mit der Aussicht auf weitere Ämter, Titel und Orden;
und weil er von Natur ein Bildhauer war,
erschien nun vor ihm die ganze Schaar
von großen, größten und allergrößten Tieren,
die er gewohnt war zu modellieren,
um ihm huldvollst zu gratulieren.
Ein Pavian schnarrte: Herr Professor,
ich hoffe, Sie meißeln nun immer bessor!
Ja, schrie ein Esel: man soll seine schweren Pflichten,
Herr Professor, immer edler verrichten.
Ein alter abgerackerter Gaul
wieherte mit verzognem Maul:
Li-ieber Herr Professor, es gilt des Daseins Leiden
immer wahrer in Holz zu schneiden.
Ein dressierter Hofhund maulte: Wau, wau --
ein Kater jaulte dazwischen: au, au --
Herr Professor, die Welt ist schon voller Grauen,
man muß sie immer schöner aushauen.
Pfui! grunzte ein Schwein: ich möchte bitten,
Herr Professor, um immer reinere Sitten.
Ein paar Kameele flehten demütigst:
Werter Herr Professor, verzeihen Sie gütigst,
wir empfehlen, des Lebens Malicen
immer klarer in Bronce zu gießen.
Ein Elefant blies in die Trompete:
Hochgeehrter Herr Professor, ich vertrete
die alte Weisheit der Brahmanen;
lassen Sie immer Tieferes ahnen!
I -- quiekte eins von zwei Karnickeln:
wir wollen uns immer höher entwickeln!
Vier vergnügte Hamster aber hockten im Kreise,
die schnauften in ihrer verfutterten Weise:
Teurer Herr Professor, die Not lehrt beten,
lernen Sie immer zweckvoller kneten!
Und -- mahnte ein Truthahn mit Gekoller:
natürlich immer ordnungsvoller!
Im Gegenteil! kreischte ein Lämmergeier:
selbstverständlich immer freier!
Ein Löwe brüllte: Professor, ich rate nur
immer stolzere Positur!
Ein spukhaft hopsendes Känguru
walzte vorüber und pfiff dazu:
Herr Professor, man will Sie blos vexieren,
Sie müssen die Form immer feiner komplizieren.
Ein kluger Storch hob sacht ein Bein
und klapperte mit Bedacht: Nein, nein,
bester Herr Professor, es gilt auf Erden
nur immer einfältiger zu werden.
So erteilten die Tiere, große und kleine,
wilde und zahme im Vereine,
dem Herrn Professor ihren huldvollen Rat,
als plötzlich aus dem Gratulantenstaat
eine goldschmucke Paradiesvogelhenne
aufflog und gluckste: Wie ich dich kenne,
Freund Künstler, wirst du dir nun vorspiegeln,
du sollst unsre Göttin Natur verschniegeln,
und wirst deiner neuen Würde grollen
und immer rauhbeiniger werden wollen.
Und der Herr Professor knurrte was in den Bart
und sah wahrhaftig aus wie behaart
und streckte verbiestert alle Viere.
Da erschien zuletzt in seinem Quartiere
das wildeste und zahmste der Tiere:
ein Weib. Das sprach: Lieber Mann, deine Würde
ist freilich eine künstliche Bürde.
Aber wir Menschen treiben’s eigentlich nie
so natürlich wie das übrige Vieh;
selbst die nackte Braut trägt an der Hand
ein Ringelein als züchtiges Pfand.
Sieh, mit unsern Kleidern, Zierden und Ehrenzeichen
will die alte Hexe Natur erschleichen,
daß sich ihr irdisches Maskenfest
nicht noch tierischer gehen läßt.
Drum, Künstler, laß dich ruhig verhimmeln;
und damit deine Anbeter nicht verlümmeln,
lern dich als würdiges Vorbild geberden,
denn der Mensch will -- immer noch menschlicher werden.
Da hat der neue Herr Professor gelacht,
hat seiner Frau einen himmlischen Bückling gemacht
und sich sein göttliches Haupthaar geschoren.
Seit der Zeit sind die Herren Professoren
der deutschen Kunst-Akademien
nicht mehr als Trampeltiere verschrien.
Die verunglückte Göttin
Prolog zur Eröffnung der ersten Freien Volksbühne
Es war im Mai, ein Mittag wolkenschwül.
