aber nicht bloß der Wärme wegen, sondern auch um dem Instincte Genüge
zu leisten, den bei säugenden Thieren, und auch bei Menschen Mutter
und Säugling haben, dicht beisammen zu seyn. Man lege es aber mit der
Vorsicht ins Bett, daß es unter die kleine Sicherheitsmaschine kömmt,
die so wenig zusammen gesetzt ist, daß sie der ärmste Tagelöhner für
seine Kinder selbst machen kann. Die Italiener nennen sie _Arcuccio_.
Man läuft dabei gar nicht Gefahr die Kinder zu erdrücken, was man oft
genug hört, und was sicher viel öfter geschieht, als man es hört. Diese
Maschine ist einfach und bequem[44], und besteht aus vier kleinen
Brettern, und einer eisernen Stange. Es ist eine Art einer kleinen
Bettstelle, woran aber kein Boden und Fußbrett ist, und worüber
anstatt des Himmels nur ein schmales Brett liegt. Bei dieser kleinen
Einrichtung kann das Kind bequem schlafen, und trinken, ohne alle
Gefahr gedruckt, oder von den Decken erstickt zu werden. Am Kopfe ist
ein Brett aufgerichtet, das unten 14 Zoll breit, 13 Zoll hoch, und
oben halbzirkelförmig abgerundet ist; an diesem wird unten an jeder
Seite ein langes, schmales Brett der Länge nach eingefügt. Diese sind
am Kopfe 7, gegen die Füße 4½ Zoll hoch, und 3 Fuß und 2 Zoll lang.
Ein andres Brett, das anstatt des Himmels dient, wird der Länge nach
oben am Kopfbrette, wo es am höchsten ist, eingefügt, und noch an den
Füßen durch einen eisernen Bogen unterstützt, dessen beide Enden an
den Seitenbrettern einige Zoll vor ihrem Ende befestigt sind. Oben an
den Seitenbrettern, etwa 4-5 Zoll von ihrer Befestigung am Kopfbrette,
sind halbmondförmige Einschnitte angebracht zur bequemen Darreichung
der Brüste. Wird nun ein Säugling in das Bette gelegt, so setzt man
das Gitterwerk darüber, und deckt es, so viel als nöthig ist, zu. --
Der Nutzen des Deckelbrettes besteht darin, daß es die Betten über
dem Kinde in die Höhe hält, und der Mutter, oder Amme den Vortheil
verschafft, sich ohne Gefahr mit dem Arme darauf legen zu können.
Wenn die Mutter aus dem Wochenbette ist, kann man dem Kinde seine
eigne Bettstelle geben, und diese kann -- eine Wiege seyn. Müller hat
ganz Recht[45], daß er behauptet, die Wiege ist nicht schädlich, wenn
man sie gelind braucht. Es wird allerdings viel, und zwar von Aerzten
von Bedeutung dagegen gesprochen. Unzer sagt: ein heftiges Wiegen
kann Schwindel, Zittern, Erbrechen erregen. Mehrere behaupten: Kinder
schlafen eben so sanft in unbeweglichen Bettstellen, und sicherer.
Ballexerde fürchtet viel von der Wiege: „wieget eure Kinder nie (sagt
er) um sie zum schlafen zu bringen: denn es ist eine üble Gewohnheit,
die böse Wirkungen in ihrem noch zarten Gehirne zuwege bringen kann;
sie kommen nur deswegen in Schlaf, weil sie betäubt werden.“ Nach
Hooper's[46] Versicherung soll das Schütteln, und Schwenken der
Kinder, und das Schlafen derselben mit herabhängendem Kopfe auf dem
Schooße der Wärterinnen, viel zur Entstehung des Wasserkopfs beitragen.
Allein das alles paßt nur einigermaßen auf den Mißbrauch der Wiege; der
kann ohne Widerspruch viel Unheil bringen. Dadurch können Erbrechen,
Magenweh, Gefühllosigkeit, Schwindel, u. s. w. entstehen. Wer will aber
wohl den Gebrauch einer Sache deswegen ganz verbieten, weil man sie
mißbrauchen kann? Benimmt es der China, dem Opium, dem Quecksilber etc.
etwas an ihren Verdiensten, daß Unwissende sehr oft damit morden? Mir
scheint es, daß ein vernünftiger Gebrauch der Wiege viel gutes hat.
