ein Dornenkranz umflammt die Stirn der Stadt,
ein goldner Fächer scheucht die Wolkenstürme,
hernieder strahlt ein Sonnenpalmenblatt.
O Herz der Weltstadt, du Millionenstimme,
die gell nach Brot vor Seelenhunger schreit:
still quillts wie Heilandsblut durch diese Zeit,
die Liebe quillt aus deinem Grimme!
Den Kelch des Schweißes seh ich geistverklärt,
das Kreuz der Mühsal blütenlaubumflattert!
Was lachst du, Sturm?! -- Im Rohr der Nebel gährt,
die Kiefer knarrt und ächzt, mein Mantel knattert:
Empor aus deinem Rausch! Mitleid, glüh ab!
Laß dir die Kraft nicht von Gefühlen beugen!
Hinab! laß deine Sehnsucht Taten zeugen!
Empor, Gehirn! Hinab, Herz! Auf! hinab!
Lied an meinen Sohn
Der Sturm behorcht mein Vaterhaus,
mein Herz klopft in die Nacht hinaus,
laut; so erwacht ich vom Gebraus
des Forstes schon als Kind.
Mein junger Sohn, hör zu, hör zu:
in deine ferne Wiegenruh
stöhnt meine Worte dir im Traum der Wind.
Einst hab ich auch im Schlaf gelacht,
mein Sohn, und bin nicht aufgewacht
vom Sturm; bis eine graue Nacht
wie heute kam.
Dumpf brandet heut im Forst der Föhn,
wie damals, als ich sein Getön
vor Furcht wie meines Vaters Wort vernahm.
Horch, wie der knospige Wipfelsaum
sich sträubt, sich beugt, von Baum zu Baum;
mein Sohn, in deinen Wiegentraum
zornlacht der Sturm -- hör zu, hör zu!
Er hat sich nie vor Furcht gebeugt!
horch, wie er durch die Kronen keucht:
sei +Du+! sei +Du+! --
Und wenn dir einst von Sohnespflicht,
mein Sohn, dein alter Vater spricht,
gehorch ihm nicht, gehorch ihm nicht:
horch, wie der Föhn im Forst den Frühling braut!
Horch, er bestürmt mein Vaterhaus,
mein Herz tönt in die Nacht hinaus,
laut -- --
Ausschau bei Nacht
Damals, Seele, ja: ich war ein Kind
und das alte Forsthaus dumpf und eng.
Und in hellen und in dunkeln Nächten,
wenn ich bang am Kammerfenster stand
und die düstern Eichen hoch erschauern hörte,
wurde mir das Dach noch dumpfer.
Denn immer sah ich,
drüben, drüben fern,
wo aus der Waldnacht um die Felder
die eine hohe Kiefer in den Himmel horchte,
immer ruhte dann darüber
in den Wolken
jener weitgewölbte Schimmerkreis.
Und in bleichen Nächten
war er blaß und flehend
wie ein Heiligenschein,
aber in den grauen
tröstlich blau und schirmend
wie der Glanz von einem klaren Stahlschild,
oder mild und gelb wie Kronengold;
und ich wollte König werden.
Meine Mutter aber sagte mir’s:
dort lag Berlin.
Damals wußt ich nicht, warum mir bangte,
als sie mir die Stirne küßte.
Dort lag die Lichtstadt
und strahlte! --
Heute ist auch Nacht;
der Mond stiert in mein Fenster,
und ich sehe über tausend Dächer.
Im schweren weichen Schnee
ruhn und horchen mit verhaltnem Atem
die Schatten der Stadt.
Bis in den blauen Silberschein der Ferne
schwillt in langen Falten
weiß und zart die dichte Decke hin,
wie über die Kissen
eines Täuflings.
Die aber, die darunter schlafen?
und wachen?! --
Schwarz und scharf
stechen die Türme,
Kirche neben Kirche,
in den kühlen Himmel;
stahlspitz flittert ein Glanz
um die finsterhohe Kuppelkrone
jenes Palastes,
und über einem dicken Schlot
stockt ein Schild von Qualm.
