Ich will heut Nacht kein Bett noch Essen haben!

ich will mich am Geruch des Frühlings laben!

Die Knospen platzen all vor Trunkenheit;

ihr in der Stadt, ihr platzt vor Futterneid.

Das tat mir leid.

Ich ging von Haus zu Haus: Sing, Seele, sing:

erbarm dich, Mensch, und sei kein Kümmerling!

Geh in den Wald, da lacht der Sternenschein:

sing, freie Seele, sing! was kannst du sein?

Herrin des Frühlings!

Du kannst dir jeden Ast zum Szepter nehmen;

der Tau beträufelt dich mit Diademen.

Du trägst ein Schleppkleid von Milliarden Blüten;

das brauchst du nicht vor Mottenfraß zu hüten,

sie welken bald.

Sie welken, Seele, um dich zu erfreuen:

du darfst dein Reich in alle Lüfte streuen!

Wenn dir das nicht gefällt, dann komm, schlag drein!

sing, Seele, sing! was kannst du sonst noch sein?

Magd des Sommers!

Da darfst du Tag für Tag die Hippe zücken,

siehst Schwad an Schwad vor dir zusammenknicken,

stellst Korn in Garben, oder läßt es liegen,

damit die Spatzen was zu fressen kriegen;

freut dich das nicht?

Nachts hörst du dann die jungen Mäuse pfeifen;

fühlst, Schatz, wohl auch was unterm Schnürleib reifen?

Wenn nicht, so geh und hör die Hengste schrein!

sing, Seele, sing! du kannst auch männlich sein!

sei Knecht des Herbstes!

Geh in den Weinberg, pflück die vollen Trauben;

kannst auch Kartoffeln aus dem Acker klauben.

Kartoffeln geben Schnaps für arme Luder;

Wein ist für Kenner, und die besten Fuder

schluckt die Nachwelt.

Dann gleichst du selbst den ausgepreßten Träbern

und nährst die Nasenwurzeln auf den Gräbern.

Wird dir das lästig, so zerspreng den Stein!

sing, Seele, sing! du kannst noch freier sein!

Herrgott des Winters!

Herrgott, wie stärkst du da die schwachen Kräfte:

da spannst und spornst du die erstarrten Säfte,

bis dir die eisige Haut vom Körper birst,

worauf du wieder Frühlingsgöttin wirst,

du freie Seele!

So zog ich durch die Stadt und sang euch an,

bei Tag und Nacht, ihr Menschen, Weib wie Mann.

Bei Nacht, da brannte immer künstlich Licht,

doch auch bei Tag verstandet ihr mich nicht;

euch rief die Pflicht.

Mich ruft die Kraft; ich nahm den Stock und ging.

O Menschheit, dich beschämt ein Schmetterling!

Hier schwirrt er vor dir her im Sternenschein,

erhabner Untertan der Welt allein;

sing, Seele, sing! --

Hohes Lied

Fern dem Menschenschmerz,

zwischen Eis und Stein:

reines Herz, nun lausche,

du bist nicht allein!

Horch, die Gletscher-Adern rauschen,

Quellen singen -- und ein Geist stimmt ein:

Meine Kinder werden einst

auf dem Regenbogen spielen.

Folgt dem Vater denn, ihr vielen,

bis ihr oben über den schwülen

Schluchten der Berge, durch die er muß,

schimmern dürft!

In die Niederungen

führ ich euch gezwungen,

der ich mit dem Erdreich ringen muß.

Seht, da giebt es Herzen,

die das Reinste schwärzen;

Gift und Geifer tropft in meinen Fluß.

Aber weiter, weiter,

Kinder, auf vom Grund!

Seht, mein Herzschlag läutert

jeden Tropfen -- und

alle, alle werden einst

oben auf dem Regenbogen spielen!