Durch die gelinde Erschütterung des Körpers erhält derselbe Stärke und
Festigkeit; durch das damit verbundene Wehen der Luft werden die Lungen
kräftiger und stärker ausgedehnt, und die mannichfaltigen Säfte durch
das vollere, tiefere Luftschöpfen und Athemholen in den äußersten Enden
der Schlagadern erschüttert, und zur Bewegung gezwungen[47].
Ich habe oft bemerkt, daß ein gelindes Schütteln das Kind kleine
Ungemächlichkeiten vergessen macht. Man schüttelt auch ja die Kinder
durch Instinct auf dem Arme, wenn man sie ruhig haben will. Dabei ist
der Gebrauch der Wiege in der alten und neuen Welt sehr ausgebreitet;
das beweist, wie ich glaube, zum Theil mit das Instinctartige davon.
Die Nordamerikanischen Völker binden fast durchgehends ihre Säuglinge
in Felle gewickelt auf ein Brettchen fest, welches ihnen zugleich als
Wiege dient. So tragen sie es auf dem Rücken, und wissen das Kind,
wenn es schreit, sehr bald durch Schütteln zum Schweigen zu bringen;
in der Hütte, oder im Walde hängen sie es daher zu diesem Zwecke auf.
-- Das sind die Gründe, die mich bestimmen, den Gebrauch der Wiege zu
empfehlen. Nur warne ich dabei, daß man weder Kinder zum Wiegen andrer
Kinder brauche, noch mürrische Wärterinnen, die oft aus Ungeduld zu
stark wiegen, um die Kinder zum Schlafen zu zwingen.
Man gebe in der ersten Lebens-Periode des Kindes wohl acht, keinem
seiner Glieder, die so weich sind, zu schaden. Gleich von der Geburt
an bis in das späte Alter sieht man zum Nachtheile des körperlichen
Baues manche gefährliche Irrthümer begehen. Vorzüglich ist das der Fall
mit dem Kopfe, der durch seine besondere Struktur, und Fontanellen
am ehesten Schaden nehmen kann: denn der ist mit beweglichen, und
durch Haut schlaff verbundenen Knochen von der Natur versehen,
damit er beim Durchgang durch das enge Becken nachgeben, besser
und bequemer in eine länglicht runde Figur gebracht, und durch die
Zusammenziehungskraft der Gebärmutter fortgetrieben werden könne.
So bald das Kind geboren ist, drücken die Hebammen oft seinen meistens
länglichten Kopf zwischen ihren Händen, um ihn rund zu bilden, ohne zu
wissen, daß die Natur dem Kopfe nach und nach (vorzüglich durch das
Schreien des Kindes, indem dadurch die Kopfknochen auseinander weichen)
die beste und schönste Gestalt wieder gibt. Geschieht dieser Druck
ungestümm und unvorsichtig; dann wird das zarte, breiartige Gehirn des
Kindes gedruckt, und die Folgen sind oft Blödsinnigkeit, Mangel des
Gedächtnisses, u. s. w. Dieser Umstand veranlaßt bei ganzen Nationen
Verstandesschwäche; vorzüglich bey denen, die es hierin ein wenig arg
machen. So pressen die Karaiben z. B. den Kopf ihrer Kinder zwischen
zwey Brettern so lange, bis ihnen die Augäpfel bersten wollen, und
ein weißer zäher Schleim aus der Nase quillt. Die Indianerinnen um
Süd-Karolina herum bis nach Neu-Mexiko sind sehr ängstlich besorgt, daß
ihre Kinder mit den Füßen auf einem Wiegen-Brette wenigstens um einen
Fuß höher hangen, als mit dem Kopfe, der durch die Last des übrigen
ganz unbeweglich befestigten Körpers gegen einen derb ausgestopften
Sandsack gepreßt wird, um dem Kinde einen flachen, breiten Scheitel,
und eine niedere Stirn zu verschaffen, welche bei ihnen für das _Non
plus ultra_ der Schönheit gehalten wird. Was diesen sorgfältigen
Müttern in Rücksicht der Breite bei ihren Kindern so wohl gefällt, das
gefiel in den beiden vorletzten Jahrhunderten und noch im Anfange des
verflossenen, selbst unsern Landsmänninnen in der Länge. Die deutschen,
französischen, niederländischen Damen ließen ihren Mädchen auch die
Presse aufs niedlichste angedeihen, damit ihnen dereinst die Fontange
desto stattlicher sitzen möchte. -- So viel ist sicher, wenn unsre
Hebammen zu pressen fortfahren; dann sind allerdings die Karaiben weit
glücklicher, als wir[48], die wir von außen, und von innen zugleich
gepreßt werden.
