Unter recht unangenehmen Grübeleien war er in die kleine Parkstraße

gekommen; er ging auf dem linken Trottoir entlang, am Dramatischen

Theater vorbei, und befand sich bald in der Norrlandstraße; er wanderte

ziellos weiter, immer geradeaus; bald wurde das Pflaster uneben, Hütten

aus Holz traten an die Stelle der Steinhäuser, schlecht gekleidete

Menschen warfen mißtrauische Blicke auf den gut angezogenen Herrn, der

so früh am Tage ihre Gegend aufsuchte, und ausgehungerte Hunde knurrten

den Fremden drohend an. Zwischen Gruppen von Soldaten, Arbeitern,

Brauergesellen, Waschfrauen und Lehrlingen hindurch ging er das letzte

Stück der Norrlandstraße mit etwas beschleunigten Schritten, kam dann

in die große Hopfenparkstraße und betrat den Hopfenpark. Die Kühe des

Generalfeldzeugmeisters hatten bereits die Viehweide in Benutzung

genommen, die alten, kahlen Apfelbäume machten einen Versuch, Knospen

zu treiben, die Linden waren schon grün, und die Eichhörnchen spielten

in den Kronen. Er ging am Karussell vorbei und kam in die Allee, die

zum Theater führt; dort saßen Knaben, die die Schule schwänzten und

»Knopf« spielten; ein Stück weiter lag ein Malerlehrling auf dem Rücken

im Grase und schaute durch die hohen Laubwölbungen zu den Wolken

hinauf; er pfiff so sorglos, als warteten weder Meister noch Gesellen

auf ihn, während Fliegen und andere Insekten herbeikamen und sich in

seinen Farbtöpfen ertränkten.

Falk langte auf der Höhe oben beim Ententeich an; dort blieb er stehen

und studierte die Metamorphosen der Frösche, beobachtete die Blutegel

und fing einen Wasserläufer. Dann begann er Steine ins Wasser zu

werfen. Das brachte sein Blut in Bewegung, und er fühlte sich verjüngt,

kam sich vor wie ein schwänzender Schuljunge, frei, trotzig, frei; denn

es war eine Freiheit, die er mit recht großen Opfern erkauft hatte.

Bei dem Gedanken, frei und nach Belieben mit der Natur verkehren zu

können, auf die er sich besser verstand als auf die Menschen, die ihn

nur mißhandelt und ihn schlecht zu machen versucht hatten, wurde er

froh, aller Unfriede schwand aus seinem Gemüt, und er stand auf, um

seinen Weg zur Stadt hinaus fortzusetzen. Er ging durch das Kreuz und

befand sich in der nördlichen Hopfenparkstraße. Hier sah er, daß im

Zaun gerade gegenüber einige Bretter fehlten und daß auf der andern

Seite ein Fußsteig ausgetreten war. Er kroch durch den Zaun, schreckte

ein altes Weib auf, das Nesseln pflückte, spazierte über die weiten

Tabakfelder, wo heute das Villenviertel steht, und befand sich am

Eingang von »Lill-Jans«.

Hier war der Frühling im Ernst über die kleine hübsche Ansiedlung

hereingebrochen, die mit ihren drei kleinen Häusern in blühenden

Flieder und Apfelbäume eingebettet lag, vor den nördlichen Winden von

dem Tannenwald auf der andern Seite der Landstraße geschützt. Hier war

ein wirkliches Idyll aufgetischt. Der Hahn saß auf der Gabel eines

Wasserkarrens und krähte, der Kettenhund lag in der Sonne und fing

Fliegen, die Bienen schwärmten wie eine Wolke um die Körbe, der Gärtner

kniete bei den Mistbeeten und zog Radieschen, die Laubsänger und die

Rotschwänzchen sangen in den Stachelbeersträuchern, halbbekleidete

Kinder scheuchten die Hühner, die die Keimfähigkeit verschiedener

frisch gesäter Blumensamen untersuchen wollten. Über dem Ganzen lag ein

hellblauer Himmel, und dahinter stand der schwarze Wald.