Am offnen Fenster saß ich, ins Gewühl
der feuchten Dächer staunend, die gleich Schollen
von Silberfelsen, fern ins stille Meer
des Himmels hin, aus dumpfer Brandung schwollen:
Berlin lag brausend um mich her.
Am Horizont, im blassen Dunst, stand blendend
auf ihrem Säulenklotz, wie Gold ausspendend,
die Siegesgöttin. Um die steifen Glieder
bog seltsam bauschig das Gewand sich nieder;
zu flattern schien’s im lauen Wind.
Die Sonne blinzelte, bald grell, bald blind.
Ich wußte nicht: saß ich im Traum?
Es war, als ob der blanke Saum
am Fuß der Göttin immer mehr sich bauschte,
als ob von fern ein ehern Klirren rauschte.
Ich starrte: wahrlich, um die Spitze
der Säule klirrten goldne Blitze:
die Göttin schüttelte den Siegesspeer.
Und plötzlich schleuderte sie weg die Wehr,
zur Erde nieder schossen Strahlenstufen,
sie schritt hinab, und hohl wie Glockentöne
scholl durch die Stadt ein geisterhaftes Rufen:
„Genug des eitlen Ruhms! Kommt her, ihr Söhne,
ihr Töchter all des Volkes, kommt herbei!
Ich will euch künden einen neuen Mai.
Hin werf ich Heim und Waffen in den Kot;
genug von Kampf und Schweiß! Aus reinern Sphären,
vom Baum der Freiheit pflückt ich Himmelsbrot;
mit Ätherhauch soll’s eure Seelen nähren.
Die Frucht der Schönheit bring ich auf die Erde,
die +Kunst+, die Seligkeit der Ewigkeiten;
vergessen sollt ihr Mühsal und Beschwerde,
wie Geister leicht ins Reich der Wahrheit gleiten.
Ein trüber Traum nur ist des Daseins Not,
ein Wahn der Schmerz, ein Augenblick der Tod;
begeistert ob dem Dunst der Zeiten schweben,
das ist die Wahrheit, das heißt Leben!“
So stand sie preisend in der Sonne, winkte;
hoch in der Rechten, weithin gleißend, blinkte
die wundersame Frucht. Und ihr entgegen
aus allen Toren stürmten Glückverlangende,
auf allen Straßen drängten Sehnsuchtbangende,
Millionen Augen dürsteten nach Segen.
Und plötzlich keucht ich selber mit im Schwarm,
mit immer drängender gestrecktem Arm;
vorstürzend, stammelnd kniet ich in den Sand,
umklammerte des Weibes Prachtgewand:
„Gieb!“ fleht’ich ächzend -- „Gieb uns, gieb uns!“ ächzten
die Abertausende, die mit mir lechzten.
Doch hohl herab in unsre Nötigungen
erscholl die Glockenstimme wie zersprungen:
„Nicht dürft ihr nahn mit irdischer Begier,
im Abglanz nur erscheint die Schönheit hier.“
Und scheu verstummten Alle; auf dem Volke
lag schwer das Wort wie Nebeldunst und Wolke.
Auf einmal aber, leise, heiser, wild,
begann ein Flüstern um das Glanzgebild:
„Sie log uns! Wir verschmachten! Fort! Sie log!“
Und, wie die Windsbraut durch den Forst, so flog
das Murren weiter, laut und lauter schwellend:
„sie log, log, log“ -- toll, immer toller gellend,
wutschreiend, hohnlachend, und Flüche schallten,
und Fäuste fuhren drohend in die Falten
des blendenden Kleides, und -- ein Schreck -- ein Graun:
die wimmelnden Reihen starrten wie erstickt:
ein Bild des Stolzes hatte sie berückt,
da stand’s, ein Bild der Ohnmacht anzuschaun:
ein Krampf erschütterte den Riesenleib,
es war als schrumpfte Zoll um Zoll das Weib,
matt nieder knickten Hand und Arm,
die Himmelsfrucht fiel prasselnd in den Schwarm,
zu Moderqualm zerstob sie im Gedränge,
zu Flitterspreu der Schale Goldgepränge.
