Ein andres grobes Vorurtheil, welches unsren Kindern viele

Unbequemlichkeit, und vielleicht viele Krankheiten macht, ist das

alte, aber, in Rücksicht auf Kinder, alberne Sprichwort: _Aurora musis

amica_. Man will die Kinder zur Arbeitsamkeit gewöhnen, man will

ihnen, wie man sagt, ihre Trägheit benehmen, und zwingt sie daher früh

aufzustehen, da es doch offenbar der Wille der Natur ist, daß die

Kinder lange schlafen sollen. In den mehrsten Instituten müssen die

Kinder wegen dieser grundlosen Meinung zu frühe aufstehen. Man scheint

gar nicht daran zu denken: daß Kinder verhältnißmäßig weit stärker

arbeiten, als Erwachsene. Ueberläßt man sie sich selbst, so ist wohl

keines ihrer Glieder einen Augenblick in Ruhe. Lange also müssen sie

schlafen; um so länger, je jünger sie sind, und im Winter weit länger,

als im Sommer. Denn wir finden, daß Schlafen, wenn sich die Sonne unter

dem Horizont befindet, weit erquickender ist, und daß wir auch denn

mehr Schlaf haben.

Man wecke die etwas erwachsenen Kinder zu verschiedenen Zeiten und oft

mit Geräusch auf, damit sie auch daran für die Folge gewohnt werden;

da die gesellschaftlichen Verhältnisse sie gewiß manchmal in ihrem

Leben plötzlich aus dem Schlafe bringen werden. -- Man gewöhne sie,

sich selbst zu wecken. Man verspreche dem Knaben, ihn den andern Tag um

diese oder jene Stunde dahin mitzunehmen, wo er viel Vergnügen hoffet,

und nehme ihn wirklich nicht mit, wenn er geschlafen hat; so wird er

bald das Wecken nicht mehr nöthig haben.

Von der Bewegung.

In der ersten Zeit des Lebens kann natürlich die Bewegung des Kindes

bloß darin bestehen; daß man seinen Gliedern freien Spielraum läßt, und

es auf dem Arme herumträgt. Das muß aber nun sehr bald (wie oben gesagt

worden ist) geschehen; erst im Zimmer, dann im Hause, und endlich

täglich in freier Luft, um es vor und nach daran zu gewöhnen.

Nach den ersten Monaten ist vorzüglich das Herumfahren in einem kleinen

Wagen sehr vortheilhaft. Größre Kinder genießen dadurch selbst die

Wohlthat der Bewegung, und der gesunden Luft, indem sie solche den

kleinern mittheilen wollen. Die Kinder bekommen dadurch ein frisches,

blühendes Aussehen, ein festes Fleisch, einen ruhigen Schlaf, vermehrte

Eßlust, und werden munter und lustig. Man schütze sie nicht ängstlich

vor der Sonne; im Gegentheil es ist ihnen sehr zuträglich, nebst der

freien Luft auch der Sonne ausgesetzt zu seyn. Wahrlich dient das Licht

in der Natur zu mehrerem, als -- um Tag zu machen[58]: Sein Einfluß

auf die thierische Haushaltung ist schlechterdings unverkennbar.

Wohnungen, wozu das Sonnenlicht schwerlich kommen kann, wie bei

Gefängnissen und manchen Klöstern, sind feucht, ungesund: Menschen und

Pflanzen verbleichen darin, und kränkeln. Man hat daher sehr Unrecht,

den Teint des Kindes auf Kosten seiner Gesundheit zu erhalten. Ich

glaube mit Berthollet[59], daß die Sonne Mitursache sey, warum die

Kinder der Landleute so viel gesunder sind, als die der Städter.