Neben den Mistbeeten, im Schutz des Zaunes, saßen zwei Männer. Der eine

trug einen schwarzen hohen Hut, einen sauber gebürsteten schwarzen

Anzug, hatte ein langes schmales blasses Gesicht und sah aus wie ein

Geistlicher. Der andere war der Typ eines zivilisierten Bauern, mit

zusammengesunkenem, aber korpulentem Körper, hängenden Augenlidern

und mongolischem Schnurrbart; er war sehr schlecht gekleidet und sah

wie alles mögliche aus -- wie ein Vagabund, ein Handwerker oder ein

Künstler --, er machte einen sonderbar verkommenen Eindruck.

Der Magere, der zu frösteln schien, obwohl er direkt in der Sonne saß,

las dem Fetten, der aussah, als habe er alle Klimate der Erde erprobt

und könne sie mit Ruhe alle vertragen, aus einem Buch vor.

Als Falk durch die Pforte auf die breite Landstraße trat, hörte er

deutlich die Worte des Lesenden durch den Zaun, und er meinte stehen

bleiben und zuhören zu dürfen, ohne einen Vertrauensdiebstahl zu

begehen.

Der Magere las mit trockner, eintöniger Stimme, der jeder Klang fehlte,

und der Fette gab dann und wann seine Zufriedenheit zu erkennen

durch ein Schnauben, das bisweilen mit einem Grunzen abwechselte und

schließlich zum Spucken wurde, wenn die Worte der Weisheit, die er

hörte, über den gewöhnlichen Menschenverstand gingen. Der Lange las:

»Die höchsten Grundsätze sind, wie gesagt, drei: ein absolut

unbedingter und zwei relativ unbedingte. +Pro primo+: der absolut

erste, rein unbedingte Grundsatz soll die Handlung ausdrücken, die

allem Bewußtsein zugrunde liegt und dieses erst möglich macht. Dieser

Grundsatz ist die Identität: +A+ = +A+. Er bleibt bestehen

und kann auf keine Weise fortgedacht werden, wenn man alle empirischen

Bestimmungen des Bewußtseins absondert. Er ist das ursprüngliche

Faktum des Bewußtseins und muß darum notwendigerweise anerkannt

werden; überdies ist er nicht wie jedes andere empirische Faktum etwas

Bedingtes, sondern als Folge und Inhalt einer freien Handlung völlig

unbedingt.«

»Verstehst du, Olle?« unterbrach sich der Leser.

»O ja, es ist wundervoll! -- ›Er ist nicht wie jedes empirische Faktum

etwas Bedingtes.‹ -- Oh, ist das ein Mensch! Weiter, weiter!«

»Wenn man annimmt,« fuhr der Vorleser fort, »daß dieser Satz ohne jeden

weiteren Grund sicher ist --«

»Höre einer diesen Filou an -- ›ohne jeden weiteren Grund sicher‹,«

wiederholte der dankbare Zuhörer, der damit jeden Verdacht, als

verstehe er nicht, von sich abschütteln wollte, »ohne jeden weiteren

Grund, wie schlau, wie schlau, statt nur zu sagen: ohne jeden Grund.«

»Soll ich weiterlesen? Oder gedenkst du mich noch öfter zu

unterbrechen?« fragte der beleidigte Vorleser.

»Ich werde dich nicht wieder unterbrechen, weiter, weiter!«

»So -- jetzt kommt die Schlußfolgerung (herrlich in der Tat!) -- mißt

man sich die Fähigkeit bei, etwas zu behaupten.«

Olle schnaubte.

»Man behauptet demnach nicht +A+ (großes +A+), sondern bloß,

daß +A+ = +A+ ist, wenn und soweit +A+ überhaupt ist.

Es handelt sich nicht um den Inhalt des Satzes, sondern bloß um dessen

Form. Der Satz +A+ = +A+ ist also seinem Inhalt nach bedingt

(hypothetisch) und nur seiner Form nach unbedingt.«

»Hast du beachtet, daß es das große +A+ ist?«

Falk hatte genug gehört; dies war die entsetzlich tiefe Philosophie von

Upsala, die sich bis hierher verirrt hatte, um die rohe Großstadtnatur

zu bezwingen; er sah nach, ob nicht die Hühner von ihren Stangen

gefallen seien und ob nicht die Petersilie aufhörte zu wachsen beim

Anhören dieses Tiefsten, das in Lill-Jans jemals in Zungen geredet

worden war. Er wunderte sich, daß der Himmel sich noch an seinem Platz

befand, obwohl er zum Zeugen einer solchen Kraftprobe des menschlichen

Geistes angerufen worden war; zugleich aber forderte seine menschliche

niedrigere Natur ihr Recht, und er fühlte eine große Trockenheit in der

Kehle, weshalb er beschloß, in eins der Häuser hineinzugehen und um ein

Glas Wasser zu bitten.

