brüllt sie, daß mir der Schädel gellt,
„und bleibe auf eurer unglaublichen Welt
gefälligst so lange, wie +Mir’s+ gefällt,
verstanden?!“ Und +hui+, wupp, seh ich -- o Grausen,
Erbarmen, Rettung -- ihren Zopf
sich blähen und auf mich niedersausen:
der ganze Himmel erscheint Ein Schopf,
eine Wolke von dunstig wirbelnden Haaren,
die immer spiraliger niederfahren:
sie wickeln sich mir um alle Gelenke,
um Hals und Arme und Brust und Weichen --
Gnade! ich kann kein Glied mehr rühren,
vor meinen Augen tanzen verrenke
riesige Paragraphenzeichen,
die mir alle Sinne zuschnüren --
Gnade, ich sticke! Luft! Vergebens:
sie umwickelt mich immer wilder,
vor meinem Geiste erscheinen die Bilder
meines aprioristischen Lebens,
während sie meinen sterblichen Rest
immer platter a posteriori preßt --
und wupp, ein Wühlen, und hui, ein Stieben:
ich fühle, wie sich die Seelenspitzen
ihrer Behaarung in alle Ritzen
und Poren meines Leibes schieben --
ich möchte ächzen, ich kann nicht: ach,
es kriecht mir kribbelnd in Ohren und Mund,
in Gaumen, Kehle, Nase, und
hapschih, pschih! nies’ich -- und bin wach.
Und liege im Sande mit der Nase,
dicht bei einem borstigen Büschel Grase.
Halbhoch in der Unendlichkeit
stand der Vollmond, meilenweit.
[*] +Anm. d. Setzers+:
~Quatre lettres~ = Vier Buchstaben scheint der Herr Doktor
gemeint zu haben.
*
Und so hab ich mit Gelächter
manchen Geisterrausch bestanden,
trank als Raum- und Zeit-Verächter
meinen Gottgeist fast zuschanden,
trank mich frei von Menschheit, Welt und Weib,
aber +war+ das, +war+ das Freiheit? Nein!
Mitten in den knechtischen Zeitvertreib
herzerkältender Spöttereien
tratest Du, Du, die gleich mir gelitten
unter Irrtum, Schuld und Sehnsuchtsleid
und sich dennoch Lebenslust erstritten,
herrlich in Liebseligkeit --
Und ich sah die Wärme deiner Wangen,
deiner Augen strahlende Hoffnungsmacht:
eines Sommerglückes Prangen
mitten in der Winternacht!
Und ich zeigte dir mein scheues Wehe;
und du nahmst es schmeichelnd in den Schooß.
Aber wild erschrak’s vor neuer Ehe.
Und ich rang mit dir -- und rang mich los --
los -- und ließ mich vollends von der Schwere
meiner Einsamkeit, ich Narr, bezwingen;
über Länder, über Meere
trug ich ihre Last mit lahmen Schwingen.
Auf den blumigsten Inseln Griechenlands,
an Italiens blauesten Uferborden
saß ich echter deutscher Duselhans
voller Heimweh nach dem Norden.
Und jetzt lieg ich hier auf meinem harten
Pfühl in dieser fremden kalten Kammer
und verwühl mich mit erstarrten
Gliedern wieder in den alten Jammer.
Wie auch Du wohl. Und ich seh und höre
mich als Geist in brütenden Nebeln schwimmen
und dein ruhlos Herz beschwören,
prüfend, mit gedämpfter Stimme,
Venus Occulta.
Ist das noch die große Stadt,
dies Geraune rings im Grauen?
diese Männer, diese Frauen,
kaum erschienen, schon verschwunden;
und die Sonne steht so matt
wie ein kleiner, rotgewordner Mond da.
Drück dich dichter an mich an,
wie der Nebel an die Mauern!
Keiner stört den stillen Bann,
wenn wir Blick in Blick erschauern.
Sieh, wir schreiten wie vermummt in Weihrauch;
jeder wilde Laut wird stumm.
Hebe deinen dunkeln Schleier,
daß dein Atem mich erquickt!