Wenn die Kinder fünf bis sechs Monate alt sind, so lasse man sie unter

guter Aufsicht auf einem mit Teppich belegten Fußboden, oder im Sommer

auf Grasplätzen herumkriechen. Sie bekommen dadurch einen freiern und

leichtern Gebrauch, mehr Festigkeit und Beweglichkeit ihrer Glieder,

und lernen daher eher und weit sicherer gehen[60]. Buffon[61] erzählt

von den kleinen Negern, daß sie mit ihren Füßen, und Knien eine von den

Hüften der Mutter fassen, und sich so fest an die Brust anklammern,

wenn sie trinken wollen, daß sie ohne Beihilfe der Mutter hangen

bleiben. Sie trinken beständig fort, ohne sich irren zu lassen, oder

zu fallen; die Mutter, welche während dieser Zeit arbeitet, mag sich

bewegen, wie sie nur immer will. -- Wenn diese Kinder zwei Monate alt

sind, so fangen sie schon an zu gehen, oder vielmehr sich auf den

Händen und Füßen zu schleppen; eine Uebung, die ihnen in der Folge die

Fertigkeit gibt, fast eben so geschwind auf allen vieren zu kriechen,

als aufrecht zu gehen. -- Von Weert sah[62] an der Magellanischen

Straße, daß ein Kind, welches noch nicht viel über sechs Monate alt

seyn konnte, schon viele Zähne hatte, und allein lief. Die Kinder der

Maleyischen Weiber müssen sich uneingewickelt auf einer auf der Erde

gespreiteten Matte behelfen, und man sieht sie schon herumlaufen,

wenn sie ein halbes Jahr alt sind. Daran ist bloß ihre ungezwungene

Behandlungsart Schuld, sie lähmen nicht ihre Kinder nach Sitte der

Europäer durch Unthätigkeit, durch zweckwidrige Kleidung, oder durch

Einsperren in enge verpestete Zimmer; sie hindern also ihr Wachsthum

nicht, und eben dadurch können diese ihre Glieder bald brauchen.

Man hat auf diese Art die so gefährlichen Laufbänder nicht nöthig, die

den Kindern an der Brust und Schultern anliegen, und da sie sich (weil

sie noch nicht auf den Füßen stehen können) immer mit dem obern Theil

ihres Körpers vorwärts neigen, so liegen sie mit ihrer ganzen Last auf

dem vordern Theile des Laufbandes; die Brust wird dadurch gedrückt,

mehr und mehr hineingepreßt, und das Wachsthum dieses wichtigen Theils

des Körpers auf eine sehr nachtheilige Art gestört; besonders da die

Mägde sie oft damit schwebend in der Luft halten, und sich hin und her

bewegen lassen. -- Derselbige Fall ist ungefähr mit den Laufstühlen,

worin man die Kinder einsperrt, und so herumirren läßt. Sie bewegen

sich fort durch Stöße, welche sie mit der Brust geben, und oft auf

eine empfindliche Art wieder erhalten, wenn sie plötzlich gegen eine

Mauer prellen; dabei ist noch der Nachtheil, daß den Kindern durch das

beständige Stehen die Beine krumm werden.

Auch muß ich erinnern, daß in diesem Alter manche Bewegungen, welche

man so oft zum Scherze oder aus Unvorsichtigkeit mit den Kindern macht,

äußerst gefährlich sind: manchmal faßt man den Kopf des Kindes zum

Spasse mit beiden Händen, und hält ihn in die Höhe; dadurch können die

Gelenke der Wirbelbeine bei verlängerten Bändern durch eine leichte

hinzukommende Bewegung des Körpers aus ihrer Lage gebracht und verdreht

werden, wornach ein plötzlicher Tod oder wenigstens ein krummer Hals

die Folge ist.

Aus demselben Grunde soll man den Kopf des Kindes, wenn es aus dem

Bette genommen, oder auf dem Arm getragen wird, nicht rücklings fallen

lassen, weil das wegen dem von Natur noch knorplichten Zahnfortsatze

des zweiten Halswirbelbeins nicht ohne beträchtliche Verletzung und

Beschädigung geschehen kann. -- Auch ist es eine schädliche Gewohnheit,

die Kinder bei den Händen oder Armen zu fassen, und so in die Höhe

zu heben; denn hierdurch kann den zarten Kindern nicht nur eine

Verrenkung, sondern auch ein Abbrechen von Knochenansätzen zugefügt

werden. Es ist ebenfalls gefährlich, Kinder von einem Arme auf den

andern zu werfen, und sie beim Stehenlehren auf dem Tische jähling auf

die Füße und Knie fallen zu lassen, was die Knochen, die an ihren Enden

noch knorplicht sind, und die Hüften selbst verletzen muß. -- Fast

eben so nachtheilig ist es, das auf dem Arm sitzende Kind gleichsam

in die Luft zu werfen, und schnell wieder herabzulassen; denn man

legt hierbei, um es vor dem Fallen zu sichern, die linke Hand unter

den Körper, die Finger der rechten Hand aber unter die Brust und die

Rippen, und drückt nun so nicht allein die Brust zusammen, sondern

verdreht auch die Rippen.

