dem saß der gelbe Wolf im Blick.
Zittrig über sein hart glatt Kinn
strich sein Krallennagel hin;
ein goldnes Münzenarmband hing
ihm ums Handgelenk und machte kling.
Seine breitroten Lippen glühten
durch den magern Schnurrbart wie Dornstrauchblüten,
die Backen schmeckten ein Gericht;
dann senkte sich wieder sein Gesicht.
Ich sah eine lautlos stürzende Meute,
mit keuchenden Zungen, durch bleiche Nacht,
steif die Ruten gesträubt, fern Schlittengeläute,
die witternden Nüstern steil ins Weite,
in wütender Jagd --
und jeder aus der schäumenden Masse
würde, den heißen Hunger zu kühlen,
blind auch im Fleisch des eignen Geschlechtes wühlen --
da bemerkte mein Freund: Du, auch der Kerl hat Rasse!
Jetzt wurden sich die Beiden schlüssig,
sie trafen sich mit ihren Augen;
die schienen sich ineinander zu saugen,
fast durstig und fast überdrüssig,
ganz langsam. Und plötzlich stand mir klar
das große nackte Schneckenpaar
in dem nassen Fliegenpilz vor Augen,
das ich gestern traf im feuchten Park;
ich sah die beiden schwarzen Schleime
in dem weißen Fleische, dem giftigen Mark
des roten Pilzes schmausen und saugen
wie in einem Honigseime --
und sah dort drüben den Gattenblick.
Ich mußte: ich schob den Stuhl zurück:
Komm! stieß ich mit dem Freunde an.
Er wunderte sich: Warum denn, Mann?
Komm, sagt’ich, bitte, tu mir die Liebe! --
Wir gingen. Wir traten auf die Straße,
ins Wagengerassel, ins Menschengeschiebe,
und immerfort hört ich: Rasse! Rasse! Rasse! --
*
Immer fort -- selbst +sie+ bespähend,
die Genossin meiner Wahl,
o wie lieblos ihre Huld verschmähend
unter meines Argwohns Qual:
Bettle nicht vor mir mit deinen Brüsten,
deinen Brüsten bin ich kalt!
Tausend Jahre alt
ist dein Blick mit seinen Lüsten.
Sieh mich an, wie du als Braut getan:
mit dem Blick des Grauens vor der Schlange!
Viel zu lange
war ich, Weib, dein Mann.
Willst du Gift aus meinem Fruchtkern saugen?
Unerreichbar ist er deinem Biß!
Kaum erst keimt mein Paradies;
such es! öffne deine Menschenaugen! --
Und wir suchten. Aber auf dem Wege
fanden wir uns seltsam aufgehalten,
kam uns ein verirrter Geist entgegen,
altbekannt, doch nicht der alte:
Amor modernus domesticus.
Er ritt ein dunkelgraues Eselchen,
zwei bunte Tiere liefen vor ihm her,
wir konnten sie von ferne nicht erkennen.
Wir gingen still durch eine stille Flur,
ich und die Frau, die mir aus Liebe treu blieb,
wir gingen langsam eine lange Straße.
Die Pappeln zeigten schon vergilbte Blätter,
ein Dornbusch setzte neue Blüten an,
der Himmel schien auf abgemähte Wiesen
und streute Schatten auf die bunten Tiere;
Dorfkinder trabten um das Wunder mit.
Als nun aus ihrem Schwarm das Ohrenschütteln
des Eselchens allmählich mehr hervortrat,
erkannten wir: die Tiere hatten Hörner
und ihre Farben waren nicht Natur:
vor einem blaugetünchten Ziegenbock
lief eine schwarz und rot gefleckte Ziege.
Der Reiter aber auf dem Eselchen
war ein entzückend wilder schwarzer Krauskopf,
und lächelte mit jungen roten Lippen,
und seine blauen Augen rührten mich.
Vor ihm und hinter ihm auf seinem Grauchen
hing allerlei unnützer Tändelkram,
wie Liebesleute sich zu schenken pflegen:
und jedes Stück war grell in Rot und Blau
und Schwarz mit einem Heiligenbild bemalt,
ich dacht an Hölle, Himmel und den Tod.
Der schöne Junge aber nickte hold
und rief uns beiden zu: „kauft, liebe Leute!“
und hob glückselig seine Waare hoch.
