kann, dann gebe man ihm zu essen, wenn es mag, wenn es will. Es wird
denn nie zu viel essen. Ein natürlich erzogenes Kind wird sich nie
Unverdaulichkeiten zuziehen, an denen wir allein Schuld sind. Die
Natur bedarf immer eines Ersatzes; daher hat das Kind immer Hunger.
Reizen wir nur seine Sinnlichkeit nicht, so wird es gewiß nicht mehr
essen, als es Hunger hat. Allein wir lassen die Kinder sistematisch
nach der Uhr hungern, und nur zu gewissen Zeiten des Tags essen;
sie suchen sich denn, wenn ihnen der Zaum, den ihnen die Konvenienz
anlegte, losgelassen wird, dafür schadlos zu halten, und füllen auf
einmal in ihre kleinen Magen mehr, als sie verdauen können. Wir sehen
davon Beweise an den Kindern der Landleute. Der Tisch ist diesen,
vorzüglich im Sommer, immer gedeckt. Den ganzen Tag sitzen sie unter
den Obstbäumen, und wie wenig wissen sie von Unverdaulichkeit! Haben
sie sich durch Zufall eine zugezogen; so ist Hunger ja dafür das beste
Mittel; die Natur verbindet ohne dies damit Eckel. Das natürlich
erzogene Kind wird daher keinen Hunger haben, bis die Natur diesen
Fehler wieder gut gemacht hat.
Ungegründet ist auch die Furcht, daß volle Befriedigung des Appetits
die Knaben zu schwerfällig und träge mache. Man bedenke doch nur, daß
sie nicht allein das Verlorne ersetzt haben, sondern außerdem noch
zum Wachsthum etwas auflegen wollen. Ihre Verdauung ist wegen dieses
doppelten Bedürfnisses so lebhaft, daß man von der Ueberladung des
Magens nicht leicht etwas zu befürchten hat. Der Hunger selbst ist uns
Bürge dafür; der zeigt sowohl, wie hochnöthig eine Nahrung ist, als
auch, wie leicht und bald das Genossene verdaut wird.
In diesem Alter ist Essen die Hauptbeschäftigung, und von dieser
Seite nur kennen die Kinder Vergnügen. Die Erzieher sollten das mehr
benutzen, denn könnten sie sicherer zum Zwecke kommen, als nach der
bisher gewohnten Art. Wie leicht trocknet oft ein Apfel, oder eine
Kirsche einen ganzen Strom von Thränen! -- Jetzt verdirbt man oft das
Herz der Kinder, indem man es bessern will. Neid nennt man bei der
Jugend +Emulation+; unbeschränkten Ehrgeiz lobenswerthe +Wißbegierde+.
Du sollst nicht eher ruhen, bis du in der Schule den Platz über diesen
oder jenen deiner Gespielen erhalten hast; denke dir die Schande: --
dein Bruder oder dein Freund hat schon wieder diese Aufgabe besser
gemacht, u. s. w. Das ist die nur allzugewöhnliche Erziehungs-Methode.
So legt man aber den Keim zu den heftigsten Leidenschaften in das
junge Herz, und vergiftet es für immer in die Zukunft. Hämischer
Neid, unersättlicher Ehrgeiz mit allen seinen Folgen bemeistern sich
dadurch des Kindes ganz. Es wird nur Ersatz für seinen Fleiß, für
seine Arbeiten in äußerlichen Zeichen, im lauten Beifall des Publikums
suchen; und haben ihm noch ehrgeizigere Menschen diese nahe am
gehofften Ziele wegcabalirt; so ist es in Verzweiflung, hört auf zu
arbeiten, oder will sich gar an Vaterland und Menschheit rächen.
Kinder müssen zu dem, wohin wir sie leiten wollen, durch sinnliche
Gegenstände gereizt werden, aber denn ist es doch besser, sie dadurch
zu führen, wofür sie in diesem Alter ganz Sinn sind. -- Zucker z B.
ist das beste, was man ihnen zur Aufmunterung und zur Belohnung geben
kann. Sie essen ihn sehr gern, und er ist trotz dem, was man dagegen
gesagt hat, sehr gesund. Der Herzog von Beaufort, der vierzig Jahre
lang täglich ein Pfund Zucker verzehrte, starb im sechzigsten Jahre
an einem Fieber; man fand seine Eingeweide sehr gesund, und die Zähne
fest und gut. Ein gewisser Melory, der unter alle Speisen Zucker that,
wurde bei einer festen und dauerhaften Gesundheit hundert Jahre alt.