Vom Essen und Trinken.

Die erste Nahrung des Kindes muß nun, wie ich bewiesen zu haben glaube,

die Brust der Mutter seyn. -- Aber hat das Kind wohl genug damit?

-- Auch hier sind die kultivirten Menschen wieder klüger als -- die

Natur! Sie glauben, der Säugling würde an den Brüsten seiner Mutter

verhüngern, wenn sie nicht durch ihre Weisheit -- das Pfuscherwerk des

Schöpfers verbesserten.

Das gesunde Kind hat mit den zwey Brüsten seiner gesunden Mutter die

ersten Monate vollkommen genug[63]. Es findet in der reinen Muttermilch

hinlängliche Nahrung. Man hat daher weiter nichts dabei zu künsteln

nöthig. Aus dieser Ursache gefällt mir der Rath von +Pinel+, den

ich übrigens, als einen der vorzüglichern Aerzte Frankreichs sehr hoch

schätze, gar nicht: die Kinder nämlich beim Säugen frisches Wasser

trinken zu lassen. Es soll bei denen, die mager werden, oder Anzeigen

schlechter Verdauung haben, das sicherste Mittel seyn, dieselbe in

Ordnung zu bringen, und die von der Milch überbleibenden Kruditäten

wegzuspühlen, dem Krampfhusten vorzubeugen, und die Entwöhnung zu

erleichtern. Er sagt, er gebe diesen Rath aus Erfahrung, man könne den

Kindern drey bis viermal des Tags Wasser geben; denn der Instinct lehre

sie so viel zu nehmen, als ihnen gut ist, und sie fänden bald Geschmack

daran. Allein Herr Pinel wird mich schwerlich überzeugen können, daß

kaltes Wasser einem Säuglinge gut bekommen könne, da die Natur so

absichtlich ihm seine Nahrung lauwarm gibt, und wie, wenn das Kind

gerade deswegen mager wird, weil die Milch seiner Mutter zu wässericht

ist? Nur in dem Falle, und mit der Einschränkung kann man, das Wasser,

und zwar als Arznei geben, wenn, wie es Hufeland that,[64] die

Muttermilch zu fett und zu schwer ist, und das Wasser vorher laulicht

gemacht wurde.

Nach einigen Monaten, wenn die Natur nach und nach anfängt, auf die

Hervorbringung der Zähne zu arbeiten, sehen wir, daß dem Kinde die

Milch der Mutter nicht hinlänglich ist. Die Natur will jetzt das Kind

vor und nach an andre Nahrung gewöhnen; damit das Abgewöhnen von der

mütterlichen Brust nicht auf einmal geschehe. Die beste Nahrung, die

man denn dem Kinde geben kann, ist: Milchzucker in warmem Wasser

aufgelöst, wozu etwas Satzmehl aus Kartoffeln[65], (es ist ganz

dasselbe, was der theurere Sago und Salep ist) geschüttet wird. Wie das

Kind älter und stärker wird, so setzt man mehr davon zu; man erhält

das Ganze eine halbe Stunde unter stetem Umrühren über dem Feuer, und

erhält so eine sehr nährende Gallerte. Nach einiger Zeit wechselt man

ab mit Fleischbrühsuppen, worin gut gebackenes Weizenbrod abgekocht

ist. -- Das sind Sachen, die den Uebergang von der Milch zu den übrigen

Nahrungsmitteln zu machen, vorzüglich geschickt sind. Gewöhnlich gibt

man aber den Kindern, und zwar bei uns von dem ersten Tage der Geburt

einen Brei aus Milch, Mehl und Zucker. Offenbar eine Mischung, die so

schädlich ist, als eine erdacht werden kann! Ungegohrne Mehlspeisen

sind sogar den Erwachsenen aus Gründen, die der Chimist und Phisiolog

kennt, äußerst schwer zu verdauen. Man kann sich nicht mit zu vielem

Eifer gegen diese abscheuliche Nahrung auflehnen.

