»Wenn du jetzt fleißig bist, so kannst du mit mir kommen und im

›Zinnknopf‹ zu Mittag essen,« verhieß Lundell, der sich mit den beiden

Reichstalern, die er aus dem Ruin gerettet hatte, reich vorkam.

Ygberg und Olle hatten sich auf die Waldhöhe begeben, um über Mittag zu

schlafen. Olle strahlte nach seinen Siegen, Ygberg aber war verstimmt;

er war von seinem Schüler übertroffen worden. Außerdem hatte er kalte

Füße bekommen und war ungewöhnlich hungrig, denn das eifrige Gespräch

über Essen hatte schlummernde Gefühle geweckt, die sich ein ganzes

Jahr lang nicht Luft gemacht hatten. Sie legten sich unter eine Tanne;

Ygberg barg das kostbare Buch, das er Olle nie leihen wollte, gut

in Papier gewickelt, unter seinem Kopf und streckte sich in seiner

vollen Länge aus. Er war blaß wie eine Leiche, kalt und ruhig wie eine

Leiche, die die Hoffnung auf Auferstehung aufgegeben hat. Er sah, wie

die Vögelchen über seinem Kopf den Tannensamen pickten und die Schalen

auf ihn niederfallen ließen, er sah eine strotzende Kuh zwischen den

Erlen weiden und sah den Rauch aus dem Küchenschornstein des Gärtners

aufsteigen.

»Bist du hungrig, Olle?« fragte er mit matter Stimme.

»Nein,« sagte Olle und warf hungrige Blicke auf das wunderbare Buch.

»Wer doch eine Kuh wäre!« seufzte Ygberg, faltete die Hände über der

Brust und überantwortete seine Seele dem allerbarmenden Schlaf.

Als seine schwachen Atemzüge einigermaßen regelmäßig geworden waren,

holte der wachende Freund vorsichtig und ganz leise, damit der Schläfer

nicht gestört werden sollte, das Buch hervor, warf sich dann auf den

Bauch und begann den kostbaren Inhalt zu verschlingen, worüber er

sowohl den »Zinnknopf« wie den »Kochkessel« vergaß.

