Thüre _Janua_, und ein Haus _Domus_ nannten --, und das sind denn auch
die magischen Künste alle, in die er mit so vieler Aufopferung und so
vieler Feierlichkeit eingeweiht wird. Behauptet zuweilen die Natur in
dem muntren Jungen ihre Rechte, neckt er einmal seinen Nachbarn, oder
lacht er, weil er etwas lächerlich findet; so fühlt er bald Centner
schwer den Scepter seines finstern Schulmonarchen. -- Schon früh
schärft man es den Kindern ein, daß laut aus vollem Halse lachen --
das Kennzeichen eines rohen, ungeschliffenen Menschen sey. Der Weise
(sagt man) lächelt nur; aber wehe den Gelehrten, wie unendlich theuer
erkaufen sie ihr bischen Weisheit, wenn ihnen der Becher der Freude,
der doch ohnedies für uns sehr sparsam gefüllt ist, so gemischt wird,
daß ihr Herz auch die wenigen zu fühlen, nicht mehr empfänglich genug
ist. Dann hat wirklich +Rousseau+ nicht ganz Unrecht, daß er den
Menschenfreund am Oronokostrom lobt, der zuerst die Bretter erfunden
hat, zwischen denen man den Kindern den Kopf lang, und flach klemmt,
und sie dadurch vor dem gefährlichen Wachsthum des Geistes verwahrt.
Gerade dann, wenn die Natur will, daß das Kind nichts als scherzen und
springen soll, zwingt man es zum peinlichsten Ernste, und verhindert
so seine physische Ausbildung, und daher auch seine moralische für die
ganze Zukunft.
Ohne es zu übertreiben, was hat das Kind denn wohl gelernt, wenn es
11, 12 Jahre alt ist? Außer Lesen und Schreiben (und das zwar meistens
noch elend genug) hat es ein Stück Katechismus -- im Kopfe, und nicht
im Herzen. Sachen, die man ihm später ganz bequem in einem viertel
Jahre beibringen kann, darüber sitzt es vielleicht sechs, acht Jahre
in der schrecklichsten Sklaverei zum offenbaren Nachtheil seiner Laune
und Gesundheit. Bei den Thieren weiß es der Mensch, daß er sie nicht
zu frühe anspannen darf. Er läßt das Pferd nicht eher reiten, den Esel
nicht eher tragen, bis sein Körper die gehörige Stärke hat; aber sein
Sohn, der soll schon mit 4-5 Jahren ein Gelehrter seyn.
Wahre Papageienarbeit! So werden sie auch gerade abgerichtet. Wie kann
der denken, dessen Denkmaschine noch nicht in Ordnung ist? Das Denken,
wenn das Kind dazu gezwungen wird, thut seinem Gehirne den Dienst, den
der Sack dem jungen Esel thut. Wie kann der Knabe (vorzüglich nach der
gewöhnlichen Art zu unterrichten) Mathematik fassen, was faßt er von
der Seelenlehre? Ich kenne Schulen, wo man die Kinder von 6 Jahren
das lehrt, und ihnen Geographie, Heraldik und Numismatik etc. etc. in
den Kauf gibt. -- Wohl dem Jünglinge, der keine sogenannte gelehrte
Erziehung genoß; der nicht schon in der Jugend, wie ein Mann behandelt,
und -- denn ein Kind in seinen männlichen Jahren wird; dessen Geist,
nicht zu frühe angestrengt, alle die Energie behält, durch die er als
Mann wirken kann!