Man mache den Versuch an sich selbst, esse nur so viel Mehlbrei, als

man einem Kinde auf zweimal einstreicht, und wenn man nicht gleich nach

dem ersten Mahle Drücken im Magen, saures Aufstoßen, und alle Zeichen

einer Unverdaulichkeit und Säure im Magen wahrnimmt, so fahre man nur

einige Tage mit dieser Kost fort -- und man wird denn hinlänglich

überzeugt seyn, daß dieser Brei in dem Magen sich in Sauerteig

verwandelt, und desto schneller bei Kindern sich verwandeln muß, je

schwächer ihr Magen ist und je schwächer ihre Verdauungskräfte sind.

Man sagt zwar, der Brei nährt viele Millionen Kinder; aber wie viele

tausend hat er schon getödtet? Vielleicht hat noch kein Gift so viele

Menschen plötzlich, oder nach und nach gemordet, als dieser Mehlbrei,

und er hat vielleicht allein mehr Kinder in den ersten Monaten

aufgerieben, als alle Kinderkrankheiten in der Folge! Wenn sich auch

seine Wirkungen nicht plötzlich äußern, wenn auch nicht alle Kinder,

welchen Mehlbrei eingestrichen wird, plötzlich sterben, was doch nicht

ganz selten sich ereignet; so legt er doch den Keim zu einem Heere

langwieriger Krankheiten. Wie konnte sich aber, sagt man, der Mehlbrei

so lange in den Kindsstuben erhalten, wenn er so schädlich ist? Man

darf nur die Faulheit und Nachlässigkeit der Ammen und mancher Mütter

kennen, um das zu begreifen. Ein Kind, dem man eine Portion dieses

Kleisters eingegeben hat, zumal wenn es des Abends geschieht, liegt

die Nacht über in einer Betäubung da, wie ein Erwachsener, der vor dem

Schlafengehen ein zu reichliches Nachtmal an unverdaulichen Speisen

hielt -- es währt lange, bis der Magen den zähen Kleister verdauet,

bis der Säugling wieder neuen Appetit bekömmt und nach Muttermilch

schreit; daher schläft die Amme ruhig die Nacht über fort, und erwacht

freudenvoll über die genossene Ruhe mit dem neuen Entschlusse, auch

künftigen Abend ein Stündchen Schlafes mit dem Leben und der Gesundheit

ihres Säuglings zu kaufen. Wie schnell mußte sich solch eine

Entdeckung unter dem Ammenvolke verbreiten! Und wie viel leichter wäre

es nicht, Alpen zu versetzen, als ein hirnloses Weib von dem Ungrunde

einer vorgefaßten Meinung zu überführen! Unglücklicher Weise macht

der Brei den Kindern dicke Bäuche, und da sich bei vielen Weibern der

Stolz sehr oft auf die Fettigkeit ihrer Kinder gründet: so dient dies

auch noch bei ihnen dem Brei zur Empfehlung; weil sie mit allem Eifer

bedacht sind, diese drolligte Leibesbeschaffenheit ihren Kindern zu

erzielen.

Aber wenn nun das Kind abgewöhnt ist, was soll es denn essen? Die Natur

gab andern Thieren den Instinct als die sichersten Leiter, die Sachen

zu finden, die ein Stück ihres Körpers ausmachen sollten. Wir sehen

das deutlich auf den oft abgefressenen Weiden, welche dem hungrigen

Thiere wenig Nahrung geben können; und doch stehen gewisse Pflanzen in

der schönsten Blüthe unangerührt da; weil sie ihnen nachtheilig sind.

