Leb wohl! -- Ins Schloß die Klinke knallt.

Die Windsbraut stöhnt und ächzt im Schlot.

Vom fahlen Horizont her droht

des Mondes Stirne blank und kalt.

Der Bergmann glüht; er trieft von Schweiß.

Der Mond legt übers dunkle Eis

eine bleiche Straße.

Der Bergmann glüht, der Bergmann keucht.

Doch bald: dann hat er das Ufer erreicht,

schon schimmern -- da knistert’s, da biegt es sich sacht.

Ein Hilfegestammel. Da knirscht es und kracht

und schollert; ein Aufschrei verbrodelt im Moor.

Schrill winselt’s im Schilf, hohl röchelt’s im Rohr.

Hui! zischt es und pfeift’s in den Binsen.

O rauher, o rauher, mein rauhes Lied!

kein Witwengewimmer! kein Waisengestöhn!

nach Opfern schreit der Sturm im Ried.

Doch bald: dann kommt der Frühlingsföhn,

dann schießt in Halme die junge Saat,

der Tag der Auferstehung naht!

Dann schmilzt im Sturm das morsche Eis,

dann wühlt er die Opfer empor vom Grund,

die Helden alle, die niemand weiß;

und jedes Toten vermoderter Mund

wird klaffend nach Rache blecken

und tausend Lebendige wecken!

Anno Domini 1812

Über Rußlands Leichenwüstenei

faltet hoch die Nacht die blassen Hände;

funkeläugig durch die weiße, weite,

kalte Stille starrt die Nacht und lauscht.

Schrill kommt ein Geläute.

Dumpf ein Stampfen von Hufen, fahl flatternder Reif;

ein Schlitten knirscht, die Kufe pflügt

stiebende Furchen, die Peitsche pfeift,

es dampfen die Pferde, Atem fliegt,

flimmernd zittern die Birken.

„Du -- was hörtest du von Bonaparte“ --

Und der Bauer horcht und wills nicht glauben,

daß da hinter ihm der steinern starre

Fremdling mit den harten Lippen

Worte so voll Trauer sprach.

Antwort sucht der Alte, sucht und stockt,

stockt und staunt mit frommer Furchtgeberde:

aus dem Wolkensaum der Erde,

brandrot aus dem schwarzen Saum,

taucht das Horn des Mondes hoch.

Düster wie von Blutschnee glimmt die lange Straße,

wie von Blutfrost perlt es in den Birken,

wie von Blut umtropft sitzt Der im Schlitten.

„Mensch, was +sagt+ man von dem großen Kaiser?“

Düster schrillt das Geläute.

Die Glocken rasseln; es klingt, es klagt;

der Bauer horcht, hohl rauscht’s im Schnee.

Und schwer nun, feiervoll und sacht,

wie uralt Lied so stark und weh

tönt sein Wort ins Öde:

„Groß am Himmel stand die schwarze Wolke,

fressen wollte sie den heiligen Mond;

doch der heilige Mond steht noch am Himmel,

und zerstoben ist die schwarze Wolke.

Volk, was weinst du?

Trieb ein stolzer kalter Sturm die Wolke,

fressen sollte sie die stillen Sterne.

Aber ewig blühn die stillen Sterne;

nur die Wolke hat der Sturm zerrissen,

und den Sturm verschlingt die Ferne.

Und es war ein großes schwarzes Heer,

und es war ein stolzer kalter Kaiser.

Aber unser Mütterchen, das heilige Rußland,

hat viel tausend tausend stille warme Herzen;

ewig, ewig blüht das Volk.“

Hohl verschluckt der Mund der Nacht die Laute,

dumpfhin rauschen die Hufe, die Glocken wimmern;

auf den kahlen Birken flimmert

rot der Reif, der mondbetaute.

Den Kaiser schauert.

