Aber betrachten wir nur den Einfluß, den das Nichtstillen der Mütter

auf das Kind hat. Es ließ sich schon vorhersagen, daß dieser äußerst

nachtheilig seyn müsse; denn kann das ohne Uebel abgehen, wenn ich

so plötzlich dem Kinde statt seiner gewohnten Nahrung eine andre

willkührliche erkaufe? Wenn ich dem Kinde statt den Säften, aus denen

es (ich möchte fast sagen) +ganz+ besteht, auf einmal andre

gebe? Aber die Erfahrung hat hier die Theorie auf eine traurige Art

bestätigt, denn die Sterblichkeit der Kinder ist jetzt außerordentlich

groß[25], und ist offenbar da viel größer, wo mehrere Mütter ihre

Kinder nicht stillen[26]. Es giebt einige, die die Thiermilch der

Frauenmilch an die Seite setzen, oder gar vorziehen[27]. So behauptet

Brouzet: die Kühmilch, mit der man in nördlichen Ländern oft Kinder

zu erziehen pflegt, sey gleich gut mit der Frauenmilch[28]. Er hätte

noch, sagt Frank, die Guancho's auf Teneriffa beizählen können, die

ihre Kinder statt Müttern den Ziegen anhängen. Man hat vorzüglich dafür

gesagt: die Fortpflanzung der bösen Neigungen werde durch den Genuß der

Muttermilch unterhalten, und durch Thiermilch natürlich unterdrückt.

Aber ist denn nicht die Milch anderer Thiere von der Weibermilch sehr

unterschieden? Ist nicht für eine jede Art lebender Geschöpfe eine

eigne Art Milch bestimmt? Und warum hätte die weise Natur gerade die

Frauenmilch so verschieden von jeder andern gemacht? Man lese nur

die Analisen, vorzüglich die neuern, der Milcharten. Der Unterschied

zwischen Frauenmilch und Thiermilch[29] ist wirklich so auffallend

groß, daß schlechterdings keine andre Milch dafür ein Surrogat abgeben

kann. Es zeigt wahrlich einen großen Grad von chemischer Unwissenheit

bei den Aerzten an, die sie bei den Neugebornen der Menschenmilch

substituiren wollen. Man braucht sich hier nur an die Schwierigkeiten

zu erinnern, mit der sie durch Säuren zum Gerinnen gebracht werden

kann, an die Verschiedenheit des Rahms in der Frauenmilch von dem

in der Kühmilch, daß man z. B. nie wirkliche Butter daraus bereiten

kann, u.s.w., was hier unnöthig wäre weitläufig zu erzählen; so ist es

deutlich genug, daß Thiermilch für die Neugebornen eine zweckwidrige

Nahrung ist. Wie verschieden müssen also die Erfolge seyn, die aus der

Ernährung mit dieser oder jener Milchart entstehen! Gesetzt auch, man

wollte das weibliche Geschlecht so weit herabsetzen, und für gewiß

annehmen, daß das Verderbniß ihrer Sitten gestiegen sey; welchen

Vorzug würde dieses in Rücksicht auf das Sittliche der Thiermilch vor

der Frauenmilch geben? Gleichgültiger sind wohl andre Thiere; aber

obschon wenigern, doch auch heftigern Leidenschaften unterworfen.

Werden nicht diejenigen, so die Frauenmilch als eine Ursache von

Leibs- und Seelenkrankheiten verwerfen, die Dummheit des Esels von

der vorgeschriebenen Eselsmilch, und das Geile der Ziege von der

Ziegenmilch befürchten müssen? So erzählt wenigstens Unzer[30] eine

aus dem englischen Zuschauer entlehnte Geschichte, daß nemlich ein

im übrigen rechtschaffener Mann, der mit Ziegenmilch war aufgezogen

worden, wenn er sich allein befand, zu hüpfen und zu springen anfing,

und von Reins redet von einem mit Saumilch gestillten Knaben, der als

Jüngling im Essen, und Trinken so unflätig und ungezogen lebte, daß

er an eine körperliche Bildung gar nicht dachte, und die kothigen

und schmutzigen Orte so liebte, daß er sich immer sehnte, sich darin

herumwälzen zu können; was er denn auch that, wenn ihn niemand sah.

