gänzlicher Mangel an Bewegung brachten uns allmählig dahin -- wo
wir jetzt sind. Bewegung ist bei gesitteten Ständen ganz verbannt;
daher denn auch überall Schnupfen und Catharren, wenn sich nur eine
Viertelstunde ein rauher Wind erhebt -- Jetzt ist es schon eine
Riesenarbeit für unsre Damen _du bon ton_, eine halbe Stunde weit
zu gehen. Außer Athem sind sie schon; wenn sie eine Gasse lang gegen
den Wind gegangen sind. Aber worinn besteht denn auch ihre gewöhnliche
Bewegung? Die Etikette erlaubt sie ihnen weiter nicht, als vom Toilette
aufs Canapee und von da zum Spieltische. -- Zu Fuß im Garten herum
zu gehen, das hat schon mancherlei Inconvenienzen. Im Sommer macht
die Sonne die Haut braun; im Frühlinge gibt's gar Sommerflecken. Und
wahrlich (als wenn die Mode hierinn hätte consequent seyn wollen)
das Kostüme unsrer Weiber ist so eingerichtet, daß sie froh seyn
müssen, wenn sie still sitzen können. An ihre Füße legte sie einen
weit sicherern Hüter, als die Beinschellen der Gefangenen, nemlich:
-- die Schuhe. Kräftigere Mittel um alle Bewegung zu verhindern
konnte die Mode nicht erfinden, und -- sie hat auch vollkommen ihren
Zweck erreicht. Die ganze Arbeit unsrer +zimperlichen Dinger+
besteht beinahe bloß im Lesen scandalöser Geschichten, Liebes- und
Ritterromane, in welchen durchaus nicht der Geist der Natureinfalt,
und der Sittlichkeit wehet; die vielmehr dahin zielen, Leidenschaften
aller Art emporzutreiben, und die Phantasie mit den üppigsten Bildern
zu füllen.
Unsäglich ist das Unheil, was diese Schriften über unsre Generation
verbreiten! Laßt ein Mädchen noch so gut erzogen seyn, gebt ihm die
besten Grundsätze, bepanzert es um und um mit allem, was die Tugend
Ehrwürdiges hat; -- erlaubt ihm aber dabei diese fatalen Schriften, wo
alles so hübsch und glatt dargestellt wird, als wenn es gedrechselt
wäre, wo vernünftiges Zureden +Tiranney+; Verrückung, oder Schwachheit
des Kopfs und des Herzens +Leiden+ heißt, wo die Helden des Romans von
+reiner Liebe+ schwätzen, bis -- das Fräulein im +Kindbett+ liegt,
(welches denn natürlich, wie es auch +seyn muß+, auf Rechnung des
armen, gequälten, weichen, liebevollen Herzens geschrieben wird),
und dann läßt das gute Kind mit einem _Pastore fido_ zuweilen ein
_tête à tête_ machen: ihr werdet erstaunen, wie geschwind sie sich
lieben werden, und die Demoiselle eine H... wird. -- Und kann das wohl
anders seyn? Denn wo ist das Mädchen, das nicht durch diese Schriften
verdorben wird, dessen Blut nicht bei der Schilderung aller der
Albernheiten in Wallung geräth, das sich nicht die Welt in der That so
vorstellt, wie sie der Herr Tollhäusler in seinem Raritätenkästchen
zeigt.
Allgewaltiges, obgleich schwaches Geschöpf! Was vermag nicht alles
dein, zwar unmerklicher, aber sicherer Einfluß auf den Mann, und durch
den Mann auf das gesammte Glück des gemeinen Wesens! Wie die Mutter, so
der Sohn, der die ersten durch keine nachherige Erziehung jemals wieder
ganz auszutilgenden Eindrücke zum Guten und Bösen von ihr erhält.
Selbst der schon gereifte Mann, was ist er, sobald er durch eheliche
Bande mit dem Weibe seines Herzens verbunden ist! Fast immer sind
seine Launen, die fortschreitende Veredlung und Verschlimmerung seines
Characters ihr Werk.
Wenn man es dem andern Geschlechte doch recht an's Herz zu legen
vermöchte, daß von seinem Betragen das Glück der Nationen in die
Zukunft größtentheils abhangen wird, und daß eine gute Mutter in ihrem
stillen häuslichen Kreise die +Blume der Schöpfung, und der Segen der
ganzen Nachkommenschaft+ ist.