Viertes Kapitel

Herren und Hunde

Es waren einige Tage vergangen. Karl Nikolaus Falks

zweiundzwanzigjährige Frau hatte eben ihren Kaffee im Bett getrunken,

dem kolossalen Mahagonibett in dem riesigen Schlafzimmer. Es war

erst zehn Uhr. Ihr Mann war schon seit sieben Uhr früh fort und nahm

unten an der Brücke Flachs auf. Es geschah jedoch durchaus nicht in

dem Glauben, er werde nicht so bald nach Hause kommen, daß die junge

Frau sich die Freiheit nahm, so lange im Bett zu liegen, obwohl es im

übrigen gegen Sitten und Gewohnheiten des Hauses verstieß. Es schien

ihr eher ein Vergnügen zu bereiten, mit allen eingewurzelten Sitten

und Gewohnheiten des Hauses zu brechen. Sie war erst seit zwei Jahren

verheiratet, hatte aber genügend Zeit gehabt, durchgreifende Reformen

in dem alten, konservativen Bürgerhause einzuführen, wo alles alt war,

sogar die Dienstboten. Die Macht dazu hatte sie bekommen, als ihr Mann

ihr seine Liebe erklärt und sie ihm gnädig ihr Jawort gegeben, das

heißt sich in Gnaden von einem verhaßten Elternhause befreit hatte,

in dem sie um sechs Uhr hatte aufstehen müssen, um den ganzen Tag zu

arbeiten. Sie hatte ihre Brautzeit gut ausgenutzt; sie hatte nämlich

während dieser Zeit alle Garantien dafür gesammelt, für ihre Person

ein freies, unabhängiges Leben führen zu dürfen, ohne Einmischung

vonseiten des Mannes. Diese Garantien bestanden freilich nur in

Versprechungen, die ein liebeskranker Mann gegeben hatte; sie aber,

die bei klarer Besinnung blieb, nahm sie entgegen und schrieb sie

sich ins Gedächtnis. Der Mann jedoch zeigte jetzt nach zweijähriger,

kinderloser Ehe die Neigung, all diese Verpflichtungen -- daß die Frau

so lange schlafen dürfe, wie sie wolle, daß sie im Bett Kaffee trinken

könne usw. -- zu vergessen. Er war sogar unzart genug gewesen, sie

daran zu erinnern, daß er sie aus dem Schlamm gezogen, daß er sie aus

einer Hölle befreit und sich selbst dabei aufgeopfert habe, denn er

sei eine Mesalliance eingegangen -- ihr Vater war Flaggschiffer bei

der Marine. Über die Antwort auf diese und ähnliche Beschuldigungen

dachte sie jetzt nach, und da ihr guter Verstand während ihrer

Bekanntschaft nie von irgendeinem Gefühlsrausch umnebelt gewesen war,

hatte sie ihn völlig in der Gewalt -- und sie wußte ihn zu gebrauchen.

Deshalb hörte sie mit ungemischter Freude die Symptome der Heimkehr

ihres Mannes zum Frühstück. Die Türen zum Eßzimmer wurden nämlich ins

Schloß geworfen, während gleichzeitig ein furchtbares Brüllen hörbar

wurde, wobei die Frau den Kopf unter die Decke steckte, um ihr Lachen

zu verbergen. Schritte ertönten auf dem Teppich im Nebenzimmer, und

in der Schlafzimmertür erschien der erzürnte Mann mit dem Hut auf dem

Kopf. Die Frau wandte ihm den Rücken und lockte mit ihrer zärtlichsten

Stimme:

»Kommt da mein kleiner Dickwanst? Komm nur herein, komm nur herein!«

Der kleine Dickwanst -- das war sein Kosename, und die Herrschaften

hatten noch originellere -- hatte keine Lust hereinzukommen, sondern

blieb in der Tür stehen und schrie:

»Warum ist das Frühstück nicht aufgetragen? He?«

»Frage die Mädchen, ich habe das Tischdecken nicht übernommen. Und nimm

bitte den Hut ab, wenn du hereinkommst, mein Herr!«

»Was hast du denn mit meiner Mütze gemacht?«

»Die habe ich verbrannt. Sie war so fettig, daß du dich schämen

solltest.«

»Hast du verbrannt! Nun, darüber wollen wir nachher reden! Warum liegst

du noch spät am Vormittag im Bett, statt auf die Mädchen zu passen?«

»Weil es mir Spaß macht!«

»Denkst du, ich habe eine Frau geheiratet, die sich nicht um ihren

Haushalt kümmert? He?«

»Ja, das hast du! Und warum meinst du, habe ich dich geheiratet?

Das habe ich dir schon tausendmal gesagt, -- weil ich die Arbeit

loswerden wollte, und das hast du mir versprochen. Hast du mir das

nicht versprochen? Kannst du dein Ehrenwort geben, daß du es mir nicht

versprochen hast? Da siehst du, was für ein Mann du bist! Genau wie

alle andern!«

»Ja, das war damals!«

»Damals! Wann war es? Sind nicht Versprechungen immer bindend? Müssen

sie etwa zu einer bestimmten Jahreszeit gegeben werden?«

Der Mann kannte diese unerschütterliche Logik zu genau, und die gute

Laune seiner Frau tat die gleiche Wirkung wie sonst Tränen in solchen

Fällen, -- er ergab sich.

»Ich bekomme Besuch heute abend,« erklärte er.

»Ach, bekommst du Herrenbesuch?«

»Natürlich! Weiber kann ich nicht vertragen.«

»Nun, da hast du wohl schon deine Einkäufe gemacht?«

»Nein, das sollst du tun.«

»Ich! Nein, ich habe kein Geld für Besuch! Ich denke gar nicht dran,

mein Wirtschaftsgeld für Extrabewirtungen auszugeben.«

»Nein, das verbrauchst du für deine Toilette und andere unnötige

Sachen.«

»Nennst du das unnötige Sachen, die ich für dich arbeite? Ist ein

Hauskäppchen etwa unnötig? Sind Pantoffel etwa unnötig? Sag! Antworte

doch ehrlich!«

Sie verstand ihre Fragen immer so zu formulieren, daß die Antwort für

den Antwortenden vernichtend ausfallen mußte. Das war ihres Mannes

eigene Methode. Er mußte also, wenn er nicht ganz zu Boden geschmettert

werden wollte, unaufhörlich neue Themen aufnehmen.