Ein Hauptumstand, den man in diesem Alter beständig vor Augen haben
muß, ist die Reinlichkeit. Der Einfluß der Sauberkeit auf Gesundheit,
und Ruhe des Kindes, auf sein Wachsthum, und seine Zunahme ist
auffallend groß. Die Thiere sorgen mit der größten Sorgfalt dafür,
daß die Lagerstätte ihrer Jungen nicht mit Unrath verunreinigt werde;
und gewiß nicht selten ist es der Fall, daß aus vernachlässigter
Reinlichkeit Kinder der ärmern Klasse in Städten oft elend aussehen;
daß sie der englischen Krankheit, und vielen andern Nebeln mehr
unterworfen sind, als Kinder wohlhabender Leute. Man sieht ja oft
auf der Stelle Kinder ruhig werden, welche vorher durch ihre Unruhe,
schreien und stampfen, das ganze Haus ihrer Gesundheit wegen besorgt
machten, wenn man sie säubert, und trocken legt. Ueberhaupt ist
Reinlichkeit, öfteres Wechseln der Wäsche in jeder Periode des Lebens,
und vorzüglich in dieser für den Körper äußerst zuträglich. Von
205 Kindern, sagt Camper, die von 1761 bis 1770 in das Armenhaus zu
Amsterdam als Findlinge eingebracht wurden, waren den letzten Dezember
1780 noch 36 übrig, also ohngefähr ein Sechstel[49]. Von 1771 bis 1780
sind von 831 eingebrachten Kindern 547 gestorben, und 284 waren noch
am Leben. Es sind also von hundert ohngefähr 30 erhalten worden. Die
Erhaltung dieser mehrern Kinder kann man nicht anders, als dem öftern
Wechsel des Leinenzeugs, der bessern Behandlung und Nahrung zuschreiben.
Ein Kind dünstet weit mehr aus, und die Wäsche wird folglich weit
eher unbrauchbar, als bei einem Erwachsenen, und dennoch ist man in
diesem Punkte unverzeihlich nachlässig. -- Ein jeder, der es kann,
sollte seinem Kinde alle tage weiße, trockne Wäsche geben: Man wird ihm
dadurch wahrlich ein größeres und wesentlicheres Kapital an Gesundheit
und Kräften geben, als wenn man ihm durch solche übelangebrachte
Oekonomie noch so viel Geld zurückläßt;[50] und es ist eine Erfahrung
mehrerer Aerzte, daß Kinder von der anfangenden englischen Krankheit
bloß dadurch geheilt wurden, daß man sie reinlicher hielt, und öftere
reine, trockne Wäsche gab.
Die Sauberkeit muß sich auf alles erstrecken, was das Kind umgibt. Es
wird Reinlichkeit der Leinengeräthe, der Betten, der Kleidungsstücke u.
s. w. erfordert. Die zurückgebliebenen Unreinigkeiten sind Schuld an
einem ganzen Heere lästiger Hautkrankheiten. Bei den Thieren behauptet
auch in diesem Stücke die Natur ihre Rechte; denn die Mehresten
reinigen ihre Jungen durch fleißiges Lecken. --
Vorzüglich aber verdient auch die Luft unsere Aufmerksamkeit. Wahrlich
es ist eins der größten Verdienste unsres Zeitalters, die Luft in ihre
Bestandtheile zerlegt zu haben! Bekanntlich ist sie um die Ehre ein
Element zu seyn von den Chemikern gebracht worden, aber dafür haben
diese die Aerzte so mit ihrem Einflusse auf unsren Organismus bekannt
gemacht, daß jezt die Physiologie ein ganz andres Ansehen erhalten hat.