Mit den Männern ist es noch nicht ganz so weit gekommen, aber wahrlich
doch auch sehr viel weiter, als es je hätte kommen sollen. Die
Erziehung der Gallier, und vorzüglich der alten Deutschen, war hart,
und den Absichten des Krieges gemäß. Weichlichkeit und Verzärtelung
kannte man nicht[113]. Ihr ganzes Leben war, wie J. Cäsar sagt,
der Jagd und den kriegerischen Uebungen gewidmet. Von Kindheit an
legten sie sich auf Arbeit und Abhärtung ihrer Leiber. Die Jünglinge
beschäftigten sich mit Erlegung der Auerochsen. Wer die mehrsten von
diesen erlegte, der trug die Hörner der getödteten Thiere vors Volk,
und ärndtete denn den verdienten Beifall. -- Wie ist es jetzt? Sind wir
nicht unbeschreiblich tief herabgekommen? Sind wir Europäer insgesammt
nicht die schwächsten Menschen? Grönländer und Irokesen tragen ihren
Kahn, wie einen Brodsack. Die Einwohner von Kanada jagen einen Hirsch
zu Fuß fünfzig Meilen weit, ermüden ihn und schlagen ihn todt. -- Die
Neger nehmen ihren Mann auf den Arm, und laufen mit ihm eine Meile weit
in einem Athem. --
Unsre Cultur kostet uns sehr viel! Wir haben unsre Köpfe auf Kosten
unsrer Gesundheit und unsrer Ruhe bereichert. Wir haben unsren Körper
ganz vernachlässigt, indem wir nur immer Vervollkommnung unsres
Geistes bezweckten; daher ist denn der auch durch seinen nothwendigen
Zusammenhang kränklich und -- krampfig geworden. Mancher Hypothese
sehen wir es ja wahrlich an, daß die Seele ihres Schöpfers in dem
Augenblicke ihrer Entstehung an Vapeurs gelitten hat.
Bewegung war der Hauptgrundsatz, auf dem die Auferziehung der Spartaner
beruhte. Die Griechen insgesammt hielten die Leibesübungen sehr hoch,
und sie wußten selbst die Seelen ihrer Kinder nach gleichen Regeln zur
Tugend zu bilden. +Plato+ räth, um die Gesundheit zu unterhalten, daß
man die Seele nicht ohne den Körper, und den Körper nicht ohne die
Seele übe, damit durch die darausfließende Uebereinstimmung der Kräfte
von beiden auch beide gesund bleiben. -- In der Jugend, wo die Natur
jeden Augenblick jedes Glied bewegt; da werden wir durch zweckmäßige
Unterstützung dem Körper des Kindes die Ausbildung geben können, die
es als gesunder Mensch bedarf. Durch den Gebrauch unsrer Glieder
erhalten diese erst ihre gehörige Form, ihre Stärke. -- Der Arm, den
wir am meisten brauchen, wird am dickesten, und hat die meisten Kräfte.
Man fange also die gymnastischen Uebungen wieder an, die so lange
vernachlässigt waren, die ehemals bei den Griechen und Römern, ehe sie,
wie wir jetzt, sich der Weichlichkeit und Wollust überließen, so sehr
im Schwange waren. +Galen+ hielt schon den für den besten Arzt, den
man für den besten Lehrer in der Gymnastik halten könnte. Man sollte
daher wieder eigne Meister in jedem Orte für Knaben und Mädchen halten,
die jedes Alter die ihm passenden Spiele lehrten, und unter ihrer
unmittelbaren Aufsicht ausüben ließen. Lycurgus suchte schon die Körper
der Mädchen durch Wettlaufen, Ringen, Spießwerfen und Bogenschießen
in immerwährender Bewegung zu erhalten, „damit der Keim zukünftiger
Geschlechter festere Wurzel schlagen, und durch Stärke des Körpers
gegen die Schmerzen der Geburt abgehärtet werde.“ -- Auch werden die
gymnastischen Uebungen kräftig mitwirken den zu frühen Geschlechtstrieb
abzuhalten, und dem schrecklichen Laster, das so unübersehbar viel
Unheil stiftet, -- der +Onanie+, Einhalt zu thun.