Außer der unmittelbaren schädlichen Wirkung, die das zu frühe Anspannen
auf das Gehirn hat, schadet schon dem Kinde das bloße Sitzen sehr am
Wachsthum. Seine Brust wird durch das Ueberliegen verengt, und gibt
dadurch zu Lungenkrankheiten Anlaß. Der Rückgrad wird verdreht, der
Bauch zusammen gezogen, und wirkt daher sehr nachtheilig auf den
Magen, und die übrigen Verdauungswerkzeuge. Erwachsene, die bei dem
gänzlichen Mangel der Leibesübung immer lesen und schreiben, verlieren
die Eßlust, haben Blähungen, bald Verstopfung, bald Bauchflüsse und
mannichfaltige sogenannte Nervenzufälle; sie verlieren den Schlaf,
und die Empfänglichkeit für das Vergnügen, sinken in tausend nagende
Leidenschaften, und endlich überfällt sie die gefährlichste Feindinn
des Lebens -- +die Schwermuth+. Wie vielmehr muß das der Fall bei
Kindern seyn, deren thierische Oekonomie schlechterdings stete Bewegung
erfordert! Dazu kömmt noch, daß Arbeiten des Geistes vollends denn
ermattend werden, wenn man sich ihnen (wie es der Fall in diesem
Alter ist) mit Mißvergnügen unterzieht; Kinder, die natürlicher
erzogen werden -- sind daher im Gegentheil so gesund, so schön, und so
glücklich[108]. --
Aber was soll man mit den Kindern in dem Alter machen, wo man sie
gewöhnlich in die Schule schickt? Man soll sie unter Aufsicht
herumspringen lassen, ihre Munterkeit und ihren fröhlichen Sinn nicht
unterdrücken, und so ihrem Körper und ihrer Seele Zeit lassen, sich zu
bilden[109]. Die Eltern schicken oft ihre Kinder frühe in die Schule,
um sie aus dem Hause in Sicherheit zu wissen, bloß der Gemächlichkeit
wegen; aber um den Eltern die Aufsicht über ihre Kinder zu erleichtern,
sollen sie nicht eingesperrt werden; das kann und darf der Staat nicht
erlauben.
Vor dem siebenten Jahre soll kein Kind in die Schule gehen[110]. Es
soll bis dahin der Bewegung in freier Luft, dieser wesentlichen
Bedingung zu seinem Wachsthum und seiner Gesundheit nicht beraubt seyn.
Es soll dadurch stärker und gesünder, und daher auch empfänglicher
für jeden wissenschaftlichen Eindruck werden. -- Wenn es sieben Jahre
alt ist; denn kann es anfangen auf eine spielende Art, die seinem
Ideengange und seinen Geisteskräften angemessen ist, sich zu bilden.
-- Nie soll es über zwei Stunden des Tags in der Schule seyn. Sehr
zweckmäßig würde es seyn, wenn man immer nur zur selbigen Stunde
Kinder von den nämlichen Fähigkeiten und Kenntnissen vornähme. Man
kann sie denn alle zu gleicher Zeit beschäftigen. Die Kinder haben
denn nicht lange Weile, und ihre Aufmerksamkeit ist immer rege; bei
der gewöhnlichen Art des Unterrichts wird ein Kind nach dem andern
vorgenommen, und also doch bei dem langen Aufenthalt in der Schule nur
eine viertel Stunde unterrichtet.
Der größte oder vielmehr der wahre Theil des Unterrichts soll ihnen
eigentlich auf Spaziergängen und im gesellschaftlichen Umgange ertheilt
werden. Der Lehrer soll ihnen da von allen Zweigen der Naturkunde
historische Kenntnisse beibringen: sie werden denn eben so aufmerksam
wie bei den Mährchen seyn, die sie so hungrig verschlingen; weil
man ihre Neugierde mit nichts vernünftigem zu stillen sucht. -- Man
mache sie aufmerksam auf den gestirnten Himmel, auf die Meteore,
auf die organische, und sogenannte unorganische Schöpfung, und man
hat denn wahrlich mehr gethan, als wenn man die ganze Schule hätte
Fracturschreiben und den ganzen Katechismus memoriren gelehrt. -- Kopf
und Herz ist denn in gleichem Grade bereichert worden. --
Alles Studium der Natur, wenn es der Würde unsres Geistes gemäß, und
nicht zur Prahlerey (um allenfalls in einer Gesellschaft den Namen
von bunten Thieren und Steinen hersagen zu können) getrieben wird,
führt ja unvermerkt zum großen moralischen Zweck. Der Geist wird dabei
unwillkührlich zu Vergleichungen hingerissen, und wer weiß nicht, wie
sehr wichtig bei reiferm Alter diese Vergleichungen unsres Selbst und
unsres Wirkungskreises mit den Begebenheiten in der Natur, die sich
ohne unser Zuthun ereignen, für unsre Ruhe sind? Daraus wird für das
Kind in der Folge einst ein eigener, nie versiegender Quell von Muth
im Leiden, und von Trost im Tode, den ihm kein Glaubensstifter gegeben
hat, und also auch kein Stifter von Unglauben nehmen kann.