Durch die leere Ebne irrt sein Blick:

über Rußlands Leichenwüstenei

faltet hoch die Nacht die blassen Hände,

glänzt der dunkelrot gekrümmte Mond,

eine blutige Sichel Gottes.

Ballade vom Volk

Bahnhofsgewühl;

am Sperrgitter staut sich’s.

Schutzleute brüllen;

und rings glotzen tausend

Tiergesichter,

Hundegesichter,

Fuchsgesichter, ein Wolfsgesicht,

Schafsgesichter, Gänsegesichter,

ein kollernder Truthahn,

grunzende Schweine --

Volk.

Der Zug fährt ein, hält.

Das Gewühl wird still,

einen Augenblick still.

Am Fenster erscheint

Bismarck

und grüßt;

und rings jubeln tausend

leuchtende, glühende,

funkelnde, strahlende,

erzengelhelle Menschengesichter --

Volk.

Drohende Aussicht

Der Himmel kreist, dir schwankt das Land,

vom Schnellzug hin und her geschüttelt

saust Ackerrand um Ackerrand,

ein Frösteln hat dich wachgerüttelt:

die Morgensonne kommt.

Mühsam entstiebt dem Nebelzelt

ein Krähnvolk, herbstlich abgemagert,

indeß sich dick aufs Düngerfeld

der Frührauch der Fabriken lagert;

die Morgensonne kommt.

Schwarz schiebt sich durch den grauen Flor

ein langer Zug von Schlackenbergen,

Schornstein an Schornstein schnellt empor,

schreckhafte Hüter neben Särgen;

die Morgensonne kommt.

Vom Horizont her nahn mit Hast

und einen sich zwei Straßendämme,

von Apfelbäumen eingefaßt,

schon blaß beglänzt die knorrigen Stämme;

die Morgensonne kommt.

Jach folgt zum andern Himmelssaum

dein Blick den fruchtberaubten Zweigen,

und plötzlich siehst du Baum an Baum

sein brandrot glühendes Laub dir zeigen:

der Tag ist da!

Dichters Arbeitslied

Geh hin, mein Blick, über die grünen Bäume!

Da huscht ein Vogel, der nimmt dich mit,

Märchenvogel Edelschwarz.

Bleib nicht zu lange im Reich der blauen Träume!

Hier rasten Menschen am Straßenrand,

ihre Hände sind vom Alltag schwarz.

Bring ihnen her den Abglanz der freien Räume!

Sie möchten alle gern in ein Märchenland,

ihr Sonntagskleid ist edelschwarz.

Die stille Stadt

Liegt eine Stadt im Tale,

ein blasser Tag vergeht;

es wird nicht lange dauern mehr,

bis weder Mond noch Sterne,

nur Nacht am Himmel steht.

Von allen Bergen drücken

Nebel auf die Stadt;

es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus,

kein Laut aus ihrem Rauch heraus,

kaum Türme noch und Brücken.

Doch als den Wandrer graute,

da ging ein Lichtlein auf im Grund;

und durch den Rauch und Nebel

begann ein leiser Lobgesang,

aus Kindermund.

Der Arbeitsmann

Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind,

mein Weib!

Wir haben auch Arbeit, und gar zu zweit,

und haben die Sonne und Regen und Wind.

Und uns fehlt nur eine Kleinigkeit,

um so frei zu sein, wie die Vögel sind:

Nur Zeit.

Wenn wir Sonntags durch die Felder gehn,

mein Kind,

und über den Ähren weit und breit

das blaue Schwalbenvolk blitzen sehn,

oh, dann fehlt uns nicht das bißchen Kleid,

um so schön zu sein, wie die Vögel sind:

Nur Zeit.

Nur Zeit! wir wittern Gewitterwind,

wir Volk.

Nur eine kleine Ewigkeit;

uns fehlt ja nichts, mein Weib, mein Kind,

als all das, was durch uns gedeiht,

um so kühn zu sein, wie die Vögel sind.

Nur Zeit!