Zudem, so liegt ja oft bei Thieren eine Krankheit verborgen, und ihre

Sehnsucht nach Begattung macht nicht selten bei ihnen eine eigne

Art von Krankheit, die ganz gewiß für das Wohl des Säuglings nicht

gleichgültig ist. Auch bewährt das die Erfahrung hinlänglich: So sagt

z. B. Joh. Ailken,[31] Das Großziehen der Kinder ohne Säugen habe in

seinem Vaterlande nicht gelingen wollen; die meisten Kinder stürben. Es

kann wirklich eine so starke Abweichung von dem Gange der Natur nicht

ohne Schaden seyn. Die Erfahrungen in Findelhäusern beweisen es auch so

augenscheinlich, daß es der Menschheit für ihren Todtenlisten graut.

Das Erziehen mit Ammenmilch hat freilich eher etwas für sich, aber

dennoch ist der Nachtheil für den Säugling auffallend groß. Er

verliert schon gleich im Anfange seines Lebens die erste ihm so

wesentliche Nahrung der Mutter, die gleichsam nur aus dünnen Molken

besteht, die von der Natur dazu bestimmt ist, den in dem Unterleibe

gesammelten Unrath abzuführen; denn es ist ja fast unmöglich, eine gute

Amme gerade zu finden, die mit der Mutter am selben Tage niedergekommen

ist. Und denn ist das Kind wahrlich nicht aufgelegt, welches so eben

aus dem warmen Unterleibe seiner Mutter entschlüpft, sich nun an Luft

und Athemholen gewöhnen muß, gleich eine Nahrung zu nehmen, die von

den Säften seiner Mutter, von denen es bisher lebte, so verschieden

ist. Es ereignet sich bei ihm fast das nemliche, was bei den Pflanzen

geschieht, die, wenn sie von ihrem Geburtsorte weggenommen werden,

nun auf ihrem neuen Standorte nicht gut Wurzel fassen, und leicht

verdorren, oder bei einem Ueberflusse von fremder Feuchtigkeit, von

ihrer natürlichen Gestalt in ein schwammigtes Wesen ausarten. Eben so

wird auch jederzeit einer fremden Milch, ob sie schon alle Kennzeichen

einer gesunden an sich trägt, ihre Eigenschaft zu nähren fehlen,

welche die Muttermilch, die den zarten Bau bis jetzt unterhielt, und

durch die Bemühung, und nach dem Gesetze der Natur bereitet wurde,

in einem so hohen Grad besitzt[32]. Aber der wichtigste Punkt,

der Punkt, bei dem dem Menschenfreunde die Haut schaudert, ist:

die Einpfropfung physischer und moralischer Gebrechen auf diesem

Wege. Der Säugling nimmt offenbar Antheil an den Gemüthsbewegungen

und Krankheiten der Säugenden. Balbini kannte ein siebenjähriges

Mädchen, das einen unwiderstehlichen Hang zum Branteweintrinken von

seiner Amme eingesogen hatte. Baume kannte eine Dirne, deren Arme

konvulsivisch bewegt wurden, und welche diese Krankheit auf ein Mädchen

fortpflanzte, was sie stillte. Helmont erzählt, daß er eine Säugamme

gekannt habe, die ausgelassen, diebisch, geizig etc. war, und die diese

Eigenschaften allen ihren Säuglingen einflößte. Wie oft werden nicht

gefährliche Krankheiten auf diese Art in den Säugling gebracht! Das

ist der Fall vorzüglich mit der Lustseuche. Blumenbach erzählt hievon

ein schreckliches Beispiel. Ich selbst sah einst ein schönes, junges

Frauenzimmer, der ich mich in diesem Augenblicke noch sehr lebhaft

erinnere; ich erschrak, als sie zu sprechen anfing; sie sprach durch

die Nase, und so undeutlich, daß man sie kaum verstehen konnte. Die

Ursache ihres Unglücks war ihre Amme, die sich durch ihre Lüderlichkeit

die Lustseuche zuzog, und sie dem Kinde mittheilte, was kaum mit dem

Verluste des Zäpfchens etc. gerettet wurde.