Die kleinsten Knaben kann man schon um die Wette laufen, Ringen,
Ballspielen und nach dem Ziele werfen lassen. Das stärkt Auge, Arm
und Brust. Sie erhalten dabei einen richtigen Blick, um über die
Entfernung urtheilen zu können, was wirklich bei mancher Gelegenheit
ihnen zu Statten kömmt. Bei etwas ältern Knaben sind Kegelschieben,
Bogenschießen und Schlittschuhlaufen sehr zweckmäßige Bewegungen. --
Knaben von zehen Jahren können schon exerziren lernen; eine Uebung,
die sehr viel gesundes hat, wobei sich jedes Glied bewegt, und wobei
der Staat noch den Vortheil erhält, daß er für jeden Fall geübte
Krieger findet. -- Um diese Zeit müssen sie auch schon anfangen, Bäume
zu erklettern und Mauern zu ersteigen. Kein Thier ist fast dazu so
gemacht, wie der Mensch. Sein in die Höhe gerichteter Körper, sein
nach vorn biegsames Kniegelenk, seine nach allen Richtungen beweglichen
Finger und Zehen helfen ihm dazu sehr kräftig. Unglücke braucht man
eben nicht zu fürchten; denn diese entstehen meist deswegen, weil
die, welche es versuchen, gar keine Uebung und Gewandtheit in derley
körperlichen Bewegungen haben. Sehr selten hört man auf dem Lande ein
Unglück bei Kindern, die doch bekanntlich aus Vergnügen, der Vögel und
des Obstes wegen, täglich auf Bäume klettern. Diese Uebungen müssen
aber nicht allenfalls wöchentlich eine Stunde, sondern alle Tage
vorgenommen werden; sonst verfehlt man seinen Zweck. Dabei soll ein
vernünftiger Aufseher immer gegenwärtig seyn, damit zu gefährliche und
die Kräfte des Alters übersteigende Spiele verhütet werden.
Schwimmen sollen alle Knaben, ohne Unterschied, lernen; wenn sie
vierzehn Jahre alt sind. Man soll sie im Sommer an solche Stellen in
den benachbarten Fluß führen, welche hinreichend den Tag hindurch der
Sonne ausgesetzt waren, und wo also das Wasser nicht zu kalt ist. Man
soll ordentliche Schwimmschulen errichten, so wie man bisher nur --
Tanz- und Fechtschulen hat. Aber die Knaben müssen nicht bloß auf die
gewöhnliche Art schwimmen, sondern bald mit, bald ohne Kleider, und
wenn ihre Kräfte groß genug sind, selbst über Untiefen, und reißende
Ströme. -- Wie wichtig das vorzüglich für Soldaten seyn muß, fällt
von selbst in die Augen. Julius Cäsar schwamm nicht selten mit seinen
Kriegern über reissende Flüsse. Und ich begreife nicht, warum man
diese Kunst bei Armeen nicht lange eingeführt hat, die gewiß auf die
ganze Kriegskunst einen wichtigen Einfluß haben würde. --
Das Fechten ist auch eine sehr gute Bewegung, aber nur für erwachsene
Knaben. Das Tanzen paßt für Kinder beiderley Geschlechts. Nur sollte
die alberne Sitte abgeschafft werden, Bälle mitten in der Nacht zu
halten. Man sollte (wie bei uns am Rheine die Landleute zu thun
pflegen) unter freiem Himmel, unter schattigen Bäumen tanzen; die Luft
würde denn nicht verderben. Man würde sich nicht zu sehr erhitzen, und
daher nicht so leicht erkälten können. Der Tanz stärkt die Glieder,
macht sie biegsam und zu allen Arten von Bewegungen geschickt. Nur
deswegen macht das Tanzen manchen krank, Blutspeien und schwindsüchtig;
weil es zu selten und daher übertrieben geschieht.
Um den Hang zu Leibsbewegungen in jedem Alter zu unterhalten, sollte
man an allen öffentlichen Orten für die Jahrszeit und für jedes Alter
angemessene Spiele finden[114]. Auch Reiten gehört hieher, aber dies
erfordert zu viele Kosten, als daß es von vielen geübt werden könnte;
doch müßte dafür gesorgt werden, daß man nicht denen, die es üben
wollen (wie bis hierher oft geschieht) Miethpferde leiht, die solche
wesentlichen Fehler haben, daß selbst geübte Reiter nicht selten ihr
Leben dabei in Gefahr stellen.
