meine ganze Seele.
Ja, ich will zu dir, Herr,
suche und finde nicht.
Du, dessen Liebe lodert
wie aller Sonnen Licht:
ich Dein sein, Dein? ich Wurm
im Staub und voller Fehle!
Du Friedensborn, den alle
Kreatur erlechzet,
ach, Einen Blick nur träufle
in meinen Gram und Wahn!
Darf ich denn wagen, Herr,
nur deinem Hauch zu nahn,
ich, der auf eklen Knieen
hier vor dir kriecht und ächzet!
Und dennoch such ich dich,
taste, tappe nach dir,
daß auf mein Elend falle
nur deines Schattens Zier.
Doch +Du+ bist +ohne+ Schatten,
Du, dessen Liebe +lodert+,
du süßer Springquell, bitter
nur dem, deß Herz noch modert
im Rausch der Sündenlust;
du Licht, ganz Licht, deß Glut
und jäher Kuß den blöden
Menschenaugen wehe tut!
III
„Man muß, muß Mein sein! Ja:
ich bin, bin der Kuß
der Allbrunst, bin der Odem,
bin dieser Mund, du lieber
Kranker, von dem du stammelst,
der glühende; und dies Fieber,
das deine Nächte schüttelt,
bin Alles Ich! man muß
nur +wagen+, mein zu sein!
Ja: meine Liebe, die
zu Höhen lodert, wo
dein armes Ziegenseelchen
nicht hinklimmt, wird dich, wie
der Adler ein Rotkehlchen,
empor zu Himmeln tragen,
o Himmeln, die -- o sieh:
sieh meine helle Nacht,
du weinend Auge du
im Schimmer Meines Mondes!
sieh dieses Bett von Reinheit,
all diese Unschuld sieh,
all diese Ruh! --
Sei Mein! +die+ zwei Worte
sind meine höchste Einheit,
denn dein allmächtiger Gott
vermag zu wollen -- nein:
nur erst vermögen will ich dich:
sei, sei mein!“
IV
-- Herr, Herr, zuviel! ich wag’s nicht.
Ich Dein? Wer? ich, und Dein?
Nein, nein, nur zagen darf ich;
doch wagen -- nein! ich bebe!
ich will nicht, ich bin unwert!
Ich Dein? Du Kelch und Rebe,
du aller Heiligen Herz,
du liebreich Brot und Wein,
du aller Gnadenwinde
ungeheure Rose,
du Eifrer Israels,
du lichter Falter, dem
nur die junge Blume
der Unschuld angenehm:
und ich soll Dein zu sein
vermögen? ich lichtlose
Schlacke, ich Frevler, Dein?
Herr, bist du rasend?! Ich
Befleckter, dem die Sünde
Beruf ist, der -- o Fluch --
in allen seinen Sinnen,
Gefühl, Geschmack, Geruch,
Gehör, Gesicht, ja im
Gewissen selbst nicht Dich,
in seiner Buße selbst
nur, ach, die Wollust fühlt,
womit der alte Adam
nach neuen Lüsten in ihm wühlt!
V
„Drum muß man Mein sein! Ich
bins, der in dir rast,
bin der neue Adam,
der den alten frißt,
dein Hunger und dein Mannah;
und meine Liebe ist
so strömender, je näher
du der Quelle nahst.
Ein strömend Feuer ist sie,
drin all dein lüstern Blut
auf immer sich verzehrt
und wie ein Duft verdampft;
und ist die Sintflut, deren
schwangere Wut zerstampft
jedweden schlimmen Keim
und all die trübe Brut,
die Ich gesät, daß einst
mein Kreuz so reiner strahle,
und daß auch Du dereinst
durch ein furchtbar Mirakel
der Gnade Mein sein müßtest,
entsühnt all deiner Makel.
+Sei+ mein! empor! sei Mein!
Empor mit Einem Male
aus deiner Nacht zu Mir,
Mir, du verlassner armer
Schelm, dem nichts blieb als Ich,
dein ewiger Erbarmer!“
VI
-- Herr! Herr! ich fürchte mich.