Ruf an die Kühnsten

Du junger Bergsteiger,

der in den Sturm deine Arme streckst,

dir Fichtenwipfel als Flügel nehmen,

Wolken und Sterne herabfegen möchtest

und sie mit Schweiß und Blut,

Deinem Schweiß und Blut,

in eine neue Welt umkneten,

wie auch ich einst, auch ich:

lern Kraft sammeln!

Ruhig am Meerufer sitz ich jetzt,

seh dich auf halber Höhe keuchen,

höre den Seegang aus drangvoller Weite

unablässig heranrollen

und rufe dir zu:

Keine menschliche Maßlosigkeit

faßt den unermeßlichen Weltplan.

Oft stand ich auf schwindelnder Gletscherkante,

nur geklammert an meinen Eispickstock,

ohne Führerseil,

über Wolkenmeeren,

über den Berghäuptern allen rings,

selbst den Morgenstern mir zu Füßen,

selbst die Sonne,

und --

mußte dennoch mein Haupt senken,

mußte hinab wieder steigen

unter die Sonne,

unter die Wolken,

zwischen die Schatten der kleinsten Klippen.

Denn kein Weltschöpfer ist der Mensch,

nur der Erdgeschöpfe gewaltsamstes.

Nicht ein Sternchen vermagst du

aus seiner Achse zu reißen,

nur in deinem Fernrohr kannst du es drehen.

Einen Turm kannst du bauen auf jeder Höhe,

wo du Werkleute hinzuführen vermagst;

kannst ein Schiff steuern in jede Weite,

ein Flugschiff sogar, das Helden mitträgt,

soweit du dich samt deinem Werkzeug

in den windigen Bann der Erdschwere fügst.

Das kann Menschengewalt, du junger Steiger,

du Flieger, ihr jungen Vorstürmer alle:

Tatkräfte sammeln!

Vogel Greif

Mein Flieger, mein kühner, wo gehts heut hin?

„Hoch über die Wolken, schöne Gönnerin;

höher als höchste Alpenspitzen

soll mein Fahrzeug durchs Weltblau blitzen.“

Vogel Greif heißt dein Fahrzeug? „Vogel Greif;

heut soll er den Sieg mir greifen.“

Du kühner, du stolzer, dann nimm mich mit!

Und sie sprang in den Sitz mit straffem Schritt.

Nur an ihrer Brust das Blumensträußchen

zitterte wie ein gefangnes Mäuschen,

als sie sich lachend den Wetterpelz

um die schlanken Hüften legte.

„Du kühne, du schöne, wirf weg den Strauß!

leicht fliegt ein Blumenblättchen heraus;

ein einziges Blättchen ins Flugwerk verschlagen

kostet uns beiden Kopf und Kragen.“

Und während der Vogel Greif knatternd stieg,

kobolzte der Strauß in ein Kornfeld.

Viertausend Meter stieg er und mehr,

eisig kreiste das Weltblau um sie her;

aus stürzenden Wolken in sausendem Bogen

stiegen sie lachend, lachend, und flogen,

bis die Erde ein fernes Fabelland war,

Vogel Greif -- da stockte das Flugwerk.

Da stockte das Lachen; nur’s Steuer noch klang,

schrill das Steuer im Gleitflug-Sturmgesang.

Durch sausende Wolken in stürzendem Bogen

glitten sie keuchend, keuchend, und flogen,

bis die Erde schon fast wieder Erde war:

Vogel, greif! Da knackte das Steuer.

Wie vor zwanzig Minuten der Blumenstrauß

kobolzten sie aus dem Wrack hinaus,

hinaus, umklammert in wirbelndem Kreise

mit fliegenden Haaren zur letzten Reise;

du kühner! du kühne! klangs geisterleise

auf ins eisige Weltblau.