Das Studium der Natur gewährt uns auch das reinste und edelste
Vergnügen, ist die Mutter aller wahren Aufklärung, und der objektive
Zweck, für den uns der Schöpfer mit Sinnen und Vernunft begabt hat. --
O daß man es doch allgemein beherzigte, und dem öffentlichen Volks-
und Kinderunterricht diese edle Richtung gäbe. Wie viel Unnützes,
Unverständliches lernen unsre Kinder! Wie viel Zeit verschwendet man
mit fremden Sprachen, die für Kinder nichts als Flitterstaat sind. --
Natur und Muttersprache sey fast das einzige, was Kinder studieren
sollen. Aber leider will mans noch nicht wissen, daß mit der Kultur
der Sprache, und der Bekanntschaft mit der Sinnenwelt -- die Vernunft
selbst kultivirt wird, und der Geist des Menschen seine Bildung erhält.
Denn aber, um dies zu bewerkstelligen, müssen freilich die Schulmeister
andere Leute seyn, als sie noch in manchen Gegenden jetzt sind.
Unter ihnen muß es keine mehr geben, die wie jetzt die Namen: Campe,
Salzmann, Villaume, Vogel, Basedow, Gutsmuths u.a. nicht einmal kennen,
vielweniger ihre Verdienste.
Das Schulgebäude für die Kinder soll hoch, luftig und gesund seyn. Sie
müssen nicht gegen das Licht sitzen, um nicht schielend zu werden;
sie sollen auch keine Mäntel tragen, die in den meisten katholischen
Provinzen Teutschlands noch immer Mode sind, die sie in der
brennendsten Hitze (man sollte kaum glauben, daß man den Unsinn so weit
treiben könnte) während der Schule den ganzen Tag umhangen müssen: der
Mantel hat noch dabei den Nachtheil, daß man (was bei Kindern wichtig
ist) nicht sehen kann, was darunter vorgeht.
Das große Versehen, das so oft, um den Geist des Fleißes bei Kindern zu
wecken, begangen wird, besteht in der zu häufigen Anwendung gewaltsamer
Maßregeln, wodurch man ihnen gleich zu Anfange Widerwillen beibringt.
Mit Gewalt richtet man nichts aus. Geschickliches Benehmen, nicht
Gewalt muß bei solchen Gelegenheiten angewandt werden.
Der Widerwille gegen Einschränkung, und die hartnäckige Beharrlichkeit,
die Rechte einer gewissen persönlichen Unabhängigkeit zu behaupten,
die den menschlichen Character in allen Verhältnissen des Lebens so
stark bezeichnen, müssen mit großer Vorsicht und Geschicklichkeit von
denen behandelt werden, die sich dem erhabnen Geschäfte der Erziehung
widmen. -- Bei der Anstellung von Schullehrer soll man sogar auf die
Gesichtszüge und das äußere Wesen derselben Rücksicht nehmen. Beides
ist von größerer Erheblichkeit, als sich diejenigen wohl vorstellen
mögen, welche die Sache nicht aufmerksam betrachten. Das äußere Ansehen
derer, welche bestimmt sind, Andern zu gebieten, ist eine Sache von
Wichtigkeit; aber vorzüglich bei Kindern, bei denen man Liebe und
Vertrauen erhalten will und soll.
Der Lehrer soll die Kinder unter keiner Bedingung schlagen dürfen; auch
in dem Alter, wo man die Nahrung so nöthig hat, keine Fasten auflegen.