»Ich habe wirklich Veranlassung,« sagte er mit einer gewissen Rührung,

»heute abend Gäste einzuladen: mein alter Freund Fritz Levin von

der Post ist nach neunzehnjähriger Dienstzeit jetzt fest angestellt

worden -- es hat gestern in der Postzeitung gestanden. Aber da es dir

unangenehm zu sein scheint und du weißt, daß ich dir immer den Willen

tue, so will ich weiter kein Aufhebens von der Sache machen, sondern

empfange ihn und Magister Nyström nur unten im Kontor.«

»Ach, dieser Bummler Levin ist fest angestellt worden, nun das ist ja

gut! Da bekommst du vielleicht auch all das Geld wieder, das er dir

schuldig ist?«

»Nun ja, das denke ich doch.«

»Aber sag einmal, wie kannst du mit so einem Bummler, wie er ist,

verkehren, und dann mit dem Magister; das sind ja richtige Lumpenkerle,

denen kaum die Kleider auf dem Leibe gehören.«

»Hör einmal, Altchen, ich mische mich nicht in deine Angelegenheiten;

bekümmere du dich nicht um meine.«

»Wenn du unten Besuch hast, so wüßte ich nicht, was mich hindern

sollte, hier oben auch Besuch zu haben.«

»Nein, natürlich nicht.«

»Na, so komm her, kleiner Dickwanst, und gib mir etwas Geld!«

Der Dickwanst, der in jeder Hinsicht mit dem Resultat zufrieden war,

kam dem Befehl mit Vergnügen nach.

»Wieviel willst du haben? Ich bin heute sehr knapp bei Kasse.«

»Ach, ich bin mit fünfzig zufrieden.«

»Bist du verrückt?«

»Verrückt! Bitte, gib mir, was ich verlange; ich brauche doch nicht zu

hungern, wenn der Mann ins Wirtshaus geht und schlemmt.«

Der Friede war geschlossen, und die Parteien trennten sich unter

gegenseitiger Zufriedenheit. Es blieb ihm erspart, zu Hause ein

schlechtes Frühstück zu essen, er mußte außer dem Hause frühstücken;

es blieb ihm erspart, da oben zu sitzen, ein bescheidenes Abendbrot

einzunehmen und sich vor den Damen zu genieren, denn er war zu lange

Junggeselle gewesen; und er brauchte kein schlechtes Gewissen zu haben.

Das hätte er nur haben müssen, wenn seine Frau allein zu Hause saß, --

aber sie wollte sich ja selbst Besuch einladen und ihn wohl ganz gern

los sein -- und das war fünfzig Reichstaler wert.

Als der Mann gegangen war, klingelte die Frau der Haushälterin, um

derentwillen sie sich heute gezwungen hatte, so lange liegen zu

bleiben, weil diese erklärt hatte, hier im Hause pflege man um sieben

Uhr aufzustehen. Dann ließ sie sich Papier und Bleistift bringen und

schrieb folgendes Billett an Frau Revisor Homan, die gegenüber wohnte:

»Liebe Evelyn! Komm heute abend zu einer Tasse Tee zu mir, dann können

wir über die Statuten des Vereins ›Frauenrechte‹ sprechen. Vielleicht

wäre ein Basar oder eine Liebhaberaufführung praktisch. Ich habe

wirkliches Verlangen, den Verein zustande zu bringen; es ist ein

dringendes Bedürfnis, wie Du so oft sagst, und ich empfinde es sehr

tief, wenn ich darüber nachdenke. Glaubst Du, daß Ihre Gnaden mir auch

die Ehre erweisen würde? Ich werde vielleicht erst bei ihr Besuch

machen. Hole mich bitte um zwölf ab, dann gehen wir zu Bergens und

trinken Schokolade. Mein Mann ist aus.

Deine Eugenie.

+PS.+ Mein Mann ist aus.«

Darauf stand sie auf und zog sich an, um zu zwölf Uhr fertig zu sein.