Und als man sie fand, er atmete noch,

im Todesfiebertraum sah er hoch,

hoch über die Wolken und hauchte: siegen --

morgen werden wir höher fliegen --

morgen --

höher -- --

Die Musik des Mont Blanc

(Den Bergfreunden Charles Simon, René Koenig, Paul Montandon zur

Erinnerung)

Leitwort

Ob wir reden, ob wir schweigen,

aus den Tiefen klingt ein Raunen:

Laßt uns auf die Höhen steigen

und in alle Welten staunen!

Erster Satz

Wenn du hoch im Flugschiff bei funkelnder Winternacht

überm Schneefeld der Großstadtdächer hintreibst,

untergetaucht ist alles unreine Stückwerk,

in dem ruhevollen Lichtnetz der Straßenschluchten

sind die Türme und Kuppeln nur flüchtige Knotenpunkte

dir und deinen Gefährten zur Richtung,

von eurer Brustwehr sinnt ihr mit Göttergefühlen

auf die eingemauerte Menschheit hinab,

das verkrochene Arbeitsgewürm,

das sich müde plagte für eure Lustfahrt:

wenn dann dennoch ein Anflug eisigen Schauders

aus dem Hetzwutgeräusch der Treibschraubenflügel

deinen Blick emporschnellt zwischen die stillen Sterne,

weht ein Ton immer höheren Raumes dich an,

und von Worten durchstürmt, die Gipfel und Abgründe bergen,

ahnst du die Musik des Mont Blanc.

Fliehst wohl gern die Stadt auch bei glühendem Sommertag,

auch du arbeitsmüde, steigst aus dem Eilzug,

schleppst deinen Dunst durch den Landstraßenstaub,

findest ein dürftiges schattengrünes Fleckchen,

wirfst dich matte Raupe ins Gras,

schmachtest ins Blau nach einer Gewitterwolke,

bis dir ein Schmetterling durch deine Schwermut taumelt,

bis eine Schwalbe dich dem Taumel entreißt,

bis du als Adler aus himmelgewiegter Weite

auf dich herabträumst -- Da, o Erweckung:

traf dich ein Anhauch immer leichterer Luft?

schwebte ein Laut immer weiteren Raumes dir vor?

da verwünschst du deine Versunkenheit,

sehnst dich nach der Musik des Mont Blanc.

Was will Sehnsucht? sich verlieren in Fernen!

Was will Ahnung? sich der Tiefe entheben!

Steig hinan, wo in eines Tages Spanne

Sommer-und-Winterbrand deine Inbrunst entflammen,

wo du vor herzhinreißender Mühsal

am Seil der Gefährten dir selbst zum Spiel wirst!

Und ob ihr im ewigen Schnee an blendender Wand hängt,

durststumm, schweißblind, mit schwarzen Brillen,

ob im Finstern um eure zusammengeschanzten

froststarren Körperklumpen der Sturm heult,

horch, ein Klang fernsten Raumes fliegt dir zu:

nun beginnt die Musik des Mont Blanc.

Zweiter Satz

Auf dem Nacken des Riesen schreitest du;

seit Jahrtausenden hockt er im weißen Mantel.

Mit den vergletscherten Armen umschlingt er

die unzähligen schweren steilzackigen Kronen,

die er aufs Haupt sich stülpen wollte.

Höher konnt er sie nicht mehr heben;

nun hält er sie starr umklammert und lauscht

durch die wetterwilden Jahrtausende hin,

lauscht den Geistern der unerreichten Bezirke,

wie sie posaunend und harfend und pfeifend

und manchmal singend seine geliebten Kronen

ihm wegwinden möchten. Und staunend spürst du

mit hohlem Schritt, wie er heimlich knirscht,

bis in dein Herz, der gebannte Riese.

Aber das Staunen ist nur Vorspiel.

Tritt auf seinen Scheitel! der trotzt dem Bann.

Sieh, unsre Spuren verwehen schon.

Leise lechzt sein Atem herauf aus dem Eisschlund,

wo wir uns Stufen hackten im Nebel

ans grelle Licht her. Die dünne Luft schwirrt.

Dein Herz will fliegen und kann nicht. Graust dir?