An der Luft ist nun außerordentlich viel in Rücksicht auf unsre
Gesundheit gelegen, und in den Kinderstuben kömmt gerade eine große
Menge von Umständen zusammen, die ihr schon einzeln in hohem Grade
nachtheilige Eigenschaften ertheilen. Die Dünste der nassen Wäsche,
der Windeln, die Kohlen in den Wärm-Körben, die Oehldämpfe von den
Nachtlichtern, und mehrere athmende Menschen verpesten die Luft in
diesen, meist engen, Zimmern bald; dabei muß nun die große Hitze, mit
der gemeinlich ein mit Vorsatz vernachläßigter Luftzug verbunden ist,
mit in Anschlag gebracht werden, und denn ist es leicht zu erklären;
woher es kömmt, daß die Hautgefäße nicht gleichförmig ausdünsten,
sondern bald in Schweiß zerfließen, und daß die Haut nicht selten mit
einem beständigem Ausschlage verunreiniget ist. --
Daß aber wirklich eingeschloßne Luft, vorzüglich die, in welcher
mehrere Menschen athmen, sehr schädlich sey, davon sind einige
auffallende Beispiele so bekannt, daß ich sie kaum zu erwähnen brauche.
Wer kennt nicht die grausenvolle Geschichte der sogenannten schwarzen
Höhle? (So nennt man in England das Gefängniß, wo im Brachmonate
1756 der Unterkönig von Bengalen hundert fünf und vierzig Männer,
und ein Frauenzimmer im Fort Wilhelm zu Calcutta einsperren ließ) es
war achtzehn Fuß lang, und eben so breit, dabei stark vermauert, und
hatte gegen die Westseite zwey sehr vergitterte Fenster. Die
Einsperrung dauerte vom Abend bis ein Viertel nach Sechs den andern
Morgen, und da lebten nur noch drey und zwanzig. Die übrigen waren
unter den schrecklichsten Quaalen und Beängstigungen gestorben[51].
Der schwarze Gerichtstag in Oxford 1577 ist eben so bekannt. Alle
gegenwärtige Richter, und fast alle andre Personen, drey hundert an
der Zahl, starben plötzlich[52]. Man hat auch mehrere Beispiele, daß
heftige Konvulsionen unter den Kindern entstanden, die eine Nacht in
einer zu fest verschloßnen Stube zubrachten[53]. Der große Britte Hr.
Howard erzählt, daß im Zuchthause zu Cambridgetown im Frühjahre 1779
siebenzig Weiber des Tages über im Arbeitszimmer, und auch einige des
Nachts beisammen waren, wo doch weder Kamin, noch Kloake war. Dadurch
entstand ein äußerst beleidigender Geruch, und ein Fieber unter ihnen.
Man ließ sie endlich los; aber zwey oder drey starben in wenig Tagen.
+Mead+ sagt, eine eingeschloßne mit Dünsten angefüllte, und durch
Unrath von thierischen Körpern verdorbne Luft kömmt der ursprünglichen
Pest sehr nahe[54]. Daß Kohlendampf sehr nachtheilig sey, davon erlebt
fast jeder Beispiele: brennende Kohlen haben in leicht verschlossenen
Zimmern durch die sich dabei erzeugende Kohlensäure viele Menschen
getödtet[55].
Die Luft erhält in einem geschlossenen Raume, in welchem sehr viele
Menschen lange gedrängt beisammen verweilen, und wo viele Lichter
brennen, dadurch, daß der Antheil der Luft an Sauerstoffgas gegen die
übrigen Bestandtheile sehr vermindert wird, ungemeine reizende Gewalt,
und kann daher in sehr erregbaren Individuen, wie Kinder sind, leicht
alle Lebensthätigkeit tilgen.