Predigt ans Großstadtvolk

Ja, die Großstadt macht klein.

Ich sehe mit erstickter Sehnsucht

durch tausend Menschendünste zur Sonne auf;

und selbst mein Vater, der sich zwischen den Riesen

seines Kiefern- und Eichen-Forstes

wie ein Zaubermeister ausnimmt,

ist zwischen diesen prahlenden Mauern

nur ein verbauertes altes Männchen.

O laßt euch rühren, ihr Tausende!

Einst sah ich euch in sternklarer Winternacht

zwischen den trüben Reihen der Gaslaternen

wie einen ungeheuren Heerwurm

den Ausweg aus eurer Drangsal suchen;

dann aber krocht ihr in einen bezahlten Saal

und hörtet Worte durch Rauch und Bierdunst schallen

von Freiheit, Gleichheit und dergleichen.

Geht doch hinaus und seht die Bäume wachsen:

sie wurzeln fest und lassen sich züchten,

und jeder bäumt sich anders zum Licht.

Ihr freilich, ihr habt Füße und Fäuste,

euch braucht kein Forstmann erst Raum zu schaffen,

ihr steht und schafft euch Zuchthausmauern --

so geht doch, schafft euch Land! Land! rührt euch!

vorwärts! rückt aus! --

Ein Freiheitslied

Es ist nun einmal so,

seit wir geboren sind:

die Blumen blühen wild und bunt,

wir aber mauern Wände

gegen den Wind.

Es wird wohl einmal sein,

wenn wir gestorben sind:

dann blühen die Blumen noch immer so,

und über unsre Mauern

lacht der Wind.

Märzlied

Im März,

da gruneln die Dornen am Zaun.

Im März,

da fängt der Fuchs an zu rauhn.

Im März,

über Deutschlands Äckern und Aun,

da fliegt durch Wolken und Licht und Sturm

eine erste Schwalbe von Turm zu Turm:

wird Frühling? --

Maifeierlied

Es war wohl einst am ersten Mai,

viel Kinder tanzten in Einer Reih,

arme mit reichen,

und hatten die gleichen

vielen Stunden zur Freude frei.

Es ist auch heute erster Mai,

viel Männer schreiten in Einer Reih,

dumpf schallt ihr Marschgestampf,

heut hat man ohne Kampf

keine Stunde zur Freude frei.

Doch kommt wohl einst ein erster Mai,

da tritt alles Volk in Eine Reih,

mit Einem Schlage

hat’s alle Tage

ein paar Stunden zur Freude frei.

Bergarbeiterlied

Wir tragen alle ein Licht durch die Nacht,

unter Tag.

Wir träumen von unerschöpflicher Pracht,

über Tag.

Wir helfen ein Werk tun, ist keins ihm gleich;

Glückauf!

Wir machen das Erdreich zum Himmelreich;

Glückauf!

Einst fiel alles Leben vom Himmel herab,

über Tag.

Wir Bergleute schürfen’s aus dem Grab,

unter Tag.

Wir fördern’s herauf, das tote Gestein;

Glückauf!

Wir machen’s wieder zu Sonnenschein;

Glückauf!

Auf Erden ist immerfort jüngstes Gericht,

unter Tag.

Aus Schutt wird Feuer, wird Wärme, wird Licht,

über Tag.

Wir schlagen aus jeglicher Schlacke noch Glut;

Glückauf!

Wir ruhn erst, wenn Gottes Tagwerk ruht;

Glückauf!

Erntelied

Es steht ein goldnes Garbenfeld,

das geht bis an den Rand der Welt.

Mahle, Mühle, mahle!

Es stockt der Wind im weiten Land,

viel Mühlen stehn am Himmelsrand.

Mahle, Mühle, mahle!

Es kommt ein dunkles Abendrot,

viel arme Leute schrein nach Brot.

Mahle, Mühle, mahle!

Es hält die Nacht den Sturm im Schooß,

und morgen geht die Arbeit +los+.