Hier, wo kein Adler mehr kreist, hier wagten

Menschen ein Sternwartchen herzurichten.

Leise saugt’s der Gletscher in seinen Schlund;

kaum noch ein Balken stiert aus dem Grabloch.

Und mit lächerlich offnem Mund gewahrst du,

daß auf dem Kampfplatz um die Erhabenheit

auch das Grausen nur Vorspiel ist.

An dein Herz hallt ein Dröhnen. Lachte der Riese?

O, er jauchzt! Von seinem Panzermantel

prallt ein Wetterstoß ab. Mit orgelndem Echo

jauchzt er dem Blitz nach. Aus seinem Triumphblick,

hell über Wolken und Schluchten, Stromland und See hin,

bäumt sich ein Regenbogenpaar.

Und mitjauchzend denkst du der Menschlein wieder,

die unten beben, indeß hier oben

unser entzückter Herzruf schallt,

schallt, verhallt -- ohne Echo -- still, Freunde:

auch das Entzücken ist Vorspiel nur.

Dritter Satz

Ruhe aus, wilde Seele: Frieden herrscht

auf gewaltigen Bergen im Mittagsglanz.

Schmiegsam wie du wird der harte Schnee;

es glüht ein Feuer im kalten Wind,

dein trunknes Blut klingt hinan zur Sonne.

Sternhell schwillt der Erdball mit dir ins Licht,

dunkel rührt sich der Raum, er schwebt, er schwebt,

ins Glockenblaue: nun fliegt dein Herz:

ins Reine, ins Reine --

du vernimmst die Melodie des Mont Blanc.

Du träumst nicht, du wachst nicht, du bist nur da;

ein Schimmer bist du im Brennpunkt der Welt.

Da rauscht eine Stimme, Myriaden Stimmen:

Wo seid ihr, Gefährten? Nicht jenseits, nicht diesseits,

wir schimmern auf rauschendem Gipfel wie du.

Du ruhst nicht einsam; du siehst, es ragen

Myriaden Gipfel in gleicher Ruhe,

ins Klare, ins Klare --

du begreifst die Harmonie des Mont Blanc.

Du richtest dich auf; wir richten uns auf.

Du lächelst und schweigst; wir lächeln und schweigen.

Es schweigt der leichenstarre Firn.

Und wenn wir auf seiner zerfurchten Bahn uns

von Abhang zu Abhang im Abendglanz

heimsausen lassen, dann mögen die Berge

einstürzen, du fliegst und fühlst wie wir:

wohin wir auch fliegen, wir fliegen, fliegen,

ins Freie, ins Freie --

dich ergreift der Rhythmus des Mont Blanc.

Vierter Satz

Halt! was trommelt uns nach? wer tanzt da oben?

stürzen Murmeltiere vom Himmel ab?

Achtung, Steinfall! Und Rucksack übern Kopf,

in die Schneewand gebohrt mit Füßen und Fäusten,

hören wir’s hüpfen mit Sammetpfoten,

mit Klumpsohlen hopsen, galopp: rechts, links

purzeln die Tode an uns vorbei

und liegen unten. Und ein Stück Kohle,

wer weiß von welchem sturmverschleppten Scheit Brennholz,

trollt hinterdrein und trällert und summt:

das ist nur ein scherzhaftes Zwischenspiel.

Wißt ihr noch? kennt ihr die Stelle wieder?

dort vorm Jahr: die Eisbrücke unter mir.

Ich stand, sah zurück: durchs Gewirr der Spalten

stieg Jemand uns nach, uns immerfort nach,

mit verhülltem Gesicht, dunkeln Augenlöchern,

mit vielen Leuten am Seil: wer ist es?

was will der fremde vermummte Führer,

wo Jeder Führer ist und Geführter,

was tappt er blos nach? Ich hebe den Pickstock

und warne, da kracht’s, noch erraff ich im Sprung

den Rand -- damals scholl mirs wie Abgrundgelächter

durchs innerste Mark, jetzt lacht die Erinnrung:

Es war nur ein spaßhaftes Zwischenspiel.

