discutiren angefangen hat, macht es sehr wahrscheinlich, daß eine
solche oder doch ähnliche Kleiderreform höchstzweckmäßig und für die
Restauration der menschlichen Natur wesentlich sey; daß auch der
Nachtheil unsrer gewöhnlichen Kleider sich auf weit mehr erstrecke,
als auf verhinderte Ausdünstung, Druck der Glieder u. s. w. Es scheint
nämlich, daß auf der Oberfläche unsrer Haut die Natur einen ähnlichen
Prozeß anstelle, wie in den Lungen; daß auf der Oberfläche unsres
Körpers, wie in der Brust, Wärme erzeugt werde. Sollte dies wirklich
der Fall seyn, so ist es klar, daß unsre Kleider ein großes Hinderniß
für die Operation sind. Zwischen Fell und Hemd (sagt ganz richtig der
unvergeßliche +Lichtenberg+[96]) muß sehr bald eine Luft entstehen,
die für den Prozeß nicht mehr taugt. Die Erstickung muß ihren Anfang
nehmen zwischen Fell und Hemd; indessen bei uns Gesicht und Hände
noch zu athmen fortfahren. Daraus folgt, daß, wenn es uns in Kleidern
friert, es uns deswegen noch nicht nackend frieren müsse; weil der
Wärme Erzeugungs-Prozeß nun nicht auf einer so großen Oberfläche des
Körpers gehemmt ist. Und wirklich wenn man sich z. B. in einem Zimmer
auskleidet, das bis zu dem Grade kalt ist, daß man sich die Hände zu
reiben anfängt; so nimmt, wenn man ausgekleidet ist, die Kälte gar
nicht in dem Verhältnisse zu, als man es erwarten sollte.
Doch ist allerdings diese Sache noch nicht ganz erwiesen. +Prießley+,
+Fontana+, und noch vor kurzem +Fourcroy+[97] behaupten, daß keine
gasförmige Flüßigkeit durch die Haut entwiche. Andre versichern,
das entweichende Gas sey nur Stickgas, wie z. B. +Ingenhouß+, und
jetzt neuerlich +Trousset+[98]. Mir ist jedoch, gestützt auf einige
Versuche, die hier nicht am rechten Orte stehen würden, die Meinung am
wahrscheinlichsten, daß das Geschäft der Haut einige Analogie mit dem
der Lungen habe.
Auf alle Fälle will ich indessen durch das Gesagte dem Nackendgehen
keine Apologie schreiben. Ich sehe sehr gut, in mehrern Rücksichten,
für uns (wie wir jetzt sind) den klugen Gebrauch des Feigenblattes
ein; aber ich sehe auch, daß wir gewiß nicht ungestraft die Operation,
welche die Natur auf unsrer ganzen Oberfläche anstellen will,
unterdrücken dürfen.
Manchem mag es vielleicht bei der vorgeschlagenen Kleidertracht
anstößig seyn; daß in dem Anzuge der Knaben und Mädchen kein
Unterschied seyn soll. Aber Kinder sind ja im Grunde ohne
Geschlecht[99]! Der ehrwürdige Character der Kinder ist Unschuld,
Arglosigkeit, Einfalt und Unwissenheit. Geschlecht, und
Geschlechtsempfindungen liegen todt in den Kindern, und noch
vielweniger wissen sie von einem Unterschiede der Geschlechter; warum
macht man nun durch eine ganz wesentlich verschiedne Kleidung der
Knaben und Mädchen, die Kinder aufmerksam auf den Unterschied der
Geschlechter? Man macht sie nicht allein aufmerksam darauf, sondern
theilt ihnen auch wirklich einen mehr, oder weniger dunkeln Begriff
davon mit, und raubt ihnen dadurch ihre heilige Unwissenheit, die
Frieden und Glück über ihre Kindheit verbreitete.
Vom Baden.