Personen, die den stärksten Gebrauch vom Zucker machen, wie die Neger,
haben gerade die schönsten Zähne: und Share versichert, seine Zähne
durch das Reiben mit Zucker erhalten zu haben. Hunter empfiehlt sogar
den Zucker als das beste Erquickungsmittel bei Leuten, die durch langes
Fasten geschwächt, oder durch den Gebrauch von Merkurialmitteln mager
geworden sind. Und wie mehrere Versuche beweisen, so begünstigt der
Zucker nicht allein die Erzeugung der Würmer nicht, sondern er treibt
sie sogar ab.
Man hüte die Kinder aber vor Näschereien, vorzüglich denjenigen, die
um Weihnachten und Nikolaus in den katholischen Ländern verkauft
werden. Es sind meistens Sachen, die mit Gummigutt, Grünspan,
Schaumgold, d. h. Messing gefärbt, und aus schlechtem Mehl und etwas
Zucker zusammengebacken sind, welche billig wegen ihren schädlichen
Eigenschaften in jedem polizirten Staate verbothen werden müßten.
Man glaube nur nicht, die Kinder würden dadurch Fresser und Schlemmer,
daß man sie durch so sinnliche Gegenstände zur Arbeit und guten
Handlungen ermuntere, oder daß in der Folge für sie ein gutes
Mittagsessen mehr seyn würde, als eine edle That. Nein das ist sicher
der Fall nicht. So wie das Wachsen allmählig aufhört, das Kind sich
weniger bewegt, so hört auch mit dem Bedürfnisse die Lebhaftigkeit
dieses Sinnes auf, und um die Zeit bekömmt dabei im gesellschaftlichen
Zustande das Herz so viel zu thun, daß der Magen uns so sehr nicht
mehr beschäftigt. Nur die werden Fresser, welchen ihr Appetit nicht
gestillt, sondern gereizt wird, oder welche Nerven von der Bauart
haben, daß sie weder von innen noch von außen Beschäftigung finden, und
also nur mit -- ihrer Verdauung und Ernährung zu thun haben.
Hier muß ich noch gegen einen Mißbrauch warnen, der den Kindern nicht
selten sehr nachtheilig ist. Es ist die eckelhafte Gewohnheit vieler
Kindswärterinnen, den Bissen, den sie kleinen Kindern geben, immer
vorerst in ihrem Munde herumzuwälzen, und mit ihrem, oft gefährlichen,
Speichel zu besudeln. Man lasse nur die Speisen gehörig abkühlen; denn
ist es ja nicht möglich, den Kindern den Mund zu verbrennen!
Von der Kleidung.
Unter die zahllosen Bedürfnisse, welche die Gewohnheit mehr, als
die Natur, dem Menschen nothwendig macht, rechnet man billig die
Kleider[80]. Ein großer Theil unsrer Degeneration kömmt von unsrer
albernen, läppischen Art zu kleiden her. -- Ich finde die Mode der
Wilden, sich zu tatouiren, nicht so lächerlich und weniger ungesund,
als die Sitte der Europäer, sich jedes Glied in eine widernatürliche
Lage zu pressen.
Wie unnatürlich sind nicht unsre Kleider! Ich glaube kaum, daß man eine
abscheulichere Art, sich zu bedecken erdenken könnte, als die unsrige.
Alle Glieder gepreßt, gebunden, geknöpft! -- Auf dem Kopfe glaubt
man, nie Haare genug haben zu können, während die Männer sie um das
Kinn, wo sie ihnen die Natur doch auch gab, mit der größten Sorgfalt
abschneiden. -- Den Hals, der mit so wichtigen Gefäßen rund umgeben
ist, umschlingen wir mit Binden, und stören da den Kreislauf des Bluts.