Plötzlich:
unten an der Ecke drüben,
wo eine Gaslaterne
trübgelb mit dem Mondlicht kämpft,
schimpft ein frierender Schutzmann
ein betrunknes Straßenmädchen aus.
Seele, ja:
da liegt Berlin.
Weihnachtsglocken
Weihnachtsglocken. Wieder, wieder
sänftigt und bestürmt ihr mich.
Kommt, o kommt, ihr hohen Lieder,
nehmt mich, überwältigt mich!
Daß ich in die Kniee fallen,
daß ich wieder Kind sein kann,
wie als Kind Herr-Jesus lallen
und die Hände falten kann.
Denn ich fühl’s, die Liebe lebt, lebt,
die mit Ihm geboren worden,
ob sie gleich von Tod zu Tod schwebt,
ob gleich Er gekreuzigt worden.
Fühl’s, wie Alle Brüder werden,
wenn wir hilflos, Mensch zu Menschen,
stammeln: Friede sei auf Erden
und ein Wohlgefalln am Menschen!
Jesus der Künstler
Traum eines Armen
So wars, so stand ich: dumpf, doch fühlend: stumm:
im roten Saal, im Traum, in dunkler Ecke:
stumm, starr und fühlend: schwer: Stein unter Steinen:
bang: starr es fühlend ...
Die schlanken Alabastersäulen leuchten.
Vom Saum der hohen Purpurkuppel hängen
und breiten weit ihr silbern Licht herab
im Doppelkreis die großen weißen Ampeln.
Die roten Nischen bergen zarte Schatten
und spiegeln sich im blanken Pfeilerwerk.
Es ist ganz still ...
Und stumm gleich mir und unbewegt, von Nische
zu Nische, stehn Gestalten: Mann und Weib.
In weißer Nacktheit stehn sie schimmernd da.
Die glatten Sockelblenden werfen Strahlen.
Die roten Wände legen lebensweiche
geheime Schmelze um den Rand der Glieder.
Von Kraft und Ruhe träumt der reine Stein.
So sind sie schön ...
Ich aber hocke in der dunklen Ecke
und fühle meines Leibes Magerkeit
und meiner Stirne graue Sorgenfurchen
und meiner Hände rauhe Häßlichkeit.
In meinem Staub, in meinen Arbeitslumpen,
mißfarben angetüncht, so hocke ich
auf kahlem Postamente, dumpf und bang,
vor ihrer Nacktheit mich der Kleider schämend,
Stein unter Steinen ...
Nur Einer atmet in der stillen Halle.
Dort in der Mitte, auf dem mattgestreiften
eisblassen Marmor, liegt im Dornenkranz,
blutstropfenübersät die bleiche Stirn,
ein Mensch und schläft. Sein weißer Mantel regt sich
in langen Falten leise auf und nieder.
Im Silberlicht der Ampeln glänzen rötlich
der schmale Bart, das schwere weiche Haar.
Hinauf zur Kuppel bebt der milde Mund,
lautlos und schön ...
Nun kommt ein Seufzen durch den stummen Glanz.
Die stillen Lippen haben sich geöffnet.
Im blanken Alabaster spiegelt sich
des blutbesprengten Hauptes leise Regung.
Klar, langsam tun zwei große blaue Augen
empor zur Purpurwölbung weit sich auf,
sanft auf; und alles Rot und Weiß des großen
Gemaches überleuchten diese großen
verklärten Augensterne durch ihr tiefes,
unsäglich tiefes, dunkles, sanftes Blau.
So steht er auf ...
Da scheinen sich die Steine rings zu rühren,
die weißen Glieder eigner sich zu röten,
und nur von Sehnsucht starr; Er aber wandelt.