Und vom Gesicht wie abgeschürfte Blattern
sah ich des Weibes Götterhaut zerflattern.
Aus ihren Augen stierte trüb ein Schein
wie schaler Bodenrest aus leeren Bechern,
die Lippen knifften dürr und schief sich ein,
und aus dem Zahngelücke klang es blechern:
„Ach ja -- ach je -- die Kunst wird alt so sachte.
Ihr habt schon Recht -- na, seid man still -- ich dachte:
ihr könnt noch +glauben+ an die ewige Jugend.
Na schön, denn nich. Seht, Kinder, ich bin ehrlich;
und ist das schwache Rückgrat auch beschwerlich,
man macht dann eben aus der Not ’ne Tugend.
Ja, alles Dasein ist ein mürber Plunder,
der Menschengeist verpufft sich selbst wie Zunder,
der Mitmensch kommt und schluckt den schlimmen Rauch
und krigt davon das Grimmen in den Bauch;
ein Kunststück ist es, sich davor zu hüten.
Drum will ich euch, als Gegengift, die Blüten
aus diesem Giftsumpf säuberlich sezieren;
ein schwaches Auge liebt das Mikroskop
und nicht das Sonnenfernglas zu regieren,
und Unkraut wächst ja massenhaft, gottlob.
Die Decke von der Fäulnis abzuheben,
+das+ ist die Wahrheit, +das+ heißt leben.“
Und wieder rings ein scheu beklommnes Schweigen,
ein Nicken, und verzagte Seufzer wehten,
wie Herbstlaub rieselt von gesenkten Zweigen;
dann -- sah ich manchen grinsend näher treten.
Da wars, als wüchse wieder hoch die Alte,
die hohle Stimme blähte sich und hallte:
„Am Schönheitswahnsinn mögen Narren klauben,
heut braucht man blos der -- Wissenschaft zu glauben!
Und da ihr reif seid, Alles zu verstehn,
sollt ihr die Kunst in ganzer Nacktheit sehn!“
Und mit den Spinnenfingern krallte
ins schlotternde Prunkgewand die Alte,
schon sah man durch des Kleides Spalten
des greisen Leibes schlaffe Falten,
da --: tausendstimmig hub ein Toben an,
ein Schrei des Ekels brach den dumpfen Bann,
und wie die Brandung von der morschen Klippe
zurück ins freie Meergewoge schäumt,
so stürmten, stießen, stürzten zorngebäumt
die Schaaren weg, weg von dem Spottgerippe
und rissen’s um und lachten, und laut lachte
ich mit, aus vollem Halse, und -- erwachte.
Am offnen Fenster saß ich, ins Gewühl
der Großstadt niederstaunend. Frisch und kühl,
aus eines Hofes tristem Schattenloch,
sproß zu mir auf ins schwüle Mittagsschweigen
ein blühender Apfelbaum, als hinge noch
schimmernd das Morgenrot an seinen Zweigen.
Und wo er über die graue Mauer nickte,
hockte ein Straßenkind und gab
von seinem Brot einer Gespielin ab,
die blaß aus einem Kellerfenster blickte.
Das Brot war trocken, das Stück war klein,
die Händchen schmutzig -- doch der Augen Leuchten
so klar und lachend wie der Sonnenschein,
der über ihnen rings die schwarzen feuchten
Dächer der qualmenden Stadt blitzblank polierte
und mit viel hundert Himmelsspiegeln zierte.
Am Horizont verglomm jetzt in den Dünsten,
fahl wie ein Irrlicht hinter Sumpfgespinsten,
die plumpe Göttin. Aber an der Ecke
dicht unter mir fiel hell der Frühlingsglanz
auf eine andre Säule. Bunt Geflecke,
grell, ein zerhackter Regenbogenkranz,
so klebten prangend die Plakate dran.
Und auf dem Pflaster drängte Mann an Mann;
sie lauschten; einer las, gebückt und schief,
ein rotes Blatt, das zur Versammlung rief.
Verbissener Grimm sprach aus den knochigen Mienen,
verschluckte Sorgen brüteten in ihnen;
und als der Haufe aus einander wich
und als sie sich die rußigen Hände drückten
und kargen Gruß die storren Köpfe nickten,
da, ja, da wußt ich wohl, dort schlich
manch schlechter Wunsch aus haßgepreßter Kehle,
doch aus den Blicken schimmerte echt und rein
-- so sprüht der Funke aus dem harten Stein --
die Kampfbegeisterung der wilden Seele.