Ich kenne noch lebende Beispiele, die einen kindischen Scherz mit dem
Verluste ihrer Gesundheit auf immer bezahlen mußten. Das Schlagen an
die Ohren, als der gelindeste Exekutionsgrad thut oft schon großen
Schaden. Mehrere Aerzte haben Beispiele aufgezeichnet, daß Kinder durch
die Brutalität ihrer Vorgesetzten die fallende Sucht u. s. w. bekamen.
Wohlgerichtetes Ehrgefühl, das die Basis der ganzen Erziehung für den
gesellschaftlichen Menschen ohne dies seyn muß, wird, wenn man es zu
benutzen weiß, fast hinlänglich zur Belohnung und Strafe Stoff geben.
Die Kinder sollen in der Nachbarschaft der Schule Abtritte finden, und
einzeln hingehen können, wenn sie es verlangen. Gesetzt denn auch;
ein muthwilliger Knabe läuft einmal unnöthig hinaus: so ist das doch
nichts gegen die Möglichkeit, daß man es einem Kinde, welches eines
solchen Ortes wirklich bedarf, abschlagen könnte. Man soll die Kinder
zur Sauberkeit anhalten, unreinliche Kinder aus der Schule verweisen,
und dadurch die Eltern zwingen, auf ihre Reinlichkeit zu wachen. Auch
sollen aussätzige, kranke Kinder nicht eher in die Schule gehen dürfen,
bis sie geheilt sind. Außer denen, welche bestimmt sind, Gelehrte zu
werden, brauchen die Kinder bei einem solchen Unterrichte meistens
nicht länger, als höchstens drei Jahre lang die Schule zu besuchen.
Bei oder vielmehr vor einer solchen Bestimmung wäre es durchaus
zweckmäßig des vortreflichen +Gall's+ encephalognomische Untersuchungen
practisch anzuwenden, um nicht ferner zum Nachtheile des Staats und der
Individuen Kinder zu einem Stande zu führen, zu dem ihnen die Natur die
nöthigen Fähigkeiten und Neigungen ganz versagt hat.
Nachtheilige Handwerke, die dem Körper schaden, sollen die Kinder
nie eher erlernen, bis sie ausgewachsen sind. Die Polizei sollte
darauf sehen, daß kein Vater seinen Sohn Schmied, Schlosser u. s.
w. werden lasse, bis er wenigstens sechzehn, oder siebenzehn Jahr
alt ist. Die Kinder werden sonst Krüppel, erreichen nie ihr völliges
Wachsthum, und werden selten ganz gesund. Aber vor diesem Alter soll
man nicht bloß die Beschäftigungen den Kindern untersagen, welche
große Anstrengungen erfodern, sondern auch solche, wie Schneider und
ähnliche Gewerbe, wobei die Körper unnatürliche Stellungen annehmen
müssen, und die Menschen ununterbrochen mit hinüberhangender Brust und
zusammengezogenem Unterleibe angeschmiedet sitzen. Der Schade ist sonst
zu groß, den dadurch die Gesundheit leidet. Wir sehen es daher dem
Handwerker auf der Straße an, was er für ein Geschäft treibt.
Das alles muß nun natürlich um so ärger seyn; je früher das Kind
angespornt wird, je schwächer noch seine Glieder, je zarter der
Rückgrad und die Brust ist. Und das sollte dem Staate gleichgültig
seyn, ob so viele seiner Bürger kränklich, elend werden? -- Aus
denselben Gründen sollen auch Mädchen nicht vor gänzlicher Ausbildung
ihres Körpers zu solchen weiblichen Arbeiten angehalten werden, wobei
sie immer sitzen, und in widernatürlichen Richtungen ihres Körpers
bleiben müssen.