Keiner stört die stille Feier,
wenn sich uns in diesem Dunste
fester Hand in Hand verstrickt.
Diese Straße mündet in den Himmel.
Oder weißt du, wo wir sind?
Küsse mir die Augenbrauen!
küsse mir die Seele blind!
Diese tote Stadt ist Babel,
und ihr blasser Dampf umspinnt
eine tausendjährig trübe Fabel.
Alle Farben sind ertrunken.
Nur auf deinem schwarzen Haare
flimmern noch die Purpurfunken
deines Hutes aus Paris,
rot wie unsre Lippenpaare;
und mein blauer Wettermantel raschelt.
Du, was träumst du? Deine Augen
waren eben wie zwei Kohlen,
die sich von der Glut erholen;
ja, du bist Semiramis!
Und in seinem dunkelblauen Mantel
führt dein Odhin dich ins Paradies.
Zwar, wir mußten durch viel dumpfe Gassen,
bis der Gott zu seiner Göttin kam;
und du hast manch braven Mann,
ich manch gutes Weib verlassen.
Aber dies ist unsre letzte Irrfahrt;
drück dich dichter an mich an!
Sag mir -- Nein: horch! was für Töne?
warum stehn wir so erschrocken?
Dies verhaltene Gestöhne
aus den Wolken, dies Gedröhne,
kannst du diesen Lärm begreifen? --
Komm nach Hause, Fürstin! das sind Glocken.
Vor verschiednen hundert Jahren
herrschte hier ein Gott der Leiden
über traurige Barbaren.
Komm, wir wolln die Götter trösten,
daß sie sich in Dunst auflösten,
wir zwei seligen verirrten Heiden.
*
Aber +sind+ wir denn noch Heiden heut?
+will+ ich denn ins alte Paradies?
Hat nicht Er so Mann wie Weib erneut,
der die Kindlein zu sich kommen ließ?
Helft mir, Sterne! Hoch ob meiner Pein,
hoch ob jener Häuser finsterm Graus,
wie auf Bethlehem so mild und rein
strahlt ihr fernhin auf mein Vaterhaus.
Sprach er wahr, der klagende Lebenstraum,
den mein Wille gestern Nacht durchschritt?
Lautlos hing der dunkle Weltenraum;
und im stillen schrittest du wohl mit,
Venus Vita.
Ein Feldweg, Herbstnacht, und um Morgengrauen;
die kahlen Bäume stehen da wie tot,
ich aber wandre, ohne aufzuschauen.
Ich fühle eine Furcht; und Regen droht.
Ich höre den gedüngten Acker schweigen;
und heute wird kein Morgenrot.
Die Straße teilt sich. In den schwarzen Zweigen
sagt keine Tafel mir die rechte Spur:
soll ich hinunter, soll ich steigen?
Da deucht mir, in der tiefen Flur
rief mich mein Name, aus ersticktem Munde.
Ich horche; Nichts. Im Osten nur
enttaucht ein Licht dem fernen blassen Grunde.
Es ist kein Stern, es schimmert warm und traut,
mir dämmert eine längst vergangne Stunde,
und wieder hör ich fern und laut
die bange Stimme meinen Namen rufen;
und mir graut.
Mir scheinen plötzlich diese Ackerhufen
bekannt; ich bin so wandermatt.
Und dieser Pfad, und diese Wurzelstufen?
Hinab! -- Schon wird der Abhang glatt;
auf einmal, wie von einem Kinderwagen,
springt mir ein Rad
unter den Füßen auf. Ich seh es jagen,
es springt und rollt den Kiesweg vor mir her,
seh’s Funken schlagen;
mein Schreck, mein Zittern wird Begehr,
ich muß ihm nach, es haben! Bis zur Kehle
hämmert mein Herz, das Rad rennt immer mehr,
und immer ruft mich klagend jene Seele
und winkt das Licht,
das Rad -- halt! -- Jetzt --: ich greife -- fehle --:
es ist ein Lichtrad! halt! nach, eh’s zerbricht!