Die Brust und der Unterleib werden erst durch Schnürleiber (die man
immer noch in einigen Gegenden Knaben und Mädchen reichlich angedeihen
läßt) denn durch enge Westen und hohe Hosen zusammengedrückt. So
wird die Brust verengert, das Athemholen erschwert, und das ganze
Verdauungsgeschäft gestört. --
Die Hosen sind die schädlichste Kleidung, welche auf diesem Planeten
von irgend einem Volke getragen wird, und wahrlich in Absicht auf die
Sitten ist die Mode im Königreich Pegu, wo sich die Weiber so kleiden,
daß sich bei jedem Schritte ihr geheimster Theil darbietet, nicht von
schlimmerer Wirkung. -- Auch die Schuhe sind so gestaltet, daß man
glauben sollte, der Mensch habe sie sich zu seiner Quaal erfunden[81].
Die Natur machte unsre Füße vorn breit, und hinten spitzig; allein
wir verstehen das Ding besser: unsre Schuhe sind vorn spitzig, und
hinten breit, dabei so enge, daß unsre Zehen ganz gelähmt, und zwei
Drittheile der Menschen mit allerhand Fußbeschwerden geplagt sind.
Unsre Zehen sind beinahe, wie unsre Finger, gebildet; daher gibt es
viele Völker, die das, was ihnen fällt, mit den Füßen aufheben, und
diese fast eben so, wie ihre Hände brauchen können. Bei dem schönen
Geschlechte in Europa ist die Kleidung noch weit unnatürlicher, als bei
den Männern: sie zielt vorzüglich auf die Ausstaffirung des Busens
und auf eine hübsche Taille. Bald befiehlt die Mode den Damen, ihren
Busen nur durch einen seidenen Nebel blicken zu lassen, bald heischt
sie ihn ganz zur Schau zu stellen; an vielen Orten aber zeigen sie
ihn nur bei +Ehrenanlässen+. -- Der Leib ist allgemein in Europa
beliebt worden, für schön zu halten, wenn er trichterförmig ist. Alle
die Moden, wie z. B. jetzt, wo sich die Frauenzimmer kleiden, als
wenn die Schenkel gerade unter den Schultern anfingen, sind nur von
kurzer Dauer. Immer kömmt man wieder bald auf die erste, +auf die
Trichterform+, zurück. Wie verderbt muß nicht unser Geschmack seyn,
daß es uns gefällt, ein Frauenzimmer, wie eine Wespe in zwei Stücke
getheilt zu sehen; daß wir es für eine Schönheit halten, wenn ihr Leib
zum Umspannen schmal ist, da inzwischen die Schultern breit sind, die
Brüste beinahe bis an das Kinn anschwellen, und der Hinterleib einen
großen Raum ausfüllt!
Die vielfache, komplizirte, Kleidung der Europäer bestätigt die Meinung
des Abts +Barthelemy+ ganz: daß mit dem Verderben der Menschen sich
ihre Kleider vermehrt haben[82]. Unsre kränklichte, verkrüppelte
Körper, wodurch wir uns so sehr vor andern Völkern auszeichnen,
verdanken wir gewiß größtentheils unsrer Kleidertracht. Warum ist der
Körper der Neger so viel vollkommner, als der unsrige? Warum die Brust
der Mohren so viel geräumiger, gewölbter, als die des Europäers[83]?
Wie einfach kleideten sich unsre Ahnen, und wie stark und gesund waren
sie nicht! Julius Cäsar erzählt von ihnen[84], daß sie sich mit Häuten
bekleideten, und einen großen Theil ihres Körpers unbedeckt ließen.
-- Und ihr ganzes langes Knabenalter liefen sie nackt herum[85]. Die
heutigen Türken beweisen augenscheinlich, wie sehr die Kleidung auf den
Körper wirkt. Sie wissen nichts von der Einwicklung, tragen keine enge
Kleider, und haben daher breite Schultern und eine sehr weite Brust.
