Ja, du hilfst mir meine Not begreifen.
Auf! ich fühls, wie trüb ich glimme;
laß uns nach Erleuchtung schweifen!
Mühsam von Enttäuschung zu Enttäuschung
hab ich mich hierher gewunden,
um in eisiger Verkeuschung
starr zum Gleichmut zu gesunden.
O! noch Einmal war mir aufgegangen
zweier Augen lockende Hoffnungsmacht:
eines Sommerglückes Prangen
mitten in der Winternacht.
Als mein Herz am allerinnigsten bebte
-- Wundertäterin, hoffst du +noch+? --
schloß ich’s ein in dies verspinnewebte
kahle Vorstadtkellerloch.
Wie’s mich anhöhnt! Hinter mir, ihr Geister,
schnarcht die Mitwelt meiner Zelle:
mein schwerhöriger Schustermeister,
und sein närrischer Altgeselle.
Wochendurch hat dieser ledige
Fleischfeind christlich mich zerrauft,
Schmachtriemsweisheit mir gepredigt;
+Tolstoi+ hab ich ihn getauft.
Nacht für Nacht versucht von Träumen
dehn ich mich auf meinem harten Lager,
immer zuchtloser mich bäumend,
immer gieriger, immer magrer.
Wie mich hungert! Wie die roten
Freudenfenster drüben blinken:
Blut, von dem die scheinbar toten
Geister meines Innern trinken.
Trinkt! Beleuchtet mir die Pfade,
die wir trunken einst geirrt,
daß mir endlich, endlich doch die Gnade
glutgeläuterter Erkenntnis wird!
Steig empor, du übersehr verschönte
Jünglingslust mit deiner üppigen Zierde!
Ja, ich hör mich, wie ich nach dir stöhnte,
ferne Göttin meiner ersten Begierde,
Venus Primitiva!
O daß der Kuß doch ewig dauern möchte
-- starr stand, wie Binsen starr, der Schwarm der Gäste --
der Kuß doch ewig, den ich auf die Rechte,
tanztaumelnd dir auf Hals und Brüste preßte!
Nein, länger duld’ich nicht dies blöde Sehnen,
ich +will+ nicht länger in verzücktem Harme
die liebekranken Glieder Nächtens dehnen;
o komm, du Weib! -- +Weib!+ betteln meine Arme.
O komm! noch fühlt dich zitternd jeder Sinn,
vom heißen Duft berauscht aus deinem Kleide;
noch wogt um mich, du Flammenkönigin,
und glüht im Aschenflor die Kupferseide.
Gieß aus in mich die Schale deiner Glut!
Befrei mich von der Sünde: von dem Grauen
vor dieses Feuerregens wilder Brut,
von diesen Wehn, die wühlend in mir brauen!
Es schießt die Saat aus ihrem dunklen Schooß,
die lange schmachtend lag in spröder Hülle;
ich will mich lauter blühn, lauter und los
aus dieser Brünstigkeit zu Frucht und Fülle!
Ja, komm! satt bin ich meiner Knabenlust.
Komm, komm, du Weib! Nimm auf in deine Schale
die Furcht, die Sehnsucht dieser jungen Brust!
Noch trank ich nie den Rausch eurer Pokale.
Auf Nelkendüften kommt die Nacht gezogen;
o kämst auch Du so süß und so verstohlen,
so mondesweiß! O sieh: auf Sammetwogen,
auf Purpurflaum, auf schwärzeste Violen
will ich dich betten -- oh -- dich an mich betten,
daß alle meine Mächte an des Weibes
blendenden Göttlichkeiten sich entketten,
hinschwellend in den Teppich deines Leibes.
Wunderlich, wie dies Erinnern
plötzlich mein Erschauern kühlt.
Ach! der Glutpokal war zinnern
und zerschmolz mir, kaum gefüllt.
Dämpfe, die den Himmel schänden,
seh ich aus den Schlacken kriechen,
widerlich wie diese Wände,
die nach Pech und Moder riechen.
Aus den hohen Häusern drüben dringen
durch die Schattenmassen Gespenster,
die den Glanz der Nacht verschlingen;
schon verdunkelt sich ein Fenster.
