungen der Hauptstadt, die im Urteil nicht von dem
führenden, ehrwürdigen »Graumützchen« abweichen wollten und es Smiths
wegen nicht wagten, waren recht milde, aber nicht mehr. Sie glaubten,
Gustav Sjöholm werde sich durch Arbeit und Fleiß in Zukunft einen Namen
machen können.
Einige Tage blieb es still, aber in allen Zeitungen, in dem
»Unbestechlichen« mit fettem Druck, standen die Annoncen und
verkündeten: Gustav Sjöholm ist bereits ein Name. Dann jedoch tauchte
im »Allerlei« von X-köping ein Artikel auf, der gegen die Härte der
hauptstädtischen Presse gegen junge Schriftsteller zu Felde zog. Der
heißblütige Korrespondent schloß: »Gustav Sjöholm ist ganz einfach ein
Genie, trotz der Opposition doktrinärer Dummköpfe.«
Am Tage darauf stand wieder die Annonce in allen Zeitungen und
verkündete: »Gustav Sjöholm ist bereits ein Name« usw. (Graumützchen),
»Gustav Sjöholm ist ein Genie!« (X-köpinger Allerlei). Das nächste Heft
der Zeitschrift »Unser Land«, von Smith herausgegeben, enthielt auf dem
Umschlage die folgende Anzeige: »Zu unserer Freude können wir unseren
vielen Lesern mitteilen, daß der berühmte Schriftsteller Gustav Sjöholm
uns für das nächste Heft eine Originalnovelle in Aussicht gestellt
hat usw.« Und dann Annoncen in den Zeitungen! Zu Weihnachten kam
schließlich der Kalender »Unser Volk« heraus. Von den Verfassern waren
auf dem Titelblatt genannt: Orvar Odd, Talis Qualis, Gustav Sjöholm
u. a. Die Tatsache blieb bestehen: Gustav Sjöholm war schon nach acht
Monaten ein Name. Und das Publikum, ja, das konnte nichts daran ändern;
es mußte ihn hinnehmen. Es konnte in keine Buchhandlung gehen und ein
Buch ansehen, ohne von ihm zu lesen, es konnte keine alte Zeitung
zur Hand nehmen, ohne ihn darin angezeigt zu sehen, ja, es gab keine
Situation im Leben, in der man nicht diesen Namen auf einem Fetzen
bedruckten Papiers gefunden hätte. Die Hausfrauen hatten ihn Sonnabends
im Marktkorb liegen, die Mädchen brachten ihn aus den Geschäften mit
nach Hause, die Laufburschen fegten ihn von der Straße auf, und die
Herren trugen ihn in der Schlafrocktasche.
Da der junge Schriftsteller diese große Macht Smiths kannte, stieg er
nicht ohne eine gewisse Beklemmung die dunklen Treppen seines Hauses
bei der Großen Kirche hinauf. Lange mußte er sitzen und warten und sich
den peinlichsten Betrachtungen überlassen, bis die Tür aufgerissen
wurde und ein junger Mann mit Verzweiflung im Gesicht und einer
Papierrolle unterm Arm hinausstürzte. Zitternd betrat Falk das hintere
Zimmer, in dem der Gefürchtete empfing. Er saß auf einem niederen Sofa,
ruhig und mild wie ein Gott, nickte freundlich mit seinem graubärtigen,
mit einer blauen Mütze versehenen Kopf und rauchte so friedvoll
seine Pfeife, als habe er nicht soeben die Hoffnungen eines Menschen
vernichtet oder einen Unglücklichen von sich gestoßen.
»Guten Tag, guten Tag!«
Und er musterte mit einigen Götterblicken die Kleider des Eintretenden,
die proper aussahen; aber deshalb forderte er ihn doch noch nicht auf,
Platz zu nehmen.
»Mein Name ist ... Falk.«
»Der Name ist mir unbekannt. -- Was ist Ihr Vater?«
»Mein Vater ist tot!«
»So, er ist tot? Gut! Was kann ich für Sie tun, mein Herr?«
Der Herr holte ein Manuskript aus der Brusttasche und überreichte es
Smith.
Dieser setzte sich drauf, ohne es anzusehen.
»Nun, und das soll ich drucken lassen? -- Es sind Verse? Jawohl, ja!
Wissen Sie, was es kostet, einen Bogen zu drucken? Nein, das wissen Sie
nicht!«
Hier stieß er dem Unwissenden mit dem Pfeifenschaft vor die Brust.
»Haben Sie einen Namen, mein Herr? Nein! Haben Sie sich irgendwie
ausgezeichnet? Nein!«
»Ich habe für diese Gedichte eine Belobigung von der Akademie
bekommen.«