* * * * *

Es war am Abend desselben Tages. Die Österlangstraße lag bereits im

Dämmern, als die Uhr von der Deutschen Kirche sieben schlug; nur

ein schwacher Lichtstreif von der Ferkensgasse fiel noch in Falks

Flachsladen, den Andersson jetzt zumachte. Im Kontor waren die Läden

schon geschlossen und das Gas angezündet. Dort war ausgefegt und

aufgeräumt worden; an der Tür prangten zwei Flaschenkörbe, aus denen

Hälse mit rotem und gelbem Lack, mit Stanniol und sogar mit rosa

Seidenpapier hervorsahen. Mitten im Zimmer stand ein weißgedeckter

Tisch; darauf thronte eine ostindische Bowle und ein schwerer,

vielarmiger silberner Leuchter. Und im Zimmer wanderte Karl Nikolaus

Falk auf und ab. Er hatte einen schwarzen Gehrock angezogen und sah

respektabel, aber auch vergnügt aus. Er hatte die Berechtigung,

einen gemütlichen Abend zu beanspruchen; er hatte selbst die Kosten

bestritten und alles arrangiert; er war zu Hause bei sich, ohne sich

vor Damen genieren zu müssen, und seine Gäste waren von der Sorte, daß

er ein Recht hatte, nicht allein Aufmerksamkeit und Artigkeit, sondern

noch etwas mehr zu verlangen. Es waren freilich nur zwei Personen, aber

er war nicht für viele Leute; dies waren seine Freunde, zuverlässig,

treu wie Hunde, unterwürfig, angenehm, immer mit Schmeicheleien

vollgepfropft und nie auf Widerspruch erpicht. Er hätte sich für sein

Geld wohl besseren Verkehr schaffen können, und er hatte ihn auch

zweimal im Jahr, wenn die alten Freunde seines Vaters eingeladen

wurden; aber er war offen gesagt zu sehr Despot, um sich in ihrer Mitte

wohl zu fühlen.

Jetzt war es drei Minuten nach sieben, und die Gäste hatten sich noch

nicht eingefunden. Falk begann ungeduldig zu werden. Er war, wenn er

seine Leute requirierte, gewohnt, daß sie auf die Minute zur Stelle

waren. Der Gedanke an das ungewöhnlich blendende Arrangement und

seinen lähmenden Eindruck hielt seine Geduld aber noch die eine Minute

aufrecht, die verging, bevor der Postbeamte Fritz Levin eintrat.

»Guten Abend, mein lieber Bruder, -- nein!« -- Hier hielt er im

Ausziehen des Überrocks inne, nahm die Brille ab und heuchelte

Überraschung über die großartigen Zurüstungen, als wolle er vor lauter

Verwunderung auf den Rücken fallen. Der siebenarmige Leuchter und das

Tabernakel. »Mein Gott! Mein Gott!« rief er, als er die Flaschenkörbe

bemerkte.

Der unter dem Vorbringen dieser gut einstudierten Artigkeiten den

Überzieher auszog, war ein Mann mittleren Alters von dem vor zwanzig

Jahren modernen Typ der königlichen Beamten, mit zusammenhängendem

Schnurr- und Backenbart, das Haar schräg gescheitelt, mit

+coup-de-vent+. Er war bleich wie eine Leiche, dünn wie ein

Bindfaden, elegant gekleidet, sah aber aus, als friere er an allen

Gliedern und stehe heimlich mit der Armut in innigem Verkehr.

Falk hieß ihn in roher und überlegener Art willkommen, die einesteils

andeutete, daß er Schmeicheleien verachte, besonders von dieser Seite,

andernteils, daß der Eintretende das Vertrauen genoß, sein Freund zu

sein. Als geeigneten Glückwunsch zur Anstellung sah er eine Anspielung

auf die Bestallung seines Vaters zum Hauptmann der Bürgerwehr an.