Die Dornenkrone bebt; und wie er sacht
von Postament zu Postamente schreitet,
und wen er ansieht mit den blauen Augen,
der lebt und steigt in Schönheit zu ihm nieder,
der lebt! der lebt! --
Und steigend, wandelnd, aus den Purpurzellen,
in warmer Nacktheit leuchtend Leib an Leib,
folgt Paar auf Paar ihm von den Marmorschwellen,
stolz, selig stolz, umschlungen Mann und Weib.
Von ihren Stirnen, von den lichtbetauten
sorglosen Lippen weicht ein Bann und flieht,
der weite Saal erklingt von Menschenlauten,
es schwebt ein Lied.
Es schwebt und klingt: „So wandeln wir in Klarheit
und wissen aller Sehnsucht Sinn und Ziel;
in Unsrer Schönheit haben wir die Wahrheit,
zur Freude reif, und frei zum kühnen Spiel!“
So schwebt das Lied ...
Ich aber hocke in der dunklen Ecke,
und fühle meiner Glieder Häßlichkeit
und meiner Stirne graue Sorgenfurchen,
und fühle neidisch ihre warme Nacktheit
und frierend ihren Jubel -- ich ein Stein.
Von Pfeiler hell zu Pfeiler tönt der Zug,
des stillen Wandlers Dornenkrone bebt,
ich aber bebe mit in meinen Lumpen
und warte, warte auf die blauen Augen
und will +auch+ leben, +auch+ ein Freier wandeln,
+nicht+ Stein, +nicht+ Stein! --
Und näher glänzt und klingt es um die Säulen;
vom letzten Sockel folgt ein Mädchen ihm;
er kommt! er kommt! --
Und vor mir steht er. Da verstummt der Zug;
ich fühle ihre stolzen Augen staunen,
und fühle seine, seine Augen ruhn
in meinen -- ruhn -- und will mich an ihn werfen
und will vergessen meinen frierenden Neid
und will ihm küssen seinen rührenden Mund,
da brechen perlend seine Wunden auf,
die bleiche Stirn, die Lippe zuckt, er spricht
-- ihm schießen Tränen durch den blutigen Bart --
spricht: „Deine Stunde ist noch nicht gekommen!“
Und ich erwachte. Weinend lag ich nackt;
nackt wie die Armut.
Zu eng
Aus den Papieren eines Arztes
Vier Treppen hoch, nach hinten hinaus;
ein hundertfenstriges Vorstadthaus.
Die Kammer schmal
und niedrig und kahl;
ein rissiger Spiegel, zerschlissen das Bette,
ein Wassernapf, kein Stuhl, kein Tisch,
und an den Wänden glänzte frisch
der Armut schimmlige Tapete.
Kaum konnt ich durch die Tür und kaum
mich drinnen bewegen, so füllte den Raum
ein plumper Sarg, schmucklos und roh,
ein Armensarg. Und auf dem Stroh
des Bettes saß ein magrer Mann,
noch jung, aber mit jenen alten Zügen,
mit denen Gram und Not die Zeit betrügen.
Ich grüßte halb. Er sah mich an
und nickte stumpf
und seufzte dumpf,
und stierte wieder vor sich hin,
hohläugig, in den offnen Sarg.
Noch kaum verändert lag sie drin,
wie ich sie gestern mit ihm barg,
die tote Kurbelstepperin:
ins steife dürftige Leichenhemd
einen Strauß Vergißmeinnicht geklemmt,
ihr totes Kind im welken Arm.
Mich peinigte sein starrer Harm;
drum nahm ich ihn fast grob am Kragen
und sprach ihm zu mit derber Geduld,
er solle erzählen, mir alles sagen,
nicht sitzen, als sei er selbst dran schuld.
Bis er sich endlich zusammenrückte
und langsam klagte, was ihn drückte.
„Herr Doktor, da ist nicht viel zu erzählen;
es war ein einziges langes Quälen.
Es mag wohl bald zwei Jahr her sein,
da zogen wir hier beide ein,
das heißt, noch eh wir Bekanntschaft gemacht;
Schlafstelle blos, in Aftermiete,
ich für den Tag, sie für die Nacht.