Es werden noch viele Brücken zerkrachen;

er braucht’s, der Bauherr des weißen Friedhofs,

das Riesenkronen-Bröckelwerk.

Rings aus Trümmern die Türme, verjährte Lawinen

zu smaragdenen Labyrinthen gefroren,

die nächste Laue zerschellt sie wieder,

hohl verrollt ihr Paukenwirbel: gebt Raum!

Raum, ihr lockern Gesellen! auch ihr da, Granitpack,

du Großer Gendarm mit dem wackligen Helm,

ihr Englischen Fräuleins: noch besteigen

nur Waghälse eure glatten Hüften,

einst liegt ihr alle zerbröckelt im Bett,

der nächste Neuschnee verdeckt den Schutt,

und Brocken auf Brocken wird wieder Brücke,

wird alles ein lachhaftes Zwischenspiel.

Fünfter Satz

Wohl weint’s im Dunkeln, horch, Tropfen zu Tropfen,

Milliarden Tropfen, die sich lautlos

unter der aufgepreßten Last

zusammenschlichen: o horch, nun auf einmal

aus stahlblau dämmerndem Gletschertor

durch den Schutt der Moräne, da sprudeln sie

als milchheller Quell. Nun schöpfst du und trinkst

von dem jubelnden Wasser, und schaust zurück,

immer wieder zurück zu dem sternegekrönten Scheitel,

wo kein Bleiben ist für dein staubhaftes Leben,

und glaubst ihn immer noch rauschen zu hören,

so entrückt dich die Musik des Mont Blanc.

Dann zeigt sich ein Fleckchen, da sprießt wieder Gras.

Dann erscheint eine Hütte, da stürzt Quell in Quell.

Dann bäumt sich der Gießbach und springt dir voran

durch blühende Wiesen ins nächtige Waldtal.

Da hörst du im Schlaf rings die Haustierheerden

geisterhaft läuten; und andern Tags

bist du vielleicht schon fern, siehst die Bäche

zum See gesammelt, der Schiffe trägt,

klirrst mit schweren Schuhn durch die große Stadt,

hörst den Menschenlärm brausen, hörst ihn nicht,

hörst noch immer um deine hämmernden Schläfen

mit unendlichen Flügeln von Schneefeld zu Schneefeld

das Schweigen der Jahrtausende geistern,

so verfolgt dich die Musik des Mont Blanc.

Dann willst du wie sonst mit ergebenem Schritt

an dein Tagwerk gehn, dein vergängliches Werk.

Gehst wie sonst deinen Weg, gehst über die Brücke,

wo du tausendmal wie Tausende gingst,

blickst wie sonst hinab mit gesenkter Stirn,

da wölbt sich ihr Bild, da spiegelt’s dich mit,

spiegelt Tausende mit, da bäumt sich dein Herz,

nicht wie sonst, nicht wie sonst: wie der Gießbach bäumt sich’s

und kommt von der Höhe und will ins Weite

und fühlt, wie Welle in Welle tief

sich bindet, sich drängt, vieltausendwerkig

voll Ahnung, voll Sehnsucht -- Das bleibt! das bleibt!

das wird rauschender Strom und verrauscht ins Meer,

in Stürme, in Wolken, ins Luftmeer, Lichtmeer,

von Raum zu Räumen, ins Freie, ins Freie --

so verschwebt, o Welt, die Musik des Mont Blanc.