Auf einmal kam das bunte Ziegenpaar
mit kläglichem Gemecker angesprungen,
daß sich der Kinderschwarm beiseite drückte,
und ich erschrak bis in die Eingeweide:
ich sah, der schöne Junge war verkrüppelt.
Die Beine hörten mit den Knieen auf,
die linke Hand war nur ein spitzer Stumpf,
der rechten mangelte der Zeigefinger.
So saß er zügellos auf seinem Grauchen
und schüttelte den schwarzen wilden Krauskopf
und hob glückselig seinen Kram noch höher
und sah uns rührend und entzückend an.
Und während ich noch stand und schauderte,
durch welch ein Unheil so entstellt sein mochte
die Lieblichkeit und Leiblichkeit des Lebens,
sagte die Frau, die mir aus Liebe treu blieb:
„Der arme Bursche! wie er sich verstellt!“
Der schöne Krüppel aber lächelte
und sprach: „So wenig wie mein Eselchen!
nur meine beiden Ziegen tun mir leid.“
Sie fragte: „Warum dann bemalst du sie?
das muß dir doch sehr große Mühe machen;
durch welch ein Unheil bist du so entstellt?“
Da wurden seine roten Lippen traurig,
er blickte scheu auf seine Heiligenbilder
und sagte leise vor sich hin: „+Geschäftspflicht+“ --
die blauen Augen winkten uns Lebwohl.
Noch lange sahn wir in der langen Straße
zwischen den Pappeln die Dorfkinder traben,
und sahn sein dunkelgraues Eselchen
und ab und zu sein buntes Ziegenpaar;
der Himmel schien auf abgemähte Wiesen.
*
„Pflicht“ -- o Schreckwort jeden Übermuts --
spukhaft fuhr mir’s durch die Knochen.
Stockte nicht vor lauter Pflicht mein Blut?
Sollt ich selbst mich unterjochen?
Treue -- ah! du Deckwort jeder Knechtschaft --
wütend schlug ich’s in den Wind.
Gab mir meine Qual nicht Rechenschaft,
was für Übel alle Tugenden sind?!
Noch auf meinem stillen Lager heute
mahnt mich all mein reuiges Ringen
an die Wüstheit jener Rittersleute,
die vor Gottgier meist zum Teufel gingen.
Wie entraff ich mich dem heiligen Greuel?
Infernalisch wie ein blitzegeschwänzter
Drache lockt mich meiner Zweifel Knäuel --
niemals sah ich die Nacht beglänzter!
Gleißner ich! mit was für Reizen
hab ich stets mein Bestienpack bedacht,
vor mir selber mich als Priester spreizend,
der gewaltige Sündenböcke schlachtet!
Wie empfand ich mich als Sittenrächer,
der den Dämon seines Bluts befriedigte,
während ich, ein simpler Ehebrecher,
mich zu dir erniedrigte,
Venus Adultera.
Komm, Schatz; komm, Katz; laß das Wimmern!
Nein, das darf dich nicht bekümmern,
daß ich nicht „treu“ bin; rück nur her!
Komm, ich hab ein Dutzend Seelen;
wer kann all die Kammern zählen,
sechse stehn mir grade leer.
Sieh nicht auf den Ring an meinem Finger!
Hoh, mein Kind, ich bin viel jünger
als mein narbigtes Gesicht.
Weißt du, die Runzeln und die Hiebe
tun erst die Würze zu Ehre und Liebe!
Ja, das nannt ich als Student schon Pflicht:
Viel geliebt! noch mehr getrunken!
kuscht euch, Unken und Hallunken!
heida, wie der Schläger pfiff!
Soll das Leben dir was nützen,
lerne brav dein Blut versprützen:
nicht gezuckt! los! blick und triff! --
Hast doch auch schon „Blut“ verspritzt,
oft -- -- hui, wie dein Auge blitzt:
zürnst wohl gar dem frechen Buben?
Was denn: Tränen?? o nicht doch! oh!
Herzchen, so’was lernt man so
in der Luft der Ehestuben!
Komm: sei gut, Kind! gib mir die Hand!
Hast ja Mut, Kind -- und hast Verstand:
nein, ich will dich nicht verführen.
Aber gelt, du wärst gern Braut?
Hier das Venushalsband deiner Haut
läßt verhaltene Wünsche spüren.
Sieh mich doch an, du: ich bin kein Dieb!
habe das Halsband nur so lieb
und deine dunkeln Augenringe.