Sie steppte damals Trauerhüte
in der Fabrik bis abends acht
und kam erst gegen neun nach Haus;
ich mußte auf den Droschkenbock
für meinen Fuhrherrn nachts hinaus.
So ging es wohl zwei Monat lang;
wir sahn uns kaum. Da wurde sie krank.
Herbst wars; in ihrem dünnen Rock
und bei dem weiten nassen Gang
-- sie war schon immer zart gewesen --
da hat sie wohl was weggekrigt.
Ja, Herr, da gabs kein Federlesen:
Geld hatten wir alle beide nicht,
ihr bißchen blos im Kassenbuch,
fürs Krankenhaus war sie nicht krank genug,
wir konnten kein ander Gelaß uns nehmen,
wir mußten uns hier zusammen bequemen,
bis sie wieder konnte auf Arbeit gehn.
Ja, Herr, und da -- da ist es geschehn!
Wir hieltens nicht aus so auf die Länge,
so ledig; man ist ein Mensch doch blos,
und unsre Sehnsucht war so groß.
Wir wohnten zu eng zusammen, zu enge!
Seitdem ist sie mit mir gegangen;
hats auch zur Heirat nicht gelangt,
wir haben unserm Schöpfer gedankt,
daß wir uns so durchs Gröbste zwangen.
Wir halfen einander mit unserm Lohn
und legten noch zurück davon.
So haben wir unsern Weg genommen,
ganz gut -- bis ihre Zeit gekommen.
Da kam auch die Not. Da half uns kein Beten.
Sie konnte nicht mehr die Maschine treten;
was andres hatte sie nicht gelernt,
die Eltern hatten sie früh entfernt.
Ich gab ihr, soviel ich konnte, ab;
es war fast schon für mich zu knapp.
Was half uns da nun unser Plagen,
was half uns da nun unser Sparen:
wir mußten die Sachen zum Juden tragen.
Ich habe bei Tag und bei Nacht gefahren,
ich hab mich vor keiner Mühe geschämt,
ich habe mir keinen Schluck mehr bezähmt:
sie wurde doch schwächer und schwächer im Nu,
sie hat sich zuschanden gedarbt und gegrämt.
Und dann, dann kam das Kind dazu:
ich sah sie weinen, ich hörte es wimmern,
ich sah sie Beide verschmachten, verkümmern:
Herr, da wars aus mit meiner Ruh,
da hab ich zum ersten Mal betrogen,
den ersten Fahrgast beim Fahrgeld belogen,
und +noch+ einmal, und +noch+ einmal,
mir schnitt zu sehr ins Herz die Qual,
und mancher tut’s jahrein jahraus,
um’s beim Budiker zu versaufen,
und ich, ich wollte Essen kaufen,
und, Herr, bei mir -- bei mir kam’s raus!
Mir wurde noch von Glück gesagt,
daß mich mein Herr blos weggejagt.
Ihr und dem Wurm da gab’s den Rest;
nach Arbeit bin ich in Ost und West
seit vierzehn Tagen herumgelungert,
und dabei, scheint’s, sind sie verhungert.“
Er nickte stumpf
und seufzte dumpf
und glotzte mich hohläugig an,
mit einem Blick so müdgehetzt,
so jeder andern Regung bar,
daß mirs den Rücken niederrann.
Ich hatte zum Trösten mich hingesetzt
und sah, daß Trösten Hohn hier war,
wo so das stumme Elend schrie.
Ich drückt ihm blos das spitze Knie,
den dünnen Arm, und nahm den Hut
und sagte: Kommen Sie zu mir morgen,
ich werde Arbeit für Sie besorgen.
Er dankte. „Herr Doktor, Sie meinen’s gut.
Ich will auch kommen und ehrlich mich schinden,
und werde auch wohl weiterfinden;
blos sie, sie wird davon nicht wach!