Mein Herz zittert und zagt.
Ich seh, ich fühls: man muß,
+muß+ Dein sein. Aber wie,
wie, Gott mein Gott, dein +werden+?
du Richter, dessen Knie
selbst der Gerechte kaum
anzurühren wagt.
Ja, wie? Denn sieh, es wankt
der Grund, darinnen hier
mein Herz sein Grab sich grub,
und rings auf meiner Flucht
fühl ich herniederstürzen
des Firmamentes Wucht
und rufe: Herr, wo führt
ein Weg von Dir zu mir?!
Reich mir die Hand, mein Leben,
daß dieses Fleisches Weh
und dieser kranke Geist
nur fühle deine Spur!
Denn jemals zu empfangen
und zu genießen je
die himmlische Umarmung:
Herr, ist das möglich nur?
dein zu sein dereinst?
selig in deinem Schooß
wie Sankt Johannes, Herr, zu ruhn?
selig, sündelos?!
VII
„So möglich wie gewiß.
O komm, o siehe, welch
Entzücken deiner harrt!
Laß ab von deinem Harme
und deinem Trotz! komm, sinke
in meine offnen Arme,
gleichwie der Glühwurm in den
erblühten Lilienkelch.
Komm und verdien es dir!
Komm an mein Ohr, schütt aus
all deine Niedrigkeit
mit deinem höchsten Mute!
sag Alles, Sohn: frei, schlicht
und ohne Stolz im Blute!
reich mir der Reue blassen,
schmachtenden Blumenstrauß!
Dann tritt an meinen Tisch,
einfältiglich! da soll
ein köstlich Mahl, dem selbst
die Engel andachtvoll
nur zusehn dürfen, dich
erquicken und entsühnen;
da sollst den Wein du trinken,
den Wein des immergrünen
Weinstocks, dessen Güte
und Kraft und Süßigkeit
dein Blut befeuern werden
für die Unsterblichkeit.
*
„Dann geh und glaube fein
demütig an das Urwort
der Liebe, allwodurch ich
dein Leib-und-Seel ich bin!
Und kehre ja, mein Sohn,
sehr oft von neuem in
mein Haus ein, meinen Wein dort
zu kosten und den Schwur dort
zu leisten auf mein Brot,
ohn welches all dein Streben
nur ein Verrat vor mir!
Und bitte mich, wie Brauch,
mich, Vater, Sohn und Geist,
und meine Mutter auch,
daß du das Lämmlein werdest,
das stumm versprützt sein Leben,
daß du das Kindlein werdest,
bekleidet mit dem Linnen
der Unschuld, und dein eigen
armselig Sein und Sinnen
vergessest, um einst Mir
ein wenig gleich zu werden,
Mir, der zu Zeiten des
Pilatus und Herodes,
des Petrus und des Judas
auch dir gleich ward auf Erden,
für dich am Kreuz zu sterben
eines verruchten Todes.
*
„Und um zu lohnen deinen
Eifer in diesen Pflichten,
die also süß, daß ihre
Wonnen unsäglich sind,
will ich dich schmecken lassen
schon auf Erden, Kind,
den Vorschmack Meines Friedens:
meine dunkellichten
geheimen Nächte, wo
der Geist sich meinen Söhnen
auftut und vom vollen
Kelch der Verklärung trinkt,
wo hoch am heiligen Himmel
der Mond verheißend blinkt
und aus der rosigen Finsternis
die Engelchöre tönen,
verkündend die Entrückung
empor zu Meinem Lichte,
die ewigen Küsse meiner
Langmut und Erbarmung,
die Psalmen meines Ruhms
und ewigen Traumgesichte,
die ewige Weisheit und
die ewige Umarmung
im Schauder deiner seligen
Schmerzen, die auch mein:
den Aufrausch der Verzückung,
Mein zu sein!“
VIII
-- Ach! Herr! wie wird mir! Sieh mich:
weinend vor Deine Füße
stürz ich, schluchzend und jauchzend!
deine Stimme macht
mir wohl und weh! mein Auge
weint, meine Seele lacht!
und all das Weh, das Wohl
hat all die selbe Süße.