Er kehrte also um und betrat das Haus, das, wenn man von der Stadt

kommt, rechts am Wege liegt. Die Tür zu einer großen ehemaligen

Backstube stand nach der Diele offen, die nicht größer war als

ein Reisekoffer. Im Zimmer befand sich nur eine Schlafbank, ein

zerbrochener Stuhl, eine Staffelei und zwei Personen; die eine von

diesen stand vor der Staffelei, angetan mit Hemd und Hosen, die von

einem Riemen gehalten wurden. Er sah aus wie ein Handwerksbursche, aber

er war Künstler, denn er war damit beschäftigt, die Skizze zu einem

Altarbilde zu entwerfen. Der andere war ein junger Mann von feinem

Aussehen, relativ fein gekleidet. Er hatte seinen Rock ausgezogen,

hatte das Hemd heruntergestreift und stand augenblicklich dem Maler mit

seiner prachtvollen Büste Modell. Sein schönes, vornehmes Gesicht trug

Spuren von Ausschweifungen der vergangenen Nacht, und sein Kopf fiel

dann und wann nach vorn, wodurch er sich eine besondere Zurechtweisung

von dem Meister zuzog, der ihn unter seinen Schutz genommen zu haben

schien. Den Endrefrain einer solchen Moralpredigt bekam Falk zu hören,

als er die Diele betrat.

»Daß du so ein Schwein bist und mit diesem Bummler Sellén kneipen

gehst! Jetzt stehst du hier und vergeudest deinen Vormittag, statt in

der Handelsschule zu sitzen -- die rechte Schulter etwas höher, so!

Hast du tatsächlich die ganze Miete durchgebracht, so daß du nicht

nach Hause zu gehen wagst? Hast du gar nichts übrig behalten? Keinen

Pfennig?«

»O doch, etwas habe ich noch übrig, aber das reicht nicht!«

Der junge Mann holte ein zusammengeknülltes Stück Papier aus der

Hosentasche und wickelte es auf, wobei zwei Dreikronenscheine zum

Vorschein kamen.

»Gib her, ich hebe sie dir auf,« riet der Meister und nahm wie ein

Vater die Scheine an sich.

Falk, der sich vergebens bemerkbar zu machen versucht hatte, hielt

es jetzt für richtig, so unbemerkt, wie er gekommen war, seiner Wege

zu gehen. Er ging also wieder an dem Komposthaufen und den beiden

Philosophen vorbei und bog links in den Königin-Christina Weg ein. Er

war noch nicht weit gegangen, als er einen jungen Mann gewahrte, der

seine Staffelei vor dem kleinen Erlenbruch gerade an der Stelle, wo

der Wald anfängt, aufgeschlagen hatte. Es war eine feine, schlanke,

fast elegante Gestalt mit etwas spitzem, brünettem Gesicht; sprühendes

Leben erfüllte seine ganze Person, wie er da vor dem schönen Bilde

stand und arbeitete. Er hatte Hut und Rock abgelegt und schien bei

vortrefflichster Gesundheit und in bester Laune zu sein. Bald pfiff er,

bald summte er vor sich hin, bald sprach er mit sich selber.

Als Falk so weit herangekommen war, daß er ihn im Profil sah, drehte er

sich um:

»Sellén! Guten Tag, alter Kamerad!«

»Falk! Alte Bekannte hier draußen im Walde! Was um Gottes willen

bedeutet das? Bist du um diese Tageszeit nicht in deinem Amt?«

»Nein. Aber wohnst du hier draußen?«

»Ja, ich bin mit einigen Bekannten am 1. April hier herausgezogen;

es wurde zu teuer, in der Stadt zu wohnen -- die Wirte sind auch so

kleinlich!«

Ein pfiffiges Lächeln spielte in dem einen Mundwinkel, und die braunen

Augen funkelten.