Mahle, Mühle, mahle!

Es fegt der Sturm die Felder rein,

es wird kein Mensch mehr Hunger schrein.

Mahle, Mühle, mahle!

Sturmbild

Ferdinand Hodler zu Ehren

Fergin im Sturm, kehr um! Weib, wie du wüst dich plackst!

Du bist kein Mann! -- Sie hört nicht, sie stemmt sich langgestreckt

gegens Gebrüll der Wellen, das übern Kahnrand bleckt;

weiter und weiter stemmt sie, ruckt, rudert, ringt und rackst.

Nach dem Holzfäller blickt sie, der mit geschwungener Axt

jenseits des Stroms sich reckt, wieder und wieder reckt.

Oder sieht sie ein Ziel gar, das ihr sein Aufgriff steckt,

und fühlt nun hingerissen: Ich pack’s, da Du es packst!?

So fragen sich im stillen mit hochgezognen Brauen

in einem Ufergarten einige zarte Frauen

von edlem Wuchs und edlerer Geberde.

Sie denken an die Helden alter Zeiten

und sinnen zwischen leichten Handarbeiten,

wie das Gewaltsame -- gewaltig werde.

Die Hafenfeier

I

Vom stillen Hafen singt manch kleines Lied;

Hafen der Weltstadt, bist du jemals still?

O großer Braus der Unruhe, wenn schrill

werktags die Dampfbootschwärme, Fähren, Schlepper, Jollen

Signale kreischend durchs Sprühwasser tollen,

Rauchwolken durchs Gestarr der Maste rollen,

durchs Möwengetümmel um Schlot und Spriet.

Fremder, dann stehst du zuerst wie irr,

spürst nicht das Werk, das da wachsen mag,

nicht von den Werften herüber den Takt im Hammerschlag,

nur das Gekrach und Gerassel, Geklirr, Geschwirr,

und ziellos fragt dein Blick ins Gewirr:

wird je auf Erden noch Feiertag?

Bis du erschüttert vermeinst, daß eisenhart

die ganze Menschheit im Arbeitskleid

von allen Brückengeländern dir Antwort schreit;

und vor dem starken Schall der Gegenwart

verstummt dein Ruf nach ewiger Seligkeit.

II

Sieh dort: der schlichte Mann in der Barkasse,

die unscheinbar vom wimmelnden Kai abschwenkt,

der ordnet dir die lärmende Masse.

Ihm dankt im stillen jede Speichergasse;

ein Schiffsherr ists, der viele Schiffe lenkt.

Vorbei an Docks, Hellingen, Höften, Leichtern, Kranen,

deren Getriebe seinem Antrieb entsprang,

rechnet sein Kopf wohl grad an neuen Bahnen

für unsre Herrschaft auf den Ozeanen,

doch durch die Brust wogt ihm wie dir ein Ahnen,

ein Drang, ein Klang, ein Urgesang:

Unruhe braust, wo sich der Geist aufrafft,

wo flügelfrei sich Mut und Wille verschwören,

Herzen und Hirne zur Tat zu empören.

Unruhe ists, was sich Beruhigung schafft,

was Freiheit und Gewalt zur Ordnung strafft,

um immer kühneren Flugs die Ruhe zu stören.

Unruhe heißt die Schöpferkraft.

III

Jetzt hüpft der emsige Herr von Bord; gewandt

schlüpft er durch festschmuckbunte Zuschauerhaufen.

Ein Riesenschiff soll heut von Stapel laufen.

Flaggen und Wimpel flirrn; guirlandenumspannt

harren zehntausendköpfig die Tribünen.

Und über alldas ragt der Rumpf des Hünen

wie vom exotischen Blick seines Gebieters gebannt.

Der grüßt sich höflich durch, durch die Spaliere

der Würdenträger, Damen, Kavaliere,

Schutzleute, Kurtisanen p. p. -- und dann:

ein Kaiser neigt sich vor dem jüdischen Mann,

der dieses Völkerfriedenswerk ersann,

es neigen sich die Herren Offiziere.