Das Baden ist ein bemerkenswerther Theil der physischen Erziehung. In
meinem Vaterlande ist das Publikum noch gar nicht dafür; vorzüglich
fürchtet man davon Erkältung. Wie ängstlicher man für die Gesundheit
des Kindes bei uns ist, desto übertriebener sucht man es beständig warm
zu halten; und wird das Kind vollends krank, denn erstickt man es fast
in Betten. -- Es gibt noch sorgsame Väter genug, die, wenn es regnet,
oder nur ein wenig kalt ist, kaum ihren Knaben erlauben, ohne Hut
vor die Thüre zu gehen, und durch solche übertriebene Sorgfalt ihren
Kleinen (da es doch unmöglich ist, sich für jeden rauhen Wind in dieser
Welt zu hüten) in der Zukunft Gicht, Rheumatismen u. s. w. über den
Hals ziehen. -- Aber von der andern Seite ist es auch unverzeihlich;
wenn man will, daß die Kinder alle Tage +kalt+ baden sollen. Daß das
kalte Baden gleich nach der Geburt schlechterdings nicht Statt haben
darf, davon habe ich meine Gründe oben gesagt; aber auch späterhin
darf das kalte Bad nicht unbedingt, und bei Kindern selten oder nie
gebraucht werden. „Kalte Bäder (sagt Marcard) sind ein Arzneimittel,
das große Kräfte besitzt;“ und keine wirksame Arznei kann allenthalben
passen!
Wir gingen im Stande der Natur nackend, wir acquirirten höchst
wahrscheinlich unsere Kleider durch Eitelkeit. So wie sich noch mehrere
Völkerschaften bemahlen, so künstelten auch vermuthlich die Europäer
zuerst mancherlei an ihren Körper, um sich zu verschönern; die Kälte
hatte gewiß keinen Antheil daran. In Novazembla z. B. geht man nach
+Addison+ noch nackend. Da wir aber nicht mehr in dem natürlichen
Zustande sind, da jetzt unsere Haut verwöhnt, mit der Luft gar nicht
mehr familiarisirt ist, in einem beständigen Dampfbade sich befindet,
und mit mehr oder weniger Schmutz bekleidet ist; so ist es allerdings
wichtig, diese wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurück zu
bringen. -- Wenn man also dem Kinde die Haut stärkt, so erhält es
dadurch ein großes, in der jetzigen Generation fast verlornes Gut. Es
wird nicht nur von vielen Hautkrankheiten frei seyn, sondern auch die
nicht zu vermeidenden, als Blattern, Masern weit besser und leichter
überstehen. Aber das vermag das kalte Bad nicht.
Zu den Beispielen, die Marcard[100] erzählt, daß bei solchen Kindern
die Blattern schwer hervorbrechen, kann ich eins als Augenzeuge
hinzusetzen. Vor einigen Jahren sah ich den sechsjährigen Sohn eines
gelehrten Engländers. Der Knabe hatte von der Geburt an täglich kalt
gebadet, er war stark, hatte aber eine spröde Haut. Er wurde von den
natürlichen Blattern befallen. Der Ausbruch war fürchterlich; heftige
Konvulsionen bekam das Kind; dann kamen hier und da einzelne Blattern
zum Vorschein, und dabei nahmen Fieber, Angst, Irrereden immer zu. Erst
zu Ende des fünften Tags fingen die Blattern an durchzubrechen.
Um also unsre systematisch durch Konvenienz geschwächte Haut in den
Zustand zu setzen, worin sie eigentlich seyn muß, ist das tägliche
kalte Bad keineswegs zu empfehlen; wir verfallen dadurch ins
entgegengesetzte Extrem: wir bezwecken, Leben und Thätigkeit in alle,
auch die entferntesten Organe, und überhaupt Harmonie ins Ganze zu
verbreiten, das bei dem Kinde so wichtige Geschäft der Entwicklung
und Ausbildung der Organe und Kräfte zu reguliren, und für die
gleichförmige Vertheilung des letztern zu sorgen; aber durch das
kalte Bad thun wir gerade das Gegentheil. -- Kalte Bäder vermindern
die Stärke der Erregung des Organismus, besonders in den zunächst
affizirten Gebilden, und zwar um so mehr, je kälter sie sind, und auf
je schwächere Energie innerer Thätigkeit sie wirken. -- Das wußte schon
+Galen+, daß dem wachsenden Körper das kalte Baden nicht zuträglich
sey; denn er sagt, man solle junge Leute zwischen dem vierzehnten
und ein und zwanzigsten Jahre noch nicht kalt baden. Aus denselben
Gründen kann ich auch nicht das tägliche Waschen der Kinder mit kaltem
Wasser empfehlen; dazu kömmt noch, daß, wenn das Waschen nicht schnell
geschieht, die Kälte größer hiebei wird, als im kalten Bad, weil das
Wasser Zeit zum Verdünsten behält.
