wie jetzt die Nachtigall da schlug,
zittert dein Herz in meiner Hand.
Wir wissen es; das ist genug
für uns.
Ohnmacht
Doch als du dann gegangen,
da hat sich mein Verlangen
ganz aufgetan nach dir.
Als sollt ich dich verlieren,
schüttelte ich mit irren
Fingern deine verschlossene Tür.
Und durch die Nacht der Scheiben,
ob du nicht würdest bleiben,
bettelten meine Augen; und
du gingst hinauf die Stufen
und hast mich nicht gerufen,
mich nicht zurück an deinen Mund.
Vernahm nur noch mit stieren
Sinnen dein Schlüsselklirren
im schwarzen Flur, und dann
stürzten auf mich die Schatten,
die mir im Park schon nahten,
als wir den Mond versinken sahn.
Büßende Liebe
Aus deinen grauen Augen droht,
mir so vertraut
wie ein verhaltner Klagelaut,
mit bleicher Flamme ein Verbot;
ich weiß, ich fühls -- du warst einst Braut.
Das hat in deinen Blick gebracht
dies fahle Licht,
das durch die schwarzen Wimpern bricht;
vor Zeiten, Seele, eh die Nacht
dich neu gebar ans Tageslicht.
O komm und gieb mir deine Hand;
in dein schwarz Haar
nimm diese rote Lilie dar,
und um dein dunkelblau Gewand
dies goldne Gürtelschlangenpaar.
So führe mich, indeß du weinst,
den langen Pfad.
So kommen wir der Nacht genaht
und beichten Beide: Mutter! einst,
du weißt, wir übten einst Verrat.
Dann legt, indeß wir niederknien,
dann legt die Nacht
auf deines Haares schwere Pracht
die Hand und flüstert: liebe ihn,
der sich und Andre friedlos macht!
Dann hören deine Tränen auf,
dann kommt ein Stern.
Der tagt wie künftiger Frieden fern;
dein graues Auge schaut hinauf,
dein Auge, Seele -- hilf uns, Stern!
Stromüber
Der Abend war so dunkelschwer,
und schwer durchs Dunkel schnitt der Kahn;
die Andern lachten um uns her,
als fühlten sie den Frühling nahn.
Der weite Strom lag stumm und fahl,
am Ufer floß ein schwankend Licht,
die Weiden standen starr und kahl.
Ich aber sah dir ins Gesicht
und fühlte deinen Atem flehn
und deine Augen nach mir schrein
und -- eine Andre vor mir stehn
und heiß aufschluchzen: Ich bin dein!
Das Licht erglänzte nah und mild;
im grauen Wasser, schwarz, verschwand
der starren Weiden zitternd Bild.
Und knirschend stieß der Kahn ans Land.
Bitte
Nur sage „Du“ ... ich will ja nie,
nie wieder deine Lippen küssen,
nun wirs gefühlt, so Knie an Knie
gefühlt, daß wir uns lieben müssen.
Das Abendrot umarmte brennend
der Eichen hohe Knospenkette;
wir aber sahen nur, uns trennend,
die schwarz aufragenden Skelette.
Und nickten doch von vielen Bäumen
schon Blüten unsrer Liebe zu,
im keusch verträumten Grün; so träumen,
so nicken Kinder ... sage „Du“.
Gastgeschenk
Dies blaß in Flammen gelb-und-grüne Mannskraut,
knabenüppig, und dies zarte
Schneeglöckchen, eben aufgeblüht,
ganz furchtsam weiß, im irdnen Topf:
die beiden Kinder wuchsen so allein
und hatten niemals einen Kuß genossen,
da pflanzt’ich sie zusammen
und brachte sie zu Dir.
Gottes Wille
Du hungerst nach Glück, Eva,
und fürchtest dich den Apfel zu pflücken,
den dein Gott dir verboten hat
vor dreitausend Jahren,
du junges Geschöpf!
Jeden Abend ahn’ich dich,
wie du die magern Händchen
in deinem einsamen Bette
emporringst zu dem Gott der alten Leute:
Gieb ihn, gieb ihn mir!
Du arme Geduld!
Er hat noch nie die Furchtsamen beglückt,
der alte Gott.
Er gab dir deinen Hunger, deine Hände:
greif zu und iß -- dann dulde!
Übermacht
Wenn du fliehn willst, flieh! du kannst es noch;
bald ist es auch für dich zu spät.