Ich fass es, stürze -- wach’ ich? -- meine matten
Finger umklammern es -- -- Nein -- nicht:
in meiner Hand zerrann es wie ein Schatten.
*
Werd ich also stets ins Leere fassen?
lebt nichts ewig vor mir her?
Nein! ich will mir nicht vom Leben mehr
meinen Blick verblenden lassen.
Ihr selbst, ihr verführerischen Sterne,
wozu schürt ihr meine Seelennot?
Eisig haucht die gleißnerische Ferne:
ewig lebt allein der Tod.
Sei’s denn! Umso unfaßbarer, freier,
umso weiter, unbegrenzter
strahlt des Daseins Auferstehungsfeier --
niemals sah ich die Nacht beglänzter!
Stirb, du Sehnsucht meiner Jünglingsnächte:
eine reifere Inbrunst lebt mir nun:
Einst wird all dies tiefe Trachten ruhn,
aber ihm entsteigt in höhere Prächte
Venus Mors.
Eine rote Feuerlilie schreitet
riesig durch die Weltennacht.
Von der Sonne bis zum Sirius breitet
sich ihr Scharlachkelch. Der Schacht
des gezähnten Schlundes kocht von Gluten,
düster flammt des Randes Zackenfirne;
um die wirbelnden Gestirne
schlingt sie hungrig ihre Samenruten.
Grell aufzüngelnd schlürft sie die getrennten
Welten gierig in den brünstigen Schooß;
aus den schwarzen Firmamenten
ringen Sonne, Sirius sich los.
Lodernd sehn sie die Unendlichkeiten
ihrer alten Sehnsucht überbrückt;
aus den Angeln wanken sie verzückt,
zu einander stürzen die befreiten.
Taumelnd folgen, brodeln, glühen
ringsum die Trabantenlüfte;
aus der brennenden Lilie sprühen
Lavastürme durch die Himmelsgrüfte.
Auf der Erde rast ihr Licht als Mord;
sengend frißt es Wälder, Ströme, Quellen,
Asche trieft aus blendenden Wolkenhöllen,
alle Kreatur verdorrt.
Nur ein Brautpaar will noch fühlend enden,
keuchend, schon erblindet beide;
mit den heißen Liebeshänden
tastet er an ihrem Kleide.
Aber in der Nacht der Seele
wird der wilde Durst zur Wut:
tastend wittert er ihr Blut,
beißt er, schlürft er sich in ihre Kehle.
Alles saugt der große Flammenschlund.
Kreisend will er überschäumen.
Rissig klafft der zuckende Muttermund,
Dämpfe bersten, Feuerpollen säumen
den zerfetzten Riesenblütenrand:
eine neue Welt entrollt der toten --
Strahlend quillt sie aus dem morgenroten
furchtbarn Siriusliebestodesbrand.
*
Dahin also sehnt sich alles fort,
was auf Erden glimmt und flammt und loht;
selbst die flackernden Straßenlichter dort.
Und ich denk zurück an Dein Gebot,
als ich heut aus erstem Schlummer fuhr,
aufgescheucht von deinem Traumgesicht,
daß der Menschenwille von Natur
Bastard bleibt aus Finsternis und Licht,
Venus Homo.
Nun weißt du, Herz, was immer so
in deinen Wünschen bangt und glüht,
wie nach dem ersten Sonnenschimmer
die graue Nacht verlangt und glüht;
und was in deinen Lüsten
nach Seele dürstet wie nach Blut,
und was dich jagt von Herz zu Herz
aus dumpfer Sucht zu lichter Glut.
In früher Morgenstunde
hielt heut ein Alb mich schwer umstrickt:
Aus meinem Herzen wuchs ein Baum,
o wie er drückt! und schwankt! und nickt!
Sein seltsam Laubwerk tut sich auf,
und aus den düstern Zweigen rauscht
mit großen heißen Augen
ein junges Vampyrweib -- und lauscht.
Da kam genaht und ist schon da
Apoll im Sonnenwagen.
Es flammt sein Blick den Baum hinan;
die Vampyrbraut genießt den Bann
mit dürstendem Behagen.