Ja, Herr: blos einen kleinen Verschlag,
blos noch so nebenan ein Loch,
daß wir nicht immer uns mußten sehen:
dann wäre alldas nicht geschehen,
sie lebten alle Beide noch.
Wir hätten gewartet, wir hätten gespart;
wir waren, weiß Gott, geduldiger Art.
Wir hätten uns selber ’ne Droschke geschafft,
dann hatt ich ja Verdienst die Menge.
So aber gings uns über die Kraft;
wir wohnten zu eng zusammen, zu enge!“
Und auf den Sarg hin stierte er wieder,
da fuhr ein Zucken ihm durch die Lider:
„O wenn ich doch wenigstens bei ihr wär,
dadrin da in dem engen Kasten!
Jetzt braucht sie ja nicht mehr zu fasten,
und auch zu eng ists ihr nicht mehr!“
Er stieß ihn heiser heraus, den Witz,
er wollte lachen vor wühlendem Weh;
da riß es ihn um, so stieg’s in die Höh,
und niedertaumelnd von seinem Sitz
schmiß er den kleinen Vergißmeinnichtstrauß
mit wildem Fluch aus dem Sarg hinaus
und warf sich weinend über die Leichen
und küßte die Hälse, die magern, bleichen.
Da bin ich stille weggegangen,
mir graute vor der schmalen Kammer;
und durch die Brust schlich mir ein Bangen,
als sei ich +auch+ schuld an all dem Jammer.
Vergißmeinnicht
Vergißmeinnicht in einer Waffenschmiede --
was haben die hier zu tun?
Sollte heimlich der Friede
hinterm Hause am Bache ruhn?
Laut hallen die Hämmer in hartem Takt:
Angepackt, angepackt,
die Arbeit muß zu Ende!
Und das Eisen glüht, und das Wasser zischt;
und wenn der Schwalch die Flamme auffrischt,
glänzen die schwarzen Hände.
Aber manchmal blickt ein rußig Gesicht
still nach dem himmelblau blühenden Strauß.
Dann scheints, eine Stimme singt hinterm Haus:
vergiß mein nicht! --
Die Magd
Maiblumen blühten überall;
er sah mich an so trüb und müd.
Im Faulbaum rief die Nachtigall:
die Blüte flieht! die Blüte flieht!
Von Düften war die Nacht so warm,
wie Blut so warm, wie unser Blut;
und wir so jung und freudenarm.
Und über uns im Busch das Lied,
das schluchzende Lied: die Glut verglüht!
Und er so treu und mir so gut.
In Knospen schoß der wilde Mohn,
es sog die Sonne unsern Schweiß.
Es wurden rot die Knospen schon,
da wurden meine Wangen weiß.
Ums liebe Brot, ums teure Brot
floß doppelt heiß ins Korn sein Schweiß.
Der wilde Mohn stand feuerrot;
es war wohl fressendes Gift der Schweiß,
auch seine Wangen wurden weiß,
und die Sonne stach im Korn ihn tot.
Die Astern schwankten blaß am Zaun
im feuchten Wind; die Traube schwoll.
Am Hoftor zischelten die Fraun;
der Apfelbaum hing schwer und voll.
Es war ein Tag so regensatt,
wie einst sein Blick so trüb und matt;
die Astern standen braun und naß,
naß Strauch und Kraut, der Nebel troff,
da stieß man sie voll Hohn und Haß,
die sündige Magd, hinaus vom Hof.
Nun blüht von Eis der kahle Hain,
die Träne friert im schneidenden Wind.
Aus flimmernden Scheiben glüht der Schein
des Christbaums auf mein wimmernd Kind.
Die hungernden Spatzen schrein und schrein,
von Dach zu Dach; die Krähe krächzt.
An meinen schlaffen Brüsten ächzt
mein Kind, und Keiner läßt uns ein.
Wie die Worte der Reichen so scharf und weh
knirscht unter mir der harte Schnee.
So weh, oh, bohrt es mir im Ohr:
du Kind der Schmach! du Sündenlohn!