»Nun, es ist wohl ein schönes Gefühl, sein königliches Diplom in der

Tasche zu haben? Was? Mein Vater hatte auch ein königliches Diplom ...«

»Verzeih, lieber Bruder, ich habe nur ein konstitutoriales.«

»Ach, konsistoriales oder königliches Diplom ist ganz dasselbe; willst

du mich belehren! Mein Vater hat das königliche Diplom auch gehabt ...«

»Ich versichere dir, Bruder ...«

»Versichere! Was meinst du mit versichern? Denkst du, ich bin ein

Lügner? Sag! Denkst du wirklich, ich lüge?«

»Nein, durchaus nicht, du mußt nicht gleich so hitzig werden!«

»Du gibst also zu, daß ich nicht lüge, also hast du doch das königliche

Diplom. Was stehst du denn da und redest Unsinn! Mein Vater ...«

Der bleiche Mann, der schon beim Betreten des Kontors eine Schar Furien

hinter sich zu haben schien, denn er zitterte an allen Gliedern,

stürzte jetzt auf seinen Wohltäter zu, fest entschlossen, kurzen Prozeß

zu machen, bevor das Fest begann, damit man nachher Ruhe hatte.

»Hilf mir!« stöhnte er wie ein Ertrinkender und holte einen Revers aus

der Brusttasche.

Falk setzte sich auf das Sofa, rief Andersson, befahl ihm, die Flaschen

aufzuziehen, und begann die Bowle zu brauen. Darauf antwortete er dem

Blassen:

»Helfen? Habe ich dir nicht geholfen? Hast du mich nicht wiederholt

angepumpt, ohne je etwas zurückzuzahlen? He? Nun, habe ich dir nicht

geholfen? Was meinst du?«

»Mein lieber Bruder, ich weiß schon, daß du immer gut zu mir gewesen

bist.«

»Nun, bist du jetzt nicht fest angestellt? Ja! Nun also! Dann sollte

doch alles gut werden! Dann wolltest du alle Schulden bezahlen, und

es sollte ein neues Leben anfangen. Das habe ich seit achtzehn Jahren

gehört. Nun, wieviel Gehalt bekommst du jetzt?«

»Zwölfhundert Reichstaler, gegen achthundert früher. Aber höre nur

zu. Das Diplom kostet einhundertfünfundzwanzig, für die Pensionskasse

muß ich fünfzig bezahlen, Summa hundertfünfundsiebzig; wo soll ich

die hernehmen? Doch nun kommt das Schlimmste: meine Gläubiger haben

mein halbes Gehalt mit Beschlag belegt, so daß ich jetzt nur noch

sechshundert Reichstaler zum Leben habe, gegen früher achthundert, und

darauf habe ich nun neunzehn Jahre lang gewartet! Es ist wirklich eine

Freude, fest angestellt zu werden.«

»Ja, aber warum hast du Schulden gemacht? Man muß keine Schulden

machen, -- niemals -- Schulden -- machen!«

»Wenn man viele Jahre lang nur hundert Reichstaler Gratifikation

bekommt!«

»Dann hat man da nichts zu suchen. Aber das sind Dinge, die mich nichts

angehen! Mich -- nichts -- angehen!«

»Willst du nicht dies eine Mal unterschreiben?«

»Du kennst meine Prinzipien in diesem Falle, ich unterschreibe nie.

Höre jetzt auf davon!«

Levin schien an abschlägigen Bescheid in diesem Punkte gewöhnt zu sein

und beruhigte sich. Im selben Augenblick kam auch Magister Nyström und

unterbrach in höchst erwünschter Weise die Unterhaltung. Er war ein

dürrer Herr von geheimnisvollem Aussehen und geheimnisvollem Alter;

auch seine Beschäftigung war geheimnisvoll -- er sollte Lehrer an

irgendeiner Schule im Süden der Stadt sein, aber in welcher, danach

fragte niemand, und er selbst legte keinen Wert darauf, darüber zu

sprechen. Seine Mission in Falks Gesellschaft war erstens die, Magister

tituliert zu werden, wenn jemand es hörte, zweitens unterwürfig

und höflich zu sein, drittens dann und wann zu kommen und einen

Pumpversuch zu machen, höchstens fünf Kronen -- denn es gehörte zu

Falks geistigen Bedürfnissen, daß Leute zu ihm kamen, um Geld von ihm

zu borgen, kleinere Beträge natürlich --, und viertens bei festlichen

Gelegenheiten Verse zu machen, und das war nicht der unwichtigste Teil

seiner Mission.

Jetzt saß Karl Nikolaus Falk da, selber mitten auf dem Ledersofa,

denn man sollte nicht vergessen, daß es sein Sofa war, -- umgeben

von seinem Generalstab oder seinen Hunden, wie man auch sagen konnte.

Levin fand alles wundervoll, die Bowle, die Gläser, die Kelle, die

Zigarren (die ganze Kiste vom Kaminsims war hingestellt worden),

die Streichhölzer, den Aschbecher, die Flaschen, die Korke, die

Eisendrähte, -- alles. Der Magister sah zufrieden aus und brauchte

nicht zu sprechen, denn das besorgten die andern; er brauchte nur

anwesend zu sein, um im Bedarfsfall als Zeuge zu dienen.

Falk hob das erste Glas und trank, -- auf wen, das erfuhr niemand, der

Magister aber nahm an, es gelte dem Helden des Tages, holte deshalb

gleich seine Verse heraus und begann die »Fritz Levin bei seiner

Anstellung« gewidmeten Strophen zu lesen.

Falk wurde dabei von einem heftigen Husten befallen, der die Vorlesung

störte und die Wirkung der witzigsten Pointen auslöschte; Nyström aber,

der ein kluger Mann war, hatte das vorausgesehen und deshalb die ebenso

schön gedachte wie gesagte Wahrheit eingeflochten: »Was hätte wohl

Fritz Levin gemacht, wenn Karl Nikolaus Falk nicht seiner gedacht?« Die

feine Anspielung auf die vielen Darlehen, die von Falk seinem Freunde

bewilligt worden waren, hatte zur Folge, daß der Husten nachließ und

man die Schlußstrophe besser hören konnte, die unhöflicherweise wieder

Levin gewidmet war, ein Mißgriff, der von neuem die Harmonie zu stören

drohte. Falk goß sein Glas hinunter, als leere er einen bis an den Rand

mit Undank gefüllten Kelch.

»Du bist heute abend nicht so amüsant wie sonst, Nyström,« antwortete

er.

»Nein, an deinem achtunddreißigsten Geburtstag war er viel amüsanter,«

half Levin nach, der wußte, worauf es hinausging.

Falk durchforschte mit einem Blick die geheimsten Winkel seiner Seele,

um zu sehen, ob sich irgendein Falsch dort verbarg -- und da er zu

stolz war, so etwas zu sehen, sah er nichts. Er vollendete also:

»Ja, das will ich meinen! Das war das Amüsanteste, was ich je gehört

habe; es war so witzig, daß man es hätte drucken lassen können; du

solltest deine Sachen drucken lassen. Hör einmal, Nyström, du kannst es

bestimmt noch auswendig, nicht wahr?«

Nyström hatte ein so schlechtes Gedächtnis, oder, um die Wahrheit zu

sagen, er fand, sie hätten noch zu wenig getrunken, um dem Schamgefühl

und dem guten Geschmack so gröblich Gewalt anzutun; er bat also um

Aufschub; Falk aber, den die stille Opposition reizte und der schon zu

weit gegangen war, um umkehren zu können, bestand auf seinem Kopf. Er

glaube sogar, er habe eine Abschrift der Verse bei sich; er suchte in

seiner Brieftasche, und wahrhaftig, da lagen sie! Die Bescheidenheit

hätte ihm nicht verboten, sie selbst vorzulesen, denn das hatte er

schon oft getan; aber es klang besser, wenn ein anderer es tat. Und

der arme Hund biß in seine Kette, aber sie hielt. Dieser Magister

war eine feinfühlige Natur, doch er mußte roh sein, um das kostbare

Geschenk des Lebens weiter verwalten zu können, und er war gehörig

roh gewesen. Die intimsten Verhältnisse des Lebens waren bloßgelegt:

alles was mit der Geburt des Achtunddreißigjährigen, mit seiner

Aufnahme in die menschliche Gesellschaft, seiner Erziehung und Pflege

in Verbindung stand und was den Gefeierten selbst angeekelt hätte, wenn

es sich um einen anderen als ihn selbst gehandelt hätte. Jetzt aber war

es ausgezeichnet, weil es sich mit seiner Person beschäftigte. Nach

beendeter Vorlesung wurde unter lautem Jubel auf Falks Wohl getrunken,

und man leerte viele Gläser darauf, denn man hatte das Gefühl, zu

nüchtern zu sein, um seine wirklichen Gefühle im Zaum halten zu können.

Darauf wurde der Tisch abgeräumt, und nun wurde ein köstliches Mahl

aufgetragen, mit Austern und Geflügel und allen möglichen guten Dingen.

Falk ging umher und beroch die Schüsseln, schickte diese und jene

zurück, sah nach, ob der englische Porter verschlagen und die Weine je

nach ihrer Art temperiert seien. Jetzt sollten seine Hunde ihren Dienst

antreten und ihm ein angenehmes Schauspiel bereiten. Als alles fertig

war, zog er seine goldene Uhr und behielt sie in der Hand, während

er die folgende scherzende Frage hinwarf, an die die Antwortenden so

gewöhnt, so sehr gewöhnt waren:

»Wieviel ist die silberne Uhr der Herren?«

Diese gaben pflichtschuldig und unter angemessenem Lachen die verlangte

Antwort: ihre Uhren seien beim Uhrmacher. Das versetzte Falk in

brillante Laune, die sich in der durchaus nicht unerwarteten Bemerkung

Luft machte:

»Die Fütterung der Tiere findet um acht statt!« -- Worauf er sich

setzte, drei Schnäpse einschenkte, selber einen nahm und die anderen

aufforderte, ein gleiches zu tun.

»Ich fange an, wenn ihr nicht wollt. Hier werden keine Umstände

gemacht. Haut nur ein, Jungens!«

Und nun begann die Fütterung. Karl Nikolaus, der nicht besonders

hungrig war, hatte genügend Zeit, sich an dem Appetit der anderen zu

weiden, und er forderte sie durch Püffe und Stöße und Grobheiten auf,

zu essen. Ein grenzenlos wohlwollendes Lächeln breitete sich über sein

blondes Sonnenschein-Gesicht, als er ihren Eifer sah, und es war schwer

festzustellen, was ihn am meisten ergötzte: daß sie so fleißig aßen

oder daß sie so hungrig waren. Er saß da wie ein Kutscher und trieb sie

durch Schnalzen und Knallen an.

»Iß nur, Nyström; du weißt nicht, wann du wieder was kriegst. Nimm

dir, Postrat -- du siehst aus, als könntest du Fleisch auf den Knochen

brauchen. Grinst du über die Austern -- taugen die etwa nicht für so

einen Kerl? -- He? Nimm dir noch eine! Nimm doch! Du kannst nicht? Was

ist das für ein Geschwätz! So! Jetzt trinken wir einen Schluck! Trinkt

Bier, Jungens! Du mußt mehr Lachs nehmen! Zum Teufel, nimm doch noch

ein Stück Lachs! Iß doch, zum Teufel! Das kostet alles gleich viel!«

Als das Geflügel zerlegt war, füllte Karl Nikolaus mit einer gewissen

Feierlichkeit die Rotweingläser, und die Gäste, die eine Rede

befürchteten, machten eine Pause. Der Wirt hob sein Glas, roch daran

und sprach mit tiefem Ernst den folgenden Willkommensgruß:

»Prost, Schweine!«

Nyström beantwortete den Toast dankbar, indem er sein Glas hob und

trank, Levin aber ließ das seine stehen und machte ein Gesicht, als

schleife er ein Messer in der Tasche.

Als das Abendessen seinem Ende zuging und Levin sich von Speise und

Trank gestärkt fühlte und der Weindunst ihm zu Kopf stieg, überkam ihn

ein gewisses gefährliches Gefühl von Unabhängigkeit, und ein starker

Freiheitstrieb erwachte in ihm. Seine Stimme wurde klangvoller, seine

Worte sprach er mit mehr Sicherheit aus, und er bewegte sich

unbefangen.

»Gib mir eine Zigarre,« befahl er, »eine gute Zigarre! Kein so

schlechtes Kraut!«

Karl Nikolaus, der dies für einen gelungenen Scherz hielt, gehorchte.

»Ich sehe deinen Bruder heute abend nicht hier,« sagte Levin

noncholant.

Es lag etwas Unheilverkündendes und Drohendes in seiner Stimme, und das

empfand Falk, denn er wurde mißmutig.

»Nein!« antwortete er kurz, aber unsicher.

Das rote Zimmer · 第 3 / 25 段