Uebrigens braucht man bei diesen Spielen die Kinder nicht so ängstlich
zu verwahren. Ob sie z. B. an feuchten Orten sitzen, oder an trocknen,
ob ihre Füße naß werden, oder kalt, das gilt gleich. Sie müssen sich
daran gewöhnen. Durch die Macht der Gewohnheit können die Bewohner von
Arabien barfuß in den brennenden Sandwüsten gehen; wo unsre Reisenden
es kaum mit Stiefeln auszuhalten vermögen. Die Gewohnheit macht, daß
der Russe aus dem warmen Bade in den frierenden Fluß springen kann; daß
die gesunden Knaben unsrer Bauern mit bloßem Kopfe und fast nackend in
den Gassen laufen; wenn wir in Winterkleidern vor Kälte zittern. Ganze
Nationen ertragen die plötzlichsten und stärksten Veränderungen des
Wärmegrads der Luft ohne Nachtheil. Z. B. in Neuholland und auf der
Norfolks Insel, wo das Clima sehr gesund ist[115], und die Bevölkerung
begünstigt, obschon das Thermometer nicht selten des Morgens 56 bis 60,
einige Stunden nachher 100 bis 200, und nach Sonnen Untergang wieder 60°
zeigt. Warum sollen denn unsre Kinder sich nicht an ein bischen Nässe
oder Kälte gewöhnen können, was doch in der Folge ihres Lebens oft
nicht zu vermeiden ist. -- Auch thut man Unrecht, daß man Kinder, die
physisch gut erzogen werden, +ganz ängstlich+ von dem Trinken abhalten
will, wenn sie warm sind. Freilich unsre Schwächlinge, die wir mit
so vieler Sorgfalt zu Spitalcanditaten erziehen, werden üble Folgen
davon haben; aber diejenigen, welche sich dem natürlichen Zustande bei
ihrer Erziehung mehr nähern, können auch diesen Instinct ohne Gefahr
befriedigen. Warum haben nicht andre Thiere üble Folgen davon? Der
Hund, wenn er erhitzt ist, trinkt, aber wie ich sehr oft bemerkte, von
Anfang mit kurz abgebrochenen Zügen; das wird höchstwahrscheinlich der
natürliche Mensch auch thun. Das Kind mag aus einem benachbarten Bache
oder Fluße trinken, der mit der Luft, worin es sich erhitzte, ungefähr
dieselbige Temperatur hat; und wenn es das auch nicht so +ganz genau+
in Acht nimmt; so kann der Schaden doch meines Erachtens nicht groß
seyn. Wer gibt in diesem Punkte auf unsre Bauernkinder acht, die Tage
lang in der brennendsten Sonnenhitze sich herumtummeln? Wie selten hört
man bei ihnen von üblen Folgen! Wer gibt wohl den Negern auf der Küste
von Guinea hierin Gesundsheitsregeln? Wie kann auch ein Instinct dem
natürlichen Menschen Schaden bringen? Daß man unsren Kindern vor dem
Trinken zu essen anräth, ist äußerst ungereimt. Weiß denn die Natur
vielleicht nicht, was sie will, daß wir ihnen zu essen befehlen, wenn
es ihnen dürstet? Wir können ja unsre an die Abwechslung der Temperatur
gewohnte Gesichter und Hände bei der größten Hitze ohne Schaden ins
Wasser stecken! -- Da wir alles zu Gesicht machen können, warum sollten
wir nicht auch (möchte ich sagen) unsern Magen zu Gesicht machen können?
Von den Findlingshäusern.
Mir ist es unbegreiflich, wie man noch in unsern Tagen hin und wieder
behaupten kann, daß es nicht rathsam sey, im Staate Findlingshäuser
zu haben! -- Wem es nicht gleichgültig ist, ob gefallene Mädchen
Kindermörderinnen werden; ob unglückliche Findlinge durch Elend
umkommen, oder zu schlechten Menschen erwachsen; dem kann wahrlich
hierüber wohl kein Zweifel aufstoßen. -- In dem gesellschaftlichen
Zustande ist es nun einmal unvermeidlich, daß ein großer Theil und
zwar gesunder Menschen im ehelosen Stande leben muß. Die Zahl vermehrt
sich noch täglich durch die immer wachsenden, künstlichen Bedürfnisse,
und daher ist es sehr natürlich, daß die Natur das Recht des alten
Sprichworts: _naturam expellas furcâ etc._ zuweilen wieder geltend zu
machen sucht. Da nun der Staat wohl nie Ehebruch und Hurerei ganz wird
stören können, so soll er -- wahrlich diese Sache nicht befördern,
nicht begünstigen; aber -- dem Mord vorbeugen, und hier palliativ
verfahren, wo doch selbst, (wie es eine Reihe von Jahrhunderten bewies)
Feuer und Schwert nichts vermochten.