Kommt! ich will die Stirn euch bieten,
Schatten meiner verpraßten Stunden,
der ich Tausenden gleich an dir gelitten,
Weib mit deinen Lasterwunden,
bis ich auffuhr voll Entsetzen
vor dem Gift, das ich genossen,
aus dem Duftbann deiner seidnen Fetzen,
Weib der Gassen und der Gossen,
Venus Pandemos.
Das war das letzte Mal. Im Nachtcafé
der Vorstadt saß ich, müde vom Geruch
der schwülen Sofapolster und des Punsches,
der vor mir glühte, und vom Frauendunst
der feuchten Winterkleider; müde, lüstern.
Die Tabakswolken schwankten vom Gelächter
und feilschenden Gekreisch der bunten Dirnen
und derer, die drum warben. Das Gerassel
der Alfenide-Löffel am Büffet
ermunterte den Lärm des Liebesmarktes,
ununterbrochen, wie ein Tamburin.
Ich saß, den langen Mittelgang betrachtend,
und lauschte, wie das Licht des Gaskronleuchters,
der drüber hing, sich mühsam mit den Farben
auf den Gesichtern um die Marmortische
in seiner gelben Sprache unterhielt;
wozu der schwarze Marmor blank auflachte.
Ich war schon bei der Wahl -- da teilte sich
die rote Türgardine neben mir:
ein neues Paar trat ein. Ein kalter Zug
schnitt durch den heißen Raum, und Einer fluchte;
die Beiden schritten ruhig durch den Schwarm.
Mir grade gegenüber, quer am Ende
des Ganges, als beherrschten sie den Saal,
nahmen sie Platz. Der bronzene Kronleuchter
hing über ihnen wie ein schwerer alter
Thronhimmel. Keiner schien das Paar zu kennen.
Doch hört ich rechts von mir ein heisres Stimmchen:
„Bejejent muß ik die woll schon wo sein.“
Er saß ganz still. Das laute Grau der Luft
schrak fast zurück vor seiner krassen Stirne,
die wachsbleich an die schwachen Haare stieß.
Die großen blassen Augenlider waren
tief zugeklappt, auf beiden Seiten lag
ihr Schatten um die eingeknickte Nase;
der dürre Vollbart ließ die Haut durchscheinen.
Nur wenn die üppig kleinere Gefährtin
ihm kichernd einen Satz zuzischelte,
sah man sein eines schwarzes Auge halb
und drehte sich sein langer dünner Hals,
langsam, und kroch der nackte Kehlkopf hoch,
wie wenn ein Geier nach dem Aase ruckt.
Es wurde immer stiller durch den Raum;
sie blickten alle auf den stummen Mann
und auf das sonderbar geduckte Weib.
„Sie ist ganz jung“ -- war um mich her ein Flüstern;
auch trank sie Milch, und gierig wie ein Kind.
Doch schien sie mir fast alt, so oft die Zunge
durch eine Lücke ihrer trüben Zähne
spitz aus dem zischelnden Munde zuckte, während
ihr grauer Blick den Saal belauerte;
das Gaslicht gleißte drin wie giftiges Grün.
Jetzt stand sie auf. Sein Glas war unberührt;
ein großes Geldstück glänzte auf dem Marmor.
Sie ging; er folgte automatisch nach.
Die rote Türgardine tat sich zu,
der kalte Zug schnitt wieder durch die Hitze,
doch fluchte Keiner; und mir schauderte.
Ich blieb für mich -- ich kannte sie auf einmal:
es war die Wollustseuche und der Tod.
*
Weicht, ihr Schatten! -- Wie sie zucken,
wie die Fensterhöhlen drohn!
Ja, ihr mögt manch Opfer schlucken;
aber ich, ich sprech euch Hohn!
Die Laternen flackern greller,
jäh erlosch das letzte Fenster;
jeder Stern erscheint noch heller --
niemals sah ich die Nacht beglänzter!
Ich! Denn ach --: ich kenne Einen,
der sah nie zu gleicher Zeit
Sterne, Fenster und Laternen scheinen --
dieser Ärmste tut mir leid.
Beim Geschmetter einer Blechkapelle
kann er keine Nachtigall hören,
ohne daß sich auf der Stelle
seine zarten Ohren empören.
Ich indessen -- o Mirakel --
höre das Lied der Nachtigallen
durch den ärgsten Höllenspektakel
nur noch himmlischer erschallen.
Ich Barbar! ich brauch mir meine
Nerven nicht zu vergesundern;
ich kann beim Laternenscheine
manchen Stern erst recht bewundern.