-- Die Kleidertracht ist also ein Umstand, der unsre Aufmerksamkeit
im hohen Grade verdient; da ein beträchtlicher Theil Menschen an
Krankheiten der wiedernatürlich verengten Brust zu Grunde geht. Das
schlimmste ist, daß man, um die für schön gehaltene Form sicher zu
erhalten, schon die Kinder in Kleider spannt, welche die Glieder in die
beliebte Figur verzerren. Ihr ganzer Körper gibt, wie Wachs, jedem
Drucke nach, und nimmt also bald für immer die unnatürliche Richtung
an, welche man ihm zu geben für gut fand.
Bei einer bei Kindern einzuführenden Kleiderreform muß man +vorzüglich+
darauf Rücksicht nehmen, daß man dem Hange zum Putze, der die Menschen
noch unter keinem Himmelsstriche verlassen hat, hinlänglich Spielraum
läßt. Gibt man hierauf nicht Acht, so verfehlt man früher oder später
seinen Zweck; denn es ist noch kein Volk im Menschengeschlechte
gefunden worden, welches nicht durch irgend eine Art von Putz die
ihm von der Natur verliehenen Reize zu erhöhen, und sich dadurch
liebenswürdiger zu machen suchte. Die elenden kümmerlichen Pescherä's,
die der Abschaum der Menschheit seyn sollen, haben Halsbänder von
niedlich schimmernden Schneckchen. Und zum Beweise, daß der Trieb
sich zu schmücken beim Menschen selbst weit früher da ist, als
das Gefühl der Schamhaftigkeit, werfe man nur einen Blick auf die
Einwohner von Neuholland. Diese übrigens ganz nackend einhergehenden
Wilden durchbohren sich den Nasenknorpel, und knebeln sich einen
fast spannenlangen Knochen durch die Oeffnung, (es versteht sich,
der Schönheit wegen) der groß genug ist, der Luft den Weg so zu
versperren, daß sie nur mit offnem Munde athmen, und mit schnarrender
Resonanz sprechen können; malen sich mit rother Ocker, oder auch mit
weißen Streifen, die gleichsam wie ein Ordensband über die Schulter,
und schräg über den ganzen Leib gehen, auch zuweilen übers Kreuz
von andern Streifen durchschnitten werden, und tragen Halsbänder von
gereihten Muschelschaalen, Armspangen von kleinen Schnüren, und eine
Schnur von Menschenhaaren um den Unterleib. -- In Van-Diemens Land
hatten einige Weiber einen Lappen des Kangurufells, den sie wie einen
Sack um den Hals und um den Leib banden, um ihre Kinder darin auf dem
Rücken zu tragen; allein an eine Bedeckung, welche die Schamhaftigkeit
nach unsren Begriffen erheischt, war schlechterdings bei ihnen nicht zu
denken[86].
Völker, die den sehr weisen Gebrauch eines Feigenblattes einsehen,
haben dafür Surrogate, die offenbar mehr als bloße Bedeckung zur
Absicht haben. Im südöstlichen Afrika bedient man sich statt dessen
eines Katzenschwanzes; die Einwohner von Darien einer Maschine, die
einer Lichtputze ähnlich seyn soll, und ein benachbartes amerikanisches
Volk eines Kürbis oder großen Schneckenhauses. -- Die männlichen
Einwohner von Manikolo und den übrigen neuen Hebriden auf der Südsee
haben sich einen kolossalischen Apparat hiezu ausgedacht: nemlich
eine zylindrische Kapsel von einer solchen Länge und Stärke, daß
sie mit Stricken getragen und um den Leib befestigt werden muß. Der
Schmuck endlich unsrer Antipoden in Neu-Seeland ist ein hölzerner
mit Bindfaden umwickelter Reif, dessen oberer Bogen mit Federbüschen
besetzt ist, und in die bekannte Gegend applizirt wird; er dient
offenbar nicht zur Bedeckung, sondern zur Parade. -- Eine der
merkwürdigsten Verschönerungen ist unter den +Eleuten+ im nordischen
Archipelagus gebräuchlich. Sie stecken sich nemlich Wallroßzähne durch
die Lippen und Backen, um jenen Seeungeheuern gleich zu scheinen. --
Der Hang zum Putze ist also allgemein, fließt aus dem wohlthätigen
Triebe zu gefallen, richtet sich daher nach dem Begriffe von Schönheit,
welcher vorzüglich bei kultivirten Völkern äußerst veränderlich, und
von Zufällen abhängig ist. Der Trieb ist also von der weisen Natur
eingepflanzt, und zu allgemein, als daß wir ihn ersticken können, und
warum sollten wir auch das? -- Alle zu einfache Kleidungsvorschriften,
welche der Mutter nicht erlauben, im Kinde zu kokettiren, werden nie
eingeführt werden können, werden und können -- nie allgemein werden.