»Ach so,« erwiderte Falk, »dann kennst du vielleicht auch die Typen,

die da hinten bei den Mistbeeten sitzen und lesen?«

»Die Philosophen? Aber natürlich! Der Lange ist außerordentlicher

Hilfsarbeiter im Versteigerungsamt mit achtzig Reichstalern jährlich,

und der Kleine, Olle Montanus, der sollte eigentlich zu Hause sitzen

und bildhauern, aber seit er mit Ygberg zusammen auf die Philosophie

verfallen ist, hat er aufgehört zu arbeiten, und jetzt geht es in

raschem Tempo bergab mit ihm. Er hat entdeckt, daß die Kunst etwas

Sinnliches ist!«

»Aber wovon lebt er denn?«

»Eigentlich von nichts! Manchmal steht er dem praktischen Lundell

Modell, und dann bekommt er ein Stück Blutkuchen ab und lebt einen Tag

davon, und im Winter darf er in seinem Zimmer auf dem Fußboden liegen,

denn ›er wärmt doch immerhin etwas‹, sagt Lundell, wo das Holz so teuer

ist; und hier war es im April recht kalt.«

»Wie kann er Modell stehen, er sieht doch aus wie ein Quasimodo?«

»Ja, bei einer Kreuzesabnahme soll er der eine Schächer sein, dem

die Knochen schon entzwei geschlagen sind; der arme Teufel hat ein

Hüftleiden gehabt; wenn er sich also über eine Stuhllehne legt, wird er

sehr gut. Manchmal muß er sich nach hinten umdrehen, und dann ist er

der zweite Schächer.«

»Warum tut er denn selbst nichts? Hat er kein Talent?«

»Olle Montanus, mein Lieber, ist ein Genie; aber er will nicht

arbeiten, er ist Philosoph und würde sicher ein großer Mann geworden

sein, wenn er nur hätte studieren können. Es ist wirklich merkwürdig,

ihn und Ygberg reden zu hören; Ygberg hat ja allerdings mehr gelesen,

aber Montanus hat einen so guten Kopf, daß er ihn manchmal in die Enge

treibt, und dann geht Ygberg seiner Wege und liest noch ein Stück für

sich; aber er leiht Montanus sein Buch nie.«

»Ach, ihr schätzt Ygbergs Philosophie?« fragte Falk.

»Oh, die ist sehr fein! Sehr fein? Du liebst doch Fichte? Oh, oh, oh,

so ein Kerl!«

»Nun,« unterbrach Falk, der Fichte nicht liebte, »wer waren denn die

beiden Typen dort im Hause?«

»Ach, die hast du auch gesehen? Ja, der eine war der praktische

Lundell, der Figuren- oder richtiger Kirchenmaler, und der andere war

mein Freund Rehnhjelm.«

Die letzten Worte versuchte er in sehr gleichgültigem Ton

auszusprechen, um den Eindruck desto stärker zu machen.

»Rehnhjelm?«

»Ja, ein sehr netter Junge.«

»Er steht Modell da drinnen?«

»Das tut er! Ja, dieser Lundell; der kann die Menschen ausnutzen; das

ist ein ganz sonderbar praktischer Kerl. Aber komm mit, wir wollen

hineingehen und ihn necken, das ist das Lustigste, was ich hier draußen

habe; dann hörst du vielleicht auch Montanus reden, und das ist

wirklich interessant.«

Weniger von der Aussicht, Montanus reden zu hören, als von der

Hoffnung, ein Glas Wasser zu bekommen, verlockt, folgte er Sellén und

half ihm Staffelei und Malkasten tragen.

Im Hause hatte sich die Szene insoweit verändert, als das Modell sich

auf den zerbrochenen Stuhl hatte setzen dürfen und Montanus und Ygberg

sich auf der Schlafbank niedergelassen hatten. Lundell stand vor der

Staffelei und rauchte aus einer schnarchenden, hölzernen Stummelpfeife

den armen Kameraden, denen das bloße Vorhandensein einer Tabakspfeife

ein Genuß war, etwas vor.

Als Assessor Falk vorgestellt worden war, wurde er sofort von Lundell,

der seine Meinung über sein Bild hören wollte, mit Beschlag belegt.