Der Fürst begibt sich an die Kanzelstufe,

besteigt sie, spricht: Ich tauf dich Imperator.

Willig rollt der Koloß von seiner Kufe,

und auf der Strombahn im Sturm der Jubelrufe

wiegt sich ein Echo: Triumphator.

IV

Was aber tönt noch immerfort wie Klagen?

Was murrt und schluchzt, wenn die Anker tauchen?

Was stöhnt, wenn die Frachtspillketten aufstauchen,

während die Dampfersirenen wie brüllende Bestien fauchen,

die Baggermaschinen ihr Hundegeheul anschlagen.

Ist es der Grundton ewiger Grausamkeit,

der qualvoll selbst aus unsern Werkzeugen ächzt?

O Menschenkind, das nach Vergöttlichung lechzt,

hör nur, wie deine Machtgier teuflisch gen Himmel krächzt,

die dich und deinesgleichen im Namen der Menschlichkeit

gesetzlich peinigt und sittlich maledeit!

Dann starren die Häuserreihen rings um die Hafenbecken

dich an wie Folterkammern, wo Angst, Wut, Jammer, Schrecken

vom Keller bis zum Dachfirst gellt,

wo jeder den andern martert, Verbrecher zugleich und Richter,

höchstens daß mittendrunter einsam ein Denker, ein Dichter

sich selbst abquält mit Allbeglückungszwecken;

so büßt der Weltgeist seine Welt.

V

Ja, das erschüttert, das macht die Seelen hungern,

das läßt uns stets nach besserer Zukunft lungern;

was ist denn unser Arbeitsertrag?

Sieh nur, wie alle Augen, die finstern und die grellen,

Herren wie Knechte, Meister wie Gesellen,

sich die Verzweiflungsfrage stellen:

war je auf Erden schon Feiertag?

Was fördern all die Fäuste, die sich schinden

an Hämmern, Hebeln, Kolben, Kurbeln, Gewinden,

an Ketten, Drähten, Tauen, Trossen?

Hier diese Panzerfregatte, sie wird verrosten, verwittern,

dort der zementne Leuchtturm zerbersten und zersplittern,

rascher dann, als er hochgeschossen.

Was hemmt die abgehärteten Lohnsklavenschaaren,

die ihren Blutschweiß täglich zu Markte fahren,

endlich zu meutern gegen die Zwingherrngilde?

Ists, weil sie schärfer als andre Narren gewahren,

daß Wahn uns alle bannt? -- Ihr Herrn, seid milde! --

VI

Gern sieht das Volk Machthaber über sich:

herrliche Männer, liebliche Frauen.

Ein Labsal bleibts dem Kärrner im Alltagsgrauen,

ein lichtes Vorbild anzuschauen,

sei’s königlich, sei’s bürgerlich.

Die plumpesten Burschen, begrüßt sie eine Yacht,

in der ein müßiges Mädchen wie eine Blume lacht,

sie grüßen lachend wieder, Mann für Mann;

sie fragen nicht, was solche Blumen nützen,

sie schwenken ihre schweißgetränkten Mützen,

sie freuen, freuen sich daran.

Oder am Abend, wenn sie verrußt, verstaubt

heimgehn vom Landungsplatz, wo rolandshoch

des Staatsmanns Standbild sein felskahl Kuppelhaupt

dem Strom zukehrt: jawohl, sie schaun dran hoch,

als ob sein Schatten ihnen den Frieden raubt,

ehrlich anknirschend gegen sein Kriegsrüstungsjoch,

aber stolz auf ihn, stolz sind sie doch.

VII

Und keiner blickt mehr nach den Kirchturmspitzen,

die grünspanschimmrig hinter dem Mastenwald

vom Sonnenuntergang bestrahlt

über den rauchgeschwärzten Dächern sitzen,

und unter denen im Altarkerzenschein

menschenklein

der Gottessohn die Finger am Marterkreuz krallt.

