und dehnte sich in ihrer nackten Kraft;
wie heilige Runen standen auf der prallen
Bauchhaut die Narben ihrer Mutterschaft,
in Linien, die verliefen wundersam
bis tief ins schwarze Schleierhaar der Scham.
Da sprach sie wieder und trat her zu mir:
Willst du mir nicht auch in die Augen sehn?!
Und meine Blicke badeten in ihr.
Und eine Sehnsucht: du mußt untergehn,
ließ mich umarmt durch tiefe Meere schweben,
mich selig tiefer, immer tiefer streben,
ich glaube auf den Grund der Welt zu sehn --
weh schüttelt mich ein nie erlebtes Leben,
und ihren Kranz von Rosen und von Reben
umklammernd, während wir verbeben,
stamml’ich: o auf -- auf -- auferstehn! --
*
Auf! In solcher Tiefe kann
ruhig nur die Urkraft strudeln.
Furchtsam fühl ich reifer Mann
wieder Kindheit in mir sprudeln.
Aber diese Furcht ist herrlich kühn,
ist die Ehrfurcht vor dem Übermächtigen.
Mit Entzücken seh ich euch verblühn,
bleiche Sterne! Sanft verdrängt die nächtlichen
Einzellichter ein noch kaum Geleuchte,
aber leuchtend wird es kühner:
Wo mir nichts als Grauen deuchte,
fängt ein Häuflein silbergrüner
Morgenwölkchen an zu gaukeln,
Hoffnungsinseln, goldgeränderte;
an den weißen Ufern schaukeln
Freiheitsgondeln, buntbebänderte.
Wohl, sie werden bald zerfließen,
aber ihre Farbenwellen
wirbeln weiter und ergießen
Trost in tausend Kerkerzellen.
Dankbar staun ich in das Lichtgetriebe:
all der Glanz ist mir durch Dich entglommen,
Dich, du eine, einende Liebe,
der die Lüste alle frommen,
Venus Universa.
Du sahst durch meine Seele in die Welt,
es war auch Deine Seele: still versanken
im Strom des Schauens zwischen uns die Schranken,
es ruhten Welt und Du in Mir gesellt.
Dein Auge sah ich grenzenlos erhellt:
Erleuchtung fluteten, Erleuchtung tranken
zusammenströmend unsre Zwiegedanken,
in Deiner Seele ruhte Meine Welt.
Und ganz im Weltgrund, wo sonst blindgeballt
entzweite Lüste hausen voller Fehle,
enthüllten sich auf einmal unsre Hehle
vereint als lauter Liebeslustgewalt.
Denn Liebe ist die Freiheit der Gestalt
vom Bann der Welt, vom Wahn der eignen Seele.
*
Das ist Liebe. Und mit leichtem Sinn
gäb ich all mein ernstes Selbstbeschauen
spielbereit für Dein Empfinden hin,
du liebseligste der Frauen!
Ja, solch Spiel das ganze Leben,
Lieberes könnt ich nicht erwerben;
Frohsinn hast du mir gegeben!
Doch -- auch Du, auch Du wirst sterben.
Wild und wehe und zum letzten Mal
wird mein Herz an deinen Leichnam schlagen;
still in unserm Freudensaal
wird dein steinern Bildnis ragen.
Einsam werd ich wieder dann erschauern
vor den wirren Weltgewalten;
oh Vernunft, sie überdauern
unser menschliches Gestalten.
Blaß im Leeren steht der Morgenstern,
nur noch wie ein überflüssiges Pünktchen;
und doch hängt sich immer wieder gern
jede Seele an dies Fünkchen.
Bis aufs Meer hin sieht mein Geist es stehn
über tausend angstbefahrenen Gleisen,
sieht’s in teilnahmloser Bahn sich drehn
bis ans Ende aller Erdenreisen --
sieht die Schaaren der vom Sturm Umbrandeten,
die Myriaden der nach Rettung Winkenden,
der Gescheiterten, Gestrandeten,
der Verschmachtenden, Ertrinkenden --
sieht sich mitgequält von all der Qual:
Seele, Seele, stirbst du nicht vor Grausen?!
Aber da vertreibt den trüben Schwall
eine Stimme, sternhin ein Erbrausen:
Venus Heroica:
Psalm an den Geist
Bleibe dir heilig, Geist,
Herr deiner Seele!
Ein fremder Schein beirrt dich noch:
was spähst du nach Schiffen im Nebel,
von Andern gelenkt?!
Aus deinem Leuchtturm blickst du hinab,
und Ströme, auf denen der Erdball durchs Weltdunkel rast,
reißen an dir und reizen zum Sturz
hinunter ans lauernde Ufer.
Dort standest du schon als Jüngling;
und während Woge auf Woge kam,
schriebst du, den Krückstock tief einbohrend,
Namen auf Namen in den feuchten Triebsand,
geliebte Namen -- und keiner blieb.
Manche taten schon so
und wurden stolze Verzweifler.
Aber mächtig macht nur der Glaube;
und Niemand lebt, den sein Tiefstes
nicht noch über die Sonne hinaufweist,
über die Sterne, und weiter.
Sahst du nicht gestern die Zimmerleute,
wie sie die Leiche auf der Leiter trugen,
vom Neubau weg:
machte nicht jeden ihrer schweren Schritte
die Kraft des Abgestürzten
sichrer als je ihn selber?!