Denn siehst du: Ich, ich brenne nach dir
mit einer Kraft, die mich schwach macht,
ich +zittre+ nach dir.
Wie du nach mir! ja, Du! o Du:
du bist noch schwächer,
wehre dich nicht!
Über die grüne Wiese wolln wir rennen,
in den Wald,
Hand in Hand,
nackt,
unsre brennenden Stirnen bekränzt
mit den flatternden Blüten des wilden Mohns,
der glühenden Blume des Leichtsinns!
Bestürmung
Was will in deinen Augen mir
dies dunkelvolle, fremde Weh,
so tief und sehr?
so still und schwer
wie Stürme, die Ruhe suchten
im Schooß der grauen See.
Versinken will, versinken mir
in dieser Augen grauen Schooß
mein Herz -- und will
wie Du so still
und schwer an Dein Herz schlagen,
dann brechen die Stürme los!
Und will dich wiegen so mit mir
in rasender lachender Seligkeit
auf freiem Meer!
bis tief und sehr
die Herzen wieder ruhen,
ruhen von Sturm und Leid.
Antwort
„Lieber kein Glück, nur lauter sein.
Nur keinen Schritt abseits vom Recht.
Nur keine Schuld, lieber kein Glück!
O Gott, ich stürbe, würd’ich schlecht!“
+Hedwig Lachmann.+
Ich +will+ ein Glück! Kennst du den Funken,
der seine hellsten Gluten wagt?
Er glüht. Und ob er feuertrunken
verglüht zu Asche über Nacht:
er glüht! sein +Wesen+ ist sein Schein --
„Lieber kein Glück, nur lauter sein“ --
nur lauter!
Ich hab ein Recht! Kennst du die volle
Woge, die zur Brandung schäumt?
Kennst du den Sturmgeist, der die tolle
springende Woge noch toller bäumt?
Steil starrt die Klippe: brecht, Wogen, brecht --
„Nur keinen Schritt abseits vom Recht“ --
keinen Schritt!
In meine tiefste Seelenstille
horcht mein erstauntes Ohr hinab;
da ringt ein Trieb, da wächst ein Wille,
den eine heilige Macht mir gab!
Ich bin kein Frevler am Geschick --
„Nur keine Schuld, lieber kein Glück“ --
nein: keine Schuld.
Von Jugend auf droht uns im Rücken
die flach erhobne Heuchlerhand;
ich muß mich mit mir selbst beglücken,
seit ich die Welt so feige fand!
Du meine Inbrunst, du mein Recht --
„O Gott, ich stürbe, würd’ich schlecht“ --
+auch+ schlecht.
Und dennoch
Und du vom auserwählten Stamm,
du liebst dein Volk und uralt Blut,
und fast wie Haß ist deine Glut
für deinen schwer gequälten Stamm;
und träumst von euerm Sinai
und der nur Euren Himmelsnäh,
und stehst wie Mose vor Jahwäh
und stehst und schwörst: ich wanke nie.
Und dennoch kam in deinen Mund
das Wort, das einst am Jordan klang;
da rang ein Mensch mit sich -- und rang
sich weinend los vom alten Bund
und sprach, indeß sein liebreich Herz
von Pein gehetzt gen Himmel stieg:
Nur Selbstbewältigung ist Sieg,
Sieg über allen Erdenschmerz.
Wie kam es doch, dies Wort der Qual,
erpreßt von heißer Opfernot,
auf Deine Zunge als Gebot:
„bezwinge deines Herzens Wahl!“
und liebst ein auserwähltes Volk
und fast wie Haß ist deine Glut?!
Und um uns, Weib, rauscht laut Ein Blut:
der Menschheit schwer gequältes Volk.
Nur
Und der Abschied war kein Ende,
und mein Blick bewegte dich;
und es war, als legte sich
still dein Herz in meine Hände.
Aber wenn du wiederkehrst,
will ich deine Hand nicht küssen;
will es nur empfinden müssen,
wie du deinem Herzen wehrst.
Nächtliche Scheu
Zaghaft vom Gewölk ins Land
fließt des Lichtes Flut
aus des Mondes bleicher Hand,
dämpft mir alle Glut.
Ein verirrter Schimmer schwebt
durch den Wald zum Fluß,
und das dunkle Wasser bebt
unter seinem Kuß.
Hörst du, Herz? die Welle lallt:
küsse, küsse mich!
Und mit zaghafter Gewalt,
Mädchen, küss ich dich.