Das Bild erwies sich als ein Rubens, wenigstens dem Stoff nach,

wenn auch nicht in bezug auf Farbe oder Zeichnung. Darauf ließ sich

Lundell über die schweren Zeiten für einen Künstler aus, machte die

Akademie herunter und schimpfte auf die Regierung, die nichts für

die einheimische Kunst tue. Er sei jetzt dabei, eine Skizze für ein

Altarbild zu malen, aber er sei fest überzeugt, daß es nicht angenommen

werden würde, denn ohne Intrigen und Beziehungen komme man nirgends

durch. Hierbei warf er einen forschenden Blick auf Falks Anzug, um sich

zu vergewissern, ob er vielleicht eine Beziehung abgeben könne.

Eine andere Wirkung hatte Falks Kommen auf die beiden Philosophen

gehabt. Sie hatten in ihm sofort einen »Studierten« entdeckt und warfen

ihren Haß auf ihn, denn er konnte sie ihres Prestiges in der kleinen

Gesellschaft berauben. Sie wechselten bedeutsame Blicke, die Sellén

nicht entgingen, so daß er sich versucht fühlte, seine Freunde in ihrem

Glanz vorzuführen und womöglich einen Disput zustande zu bringen. Er

machte sofort einen Zankapfel ausfindig, zielte, warf und traf.

»Was sagst du denn zu Lundells Bild, Ygberg?«

Ygberg, der nicht erwartet hatte, so bald zu Wort zu kommen, mußte

einige Sekunden überlegen. Dann erwiderte er mit markierter Stimme,

während Olle ihm den Rücken rieb, damit er sich gerade halte:

»Ein Kunstwerk ist nach meiner Meinung in zwei Kategorien zu zerlegen:

in Inhalt und Form. Was den Inhalt dieses Kunstwerks betrifft, so

hat es einen tiefen und allgemein menschlichen Inhalt, das Motiv ist

fruchtbar, an sich, als solches, und enthält alle Begriffsbestimmungen

und Potenzen, die sich für künstlerische Produktion geltend machen

können; was aber die Form betrifft, die an sich de facto den Begriff

manifestieren soll, das heißt die absolute Identität, das Sein, das Ich

-- so kann ich nicht umhin, sie weniger adäquat zu finden.«

Lundell fühlte sich von der Kritik geschmeichelt, Olle lächelte ein

seliges Lächeln, als sehe er die himmlischen Heerscharen, das Modell

schlief, und Sellén fand, Ygberg habe einen unbestrittenen Erfolg

errungen. Jetzt richteten sich aller Blicke auf Falk, als auf den, der

den hingeworfenen Handschuh aufnehmen mußte, denn daß es ein Handschuh

war, darüber waren sich alle einig.

Falk war teils belustigt, teils geärgert und suchte in den

Rumpelkammern seines Gedächtnisses nach einigen philosophischen

Windbüchsen, als sein Blick auf Olle Montanus fiel, der am Schluß

Gesichtszuckungen bekommen hatte, ein Zeichen, daß er sprechen wollte.

Falk lud aufs Geratewohl seine Flinte mit Aristoteles und feuerte ab.

»Was meinen Sie mit adäquat, Herr Assessor? Ich kann mich nicht

erinnern, daß Aristoteles dies Wort in seiner Metaphysik anwendet.«

Es wurde ganz still in dem Raum, und man fühlte, daß hier ein Kampf

zwischen der Künstlerkolonie Lill-Jans und dem Gustavianum bevorstand.

Die Pause wurde länger als wünschenswert war, denn Ygberg kannte

Aristoteles nicht und wäre lieber gestorben, als daß er das zugegeben

hätte. Da er nicht schlagfertig war, entdeckte er die Bresche nicht,

die Falk offen gelassen hatte; Olle aber sah sie, und er fing den

abgeschossenen Aristoteles ab, faßte ihn mit beiden Händen und

schleuderte ihn auf den Gegner zurück.

»Wenn ich auch kein Gelehrter bin, möchte ich mir doch die Frage

erlauben, ob der Herr Assessor wirklich die Argumente seines Gegners

über den Haufen geworfen hat. Ich glaube, man kann adäquat als

Bestimmung in einer logischen Schlußfolgerung setzen und als solche

gelten lassen, obwohl Aristoteles das Wort in seiner Metaphysik nicht

erwähnt. Habe ich recht, meine Herren? Ich weiß es nicht! Ich bin ein

ungelehrter Mann, und der Herr Assessor hat diese Dinge studiert.«

Er hatte mit halbgeöffneten Augenlidern gesprochen; jetzt schlug er sie

ganz nieder und sah unverschämt bescheiden aus.