Sieh doch, mein Blick ist ein zündender Pfeil,
sprühenden Fluges ein sausendes Seil:
komm, durch Höllen und Himmel soll’s uns schwingen!
*
Ja -- so wird aus Sehnsucht Sünde;
Hölle, die den Himmel stürmt.
Seele öffnet alle Schlünde,
die der Geist rings mühsam übertürmte.
Und Natur schürt wieder alle Gluten,
die der Mensch beherrschte in Gedanken;
lüstern lecken ihre Lavafluten
an dem Erzgerüst der heiligen Schranken.
Wie es hinschmilzt! Wer kanns kalt beschauen?
Nur der Mond in seiner Leichenpracht.
Und die Seele badet sich im Grauen,
und der Geist buhlt mit der Nacht.
Bis er Frevel heckt wie Don Juan,
der nur lüstern war aus Qualengier,
ein vom Teufelswahn verlockter Gottesmann,
freudeloser als ein Tier.
Nein, nicht Lust wars, du Jungfräuliche,
als ich deine Opferfreude schmeckte;
ich genoß nur das Abscheuliche,
zu entweihn dich Unbefleckte,
Venus Maculata.
Drum komm, o komm, noch einmal schweigt
so voll ins Feld, so glanzbereit
der Mond ins Feld; noch einmal zeigt
die weite Nacht,
die zweite Nacht,
mir deine nackte Seligkeit.
O komm, o komm, ich will dich sehn!
rings rauscht der alte Eichenhain;
die langen Wiesenhalme stehn
so still, so weich
am kleinen Teich,
und schimmernd tauchen wir hinein.
Und schimmernd, schimmernd heb’ich dich
heraus ins dunkelgrüne Kraut;
dein schwarzes Haar umrieselt mich,
der Tau wird warm,
und Arm um Arm
erkennt den Bräutigam die Braut.
Und dann -- o dann -- o flieh! -- denn dann:
wir hatten Schooß in Schooß geruht:
von einer weißen Blüte rann,
du sahst es nicht,
im bleichen Licht
ein Tropfen Blut -- Dein Tropfen Blut ...
*
Eitle Rührung, frech Bedauern,
Räubermitleid nach dem Raube.
Oder wars ein echt Erschauern?
Narr, was fragst du -- glaube! glaube!
Selbst der Reinste muß erleben,
von Verführungen umtobt,
daß der Geist sein wahres Streben
an Verirrungen erprobt.
Und da lass ich mich von schalen
Skrupeln bis aufs Blut zerquälen?
hier, wo hochher Sterne strahlen,
die zu frischem Mut mich stählen!
Nein, ich will mirs kühn bekennen:
auch die Lüste, die wir schuldbewußt
Unnatur und Unzucht nennen,
sind Natur und neue Züchtungslust --
ich, der selber einst tiefinnen
nur empor nach freierer Menschheit ächzte,
während meine tierischen Sinne
doch nach Dir tyrannisch lechzten,
Venus Perversa.
Dort sitz nieder! sieben Kreuze
zwischen uns! und gönn mirs: sei nicht Tier!
Sondern ich suche andere Reize:
Dich: komm, liebe dich vor mir!
Dich nur, Dich! nur deine verschmachtenden Blicke
und deine zuckende Scham und deine scheuen
Seufzer gönn mir -- ja, entzücke
mich mit Deinen Rasereien!
Oh du, wenn die Knospen deiner welken
Brüste unter deinen tastenden Fingern
wieder schwellen wie in jüngern
Nächten -- oh, dies Schwelgen --
gönn mir’s, gönn mir’s! Meine eigenen Freuden
sind mir Schaum, der bitter ist --
aber Du, wenn Du so stöhnst und glühst,
will ich mich an Deiner Wildheit weiden:
wie du gleich enttäuschten Bräuten
deine einsame Sehnsucht stilltest,
deine heimlichen Seligkeiten
mit berauschten Händen fühltest --
fühlst -- stillst -- -- Seele, bricht dein Blick?
Oh du, laß mich diesen Blick genießen!
dies Verröcheln von Lippen bis zu Füßen!
recke dich nicht so starr zurück --
Ekelt dich? -- Ah --: witterst du nun den reifen
+Menschen+? bist du satt der Kuhnatur?! --
Und wir schaudern: wir begreifen
den Triumph der Unnatur.
*
Wohin fliehn nach solchen Wonnen?
Damals lernt ich die Ekstasen
der entbehrungssüchtigen Nonnen
würdigen, und das geistige Rasen
derer, die vor lauter Brünsten
nach der reinen Inbrunst schreien,
während sie mit Marterkünsten
bis zum Rausch ihr Fleisch kasteien.
Wahrlich, wenn der Heiligen einer
jetzt vor meinem Bett erschiene,
brünstiger als ich rang keiner!
Und mit eingeweihter Miene
dürft ich ihm die Hände reichen:
Komm, hier kannst du ruhig beten.
Mußte doch selbst sie mir weichen,
die Versucherin der Asketen,
Venus Mystica.
„Ich möchte die Flamme umarmen!“
Aus schwerem Schlaf
in stiller Nacht
weckte mich dies Wort;
ich weiß nicht, wer es sprach;
Stimme, wer bist du?
Nackt, mit bettelnden Fingern,
weiten Armen,
mit Weibesbrüsten,
ein irrer Mund,
flehst du aus der Nacht
die große strahlende Flamme an?
Weg! sie brennt!
Trunken naht ein grauer Blick,
schwelt:
um die klare Glut
mit beiden Knieen
schlingt sich heiß ein hitziger Schooß.
Weib: so nicht!
Kalt, aufrecht seh ich
in dein rauchschwarz flackerndes Haar
die lichte Lohe fassen,
dich verzehrend.
Rein und ruhig
steigt die feurige Säule
aus der kurzen Beschattung
mit dir auf.
Stimme, so, nun darfst du
-- jauchze! -- die Flamme umarmen.
*
Wohl, so hat mein Herz in Züchten
mein unzüchtig Blut bekämpft,
hat in Angst vor seinen Süchten
seine Sehnsuchtsglut gedämpft,
hat mir Sieg auf Sieg errungen,
aber Frieden, Frieden -- nein!
In gespenstischen Peinigungen
lebt ich schreckhaft, bis selbst Dein
reines Lichtgelüst mich reute,
tief in einer trüben Nacht,
die ich schlaflos so wie heute
unter Geistern zugebracht,
Venus Idealis.
Ich lag in Zweifeln schon die halbe Nacht:
Mich treibt ein Geist, und folgen muß ich ihm,
doch +darf+ ich folgen? ists ein Geist der Wahrheit?
ists Eitelkeit? so rang ich mit der Nacht.
Und furchtsam dacht ich an das unverstandne
Gebet der Kindheit: nicht wie Ich will, Vater,
in Deine Hand befehl ich meinen Geist!
Und heftiger rang ich, wie einst Jesus rang.
Da bannte mich der Geist in Traum. Ich stand
an eines Weltmeers aufgewühlter Fläche.
Sehr finster war’s. Doch finstrer ragte noch,
zackig ins Himmelsdunkel hochgetürmt,
ein starr Gebilde wie ein Felseneiland.
Dumpf um es schnob und brodelte die Flut;
und ich erkannte, eine Sintflut wars,
die ein verwittertes Stück Welt zerfraß.
Auf einmal wurde Licht; grell quoll der Mond
durchs wechselnde Gewölk, die Brandung glänzte,
und hoch im Gischt in grauenhafter Ohnmacht
rangen zwei letzte Menschen, Mann und Weib.
Ich sah sie sinken. Doch noch einmal tauchte
das Weib krampfhaft aus Sturz und Strudel auf:
der nackte Körper bäumte sich im Schaum,
und schimmernd, während ihn der Schwall verschlang,
entwand sich ihrem zuckenden Schooß ein Kind.
Da wars, als käm ein Staunen in den Aufruhr;
der Mond besänftigte die wüste Flut,
die Wellen hüpften um das kleine Leben
und wuschen es und wiegten es und trugen
es langsam durch die Klippen an das Eiland.
Und nun gewahrt ich auf dem schroffen Gipfel
ein andres Weib. Schwarz, ganz und gar verhüllt,
in riesenhafter Starrheit saß sie da;
es war, als ob ihr Haupt die Wolken streifte,
+ein+äugig starrte sie aufs Meer hinab,
und bis ins Mark verwirrte mich der Blick.
Doch furchtlos langte nach ihr auf das Kind.
Und nieder zu ihm neigte sich die Hohe,
und nahm es mit gelassner Hand ans Herz,
und öffnete die Tücher ihrer Brust,
und tränkte es, und küßte es, und schaute
ihm traumhaft in die Augen; liebreich glomm
ihr Blick hinüber in des Kindes Blick,
als zündete sie drin das Seelchen an.
Und in dem Arm der Riesin wuchs das Kind,
und wuchs, und sprach das erste Wort, und wuchs.
Da nahm es von der Brust die Rätselhafte
und setzte mit gelassner Hand es wieder
hinab ans Ufer, wo ein neues Land
sich aus den Fluten hob, und hieß es gehen;
ihr stummer Blick wies in die blasse Ferne,
dann saß sie starr und dunkel wieder da.
Auf stand der Knabe, Furcht befiel auch ihn,
der erste Schmerz verstörte seine Stirne;
und scheu gehorchte er, und ging, und wuchs,
und immer wachsend ging er immer weiter,
bis ich im Morgendunst des Horizonts
ihn einem Schatten gleich verschwinden sah.
Nicht achtete das Weib des Wandrers mehr;
weitäugig starrte sie hinaus aufs Wasser,
als müßten immer neue Menschlein kommen,
sich Leben holen hoch an ihrer Brust.
Da konnt ich ihren Blick nicht länger dulden:
nur Einmal wollt ich in dies Auge sehn,
dies Geisterauge, das dort oben über
der grauen Flut aus seiner schroffen Höhe
so groß und bleich im Mondlicht flimmerte.
Und bittend, bettelnd hob ich meine Hände:
O komm! komm her zu mir und sieh mich an,
wie du den Säugling ansahst! Einmal nur
tu mir das Wunder deines Wesens auf!
Gib mir Erkenntnis! gib mir Ruhe, Ruhe! --
Da stieg sie dröhnend von dem Felsgrat nieder.
Vor ihren Schritten teilte sich die See.
Und näher, immer näher kam sie dröhnend.
Vor Schreck und Jubel sank ich in die Kniee.
Selige Tränen übermannten mich.
In strudelnden Farben floß ein Lichtmeer um mich.
Da stand sie vor mir, beugte sich herab.
Mit bleierner Faust umspannte sie mein Kinn
und bog es hoch. Aus meinen Tränen mußt ich
sie ansehn: Aug in Auge -- oh Erkenntnis:
Stein war es! Stein! ein glotzender Opal! --
Laut schrie ich in die Nacht, und wachte auf;
da sah ich weinend in den grellen Mond.
*
Ohnmacht, Scham, Verzweiflung, Selbstgefühl
schrien mir zu: Spei deiner Qual ins Antlitz!
Lachhaft, lachhaft ist dein Kampfgewühl,
Gottnatur ist Menschenwahnwitz!
Menschheit ist ein sehnsuchtstrübes Rühricht,
überspannt von einem Regenbogen.
Darauf steht die schillernde Inschrift:
hier wird grenzenlos gelogen!
Brauchst du Rausch, den hat dir echt und klar
Noah nach der Sündflut schon erschlossen!
Und ich brauchte ihn fürwahr.
Wißt ihrs noch, ihr alten Zechgenossen?
Strindberg, herrlichster der Hasser,
Scheerbart, heiliges Riesenkänguru,
und vor Allen Du, mein blasser,
vampyrblasser Stachu du,
der mit mir durch manche Hölle
bis vor manchen Himmel kroch,
Cancan tanzend auf der schwindelnden Schwelle --
Przybyszewski, weißt du noch:
wie wir, spielend mit der blöden
Sucht nach unserm Seelenheile,
aufgestachelt von der öden
Wüstenluft der Langenweile
und der Glut der Toddydünste,
unser Meisterstück begingen
in der schwierigsten der Künste:
über unsern Schatten zu springen?!
Wie wir jedes Weib verpönten,
das nicht männlich mit uns tollte;
wie wir selbst auf Nietzsche höhnten,
der noch „Werte“ predigen wollte!
Denn auch wir, wir waren jeder
mehr als weiland Faust verschrien.
Darum schrieb ich auf mein Dichterkatheder:
Doctor sämtlicher Philosophieen!
Und da sah ich endlich sie erscheinen,
die noch niemals jemand sah,
sie, die Schöpferin des All-Einen,
sie, des Satans Großmama:
Venus Metaphysica.
Plötzlich sah ich draußen das Feld
ganz von magischem Licht erhellt.
Durch die äußersten Straßen von Berlin
schien dies Licht mich ins Freie zu ziehn,
ich mußte nur immer gehn und gehn,
schließlich blieb ich im Sande stehn;
halbhoch in der Unendlichkeit
stand der Vollmond, meilenweit.
Ich wischte mir den Schweiß von der Stirne,
mir war so anders im Gehirne;
ich fühlte, mir wollte was passieren,
mir war so weltweit. Die Gaslaternen
schienen sich förmlich zu entfernen.
Hinter den schwarzen Vorstadtquartieren
drüben am dunkleren Himmelsrand
wurde ein Feuerwerk abgebrannt;
der letzte Böller war kaum verkracht,
da schlugs vom Rathaus Mitternacht.
Mir lief schon wieder der Schweiß vom Hute,
der Juli lag mir wohl im Blute;
ich sah mich um. Kein Laut von Leben;
bis hoch ins höchste Äthermeer
kein Bein! Die Landschaft dito leer,
ganz leer -- Berliner Landschaft eben,
wo nur symbolisch hin und wieder
ein borstiger Büschel Gras aufsprießt,
als hätte der Sand ihn ausgeniest.
Seltsam: was hat der Mensch für Glieder!
Mich zwang ein geisterhaftes Regen,
in diesen Sand mich hinzulegen,
platt auf den Rücken. Der Mond stand grade
senkrecht über dem Schornsteinschlund
einer düstergrauen Fabrikfassade;
da stand er blank und kugelrund
wie aus der Kanone hochgeschossen.
Ich wünschte, er möchte runterfallen
und diesen unheimlichen Schornstein zerknallen,
und machte noch sonstige mystische Glossen,
zum Beispiel über die Jakobsleiter,
mir wurde immer weltenweiter.
Auf einmal -- ich rieb mir die Augenlider,
aber wahrhaftig: jetzt schon wieder:
der Mond, kein Zweifel, er rührte sich.
Die Kugel verschob ihre Flecken und Falten,
sie schien mir beinah zwiegespalten;
und was ich bisher für den Mond gehalten,
die Geister überführten mich,
das war ein bloßer Gewohnheitsgedanke.
Denn frei der blöden Sinnenschranke
erkannt ich: es war die hintre blanke
Lendenpartie und noch was Schlimmers
eines überirdischen Frauenzimmers.
Ihr Kopf war völlig unsichtbar,
auch Arme und Beine und Zehenspitzen;
sie mußte stark in Kniebeuge sitzen.
Doch aus allem Übrigen sah ich klar:
so’was, das gibts blos in höheren Zonen,
sie hat, weiß Gott, vier Dimensionen.
So lag ich und entzückte mich
an ihrer wunderbar schwierigen Stellung,
mein Blut kam immer mehr in Schwellung,
und nur das Eine bedrückte mich:
ob die Geister wohl Unheil sinnten
mit dieser Offenbarung von hinten.
Und kaum geahnt, da seh ich schon,
daß diese maßlose Weibsperson
nicht still sitzt. Himmel! sie kommt, mir graust,
unaufhaltsam auf mich losgesaust,
kommt immer näher, wird immer blanker,
hinten ihr Bannkreis wird immer schwanker,
mir schwindelt, mir vergeht das Licht,
mir will das Herz durch Haut und Hemd,
zitternd erwart ich das Donnergewicht,
und die Hände unter den Kopf geklemmt
-- jetzt: ich oder sie: jetzt kommt der Stoß,
bumms! Schon will ich mich tot erklären
aber da sitzt sie mir, wupp, im Schooß,
wupp: wie etwa die Hemisphären
eines Tragischen Heroinen-Popos.
Also Mut! und als Kenner der weiblichen Form
seh ich ihn mir nun näher an:
hm, ganz entwickelt, doch nicht abnorm --
wie einen das Jenseits doch täuschen kann!
Sonst sah ich nichts als um den Kopf
einen dicken, grauen, gepuderten Zopf,
und da sie keine Anstalt machte
sich umzudrehn, so schwieg ich und dachte:
sie wird als Dame wohl Gründe haben,
dich nicht mit ihrem Anblick zu laben.
Die Beine hielt sie steif in der Mitte
zwischen den meinen in den Sand;
sie war wohl von dem luftigen Ritte
noch echauffiert. So lag ich galant
stille und fühlte durch die Hosen
ihre unsterblichen Pulse tosen.