Man sagt, die Unmoralität wächst dadurch, und -- daran hat man Unrecht.
Lüderliche Dirnen, die ihren Körper verkaufen, werden selten Mütter;
sie müßten denn sonst ihr Handwerk nicht systematisch gelernt haben.
Diese Häuser sind also nur für Unglückliche, nicht für die im wahren
Sinne Entehrten. Vorzüglich hat die Geistlichkeit hier und da ihre
Stimme dagegen erhoben, und behauptet, „eine solche Anstalt befördere
die Sittenlosigkeit.“ Aber ist es wohl wahrscheinlich, daß ein Mädchen
eher aufhöre, tugendhaft zu seyn, ihrem Liebhaber nur eine Minute
früher einwillige, weil es -- ein Findlingshaus gibt? Dies ist der
Geistlichkeit, vorzüglich der Katholischen, leicht zu verzeihen, die
das Physische der Weiber natürlich zu wenig kennen; denn sonst würden
sie wissen, daß die Natur das andre Geschlecht in gewissen Augenblicken
alles vergessen läßt. Hätte sie das nicht, wie würde ein Weib sich je
entschliessen, Mutter zu werden; wenn sie in diesem Augenblicke an die
hundertfachen Beschwerlichkeiten der Schwangerschaft, an die heftigen
Schmerzen, selbst bei der natürlichen Geburt und an die zahllosen damit
verbundenen Gefahren dächte? Wie wäre es möglich, daß Weiber mehrere
Male den Kaiserschnitt ausgestanden hätten; wenn sie in einem solchen
Zeitpuncte nicht all ihr Bewustseyn verlören? Was kann also wohl hier
der Gedanke eines Findelhauses wirken? Daran denkt erst die Verirrte,
wenn es schon zu spät ist, wenn äußerste Armuth oder sich empörendes
Ehrgefühl sie an das Schreckliche ihrer künftigen Lage erinnert; und
ist es denn nicht Pflicht des Staates der Gefallenen auf den Weg zu
helfen, und zwey Unglückliche physisch und moralisch zu erhalten? Die
Erfahrung bestätiget diese Theorie vollkommen; seit in Paris, Wien,
London, Stockholm etc. Findlingshäuser sind, hört man an diesen Orten
wenig, oder gar nichts vom Kindermorde[116].
Man sagt, der Staat muß dadurch viele Kinder von Verheiratheten
erziehen, die, um sich die Last der Erziehung zu erleichtern, ihre
Kinder zu Findlingen machen. Allein hat denn der Staat nicht Mittel in
Händen, dies bei wahrhaft Armen zu verhüten? Und bei den andern, die
es aus Gemächlichkeit thun, ist es doch reiner Gewinn für das gemeine
Wohl; denn Kinder können bei solchen Aeltern, die so tief sanken,
dreist das feste Band zu zerreissen, das die Natur so enge zwischen den
Neugebornen und den Aeltern knüpfte, nur Krüppel oder Schurken oder --
beides zugleich werden.
Aber, woher den Fond nehmen, den ein solches Institut kosten würde,
wird mancher +Plusmacher+ vor allem andren fragen, der das Glück
des Staats bloß in eine gefüllte Kasse setzt, und daher eine solche
Anstalt für sehr zweckwidrig ansieht; weil er vielleicht berechnet hat,
daß doch der +Scharfrichter+ in einem Jahre lang nicht so viel für
an Kindermörderinnen geleistete Exekutionen erhält, als ein solches
Haus zu unterhalten nothwendig erfordert. -- Ein solcher verdient nun
gar keine Antwort; denn jede, die ihm nicht versichert, daß hieran
reiner Ueberschuß herauskömmt, würde ihm ohnedies nicht genügen, und
eine solche kann ich ihm nicht geben. Uebrigens aber ist diese Frage
jedem andern nicht schwer zu beantworten. Eine solche Einrichtung
kostet wirklich lange nicht so viel, als es auf den ersten Blick wohl
scheint. Die neuere Chemie hat angefangen ihren wohlthätigen Einfluß
auf unsre tägliche Bedürfnisse, auf die Haushaltungskunst, auf die
Küche, und (wie es natürlich ist) mit auffallendem Glücke auszudehnen.