Gaukelspieler, Seiltänzer und alle diese gefährlichen Künstler,
wobei die Kinder selbst noch, als Erwachsene Gefahr laufen, für ein
paar Groschen, wo nicht den Hals, doch ihre Glieder zu zerbrechen,
sollte man gar nicht dulden. Jeder, der mit so vieler Mühe eine Kunst
erlernen will, wie es eine solche erfodert, dem wird es in keiner an
seinem Unterhalt fehlen können. -- Auch sollen die Knaben in früheren
Jahren keine blasende Instrumente lernen. -- Ueberhaupt treibt man
mit dem Lernen der Musik oft Mißbrauch. Ich bin selbst sehr von ihrer
Zauberkraft überzeugt; aber es ist doch ganz ungereimt, Kindern, die
man in der Zukunft zu etwas ganz andrem bestimmt, ihre wenige freien
Stunden zu nehmen, in denen sie sich für den Zwang, den man ihnen in
der Schule anthut, schadlos halten könnten, und sie zu zwingen, nicht
selten ein Drittel ihres Lebens mit unsäglicher Anstrengung auf etwas
zu verwenden, was ihnen höchstens dazu dienen kann, sich in ihrem
künftigen Berufe zuweilen eine müßige Viertelstunde zu vertreiben. Aber
bei blasenden Instrumenten ist die Sache noch weit bedeutender. Die
meisten erkaufen diese Kunst mit dem Verluste ihrer Gesundheit. Viele
werden in früher Jugend schon asthmatisch, schwindsüchtig u. s. w. --
Man werfe nur ja nicht ein, daß sie denn in dieser Kunst nicht so
stark werden würden; denn was für ein Unglück wäre denn das in einem
Lande, wenn die Leute allenfalls ein bischen weniger gut das Horn
bliesen, als in dem benachbarten?
Daß die Popanzen und Schreckbilder, die von den Ammen bei den Kindern
schon lange eingeführt sind, verbannt werden müssen; das habe ich
wohl nicht nöthig zu erinnern. Der Wauwau der alten Griechen, der
Knabenfresser der Römer und endlich der Pelznickel unsrer Zeiten sind
unter aller Kritik, und da, wo sie nicht Krämpfe und die fallende Sucht
machen, wie das sehr oft geschehen ist, jagen sie doch den Kindern
unnöthigen Schrecken ein, und thun oft sehr großen moralischen Schaden;
denn die Art Schlüsse liegt wohl sehr tief in der Natur des Menschen,
daß der Erwachsene, wenn er sich überzeugt, daß seine Lehrer ihm in
dem oder jenem Puncte Unwahrheiten sagten, auch das Zutrauen in andren
Sachen, die er nicht einsehen kann, verliert; und daraus fließt ja
selbst ein großer Schade für Religion und jede Wahrheit. -- Man führe
sie auch nicht zu Todten. Man glaubt ihnen da Stoff zu gottseligen und
erbaulichen Betrachtungen, wozu sie wahrlich gar nicht aufgelegt sind,
einzuflößen, und das Resultat ist doch nur Schrecken, Abscheu und Eckel
aus Instinct, den die Natur allen Menschen vor Leichen einlegte, weil
sie schaden können; und dabei ist auch zuweilen für die Kinder Gefahr
der Ansteckung damit verbunden. -- Man führe sie vor sieben bis acht
Jahren eben so wenig bei starkem Gedränge zu Exekutionen etc. Soll
ihnen so etwas Abscheu vor dem Laster machen, in einem Alter, wo man
Tugenden und Laster nur, wie Papageien kennt, und wo sie, durch das
Gewühl der Menschen noch leicht schaden nehmen können?