Es sehnt sein Arm sich wild empor,
vier Augen leuchten trunken;
das Nachtweib und der Sonnenfürst,
sie liegen hingesunken.
Es preßt mein Herz die schwere Last
der üppigen Sekunden.
Es stampft auf mir der Rosse Hast;
er hat sich ihr entwunden.
Schon schwillt ihr Bauch von seiner Frucht,
hohl fleht ihr Auge: bleibe!
Er stößt sie sich vom Leibe,
von Ekel zuckt des Fußes Wucht,
hin rast des Wagens goldne Flucht.
Es windet sich im Krampfe
und stöhnt das graue Mutterweib.
Mit ihren Vampyrfingern gräbt
sie sich den Lichtsohn aus dem Leib.
Er ächzt -- ein Schrei -- Erbarmen --: Ich,
+mich+ hält der dunkle Arm umkrallt!
Da bin ich wach -- -- doch hör ich,
wie noch ihr Fluch und Segen hallt:
Drum sollst du dulden, Mensch, dein Herz,
das so von Wünschen bangt und glüht,
wie nach dem ersten Sonnenschimmer
die graue Nacht verlangt und glüht;
und sollst in deinen Lüsten
nach Seele dürsten wie nach Blut,
und sollst dich mühn von Herz zu Herz
aus dumpfer Sucht zu lichter Glut!
*
Seltsam: plötzlich ist mein Keller,
ist mein ganzes Bett verdunkelt,
während jeder Stern noch heller
über jenen Häusern funkelt.
An der Straße stehn wie Schemen,
stehn erloschen die Laternen.
Soll ichs mir als Zeichen nehmen?
Ja! als Zeichen von den Sternen!
Wie nach wilder Flucht ein Höhlentier,
wie einst David Nachts vor Saul verborgen,
so voll Himmelshoffnung wart ich hier,
so voll Bangen auf den Morgen.
Denn ich fühls, ich muß sie wiedersehn --
doch ein Zaudern, das ich kaum begreife,
raunt in mir: dann muß sie vor dir stehn
als die Wissende, die reife
Venus Sapiens.
Nun, du Eine, tritt heran,
höre meine wahrsten Laute;
höre zu wie Jonathan,
als sich David ihm vertraute.
Schwer vom Hohn und Übermute
Goliaths herabgemächtigt,
hat bis heut in meinem Blute
noch der greise Saul genächtigt.
Zwielicht. Sterbend hängt die scharfe
Zunge aus dem Lästermaul.
Sieh, nun weint dein König Saul,
denn dein David singt zur Harfe.
Alle Kleider sind zerrissen,
die den alten König schmückten;
brütend hört er den Entzückten
nahen aus den Finsternissen.
Goliath tot! den König schauert;
seine Schwermut ahnt das Ende.
Und dein Sänger steht und trauert:
blutbefleckt sind seine Hände.
Aber weiter muß er schreiten,
seine Töne sind ein Bann,
selig greift er in die Saiten:
Komm, o komm, mein Jonathan!
Traure nicht um den gebeugten
Vater, dem vor morgen graut;
denn die Trübsal ist die Braut
aller nicht vom Geist Gezeugten.
Jonathan, du sahst ihn sitzen,
den Berater deiner Reife,
nackt und schamlos, und das steife
Haupt umstarrt von Lanzenspitzen.
Und du sahst vor seinem Zelt
sterben den Philisterfürsten;
aber Leben braucht die Welt,
laß uns nach dem Geiste dürsten!
Denn es weht von allen Hügeln
immer neu sein ewiger Segen;
lerne nur dein Herz beflügeln,
und er wird auch dich bewegen!
Jonathan, zu jeder Frist
sei nun meiner Liebe sicher;
und sie ist viel sonderlicher,
als mir Frauenliebe ist.
Glutwind droht den jungen Saaten;
nimm den Bogen in die Hände,
daß dein Pfeil mir Warnung sende,
sinnt der Vater Wahnsinnstaten.
Jonathan, hier steh ich nackt;
du mein Bruder, Freund, Berater,
hilf mir, wenn die Glut mich packt!