Und sprühte her zu mir mit jäher Wonne,
und ward Gesang in mir, Gesang zur Sonne:
Wir Alle, Sonne, sind von deinem Blut!
Uns Alle, Volk, adelt ein Geist der Glut!
Wie Er aus Licht und Dunkel Farben wirkt,
im Schooß der Nacht die Saat des Tages birgt,
wie Er vom kalten Ätherhauch umflossen
sein Flammenblut hat in die Welt vergossen,
das immer noch aus unsrer Staubgestalt
vor Sonnenheimweh heiße Worte lallt:
so kann ein Schattenspiel an leerer Wand,
vom Flämmchen unsrer Sehnsucht hingebannt,
uns samt der Zeit zur Ewigkeit erheben --
und +Das+ ist Kunst, ist Schönheit, Wahrheit, Leben!
Der Feuergeist
Ein Jüngling, wortgewandt, und sehr fürs Volkswohl glühend,
oder galt seine Glut mehr seinem Rednerruhm?
wer weiß -- denn eines Tags nach einer Wahlversammlung
sprach er zu einem Freund: welch grenzenloses Glück,
so ganz entbrannt zu sein, daß alles mitentbrennt,
so Flamme durch und durch, daß sich der Geist vesuvisch
am eignen Wort entflammt und jeden andern Geist
rings um sich her verzehrt! -- der wurde selbigen Nachts
von einer Feuersbrunst jäh aus dem Schlaf geweckt.
Er sah, noch halb im Traum, durch die verkohlte Tür
den Brand nach seinem Bett mit riesiger Zunge lecken,
wollte um Hilfe schrein, sprang auf, sah rings die Wände
Rauch spein, die Dielen sprühn, schrie Gnade, stotternd Gnade,
sah nichts mehr, schrie nur, sah: alles verzehrend fraß
der glühende Atem um sich, vesuvisch. Und -- o Gnade --
was war das? Luft! Er sah sich zusammenbrechen, fühlte
sich hochgerissen plötzlich, getragen, weggetragen,
durch klirrende Fenster, Wolken, Nachtwolken, Luft -- o Glück --
o grenzenloses Glück -- durch frische Luft getragen,
von Fäusten, Retterfäusten, hinab. So kam er zu sich,
stand unten, sah hinauf, sah rings das Volksgetümmel
vom Feuer geisterhaft beleuchtet, wollte sprechen,
Dank sagen, Dank, o Dank -- und sprach, sprach nicht, schrie,
schrie nur,
stotternd und lallend: Gnade! Gnade! -- Die Zunge war
für immer ihm gelähmt.
Das erlösende Wort
Er weinte, schwieg. Noch hör ich ihn stammeln,
höre ihn leiden bei jedem Laut,
und höre das Lied meiner Seele dazu,
o selig Lied!
„Ich b-b-b-bebe“ -- ich bebe mit,
„wie kein M-M-Mensch sonst“ -- wie einst der Urmensch,
„bei j-jedem W-Wort“ -- armer Sünder!
„Jedes Wort“ -- einst Gestammel --
„ist m-mir haha-heilig“ --
ist Allen heiliger noch als dir;
„sie aber lalala-lachen darüber!“
sie lachen, und du leidest noch?
„Ich k-kann nie s-sagen“ -- wer kann je sagen,
„was meine S-Seele will“ -- Aller Seele!
„ich b-bin so verlassen“ -- vom einigen Geist.
„Nur m-manchmal, w-wenn ich mein Lalala-Leiden
v-vergesse“ -- o lache, befreiter Geist --
„dann glückt mir“ -- o Glück -- „das erlösende Wort“.
Er weinte, schwieg.
Aber die Liebe
Zwei Folgen Gedichte
Dritte Ausgabe
Hieroglyphe
In allen Tiefen
mußt du dich prüfen,
zu Deinen Zielen
dich klarzufühlen.
Aber die Liebe
ist das Trübe.
Jedweder Nachen,
drin Sehnsucht singt,
ist auch der Rachen,
der sie verschlingt.