Aus Tränen jubl’ich, Herr!
Aus meiner Inbrunst wecken
mich Hörnerrufe; Waffen
winken auf klirrender Au,
funkelnde Schilde, und drüber
Engel in Weiß und Blau,
und dieser Hörnerruf
füllt mich mit Wut und Schrecken.
Den Taumel fühl ich, fühle
das Graun der Auserwählten.
Ja, ich bin unwert, aber:
Herr, Deine Gnad ist groß.
Sieh: voller Dank, voll Demut:
hier, sieh mich Schweißgequälten,
o sieh mich Glutbeglückten --
obgleich ein namenlos
Erschauern, Herr, den Trost mir
deines Mundes schwächt,
und zitternd geht mein Atem -- --
IX
„So, altes Herz, so recht!“
Mirakel
Nach Verlaine
Da kam ein stiller Reiter
mit Namen Unglück her;
der stieß in mein alt Herz mir
seinen dunkeln Speer.
Mein alt Herz gab gar einen
trüben Auswurf Blut;
der ist auf der Haide vertrocknet
in der Sonnenglut.
Mein Auge losch in Schatten,
ein Schrei ging aus mir aus,
und mein alt Herz erstarb mir
in einem wilden Graus.
Drauf hat der Reiter Unglück
seltsamlich gerastet,
stieg vom Pferd hernieder sacht
und hat mich angetastet.
Seine Handschuhhand von Eisen
fuhr in meine Wunde,
indeß er einen Bannspruch sprach
mit seinem harten Munde.
Und als mich also eisig
durchfuhr die Hand von Eisen,
ward mir ein neues Herz geboren,
da will ich Gott für preisen.
Ein Herz, gar jung, gar rein und gut,
das schlug wohl sonder Fehle,
denn heller Gluten trunken
genas mein Blut und Seele.
Aber schier geblendet
lag ich und glaubt es kaum;
wie Einer, dem die Herrlichkeit
des Herrn erscheint im Traum
Da stieg der stille Reiter
wieder auf sein Tier,
und gab den Sporn, und jählings
hob er sein schwarz Visier
und schrie, und jetzt noch fährt mirs
durch mein Ohr wie Stahl:
Hüt dich! so gnädig komm ich
+nur Ein Mal+! --
Stimme von oben
Willst du von Gott neue Wunderzeichen,
arbeite!
Willst du alten Göttern wunderlos gleichen,
genieße!
Willst du nichts Göttliches erreichen,
verzweifle!
Bach’sche Fuge
Es steigt ein Geist vom Gnadenstuhl,
tief unten raucht der Sündenpfuhl,
und brodelts noch so lavaheiß,
von oben nahts wie klares Eis,
taucht strahlend in den Höllenschlund,
bis der erstarrt zum Himmelsgrund,
nun steigt auf Stufen von Kristall
der Geist zurück ins blaue All,
nun spiegelt sich im Sündenpfuhl
wie lauter Licht sein Gnadenstuhl.
Rembrandts Gebet
Seele des Lebens,
Licht hüllt dich ein.
Kommt, Schatten, helft! schlagt drein! schlagt drein!
reißt mir aus Schein und Widerschein
das Geheimnis!
Was starrst du stahlblank,
männlicher Panzerhut,
Augäpfel an
voll weiblicher Dämmerglut?
Was späht im Blitzstrahl hinter der Wolkenwand
über dem Volksaufstand
jenes Geisterantlitz?
Schrei nicht nach Klarheit, Mensch:
Verklärung soll sein!
Komm, Lichtschein, hilf! schlag in die Schatten drein!
Geheimnis, pack ich dich?