Und dennoch beten sie empor
zum Sohn der Magd, dem Jungfraunsohn?!
Oh, brennt mein Blut. Was tat denn Ich?
wars Sünde +nicht+, daß +sie+ gebar? --
Mein Kind, mein Heiland, weine nicht:
ein Bett für dich, dein Blut für mich,
vom Himmel rieselt’s silberklar.
Wie träumt es sich so süß im Schnee.
Was tat ich denn? -- So süß. So weh.
Wars Liebe nicht? -- Wars -- Liebe -- nicht --
Die Armen
Nach Verhaeren
Sie sind so, diese armen Herzen,
ganz ausgehöhlt von stummen Schmerzen,
blaß und wie Teiche voll Geweine:
rings Leichensteine.
Sie sind so, diese armen Rücken,
verkrümmt vom Tragen und vom Bücken,
krummer als auf den Dünenhütten
die Dachschütten.
Sie sind so, diese armen Hände,
zittrig wie Gräser im Gelände,
wie dürre Gräser, die zittern
vor nahen Gewittern.
Sie sind so, diese armen Augen,
die nur zu Dienst und Demut taugen,
trauervoller als die von Tieren,
wenn sie nach Freiheit stieren.
So sind sie, diese armen Leute;
dem Elend fallen sie zur Beute
mit lammgeduldiger Geberde,
rings auf der freien Flur der Erde.
Vierter Klasse
Es rollt und rüttelt und dröhnt und dampft
und klirrt und rasselt und stürmt und stampft;
an kreisenden Feldern vorüber im Flug
durch Pommerns Ebne keucht der Zug.
Ich schaue und horche und weiß es kaum;
ich träume einen stolzen Traum,
wie Form geworden der Menschengeist
donnernd um Axe und Axe kreist ...
Da schreit ein Kindchen neben mir
und übertönt das Eisentier.
Es klang so weh, mein Traum zerrinnt;
so blaß, so mager ist das Kind.
Im Wagen schwankt die Dämmerung,
und Gaslicht schwankt und Schattensprung;
aus rotgewürfeltem Bettzeug sticht
so spitz heraus das kleine Gesicht.
Von Kisten und Kasten eingezwängt,
von Säcken und Päcken überdrängt,
schaukelt die Mutter ihr Kind zur Ruh
und summt ein Wiegenlied dazu.
Und rund herum, bedrückt und schwer,
verworrene Worte, hin und her;
Gesichter, furchig, knochig, stumpf,
und Menschendünste, dick und dumpf.
Zusammengeduckt mit Hab und Gut,
mit ihrem letzten bißchen Mut,
aus Polen und Preußen sitzen sie da
und wollen nach Amerika.
Nur wenn das Wörtchen „drüben“ fällt,
grünt eine ferne Hoffnungswelt;
und Alle atmen tiefer dann,
und Alle sehn sich nickend an.
Und durch ihr Munkeln, ihr Geschwärm,
durch Rädergepolter und Eisenlärm,
wie Stimmen der Erlösung, ziehn
der Mutter leise Melodien.
O heiliger Stall von Bethlehem,
dein Wunder ist noch heut zu sehn,
wenn eine Wöchnerin beglückt
ihr Kind in Armut an sich drückt!
Nun schläft’s; nun hüllt sie’s ein recht warm
und legt’s behutsam aus dem Arm,
und lehnt sich müd an ihren Mann
und sieht ihn bang und liebreich an.
Und er versteht den Mutterblick
voll Sorge, Furcht und Mißgeschick,
und mit der breiten Schwielenhand
zeigt er hinaus ins finstre Land:
„Sei ruhig, Marie, du wirst schon sehn,
da drüben wird alles anders gehn.
Da schaff ich uns eigen Feld und Vieh,
da wirst du wieder gesund, Marie.
Du brauchst nicht leben wie ein Hund,
ihr werdet beide wieder gesund.