Diesen Instinct hatten wir auch; denn die ersten Menschen würden todt

gehungert seyn, wenn sie durch die Erfahrung hätten lernen müssen,

was ihnen nachtheilig oder gut sey. Ein Knabe, der in einem Walde

gefangen worden, konnte alle gesunde Pflanzen von den schädlichen

unterscheiden; er verlor aber diese Eigenschaft, so bald er aß, wie

andere Menschen[66]. Das wäre uns gewiß am allergesündesten gewesen,

was uns am besten geschmeckt hätte, wenn wir nicht so sehr entartet

wären. Die Natur ermuntert uns ja immer durch Vergnügen zu dem, was

wir thun sollen, und warnt uns durch Schmerz für das, was wir nicht

thun sollen; läßt auch denn Vergnügen Schmerz werden, wenn wir ihre

sanfte Stimme nicht hören wollen. -- So haben wir nach vieler Bewegung

den besten Appetit; der Appetit wird nagender, schmerzhafter Hunger,

wenn wir ihn nicht stillen; der Appetit wird Sättigung, wenn wir genug

haben; er wird Eckel, wenn wir zu viel gegessen haben. In das, was uns

schadet, legte sie einen Abscheu.

Es liegt aber sehr viel daran, was wir essen, selbst in Rücksicht

auf unsre Moralität. Die von Pferdemilch lebenden Mysi sind die

gerechtesten Menschen. Die jetzigen Einwohner von Hindostan, die bloß

Vegetabilien genießen, sind sanfte, gute, leutselige Menschen[67]. Bloß

Fleisch essen macht wild, unbarmherzig, grausam. Die Menschenfresser

unter den Amerikanern[68] sind ungesellig, tiefsinnig u. s. w. Die

Tartarn, die Patagonen und einigermaßen unter uns die Fleischer

und Jäger bezeugen, daß Fleischessen wild macht[69]. Auch schadet

allzuvieles Fleischessen offenbar dem höhern Denkvermögen, es macht die

Phantasie üppig und ausschweifend; daher enthielt sich ihrer der größte

Mensch -- +Newton+, als er das Meisterstück der menschlichen Vernunft,

seine Theorie von dem Lichte und den Farben schrieb[70]. Vegetabilische

Diät macht die Leute gelind in ihren Handlungen, aber schwach und zu

großen Arbeiten untüchtig. Haller sah nach dem Gebrauche der Vipern

die größte Ungeduld entstehn[71]. Boerhaave kannte einen Mann, der

eine Zeitlang bloß Feldhühner aß, und dabei die Feinheit seiner Sitten

verlor.

Von dem Einflusse der Diät auf die Moralität scheinen die Alten schon

überzeugt gewesen zu seyn: Philopömen zwang die Spartaner, die Manier

ihre Kinder zu nähren, aufzugeben; weil er wohl wußte (sagt Plutarch),

daß sie sonst immer eine große Seele und ein erhabenes Herz hätten.

Pausanias ließ nach der Schlacht bei Platäa seinen Offizieren eine

persische und eine spartanische Mahlzeit zurichten, und sagte ihnen:

seht die Thorheit der Medischen Anführer, die solcher Mahlzeiten

gewohnt sind, und dennoch geglaubt haben, sie könnten uns überwinden.

Wir hätten vielleicht eine ziemliche Leichtigkeit, nicht bloß die

verschiednen Nazionalcharactere anzugeben, sondern selbst die

Charactere jeder einzelnen Individuen zu kennen, mit denen wir umgehen;

wenn wir eine genaue Sammlung ihrer Küchenzettel hätten[72]. Gehörig

beschränkt, ist also viel wahres an dem Satze, den schon +des Cartes+

behauptete, daß man die Mittel zur Verbesserung des menschlichen

Geistes und Herzens in der Arzneikunde (und ich möchte hinzusetzen)

auch +in der Küche+ suchen müßte. Dächten hieran die Leute, die

manchmal unsere Sitten richten wollen, und den physischen Menschen gar

nicht kennen; so würden sie vermuthlich einem Manne oft sein Genie oder

seine Geistesschwäche, seine Moralität oder Immoralität nicht so hoch

anrechnen, als sie es gewöhnlich thun, und um so mehr thun; je mehr sie

von der Organisation desjenigen, von dem sie urtheilen, abstehen.