Mir wehrt keine Kunstscheuklappe
meinen freien Blick durchs Fenster,
weder Holz noch Blech noch Pappe --
niemals sah ich die Nacht beglänzter!
Leucht auch du mit deinem reinsten
Licht, du Spürkraft meiner Seele,
die mitfühlend im gemeinsten
Wicht noch scheut die eignen Fehle!
Denn ich weiß, wie Du mich Einsamen
einst zum edelsten Trotz anschürtest,
als ich dich, du Allgemeinsame,
selbst im schmutzigsten Elend spürte,
Venus Socia.
Da gabs Branntwein und Bier,
im Spelunkenrevier,
und ein Lied scholl rührend durch die Tür;
und das sangen und spielten die traurigen Vier,
ein Vater mit seinen drei Töchtern.
Er stand am Ofen, die Geige am Kinn,
schief neben ihm hockte die Harfnerin,
und die Jüngste knixte und schloß ihr Lied,
die Geige machte ti-flieti-fliet:
„War Eine, die nur Einen lieben kunnt.“
Die Dritte ging stumm
mit dem Teller herum,
ums polternde Biljard, blaß und krumm;
und nun drehte der Alte die Fidel um
und klappte darauf mit dem Bogen.
Und auf einmal schwieg der Keller ganz,
die Jüngste hob die Röcke zum Tanz;
die Harfe machte ti-plinki-plunk,
und die Jüngste war so kinderjung
und sang zum Tanz ein wüstes Hurenlied.
Sie sang’s mit Glut,
das zarte Blut;
und der schwarze zerknitterte Roßhaarhut
stand zu der plumpen Harfe gut,
mit den weißen papiernen Rosen.
Laut schrillten die Saiten tiflieti-plunk,
und Alle beklatschten den letzten Sprung,
und vor mir stand die Tellermarie.
„Spielt mir noch einmal“, bat ich sie,
„War Eine, die nur +Einen+ lieben kunnt“! --
*
All mein dumpfes Glückverlangen
schien dies eine Wort zu klären;
meine guten Geister sprangen
auf, als sei’s Musik der Sphären.
Am Altar der Seele traten
sie zusammen, flugbereit:
Zartsinn, Ehrfurcht, Großmut, Lust zu Taten,
Sehnsucht nach Unsterblichkeit.
Aber während sie die Herrin feiern,
übermannt mein sterbliches Herz ein Schaudern:
wird sich je mein Glück entschleiern?
Und ich seh mich vor dir zaudern,
Venus Excelsior:
Ich träume oft von einer bleichen Rose.
Hell ragt ein Berg; sie blüht in seinem Schatten,
zum fernen Licht aufschmachtend mit dem matten
Traumblumenblick aus ihrem dunklen Loose.
Dann bangt sie mich; tief stockt mein Schritt im Moose.
Doch weiter muß ich, muß das Ziel erreichen,
den Gipfel mit den immergrünen Eichen;
so steh ich schwankend zwischen Berg und Rose.
Denn wie sich auch mein Fuß bemüht zu kämpfen,
ich kann die süße Sehnsucht nicht mehr dämpfen,
aus ihrem Kelch den edlen Duft zu schlürfen.
Da --: Flügel --: frei! -- und an der Brust die Blume!
Schon naht der Hain mit seinem Heiligtume,
wo auch die Rosen immergrünen dürfen.
*
Aller Wunder wundersamstes,
wie ergründ’ich dich, du Macht,
die du uns den Lichtweg bahntest,
Seelenwelt, gehüllt in Nacht!
Du, o Du, welch Flehn, welch Stammeln
doppelter Bewältigung:
Seel in Seele stürzt zusammen,
Dämmerung in Dämmerung.
Seele, Seele, wie entbrannten
angstvoll dein und mein Gesicht,
bis wir ahnten und erkannten:
aus der Dämmerwelt wird Licht!
Fremde Seele, mir erzitternde,
mir aus all der Seelen Schaar,
Welt, die meine Welt erschütterte,
mich verwandelnd ganz und gar,
bis aus unserm bangen Bunde
auch das letzte Staunen wich --
ja, noch lebst du mir im Grunde,
lauschend, wie dein Blutgeist mich
aus dem Körperbann der Erde
los und in ein Lichtreich rang,
wo wir stammelten: es werde!
wo auch +mein+ Blut in dich drang,
Venus Creatrix.