Graf Rumford hat, wie jetzt allgemein bekannt ist, durch seine tiefen
Kenntnisse bewirkt, daß man im Werkhause zu München täglich zwölf
hundert Menschen sehr vollkommen mit äusserst geringen Kosten ernährt.
Die ganze Ausgabe beträgt (Kost, und Lohn von drey weiblichen und
zwey männlichen Bedienten, Feuerung und so gar die jährliche nöthige
Küchenreparation mit eingerechnet) alle Tage nur etwas über eilftehalb
Thaler. Seit er dabei die Kartoffeln einführen konnte, ist das ganze
noch weit wohlfeiler; fast in dem Verhältnisse von 4 zu 3[117]. -- Das
beweist klar, daß ein solches Institut durch Männer von Kenntnissen
geleitet, eines nicht sehr großen Aufwandes bedarf. Allein freilich bei
allen dem kostet doch eine solche Einrichtung -- Geld. -- Daran aber
wird es hiezu wohl in keinem Lande fehlen.
Es gibt überall noch so viel redliche, gutherzige Menschen, wie man
bei so manchem frommen Vermächtnisse sieht, die herzlich gern ihr
Scherflein beitragen würden; wenn sie das Gedeihen einer solchen
Anstalt vor Augen sähen: und das übrige hiezu -- müßte der Beutel der
+Hagestolzen+ allein leisten[118]. Das gemeine Wesen ist aus mehr,
als einer Rücksicht berechtigt, Beiträge dazu von diesen zu fordern.
Jeder der vierzig Jahre alt ist, heirathen kann und nicht will, also
sich der Pflicht Vater zu werden, freiwillig entzieht, ist schuldig;
wenn er seine eignen Kinder nicht erziehen will, nach dem Verhältnisse
seines Vermögens die des Vaterlandes mit erziehen zu helfen. Durch
die überhandnehmende Zügellosigkeit wächst dieser Stand ohne dies mit
jedem Tage. Die Zahl der Menschen, die das Unangenehme des Ehestandes
nicht wollen; aber das sinnliche davon auf den Trümmern der Tugend
und des häuslichen Glücks rechtschaffener Familien suchen, wird
zusehends immer größer. Freilich gibt es auch Menschen, die aus edlen
Absichten nicht heirathen; aber deswegen können sie doch hievon nicht
ausgenommen werden; denn ein Unverheiratheter kann doch in Rücksicht
seiner Finanzumständen eher zu einer öffentlichen wohlthätigen Anstalt
beitragen, als jeder andre.
Auch kann man es wohl so ziemlich verhüten, daß ärmere Menschen nicht
ihre ehelichen Kinder in ein solches Institut schicken, und dadurch
die Ausgaben zu sehr vergrößern; wenn man einen Theil des Fonds dazu
verwendet, Leuten von der ärmsten Klasse, die z. B. drey Kinder haben,
für jedes, was über diese Zahl kömmt, monatliche Beiträge zu geben;
dadurch wird die Armuth solcher Menschen nie so groß werden, daß sie
sich dazu entschliessen können, den Pflichten des Vaters und der
Mutter zu entsagen. Und geschähe es bei einigen; so sind das sicher
so schlechte Menschen, daß, wie gesagt, der Staat reinen Gewinn dabei
hätte; wenn er ihre Kinder erziehen ließ.
Aber eine andre und zwar bedeutende Frage: müssen diese Institute so
bleiben, wie sie jetzt größtentheils sind? Nein! das dürfen sie nicht.
Die meisten sind nur einstweilige Niederlagsorte zur baldigen Spedizion
ins andre Leben[119]. In manchem Findlingshause erlebt fast jedes
vierte Kind den ersten Monat nicht. -- Mehr als zwey Drittheile starben
ehedem im pariser Findlingshause in den ersten vier Wochen[120]; und in
Rouen kamen von hundert acht, schon hundert vier vor ihrem fünfzehnten
Jahre um, und nur zwey davon wurden Glieder der Gesellschaft[121].