Daß der Natur unendlich viel daran lag, uns die Sachen recht auswählen

zu lassen, welche wir essen, sehen wir vorzüglich, wenn wir den Sinn

des Geschmacks recht betrachten. Wie empfänglich ist der nicht für

jeden Eindruck! Fast alles schmeckt! Aber es ist schwer anzugeben,

was uns denn zur Speise angewiesen ist, was uns eigentlich am

zuträglichsten seyn mag, da wir durch unsere Kultur den Instinct in dem

Punkte ganz eingebüßt haben.

Höchstwahrscheinlich ist der Mensch zur Obstnahrung bestimmt; das

beweist die Einrichtung seiner Verdauungswerkzeuge, die der Verwandlung

der Obstspeisen durchaus angemessen ist. Seine Vorderzähne schaben

den Bissen vom Obste; seine Hundszähne, die beinahe eine nicht

größere Aehnlichkeit mit den Hundszähnen der Fleischfressenden Thiere

haben, als die menschlichen Finger mit den Klauen derselben, dienen,

die Schalen der Nüsse zu öffnen; seine Backenzähne zermalmen den

Bissen. Die Gedärme des Menschen sind für Fleischspeisen zu lang, für

Vegetabilien zu kurz. Sein Magen kann keine Kornfrüchte zermalmen;

sonst wäre er fleischigter. Dabei gewährt das reife Obst unserer

Zunge einen überaus angenehmen Geschmack; ein Vorzug, den schon

Hippocrates[73] einer Speise sehr hoch anrechnet. Allein der Schöpfer

wollte den Menschen über die ganze bewohnbare Erde verbreiten, und

deswegen mußte er seine Natur seinem Wohnplatze anpassen. Daher ißt der

Nordländer Fleisch; denn sein Land trägt ihm nicht Obst genug, auch

könnte er damit in seinem kalten Himmelsstriche nicht gesund bleiben:

in wärmern Gegenden ißt der Mensch des Fleisches weniger, und lebt

wieder mehr von Vegetabilien. In ganz Ostindien, in Japan, in China ißt

man wenig Fleisch, noch weniger in Aegypten. Der Reiß, einige Gewächse

und Butter sind die gewöhnliche Speise der Einwohner von Bengalen. Auch

ist es Sache der Erfahrung, daß ganze Menschenklassen sich einzig von

vegetabilischer Nahrung ernähren[74], so wie andre bloß von Fleisch,

und dabei sehr gesund bleiben.

Ueberall modifizirte die Natur den Instinct des Menschen nach den

Umständen, so daß er jedem Himmelsstriche mit kühner Stirne trotzt,

und sich an jede Speise gewöhnen kann. Aber wir Europäer haben wir

nicht die Diät aller Völker bei uns vereint? Wahrlich der Europäer ist

das gefräßigste Thier auf Erden[75]! Er ißt alle Arten von Fleisch,

Fischen, Schalthieren, Vögeln, Wurzeln, Früchten, Kräutern etc.

etc. Wir lachen, daß des Grönländers Lieblingsspeise halb verfaulte

Stockfischschwänze sind, daß der Hottentote zum Götteressen faulende

Därme hat, und wir essen -- Schnepfendreck, und faulendes Wildbret.

-- Wir haben auf unserm Tische die Kirschen des schwarzen Meeres,

die Spargel aus Siberien, die Aprikosen, Birnen, Aepfel und Pflaumen

entfernter Gegenden, die Kartoffeln aus Amerika, das Korn und den Kohl

und tausend andre Sachen, deren Vaterland unbekannt ist[76]. Selbst

der Weinstock, den wir zu manchem Zwecke brauchen, und wohl noch öfter

mißbrauchen, ist fremd: denn in unsern Wäldern war nichts, als einige

Beerenstauden und Aepfel, welche wir zu essen verlernt haben. Ist es

also wohl noch zu verwundern, daß wir keinen Instinct mehr haben? Wir

haben ja (wie mein Freund Herr Hofrath Roose[77] sagt) lange aufgehört

Menschen zu seyn -- um Staatsbürger zu werden.