O meine bleiche Braut! du blasse Wolke
im Arm des Sturms! du bebend Haupt,
an meine Brust geneigt aus deinen Schleiern:
erbleichst, erbebst du +mir+?
O nun erglühst du, heimlich Willige du,
nun öffnest du die herzverklärten Augen!
nun ringt sich von den Lippen dir mein Name,
und inniger küss ich dich -- wir sind allein.
Allein. O komm, das Licht der Ampel
wirft Schatten; komm! heut soll kein Schatten sein,
heut sollen alle, alle Lichter leuchten,
in einer See von Licht sollst du mir schwimmen,
du weiße Möwe meine! Flüchte nicht:
sieh, selbst dem keuschen Himmel noch verwehr ich
zu lauschen -- horch: der Vorhang rauscht, o komm!
und jeden Spalt verschließ ich faltenschwer,
daß nicht die Nacht, die silbern blauende,
erröte, muß sie deine Schönheit dulden,
daß nicht der Sterne reine Glut
sich neidisch trübe, sehn sie Deine Reinheit.
Tu ab die Myrtenkrone, den Gürtel, komm,
du bist allein! Die jungen Rosen nur,
schlaftrunken über unser Bett gebeugt,
spinnen duftbange Träume
von purpurner Entfaltung scheuer Knospen;
die Rosen nur -- und ich.
Und wie in Träumen, wie auf Düften leicht,
von Licht zu Licht mit leuchtenden Händen gleit’ich
und winke -- und du kommst.
Da sinken und schwinden
hell von uns weg die irdischen Hüllen alle:
aus seidnen Wogen steigst du her zu mir,
und Brust an Brust gedrängt von blendenden Schauern,
von goldnen Dunkelheiten weit umwölkt,
wiegen uns fernhintastende Schwingen
Schooß an Schooß hinüber
in die Gärten der Ewigkeit.
Flammen der Sehnsucht wachsen da,
glühende Bäche voller Erfüllung treiben
da in Eins die einsam pulsenden Seelen,
Puls in Puls in Glanz ergossen verbluten
heimwehwild die zuckenden Wünsche,
hoch auf strudelt todesselig der Wille,
dürstend umsaust ihn der Odem der Allmacht,
und den weltdurchfurchenden Fittig senkt die Inbrunst,
auszuruhn vom Fluge am Herzen Gottes:
still in matter Hand
beut sie die flimmernden Tropfen
seinem befruchtenden Anhauch dar: ich fühle
-- fühlst du? Geliebte -- die Quellen des Lebens rinnen!
Mund an Mund Ihm: trinke! Trunken
stamml’ich nach
das Schöpferwort.
*
O Geheimnis der Empfängnis:
einen Schleier wollt ich lüften,
und Verhängnis hangend um Verhängnis
schwillt aus Auferstehungsgrüften.
Wie erfass ich euch, Gewalten:
Welt, die schicksalvolle Nebel ballt,
bis sich Hirngespinnste draus entfalten,
Mummenschanz der Allgewalt!
Helft mir, Sterne! Hüter ihr des Zwanges,
den ich einst als Freiheit pries,
feurige Führer meines Überschwanges,
ja, ihr schürt das Paradies
himmelstürmenden Schöpferwahns mir wieder,
und mein Haupt wie damals reckend
-- Blitze stürzten um mich nieder --
fühl ich, wie ich mich am Schrecken
meiner glutgeblendeten Braut berauschte
und mich selbst als Gott besang,
der mit keinem andern tauschte,
weil ihn +Deine+ Glut bezwang,
Venus Urania.
Psalm an den alten Gott
Der du in Gewittern hausest,
kommst du, Grollender?
Tief von unten,
über Berge und Wolken her:
suchst du Mich, im dunkeln Mantel Du,
schwarzgekrönter Wetterherr,
mit der bleiernen Stirne?
Höher doch! näher! herauf zu mir,
mir und meiner Sonne,
die ich aus Abgrundnacht an meinen
Himmel setzte mit kettendem Blick,
die mich erleuchtet, von mir durchglüht,
aufgegangen in eine große
einige einzige Strahlenwelt!
Ja, du suchst uns,
willst uns segnen,
Du mit deiner Donnerglockenstimme,
willst empor zu +unserm+
Strahlenherd, Strahlender du!
Sehnst dich, hell in unser helles
lichtfrohlockendes Glück zu blicken,
du +auch+ ein Lichtsproß,
Lucifer, Lichtschleudrer,
weltbelebender Erschüttrer -- komm!
Denn wir kennen dich:
du bist mein Bruder!
Komm und sieh: hell
schaun auch Wir dir
durch die nachtgraue Maske
in dein glühend blutendes Herz, das gute:
Du wirfst Kraft,
Liebe aufs schmachtende Feld herab,
wenn du mit wuchtender Faust
krachend zersprengst
die dumpf drückende Dunstlast.
Tobe nur, Kommender! nimm,
hebe die splitternde Axt!
Hebe die düstern, schönen,
schattenumhangenen Lider!
Grüßt mich, sprüht, ihr jähen,
Ewigkeit aufschließenden Blicke:
ja! ich will mich satt sehn, satt
an dieser funkelnden Unendlichkeit.
Auf, ihr stürmischen Lippen auch:
aus eurem rollenden Lobgesang dröhnt mir
das machtvolle Wort vom Samen der Sehnsucht,
vom Keim der Kämpfe, der Atem der Lust!
Sonne, meine Sonne,
sieh: er hört uns!
Weh: Er: stählerne
Ströme sein Blick!
Über dir -- rette dich --
Sonne, wo +bist+ du --
hilf -- o Sonne --
lieg’ich umklammert,
liege von blendenden,
wilden, sausenden Wonnen durchbohrt.
Sonne, mein zitterndes Licht:
lache! -- nur den Baum,
sieh, den Felsen nur
traf sein zischendes Beil.
Hörst du ihn jauchzen?
über der klaffenden Buche,
über den talab polternden Trümmern,
im flatternden Bart ihn
jauchzen sein schmetterndes Lied:
Wecke den Tod,
Echo! hell loht
von Stamm zu Stamm der Strahl der Kraft;
einer stürzt, der tausend drückte.
Stürzt der Ragende, wachsen die Ringenden;
tausend wachsen, Einer ragt.
Tod zeugt Leben -- stammelt die Menschheit unten;
hochher schweigt dazu die Ewigkeit.
Auf, mein knieendes Glück!
Grolle nur, Donner! Blitz,
greller noch! triff, zerbrich,
was furchtsam zitternde Kronen trägt!
Uns segnest du,
uns prüftest du,
Blut von Deinem Blut, mit heißen
Fingern in deiner Flammentaufe.
Wir, mein Zitterndes, auf!
wir sind fromm und heilig:
mit gefeitem Diademe krönte
uns die Liebe,
unsre lichtfrohlockende Liebe,
zitternd von Andacht und Inbrunst! Und --
ja -- und trifft auch Uns er,
will ein Bruderopfer Seine Liebe:
nimm uns, Lucifer! herrlich
stürzen wir hin ins Licht auf,
vermählt verglühend in deiner reinen,
in unsrer eignen reinen Glut.
Nein, wir fürchten dich nicht,
rasend liebender Bruder!
Wir sind Welt wie Du,
Lucifer, Lichtbringer:
Ich und meine Sonne,
die wir Eins mit allem Licht der Welt sind,
wir +lieben+ Alles,
alle Welt muß +Uns+ lieben!
*
Aber dann ward trunkne Stille;
wars die Stille der Ermattung?
Taumelnd stand mein junger Wille
vor dem Zwiespalt der Begattung.
Sollte nicht ein Sturm von Wonne
aufsprühn, der zwei Welten einigte?
Warum zagte meine Sonne
vor dem Glutwind, der mich reinigte?
Stumm vernimmt das längst entwichene
Himmelreich mein wehes Fragen.
O verzeih mir, du Verblichene!
heut versteh ich dein Verzagen.
Griechin solltest du mir werden,
Jüdin bliebst du allerwärts;
ach, mit Übermenschgeberden
griff ich in dein menschlich Herz,
Venus Religio.
Karfreitagsruhe. Fühlst du’s +auch+:
dies bange Grün, und diesen Hauch,
der drüber träumt?
Und fühlst du’s, wie der Fliederstrauch
von Knospen perlt und überschäumt?