»Olle hat recht,« ertönte es von allen Seiten.

Falk fühlte, daß man hier mit harten Fäusten zufassen mußte, wenn die

Ehre Upsalas gerettet werden sollte; er schlug eine Volte mit dem

philosophischen Kartenspiel und warf ein As hin.

»Herr Montanus hat den Vordersatz verneint oder ganz einfach gesagt:

+nego majorem+! Gut! Ich erkläre wiederum, daß er sich eines

+posterius prius+ schuldig gemacht hat; er hat, als er einen

Hörnerschluß machen mußte, sich verirrt und hat einen Syllogismus

nach +ferioque+ statt +barbara+ gemacht; er hat die goldene

Regel vergessen: +Caesare Camestres festino barocco secundo+;

infolgedessen ist seine Schlußfolgerung limitativ! Habe ich nicht

recht, meine Herren?«

»Sehr recht, sehr recht,« antworteten alle, außer den beiden

Philosophen, die nie eine Logik in der Hand gehabt hatten.

Ygberg sah aus, als habe er auf einen Nagel gebissen, und Olle grinste,

als sei ihm Schnupftabak in die Augen gekommen; aber da er ein schlauer

Kerl war, wurde ihm die taktische Methode seines Gegners sofort klar.

Er faßte also rasch den Entschluß, nicht auf die Frage zu antworten,

sondern von etwas anderem zu sprechen. Er kramte deshalb alles, was er

gelernt, und alles, was er gehört hatte, aus dem Gedächtnis hervor und

begann mit dem Referat über Fichtes Wissenschaftslehre, das Falk vorhin

durch den Zaun gehört hatte; dies zog sich bis gegen Mittag hin.

Unterdes stand Lundell und malte und schnarchte mit seiner sauren

Holzpfeife. Das Modell war auf dem zerbrochenen Stuhl eingeschlafen;

der Kopf sank tiefer und immer tiefer, bis er gegen zwölf Uhr zwischen

den Knien hing, so daß ein Mathematiker hätte ausrechnen können, wann

er den Mittelpunkt der Erde erreichen würde.

Sellén saß am offnen Fenster und genoß die Situation, und der arme

Falk, der davon geträumt hatte, daß die entsetzliche Philosophie zu

Ende gehen werde, mußte ganze Fäuste voll philosophischem Schnupftabak

nehmen und ihn seinen Feinden in die Augen werfen. Die Qual hätte

kein Ende genommen, wenn nicht der Schwerpunkt des Modells sich ganz

allmählich auf eine der empfindlichsten Seiten des Stuhls verlegt

hätte, so daß dieser mit einem Krach zusammenbrach und der Baron

auf die Erde fiel, was Lundell Gelegenheit bot, über das Laster der

Trunksucht und seine bedauerlichen Folgen für den Menschen selbst und

für andere -- damit meinte er sich selber -- zu schimpfen.

Falk, der dem verstörten Jüngling aus seiner Verlegenheit helfen

wollte, brachte in aller Eile eine Frage aufs Tapet, die von ganz

allgemeinem Interesse sein mußte.

»Wo wollen die Herren heute zu Mittag essen?«

Es wurde so still, daß man die Fliegen summen hörte; Falk wußte nicht,

daß er auf fünf Hühneraugen zugleich getreten hatte. Lundell brach das

Schweigen zuerst. Er und Rehnhjelm wollten im »Kochkessel« essen, wo

sie zu essen pflegten, weil sie dort Kredit hatten; Sellén wollte nicht

dort essen, weil er mit dem Essen nicht zufrieden war, und hatte sich

noch für kein Lokal entschieden; bei dieser Unwahrheit warf er einen

fragenden, ängstlichen Blick auf das Modell. Ygberg und Montanus hatten

»viel zu tun«, so daß sie »sich ihren Tag nicht zerreißen wollten«,

indem »sie sich anzögen und in die Stadt gingen«; sie wollten sich hier

draußen etwas beschaffen; was das war, sagten sie nicht.