So wie die Natur die Judenknaben mit einer kleinern Vorhaut zur Welt

kommen läßt; wie sie den Kindern derjenigen Völker, die manche Glieder

ihrer Neugebornen mehrere Generationen hindurch verzerren, endlich von

selbst die beliebte Form gibt, so wurde sie (möchte ich sagen) endlich

müde, uns ihre Winke zu geben. -- Dazu kömmt noch, daß in manchen

Ländern Bevölkerungs-Principien herrschen, die allenfalls (und doch

nur mit der größten Einschränkung) bei einem Gestüte gut seyn könnten;

aber zur Degeneration der Menschen nicht wenig beitragen. Man glaubt

nämlich oft, nicht genug Leute auf einem Flecke anhäufen zu können,

ohne sich darum zu bekümmern, ob sie sich auch gesund und gut da nähren

können. Nothgedrungen muß denn der Mensch Nahrung genießen, welche mit

seiner Natur gar nicht zusammenstimmt; und so degenerirt denn auch die

unterste Klasse ganz zu dem Grade der Kultur, den die höhern Stände

schon lange acquirirt haben.

Und was haben wir an der Stelle des Instincts? -- Bücher der Diätetik,

welche kein Thier, auch nicht der Barbar bedarf, und welche sich nicht

selten auf jedem Blatte widersprechen.

Was sollen wir aber thun, um aus diesem Labyrinthe zu kommen? -- Wir

sollen unsre Kinder an einfache Speisen gewöhnen. Die einfachsten

Speisen bekommen ihnen am beßten. Für Milch, Brod, Wasser, u. s. w.

eckelt's keinem Kinde auf der Erde: unsere Bauernkinder sind kräftige

Zeugnisse, wie gesund die Kinder bei dieser Diät werden. Auch selbst

der Geschmack der städtischen Kinder geht immer noch nach den einfachen

Speisen. Unsre Ragouts und andere beliebte Gerichte lieben sie nicht;

diese macht ihnen erst Gewohnheit angenehm.

Milch, Brod, Obst soll eigentlich die Hauptnahrung der Kinder seyn,

und in dem Maaße, als sie älter werden, gebe man ihnen allgemach öfter

Fleisch. Ihr Getränk sey -- wenn sie gesund sind, Wasser. Kinder mögen

auch anfänglich weder Wein noch Bier u. s. w.[78].

Aber wann und wie viel soll das Kind des Tags essen? Man soll ihm nicht

zu wenig geben; da es nicht bloß zu seinem Ernähren, sondern auch zum

Wachsen essen muß. Wenn das Kind also noch nicht selbst fordern kann;

so gebe man Achtung, daß man ihm immer zu bestimmten Zeiten so lange

gebe, als es mit Lust und Appetit die Speisen zu sich nimmt. Meistens

fallen hier Mütter in entgegengesetzte Extreme. So wie einige, aus

Furcht ihren Kindern zu schaden, ihnen viel zu wenig geben, so geben

ihnen andere beinahe jeden Augenblick zu essen, und stopfen sie, wie

die Gänse: daher Atrophie, Verstopfungen im Gekröse und ein ganzes

Heer von Uebeln. Unzer[79] beschreibt diesen unter der gemeinen Klasse

häufigen Fall mit seiner gewöhnlichen Laune: „Ein junges Kind muß doch

essen, sagt er, man gibt ihm fleißig Brei, Semmel, weißes Brod, und

lauter trockene oder zähe Speisen, die gut vorhalten. Dies geschieht

des Tages vier bis sechsmal, wo nicht gar unaufhörlich: denn das Kind

kann doch unmöglich hungern. Was ereignet sich? Das Kind wird elend und

mager, und frißt täglich ärger. Was soll man thun, um es wieder gesund

zu machen? Man gibt ihm täglich mehr zu essen; denn davon schweigt es,

und bekömmt Kräfte. Sein Leib wird hoch und hart. Das Brod scheint

anzuschlagen. Allein der ganze übrige Leib wird dürre, wie ein Stecken.

Das Kind muß also doch wohl noch nicht Nahrung genug haben. Man nährt

es besser, und es verzehrt sich und stirbt. Niemand bedauert, daß er es

todt gefüttert habe. Wie sollte dieses auch möglich seyn? Es konnte ja

nie satt werden?“

Versuch über die physische Erziehung der Kinder · 第 4 / 10 段