In einer Discussion, die im Jahre 6 (der franz. Rep.) zu Paris bei
dem Rathe der 500 über die Hospitäler vorfiel, sagte +Dumolard+, daß
im verflossenen Jahre von achthundert Kindern, die ins Hospital von
Lyon gebracht wurden, siebenhundert fünfzig aus Mangel an gehöriger
Pflege gestorben seyen. -- In den meisten sehen die Kinder aus, wie
wandelnde Skelette, wie ächte Produkte des Jammers und der Wollust.
Die Ursachen liegen so nahe, daß wahrlich nicht viel Scharfsinn dazu
gehört, sie zu finden. -- Gänzlicher Mangel an Muttermilch, selbst
Mangel an Ammenmilch oder doch nicht genug davon, denn manchmal trinken
vier Unglückliche an einer Amme; verdorbene Luft in einem äußerst hohen
Grade; eine zu gedrängte Menge meist kränklicher Kinder, der Geruch
ihres Harns, und Exkremente[122], und dabei ein Haufe schmutziger
Weiber vergiften diese Zimmer auf eine schreckliche Art. Die ungesunde
Lage solcher Häuser wirkt manchmal auch kräftig mit.
Diese Fehler sind nun allerdings äußerst groß, und vermindern den
Vortheil sehr, den man von solchen Anstalten erwarten kann; aber sie
lassen sich größtentheils heben, und sind zum Theil, wenigstens hier
und da in einigen Findlingshäusern schon nicht mehr zu finden. -- Der
wichtigste Punct ist der erste Monat des Lebens der Findlinge. Wie
kann man ihnen Ammen geben? Welches Institut ist reich genug, jedem
Säuglinge eine zu schaffen? Mit den Surrogaten für Ammenmilch ist es
schlimm genug hergegangen. Die Erfahrung lehrt, daß die, welche man
mit Küh- und Ziegenmilch erzog, im Durchschnitte nicht vier Monate
lebten[123]. Brodgallerte, die man für Milch gab, raffte die meisten
Kinder schon in dem ersten Monate durch Schlagflüsse und Ruhren weg.
Man schicke sie um alle diese Nachtheile zu verhüten, und um sie das
große Nahrungsmittel (reine gesunde Luft) vollkommen genießen zu
lassen, aufs Land, wie es z. B. in London und Paris geschieht. Das hat
nun unstreitig sehr große Vortheile, jedes Kind erhält seine eigne
Amme; man kann auf die Art genug rechtschaffene arme Weiber finden, die
sich zu Ammen selbst anbiethen; man braucht nun keine Amme anzunehmen
(sie sey verheirathet oder ledig); wenn sie von dem Vorgesetzten ihres
Orts nicht als moralisch gut geschildert wird, und vom Arzte ihrer
Gegend ein Gesundsheit Zeugniß hat. Es wird dabei dem Fond weniger
kosten, als die Erziehung im Findlingshause, und das Kind kömmt nicht
in ein ungesundes Haus, in ungesunde Luft; dabei erhält die Amme jetzt
Zuneigung zum Säuglinge, die wenigstens -- einen Theil der mütterlichen
Zärtlichkeit ersetzt.
Aber dem unerachtet muß bei dem Schicken aufs Land Manches ganz genau
beobachtet werden, wenn man nicht seinen Zweck verfehlen will. Man
muß die Kinder nicht weiter vom Institute schicken, als eine Tagreise
beträgt; weil sie sonst durch die Reise zu viel leiden: und es ist nun
einmal so mit den Instituten, der Stifter mag noch so viel Eifer für
die Vollkommenheit seiner Stiftung haben, er mag die Reise noch so
pünctlich, und gesund anordnen; nach dreyßig Jahren werden die Aufseher
die Kinder allenfalls einem Fuhrmanne mitgeben, der sie dann nach
seiner Bequemlichkeit, wie und wann er will, als Kaufmannswaare abgeben
wird. Eine weitere Entfernung ist auch in Rücksicht der Verbindung
zwischen dem Findlinge, und dem Hause schon unzweckmäßig.