Gebet im Flugschiff

Schöpfer Geist, unbegreiflicher,

der du Wesen ersinnst, die Gestalt annehmen,

grausig gütiger du,

denn jedes lebt vom Tod vieler andern,

Götter wie Menschen,

Tiere, Pflanzen,

Kristalle, Gase, Ätherdämonen,

kann jedes übergehn in jedes,

ins Meer, ins Luftmeer, in fernste Gestirne,

bauen einander, zerstören einander,

begehren auf wider sich und dich,

lassen sich Krallen wachsen vor Gier,

Flügel,

und selbst Maschinen, die Vögeln gleichen,

ächzen aus ihren Nöten zu dir

um das letzte Quentchen Vollendung:

Jetzt: hier schweb’ich in deinem Licht,

wie ein Wasserstäubchen im Regenbogen

mitdurchhaucht von all deinen Farben,

ohne Bitte,

nur voller Dank

deines beseelenden Odems teilhaftig,

deiner Inbrunst,

die sich staunend in Menschenmund nennt:

Phantasie! --

Zweite Folge

*

Jesus und Psyche

Phantasie bei Klinger

Der Raum ist groß wie ein Bankettsaal,

ist ganz voll Licht.

Da zeichnet er, da meißelt er, da malt er.

Du fühlst, er braucht so großen Raum:

+Klinger+.

Und wenn das Glück dich wie ein Schreck befällt,

daß du kein Wort weißt, das von Herzen kommt,

so stand ich.

Allein. Doch neben mir saß Zeus,

ein neuer Zeus, von Antlitz und Gestalt

+Beethoven+ gleich; und in den Abgrund

der Welt und Menschheit starrt sein Schöpferblick

herab vom Thron der Sünde und Erlösung,

daß sich der Adler ihm zu Füßen sträubt,

erwartungsvoll.

Still! atme kaum! Dort drüben schimmert noch

im Abendschein der +alte+ Göttergarten.

Der Gipfel des Olympos flammt von Farben;

buntsäulig ruht im Glanz der fernen Luft

ein Tempelhaus. Es ruht zerfallen; aber

die Pinien und die Lorbeern und die Palmen

drängen sich immergrün wie einst zu Tal,

am Strand des blauen Meeres glühn und duften

des Südens große wilde Blumenbüsche,

die Götter alle sind versammelt, und --

unter sie tritt +Jesus+.

Sie sahn ihn kommen; immer größer kam er,

der hagre Mann, den Blick zu Boden, langsam,

als ob sein Fuß den Wiesenrasen schonte,

im gelben Seidenkleid, das goldgestickt

wie eines priesterlichen Königs Kleid schien

und Spuren wie von Blut zeigt -- warum kommt er

nicht nackt zu ihnen, wie sie selber sind?!

Und streng verhüllt gleich ihm, tragen drei Frauen

ein schweres schwarzes Kreuz ihm nach.

Jetzt senken sie’s, ihr schwesterlicher Schritt

stockt: Jesus sieht die Götter an.

Weh uns! Der wilde Amor weicht empört,

entsetzt zurück vor diesen Augen: Psyche,

weh, Psyche, flieh! Doch seine Psyche fällt

mit seligem Schrei dem Eindringling entgegen,

weh, kniet vor ihm -- Psyche, der Götterliebling,

vor Ihm! -- umklammert ihm die Rechte, küßt sie,

küßt diese grauenhaft blutstriemige Narbe

der magern Hand, stammelnd und schluchzend: Mein,

mein Herr und Heiland!

Verwundert lauscht mit zuckenden Flügelchen

der aufgescheuchte Schwarm der Amoretten

aus einer Uferpalme. Hermes hat

sich abgewandt und neigt den weißen Stab.

Nymphen und Satyrn wälzen sich im Gras,

daß jene Frauen fraulich-tief erröten,

indessen abseits die Olympierinnen

kaum wissen, was geschieht, so stehn sie da:

Juno in hoher Selbstzufriedenheit,

Athene, selbstbewußt in sich versunken,

und Venus, in sich selbst verliebt,

Jede im Wohlgefühle ihrer Nacktheit,

schamlos und lieblos, herrlich.

Die Sonne taucht ins Meer, die Götter schweigen.