Mein Vorschlag ist daher (wie ich glaube) der Natur gemäß, wenn ich
rathe, die Kinder täglich, wenigstens zwei Stunden -- das +Luftbad+
brauchen zu lassen. Die bequemste Zeit würde vor dem Ankleiden, und
Abends nach dem Auskleiden sehn. Man soll die Kinder bloß mit einem
weiten, offnen und ganz kurzen Hemde ohne Strümpfe u. s. w. herumlaufen
lassen. Ohne Hemde würde es noch besser seyn; allein ich wage es nicht,
dies zu rathen, weil ich nicht wünsche, mit den Theologen in Kollision
zu kommen, die bekanntlich die Blößen gern decken. Die Kinder werden
dadurch die Abwechslung der Temperatur der Atmosphäre gewohnt, und sie
genießen in vollen Zügen den wohlthätigen bis auf unsre Zeiten ganz
unbekannten Einfluß der Luft auf ihren Körper. Unter andern stimmt auch
der große Franklin sehr für das Luftbad[101], und das ist allerdings
ein Umstand, der dem Gesagten nicht wenig Gewicht giebt; denn die
flüchtigsten Ideen eines solchen Mannes verdienen schon Respect.
Da aber die Kinder doch mehrere Stunden nun einmal gekleidet seyn
müssen, und die Kleidung immer drückt, mehr oder weniger die Atmosphäre
von der Haut abhält, sie verwöhnt und schmutzig macht, verkleistert;
so sollen die Kinder wenigstens zweimal die Woche im Wasser baden;
aber nicht kalt, sondern lauwarm, d. h. solche Bäder brauchen, die
also nie unter 85 Grade haben. -- Diese werden vortrefflich stärken,
und nicht die Nachtheile haben, die das kalte Bad auf die Gesundheit
der Kinder haben muß; sie werden gewißermaßen wieder gut machen, was
die Kleider die Woche hindurch verderben. Bei dieser Methode wird das
Kind stark und flink, denn seine Glieder werden gleichförmig genährt
und ausgebildet: Leibs- und Seelenkräfte werden sich regelmäßiger
entwickeln: alles nimmt einen naturgemäßen successiven Gang. Sein
Körper wird allen Abwechslungen der Witterung trotzen; und daher
werden Katharren, Rheumatismen, Hautkrankheiten u. s. w. weit weniger
ihm auf seinem Wege durch das Leben die Reihe der Unannehmlichkeiten
vergrößern. Wird es davon befallen, so wird es weit weniger daran
leiden; und daß das sehr viel gewonnen ist, davon kann man sich
überzeugen, wenn man nur hiebei an die Blattern und Masern denkt. --
Ein solches Kind wird munter und lustig seyn; sein Gang aus Gefühl von
Wohlseyn, von Kraft und Muth, wie bei den kleinen muntern Negern, immer
eine Art von Tanz seyn, die, wenn sie nur etliche Schritte von einer
Stelle zur andern gehn, wenigstens ein paar Sprünge machen; während daß
unsre Treibhauspuppen alle Augenblicke Schnupfen und Katharren haben,
und wie personifizirte Schlafkappen herumschleichen.
Endlich erhält ein an das Baden gewohntes Kind ein solches Gefühl für
Reinlichkeit, wovon die meisten Menschen keine Idee haben. So wie
ein gewöhnlich erzogener Mensch nicht ausgehen kann, ohne Gesicht
und Hände gewaschen zu haben; so kann ein solches Kind unmöglich
acht Tage ohne Bad seyn. Diesen Sinn, der für die Gesellschaft, wie
für das Individuum, so vortheilhaft ist, kennen unsre galanten Damen
und zuckersüße Herrchen nicht; diese sind gewöhnlich am Leibe um so
schmutziger, jemehr sie Sorgfalt auf ihre äußere Toilette verwenden.