Aber ob rings von Zähnen umgiert,
das Leben sitzt und jubiliert:
+Liebe!+ --
Erste Folge
*
Der befreite Prometheus
Vom Kaukasus hernieder schritt Prometheus;
er war erlöst, Zeus gab ihn frei.
Der Riese durfte endlich von dem Gletscher
herunter, drauf er büßend lag;
er durfte nun hinab auf seine Erde,
+hin+ zu den Menschen, die er so geliebt,
daß er, der eignen Seligkeit zum Trotz,
das Feuer des Olympos für sie stahl.
Nicht dauerte den Götterkönig
der Himmelsgünstling, der abtrünnige.
Warum auch lockte die Versuchung ihn,
den Menschen Göttergut hinabzutragen;
er hatte seinen Lohn dahin,
den Heilandslohn,
nach der Olympier unerbittlichem Gesetz.
Verraucht nur endlich war der Zorn des Zeus,
und Laune wars und Gnade, daß sein Blitz
vom Leib des Märtyrers die Fesseln sprengte,
die lavastarr gehärteten.
O lange Qual! o Leib, zerfleischt, entstellt!
Noch deckten Schwären die zerschundenen Knöchel;
kaum konnten die verkrümmten knorrigen Finger
das große Wundmal unterm Herzen schützen,
das frisch noch glänzte von den Schnabelschlägen
des Tag für Tag drin wühlenden Geierpaars.
O Tage voller Wut und Ohnmacht!
o Tag der Bitternis, da ihm die Hand,
die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte,
zum ersten Male
erlahmte vor der Übermacht des Neides,
des weltbeschattenden, der Götter all!
o Tag, als in Verzweiflung starb sein Trotz!
Doch nun war Alles überwunden.
Erstickt die Kampfglut in den tiefen Augen.
Erloschner Gram, verlohte Leidenschaft
der einzige Ausdruck der zerfurchten Züge,
als trüg’er in sich, wie ein Fremder kalt,
nur die verbrannten Wurzeln seiner Kraft.
Um seine schmerzgeübte Stirne zauste
der eisige Wind des Haars ergraute Büschel.
So schritt er abwärts, der gebeugte Riese.
Nur ruhen wollt er, ausruhn bei den Menschen.
Sie um sich sammeln, wie ein alter Vater seine Kinder.
Ihr Glück genießen, das sie ihm ja dankten.
Den Frieden sehn, der lichtfroh aufgegangen,
seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte,
seit er den unstät Irrenden
den ersten warmen festen Herd gebaut.
Sich jetzt erfreun an den Geschöpfen,
die tierisch wild in Hader, Haß und Habgier
einst um das nackte Leben markteten,
die seine Tat ja erst zu Menschen schuf.
Und nieder kam er in die mildern Lüfte,
ins ebne Land; da sah er blühende Triften,
bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,
und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
Da lachte seine Seele: Sieh doch, Zeus,
war Das nicht wert der tausendjährigen Pein?
Ja, meine Menschen will ich wiedersehn!
Und in die Dörfer ging er, in die Städte,
und sah die Menschen, sah sie leben, streben,
und ging und ging, und suchte hin und her,
und fand:
weh, weh des Anblicks: alles wie zuvor!
Haß, Hader, Habgier! Nichts war aufgegangen
als andre Habgier, andrer Hader, andrer Haß.
Nur Eines fand er auf der Erde neu: den Neid --
den knechtischen, lichtscheuen Neid, o Ekel,
den Neid der Menschen um Besitz --
und war genug doch da, genug für Alle.
In Hütten sah er, in die Burgen sah er;
doch es war Alles Eines,
war alles wie zuvor -- und schlimmer noch.
Zuletzt und matt betrat er eines Priesters
entlegnen Hof. Da wohnte ja der Friede,
den er vergebens bei den Andern suchte;
dort am geweihten Herd, wo hell des Dankes
heiliges Sinnbild glomm, die ewige Lampe,
wollt er noch Einmal unter Menschen rasten
und dann auf immer in die Einsamkeit.
Zum Hausherrn, der die Flamme schütte, sprach er:
„Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir!“
Der wandte sich erschrocken, blickte scheu
dem großen Mann ins seltsame Gesicht,
und schlich geduckt davon, und schloß sich ein,
und durch die Tür quoll eine fette Stimme:
„Ich brauch mein Bißchen selbst, verrückter Graubart!