Jona! Weib! noch giert der Vater!
Jona, Schwester! unsre Kinder --
Gattin! weinen meine Saiten -- --
„David, komm! du Überwinder
unsrer Unwillkürlichkeiten!“ ...
*
Wird sie so mir Antwort blicken? --
Ja! kein Argwohn soll mir mehr
meine Glaubenslust ersticken --
+ihre Seele atmet zu mir her+.
Und in alle meine Finsternisse
dringt auf einmal lichter Sinn:
schimmernd wie durch Wolkenrisse
schwebt ein Wesen ob mir hin:
das beginnt mich anzulachen,
jungvertraulich, altvertraut --
O, komm her aus deinem Himmelsnachen,
ja, seit ewig warst du meine Braut,
Venus Fantasia!
Leih mir noch Einmal die leichte Sandale;
sage, wer bist du, holde Gestalt?
Reich mir die volle, die funkelnde Schale,
die du mir fülltest so viele Male!
Bist du die Jugend? Werde ich alt?
O! dann fülle die funkelnde Schale;
warum entweichst du mit aller Gewalt?
Leihe, o leih mir deine Sandale!
Willst du enteilen mit einem Male,
weil ich Tor dich einst Törin schalt?
Jetzt, jetzt preis’ich die leichte Sandale;
horch, o horch, wie mein Loblied schallt!
Reich mir noch Einmal die volle Schale!
Laß sie mich schlürfen zum letzten Male,
eh du enteilt bist -- o halt!! halt! halt --
*
Ach -- muß jeder Traum so enden?
Nüchtern lichtet bald der Tag
meine dämmergrauen Wände.
Und von Stern zu Stern hin sinn ich nach,
wie doch jüngst dein flüchtiger Trost mich freute,
hoch in einer hellen Nacht,
die ich ruhelos wie heute
unter Geistern zugebracht,
Venus Regina.
Ich träumte, und ich wußte, daß ich träume;
ich träumte, eine Fürstin sei gestorben.
Barhäuptig, nur ein spärliches Gefolge
von Trauernden, so stehn wir auserwählt
in einem grauen Raume, dumpf beengt
vom düstern Kreis der alten Sandsteinsäulen,
vom Balsamdufte, den die Tote atmet.
Am Sarkophage, der von Eisen ist,
steht der gebeugte Fürst; von oben stiebt
ein fahles Licht in die Rotunde, streift
sein jugendliches Haar, den Sarg, und flimmert
zu seinen Füßen in der offnen Gruft.
Der Fürst weint. Seine Tränen, einzeln, langsam,
zerblitzen an dem Eisenrand der Truhe;
der Stein des Bodens saugt die Tropfen ein.
Und auf der Truhe les’ich wie im Traum,
nein nicht, ich träume nicht, ich lese deutlich
in großen, grauen, eisernen Buchstaben:
~REGINA SEMPITERNA MORTUA~ --
seltsam: die Herrscherin, die ewig lebt,
die liegt hier tot. Ich habe ein Gefühl:
der Fürst hat seine Gattin sehr geliebt!
Ich höre staunend, wie wir alle singen,
ich selbst mitsingend:
Selig trauern
Edle um ein edles Leben.
Nie verliert sich, was gewesen;
wenn du deines Grams genesen,
wird in Sehnsucht, wird in Schauern
dir dein Wesen
das Verlorne wiedergeben.
Jetzt hat der junge Fürst sich aufgerichtet;
er wendet sich. Es ist ein Kaiser. Ja:
ich träume nicht: es ist ein Deutscher Kaiser,
im Krönungskleide steht er. Nein: es ist:
ich träume doch wohl? ja, du bist mein Freund,
mein einst in Lumpen umgekommener Freund,
in Schuld und Schande, jetzt ein Kaiser -- nein:
ich träume nicht: ich selbst, Ich bin der Fürst.
Ich winke. Meine Edeln nahn und heben
und senken mir mein Liebstes in die Gruft.