Und wenn noch mancher, den Not und Kummer kränkt,

Ihm und der Mutter aller Schmerzen

ein paar Minuten echter Andacht schenkt,

so tut ers nur, indem er denkt,

daß er mit seinem abgehetzten Herzen

zeitlebens selber am Kreuzpfahl hängt.

Die Besten aber beklagen nicht ihr Los,

sie träumen auch kein künftiges Glücksland her;

sie wissen, Kraft ist Lust, die aufschluchzt vor Begehr,

opfergroß

sich hinzugeben, wie der Strom dem Meer.

VIII

Denn über allen Wassern, die hier stranden,

heller als alle Träume und Gesichte,

die durch erhitzte Hirne im Glühdrahtlichte

der schaukelnden Kajüten branden,

glänzt eine Träne aus der Weltgeschichte.

Die weinte Bismarck, als er, schon ein Greis,

das größte Überseeschiff aus jenem Zeitwendkreis

auf seinen Namen taufen sollte.

Er hatte noch kein solches Schiff gesehn,

nun sah er dies Gewaltwerk menschlicher Mühsal stehn,

sah, wie’s auf seinen Wink ins schäumende Flutgrab rollte.

Und sah im Geist sein Deutschland hinaus aufs Weltmeer rollen,

sah Menschen, Helden, Sklaven, sturmschwalbenschaarendicht,

hoch, niedrig, arm und reich, gleich sterblich, Schicht auf Schicht,

wieder und wieder ihre hoffnungsvollen

glückleeren Hände ruhlos nach neuem Schicksal strecken,

und alldas sollte nun sein Name decken --

da rann die Träne über sein Gesicht.

IX

Es wird noch manche Opferträne rinnen,

die leuchtender von Seele zu Seele brennt

als der erlauchteste Stern am Firmament;

doch immer wieder, wenn Sturm ein Wrack berennt,

wird Kapitän wie Trimmer erschüttert sinnen,

warum sie durch den quälenden Aufruhr treiben,

warum sie nicht im stillen Hafen bleiben.

Denn manchmal ist er still. Wenn mitternächtig

kein Hochbahnzug mehr über die Brücken fährt,

wenn sich, vom dunkeln Wasser kühl verklärt,

das Bordlaternenheer sternbilderprächtig

im Abgrund spiegelt, Funken tief bei Funken,

dann scheint das Himmelreich herabgesunken.

Dann winkt dir aus der todesstillen Flut

der Feiertag, seit jeher prophezeit:

da sinkt der Menschensohn vom Kreuz, da ruht

auf dem erstorbnen Erdball weit und breit

der Hauch der ewigen Seligkeit.

Drei Blicke

Die Wolken rauchten immer dunkelroter,

der Abendhimmel stand in Höllenfarben,

und wenn die fernen Blitze lautlos zuckten,

dann zuckte auch die lange Vorstadtstraße,

durch die mein Herz der sinkenden Sonne zuzog,

mit allen Fenstern hocherglühend mit,

und jede Scheibe starrte dann noch toter.

Und plötzlich schlug aus einem Trödelladen

der Heiland seine Augen zu mir auf;

er lag gekreuzigt mit ergebnem Blick

in einem alten Rahmen zum Verkauf.

Und neben ihm zwei neue Kinderpuppen;

die lächelten so fühllos himmelauf,

daß angesichts der drohenden Wolkenschwaden

mein Herz erschrak vor diesem bunten Laden.

Da zuckte wieder, und noch glasig trüber,

durch den gebrochenen Heilandsblick die Röte,

und an den Puppenaugen grell vorüber

beleuchtete der Blitz im Hintergrunde

ein Steingesicht mit stolzem Blick und Munde:

+Goethe+ --

O habe Dank, du Ewiger, jede Stunde:

du hast uns Hoheit über Tod und Leben

mit deiner selbstbewußten Stirn gegeben!