Prometheus, der ist tot -- und kommt nicht wieder.
Ja, damals waren bessre Zeiten noch
als heute!“
Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach.
Noch stand der Wandrer. Da: ein Wanken, und
der Qualgewohnte, auf die heilige Schwelle
schlug er lang hin, zum ersten Mal laut schluchzend,
und wehklagte: „O Zeus! sehr furchtbar strafst du!
so nicht, so brauchtest du dich nicht zu rächen!
das war das Letzte! ich will sterben gehn!“
Und jäh und gellend riß sich
ein Lachen los aus der vernarbten Brust,
und brüllend, rasend rannt er weg, der Riese:
„Weg von den Menschen! weg! zum Meer! ins Meer!
im Meer, da find’ich Ruhe! endlich Ruhe!“
Nun stand er oben, starr, auf steiler Klippe.
Und wieder sah er im Gelände unten
die blühenden Fluren, die beglänzten Triften,
bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,
und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
Da überfiel ihn totgeglaubter Gram,
da überfuhr ihn nie erlebter Grimm,
brüllend vom Felsgrat brach er Stück auf Stück, und
in rasender Blindheit Stück auf Stück anspeiend
schmiß er’s hinab, spie, schmiß, und tobend
flog übers Meer sein weinendes Gelächter:
„O könnt ich so die ganze Brut zerschmeißen,
die mir mein Gut, mein göttliches, +veraast+!
Hha, meine Menschen, hahahah“ --
Da horch, was scholl da? drang da nicht ein Schrei,
ein Menschenschrei, ein Hilfeschrei herauf?
Er stierte; dunkel rollend ging die See,
von seinen Würfen sturmgleich aufgerührt,
und aus dem Gischt trieb halbzerschellt ein Kahn,
und in den Strudeln rang ein Mensch ums Leben.
Doch jetzt: schon schäumte von der stillern Flut
ein andres Boot heran, draus warf sich
ein zweiter Fischer in die Brandung.
Und oben auf der Klippe stand Prometheus
und stierte, stierte, und erkannte sie:
aus seiner Wandrung hatt’er sie gesehen,
die ersten Menschen warens, die er traf:
Todfeinde warens -- und jetzt kämpfte dort
der Feind, dem Feind vereint, um Feindes Leben!
Und endlich siegten sie den schweren Sieg,
und schleppten sich zum Strand, und fielen keuchend,
sprachlos vor Glück, Geretteter und Retter,
einander in die Arme.
Und oben auf der Klippe stand Prometheus,
und sah ihr Hab und Gut im Meer versinken,
und sah sie lachen -- und nun jauchzten sie.
Da überfuhr ihn totgeglaubter Mut,
da überfiel ihn nie erlebte Demut,
und in die Kniee taumelte Prometheus
und auf zum Himmel stammelte Prometheus:
„O Zeus! ich danke dir! du armer Gott!
Ich bin so reich, ich fühle wieder Liebe!
O laß mich leben, laß mich leiden!
Ich will noch einmal zu den Menschen hin!“
Gethsemane
Lautlos steht der starre Hain der Palmen,
tiefe Schatten schaun aus Busch und Halmen,
ihre blauen Tränen weint die Nacht.
Nur von Menschenlauten tief durchtrauert,
steht der stumme Hain und bebt und schauert;
einsam seinen Gott anrufend kauert
auf den Knien ein Mann in Bettlertracht.
„Höre, höre, Geist der Wahrheit,
meinen Zwiespalt, meine dunkle Schuld:
der ich wandelte in Kampf und Starrheit,
Liebe lehrt ich und Geduld.
Ach! ein Baum, der Licht gab, wollt ich leben,
übermächtig der Natur;
nur mein Glaube war mir Leben.
Ach, sie sahn nicht auf mein Streben,
sahn die Tat, des Baumes Schatten nur.
Übermenschlich hab ich mich vermessen,
und sie haben fromm gemeint:
Ich, ich lebte selbstvergessen.
Einer, Er nur -- Judas! Freund!
warum willst du mich verraten?!