Die Toilette des Kindes fängt nun gleich an, so wie es aus dem Bade,
unmittelbar nach der Geburt, kömmt. Es muß denn in eine Kleidung
gesteckt werden, wobei es ohne irgend einen Theil seines Körpers
zu drücken, warm bleibt. In dem Leibe seiner Mutter saß es ja neun
Monate krumm, und kam doch gerade zur Welt; warum sollen wir denn die
armen Kleinen gleich bei ihrem Eintritte auf die Folter spannen, sie
gleich der Bewegung aller ihrer Glieder berauben, und zur Pyramide
wickeln[87]? Wer nur einmal zusah, wie froh das Kind zu seyn pflegt,
wenn es bei Umwechslung der Kleider einen Augenblick seine Glieder
brauchen darf, der wird sich leicht von der Quaal überzeugen können,
in die es durch das Wickeln versetzt wird. Vorzüglich leiden das
Athemholen und die Verdauung dabei, und anstatt krumme Beine etc. zu
verhüten, ist nichts fähig, sie so leicht zu machen. Das Stöhnen und
Stampfen des Kindes, das Versuchen sich seine Lage erträglicher zu
machen, ist recht dazu geeignet, seine Glieder aus ihrer natürlichen
Form zu bringen. Die wickelnden Nationen (möchte ich sagen) haben die
meisten Krüppel. Die alten Einwohner von Peru[88] setzten ihre Kinder
in ein Loch, welches sie in die Erde machten, und ihnen bis an die
Hälfte ihres Körpers reichte; sie konnten denn ihren Kopf oder ihren
Leib bewegen, wie sie wollten, ohne sich wehe zu thun, oder zu fallen.
Bei mehrern Völkern können daher die Kinder schon im sechsten Monate
gehen. -- Die Natur leidet nicht gern bei Erwachsenen plötzliche
Veränderung, also noch weniger beim Neugebohrnen. Er war bis hieher
mütterliche Wärme gewohnt, lebte ganz durch seine Mutter; jetzt fängt
er seine eigne Haushaltung an; kalte Luft dringt nun in seine Lunge;
der Kreislauf des Bluts wird ganz geändert. Man suche ihm also seine
Lage dadurch zu erleichtern, daß man ihn an den Uebergang allmählig
gewöhne. Die Thiermütter sitzen die ersten Tage nach der Geburt beinahe
ununterbrochen auf ihren Jungen, und thun es um so seltener, je weiter
sie von dem Tage der Niederkunft abkommen. So muß es mit unsren
Neugebornen seyn. Sie müssen die erste Zeit nach ihrer Geburt warm
gekleidet, in dem Bette ihrer Mutter liegen, um ihnen den Unterschied
der Temperatur so wenig, wie möglich, fühlbar zu machen. -- Ein Hemd,
das überall weit ist, und auf dem Rücken mit Bändern zugemacht wird,
um alle Nadeln zu vermeiden[89], und ein andres über dies, welches von
einem Zeuge gemacht ist, der warm hält, und doch nicht schwer ist,
mache seinen ganzen Anzug. Dies zweyte Hemd muß lang genug seyn, um
seine Füße und seine Finger ganz zu bedecken. Bei Armen und auch bei
Reichen (wenn es nicht zu wohlfeil wäre) würde hiezu Flanel sehr gut
zu empfehlen seyn. Er ist warm, äußerst nachgiebig und doch leicht.