Und unser Kind hat, wenn es groß,
im neuen Land ein besser Los!“
Und Sorge, Furcht und Mißgeschick
vergehen in dem einen Blick,
mit dem sich diese Bauernseelen
von ihrem Kinde stumm erzählen ...
Es rollt und rüttelt und stampft und staucht
und dröhnt und rasselt und keucht und faucht;
durchs wirbelnde Dunkel in rasendem Flug
stürmt weiter und weiter der eiserne Zug.
Ich horche und horche und weiß es kaum;
ich träume einen gläubigen Traum,
wie Glück begehrend der Menschengeist
empor zu neuen Formen kreist ...
Im Wagen, schweigend, schwebt die Nacht,
der Schlaf schwingt seine Spindel sacht;
die Bäuerin ist eingenickt,
aufs Knie des Mannes hingebückt.
Der sitzt noch wach mit mir allein;
wir gucken uns sacht in die Augen hinein,
bis uns der Blick die Zunge lüpft,
bis hin und her das Flüstern schlüpft.
Und er erklärt mir, wie es kam,
daß sie verkauften ihren Kram,
und wie sie der Agent gedingt,
der in den Urwald nun sie bringt.
Es war kein neues Wort dabei;
es war die alte Litanei
von saurem Schweiß und Hungerlohn,
an der nur neu des Jammers Ton.
„Und wie dann gar noch Weib und Kind
mir schwach und krank geworden sind,
da haben wir endlich das Schwerste gewagt,
dem Dörfchen Lebewohl gesagt.
Und hat sie auch zuerst geweint,
so hat sie doch zuletzt gemeint:
fällts +uns+ auch schwer, wenn nur das Kind
ein ander Los als wir gewinnt!“
So schwinden Stationen im Fluge vorbei
und Glockensignale und Kellnergeschrei,
und bleicher tanzen die Lichter schon:
der Morgen steigt auf seinen Thron.
Und um uns her bewegt es sich
und reckt und dehnt und regt es sich,
und langsam werden Alle wach
und blinzeln in den jungen Tag.
Ein Tag von jenen, glanzgeküßt,
an denen jeder Halm uns grüßt
und jeder Sonnenstrahl das Herz
zum Lachen zwingt trotz Not und Schmerz.
Die Fenster auf! o Luft, o Licht!
Und Alle drängen sich dicht bei dicht
und zeigen hinaus, wo stromumblinkt
mit Türmen und Masten Hamburg winkt.
Die Mutter aber, still im Schwarm,
nimmt sanft ihr Kindchen in den Arm
und nimmt das Tuch ihm vom Gesicht
und -- da --: was stiert sie und küßt es nicht?
Was stiert und stiert sie, daß mir graut!
Da löst sich ein erstickter Laut,
da liegt’s im Schooß ihr starr und tot --
der Vater stammelt: barmherziger Gott!
Im Wagen, plötzlich, wird es stumm;
die Bauern blicken scheu herum.
Manch Auge zuckt. Die Mutter wimmert:
mein Kind, mein Kind! Manch Auge flimmert ...
Es kreischt die Maschine, es stockt ihr Lauf,
die Schaffner reißen die Türen auf.
Ich stehe im brausenden Bahnhofsraum;
da stürmt das Leben, es gilt kein Traum.
Es gilt, daß man sich ganz gesteh,
wie unerschüttert von Glück und Weh,
Zukunft formend der Menschengeist
um seine ewige Axe kreist ...
Auf einem Dorfweg
Auf einem Dorfweg, der mir lieb ist:
verkrüppelte Birkchen stehn beschirmt von mächtigen Linden,
im Juli glüht der ganze Ackerrand
von hohen roten wilden Nelken:
da stieß ein Junge
ein kleines Mädchen hin und schlug es sehr,
und als es weinte, lachte er.
Das sah ein Bettler, der betrunken vor mir ging.