Ohne Rücksicht auf den Grad ihrer Güte wirkt auch dieselbe Luft in
Absicht ihrer Temperatur, und ihrer Trockenheit, oder Feuchtigkeit
sehr verschieden auf unsren Organismus; so ist die atmosphärische
Luft um so schwächer erregend, je kälter sie ist, kalte Luft ist
daher dem Kinde vorzüglich nachtheilig, wenn sie zugleich reich an
Sauerstoff ist, oder, wie man im gemeinen Leben sagt, wenn sie sehr
rein ist, oder vollends zugleich viele Wasserdünste enthält, wie
bei neblichtem, regnerischem Wetter. Umgekehrt wirkt die Atmosphäre
um so stärker erregend auf den Organismus, je höher der Grad ihrer
Temperatur ist; sie kann also, wenn sie einen sehr hohen Grad von
Wärme erreicht, zu enorm erregend wirken, folglich die Erregbarkeit
ungemein vermindern, oder gänzlich tilgen, und dadurch als weniger,
oder mehr enorme inzitirende Schädlichkeit wirken. Zu große Wärme der
Luft ist aber um so nachtheiliger, wenn sie sehr reich an Stick-,
Kohlensaurem-, und Wasserstoffgas ist, da diese unter die stärksten
positiven Thätigkeiten der Natur gehören. Daher ist Batavia im Sommer
so ungesund; daher ist auf dem festen Lande von Asien die äußerst heiße
und feuchte Luft von Bander-Abaßi so berüchtigt. Fremde sterben da in
kurzer Zeit, und die Einwohner sehen wie Leichen aus. Sie flüchten in
der gefährlichsten Zeit auf die Gebirge. Diese Luft ist die Ursache der
schrecklichen Mortalität in Jamaica; sie ist Schuld, daß in Portobello
die gefährlichsten Krankheiten herrschen, daß daselbst die Wöchnerinnen
fast ohne Ausnahme sterben, und daß selbst Stuten, Kühe, Hühner etc.
da unfruchtbar sind. Ein künstliches Jamaica sah ich sehr oft in den
Kinderstuben durch die schöpferischen Hände der Wärterinnen entstehen,
wenn sie (vorzüglich in Findlingshäusern) bei der größten Ofenhitze
und bei ganz eingeschlossener Luft Windeln trockneten, und dadurch
noch gleichsam einen Dunstkreis von allerhand Gerüchen durch das ganze
Zimmer verbreiteten; hier sind also Wärme, und äußerstes Verderben der
Luft sinnreich vereinigt! Der Erfolg übertraf gewöhnlich die Erwartung:
die Kinder verließen Schaarenweis dies Jammerthal, um sehr bald an den
ewigen Freuden Theil zu nehmen.
Ich rathe zu den Kinderstuben bloß große, helle, nicht feuchte Zimmer
zu wählen, nie zu warm darin zu heizen, nichts darin zu trocknen,
keine Kohlenbecken im Zimmer zu haben, und nicht mehrere Menschen in
der Kinderstube wohnen und schlafen zu lassen; sondern im Gegentheile
halte ich für wesentlich nöthig, die Sauberkeit hier in allen Theilen
auf das pünktlichste in Acht zu nehmen: Man öffne oft die Fenster,
um die Luft zu erneuern, doch nicht zu oft, wenn das Kind sehr
schwächlich ist; eine nicht zu reine Luft bekömmt solchen am besten, da
+Sauerstoff+ als negative Thätigkeit in der Natur existirt, und
also der Organismus in der an Sauerstoffgas reichen Luft erregbarer
wird. Man stelle nie Blumen in die Zimmer: auch soll man bei Nacht kein
Licht in den Kindszimmern brennen; denn das ist eben so gut, als einen
Schlafgesellen mehr haben.
Ich will aber mit allen diesem gar nicht, verstanden haben, daß man
die Kinder ängstlich für jede Veränderung der Luft verwahren soll. Im
Gegentheil so bald die ersten zwei Monate vorüber sind, (worin man sie
im Hause an die Luft zu gewöhnen sucht) muß man keinen Tag mehr vorbei
gehen lassen, ohne ihnen den Genuß der freien Luft zu gewähren; denn
wer kann in unsern Zeiten wohl noch zweifeln, daß sie dem Kinde eben
so unentbehrlich ist, als Essen und Trinken? Dabei ist es eine durch
Erfahrung hinlänglich bewährte Thatsache, daß Zimmerluft, wenn sie auch
gut ist, nie das Belebende hat, was die freie Luft in so hohem Grade
besitzt, wenn die wohlthätigen Stralen der Sonne damit verbunden sind.
Dieser frühzeitige, tägliche Gebrauch ist zugleich das wahre Mittel,
das Kind allmählig an rauhe, unfreundliche Luft und jede Veränderung
der Witterung zu gewöhnen, der es sich doch in der Zukunft so oft wird
aussetzen müssen, wenn es nicht zum arkadischen Schäfer bestimmt ist.