Ich höre die gestrafften Seile gleiten,
ich stehe abgewandt, ich weine nicht;
nur selbst mit Hand anlegen konnt ich nicht,
nur nicht es sehn, nur diesen Balsamduft
nicht riechen mehr -- o singt! singt mir das Lied,
ich mag dies marternde Geräusch nicht hören,
ich +will+ nicht schluchzen! Und im Chore schluchz’ich,
schluchzt das Gewölbe:
Selig preisen
Freie ein befreites Wesen.
Was lebendig ist, will leben;
lerne mit den Geistern schweben!
Wenn sie dich aus deinen Kreisen
mit sich heben,
bist du deines Grams genesen.
Und ich beherrsche mich. Mein Herz verlangt
nach Licht. Und während hinter mir gedämpft
die dunkle Halle tönt, tret ich ins Freie --
taumle --: der blaue Mittagshimmel drückt mir
blendend die Augen zu, betäubend stürmt ein
vieltausendstimmiger Jubel in mein Ohr,
der Atem stockt mir, ich erinnre mich,
ich kann jetzt sehn, es ist mein jubelnd Volk,
ich habe gestern ein Edikt erlassen
„Mein Volk soll +fröhlich+ seine Toten ehren“,
so wollte sie’s -- und wieder stürmt der Jubel.
Sie feiern Frühling. In Terrassen leuchtet,
vom Glitzergrün der Wipfel überbrämt,
ein weiter Park von Linden unter mir.
Ich steige nieder. Durch das schwärzliche
Gewirr der Äste glänzt das Festgewühl,
flimmern die Wiesen her. Von weißen Tauben
scheint alles Laub durchschwirrt; ein Maigeruch
bewegt die warme Luft und macht sie köstlich.
Doch Tauben fliegen nicht so wellenlinig --
nein, Blütenquirle! Blüten weißen Flieders,
ein Meer von weißen Fliederblüten quirlt
zwischen dem Menschenjubel. Ich erkenne:
sie fassen, sie verlassen sich im Reigen,
im Reigen reichen sie die Blütenzweige
sich dar, und dem Geruch zuschreitend seh ich:
sie sind ganz nackt. Nein, ihre Glieder atmen
ein Licht aus, das sie einhüllt wie ein Schleier
durchsichtig dicht. Um Hals und Handgelenke
schimmern Geschmeide. Ihre Schultern schmücken
zartzarte Flügel wie von märchengroßen
Tagschmetterlingen oder Blumenblättern;
und wer in Blondhaar geht, hat blauen Schmelz,
wer braun ist, feuerroten -- nirgends Schwarz.
So tanzt mein Volk und schwingt die Fliederzweige
und ehrt den Willen Meiner Lieben Frau
und sieht mich schreiten, wie im Traume schreit ich,
und Jeder jubelt. Und auf einem Rasen
sprudelt ein Brunnen, den ein Schwarm von Mädchen
singend umwandelt:
Tröstliche Lüste
halten im Tode Leben verborgen.
Wissen macht Sorgen.
Wenn er sich drückte an meine Brüste,
wenn er mich küßte,
wußten wir nichts von gestern und morgen.
Mein Krönungskleid beengt mich; eine Wärme
strahlt wärmer als der Himmel aus dem nackten
Geleucht der Jünglinge und Mädchen. Seltsam:
von Schaar zu Schaar beschau ich mir mein Volk:
es sind nur jugendliche Menschen da.
Von Plan zu Plan sucht mein besorgtes Herz:
auch für die Alten ist doch Frühling! Aber
die Alten, seh ich, sind zu Haus geblieben;
sie murren wohl im Zwielicht ihrer Stuben,
sie kennen nicht mein kaiserliches Herz.
O, meine Jünglinge, singt lauter! ihr,
ihr ehrt den Willen Unsrer Lieben Frau --
o lauter! Und das Laub der Linden bebt
vom Chor der Männer:
Lust ist Verschwenden,
leben heißt lachen mit blutenden Wunden,
Jahre sind Stunden!
Wenn sie an deinen beseligten Lenden
schien zu verenden,
hieltet ihr Höllen mit Himmeln verbunden!
Und immer wärmender wird ihr Geleucht,
und immer drückender mein Krönungskleid,
es brennt mich schon, ich werde rasten müssen;
ich will das Fest verlassen! Schon zerfließt
das Spiel der bunten Flügel fern im Grünen;
die Schultern schmerzen mir, der Park scheint endlos.
Die Bäume werden dichter, werden Wald;
ich komme in ein Tal voll alter Birken,
ich atme auf. Hier dringt der helle Jubel
nur noch wie heiliges Wipfelbrausen her,
kaum lauter als der Quell, der meinen Fußpfad
murmelnd begleitet. Tiefer sinkt das Tal
und biegt um einen Vorsprung, und der Quell
zerrieselt im Geröll zu Silberfäden,
die wie ein Lied -- nein: eine Stimme klingt --
das Tal wird Schlucht, ein Strudel blinkert unten,
die Birken streun bewegte Schatten drauf,
ein Brückensteg -- und am Geländer lehnen
von Sonnenlichtern überdämmert zwei
der nackten Mädchen. Singend läßt die Blonde
ihr Haar vom Wasserstaub besprühn, ich horche,
ich bebe -- träum ich denn? -- sie sieht mich, Beide
sehn mich und singen:
Warum beben?
Nur im Herzen ist es dunkel.
Was die Tiefen uns gegeben,
auszuleben,
mahnt des Baches Quellgefunkel.
Nein, nicht Traum! nein: mein süßer Schreck ist Leben!
und ihre Stimmen leben; Beide lebt ihr!
Du aber, Du da mit den Himmelsfarben,
du hast die Stimme Meiner Lieben Frau,
du sollst mein Trost sein, wie sie mir verhieß! --
Ja, sie erwartet mich: sie winkt, sie kommt.
Ich sehe, wie der Schimmer ihrer Brüste
zwischen den Birken auftaucht, klar und klarer.
Schon hebt sich deutlich von den weißen Stämmen
ihr Hals ab, ihr Türkisenschmuck und Arm,
ihr Gang, und der Rubinenschmuck der Andern.
Wie Atemzüge höht und senkt sich sacht
der Flügel Himmelsblau und Höllenrot.
Schon kann ich ihre Augenlichter sehn;
und seh sie, sehe sie, und wieder schießt mir
der süße Schreck vom Herzen in die Schläfen,
denn Du da, Du da mit den +braunen+ Augen,
du hast die Augen Unsrer Lieben Frau,
du sollst der Trost sein, den sie mir verhieß! --
Jetzt haben sie sich Hand in Hand gefaßt;
sie bleiben stehn, sie winken mich heran;
hinab! hin! ich! Sie fliehn; ich keuche schon.
Sie schwimmen durch den Bach ans andre Ufer.
In meinem Krönungskleide breit’ich ihnen
die Arme nach; ihr helles Lachen klingt.
Sie stehn und singen:
Kannst du schweben?
Aus dem Tal der Einsamkeiten,
wo die Kräfte sich erheben,
lockt das Leben
heim zum Wettspiel die befreiten.
Sie wenden sich, sie wollen mich verlassen,
wieder hinauf die Schlucht, zurück zum Fest.
Sie brechen Zweige vom Gebüsch, sie kränzen
im Gehn ihr Haar damit -- o bleibt doch! wartet!
ich kann nicht nach so schnell! der Wassersturz!
die Brücke liegt zu weit! mein Krönungskleid,
mein schweres Krönungskleid, o wartet doch,
ich werf es ab! da liegt es! +O wie leicht
atmet der nackte Mensch!+ -- Das Wasser schäumt mir
um Brust und Schultern. Ich bin drüben; ich
erreiche euch! Sie flüchten. Ich bin schneller.
Ich höre hinter mir ein Schwirren: ich
bin +auch+ beflügelt. Sausend, doppelfarbig,
aus Himmelsblau und Höllenrot geflammt,
treibt mich mein Schwingenpaar der Blonden zu:
ich halte sie. Ich -- Beide muß ich haben:
dich mit den braunen Augen will ich noch!
Jetzt! -- Nein. Die Blonde ist entschlüpft. Sie jauchzen.
Sie reichen sich die Hände. Jubelrufe
begrüßen unsre Jagd; Gesang; ein Reigen
tanzt blütenschwingend uns vom Fest entgegen.
Jetzt: zwischen meinen Fingerspitzen -- ja:
hier braun, hier blond, ihr fliegendes Haar -- und jetzt:
ich halte +Beide+ ... ach ... ich bin erwacht.
*
Wie verschüchtert stehn die Sterne;
manche sind schon fast verschwunden.
In der zwielichtfahlen Ferne
mahnen sie an schwache Stunden.
Aus den hohen Häusern drüben gähnen
alle Fenster dicht verhangen.
Wieviel Lust mag da sich schämen
unter den geschminkten Wangen.
Wieviel Freiheit hockt da mißgestalt.
Freude, Freude, laß mich nicht verzagen!
Über jenes Dach wird bald,
bald der Morgenstern sich wagen.
Dunkle Allmacht, die ihn sendet,
hilf mein suchendes Herz behüten,
daß nicht neuer Trug es blendet!
Nein, hilf +nicht+! ich will’s nicht hüten!
Trotz dem Notschrei des Propheten,
trotz der tausendjährigen Fleischverfluchung,
will ich wieder und wieder beten:
führe, führe uns in Versuchung!
Sei gepriesen, ewige Leidenschaft!
Wer Gefahr scheut, kann nicht siegen.
Laß uns mit geprüfter Kraft
aufstehn, wenn wir unterliegen!
Herz, vertraue deinem Triebe!
Seele, deine Weltbetrachtung
wird nur durch den Mut der Liebe
frei von Ekel, Reue und Verachtung.
O, schon spürst du’s! Sieh, da steht sie wieder
trostreich vor dir, wie sie damals stand,
als sie innerst aus dem Äther nieder
ihren Pfad in deine Kammer fand:
Venus Consolatrix.
Da kam Stern Lucifer; und meine Nacht
erblaßte scheu vor seiner milden Pracht.
Er schien auf meine dunkle Zimmerwand,
und wie aus unerschöpflicher Phiole
durchflossen Silberadern die Console,
die schwarz, seit lange leer, im Winkel stand.
Auf einmal fing die Säule an zu leben,
und eine Frau erhob sich aus dem Glanz;
die trug im schwarzen Haupthaar einen Kranz
von hellen Rosen zwischen grünen Reben.
Ihr Morgenkleid von weißem Sammet glänzte
so sanft wie meine Heimatflur im Schnee,
die Rüsche aber, die den Hals begrenzte,
so blutrot wie die Blüte Aloe;
und ihre Augen träumten braun ins Tiefe,
als ob da Sehnsucht nach dem Südmeer schliefe.
Sie breitete mir beide Arme zu,
ich sah erstaunt an ihren Handgelenken
die starken Pulse springen und sich senken,
da nickte sie und sagte zu mir: Du --
du bist mühselig und beladen, komm:
wer viel geliebt, dem wird auch viel verziehen.
Du brauchst das große Leben nicht zu fliehen,
durch das dein kleines lebt. O komm, sei fromm!
Und schweigend lüpfte sie die rote Rüsche
und nestelte an ihren seidnen Litzen
und öffnete das Kleid von weißem Plüsche
und zeigte mir mit ihren Fingerspitzen,
die zart das blanke Licht des Sternes küßte,
die braunen Knospen ihrer bleichen Brüste,
dann sprach sie weiter: Sieh! dies Fleisch und Blut,
das einst den kleinen Heiland selig machte,
bevor ich an sein großes Kreuz ihn brachte,
Maria ich, die Nazarenerin --
o sieh, es ist des selben Fleisches Blut,
für das der große Heiland sich erregte,
bevor ich in sein kleines Grab ihn legte,
Maria ich, die Magdalenerin --
komm, stehe auf, und sieh auch Meine Wunden,
und lerne dich erlösen und gesunden!