O heiliger Mummenschanz:
nicht hell, nicht dunkel: ganz
in Offenbarungsglanz
hüllst du auch mich,
Seele des Lebens.
Die Schöpferhand
August Rodin zu Ehren
Chaos bedrängte dich, du Geist: Sturzwelt:
roh Erz, plumpes Gestein, wüst stiebender Sand:
empörte dich in alle Fibern zum Widerstand,
und durch die störrische Masse
ordnungsbrünstig
drang deine Schöpferhand.
Da ward der Denker, der mit brütender Wut
das Kinn auf die geballte Rechte preßt,
da ward die Schöne, deren nackte Glut
sich von der stürmischen Woge tragen läßt,
da ward der Dichter, dem die Weltschrecken
das Haupt recken,
und wird ein Turm, wo Menschenarbeit kündet,
welch Himmelreich der Erdgeist gründet.
Der letzte Traum
Zum Gedenken an Detlev v. Liliencron
Es war am sechsten Abend, und Gott sprach:
Alles ist gut geworden. Alles. Nur
der Mensch: was ist der Mensch? Er träumt wie Ich.
Er möchte ewig leben, ewig träumen.
Wenn ich nur schlafen könnte! endlich schlafen! --
Es war am sechsten Abend, und ein Dichter
sprach auf dem Sterbebett: Was ist der Mensch?
Er hielt die Hand des liebsten Freunds umklammert,
er wollt ihn ansehn mit den Schöpferaugen,
sie irrten durch ihn hin wie Säuglingsaugen
durch eine fremde, unerschöpflich fremde,
traumvolle Welt -- er stammelte:
Sechs Tage keinen Schlaf. Nur Träume. Hörst du?
Alles war gut. Nur Ich -- was ist mit mir?
Ich seh da immer Menschenschaaren ziehn --
da an der Wand -- Heerschaaren -- Kriegerschaaren --
von Land zu Land mit mir -- Erobrerschaaren --
von Stern zu Stern -- zur Schlacht -- Schlachtopferschaaren --
im Traum -- sie opfern sich für Gott hin -- hörst du?
die ganze Welt hin -- sich hin -- mich hin -- Gott! --
Wenn ich nur endlich schlafen könnte -- schlafen -- --
Ruhe
Nach Verlaine
Auf die Nachricht vom Tode des Dichters
Ein großer schwarzer Traum
legt sich auf mein Leben;
Alles wird zu Raum,
Alles will entschweben.
Ich kann nichts mehr sehn,
all das Gute, Schlimme;
kann dich nicht verstehn,
o du trübe Stimme.
Eine dunkle Hand
schaukelt meinen Willen,
glättet mein Gewand,
still im Stillen.
Ecce Poeta
Doch hör ich noch der Tausende Entzücken
und Ihn von seinen goldnen Sternen sprechen,
und sehe noch ihn seine Rosen brechen
und noch den Kranz das Haupt ihm blutig drücken.
Sie lagen jubelnd an den Silberbächen
und ließen sich mit seinen Blumen schmücken,
und sahn ihn Blüte nur um Blüte pflücken
und nicht die Dornen ihm die Stirn zerstechen.
Sie waren alle jammernd hergekrochen,
und Jeder sprach von Plagen ohne Zahl.
Er hatte Allen alle weggesprochen;
verschmachtet sank er hin am Bachesrande.
Da starrten sie, da sahn sie seine Qual.
So träumte mir in unserm Vaterlande.
Die ferne Laute
Eines Abends hört ich im dunkeln Wind
eine ferne Laute ins Herz mir singen.
Und ich nahm die meine im dunkeln Wind,
die sollte der andern Antwort bringen.
Seitdem hören Nachts die Vögel im Wind
manch Gespräch in ihrer Sprache erklingen.
Ich bat auch die Menschen, sie möchten lauschen,
aber die Menschen verstanden mich nicht.
Da ließ ich mein Lied vom Himmel belauschen,
und da saßen Nachts um mein Herzenslicht
die Unsterblichen mit hellem Gesicht.