Man übe frühe die Sinne der Kinder, diese wachsamen, wohlthätigen
Wächter, die uns die Natur zu unsrer Selbsterhaltung gab, die der mehr
natürliche Mensch in so hoher Vollkommenheit besitzt. -- Wir sind nicht
Herr zu jeder Zeit über alle unsre Sinne. Bald kann uns der Geruch,
ein andermal der Geschmack, zuweilen das Gesicht, und zuweilen das
Gehör nicht helfen. Geschmack und Geruch gelangen durch natürlichere
Diät zu ihrer größten Vollkommenheit. Gehör und Gesicht verbessern
sich durch zweckmäßige Uebung; letzteres ist vorzüglich unsrer
Aufmerksamkeit werth; da die Menschheit offenbar von dieser Seite eine
merkliche Abnahme spürt. Die überhandnehmende Kurzsichtigkeit und
Augenschwäche in den Städten ist leider! nicht mehr eine läppische
Affectation fader Kleinmeister und eitler Mädchen; sie ist nur zu
wahr, und hat vorzüglich darin ihren Grund, daß man die Kinder in den
ersten Jahren fast immer in den Stuben eingeschlossen hält, wodurch
das Auge, das nichts, als nahe Gegenstände sieht, sich auch bloß für
die Nähe organisirt, und am Ende ganz das Vermögen verliert, den
Focus entfernter Gegenstände gehörig zu formiren. Das beste Mittel,
diesem so sichtbar zunehmenden Uebel zu steuren, ist gleich von Anfang
frühzeitiger und täglicher Aufenthalt im Freien; dadurch verschafft man
den Kindern einen weiten Gesichtskreis, schärft ihre Sehkraft, und
legt einen dauerhaften Grund zu guten, weit sehenden Augen; daher haben
die Landleute, und vorzüglich Jäger und Schiffer so vorzüglich gute
Augen. --
Besonders aber sollten Erzieher darauf sehen, das +Gefühl+ ihrer
Zöglinge zu verfeinern; denn das Gefühl ist unsre beständige Wache, die
über unsre ganze Oberfläche ausgebreitet ist, die bei der geringsten
Gefahr durch Schmerz uns warnet, daß etwas da ist, was unsrem Ich
nachtheilig seyn kann. Dies sehen wir vorzüglich an den Menschen,
welche ihre Lage, ihr Unglück zwang diesen Sinn zu verfeinern. Die
Blinden z. B. können oft Farben unterscheiden bloß durchs Gefühl. Warum
denken wir also nicht mit Ernst darauf, diesen Sinn in hohem Grade bei
unsren Zöglingen zu üben, da wir alle fast die Hälfte des Lebens blind
sind? Wir sind, sagt +Rousseau+, beim Tage die Führer der Blinden, und
bei der Nacht sind sie die unsrigen. Wir können des Nachts, wenn wir
in einem dunklen Zimmer sind, durch den leisen Zug der Luft fühlen,
ob und wo eine Thüre oder ein Fenster offen ist, wir fühlen auf einem
Schiffe bei der Nacht durch den leisen Zug der Luft, welche Richtung
es geht, ob es schnell oder langsam fortgetrieben wird. Wir fühlen, ob
sich bei der Nacht ein Gegenstand unserm Körper nähert, oder sich von
ihm entfernt. Wir können also ohne Hände, ohne Stock bloß durch Uebung
viel fühlen, und haben manchen Vortheil durch diesen Sinn denn, wenn
die übrigen uns nichts früchten; da wir aber das nicht bei Tage lernen
können, weil uns denn unwillkürlich die andren Sinne zu Hilfe kommen,
und uns wider unsren Willen zerstreuen; so ist das ein wichtiger
Grund, der uns die +Nachtspiele+ der Kinder empfehlen muß. Man gewöhne
die Kinder oft unter vernünftiger Aufsicht des Nachts zu spielen;
dies hat in vieler Rücksicht manches Gute. Die Ammen mögen freilich
vielen Antheil an der Furcht haben, die viele Menschen Nachts so sehr
ängstigt. Allein unsre Unbehaglichkeit bei der Nacht kömmt nicht von
ihnen allein her. Es ist +Instinct+; denn die Nacht erschreckt auch
Thiere, wie wir vorzüglich bei großen Finsternissen sehr auffallend
bemerken können. -- Was den Pöbel abergläubisch, und den Tauben
mißtrauisch macht, das macht uns bei der Nacht furchtsam, nämlich: das
Nichtwissen, was um uns vorgeht. Die Natur gab uns beim Tage die Augen