Auf den Kopf des Kindes setze man eine Mütze, die ihn in der gehörigen
Temperatur hält, und aus einem Zeuge gemacht ist, der durch seine
Elastizität gewissermaßen sitzen bleibt, und also nicht nöthig hat,
gestochen oder gebunden zu werden; oder eine Haube, die, wie eine
Kaputze an das Hemdchen befestigt ist, und frei zurückgeschlagen werden
kann. Die Bänder an den Mützchen, die unter dem Kinne gebunden werden,
taugen eben so wenig, als jene, die über die Ohren gehen. Sie drücken
die Ohren eben so, und können überdies das Kind erdrosseln, wenn es den
Kopf zurücklegen will. Durch sie sind unsre Ohrenmuskeln schon frühe
gelähmt; daher können wir unsre Ohren nicht bewegen, was die Wilden so
gut können; und eben deswegen ist unser Gehör denn auch weniger scharf.
Nach vier Wochen fängt man an nach und nach den Anzug zu verringern.
Man läßt allmählig die Ermel verkürzen. Man entblößt die Füße, Hals
und Brust, und macht die Haube kleiner, bis man nach einem Jahre dem
Kinde die Kleidung anzieht, die ohne Unterschied des Standes und
Geschlechtes alle Kinder wenigstens bis ins zehnte Jahr tragen sollten.
Diese Kleidung besteht in einem Hemde, das vorn die ganze Brust offen
läßt, keine Ermel hat, und unten nicht über die Knie geht; über dies
Hemd kann man ihnen nun noch ein andres anziehen, welches eben so
gemacht ist. Es steht der Mutter frei, eine Farbe oder einen Stoff
zu wählen, welchen sie will. Es kann von Seide, von Leinwand, aber
nur bei sehr starker Kälte im Winter, von Tuch seyn. Die Mutter mag
denn Falbeln, Manschetten etc. und was und wo sie will, ansetzen. Es
wird das Kind nicht hindern, all den Vortheil zu genießen, welchen
ihm diese Kleidung gewährt. Dieser ganze Anzug soll weit genug seyn,
um das Kind an keiner Bewegung zu hindern. Die Beine und Füße sollen
bloß seyn, und wer sie ja bedecken will, der thue es nur so leicht,
als möglich, z. B. mit leinenen Strümpfen und weiten bequemen Schuhen
ohne Absätze, die nur mit Riemen oder Bändern zugebunden sind. Auch sey
der Kopf unter jeden Umständen ohne alle Bedeckung. Die Theorie, und
was weit mehr ist, Erfahrung verspricht uns, durch eine solche Reform
-- starke und gute Menschen. Man glaube nicht, daß die Kinder durch
Erkältung umkommen würden. Locke sagt: „das Entblößen des Gesichts
schadet uns nicht: warum können wir die Leiber der Kinder nicht ganz zu
Gesicht machen? Die Körper der Neger sind ja Gesicht, und befinden sich
wohl!“ Ein Scythe, der gefragt ward, wie doch seine Landsleute unter
ihrem frostigen Himmel nackend gehen können, gab zur Antwort: wir sind
über und über Angesicht. In Finnland sieht man die Kinder[90] bis in
das siebente oder achte Jahr selten anders als im Hemde herumlaufen.
Aus der größten Hitze, wie sie in solchen Rauchhäusern ist, laufen
die Kinder barfuß ohne Schuhe und Strümpfe in dem Schnee und der
strengsten Kälte herum, ohne besondere Empfindung davon zu haben. Die
Jugend ging bei den mehrsten Völkern bloß; und bei uns auf dem Lande
sehen wir ja noch Kinder bei jeder Witterung halbnackt herumlaufen,
und dabei sehr gesund und stark werden. Die alten Römer und die
Deutschen gingen mit ganz nackten Armen; dadurch wurde ihre Stärke
und Thätigkeit sehr vermehrt. Wahrscheinlich sind aus dieser Ursache
die Vorderarme und Schenkel unsrer Frauenzimmer stärker und fester,
als im Verhältnisse ihre andere Gliedmaßen. Auch lehrt die Erfahrung,
daß es vortheilhaft sey, in jeder Witterung mit unbedecktem Kopfe zu
gehen. Julius Cäsar war immer an der Spitze seiner muthigen Legionen
mit bloßem Kopfe[91]. Noch gehen die mehrsten Völker der Erde mit
unbedecktem Haupte. Herodot erzählt[92], daß man die Häupter der Perser
von denen der Egyptier auf dem Schlachtfelde habe unterscheiden können;
da erstere die Köpfe bedeckten und sehr warm hielten. Die Hirnschädel
der Egyptier waren stärker, fester, und dienten dem, was sie verwahren
sollten, zum bessern Behälter. Man konnte sie kaum mit einem großen
Steine zerschlagen. Die Hirnschädel der Perser waren so mürbe, daß man
sie leicht durchlöchern konnte. Auch (sagt er) sey dieß die Ursache
der kahlen Köpfe, deren man bei den Egyptiern sehr wenig sieht.