Seitdem verstehn auch die Menschen zu lauschen
und schweigen, wenn meine Laute spricht.
Notturno
So müd hin schwand es in die Nacht,
sein flehendes Lied, sein Bogenstrich,
und seufzend bin ich aufgewacht.
Wie hat er mich so klar gemacht,
so sanft und klar,
der Traum -- und war
doch bis ins Trübste feierlich.
Hoch hing der Mond, das Schneegefild
lag bleich und öde um uns her,
wie meine Seele grauenschwer.
Denn neben mir, so starr und wild,
so starr und kalt wie meine Not,
von mir gerufen voll Begehr,
saß stumm und wartete der Tod.
Da kam es her: wie einst so mild,
so müd und sacht,
aus ferner Nacht,
so kummerschwer
kam einer Geige Hauch daher,
kam dämmernd her des Freundes Bild.
Der mich umflochten wie ein Band,
daß meine Jugend nicht zerfiel,
und daß mein Herz die Sehnsucht fand,
die große Sehnsucht ohne Ziel:
da stand er nun im öden Land,
ein Schatten trüb und feierlich,
und sah nicht auf noch grüßte mich.
Nur seine Töne ließ er irrn
und weinen durch die kalte Flur;
und mir entgegen starrte nur
aus seiner Stirn,
als wärs ein Auge hohl und fahl,
der tiefen Wunde dunkles Mal.
Und trüber quoll das trübe Lied,
und quoll so heiß, und wuchs, und schwoll,
so heiß und voll
wie Leben, das nach Liebe glüht,
wie Liebe, die nach Leben schreit,
nach ungenossener Seligkeit,
so wehevoll,
so wühlend quoll
das strömende Lied und flutete;
und leise, leise blutete
und strömte mit
ins öde Schneefeld, rot und fahl,
der tiefen Wunde dunkles Mal.
Und müder glitt die müde Hand,
und vor mir stand
ein bleicher Tag,
ein ferner bleicher Jugendtag,
da starr im Sand
er selber ein Zerfallner lag,
da seine Sehnsucht sich vergaß
in ihrer Schwermut Übermaß
und ihrer Traurigkeiten müd
zum Ziele schritt;
und laut auf schrie das weinende Lied,
wie Todesschrei, und flutete,
und seiner Saiten Klage schnitt
und seine Stirne blutete
und weinte mit
in meine starre Seelennot,
als sollt ich hören ein Gebot,
als müßt ich jubeln, daß ich litt,
als möcht er fühlen, was ich litt,
mitfühlen alles Leidens Schuld
und alles Lebens warme Huld --
und weinend, blutend wandt er sich
ins bleiche Dunkel, und verblich.
Und bebend hört ich mir entgehn,
entfliehn sein Lied. Und wie es zart
und zarter ward,
der langen Töne fernes Flehn,
da fühlt ich kalt ein Rauschen wehn
und grauenschwer
die Luft sich rühren um mich her,
und wollte bebend nun ihn sehn,
ihn lauschen sehn,
der wartend saß bei meiner Not,
und wandte mich --: da lag es kahl,
das bleiche Feld, und fern und fahl
entwich ins Dunkel auch der Tod.
Hoch hing der Mond, und mild und müd
hin schwand es in die leere Nacht,
das flehende Lied,
und schwand und schied,
des toten Freundes flehendes Lied;
und dankbar bin ich aufgewacht.
Ein Ewiger
Ich lag in einem dunkeln Taxushain
und hatte Furcht.
Im Schatten vor mir saß ein Mann,
der war wie eine große
nebelvolle Höhle,
in der ein riesenhafter Dachs der Urzeit
neue Welten träumte.
Nur ab und zu
schob er seine schweren Wühlerhände
durch das Gitter,
und mit grauen,
grausam traurigen Augen
griff er sich ein Menschenhirn zum Fraß.