-- Und was muß das alles für einen wohlthätigen Einfluß auf die
sittliche Erziehung haben! Denn Tristram Shandy's Einfall, den Körper
des Menschen und seine Seele mit einem Wamms und seinem Futter zu
vergleichen, ist wahrlich sehr passend. „Verrumpft ihr das eine;
(sagt er) so verrumpft ihr das andre.“ Auch bemerkt +Rumford+
ganz richtig: Tugend wohnt nie lange in Schmutz und Unsauberkeit. Der
Einfluß der Reinlichkeit auf den Menschen ist so groß, daß er sich auch
auf seinen sittlichen Character erstreckt. Vernunftlose Thiere lernen
Reinlichkeit vom Naturtriebe. Kann es nun wohl einen stärkern Beweis
geben, daß sie zu ihrem Wohlseyn wesentlich nothwendig ist?
Die meisten liederlichen Leute sind schmutzig und unordentlich. Die
guten Wirkungen der Reinlichkeit, oder vielmehr die übeln Folgen der
Unsauberkeit und des Schmutzes erklärt +Rumford+ vortrefflich. Unser
Körper (sagt er) ist im beständigen Kriege mit allem, was ihm zur Last
fällt; und alles wird ihm lästig, was ihm anklebt und ihn reizt. --
Und ob wir gleich durch lange Gewohnheit ein physisches Uebel ertragen
lernen, daß wir dagegen ganz unempfindlich werden; so gestattet es
doch dem Gemüthe keine daurende Ruhe. Es bleibt immer ein gewisses
Mißvergnügen und Mißbehagen, eine Unentschlossenheit und ein Widerwille
gegen alle ernsthafte Beschäftigung, welcher deutlich genug zeigt, daß
das Gemüth nicht ruhig ist.
Auch +Garve+ sagt, Reinlichkeit ist der erste Schritt zur
Moralität[102]; es sey nun, daß dieselbe mit der Scham und der
Ehrliebe, oder daß sie mit der Verfeinerung der sinnlichen Empfindung
verbunden ist.
Aber +wie lange+, und wie soll man ein Kind baden? Nach den ersten zwei
Monaten bringe man die Kinder ein paarmal die Woche in ein Bad, und
zwar immer nur auf kurze Zeit, anfangs nur auf einige Minuten; reibe es
während der Zeit fast ununterbrochen über den ganzen Leib, und trockne
es denn schnell und mit warmen Tüchern ab. Nach und nach verlängere
man die Zeit im Bade, so daß das Kind zu Ende des ersten Jahres eine
ganze Viertelstunde darin seyn kann. -- Man reize sie dabei unter
allerhand Scherzen, wozu sie so aufgelegt sind, zur häufigen Bewegung.
Erst nach sechs -- acht Wochen, nachdem man das Kind allmählig
mit der Luft zu familiarisiren sucht, fängt man auch das Bad mit
der atmosphärischen Luft an. Zuerst läßt man es nur eine halbe
Viertelstunde in einem etwas erwärmten Zimmer brauchen, steigt nach der
Stärke und Constitution des Kindes, u. s. w. und macht dabei, daß das
Kind in steter Bewegung ist.
Aus dem Gesagten wird nun nicht schwer zu beweisen seyn, daß auch die
Taufe mit kaltem Wasser der Gesundheit des Kindes nicht zuträglich
seyn kann. Der Kopf des Kindes ist im Verhältnisse zum ganzen
Körper der beträchtlichste Theil, er ist wegen Unvollkommenheit
der Hirnschale wenig gegen die Wirkungen äusserlicher Gegenstände
gesichert, und da nun auch Erkältung jedes Theils beim Neugebornen
so sehr nachteilig ist; so ist es wohl klar, daß die Erkältung des
Kopfes manchem Kinde das Leben kosten mag. Nach Erkältung anderer
Theile des Körpers, wenn man sie gleich nach der Geburt erkältet,
entstehen oft Krämpfe, Zuckungen, Erstarrungen, krampfhafter Husten,
Augen-Hals-Brustentzündungen, Schluchsen, Erbrechen, Durchfälle mit
Koliken, Gelbsucht, u. s. w. +Silvius Anhorn+ erwähnt eines neugebornen
Kindes, das mit den Füßen in kaltes Wasser getaucht, und darauf mit
einer vollkommnen Gelbsucht befallen wurde, die den Tod nach sich
gezogen hat. +Hippocrates+ und +Galen+ sagen schon, daß viele Kinder
von heftigen Convulsionen bei einer feuchten und kalten Witterung
angegriffen würden. In den französischen Besitzungen[103], wo die
Hitze groß, aber nicht so heftig als in Senegal ist, müssen die Kinder
der Neger die ersten neun Tage nach der Geburt in wohlverschlossenen
und eingeheizten Stuben gehalten werden; unterläßt man dieses und
setzt sie gleich nach der Geburt der Luft aus, so bekommen sie den
Kinnbackenzwang, der sie verhindert, Nahrung zu sich zu nehmen und den
Tod verursacht.
Obschon aber eine solche Empfindlichkeit bei den Kindern unsres mäßigen
Erdstrichs nicht Statt hat; so kann man sich doch leicht vorstellen,
was für Folgen daraus entstehen können, wenn man einem so eben aus
dem mütterlichen Schooße gekommenem Kinde einen guten Theil kalten
Wassers gähe auf den Scheitel gießt. Wie ziehen sich nicht alle
Theile zusammen, wenn wir Erwachsene uns mit entblößtem Leibe in ein
kaltes Bad begeben! Zimmermann[104] sagt: „Es ist in Malabar nichts
seltenes, Leute mit gelähmten Gliedmaßen aufstehen zu sehen, die des
Abends an einem der Nachtluft ausgesetzten Orte schlafen gingen.“ In
Südcarolina entsteht im heißen Sommer ein fürchterlicher, den Kopf
rückwärts ziehender tödtlicher Krampf, wenn nach starker Hitze ein
kalter Regen einfällt[105]. Mauriceau und Brouzet sahen Kinder, die mit
kaltem Wasser getauft waren, aus dieser Ursache sterben. -- Vielleicht
trug dies mit dazu bei, daß ehemals, als das Taufen außer der Kirche
ganz ungewöhnlich war, viele Kinder in meinem Vaterlande durch die
Mundklemme weggerafft wurden; ich kenne Mütter, denen von 7 Kindern 2
an dieser Krankheit starben, sie trat auch immer fast in den ersten
Tagen des Lebens ein, so daß die Weiber nicht mehr in dieser Hinsicht
für das Leben ihres Kindes besorgt waren, wenn es neun Tage überlebt
hatte.
Es wäre also sehr zu wünschen, daß man alle Kinder in den Häusern
taufte, und dazu das Wasser, auch im Sommer, lauwarm machte. Besonders
muß das Taufen in den kalten Kirchen auf dem Lande sehr nachtheilig
seyn; da man oft gezwungen ist, die Kinder Stunden weit nach der
Kirche zu schicken. Daher gab auch schon der letztverstorbene weise,
als Fürst, als Bischof, und als Mensch so verehrungswürdige Fürst von
Würzburg im Jahre 1790 den Befehl, daß seine Geistlichkeit im Winter
die Kinder ohne Rücksicht des Standes im Hause taufen sollte, wenn es
die Eltern verlangten.
Von den Blattern.
Bei dem Einfalle der Sarazenen in Spanien, im Anfange des siebenten
Jahrhunderts, haben die Blattern wahrscheinlich unsern Welttheil zuerst
heimgesucht. Eine traurige Erfahrung von zehen Jahrhunderten hat es nun
bewährt, daß alle Menschen in ihrem Leben einmal von dieser Krankheit
befallen werden! Die wenigen, welche sie verschont, sind nur Ausnahmen,
und zwar sehr seltene Ausnahmen von der Regel. Die schrecklichste
Pest hat zu keiner Zeit größere Verheerungen angerichtet, als diese
Krankheit. Sie hat sich mit fortreißender Geschwindigkeit von Familie
zu Familie verbreitet, von Völkerschaft zu Völkerschaft, und fast ganze
Nationen aufgerieben.