Die Kopfbedeckungen verhindern den freien Zutritt der wohlthätigen
Atmosphäre[93], versperren den Ausdünstungen den Weg, und sind zum
Theil Schuld an dem Ungeziefer und dem Kopfgrind. Aus dieser Ursache
allein sehen oft Kinder, wie Leichen aus, weil sie keine Ruhe haben,
und ihnen dabei eine nicht unbeträchtliche Menge Nahrung genommen wird.
Uebrigens aber bin ich gar nicht der Meinung, daß man den Kindern (wie
jetzt Sitte ist) den Kopf ganz scheren lasse; denn wozu hätte ihnen die
Natur da so viel Haare gegeben? Am zuträglichsten wird es seyn, sie mit
kurz über den Schultern und vorn über den Augbraunen abgeschnittenen
Haaren gehen zu lassen, ohne sie zu schmieren, zu pudern, oder nach
einer andern Richtung, als sie selbst nehmen, zwingen zu wollen. Das
einzige, was man dabei zu thun hat, ist, daß man sie täglich auskämmen
läßt, damit sie sich nicht verwirren.
Ganz vorzüglich aber rathe ich, die Knaben nicht frühe Hosen anziehen
zu lassen. Herr Hofrath Faust hat es bewiesen, an wie viel Uebel dies
Kleidungsstück, vorzüglich bei der Jugend, Schuld ist[94]. Der Schöpfer
legte die Hoden bei uns außerhalb den Körper, um sie kühl zu erhalten,
und durch die Hosen bringen wir sie aus der Verbindung mit der Luft und
in ein Dampfbad. Sie sind eine Hauptursache des Uebels, welches den
physischen und moralischen Werth unsrer Generation so sehr herabsetzt;
ich meine: der +Onanie+. Sie sind mit Schuld daran, daß es unter
den Männern so viel Leistenbrüche gibt. Man rechnet in Deutschland
zweimal hundert tausend Mannspersonen, die gebrochen sind. --
Der Bergschotte ist auf einer großen Strecke der Erde der einzige,
der noch jetzt keine Hosen trägt, und wie sehr zeichnet er sich nicht
in jeder Hinsicht vor seinen behosten fernen und nahen Nachbarn aus?
Sein Körper ist stark und gesund; er läuft mit einem Pferde um die
Wette, und ist unermüdlich in allen Beschwerlichkeiten. Sechzigjährige
Bergschotten springen noch über Hecken, wie Rehe. Er ist standhaft,
muthig, sittsam, keusch und frohen Muthes. In Deutschland scheint ein
Volk, zum Theil, dasselbe zu beweisen. Die Altenburgischen Bauren in
Sachsen tragen sehr weite Hosen, und zeichnen sich auch durch Größe,
Schönheit, Regelmäßigkeit, und Festigkeit ihres Körpers, ihres Knochen-
und Gliederbaues nicht nur aus, sondern auch durch ihre Sitten und
Gebräuche[95].
Es kann seyn, daß es hier und da jemand gibt, der den Vorschlag, den
Knaben erst so spät Hosen zu geben, lächerlich findet: allein ich
glaube, dies beweist nichts, als -- daß Helvetius Recht habe, da er
sagt: „jede Idee, welche unsrer Art zu sehen und zu empfinden fremd
ist, dünkt uns immer lächerlich. Wir schätzen nur immer die den unsern
ähnlichen Ideen, weil wir in der Nothwendigkeit sind, nur uns in den
andren zu schätzen.“