zur Wache; wir können denn in weiter Entfernung schon Körper sehen, die
uns schaden können; das ist nicht der Fall im dunkeln; daher verdoppeln
jetzt die andern Sinne ihre Aufmerksamkeit. Wir sind immer gespannt,
ob etwas rauscht, weil wir gewohnt sind, daß die meisten Körper, ehe
sie uns schaden können, mehr oder weniger Geräusch machen. -- Aber
wir fürchten, daß es Körper gibt, die uns Gefahr bringen können, ohne
Lärmen zu machen: daher unsre Aengstlichkeit; daher unsre geschäftige
Einbildungskraft. Gewohnheit ist auch hier das Universalmittel. Die
Gewohnheit macht, daß es dem Dachdecker auf der Spitze des Thurms
nicht mehr schwindelt, daß dem alten Soldaten das Blut kalt bleibet
beim Krachen der Kanonen, wobei er als Rekrut zitterte: so ist auch,
um uns vor Geistersehen und Gespenster zu schützen, die Gewohnheit
in der Nacht zu gehen, das beste Mittel; denn nicht immer sind die
abendtheuerlichen schreckbaren Figuren in der Nacht ein Werk der
Phantasie[111]. Sie sind sehr oft wirklich in unsren Augen. Wir können
im Dunkeln nicht anders von Gegenständen urtheilen, als durch die
Größe des Sehewinkels, den der Gegenstand mit unserm Auge macht. Wir
können daher nicht alle die Hilfsmittel zur Hand nehmen, die uns durch
die Erfahrung am hellen Tage leiten. Wir schließen denn oft, wenn
wir zu sehen glauben. Wir sehen daher einen nahen Strauch für einen
entfernten Baum an, einen weit wegstehenden Ochsen für einen nahen Hund
und umgekehrt. Nur erst denn, wenn uns hier wieder unsre Erfahrung zu
Hilfe kommen kann, berichtigen wir unsern Irrthum. Wenn wir an irgend
einer Bewegung sehen, daß der Ochs ein Ochs ist; so machen wir unsren
Fehler wieder gut. Wir urtheilen denn nicht mehr durch die Größe des
Sehewinkels, und wir sehen ihn denn in seiner völligen Größe und
Dicke. Gesetzt aber nun, wir sehen einen entfernten Baum für eine
menschenähnliche Gestalt an; so muß diese natürlich bei jedem Schritte,
mit dem wir uns ihm nähern, wachsen; sie wird denn zur ungeheuren
Figur, selbst noch ohne die Einwirkung der Phantasie. Sucht man sich
nun nicht durch das Gefühl oder ein sonstiges Hilfsmittel den Irrthum
zu benehmen; so hat man wirklich die kolossalische Figur im Auge. Man
hat sie gesehen, und nur denn erst wird man seinen Fehler gut machen;
wenn man seine gewöhnlichen Hilfsmittel zur Hand genommen hat, wodurch
man sieht, daß der Baum ein Baum war. In demselben Augenblicke sind die
riesenförmigen Arme, die uns so viel Furcht machten, Aeste geworden;
die großen hellen Augen sind vielleicht der durchscheinende Mond
u. s. w.
Man lasse also die Kinder oft des Nachts spielen, sie werden denn nicht
bloß durch Gewohnheit die natürliche Furcht ablegen, sie werden sich
auch andere Hilfsmittel abstrahiren, wodurch sie vor diesem optischen
Betrug geschützt werden; die Ammengeschichten werden ihren Zweck ganz
verfehlen, und die Kinder sind völlig sicher vor den Folgen, die diese
nur zu oft haben, -- und wovon selbst Philosophen bei der besten
Ueberzeugung zuweilen noch leise Anregungen fühlen[112].
Von den gymnastischen Uebungen.
Die Sache, wovon in diesem Kapitel die Rede seyn wird, ist so unbekannt
geworden, daß Manche es für Schwärmerey der Aerzte halten; wenn sie
zuweilen ihre Stimme darüber erheben. Dieser Punkt ist aber so wichtig,
daß es nach meiner Ueberzeugung von ihm größtentheils abhangen wird,
ob wir von dem Abgrunde, an dessen Rande wir stehen, gerettet werden
können oder nicht. Wir sind der völligen Ausartung äußerst nahe. -- Wir
haben ja fast keine Männer mehr. -- Eitel unbärtige Greise sind die
Enkel derer, die Roms Legionen oft so nachdrucksvoll in ihrer Heimath
empfingen.