Hiedurch wird es in den glücklichen Zustand gesetzt werden, eben so gut
unter Islands Eisschollen (wie Rousseau sagt) als auf dem glühenden
Felsen von Malta zu leben. ----
Kinder müssen in den ersten Zeiten ihres Lebens viel getragen werden,
und dabei ist manches zu beobachten nöthig. Gemeinlich sitzen die
Kinder in dem Gelenke der Tragenden zwischen dem Ober- und Vorderarm;
dadurch wird das weiche, zarte Becken zusammen gepreßt. Das muß
natürlich sehr nachtheilig, besonders für Mädchen seyn. Auf solche
Weise sitzen sie immer mit der einen Hälfte des Beckens höher, woraus
eine schiefe Richtung desselben entsteht. Dies kann man leicht sehen,
wenn man nur Acht gibt; denn der eine Fuß hängt immer länger herunter,
als der andre. Eben so schädlich ist es, wenn das Kind den Arm um den
Hals der Trägerin schlägt. Es fühlt zwar eine gewisse Gemächlichkeit
dabei; aber auf solche Weise wird das Schlüsselbein, das Schulterblatt,
und die eine Seite der Brust erhöht, wodurch also der ganze Leib des
Kindes, zumalen bei anhaltender Gewohnheit, schief und krumm werden
muß; daher ist es am besten, das Kind auf dem Vorderarm, und immer
abwechselnd auf dem einen, und dem andren tragen zu lassen.
Es wäre sehr zu wünschen, daß die schändliche Gewohnheit aufhören
möchte, die bei uns so üblich ist, nämlich den Kindern beständig einen
Knebel in den Mund zu geben. Er besteht aus einem Stück Weizen- oder
Zuckerbrod, das man in Leinwand gebunden, und kömmt unter dem Namen
+Lutscher+ vor. Mehrere Kinder haben ihn Tag und Nacht im Munde, und
machen selbst im Schlafe mit den Lippen die Bewegung, als wenn sie
daran säugten. Er soll die Kinder ruhig machen! Er ist es, der sehr
dazu beiträgt, dem Kinde Ursachen zur Unruhe zu geben, indem er eine
gute Dosis Säure und Winde im Magen erzeugt. Er macht dabei die Kinder
beständig geifern, und dadurch unter dem Halse feucht, naß und wund.
Er macht Verunstaltungen am Munde, und an den Lippen, und selbst das
Zahnen wird durch ihn beschwerlicher, indem das Zahnfleisch durch den
beständigen Druck des Lutschers hart und fest wird.
Wichtiger, als man auf den ersten Blick glauben sollte, ist es auch für
die Gesundheit der Kinder, wenn die schmutzige Sitte abgestellt würde,
daß sie jeder, der in die Stube tritt, küßt. Vorzüglich beobachten
alte Matronen diese Mode sehr genau. Nicht blos ekelhaft, sondern auch
gefährlich ist das. Oft und sehr schnell steckt ein Kuß an; da die
lymphatischen Gefäße an den Lippen häufig und geschwind resorbiren, und
ein großer Theil Menschen von der Lustseuche angesteckt ist[56].
Das alte französische Sprichwort: _En baisant on ébois le sang_
-- Küsse saugen das Blut aus -- hat einen guten Grund; zumal wenn
schwindsüchtige alte Weiber mit ihrem giftigen Speichel und faulen
Athem die Rosenlippen des Kindes vergiften. Man lasse daher sein Kind,
so wenig, als möglich küssen, oder wenn es doch geküßt seyn muß, auf
die Wangen.
Vom Schlafen.
Unverkennbar ist es die Absicht der Natur, daß das Kind um desto
länger schlafe, je jünger es ist. Das noch im Mutterleibe befindliche
Kind scheint beständig zu schlafen, weil es noch gleichsam vegetirt,
und durch die Sinne bis jezt noch keine Vorstellungen bekömmt. Es
schläft daher auch noch größten Theils, wenn es auf die Welt gekommen
ist, und bei diesem Schlafe befindet es sich wohl, und in Ermanglung
desselben übel. So wie der Körper stärker wird u. s. w. so nimmt der
Schlaf allmählig ab. Man muß daher diesen Wink der Natur nie aus dem
Auge lassen, und den Kindern am Schlafe etwas abbrechen: denn der ist
ihnen zu einem wesentlichen Theile der Nahrung angewiesen. So oft das
Kind Bedürfniß des Schlafes fühlt, muß man ihm Ruhe vergönnen. Ein
neugebornes Kind schläft fast beständig fort; ältere ist es rathsam
an gewisse Stunden zu gewöhnen, und besonders Nachts schlafend zu
erhalten. Lächerlich ist es, durch Schreien, Drohungen, schreckende
Bilder u. s. w. Kinder zum Schlafe zwingen zu wollen.