Diese Thatsachen (glaube ich) werden es niemanden schwer machen,

obengenannte Fragen zu beantworten. Der würde sich das größte Denkmaal

in den Jahrbüchern der Menschheit errichten, der es dahin bringen

könnte, daß alle Mütter ihre Kinder selbst stillen müßten. -- Ich

glaube, man könnte dies dadurch bewerkstelligen, daß der Staat solche

unnatürliche Mütter ohne Rücksicht des Standes bestrafte; -- oder daß

man, wie bei den Alten, das Fest der Entwöhnung mit vieler Pracht und

Feierlichkeit wieder einführte. Von Seiten der Eitelkeit ist ja unsern

Weibern am besten beizukommen. Man führe das Fest mit vielem Glanze

ein, lasse sie in Begleitung einer ansehnlichen Menge ihrer Freundinnen

-- im prachtvollsten Anzuge dafür +öffentlichen+ Dank hören.

Dann thut sicher die Eitelkeit und das Vergnügen, einen Tag mehr zu

haben, wo man im Glanze erscheinen kann, vor der Hand mehr, als alle

Moralisten und Aerzte durch Gründe und Ueberredungskunst vermochten.

Aber wie muß sich die Mutter während der Säugezeit verhalten? Muß hier

ihr Betragen so ängstlich und pünktlich seyn, wie man im gemeinen

Leben dafür hält, und verschiedene Aerzte es anrathen?[33] -- Ganz

und gar nicht. Sie soll arbeiten, und wenn sie dazu zu vornehm ist,

brav spazieren gehen; sie soll essen und trinken, so viel sie Hunger

hat. Sie soll sich für heftige Leidenschaften hüten, und im Ganzen

so betragen, wie sie sich in jeder Periode des Lebens betragen muß,

wenn sie gesund seyn will. Mangel an Bewegung[34], sich vor der Luft

verwahren, eine andre Lebensart anfangen, ist gerade das, was der

Mutter und dem Kinde nachtheilig ist; und die Säugende erhält eben

dadurch sehr leicht, die in dieser Periode so gefürchtete monathliche

Reinigung[35]. Es ist zwar ein Vorurtheil, was von den ältern

Aerzten herkömmt, daß die Erscheinung des Monatlichen dem Kinde

nachtheilig sey[36]; allein diese Erscheinung hat bei Säugenden, die

sich vernünftig betragen, ohnedies nur höchst selten statt; wie das

der Fall bey unsern Bäuerinnen ist; und wenn sie eintritt, so darf

sich deswegen die Mutter vom Stillen nicht lossagen; da auch die

Erfahrung es deutlich zeigt, daß die Reinigung weder der Mutter, noch

dem Kinde Nachtheil bringt: es sey denn, daß die Mutter sehr blutarm

sey, oder das Kind sich offenbar übel dabei befinde. In dem Falle ist

gewöhnlich eine Krankheit der Mutter Schuld an diesem Blutflusse, und

daher schadet die Milch dann dem Kinde, nicht weil die Stillende ihre

Reinigung hat, sondern weil sie krank ist.

Noch ist zu bemerken, daß nicht jede Krankheit der Mutter immer

bösen Einfluß auf den Säugling hat. Man hat gesehen, daß Mütter in

sogenannten faulen Fiebern, beym bösartigen Kerkerfieber[37] bis an den

Tod ihr Kind ohne Nachtheil selbst gestillt haben. Im Gegentheil kann

es gewiß oft sehr üble Folgen für die Mutter haben, wenn sie in einem

heftigen Fieber plötzlich den Säugling entwöhnt. Doch da es +für+,

aber auch +wider+ noch Erfahrungen gibt, so läßt sich hierüber nichts

allgemeines bestimmen; indessen ist es sicherer für das Kind (wenn es

nicht mehr gar zu jung, wenn es schon mehr als sechs Monate alt ist),

ihm, wenn die Mutter krank wird, eine Amme zu geben. Auch mache man

es sich zur Regel, dem Kinde nie die Brust zu geben, wenn sich die

Mutter, oder Amme geärgert hat, sondern lieber alle Milch auszuziehen;