Ein Heine-Denkmal

Standrede eines träumenden Herrschers

Ich danke dir, Bildhauer, daß du dich

für deinen Fürsten noch bemühn willst; bitte,

nimm Platz! -- Du weißt, ich bin der Krone müde,

zu Neujahr geb ich sie dem Volk zurück;

es mag versuchen, selbst sich zu beherrschen,

mir ist es teils zu reif und teils zu schlecht.

Mein Hingang aber soll mein Volk und mich

noch einmal in beglückter Ehrfurcht einen

und unsern Enkeln eine Ehrfurcht bleiben

durch ein Geschenk fürstlicher Menschenliebe;

dazu entbot ich dich.

Ich weiß, dich drängt dein großes Lebenswerk:

„der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwachend“ --

ich danke dir, daß Mein Gesuch dir vorgeht.

So höre, was ich ausgesonnen habe,

du bist der Einzige, der es schaffen kann:

ein Denkmal für Herrn Heinrich Heine.

Erlaube, daß ich uns das Fenster öffne;

der Märzgeruch der Großstadt tut mir wohl.

Dort auf dem Platze vor der Kathedrale

möcht ich das Denkmal aufgerichtet sehn,

mitten im Kranz der Linden.

Da soll er sitzen, wie er innerst war,

der kranke Jude und der große Künstler,

der unsre Muttersprache mächtiger sprach

als alle deutschen Müllers oder Schulzens.

Verziere reich mit Gold den Krankenstuhl,

bunt soll das Denkmal sein, ein Schmaus den Sinnen!

Fußdecke, Rock, Symbole, alles Beiwerk

soll sich in dunklen Tönen unterhalten,

von ungewissen Lichtern überlacht;

aus dem gedämpften Rot und Grün der Broncen,

aus Porphyr, Syenit, Basalt und Lava

soll marmorklar nur sein Gesicht herleuchten

und seine blassen Dichterhände.

Und rück ihn nicht zu hoch vom Boden weg,

nicht in die Luft, damit ihm Volk und Erde

nah bleiben, wie es großen Künstlern lieb ist.

Nur eine einzige Stufe von Granit,

in mächtigem Geviert, gib ihm als Sockel,

daß man sein Lächeln deutlich sehen kann,

dies müde Lächeln des getauften Juden,

mit dem er sich nach neuer Liebe sehnt,

dies bittre Lächeln, das zu sagen scheint:

O Moses, du gefällst mir nicht,

du bist mir überflüssig,

und dein vergrämtes Angesicht

ist längst mir überdrüssig.

Zu seinen Füßen aber laß -- nein, so:

in seine Linke gib ihm einen Stock

und eine himmelblaue Schellenkappe!

Und links zu Füßen des getauften Juden,

den Stock beschnüffelnd und beblinzelnd, hockt

-- ich schlage vor: aus rheinischem Eisenquarz --

ein fettes Schwein, das echte deutsche Hausschwein.

Mach mir dies Schwein ja wahrhaft wahr und schön,

wie’s dieser große Künstler wert ist; und

vergiß mir auch die Borsten nicht!

Doch rechts zu Füßen dieses großen Künstlers

laß einen flügelstolzen Greifen liegen,

mager, die Geiernase möglichst krumm,

den edeln Pantherleib zum Sprung gereckt.

Ich sehe, wie des Dichters blasse Rechte

liebkosend nach dem stählern hochgeschwungnen,

dem nordseegrauen Flügelpaar hintastet.

Ich sehe seinen meerblau stillen Blick,

die dunkeln Amethysten der Pupillen,

in sich gekehrt, heimkehrend aus der Ferne;

er träumt ein Lied.

Über die finstern Furchen der Nordsee,

über die fliehenden Schäume her,

sieht er ihn kommen,

seinen Ahnherrn Ahasver:

er sucht den Messias.

Der Wind jagt seinen Bart,

morgendlich funkelt ein Strand;

seit Jahrtausenden so, der arme Alte,

sucht er den Tod.

Plötzlich sprühn ihm alle Wellen Licht:

fern am Strand steht Einer, der reckt sich,

jünglingskeck, und blickt und lacht,

lacht in die Sonne:

der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwacht.

Und Ahasver schreit auf,

daß sein Schrei die Möwen vor ihm herschreckt

über das leuchtend spritzende Wasser,

und ans Land stürzt er und bricht zusammen,

und Jahrtausende schluchzen

dem erstaunten Michel ins dumme Herz:

Mein Heiland Du,

mein heimlich erstandener

Herr Israels!

Hinten aber auf den Dünen sitzt

mit verwunderten Mienen,

den Sonnenaufgang nach der Uhr erwartend,

das versammelte deutsche Publikum,

Christen-und-Judenpöbel,

und jemand sagt:

Ja, Herr Geheimrat von Schultze,

davon ahnten wir nichts! --

So bilde mir, mein Freund, den Blick des Dichters.

Laß, Meister, des Hellenen freie Kraft,

laß auch des alten Inders freie Inbrunst,

laß des Germanen freie Leidenschaft

als sieche Sehnsucht drin entdeckbar sein,

siech durch die lange Knechtschaft Israels.

Und hinter seinen goldnen Krankenstuhl

stell auf die rechte Seite einen Greis,

ärmlich, ins Knie gesunken, arbeitskrüpplig,

der einem Enkel eine Krone aufsetzt

und seine marmorn blühende Nacktheit segnet;

nimm Meine Krone als Modell!

Links aber hinter seinen Krankenstuhl,

das Schwein des Vordergrundes überragend,

setz auf die Sockelstufe eine Jungfrau,

im Myrtenkranz, im Silberschleier, bräutlich,

so bräutlich, wie es nur der Deutsche träumt;

die soll nachsichtig einem Affen wehren,

der grinsend, mit unzüchtiger Geberde,

dem Dichter in den Rücken glotzt.

Mach mir den Affen ja schön wahr und schön,

wie’s dieses großen Künstlers würdig ist!

dann gib ihm braune Augen, wie dem Greise.

Dem Knaben aber und der Jungfrau blaue,

wie sie der große Künstler selber hatte,

doch so von Dir, Bildhauer, deutsch verklärt,

daß ich den kranken Dichter stammeln höre:

O Venus, alte Frau Sünderin,

verneige dich der Reinen!

o könnt ich noch mit Kindersinn

zu ihren Füßen weinen! --

So, Freund und Herr, möcht ich das Denkmal haben.

+So, Meister, bis ins Kleinste lebensgroß

das Einzelne; das Ganze aber so,

daß uns der Schauder ängstigt und beglückt

vor unsrer menschlichen Tiergöttlichkeit.+

Dann um das alles, wie um einen Friedhof,

zieh mir ein schmiedeeisern Gitterwerk

von hohen Lilien, deren Blütenköpfe

ein Dornenkranzgewinde eint.

Und eile dich mit deiner Arbeit, Freund!

schon weil dein großes Lebenswerk dich drängt

„der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwachend“;

sonst schilt mich noch das deutsche Publikum.

Nimm dir Gehilfen nach Belieben! Horch,

der Märzsturm braust vom Turm der Kathedrale;

wenn der Dezemberreif die Linden schmückt,

möcht ich das Werk vollendet sehn, ich will’s

dem deutschen Volk zu Weihnachten bescheren.

Leb wohl, mein Künstler! --

Landstreichers Lobgesang

Jetzt bin ich endlich mit der Welt allein;

sing, Seele, sing dich von der Menschheit rein!

Sie klagt in einem fort, still oder schrill,

daß keine Seele sein kann, was sie will;

das ist gemein.

Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3) · 第 6 / 14 段