Und sehnen deine Brüste sich
dem Auferstehungsmorgen zu,
wie’s Magdalenen innerlich
nicht ließ in Ruh,
bis sie zum offnen Grabe schlich?
Denn übermorgen graut der Tag
ins Frühlingsfeld,
da unterwarf sich Der die Welt,
den einst dein Volk dafür gequält,
daß eine Sehnsucht in ihm lag.
Viel Glocken läuten zu mir her,
wie Grufthauch schwer, wie Lufthauch leer;
wem läuten sie?
Das waren Deine Glocken nie
und sind nicht Meine Glocken mehr.
Im Flieder hängt ein altes Laub;
du willst nun mein sein ganz und gar.
Noch liegt der Hain voll Moderstaub;
ist dir auch klar,
daß mir dein Gott nie heilig war?!
An seinem Grabe dürstet mich
nach einer neuen Menschheit, Du!
Fühlst du’s wie ich?
Sag: sehnen deine Brüste sich
dieser Auferstehung zu? --
*
Ja, so spielt ich schier Gottvater,
schwebend ob der Flucht der Zeiten.
Barg mein Allgeist nicht das Riesentheater
künftiger Menschenmöglichkeiten?
Mit aufbrausendem Gefieder
packt mich wie ein flammenbekränzter
Phönix dieser Glaube wieder --
niemals sah ich die Nacht beglänzter!
Barg des Weibes Schooß nicht Schicksalsspiele,
mehr als alle Himmelsräume?
Herrisch rief ich sie zum Schöpferziele,
die Erfüllerin meiner Träume:
Venus Madonna.
Aus Mannesadel wächst des Weibes Tugend:
Götter vermag sein Geist ihr zu gebären.
Des Griechen Schönheitswille sah die Sphären
beherrscht von Aphroditens Reiz und Jugend;
dem Christen aber ward die Reinheit Wesen,
selbst noch die Mutter will er sich verklären
und beugt sich vor Marias Hochaltären,
die keusch des Sohns, des keuscheren, genesen.
Nun kommt die Zeit, daß Männer freier denken
und ihren eignen Stamm von Gottessöhnen
hell mit dem Huldbild ihrer Freiheit krönen,
bis Alle Allen die Erleuchtung schenken,
die Wir uns schenkten, Sonne meiner Wonne,
du keusche Venus, reizende Madonne!
*
Doch da saß mit seligem Händefalten,
saß mit einem Lächeln stillen Wehrens,
wie befremdet von den Traumgestalten
meines übersinnlichen Begehrens,
saß als Eine, die Gott siegen sieht,
wie er siegte schon zu Evas Zeit,
saß und sang ein frommes Wiegenlied,
ganz erfüllt vom Glück der Wirklichkeit,
Venus Mater:
Träume, träume, du mein süßes Leben,
von dem Himmel, der die Blumen bringt;
Blüten schimmern da, die beben
von dem Lied, das deine Mutter singt.
Träume, träume, Knospe meiner Sorgen,
von dem Tage, da die Blume sproß;
von dem hellen Blütenmorgen,
da dein Seelchen sich der Welt erschloß.
Träume, träume, Blüte meiner Liebe,
von der stillen, von der heiligen Nacht,
da die Blume Seiner Liebe
diese Welt zum Himmel mir gemacht.
*
Und gleich ihr in Demut hingegeben
sollt ich stolz mich Vater nennen.
Vor mir lag dies Klümpchen Leben,
kaum als Menschlein zu erkennen:
eine Laune meiner Lenden --
daran sollt ich Gottgeist mich ergetzen?
damit sollt ich Weltumwälzender enden?
Ich erkannte mit Entsetzen
Venus Mamma.
Aber nicht wieder! Nein, nie wieder!
Ja, du wolltest mich beglücken:
wie sie an dein Fleisch sich drücken,
diese hilflos kleinen Glieder.
Aber mir diese Lust beschauen,
ist mir ein Grauen.
Zu tief sah ich unsrer zahmen Katze
in die mütterlichen Augen,
sah die täppischen Jungen saugen
unter der steifgezückten Tatze;
und der zarten blinden Brut
schmeckte das alte Raubtier gut.
Decke die Brust zu, wenn die Lippen
deines Sohnes dich berühren!
laß ihn andere Wonnen spüren
als den Blick der Ahnen und der Sippen!
Nein, ich wollte dich nicht betrüben;
nur -- nur anders laß uns lieben!