O, zertrennte mich doch mein Gebet,
daß ich zwiefach lebte Wort und Taten,
Menschen menschlich irrend zu beraten,
auch dem Zweifel ein Prophet!“
Und zum Mond die Arme wild gebreitet,
und die Augen in die Nacht geweitet,
läßt er seine dunkeln Blicke irrn.
Und er sieht die Schaaren seiner Qualen,
durch das Dickicht brechen bleiche Strahlen
und berühren wie mit fahlen
Dolchen marternd seine glühende Stirn.
„Wehe, wehe, Geist der Liebe,
voller Reinheit schwebst du, klar und hoch;
doch dein Pfad ist Nacht und kalt und trübe,
und mich kettete die Erde doch!
Schwerter stieß ich in die weichsten Herzen:
Allen wollt ich liebend glühn,
aber meiner Mutter mach ich Schmerzen
und mit sehnsuchtwundem Herzen
weint um mich die Magdalenerin.
Nackt und bloß, und nur ein Menschensohn,
wollt ich trösten all mein arm Geschlecht,
doch im Mitleid glimmt die Rache schon;
auch der Reichste hat auf Liebe Recht!
Judas, Judas, kommst du mich zu richten?
ist Entsagung, ist Gewalt mein Los?
Muß denn diese Welt sich erst vernichten,
um das Reich des Friedens aufzurichten?
Freiheit, lebst du im Gewissen blos?“
Und verzagt aufs Antlitz hingezwungen
spürt er heftiger die Anfechtungen,
seine zarte Stirne trieft von Schweiß.
Und er fühlt sein Blut in großen Tropfen
von den Schläfen in die Gräser tropfen;
seine zuckenden Pulse klopfen
an die Erde hart und laut und heiß.
„Geist des Lebens: Klarheit, Klarheit!
wird denn nur für Opfer Sieg gewährt?
Sieh, es kommt der Jünger Meiner Wahrheit:
wähle, Freund! hier Todeskelch, hier Schwert!
Selig, meiner Inbrunst mich zu töten,
eine Lebensleuchte wollt ich stehn,
aber jetzt in Sterbensnöten
sieh mich zittern, sieh mich beten:
laß den Kelch an mir vorübergehn!
Allzu willig war mein Fleisch dem Geist!
weh: entbrächen meines Glaubens Gluten.
Sollen Tausend um mich Einen bluten?
Wer nach Meinem Wandel lebt, verwaist.
Nein, ich fühl es: +nicht+ wie Ich will, Vater,
Geist der Welt, der +alle+ Seelen speist,
allen Fleisches Schöpfer und Berater,
Du des Lebens, Du des Todes Vater,
Deiner Hand befehl ich meinen Geist!“
Und er horcht, er sieht die Nacht erglühen:
starrer stehn die Bäume, Fackeln sprühen,
wildverworrene Menschenlaute nahn.
Und verzückt den Seherblick gehoben,
steht und hört er seine Häscher toben,
und ein Siegeslächeln schluchzt nach oben:
„Judas, komm! ich schreite gern voran.“
Tragische Erscheinung
In einer Wüste lagen viele Menschen,
die fast verschmachteten; sie wimmerten.
Ein schönes Mädchen nur,
mit hilflos braunen Augen,
litt stumm den Durst; denn gieriger als der Durst
brannte ihr seliges Mitleid.
Da trat, vom glühenden Horizont herwachsend,
ein fremder Mann vor dieses Volk;
der hob den Zeigefinger ihnen dar.
Aus der gereckten zitternden Spitze quoll
ein großer Tropfen Blut, quoll, hing, und fiel,
fiel in den Sand;
verwundert sah das Volk den fremden Mann.
Der stand und stand, Tropfen auf Tropfen fiel
aus seinem Finger in den Sand;
und immer, wenn die rote Quelle troff,
erbleichte schauernd Er, sie aber staunten,
und einige ächzten: er verhöhnt uns.
Da schrie er laut mit seiner letzten Glut:
so kommt doch, trinkt! für Euch verblut ich mich!
Doch jenes Mädchen sprach, indeß er hinlosch:
sie brauchen Wasser ...
Einsamkeiten
Nun still, mein Schritt, im stillen Nebelfeld;
hier rührt kein Leben mehr an meine Ruhe,
hier darf ich fühlen, daß ich einsam bin.