Und über ihn, im Hintergrund der Höhle,
mit unendlich weichem,
kleinem, stolzem Munde,
lag eine schöne geistesirre Frau gebeugt,
die weinte über den traurigen Dachs.
Da hob der Mann
die starre Gottesstirne zu mir her,
darüber ihm die Haare
seidenfein und blond
in langen wirren Wellen lagen,
als ob er eben aufgehört zu fliegen;
und seine scheuen Frauenlippen zuckten.
Ich aber sah hinauf,
wo durch den dunklen Taxuswald
der kalte blaue Himmel strahlte,
klar, weit, hoch,
und sah die Sonne um das Höhlengitter blitzen,
und eine Freude wie im Winter
zerbrannte meine Furcht zu Funken,
die sprühten einen Namen in das Dunkel,
sternhell:
+Strindberg+.
Loke der Lästerer
Nach Strindberg
Götter der Zeit, ich schmähte gestern,
und schmähen will ich euch auch heut,
Götter der Zeit, euch ewig lästern;
hört mein lachendes Lästergeläut!
Ihr führt die Macht, ich führe Klage,
ich führe das Wort in meiner Macht.
Dreizehn liegt ihr beim Gelage;
das bedeutet Totenwacht,
Unfall, Hinfall -- singt die Sage.
Götter, nehmt euch gut in Acht:
sehr schnell eilen die lustigen Tage,
Götter, Götter, und Loke lacht!
Ja, ich saß in jüngeren Stunden
zu Gast in eurem Freudensaal:
an dem Strick, den ihr gebunden,
hingeschleift zu euerm Mahl.
Darum: eure eiternden Wunden,
Loke kennt, kennt ihre Zahl!
Ekel fühlt ich vor den vollen Gefäßen,
und euer Wein war ekler noch;
euer Singsang verdarb mir das Essen,
der fad wie dünne Brühe roch.
Und das könnt ihr Loke nicht vergessen,
daß er nicht lobkrähend vor euch kroch.
Nein, ich will kein Loblied krähen,
will nicht singen für euern Fraß;
nein, ich will euch lieber schmähen
mit meinem großen, schönen Haß!
Meine Sehnen habt ihr mir zerstochen,
mich geschmiedet auf dies Gletscherjoch,
mir die Zähne ausgebrochen,
aber meine Zunge lästert doch!
Ja, ich habe eure Schmach verraten,
Götter -- das war all mein Fehl;
eure heiligen Greueltaten,
eurer festen Schlösser Sündenhehl.
Drum heißt Loke der Erste der Hasser,
der Lästerer Erster in euerm Lied;
ja, es ehrt, es ehrt ihn, daß er
Verräter verriet!
Wenn den Gewaltigen straft der Schwache,
dann heißt die Strafe Rachewut.
Sei’s! Ja, Götter: ich übte Rache,
hört es, Rache -- und rächte gut!
Habe erbrochen die Bundeslade,
habe den Moder ans Licht gescharrt,
euch abgerissen die Maskerade
und eure Nacktheit offenbart.
Habe euern Götzendienst verachtet,
von euern Bildern den Flitter geklopft;
habe das goldne Kalb geschlachtet,
+sah+ das Stroh, womit es ausgestopft.
Habe gerächt, du alte Götterhure,
gerächt all meiner Jugend Weh,
als ich knien gemußt zum eklen Schwure
und dir Weihrauch streun, du Lügenfee!
Ja: mein Wahrheitswort, das lachte
ins Gesicht dem Götterpack,
daß ihr Schloß und Tempel krachte --
hah, wie rannte das Köterpack:
die Göttervetteln, die Götterpinsel:
Der knöpfte die Hosen fest, Die nahm
die Unterröcke mit Gewinsel
vor die kranke verschrumpfte Scham.
Aber die Lüge ging zum Pfuhle
und fischte Nattern im dumpfen Hain;
die ließ die tückische Götterbuhle
Gifte in Lokes Antlitz spein.
Und dann schlugen sie Loke in Ketten,
Hundert gegen Einen war die Tat;
doch -- in ihren Götterlotterbetten
schrein sie doch von Hochverrat.