Darauf begann die Toilette, die in der Hauptsache im Waschen an dem

alten Brunnen im Garten bestand. Sellén, der doch ein Stutzer war,

hatte unter der Schlafbank ein Zeitungspapierpäckchen versteckt,

aus dem er Kragen, Manschetten und Chemisette, alles aus Papier,

hervorholte; dann verbrachte er eine lange Zeit kniend vor der

Brunnenöffnung, um sich zu spiegeln, während er ein braungrünes

Atlasband umband, das er von einem Mädchen geschenkt bekommen hatte,

und sein Haar auf besondere Art frisierte; nachdem er dann die

Schuhe mit einem Klettenblatt abgerieben, den Hut mit dem Rockärmel

abgebürstet, eine Traubenhyazinthe ins Knopfloch gesteckt und seinen

Spazierstock herausgeholt hatte, war er fertig. Auf seine Frage, ob

Rehnhjelm bald kommen werde, antwortete Lundell, er habe vorläufig

noch keine Zeit, er müsse ihm zeichnen helfen, und Lundell pflegte

immer zwischen zwölf und zwei zu zeichnen. Rehnhjelm war gefügig

und gehorchte, so schwer es ihm auch fiel, sich von seinem Freunde

Sellén zu trennen, den er liebte, während er gegen Lundell einen

ausgesprochenen Abscheu empfand.

»Wir treffen uns auf jeden Fall heute abend im Roten Zimmer?« warf

Sellén tröstend hin, und darin waren alle einig, sogar die Philosophen

und der moralische Lundell.

Auf dem Wege nach der Stadt weihte Sellén seinen Freund Falk in

allerlei Geheimnisse in bezug auf die Ansiedler von Lill-Jans ein;

er erzählte, er selbst habe mit der Akademie gebrochen, weil seine

Auffassung von Kunst eine so ganz andere sei; er wisse, daß er Talent

habe und einmal Erfolg haben werde, wenn es auch lange dauern könne,

obwohl es unendlich schwer sei, sich einen Namen zu machen, ohne die

königliche Medaille bekommen zu haben. Auch natürliche Hindernisse

stellten sich ihm in den Weg; er sei an der waldlosen Küste der

Provinz Halland geboren und habe das Große und Einfache in der Natur

dieser Gegend lieben gelernt; Publikum und Kritik dagegen bevorzugten

augenblicklich Einzelheiten, Finessen, deshalb verkaufe er nichts; er

könne wohl wie die andern malen, aber das wolle er nicht.

Lundell dagegen sei ein praktischer Mann -- Sellén sprach das Wort

praktisch immer mit einer gewissen Verachtung aus. -- Er male nach

Wunsch und Geschmack der Menge. Er leide nie an Indisposition; er

sei freilich auch von der Akademie fortgegangen, aber aus geheimen,

praktischen Gründen, und er habe nicht ganz mit ihr gebrochen, obwohl

er das überall erzähle. Er schlage sich ganz gut durch, mit Zeichnungen

für illustrierte Zeitschriften, und werde sicher eines Tages Erfolg

haben, ungeachtet seines unbedeutenden Talents, dank irgendwelchen

Beziehungen und besonders Intrigen, die er von Montanus lernte, denn

dieser habe bereits einige Pläne entworfen, die von Lundell mit Erfolg

verwirklicht worden seien -- Montanus aber sei das Genie, allerdings

entsetzlich unpraktisch.

Rehnhjelm sei der Sohn eines ehemals reichen Mannes oben in Norrland.

Der Vater habe ein großes Gut besessen, das ihm aber schließlich

verloren gegangen und in die Hände des Verwalters gekommen sei. Jetzt

sei der alte Edelmann ziemlich arm und hege den Wunsch, der Sohn

möge aus der Vergangenheit eine Lehre ziehen und, als Verwalter, der

Familie wieder ein Gut verschaffen; deshalb besuche dieser jetzt die

Handelsschule, um landwirtschaftliche Buchführung zu lernen, was er

verabscheue. Er sei ein netter Junge, aber etwas schwach, und lasse

sich von dem schlauen Lundell leiten, der es nicht verschmähe, das

Honorar für seine Morallehren und seine Protektion in natura zu nehmen.

Unterdes hatten Lundell und der Baron sich an die Arbeit gemacht, und

zwar in der Weise, daß der Baron zeichnete, während der Meister auf der

Ofenbank lag und die Arbeit überwachte, das heißt rauchte.

Das rote Zimmer · 第 2 / 25 段