Bebt’ich doch selber, als ich ihn küßte,
und ich will die Wonnen der Ammen
nicht verdammen;
dunkel ist der Zweck der Lüste.
Aber die Mütter -- nein, schweigen wir!
wehe, der Mensch ist ein Säugetier.
*
Einsamer als je begann ich
meine Seele zu belauern.
Wozu sehnte, wozu sann ich?
Nur um unsern Wollustschauern
heilige Masken vorzustecken?
War dann nicht im Hochzeitskleide
das Getier der Frühlingshecken
gottbegnadeter als wir beide?
Welch ein Jubel der Erhörung,
dies Geschwirr, Gegirr, Geraune!
Mit Bestürzung, mit Empörung
lernt ich deine Macht anstaunen,
Venus Natura.
Durch einen menschenleeren Garten irrend
geriet ich an ein Pfauenpaar; der Pfau
stand mit gespreiztem Rad vor seiner Frau,
die Flügel tief gesträubt, von Lichtern flirrend.
So stand er kreisend, sich die Henne kirrend,
und bannte sie zu feierlicher Schau;
starr federte das goldne Grün und Blau
des steilen Schweifes, vor Erregung klirrend.
Jetzt überfällt er sie, und seine Zier
peitscht wild die Luft, die heiße; funkelnd spaltet
der Radsaum seine Speichen, daß sich mir
der Gartenkreis zum Paradies gestaltet --
O Mensch, wie herrlich ist das Tier,
wenn es sich ganz als Tier entfaltet! --
*
Denn der Mensch: der eignen Notdurft Spötter,
ja, so war seit je ein Halbgott er.
Schob er seinen Ursprung +drum+ auf Götter:
Mensch noch nicht, und Tier nicht mehr?!
Wo ich hinsah, äfften sich Begierden,
die sich ihrer nackten Herkunft schämten,
Brünste, die mit schlangenhäutigen Zierden
ihre tückische Unvernunft verbrämten.
Eine ungeheure Tollsuchtwildnis
dünkte mir der ganze Schöpfungsplan,
mittendrin der Menschheit tönern Bildnis
mit dem Stempel: reif zum Größenwahn.
O vermöchte jene Zeit der Schrecken
meinen Dünkel immerfort zu dämpfen!
Wieviel Ekel mußt ich schmecken,
wie verbissen mit dir kämpfen,
Venus Bestia!
Ich und ein Freund, wir saßen einmal
in einem menschenheißen Weinlokal;
zwei Tisch weit neben uns saßen
ein Herr und eine Dame, offenbar
-- den Ringen nach -- ein jüngeres Ehepaar,
deren Blicke sich manchmal vergaßen.
Mein Freund sah weg, wir lächelten eigen,
wir schwiegen unser bestes Schweigen.
Der Gatte nahm grad die Speisekarte,
den kleinen Finger gespreizt -- dran saß
ein Nagel langgefeilt und leichenblaß,
der spitz wie eine Kralle starrte;
der Zeigefinger war stumpf beschnitten.
Die Frau saß weich zurückgesunken;
aus ihren Augenhöhlenschatten glühten
wie zwei Kohlenfunken
Blicke hinüber auf seine Finger,
dunkle, gleißende Blicke hin.
Ich weiß nicht, mir kam der Raubtierzwinger,
der Zoologische Garten in Sinn;
ja -- die Tigerin!
So lag sie neulich hinter dem Gitter,
glimmende Gier im schwarzen Blick,
im gelben Fell ein leicht Gezitter,
und wartete brütend auf das braune Stück
Fleisch, das draußen der Wärter brachte,
das tote Fleisch -- es roch so matt,
nicht warm nach Blut -- sie lag so satt.
Jetzt kam er; ihr purpurnes Auge lachte,
es war doch Fleisch! Hoch griff sie zu,
die triefenden Kiefer kniff sie zu;
nun lag sie drüber mit brünstigen Pranken,
die Zunge gekrümmt, die Zähne stier,
sie konnte nicht fressen vor röchelnder Gier,
flackernd leckte der Schweif die Flanken,
im Blick ein Grün von hohlem Hasse.
Wie dieser Tigerin klaffender Rachenschlund
war mir das Auge der Frau da -- und
da sagte mein Freund: Du, das Weib hat Rasse!