Es war zu sehn, wie sich sein Herz empörte,
sein Rücken war verkrümmter als die Birke neben ihm;
die Kinder glühten wie die Nelken schlank,
er hob den Stock mit schwankem Schritt,
da lachte auch das Mädchen mit.
Dem Krüppel schossen Tränen in die Augen.
Er stöhnte laut: o Welt, o Welt!
und mußte sich an eine Linde lehnen
und taumelte
und fiel ins Nelkenfeld.
Die roten Blüten schlugen über ihm zusammen,
die beiden Kinder tanzten wie zwei Flammen
um sein wie blutbespritztes Bett,
und eine Stimme sprach in mir:
da liegt Jesus von Nazareth.
Der tote Hund
Nach Nizami
Der Herr Jesus, auf seiner Wanderschaft,
betrat einen Markt, wurde sehr begafft.
Nur ein toter Hund, schon halb verfault,
wurde noch mehr begafft und bemault.
Da lag er -- und rings um die üble Gestalt
machten die Menschen wie Aasgeier Halt.
Puh! sprach einer: mir wird ganz krank
von dem entsetzlichen Gestank.
Ein zweiter sprach: er stinkt zwar sehr,
aber der Anblick entsetzt noch mehr.
So gaffte jeder aus anderm Grund,
doch alle schmähten den toten Hund.
Da trat Jesus unter den Schwarm;
hell hob sich über den Leichnam sein Arm.
Seht! sprach er und stand voll Sonnenschein:
seine Zähne sind wie Perlen rein!
Und lächelte -- daß alle, die’s erlebten,
durchglühten Schlacken gleich erbebten.
Ein Märtyrer
Jetzt sollt ihr hören ein +rauhes+ Lied,
von Frieden und Erbarmen +leer+!
Der Winternachtsturm schreit im Ried
und peitscht das Schilf wie Heu umher;
vor seinem Schnauben erstarrt das Moor,
zerknicken die Binsen, zerbricht das Rohr.
Ein Häuschen umheult er am Haiderand
und schüttelt die Pfosten der rissigen Wand
und reißt an den Haspen und Sparren,
daß sie kreischen vor Frost und knarren
und drinnen am Ofen die Kinder erschauern
und dichter zum Schooße der Mutter kauern.
Die streckt, von Ängsten dumpf gerührt,
zum Vater, der finster mit hastiger Faust
Flugschriften zu Stößen und Ballen schnürt,
die bittenden zitternden Hände:
„Ach Mann, geh nicht durchs Moor! mir graust.“
Doch Er, aus dem Ballen ein Blatt gezaust,
weist ihr die Worte am Ende:
Mensch preßte den Menschen in Schmach und Acht,
weil jeder nur immer sich selber bedacht.
So habt ihr euch selber zu Knechten gemacht.
Drum schaart euch, ihr Schwachen, zusammen!
Stützt Rücken an Rücken zum rettenden Heer,
so schwellen die Wellen zum donnernden Meer,
die Fünkchen zu sausenden Flammen!
Die Backen zucken ihm, und er spricht:
Drum bettle nicht! drum quäl mich nicht!
ich habs den Genossen geschworen.
Der Wahlruf muß heut noch hinüber ins Dorf,
sonst geht der Sieg uns verloren.
„Geh nicht, geh nicht! was schiert der Sieg
dein Weib und die jammernden Kleinen!
Geh nicht, geh nicht! Die zweite Nacht
erst steht das Eis; o Gott, es kracht,
es bricht! o sieh mich weinen!
Es schreit zum Himmel! dein Leben ist +mein+!“
Da braust er auf vor Zorn und Pein:
schrei lieber zu Teufel und Hölle!
und hebt mit grimmiger Wucht die Last
und fragt, schon tritt er die Schwelle:
Hat’s etwa dein Herrgott zu Dank dir gemacht,
daß ich tagtäglich in den Schacht
meine Knochen für’n Hungerlohn trage!
und sollte mein Leben nicht Eine Nacht
für Glück und Gerechtigkeit wagen?!