Und Jesus, Psyche überschattend, heftet

den Blick auf Zeus. Der sitzt, zu Tode stumm,

auf seiner Marmorbank. Die greisen Glieder

versagen ihm den Zorn. Die alten Augen

erstarren vor der Nacht im Auge Jenes.

Er hört nicht, wie der Knabe Ganymed

sich an ihn schmiegt und ängstlich flüstert: Vater,

was will der fremde Zaubrer hier? -- Zeus stirbt.

Und hinter ihm, indeß er umsinkt, schleppt

Elemosyne, die mitleidige

Verachtetste der Göttinnen, mühselig

den kranken Mars her und will +auch+ zu Jesus,

so sehr der Kriegsgott sich im Fieber wehrt.

Und wieder hör ich Psyches Inbrunst stammeln:

mein Herr und Heiland!

und fühle ihren keuschen Schmerz, und fühle

ihr nacktes Warten, wie sie kniet und weint

und aufstehn möchte; und es wundert mich,

daß man das Gras nicht sieht durch ihren Körper,

so fast verzehrt von langer Sehnsucht ist er,

so abgehärmt die blassen jungen Brüste --

+sah+ das der tote Göttervater nicht?!

Sie zittert. Psyche! Weib, wer bist du? Sprich!

Ich horche auf: aus einer Rosenhecke

antwortet mir Gelächter, übermütig

tritt auf den Plan Bakchos-Dionysos,

Blüten im Haar, sein Pantherfell in Fetzen,

hoch in der Hand den hellen Tafelkelch

voll dunklen Weines, drin der Widerschein

des letzten Sonnenfunkens blutrot schwankt,

und nickt mir zu und hält ihn mir entgegen:

trink, Jesus, trink!

Und langsam streckt sich meine Linke vor

und will ihm wehren. Aber Psyche küßt

noch brennender die Narbe meiner Rechten.

Und langsam muß sich meine Linke wenden,

und nickend nehm ich meinem Bruder Bachus

nun ab den Kelch und setz ihn an die Lippen,

und ziehe meine Psyche an mir hoch,

und setze nun den Kelch an +ihre+ Lippen:

trinke, das ist mein Blut! -- Und Psyche trinkt.

O! wie sich ihre bleiche Stirne rötet,

sich ihre Brüste mir entgegenheben!

doch weinend reicht sie mir zurück den Kelch.

Da pack ich ihre Hand und schüttle sie:

hoch fliegt das leere Glas: in blitzendem Bogen

zerklirrt’s zu Scherben an der Marmorbank

des toten Zeus.

Ich aber ziehe meine Psyche an mich

und schlage meinen Königsmantel um sie

und spreche: weine nicht, mein Liebling, komm!

So steig’ich mit ihr auf den Sitz des Zeus

und lege meine Dornenkrone ab:

heut feiert Jesus seine Hochzeitsnacht!

Auf, Bruder Bachus, schwinge deinen Thyrsos!

Ihr Fraun, legt +hin+ das Kreuz! Olympierinnen,

nehmt eure blassen Schwestern bei der Hand:

du, Juno, die im blau verblichnen Kleid,

die mit dem Glaubensblick! Athene, du

verbindest dich der Grünverschleierten,

die so voll Hoffnung blickt! und du, Frau Venus,

fasse den Purpur jener Blassesten,

jungfräulich Blickenden, sie heißt „Die Liebe“ --

dann jauchzt: der Bräutigam ist da!

Auf, ihr Unsterblichen, zum Hochzeitsreigen!

Elemosyne soll mit Amor tanzen!

seht, wie das dunkle Meer von Sternen hüpft!

Mars, stehe auf und wandle, +und sei mein+! --

Und lasset auch die Kindlein zu mir kommen:

geh, Ganymed! heißa! die Amoretten

warten auf dich! tanzt euern Ringelreihn!