Wupp! machte sie plötzlich wieder -- und
ich muß gestehn, mir tat das wohl,
ich schloß die Augen -- und wuppwup, hohl
erscholl jetzt durch die Nacht ihr Mund:
„Mein Name ist Meta“, wupp -- „genauer
Frau +Meta Physika+“ wupp. „Ich bin
Astralweib“ wupp -- „und von ewiger Dauer.“
Mir wurde immer wohler zu Sinn,
wie sie so jedes Komma und Zeichen
nachdrücklich angab in meinen Weichen.
Wupp: „Wem nämlich die krause Welt
nicht mehr genug von Vorne gefällt,
dem enthüll ich sie, wupp, von Hinten,
in den unaussprechlichsten Tönen und Tinten.
Und so hab ich mich, wupp, in Gnaden
auch bei Dir zu Gaste geladen,
wupp!“ Das war mir nun sehr erbaulich,
aber sie wuppte mir fast zu gut;
mir wurde immer dunkler zu Mut,
immer beklommner, mir wurde graulig.
Ich wollte die Augen öffnen -- vergebens:
ich lag im Starrkrampf rein geistigen Lebens.
Wupp, gings unten in meinem Schooß
mit Himmelskräften von frischem los,
während sie oben grollte: „Du kleines
Menschlein willst dich gegen mich steifen?
Was, ich bin dir zu dunkel gewesen?
Ich? Na warte du: wupp! Ich, eines
der allgemeinsten weiblichen Wesen,
wupp, die nächtlich im Freien schweifen:
warte, du sollst es schon begreifen,
wupp, mein Ding-an-sich! wupp! zwar
es ist haarsträubend, aber wahr!“
Und wupp -- ich hörte noch was wie „schleifen“,
mir rauchte der Kopf, mir schwand der Wille,
alle Gefühle standen mir stille;
denn immer eifriger wurde, oh,
dieser fürchterliche Astralpopo.
Endlich konnt ich mich wieder ermannen
und wage zu blinzeln: herrgott, da schwellen
ihre unbewußten Körperstellen
mir entgegen wie zwei Riesenpfannen.
Der Rücken ist -- in beiden Axen --
um mindestens drei Systeme gewachsen,
ich kann ihn garnicht zu Ende sehn;
von Kopf nicht mehr die geringste Spur,
ein dürftiger Zipfel vom Zopfe nur,
und nicht ein Wort mehr zu verstehn.
Doch gottseidank pausierte sie leise
mit ihrer sitzenden Arbeitsweise.
Ich überlege schon, ob ich sie bitte
sich zu entfernen; da -- wupp, wup wupp --
stampft’s wieder los in meiner Mitte,
jetzt fast schon wie’ne Kanone von Krupp.
Von oben hör ich wie Unkenstimmen
dunkle Offenbarungen stöhnen,
die immer übersinnlicher tönen
und schon ins Transscendentale verschwimmen.
Ich stöhne selber: wie komm ich los!
Denn wupp, entsetzlich: mit jedem Stoß
wächst ihre physische Proportion
zurück in die vierte Dimension,
und immer fetter schwoll und fetter
ihr unermüdlicher Katterletter.[*]
Zwar ihr Vergnügen, das gönnt ich ihr herzlich;
aber mir wurde die Sitzung schmerzlich.
Mein spiritistisches Fluidum
spritzte schon literweise herum;
ich hörte kaum noch ihr Gebrummsel,
ich armes menschliches Medibumsel.
Sie wuppte, wupp, immer wuppiger,
mir wurde immer matter und matter,
sozusagen immer schaluppiger.
Ich merkte mit Schrecken, daß ich platter
und platter wurde, und mit den letzten
Kräften schrie ich ins Äthermeer:
„Madam! Sie werden mir zu schwer!“
Aber ihre Bewegungen setzten
sich mit unveränderter Miene
nur noch kategorischer fort.
Sie trieb mirs gradezu wie zum Tort,
diese grenzenlose Buttermaschine;
sie wollte mich vollends, schien’s, vergeistigen.
Jetzt wurde ich wild. Ich schrie: „Madam!
Heda! Wie können Sie sich erdreistigen,
mich so zu quetschen! ich bin kein Schwamm!
So hören Sie doch! Sie altes Kalb,
Sie Mondkalb Sie!“ Da: hui, ein Kneifen,
ich höre die Engel im Himmel pfeifen --