Gewöhnlich pflegt man sie in Federbetten einzugraben. Dies macht
ihnen Beängstigung, und nöthigt sie zum Schwitzen. Weit zuträglicher
ist es statt der mit Federn angefüllten Betten ihnen eine leichte,
abgenähte Decke zu geben, die den Körper gar nicht genirt, und worin
das Kind nicht zu warm wird: ihr Bett, so wie die Kissen sollen bloß
mit weichgeklopftem, zartem Haferspreu gefüllt seyn; denn diese haben
den Vortheil, daß die Feuchtigkeiten hindurch gehen, und also das Bett
immer trocken ist; auch lassen sie sich sehr leicht von Zeit zu Zeit
erneuern. Nur im Winter, oder wenn das Kind schwächlich ist, kann man
eine leichte Federdecke erlauben, und doch nur so lang, bis die Kälte
gelinder, oder das Kind stärker wird. In Rücksicht der Lage ist zu
merken: daß die Kinder etwas erhaben mit dem Kopfe liegen müssen, weil
bei einer horizontalen, oder auch mehr rückwärts gehenden Lage das
Blut mit einer größern Gewalt nach dem noch so sehr weichen Gehirne
strömt, und deswegen schädlich wird, was besonders +Lower+ von den
Kindern, die beständig mit konvulsivischen Krankheiten geplagt sind,
anmerkt.
Man soll die Kinder hüten, bei kränklichen oder bei Alten im Bette
zu schlafen. Das ist der Fall zwar sehr oft, daß aus übertriebener
Zärtlichkeit und Sorgfalt alte Großältern, oder Mägde die Kinder bei
sich im Bette haben; allein dies kann nur zum größten Nachtheile
des Kindes geschehen. Müller sagt: „Aus dieser einzigen Ursache hat
man Kinder täglich abnehmen und in Auszehrung verfallen gesehen.“
Es ist hier eine natürliche Transfusion. Sie liegen beide in einem
animalischen Dampfbade, woraus dann jeder seine Portion wieder
einsaugt. Natürlich muß das um so vortheilhafter für den Alten seyn,
je nachtheiliger es dem Kinde ist. Das kannten schon die Römer:
+Kornelius Agrippa+ erzählt, daß die Aerzte seiner Zeit viel von
Erwärmung des schönen Geschlechts erwarteten. Selbst Galen, der von
einem alten Manne wegen seiner Abnahme an Kräften befragt wurde,
wollte, daß er bei einem Kinde schlief, um seinen Unterleib davon zu
erwärmen[57]. Dem Propheten David wurden ja seine Tage verlängert,
indem man ihm (der Erwärmung wegen) ein sehr junges Mädchen ins Bette
gab. Desessarz sah bei verschiedenen Kindern beiderlei Geschlechts, daß
der Theil ihres Körpers, welcher den Alten, Kränklichen, neben denen
sie schliefen, am nächsten lag, schwächer, blässer, und wie ausgezehrt
wurde. Derselbe Fall ist oft bei Verheiratheten, vorzüglich wenn der
eine Theil alt, kränklich, und der andere jung und gesund ist, daß es
sich in wenig Monaten ganz umgekehrt mit ihnen verhält.
Es behaupten zwar mehrere neuere Chemiker und Aerzte, daß junge Thiere
die Athmosphäre weit schneller und weit mehr verdürben, als die ältern
eben derselben Art, und den Alten also nicht nützen, sondern schaden
würden, wenn sie bei ihnen lägen: indessen die Erfahrung widerspricht
offenbar hier den theoretischen Gründen.
Man muß die Vorsicht brauchen, unter Tages das Bettchen des Kindes so
zu stellen, daß das Tageslicht vom Fenster gerade auf seine Augen
fällt. Eben dies gilt auch von der Nachtlampe. Ist das Fenster, oder
die Lampe rechts, oder links, oder rückwärts, so gewöhnt sich das Kind
mehr auf diese, oder jene Seite zu sehen: es lernt schielen.