Unter zehen, die von den natürlichen Blattern befallen werden, stirbt
gewöhnlich in Europa einer. Die Todtenlisten der Stadt London zeigen,
daß daselbst in 67 Jahren an den Blattern 113861 Menschen gestorben
sind, die nicht einmal mitgerechnet, welche durch diese Krankheit
ungestaltet, blind, krüppelhaft etc. wurden, und an den langsamen
Folgen starben. Die gänzliche Ausrottung der Blattern, wie sie schon
Medicus und andere beabsichtigten, und +Scuderi+, +Lenz+, +Salzmann+,
+Junker+, +Faust+ etc. empfahlen, war in der Ausübung einer Menge von
Schwierigkeiten unterworfen.
Aber Dank, dreimal Dank dir, edler +Jenner+! -- die Pocken sind jetzt
ausgerottet; alle Gefahr ist nun vorüber. -- Als wenn das jüngst
verflossene Jahrhundert uns einigermaßen für so manches Unheil hätte
entschädigen wollen, was es über die Menschheit angerichtet hat, daß es
uns vor seinem Hinscheiden diese Entdeckung zurückließ! Wie zufrieden,
wie heiter muß der glückliche Mann aus diesem Leben hinübertreten, der
dem Menschengeschlechte dies unschätzbare Vermächtnis in Händen läßt,
und dadurch nicht bloß der lebenden Generation, sondern auch aller
zukünftigen Wohlthäter in gleichem Maße ist!
+Die Kuhpocken+ sind es, durch die wir in Stand gesetzt sind, uns vor
dieser entsetzlichen Plage (den Kinderblattern) ganz zu schützen.
-- Den Streit, den einige Aerzte gegen die entschiedenste Majorität
darüber führten, kann man, als durchaus geschlossen ansehen. Die Liebe
zu Paradoxien, und die Lust sich durch Widerspruch auszuzeichnen,
scheinen offenbar den größten Antheil hieran gehabt zu haben. --
Die Erfahrungen, die man über die Kuhpocken angestellt hat, sind
wirklich zahllos. Sie wurden unter jedem Himmelsstriche, und in den
verschiedensten Verhältnissen beobachtet, und überall entsprach der
Erfolg auf das Vollkommenste der Erwartung. -- Mir wird es mein
ganzes Leben hindurch eine der süßesten Rückerinnerungen seyn, die
Kuhpockenimpfung in meiner Vaterstadt, und der umliegenden Gegend
zuerst eingeführt zu haben!
Unter den Einwürfen gegen die Vaccination, mit denen man das meiste
Aufsehen zu machen suchte, gehört der: „Die Erfahrungen sind noch
zu jung, man muß erst sehen, auf wie lange die Kuhpocken vor den
Menschenblattern schützen.“ Dieser Einwurf beruht offenbar auf
Unkunde der Geschichte der Vaccine. Man darf nur die erste Schrift
von +Jenner+[106] gelesen haben, um zu wissen, daß man Beispiele
hat, wo die vor 31, sogar vor 53 Jahren gehabte Kuhpocken durchaus vor
den Menschenblattern schützen. Man kennt jetzt auch vollkommen die
ächten Kuhpocken vor den falschen, und ist daher vor aller möglichen
(hier sehr gefährlichen) Täuschung ganz gesichert. Glücklicher Weise
hat sich das, was +de Carro+ früher beobachtet zu haben glaubte,
nicht bestätigt, daß nämlich bei solchen, die die Kinderblattern
schon gehabt haben, nach der Vaccination der Verlauf eben so, wie bei
jenen sey, die die Blattern nicht vorher gehabt haben, daß aber der
aus den Pusteln der erstern genommene Kuhpockenstoff seine schützende
Kraft ganz verloren habe. Wäre dies wirklich der Fall; so wäre die
Kuhpockenimpfung mancherlei Schwierigkeiten unterworfen, welche ich
+in den allg. med. Annalen+ bezeichnete, und worauf ich das
ärztliche Publikum schon zum Voraus aufmerksam zu machen suchte,
+auf den Fall sich das, was Hr. de Carro gesehen zu haben glaubte,
bestätigen würde+; doch späterhin berichtigte +de Carro+ diese
Beobachtung selbst, und alle Besorgniß ist nun verschwunden, indem es
zuverlässig ist, daß bei denen, die die natürlichen Blattern vor der
Vaccination hatten, offenbar nur falsche Kuhpocken entstehen. -- Nun
auf einmal hintennach gibt sich Hr. D. +Müller+ in +Plauen+
die unnöthige Mühe zu behaupten, (ebenfalls in den allg. med. Annal.)
meine Besorgniß sey ungegründet, denn der Verlauf sey in den beiden
Fällen offenbar ganz verschieden. -- Da hat er ganz Recht, das wissen
jetzt alle Aerzte, und ich auch; aber damals wußte man es nicht. Und
es war um so mehr zu fürchten, daß Hr. +de Carro+ sich nicht
geirrt habe; da er sich als einen sehr genauen Beobachter bekannt
gemacht hatte, und durch seine Verdienste um die Kuhpockenimpfung in
dieser Sache weit mehr Gewicht hatte, als z. B. -- der Hr. D. Müller
in Plauen, der, wie es scheint, durch unzeitigen Eifer, das nicht ganz
liest, was er zu widerlegen gedenkt.
Alle Versuche und Gegenversuche, die man bei der Kuhpockenimpfung
anstellte, geben folgende +ganz genügende+ Resultate:
1) Die Kuhpocken schützen vor den Kinderblattern.
2) Die Operation ist einfach, erfordert von Seiten des Operateurs nicht
einmal Geschicklichkeit.
3) Die Kuhpockenkrankheit ist +nie+ mit Gefahr verbunden, und hat
+nie+ Verunstaltung, oder irgend eine Krankheit zur Folge.
4) Man kann sie ohne Gefahr in jedem Alter und unter allen Umständen
des Lebens einimpfen.
5) Der Ausbruch schränkt sich bloß auf die Impfstelle ein. Ausnahmen
von dieser Regel sind äußerst selten, und geschieht es; so ist der
Ausschlag durchaus nicht gefährlich, und die Anzahl der Pusteln an den
von der Insertion entfernten Stellen nicht groß.
Der Wunsch der Menschenfreunde ist also in dieser Hinsicht vollkommen
befriedigt, und wir haben daher jetzt nichts angelegentlicheres zu
thun, als jedes neugeborne Kind, so lange die Menschenblattern nicht
von der Erde ausgerottet sind, baldmöglichst zu vacciniren. -- Man
sollte also nicht länger, als höchstens zwei Monate nach der Geburt
damit warten; und sind die natürlichen Blattern in der Nähe: denn muß
man die Impfung schon in den ersten Tagen des Lebens vornehmen[107].
Von dem Unterricht der Jugend.
In der ersten Zeit unsres Lebens, wo wir anfangen unsre Existenz zu
fühlen; wo uns die Natur ganz empfänglich für Freude und Vergnügen
macht, wo unser größtes Unglück durch eine Thräne weggewischt wird; da
müssen wir auf das Verzicht leisten, was eigentlich die Natur so tief
in alle junge Thiere legt, nämlich -- Munterkeit und Fröhlichkeit.
Unsre Jugend ist wirklich sehr hart. Da sitzt denn der arme kleine
Knabe den lieben langen Tag hingeschmiedet, wie an einer Galeere,
beinahe ununterbrochen in einer vorwärts gebeugten Stellung, und jeden
Augenblick abhängig von der despotischen Laune seines mürrischen
Ludimagisters; da sitzt er, und lernt Zeug, -- was er durchaus wieder
vergessen muß, wenn er gescheid werden will. --
Wie flach und unangemessen den Verhältnissen der Einzelnen ist der
religiöse Unterricht, den wir in der Jugend bekommen! Wie so ganz
schränkt sich die Bildung, die wir von dieser Seite in unsern frühern
Jahren erhalten, auf das Verständniß und die Annahme einiger dürftigen
Demonstrazionen und Erklärungen ein! Man fordert nicht, wie es
geschehen sollte, unserm Herzen die Religion ab; nein, man übergibt
sie unserm Gedächtnisse, welches sie gewöhnlich mit einer nicht viel
andern Stimmung aufnimmt, als die Namen der Könige längst verloschener
Reiche, und die Jahrzahlen ihrer Regierung.