Ja, in Ketten liegt er auf der Klippe,
aber seine Zunge ist noch frei,
und die alten Göttergerippe
zittern +noch+ von seinem Geschrei.
In den langen Nächten seiner Qualen
sitzt an seinem harten Bett sein Weib,
schützt ihm liebreich mit kristallnen Schalen
vor dem Nattern-Eiter seinen Leib.
Wenn dann die tückischen Vipernrotten
beißen wollen die treue Hand,
dann hört Loke auf zu spotten:
wie der Sturm dann bricht sein Zorn ins Land.
Wenn er seine Ketten schüttelt,
dröhnen die Berge und das Feld;
in Hütten und Burgen, wachgerüttelt,
ahnt man bebend das Ende der Welt.
Da hört Loke auf zu lästern,
sondern aus den düstern Augen drohn
sengende Blitze den Götternestern,
und er ruft nach seinem Sohn.
Der Midgardsdrache, der Weltzerstörer,
dann läßt er rasseln sein Schuppenfell
und reckt den Schwanz, der Weltempörer,
hinten am wilden Wolgaquell.
Und es prasseln und knacken und splittern
die Forsten im Wolkonskywald;
und die Pyrenäen zittern,
wo sein Bauch zuckend sich ballt.
Und seine Brust zerpeitscht zu Schäumen
des Seine-Stromes heilige Flut,
dessen Ufer noch glühn und träumen
von Erlösung und von Blut.
Aber: wo der Drache das Haupt geborgen,
fragen die feigen Götter und schrein.
Ewig folgt auf heute morgen;
mein Bescheid wird euer Gestern sein!
Denn wenn Er sein Haupt erhebt zur Rache,
Götter, +aus+ ist dann die Zeit!
Wißt ihr: wenn erst zischt der Drache,
wird euch +nie+ mehr Unheil prophezeit!
Dann erliegt die Welt dem Brande,
der verbrennt, was brennen soll,
der das Gold befreit vom Schlackensande,
der verschont, was lebensvoll.
Und der alte dürre Norden,
dann vom Feuer reingeglüht,
fruchtbar Ascheland geworden,
saamt sich neu, gebärt und blüht.
Dann, in ewig grünen Hainen,
neu geboren, lebt ein frei Geschlecht,
nicht verkrümmt von heiligen Gängelleinen,
Keiner mehr ein Götterknecht.
Götter, wenn sich dann die Raben
um eure Gräber tummeln auf der Flur,
keine Träne wird dann Loke haben,
seine ewig junge Hoffnung nur!
Ja: sein Gelächter fiel gleich Steinen
schwer in eure Götterruh,
denn er glaubt an jenen seinen Einen,
nicht an euer Blindekuh.
Doch euren Gräbern lacht sein Geläute
wie Freundesnachruf: Götter der Zeit,
ruht in Frieden, Götter! Heute
lebt die Gottheit der Ewigkeit.
Um Ibsens Schatten
Als du, gewaltiger Schatten, noch des Körpers waltetest,
der siebzigjährig beim Geburtstagsfestbankett
uns jungen Männern unerschütterlich Bescheid tat,
warf ich auf dich vom trotzig hochgeschwungenen Becherrand
den trunknen Spruch:
Skaal, Ibsen, Skaal,
du Feind der Halbheit, Meister des Doppelsinns!
ich schleudre dir ein Wort zu, das dich ganz beleuchtet:
Skaal, du vom heiligen Geist Beschatteter! --
Nun sitzen wir beim Todesfestbankett,
trotzig auch heut, doch nicht von flüchtiger Trunkenheit,
Jeder im Rücken seinen eigenen Schatten fühlend,
ein Kranz von Schatten um den leeren Platz, Gewaltiger,
der du im Lichtkreis über unsrer Tafel geisterhaft,
noch unerschütterlicher als dein Körper einst,
lastest.