denn genaue Beobachter lehren, daß eine solche Milch dem Kinde wahres

Gift sey, und daß oft die Fallsucht, und nicht selten selbst der Tod

darauf erfolge.[38] -- Es gibt auch in neuern Zeiten noch Aerzte von

Bedeutung, die die alte Meinung begünstigen; daß während der Säugezeit

der Beischlaf dem Kinde schade; so sagt Rosenstein[39]: „Sie (die Amme)

muß sich nicht von der Liebe hinreißen lassen; denn das Kind leidet

dadurch und die Milch wird ungesund und salzig. Daher erfodert die

Vorsichtigkeit, daß man einer verheiratheten Amme nicht Gelegenheit

läßt, mit ihrem Manne umzugehen. Bemerkt man bey ihr ein Verlangen

darnach, so ist sie nicht weiter tüchtig, Amme zu seyn.“ Aber wenn

das wahr wäre, wie viel Kinder würden wohl gesund bleiben! Sind nicht

auf dem Lande sehr oft die Weiber wieder schwanger, ehe sie zu säugen

aufhören? Wird nicht die Sehnsucht weit größern Einfluß auf die

Gesundheit haben, als der Genuß? Ich finde daher gar keinen Anstand,

der Mutter in dieser Zeit den ehelichen Umgang ganz zu erlauben; da er

ohnedies im Ehestande nicht immer mit sehr gewaltigem Reize verbunden

seyn mag. --- Selbst eine eintretende Schwangerschaft darf die Mutter

nicht abhalten, ihr Kind zu stillen, obschon unsre leichtgläubigen

Alten hiebey viel arges ahndeten. Van Swieten beweist vorzüglich unter

den neuern Aerzten, wie ungegründet diese Furcht sey[40]: dabey ist

der Fall bey säugenden Frauen nicht sehr häufig. Weiber haben meistens

Ueberfluß an Milch, wenn sie gesund sind, oft mehr als drei Pfund

täglich zu viel, wie Haller bemerkt; Mütter können ja auch ohne ihren

Schaden und ohne Nachtheil für die Frucht Zwillinge und Drillinge

ernähren. Warum sollen sie also nicht auch eins an der Brust, und ein

anderes im Unterleibe ernähren können? Die Bösartigkeit der schwangern

Milch, von der uns die Alten erzählen, ist Grille, ist Hypothese, die

die Erfahrung täglich widerlegt. Welcher Chemist fand, was Schenk

sagt[41]: Die Milch werde auf eine neue Schwangerschaft süßlicht und

wässerichter? Oder daß die Milch der Schwangern eine widerstehende

und abscheuliche Natur annehme? Doch thut man nach meiner Meinung am

besten, wenn man auch hier den mittlern, und daher, wie fast immer,

den sichersten Weg einschlägt, und den Säugling bis zur Hälfte der

Schwangerschaft trinken läßt; dann ist er gewiß in dem Falle, daß er

der Muttermilch nicht mehr so sehr bedarf. Uebrigens aber versteht es

sich, daß hier so wohl als bey der nicht schwangern Mutter das Säugen

in jeder Periode ausgesetzt werden muß, wenn man sieht, daß die Milch

dem Kinde nicht bekömmt; was aber ganz gewiß sehr selten der Fall seyn

wird.

Aber nun die letzte Frage: Wie lang soll eine Mutter ihr Kind stillen?

-- Im allgemeinen läßt sich das freilich nicht mit Zuverlässigkeit

bestimmen; denn natürlich ist ein Kind schwächer als das andre, und

bedarf also der Muttermilch länger. Das beste ist hier: man folge der

Natur, die den Termin des Entwöhnens zu bestimmen scheint, wenn sechs

oder acht Zähne zum Kauen der Speisen durchgebrochen sind: Es sey

denn, daß eine noch besondere Schwäche des Kindes die zarte und weiche

Nahrung von der Mutter nothwendig mache, die sich denn durch schwache

Gliedmassen, und Muskeln, durch allzu große Zartheit der Haut, und

welkes Fleisch zu verrathen pflegt. Wenn es aber die Mutter zu sehr

schwächt, so darf man darauf nicht bestehen, und muß sie denn eher

dispensiren. Der Fall ist doch zuweilen, daß durch das lange Stillen

eine Anlage zur Auszehrung und ein asthenischer Habitus entsteht.

Auch ist das zu lange Stillen für den Säugling, wenn schon die Milch

nicht fehlerhaft ist, gar nicht zuträglich. Und es würde ja eben

so widernatürlich seyn, diesen Zeitpunkt zu verlängern, als ihn

eigenmächtig abzukürzen! -- Das Entwöhnen muß allmählig geschehen,

sonst giebt es mehrere Ungemächlichkeiten für Mutter und Kind; denn

durch das plötzlich beendigte Stillen wird eine beträchtliche Ab-

und Aussonderung in dem Körper unterdrückt; daher schwellen von

der angehäuften Milch die Brustdrüsen so leicht an, und entzünden

sich: Morton erzählt Beispiele, daß von dem jählingen Entwöhnen die

Schwindsucht entstanden sey. Nur wenn das Stillen zu lang geschieht,

hat der Einwurf statt, durch den man das Selbststillen herabwürdigen

wollte: daß nämlich die stillenden Mütter weniger fruchtbar wären;

und Süsmilch glaubt mit Recht[42], daß die Gewohnheit der Türkinnen,

die zu Aleppo ihre Kinder bis in das dritte, vierte Jahr säugeten,

zur Entvölkerung Asiens beitrage: So sah auch Cleghorn[43] zu Minorka

die armen Weiber ihre Kinder zwey bis drey Jahre stillen, um nicht

ihre Familie zu sehr zu vermehren. Allein daß selbststillende Mütter,

die die Pflicht der Natur genau erfüllen, weniger fruchtbar seyen,

ist ganz falsch, und streitet gegen alle Erfahrung; denn Leute von

der Klasse der weniger Vermögenden in den Städten haben offenbar eine

größere Anzahl Kinder, als solche, die zum Stillen zu vornehm sind.

Die Bäuerinnen will ich nicht einmal anführen; weil hier mehrere

Umstände z. B. ihre gesundere Kost, ihre natürlichen Geschäfte schon

zu ihrer größern Fruchtbarkeit mit beitragen. Aber gesetzt: man

könnte erweisen, daß nicht stillende Weiber öfter gebähren; könnte

das wohl ein Grund gegen das Stillen mit Frauenmilch seyn? Wahrlich

nicht; denn gewiß werden wir dann die Grenzen der Fruchtbarkeit,

die die weise Natur in dem Stillen legte, nicht mit frevelnder Hand

willkührlich erweitern dürfen, ohne unsern eigenen sehr empfindlichen

Nachtheil. Wir sehen auch wirklich manchmal, daß nicht stillende Weiber

eher wieder von neuem schwanger werden; allein sie werden durch die

schnell aufeinander folgenden Geburten und Schwangerschaften, ehe sie

Zeit hatten, sich zu erhohlen, außerordentlich geschwächt, und ihre

Kinder aus demselben Grunde treffliche Rekruten -- für Spitäler und

Siechenhäuser.

Jede Mutter soll also ihr Kind selbst stillen. An eine Amme darf sie

nur denken, wenn physische Fehler es ihr durchaus unmöglich machen,

diese heilige Pflicht zu erfüllen, wie z. B. Fehler an den Brüsten, und

den Brustwarzen, Mangel an Milch, u. s. w. Indessen sind diese Fehler

nicht so häufig, als die Damen und die dem +Geiste des Zeitalters+

hofirenden Aerzte uns gern glauben machen.

Das erste und wichtigste, worauf man bei der Wahl einer Amme sehen

muß, ist: +Vollkommene Gesundheit, guter Wuchs, erträgliche Miene,

und reichliche, gute Milch+. Man lasse daher ein Weib, das sich zur

Ammenschaft weggeworfen hat, genau und am ganzen Leibe von einem

sachverständigen Manne untersuchen, besonders an den Zeugungstheilen

und den Brustwärzchen. Man lasse sich auch nicht durch eine scheinbare

Reinlichkeit der Wäsche und dieser Theile täuschen; denn wenn die Ammen

zur Schau gehen, reinigen sie diese Theile immer mehr, als gewöhnlich.

-- Ein Alter zwischen 20-30 Jahren ist das schönste Ammenalter. Es ist

auch sehr gut, wenn die Amme zu gleicher Zeit mit der Mutter, deren

Kind sie säugt, entbunden worden ist. Man darf nicht fürchten, daß eine

Milch von 8-14 Tagen für ein 8-14 Tage altes Kind zu jung ist: nur

eine leichte, neue, wässerige Milch kann den neugebornen Kindern wohl

bekommen.

Eine Haupteigenschaft einer Amme ist -- ein guter moralischer

Charakter; aber wie ist der bei dem ersten Besuche einer Amme in ihrer

Miene, oder in ihrem Betragen zu entdecken?

Man hüte sich eine Amme, z. B. ein Landweib, das vorher an derbe,

hart verdauliche Speisen, grobe Arbeit, und freie, gesunde Luft

gewohnt war, auf einmal einzusperren, ihr alle Bewegung zu verbieten,

und die leichten, saftvollen, und gewürzhaften Speisen der Städter

aufzutischen. -- Die Amme wird, so wie jeder Mensch, krank, wenn sie

das nicht hat, woran sie gewohnt ist; man lasse sie leben, wie sie

bisher gelebt hat.

Man schmeichle sich aber ja nicht mit der süßen Hoffnung, irgendwo

eine Amme zu finden, die alle Eigenschaften einer guten Amme in sich

vereint. Unter 1000 Krüppeln sind 980 durch die Schuld ihrer Ammen

Krüppel geworden. Man kann sich glücklich schätzen, wenn man eine Amme

findet, die nur die wichtigsten Eigenschaften besitzt. Man vergesse

nicht, daß ⅔ von den Unglücklichen, die von Ammen gesäugt werden, zu

Grunde gehen müssen, indessen nur ¼ von den Kindern umkommt, die das

Glück hatten, an ihrer Gebährerinn eine Mutter zu finden. Man vergesse

nicht, daß auch eine gute Amme nicht Mutter ist; daß man jeden kleinen

Dienst, den sie dem armen Säuglinge erweist, kaufen, oder durch

Drohungen erzwingen muß.

Warte und Pflege.

Wann soll das Kind zuerst an die mütterliche Brust gelegt werden?

Ich glaube, daß es das beste ist, dies schon einige Stunden nach der

Geburt zu thun, wenn die Kindbetterinn etwas geschlafen, und allenfalls

eine Suppe gegessen hat. Zwar wollen einige: man soll das Kind erst

nach zehen oder zwölf Stunden trinken lassen. Andere wollen es nach

vier und zwanzig Stunden zum erstenmale anlegen; weil sie fürchten,

die Milch gerinne, ehe das Kindpech ausgeleert sey, und mache denn

höchstbeschwerliche Uebel, und wohl gar Konvulsionen; allein diese

in dem Zeitpunkte dünne, wässerige Milch ist es gerade, wodurch die

Natur diesen zähen Unrath auflöst, und wegschafft, wodurch uns der

Mannasyrup, der mit Wein vermischte Honig etc. etc. womit wir die

Kinder gleich nach ihrer Geburt quälen, entbehrlich werden. Dabey

wird durch das frühe Anlegen das Milchfieber vermindert, und der

allzu großen Ausdehnung der Brüste und mehrern daher rührenden Uebeln

vorgebeugt.

Die ersten drey, vier Monate braucht das Kind nichts, als Milch zu

genießen. Täglich muß es öfter an der mütterlichen Brust saugen; aber

wie oft, zu welcher Zeit dieses geschehen müsse, läßt sich nicht

so ganz genau im Allgemeinen bestimmen. Es kömmt hier viel auf die

Constitution des Kindes und der Mutter an, die man durch Beobachtung

bald kennt, um zu wissen, wann dasselbe der Milch als seiner Nahrung

bedarf; doch wird es in den gewöhnlichen Fällen am besten seyn, dem

neugebornen Kinde zu bestimmten Zeiten, z. B. alle zwey Stunden, die

Brust zu reichen; doch muß es nur wenig auf einmal trinken, damit der

bis jezt noch schwache Magen nicht zu sehr angefüllt und ausgedehnt

werde.

Nie muß man es zum Saugen nöthigen, ihm nicht immer so oft es schreit,

die Brust geben; denn nicht allzeit ist ja hievon Hunger die Ursache,

und mäßiges Weinen und Schreien ist dem Kinde gar nicht nachtheilig;

im Gegentheil es erweitert die Lungen, reinigt Nase, Mund und Augen,

und macht die natürliche Wärme lebhafter. Die Natur scheint es nur aus

diesem Grunde absichtlich bei der kleinsten Veranlassung zu erregen,

um dem Kinde statt Bewegung, dadurch den Kreislauf zu befördern.

Man muß es daher nicht gleich stillen, sondern nur wenn es anhält,

die mannigfaltigen Ursachen davon zu entdecken suchen. Nicht selten

ist eine unbequeme Lage, manchmal Kolik, manchmal zurückgehaltenes

Kindspech, zuweilen eine ungeschickte Art zu wickeln, oft Flöhbisse

etc. Schuld daran. Immer ist es rathsam das Kind an eine gewisse

Ordnung zu gewöhnen. Für ein erwachsenes und dreymonatliches Kind

schickt sich nun natürlich eine größere Portion Milch, jedoch muß ihm

diese nicht zu oft gereicht werden, und es darf deswegen auch nicht

mehr erhalten, als zur Ernährung, und guten Verdauung erforderlich ist.

Daß wenig Milch gebende Brüste, welche das Kind durch Saugen ganz

ausleert, für die Gesundheit am zuträglichsten sind, lehren die

Beispiele der gesündesten Bauernkinder; denn diese werden von ihren

Müttern schreiend verlassen, bekommen sie des Tags nur drey, viermal

zu sehen, und saugen alsdann um desto begieriger, ohne daß sie an

ihrer Gesundheit leiden, vielmehr groß und stark werden. In der Nacht

soll man den Kindern nie, als höchstens im ersten Monate die Brust

geben, weil Mutter und Kind Ruhe und Schlaf vonnöthen haben. Kinder

werden auch nie in der Nacht zu trinken verlangen, wenn sie nicht daran

gewöhnt sind. Nur erst nach drey, vier Monaten hat man gewöhnlich

nöthig, allmählig dem Kinde nebst der Milch auch zu Essen zu geben. So

lange ist die Muttermilch allein zu seiner Nahrung hinreichend; und

eher Speisen geben, ist daher nachtheilig.

So bald das Kind geboren ist, und nun zum ersten male aus dem Bade

kömmt, so müssen alle Theile seines Körpers genau untersucht werden,

und wenn dasselbe gesund, und ohne widernatürliche Fehler ist, so

bringe man es angekleidet in das Bette seiner Mutter.

Das Zungenlösen, was bei dummen Hebammen, und andern weisen Matronen

noch sehr ämsig in Ausübung gebracht wird, ist höchst nachtheilig,

und -- ein sträfliches Vorurtheil. Als wenn die Natur gerade so eine

ungeschickte Stümperinn beim Zungenmachen wäre, daß unsre Bademütter

mit ihren schmutzigen Fingern sie immer zurecht weisen müßten! Sehr

selten ist das Zungenband zu lösen nöthig, und im nöthigen Falle nur

ein Geschäft für Wundärzte. Es scheint mir wahrlich, als wenn das

schöne Geschlecht sich überzeugt glaubte, daß die Zungen auf dieser

Welt nicht zu beweglich seyn könnten.

Hat man am Kinde Beschädigungen, z. B. Kopfgeschwülste, Wasserkopf,

Eindrücke oder Brüche der Hirnschädelknochen, gespaltenen Rückgrad,

verschlossenen After, oder Harnröhre, Muttermäler, Hasenscharten,

Brüche u. s. w. angetroffen, so sorge man, daß gleich sachkundige

Aerzte, oder Wundärzte Hand anlegen, um diese Uebel zu heben, und hüte

sich ja, den Rath irgend einer Frau Gevatterinn anzunehmen; denn im

besten Falle -- ist doch die Zeit damit verdorben. Die Art und Weise

anzuzeigen, wie jeder dieser Fehler müsse behandelt werden, liegt hier

natürlich außer meinem Plane.

Versuch über die physische Erziehung der Kinder · 第 2 / 10 段