Wahrlich, Keiner von Diesen
wird sich zu Tode stürzen;
und wenn sie einst den Geist aufgeben,
wird jede dieser sechs Handwerkerseelen
-- wir Alle sind Erben --
hell triumphierend an den Schauder denken,
als sie den Andern auf seinem Werkzeug trugen.
Bleibe dir heilig, Geist:
+Herr+ deiner Seele!
*
Auf denn, Seele! reck die Glieder!
fast beschämt mich mein Geträume;
draußen hör ich meinen biedern
Schuster schon am Werktisch räumen.
Und sein närrischer Altgeselle
wird nun gleich nach Frühstück brüllen
und mich dann mit Bibelstellen
ganz wie Tolstoi mürbe knüllen.
Warte nur, verehrter Schutzpatron:
heut kommts anderst! Mit den Mucken
deiner christlichen Passion
kannst du dann den Pechdraht jucken.
Ja, ihr würdigen deutschen Volks-Betbasen,
faltet nur entsetzt die Hände!
Ehre genug für eure jüdischen Phrasen,
daß ich meinen Groll euch spende.
Lachen sollt ich, daß der Himmel kracht,
über euer Menetekel;
wie mein gallischer Freund Charles Simon lacht,
wenn ich fluche „fin de siècle!“
Himmel! kaum begreif ich noch die Sorgen
meiner düstern Selbstbetrachtung;
fröstelnd wie der junge Morgen
reiß ich mich aus der Umnachtung.
Nur noch Einmal will ich rückwärts schaun
auf die grimmigen Wochen meiner Haft;
nein -- sie wehrt es mir mit letztem Grauen,
sie, die Stimme unsrer Schaffenskraft,
Venus Mea.
Der Himmel gähnt, der Tag ist auferstanden,
ich habe nun genug geschaut nach Osten;
die Seele will in ihren Abendlanden
Vollendung kosten.
An dem Tor des neuen Evagartens
steht ein knöchernes Gerippe,
mit dem Ausdruck des Erwartens,
aber nicht mehr in der Faust die Hippe.
Sein Scheitel schimmert; eine Phönixfeder
ragt aus der Rechten steil zum Sonnenrand,
die spiegelt flammenfarbig, was je Jeder
sann und empfand.
In der Stunde einer Liebesfrucht
sprüht ein Strahl aus diesem Spiegel;
dann erlischt die Wonnesucht,
keusch empfängt der dunkle Keim sein Siegel.
Schon dämmert Glanz; kristallne Ketten hängen
klar her zu dir aus väterlichen Sphären.
So sollst auch Du dich aus der Dämmrung drängen
und dich verklären,
Seele, bis dein grau Gehirn sich lichtet,
wie die Sonne scheint durch Eis,
und dir deine Brunst beschwichtet
und im Traum selbst deinen Willen weiß.
Noch flimmerts erst; tief lockt die alte Nacht
mit ihrer Schaar verworrner Muttergluten.
Doch du wirst weiterstrahlen! du bist Macht!
sieh, rings sind Fluten:
wenn zwei Liebende zusammensinken,
durch dein Glanzbild einst begeistert,
und im Rausch dann blind ertrinken,
wird ihr Keim von Deinem Geist gemeistert.
So tagt es. Mit dem Ausdruck des Verächters
sollst du dem alten Garten kalt entschreiten;
dir weist die Phönixfeder unsres Wächters
Unsterblichkeiten ...
*
Nun verblich der Stern der Frühe;
meine Augenlider brennen.
Und die Sonne kann mit Mühe
die gefrornen Nebel trennen.
Mich verdrießt mein nächtlich Brüten.
Drüben an den Häuserwänden
sprießen diamantne Blüten.
Meine Prüfung kann nun enden.
Dieser Keller: dumpfer Zwinger!
Auf die dunstbelaufnen Scheiben
will ich breit mit steifem Finger
+Venus Rediviva+ schreiben!
Denn ich weiß, du bist Astarte,
deren wir in Ketten spotten,
Du von Anbeginn, du harte
Göttin, die nicht auszurotten.
Ich jedoch war weich wie glühend Eisen;
darum sollst du mich in Wasser tauchen,
bis mein Wille läßt sein siedendes Kreisen
und der Stahl wird, den wir brauchen.
+Nicht+ mehr will ich meine Brunst kasteien,
bis sie mit berauschter Durstgeberde
wünscht, daß unsre +Lüste+ fruchtbar seien
und ein Wurm zur Göttin werde.
Nach der Nacht der blinden Süchte
seh ich nun mit klaren bloßen
Augen meine Willensfrüchte;
denn ich bin wie jene großen
Tagraubvögel, die zum Fliegen
sich nur schwer vom Boden heben,
aber, wenn sie aufgestiegen,
frei und leicht und sicher schweben.
Glitzernd harrt mein Horst. Du Eine,
die ich liebe: Ja und Amen:
heute komm ich! heut soll meine
+Klarheit+ deinen Schooß besamen!
Schon errötet dort ein Giebel;
Sonne, mach ein bißchen schneller! --
Tolstoi, bring mir meine Stiebel,
heut verlass ich deinen Keller! --
Druck der
Spamerschen Buchdruckerei
in Leipzig