Kein Laut, kein Hauch; der bleiche Abend hält
im dichten Mantel schwer die Luft gefangen.
So tut es wohl dem unbewegten Sinn.
Mein Herz nur hör ich noch; doch kein Verlangen
nach Leben ist dies Klopfen. Lust und Schmerz
ruhn hinter mir versunken, gleich zwei Stürmen,
die sich umarmen und im Wirbel sterben.
Was störst du mich, mein allzu lautes Herz!
Sie haben alle nie wie du gefühlt,
wie du allein; nicht Freund, nicht Weib noch Kind;
sie sind +auch+ einsam. Sieh: dort drüben
müht sich ein grüner Schein im Nebelmeer,
ein Bahnlicht -- sieh: so glimmst auch du im Trüben.
Hinaus, hinaus, wo keine Menschen sind!
Was wollt ihr noch? Weiter! auf jenen Hügel,
der grau ins Dunkel schwillt. Gesichter, weicht!
Sie folgen mir; o hätt ich Flügel! --
Und aus dem bleichen Feld tauchen die Sträucher,
koboldig, und der Hügel raucht,
bis feucht von Schweiß sich dick und breit
der Dunstalb an die Brust der Erde saugt.
Gesichter, weicht! weicht! Wie sie keuchen!
Sie folgen mir. O Qual der Einsamkeit!
Am Bahndamm nieder wank’ich in den Sand,
die glühende Stirne auf die nasse Schiene:
o käme jetzt das Eisenrad gerannt!
Kalt frißt sich mir das Stahlgefühl ins Mark,
die Hände pressen wild den starren Reifen;
ich kann nicht mehr. Da: horch: sei stark:
heulend am Horizont ein hohles Pfeifen,
zwei Augen quellen blendend aus dem matten
Dunstdunkel, und -- was will der Schatten,
was regt sich da der Erlenbusch?
Er löst sich, kommt; es reißt mich hoch,
der Schatten naht, ich wills begreifen,
er nimmt Gestalt an -- Wahnsinn? -- Und
den Nebel teilt ein schwarzer Streifen,
mein wühlender Blick wird still und weit:
ein Gruß -- stumm stockt in mir ein Schrei:
Jubel, ein +Mensch+! -- O Herz -- o Einsamkeit --
und knatternd stampft der Dampfzug mir vorbei.
Bergpsalm
Der Sturm hat seine Schlangen losgelassen.
In langen Windungen zischt Gras und Rohr
und keucht der See ans Land; die silberblassen
zerwühlten Weiden seufzen laut empor.
Empor, empor! Dort, wo die Kiefern sausen,
auf kahler Höhe will ich einsam stehn
und meine ferne Heimat dämmern sehn
und hören, was die dunkeln Wolken brausen.
Ihr grauen Pilger über mir: wohin?!
O könnt ich +mit+ euch, ziellos, ohne Stocken,
dies dumpfe Sehnen ohne Maß und Sinn
ausschütten in den Sturm wie Nebelflocken!
O meine Heimat! Silbern grüßt der Fluß
und glänzt zum Himmel aus dem Blau der Bäume,
und aus dem Zauberwald der Kinderträume
winkt klar der Mutter Blick und Kuß.
Was weinst du, Sturm? -- Hinab, Erinnerungen!
dort pulst im Dunst der Weltstadt zitternd Herz!
Es grollt ein Aufschrei von Millionen Zungen
nach Glück und Frieden: Wurm, was will dein Schmerz!
Nicht sickert einsam mehr von Brust zu Brüsten
wie einst die Sehnsucht, nur als stiller Quell;
heut stöhnt ein +Volk+ nach Klarheit, wild und gell,
und Du schwelgst noch in Wehmutslüsten?
Siehst du den Qualm mit dicken Fäusten drohn
dort überm Wald der Schlote und der Essen?
Auf deine Reinheitsträume fällt der Hohn
der Arbeit! fühl’s: sie ringt, von Schmutz zerfressen!
Du hast mit deiner Sehnsucht blos gebuhlt,
in trüber Glut dich selber nur genossen;
schütte die Kraft aus, die dir zugeflossen,
und du wirst frei vom Druck der Schuld!