Du aber, Hermes, nimm den toten Zeus

und trag ihn sanft hinüber vor den Thron

des neuen Zeus, der hier errichtet steht,

und neige deinen weißen Stab vor Diesem

und bitte ihn:

Spiel uns, du Göttlicher, dein Hohes Lied,

das hohe Lied der Sünde und Erlösung,

das hohe Freudenlied der Welt und Menschheit,

das hohe Lied der Neunten Symphonie!

Dann wird sein Adler rauschend sich erheben,

still spannt er über uns die Fittiche

und lauscht herab auf uns, wie wir erschauern,

Du, meine Psyche, und dein Jesus, Ich,

in unsrer hellgestirnten Hochzeitsnacht.

Auf, ihr Unsterblichen, auf, tanzt und singt!

singt mir das Lied vom Tode und vom Leben!

morgen ist wieder Tag, die Sonne lebt noch!

komm, Psyche, komm! --

Doch schaudernd lehnt sich Psyche von mir weg

und starrt mich an mit Augen, daß mich friert,

so rätselhaft voll Furcht, voll Sehnsucht -- Psyche!

Geliebte! Psyche! Du, wer +bist+ du?! -- „+Du+“

sprach laut mein Mund die Antwort meines Herzens,

ein Echo huschte durch den großen Raum;

so stand ich.

Allein. Mit meiner Seele in dem Meister,

der solches in mir schuf.

Endlich ermannt ich mich von seinem Werk

und suchte wegzusehn; da fiel mein Blick

auf einen großen, graugetrockneten

Stranddistelstrauß, um den sich ein vergilbtes,

einst brennend rotes Seidenband herabschlang,

das einzige Stück Erinnrung in dem Raum,

wo alles Übrige von Zukunft zeugte.

Die Sonne schien darauf und ließ noch Spuren

des zart blaugrünen Purpurschmelzes ahnen,

der einst die frischen Stacheln schmückte: fast

als hab ihn einst verfärbt zu schwacher Glaube,

als hab ihn einst berührt zu scheue Hoffnung,

als hüte blaß ihn noch die Liebe ... Still:

die Tür ging: Er trat ein: der Maler, Zeichner

und Bildner Unsrer Psyche -- +Klinger+ -- und

da mußt ich denken: Welche Frau ihm wohl

einst diesen Strauß geschenkt hat? Denn es +giebt+

Frauen, die solche Sträuße schenken ...

Bann

Wie aus dem Schilf die Wasserfee

tauchtest du zaudernd aus der Schaar

der Andern um uns zu mir her

mit deinem langen schwarzen Haar

und deinem grauen Augenpaar.

Und standest nun und sahst mich an

mit deinem blassen Übermut;

und deiner Fragen perlende Flut

und deiner Lippen springjunges Blut

lachte mich an, lachte mich an.

Nur in deinen Augen blieb so fern,

so fern wie auf des Weihers Grund

in schwimmender Nacht der schwanke Stern,

ein Zittern und Leuchten stehen; und

mir log dein Mund, dein kühler Mund.

Denn in unsern Träumen -- o, ich weiß:

auch Du, auch Du -- dann tauchen wir

Hand in Hand hinunter: stumm und heiß

sucht Mund den Mund: holen wir leis,

vom grauen Grund, den Stern vom Grund.

Unsre Stunde

Es dunkelt schon. Komm, geh nach Haus.

Komm! das Kastanien-Blattgewühl

streckt sich wie Krallen nach uns aus.

Es ist zu einsam hier, zu schwül

für uns.

Denn sieh: die Linien deiner Hand

laufen den meinen viel zu gleich.

Du schienst mir plötzlich so verwandt,

so vorbekannt;

vielleicht aus einem andern Reich.

Ich hatt ’ne Schwester, die ist tot.

Sei nicht so stumm, als wärst du taub!

Die Abendwolke dampft so rot

durchs junge Laub,

als ob sie uns Blutschande droht.

Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3) · 第 7 / 14 段