Menschliche Botschaft
Und doch, und doch, du stolzes Kind:
viel stolzer fühlt mein kleines Lied,
das kindlich vor dir niederkniet
und fromm beginnt:
Wärst du im Ehrenkleide
der Hohen höchste Zier,
ich fühlte doch trotz Seide
und Hoheit und Geschmeide
als deiner Ehren erste Zier
die Gleichheit zwischen dir und mir.
Und doch, und doch: noch stolzer schwebt,
du stolzes Kind, mein kleines Lied,
das nun auf dich herniedersieht
und scheu erbebt:
Wärst du in Schmach gefallen,
du die Gemeinste hier,
und Mein Herz rein vor Allen,
ich dächte Dein vor Allen,
weil meiner Reinheit reinste Zier
die Gleichheit zwischen dir und mir.
Und doch, und doch, du stolzes Kind:
viel stolzer fühlte wohl mein Lied,
das stolz vor Deinem Stolze flieht,
wenn stumm und blind
nun ein Erbangen käme,
stumm zwischen dir und mir
nun ein Verlangen käme,
dich blind gefangen nähme,
daß wir vergäßen -- fühlst du? +wir+ --
die Gleichheit zwischen dir und mir.
Entführung
Ach! aus Träumen fahr ich.
In die graue Luft,
in die kalte starr’ich.
Ach, dein Samum war ich,
du mein Ambraduft!
Durch die helle Wüste
glühtest du dahin,
und dein Atem küßte
und dein Kuß versüßte
Seele mir und Sinn.
Einsamkeiten hingen
tief ins fliehende Land;
sonnestill ein Ringen,
und mit Allah-Schwingen
hielt ich dich umspannt,
riß ich dich nach oben,
du mein Ambraduft,
Glut in Glut verwoben,
bist du mir zerstoben
in die graue Luft.
Der Brand
Nur Zufall? -- Bleiern lag Berlin
im Abendzwielicht Dach an Dach;
trüb sah sie in das Feuer,
das drüben aus dem Giebel brach.
Die Flammen zuckten.
Im Rahmen meines Fensters,
so stand sie schwarz und stumm vor mir;
und im Nebenzimmer spielte
eine blasse Frau Klavier.
Drüben wühlte die Glut.
Die blasse Frau war meine;
und Jene stand so nah und hold.
Flimmernd säumte der rote Schein
die lieben Locken mit dunklem Gold
und Funkengestiebe.
Es zog mich hoch: ich mußte,
ich wollte sie an mich ziehn.
Eine große trübe Wolke Rauch
kroch über ganz Berlin;
die Flammen erstickten.
Ich stand mit scheuen Händen,
das Spiel dort klang so seelenklar;
und oben über der Wolke glomm
und zitterte wie in Gefahr
ein blasser Stern.
Abschied ohn End
Und so muß ich dich nun doch beschwören:
flieh, o flieh mich -- mich!
Ich -- o sieh mich: ich
weiß, ich will und würde dich betören,
und du darfst, du darfst mir nicht gehören.
Flieh auch Dich!
Kind mit deinen jetzt schon grauen Haaren,
sehr lieb klingt es: „wir“ --
sehr trüb klingt es mir.
Deine Sehnsucht zählt noch nicht nach Jahren,
aber Ich bin längst in mir erfahren
und in dir.
Alles will sich dir zu mir empören,
dir! Du freilich, sieh,
du glaubst heilig: nie!
Und ich weiß, es würde dich zerstören,
wenn wir diese Sehnsucht dann verlören.
Flieh mich! Flieh!
Dann
Wenn der Regen durch die Gosse tropft,
bei Nacht, du liegst und horchst hinaus,
kein Mensch kann ins Haus,
du liegst allein,
allein: o käm er doch! Da klopft
es, klopft, laut -- hörst du? -- leise, schwach
tönt’s im Uhrgehäuse nach;
dann tritt Totenstille ein.
Bleiche Nacht
Der Nebel staut sich,
Hütten dunkeln,
Dorfgiebel huschen über Lichtern hin,
noch bleicher scheint die Nacht;
die jagende Wagenkette,
schwenkend, strafft sich,
die Maschine heult Warnung,
und vorbei.
Ein entlaubter Kirchhof,
und wieder kreisen
um mein klirrendes Fenster
die öden Wiesen,
huschen Büsche,
eilt der fahle Streifen Horizont
auf den kriechenden Wäldern hin;
mich fröstelt.
Drei Monate:
da war die Mondnacht anders hier.
Wie auf Wolken
trug der kleine Kahn des stummen Fischers
uns den Fluß hinab;
selbst die Schatten gaben Licht.
An meiner Seite saß ein Freund,
und ich sagte ihm
all mein Herzensbangen für ihr Glück.
Und über ihrem Giebel,
unterm Baldachin der Königspappel,
als wir durch die Brücke bogen,
stand groß und strahlend
wie in einem Tabernakel
der goldne Mond
und senkte flimmernd auf das Moos des Daches
sein grünes Haar.
Heute aber, als ich Abschied nahm,
achselzuckt’ ich: mein Fräulein, Glück --??
Und jener Freund
dachte wohl schon damals:
du Tropf und Schuft! --
Mein Fenster schwitzt;
das kühlt die Stirne;
gleich und gleich gesellt sich gern.
Wirbelnd rollt ein funkendurchwirkter Dampfknäul
bleich ins bleiche Feld;
ein Dornbusch zerreißt ihn.
Jetzt: dort starrt,
wie durch ein Gitter ein Wahnsinnskopf,
der grelle Vollmond durch die kahlen Birken.
Er springt durchs Astwerk;
mit seinen langen blassen Füßen
läuft er auf den blanken Schienen
meinen rasenden Gedanken nach.
Trübes Lied
„Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
Ich will einen schwarzen Schleier tragen.
„Ach! du! wozu denn schwarz?“
Ich hab zu klagen. Hab zu klagen.
„Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
Ich breche Blumen zu Trauerkränzen.
„Ach! du! warum denn trauern?“
Ich kanns nicht sagen. Kanns nicht sagen.
„Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
Ich richte Kerzen zur Totenfeier.
„Ach! du! wer ist denn tot?“
Wie kannst du fragen? Kannst du fragen?
„Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
Ja -- er ist ins Meer gefallen --
„Ach! du! ins Meer gefallen?“
Von seinen weißen Wolken oben!
Von seinen weißen Wolken.
Dahin
Mit gesenkten Blicken
durch die Menge hin,
durch die fremde dunkle Menge,
eine traumentstiegene Palme,
kam die junge Priesterin.
Mit geschlossenen Wimpern
an den Altar hin,
ruhig an den flammenden Altar,
eine nachtgewiegte Zypresse,
trat die junge Priesterin.
Mit aufstrahlenden Augen
in zwei andre Augen hin,
Augen aus der Fremde,
niegesehene Heimatsaugen,
eine starre Mimose,
stand die junge Priesterin.
Mit hochzuckenden Händen
vor die Flamme hin,
vor die heilige Opferflamme,
eine blitzgetroffene Zeder,
sank die junge Priesterin.
Mit weit offenen Armen
in die Nacht dahin,
wild hin in die fremde Nacht,
eine sturmergriffne Liane,
schwand die junge Priesterin.
Lebewohl
Eine dicke Tigerschlange liegt
müde um mein Herz geringelt,
ihre satten Augen tun sich zu.
Einmal züngelt
ihre dünne Zunge noch im Schlaf --
lebe wohl, mein blutend Täubchen du ...
Ein Stelldichein
So wars auch damals schon. So lautlos
verhing die dumpfe Luft das Land,
und unterm Dach der Trauerbuche
verfingen sich am Gartenrand
die Blütendünste des Hollunders;
stumm nahm sie meine schwüle Hand,
stumm vor Glück.
Es war wie Grabgeruch ... Ich bin nicht schuld!
Du blasses Licht da drüben im Geschwele,
was stehst du wie ein Geist im Leichentuch --
lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele!
Was starrst du mich so gottesäugig an?
Ich brach sie nicht: sie tat es selbst! Was quäle
ich mich mit fremdem Unglück ab ...
Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken,
die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch,
der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken.
Still hängt das Laub am feuchten Strauch,
als hätten alle Blätter Gift getrunken;
so still liegt sie nun auch.
Ich wünsche mir den Tod.
Chinesisches Trinklied
Nach Li-Tai-Pe
Der Herr Wirt hier -- Kinder, der Wirt hat Wein!
Aber laßt noch, stille noch, schenkt nicht ein:
ich muß euch mein Lied vom Kummer erst singen!
Wenn der Kummer kommt, wenn die Saiten klagen,
wenn die graue Stunde beginnt zu schlagen,
wo mein Mund sein Lied und sein Lachen vergißt,
dann weiß Keiner, wie mir ums Herz dann ist,
dann wolln wir die Kannen schwingen --
die Stunde der Verzweiflung naht.
Herr Wirt, dein Keller voll Wein ist dein,
meine lange Laute, die ist mein,
ich weiß zwei lustige Dinge:
zwei Dinge, die sich gut vertragen:
Wein trinken und die Laute schlagen!
Eine Kanne Wein zu ihrer Zeit
ist mehr wert als die Ewigkeit
und tausend Silberlinge! --
Die Stunde der Verzweiflung naht.
Und wenn der Himmel auch ewig steht
und die Erde noch lange nicht untergeht:
wie lange, du, wirst Du’s machen?
du mitsamt deinem Silber-und-Goldklingklange?
kaum hundert Jahre! das ist schon lange!
Ja, leben und dann mal sterben, wißt,
ist Alles, was uns sicher ist;
Mensch, ist es nicht zum Lachen?! --
Die Stunde der Verzweiflung naht.
Seht ihr ihn? seht doch, da sitzt er und weint!
Seht ihr den Affen? da hockt er und greint
im Tamarindenhain -- hört ihr ihn plärren?
über den Gräbern, ganz alleine,
den armen Affen im Mondenscheine? --
Und jetzt, Herr Wirt, die Kanne zum Spund!
jetzt ist es Zeit, sie bis zum Grund
auf Einen Zug zu leeren --
die Stunde der Verzweiflung naht.
Der Dritte im Bunde
Nach Li-Tai-Pe
In der Blütenlaube sitz ich beim Wein,
säße gern in guter Gesellen Mitte.
Kommt der Mond, lädt sich leise ein,
nimmt mein Gläschen in Augenschein,
und mein Schatten tut, als wär er der Dritte;
ist eine herrliche Tafelrunde!
Bruder Mond kann nicht mit trinken;
Schatten macht nur nach, was ich tu.
Sei’s! Solange noch Tropfen blinken,
will ich euch doch Willkommen winken,
zechen, bis wir zu Boden sinken!
Glas hoch, Freunde, auf Du und Du,
noch schmeckts dem Munde, es lebe die Stunde!
Noch! Wie lacht der Mond in mein Glas,
wie tut mein Schatten tanzen und springen!
Solang ich noch stehn kann, Freunde, was?
so lange dauert der Freundschaftsspaß,
Freut euch, Brüder, bald fall ich ins Gras!
Dann ists aus! kein Lebwohl wird klingen,
nur der Dritte im Bunde lacht im Grunde:
wann feiern wir Wiedersehensrunde?!
Frühlingsrausch
Nach Li-Tai-Pe
Wenn das Leben Traum ist, wie sie meinen,
wozu dann ihre nüchterne Plage!
Ich, ich berausche mich alle Tage;
und wenn ich Nachts nichts mehr vertrage,
leg ich mich schlafen auf den Pflastersteinen.
Morgens erwach ich sehr bewußt;
ein Vogel zwitschert zwischen blühenden Reben.
Ich frage ihn, in welcher Zeit wir leben.
Er sagt mir: in der Zeit der blühenden Reben!
das ist die Zeit, in der die Frühlingslust
die Vögel zwitschern lehrt und leben, leben!
Ich bin erschüttert. Ich raff mich auf wie toll;
wütende Seufzer pressen mir die Kehle.
Und wieder gieß ich mir den Becher voll,
bis in die Nacht, und pfeiff auf meine Fehle.
Wenn dann mein Mund ausruht, ruht auch mein Groll,
ruht Alles, was ich will und kann und soll,
ruht rings die Welt -- o ruhte auch die Seele!
Wer aber kann mit Wein den Gram verjagen?
wer kann das Meer mit einem Schluck verschlingen?
Der Mensch, in diesen Lebensrausch verschlagen,
in dem sich Sehnsucht und Erfüllung jagen,
kann nichts tun als in einen Nachen springen,
mit flatterndem Haar im Wind die Mütze schwingen
und, während ihn die Elemente tragen,
sich ihrer Willkür stolz zum Opfer bringen!
Mein Trinklied
Noch eine Stunde, dann ist Nacht;
trinkt, bis die Seele überläuft,
Wein her, trinkt!
Seht doch, wie rot die Sonne lacht,
die dort in ihrem Blut ersäuft;
Glas hoch, singt!
Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben,
djagloni gleia glühlala!
Klingklang, seht: schon welken die Reben.
Aber sie haben uns Trauben gegeben!
Hei! --
Noch eine Stunde, dann ist Nacht.
Im blassen Stromfall ruckt und blinzt
ein Geglüh:
der rote Mond ist aufgewacht,
da kuckt er übern Berg und grinst:
Sonne, hüh!
Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben:
Mund auf, lacht! Das klingt zwar sündlich,
klingklang, sündlich! Aber eben:
trinken und lachen +kann+ man blos mündlich!
Hüh! --
Noch eine Stunde, dann ist Nacht;
wächst übern Strom ein Brückenjoch,
hoch, o hoch.
Ein Reiter kommt, die Brücke kracht;
+saht+ ihr den schwarzen Reiter noch?
Dreimal hoch!!!
Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben,
djagloni, Scherben, klirrlala!
Klingklang: neues Glas! Trinkt, wir schweben
+über+ dem Leben, an dem wir kleben!
+Hoch!+ --
Erklärung
Ein Freund von mir, ein junger deutscher Dichter,
keiner von dem schön lügenden Gelichter,
bei seinem Wort sieht man in glühenden Schleiern
die Wahrheit ihren nackten Liebreiz feiern --
der schrieb einmal ein Trinklied, keins von Wasser:
„vom Tode und vom Leben“ sagt der Herr Verfasser --
drin jubiliert, um allen Sinn zu sammeln,
ein halb berauschtes, halb bewußtes Stammeln --
mir deucht, er meinte: über Tod und Leben
bleibt alles Reden ein Gestammel eben.
Äonische Stunde
Alfred Mombert zu Ehren
Du himmlischer Zecher!
Noch einen Tropfen Schwermut in meinem Glase,
noch eine Träne wild in meinem Herzen,
glühte, glänzte,
doch du sangst, du sangest --
es rauschte ein Meer durch uferlose Weiten,
in unsrer Nähe wogten gespiegelte Sterne,
Geister tanzten über dem Erdball,
hoch auf quoll der Tropfen in meinem Glase,
eine Lichtflut --
und hell in deine
fiel die Träne aus meinem Herzen.
Zechers Nachtfeier
Auch das Weinblumenlied genannt
Freunde, mein Glas ist leer.
Nur noch ein goldner Tropfen am Grunde
spiegelt schwank eure Tafelrunde,
blank vom Glanz unsrer Feierstunde
und vom Duft der Jahrhunderte schwer.
Freunde, trinkt alle aus!
Durch die Blume, o Wundernamen,
schlagen die weißen Geisterflammen
der edlen Züchter in uns zusammen;
trinkt! ich habe noch rote im Haus!
Freunde, schenkt ein, schenkt ein!
Seelen von Huldinnen schlummern versunken
in diesem Pfühl von rubinigen Funken;
weckt sie, Lippen! und küßt euch trunken!
trunken sein heißt seelenvoll sein!
Freunde, stoßt mit mir an!
Bald wird auch uns der Schlummer bezwingen,
aber auch ihn soll ein Geist uns bringen:
Freunde, ein Traumgeist, der knallen und springen
und aus Eis Feuer speien kann!
Ah, wie sein Hals sich bäumt!
Schleppt ihn herbei, den gefesselten Wilden!
Löst ihn, er sehnt sich nach Göttergefilden!
Seht, wie er steigt und von Luftgebilden
+überschäumt+! --
Fromme Wünsche
Nach Cecco Angiolieri
Wär ich der Wind, ich risse die Welt in Fetzen.
Wär ich das Feuer, zerfräß ich sie zu Funken.
Wär ich das Meer, sie läge längst versunken.
Wäre ich Gott: Spaß, gäb das ein Entsetzen!
Wär ich der Papst, wie würd’es mich ergetzen,
zu ärgern meine Christen, die Halunken!
Wäre ich König, ließ ich wonnetrunken
mein Volk mit Hunden an den Galgen hetzen!
Wär ich der Tod, besucht ich auf der Stelle
die lieben Eltern wieder mal; im Leben
betret ich nun und nimmer ihre Schwelle!
Wär ich der Cecco -- hm, der bin ich eben;
drum wünsch ich Mir die schönsten Jungfernfelle
und will die häßlichen gern Andern geben!
Lied des vogelfreien Dichters
Nach François Villon
Ich sterbe dürstend an der vollen Quelle;
ich, heiß wie Glut, mir zittert Zahn an Zahn.
Frostklappernd sitz ich an der Feuerstelle,
in meinem Vaterland ein fremder Mann.
Nackt wie ein Wurm, geschmückt wie Tamerlan,
lach ich in Tränen, hoffe voller Leid
und schöpfe Trost aus meiner Traurigkeit,
ein Mann voll Macht, ein Mann in Acht und Bann,
und meine Not ist meine Seligkeit --
ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
Nichts ist mir sicher als das nie Gewisse,
und dunkel nur, was allen Andern klar;
und fraglich nichts als das für sie Gewisse,
denn nur der Zufall meint es mit mir wahr.
Gewinner stets, verspiel ich immerdar.
Mein Frühgebet: Gott, mach den Abend gut!
Im Liegen vor dem Fallen auf der Hut,
bin reich ich, der ich nichts verlieren kann,
und hoff auf Erbschaft, ich, ein rechtlos Blut --
ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
Nichts macht mir Sorge als mein bös Begehren
nach Glück und Gut, doch pfeif ich drauf zumeist.
Wer auf mich schimpft, tut mir die größten Ehren;
der Wahrste ist, wer mich mit Lügen speist.
Mein Freund ist, wer mir klipp und klar beweist:
ein grauer Kater ist ein bunter Pfau.
Und wer mir schadet, lehrt mich: Du, Dem trau!
Wahrheit, Lug, Trug, mir Alles Eins fortan;
begreif ich’s nicht, behalt ich’s doch genau --
ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
Lied der Gehenkten
Villons Epitaph
als er nebst Etlichen zum Galgen verurteilt war
O Mensch, o Bruder, machst du hier einst Rast,
verhärte nicht dein Herz vor unsrer Pein;
denn wenn du Mitleid mit uns Armen hast,
wird Gott der Herr dir einst gewogen sein.
Hier hängen wir, so Stücker acht bis neun;
ach, unser Fleisch, einst unser liebst Ergetzen,
jetzt ist es längst verfault und hängt in Fetzen,
samt unsern Knochen fast zu Staub zerfallen.
Doch wolle Keiner seinen Witz dran wetzen --
nein: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!
Mißachte, Bruder, nicht dies unser Flehn;
du weißt ja, der +du+ unser Bruder bist,
obgleich uns nach Gesetz und Recht geschehn,
daß nicht ein jeder Mensch vernünftig ist.
Verwende dich von Herzen als ein Christ
beim Sohn der Jungfrau, daß er seine Gnade,
da wir nun tot sind, auch auf uns entlade
und uns behüte vor des Satans Krallen.
Die Seele, Bruder, stirbt nicht mit am Rade --
ja: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!
Sturzregen haben unsern Leib zerspült,
die Sonne uns geschwärzt und ausgedörrt,
Krähn, Raben uns die Augen ausgewühlt,
uns Bart und Brauen aus der Haut gezerrt.
Niemals, kein Stündchen Ruh am warmen Herd;
nur wipp und wapp, und immer wippwapp wieder,
umschwärmt von Krähn, die Winde um die Glieder,
zerhackt, zerlöcherter als Hosenschnallen!
Ja: vor Uns Brüdern seid ihr sicher, Brüder --
doch: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!
Rettung zu Gott
Nach Verlaine
I
Mein Gott hat mir gesagt:
„Sohn, man muß Mein sein! Mein!
Sieh meine durchbohrte Brust,
mein strahlend, blutend Herz,
und meine wunden Füße,
die Magdalenens Schmerz
mit Tränen wusch; und siehst,
siehst die große Pein
meiner Arm-und-Hände
durch deine Sündenschuld,
siehst das Kreuz, die Nägel,
und spürst und fühlst und glühst,
daß diese bittre Welt
des Fleisches nichts versüßt
als Mein Fleisch und mein Blut,
mein Wort und meine Huld.
War ich nicht Dein, mein Sohn,
dein bis in den Tod?
mein Bruder du im Vater,
mein Kind, mein Sohn im Geist!
Und hab ich nicht geduldet,
wie die Schrift verheißt?
Hab ich nicht geschluchzt
für deine Angst und Not?
Und war mein blutiger Schweiß nicht
der Schweiß deiner Nächte,
mein Freund, mein armer Freund du,
der gern zu mir möchte!“
II