Warum entschwebst du nicht? willst du uns prüfen?
O! mit noch höher geschwungenem Becherrand
will ich dir dann Bescheid tun, schweigsamer Gast.
Sieh, wie mein Schatten auffährt! und rings um mich
an allen Wänden, allen Ecken des Saals empor
heben sich Schatten-Arme, mitschwingende, heben
Dich, Dich, du Unerschütterlicher, auch empor
durchs düstre Flackerlicht des Trauerraums,
durchs rauchgeschwärzte Schnitzwerk, Decke und Dach,
empor durchs Sternenbildergewölb der Frühlingsnacht,
bis dahin, wo kein irdisches Zwielicht mehr uns täuscht --
nun schwebst du hoch genug für unsre Andacht.
Da sehn wir dich im Strahlenschooß der Allmacht ruhn:
tiefschwarz von Lichtquell zu Lichtquell dich dehnend
schwebst du im Spiegel unsrer begeisterten Augen,
schwebst, lebst, und waltest.
Und so -- mit unsern begeisterten Augen -- siehst du,
wie Männer kommen: einsam, einzelne nur,
doch von Jahrhundert zu Jahrhundert kühnere,
wortkarg wie Du, sinnstark wie Du:
die kämpfen ihre Zweifel vor dir aus.
Und Frauen siehst du kommen: mehr und mehr,
und von Jahrtausend zu Jahrtausend stolzere,
wortscheu wie Du, werktreu wie Du:
die richten ihren Glauben an dir auf.
Dann wird wohl Eine -- o! ich seh ihr Gesicht,
braun ist’s von Sonne, so hart wie Erz kann’s scheinen
und kann wie Honigwabenhaut so zart sein --
wird dir in einer heilig strahlenden Nacht wie heut
einst zulächeln:
Dank, Ibsen, Dank,
du Freund des Gradsinns, Seher des Widersinns!
ich bring dir einen Blick dar, der dich voll beglänzt:
Dank, du vom ewigen Licht bestärkter,
gewaltiger, unerschütterlicher Schattengeist! --
Götterhochzeit
Ein Zwiegesang
O ewig Gesuchte!
„O endlich Gefundener!“
Im Umsturz der Welten!
„Am Quell der Gestirne!“
Überm donnernden Absturz
meiner verschütteten Geister.
„Unterm sanften Aushauch
unsrer verströmten Seelen.“
Die Sphären weinen.
„Der Äther lächelt.“
Äonen waren.
„Äonen werden sein“ --
werden --
„sein! --
laß uns lachen, Geliebter!“
Lachen?
„Jubeln!“
Geliebte, wem?
„Äon dem Ungeborenen!“
Äon dem Wiedergeborenen ...
Schöpfungsfeier
~Oratorium natale~
Chor der Ahnen:
Welch ein Festtag! Wieder reihn sich Flammen,
wieder neigen Blumen sich zusammen,
Kind, weil Du am Leben bist.
Kind, noch immer Kind, trotz deinen Jahren,
horch, ein Vatergeist will heut erfahren,
ob dein Herz dem Leben dankbar ist.
Der Vatergeist:
Sieh, er fragt dich mit gebeugtem Rücken,
den die Schatten seiner Taten drücken,
doch mit ungebeugtem Sinn:
Denkst du noch an meine Züchtigungen,
harten Worte, strengen Forderungen?
wozu nahmst du soviel Trübes hin?
Und ich seh, du blickst auf deine Hände,
auf dein Festgewand, auf Tisch und Wände,
und du lächelst stolz und mild.
Ja, du lerntest dich zum Schaffen zwingen,
all das Wohlgefügte dir erringen,
das dich heut entzückt als helles Bild.
Aber dazu Jahre voller Plagen,
um ein Augenblickchen zu erjagen,
wo das Leben Glanz gewinnt?
Aber schon ergreift mich dein Entzücken,
dankbar hebt sich mein gebeugter Rücken:
dieser Augenblick ist göttlich, Kind!
Chor: