Denn Meine Sprache ist für Alle da.

Doch was wir kaum in Seufzern uns gestehen,

was rein in Blicken zwischen uns geschah,

ist eine Sprache, die nur wir verstehen.

Dritter Abschnitt

*

Weihspruch

Klage und juble, Dichter,

wie du willst;

das wirkt Seele ins All,

du bist Gott.

Aber beklage nicht!

bejuble nicht!

nichts!

Du bist Gottes Werk;

brüste dich nicht!

Nachruf an Nietzsche

Und es kam die Zeit,

daß Zarathustra, auferstanden,

aus seiner Höhle niederstieg vom Berge;

und viel Volkes

küßte seine Spuren.

Der Jünger aber, der ihn liebte,

stand von ferne,

und der Meister kannte ihn nicht.

Und der Jünger trat zu ihm und sprach:

Meister, was soll ich tun,

daß ich selig werde?

Zarathustra aber wandte sich

und schaute hinter sich,

und seine Augen wurden fremd,

und gab zur Antwort:

folge mir nach!

Da ward der Jünger sehend

und verstand den Meister:

folgte ihm

+und verließ ihn+.

Als er aber seines Weges wanderte,

ging er in sich

und sprach also zu seiner Sehnsucht:

Wahrlich, Viele sind,

deren Zunge trieft vom Namen Zarathustras,

und im Herzen beten sie

zum Gotte Tamtam;

allzu früh erschien er diesem Volk.

Seinen Adler sahen sie fliegen,

der da heißt

der Wille zur Macht

über die Kleinen;

und seine Schlange nährten sie an ihrer Brust,

die Schlange Klugheit.

Aber seiner Sonne ist ihr Auge blind,

die da heißt

der Wille zur Macht

über den Einen: den Gott Ich.

Wiedergeburten feiern sie

und Wiedertaufen aller Götzen,

aber Keiner wußte noch

sich selber zu befruchten

und seinem Samen jubelnd sich zu opfern.

Der Du Deinen Opferwillen lehrtest,

fahr denn wohl! gern hätt ich dir

dein letztes Wort vom Mund geküßt,

du lächelnder Priester des fruchtbaren Todes.

+Aber wir leben+,

und mancher Art sind

die Sonnenpfeile und Blumengifte

des fruchtbaren Todes.

Ach, daß dein Jünger dir

zu spät erschien! --

Glockenklänge an Bismarck

Am Tage seiner Amtsenthebung 20. März 1890

Glocken, Glocken, wir

Mund der Macht,

oft wehklagten wir dem Donner,

oft frohlockten wir dem Flammensturm;

heut, Volk, frohlocken,

heut, Bismarck, klagen wir

dumpf Euch! aber

immer, Glocken,

dröhnt aus unserm

Mund die Macht.

Immer hungrig,

tief auf nach Opfern

stöhnt der Mund der Macht.

Doch auch immer

öffnet weit zu hohen Jubellauten

dann den Mund die dunkle Mutter;

denn noch immer

zeugt sich, zeugt sich Opfer dann

unerschöpflich jung die Kraft der Macht.

Nur ein Hauch,

kommt und rührt der Lockruf

der erhabnen Mutter

die Erkornen.

Und empor, sturmgleich,

ihrem Schooß zu,

folgen sie gebannt und wachsen

zu den Wolken,

folgen sie und wankend

bebt der Boden;

und sie fallen.

+Einem+ Schooß entsprungen,

+einem+ Muttergrunde,

rollt der Strom und

quoll der Glutblock,

der erkaltend -- seht! -- den Stromlauf staut.

Hingetürmt, schroff,

stolz im Wege der empörten Flut,

starr thront das Lavahaupt,

lagert die gewaltige Sohle:

seht! starrer immer,

nur gewaltiger noch

von der Wucht der Brandung

eingebohrt dem Grund, der beide schuf.

Aber aufgebäumt nun:

wuchtiger prallt, wühlt, kocht der junge Strom,

seht, wuchtiger immer,

und es wankt die Sohle, wankt das starre

alte Haupt,

das zur Macht die Kraft der Stromflut

stauend hob.

Horcht! Dumpfhin krachen,

hochauf rauschen

jäh verworrne Jubelklagelaute.

Horcht in Ehrfurcht:

heut gefallen,

weicht der Macht ein Opferzeuge.

Ruhe, ruhe,

Bismarck, graue Klippe du!

rolle, rolle,

Volk, du aufgewühlte junge Stromflut!

bald versprüht

eurer keuchenden Umarmung

dumpfe Wut,

ausgerungner Opferkampf.

Denn auch Er, der heute

übers alte Haupt dir, du Gestürzter,

hoch hinweg im Zollern-Stolz geschäumt ist:

ja, ein Schaum nur sprüht er,

der die Stromflut,

die empörte junge Stromflut krönt.

Doch wohin, wohin nun -- fragst du schwer --

stürzt die Flut, die jäh verworrne Flut?

Lausche, du Erlauchter,

der du selbst mit Kronen spieltest,

selbst dem Lockruf der erhabnen Mutter folgtest,

der du mit umwölkter Stirne

nun im abendstummen Park die dunkeln

Lebensbäume siehst

vom schwachesten Lufthauch schwanken:

lausche nur den fernen Glocken,

Sohn der dunkeln,

immer jungen,

nimmer satten Mutter Du:

der Macht! --

Vor Sonnenaufgang

Propheten der Sonne, der Morgen graut!

Was säumt ihr den Erdrand wie Nebelscheuchen

und beklagt euch über die Nachtdünste?

Hört doch die Hähne: sie krähn in die Wolkenröte,

und ihre Flügel funkeln schon!

Sie beschämen eure Menschengedanken,

ihr Bettler um das ewige Licht;

ich hasse eure Art Morgengrauen!

Freilich, in einsamen Nächten,

wenn der Gedanke ein Scherflein gilt

und die schwärmende Seele Millionen verschenkt,

wenn ich mit traumheißen Augen

über die Dächer Berlins hin

die tausend Schlote und Schlünde der dunkeln Stadt

in die glitzernde Ewigkeit aufstaunen sehe,

wenn ich ein schmelzendes Erz bin

im glühenden Ausbruch der unentrinnbaren Inbrunst:

ja, dann lieb’ich euch alle,

möcht euch alle umarmen,

helft ihr doch alle uns treiben,

alle dem Licht entgegen drängen,

dem immer lockenden Licht der Zukunft.

Aber die Zukunft beginnt schon:

mit jedem Tag, mit jedem Augenblick beginnt sie,

und ist da, wenn ihr sie bringt!

Propheten der Sonne, was säumt ihr? --

Humane Epistel auf deutsche Art

Lieber Freund! ich sitze verstimmt bei Schillern und Goethen,

plötzlich reicht mir die Magd deine Bescherung aus Rom.

Nämlich die hellen Gemächer und glänzenden Säle der Beiden

hatt ich verlassen und saß zwischen dem Küchengerät,

wo’s drin dampfte und schmorte, der Xenien salziges Frühstück

wider den schlechten Geschmack ihrer gepriesenen Zeit.

Da empfahl ich mich gern, und Goethe lächelte nickend,

denn er witterte wohl etwas Italisches gleich.

Und nun steh ich entzückt und atme den Duft der Orangen,

will mit süßestem Reim, klingendstem Dank dich erfreun,

aber da sitzt mir der Küchengeruch von Goethen und Schillern

zäh in Nase und Mund, klassisch dampft mein Gehirn.

Ja, sie haben so manchen auf ihrem olympschen Gewissen,

seit sie ihr deutsches Gericht füllten in griechisch Geschirr.

Oder liegt es dem Deutschen im Blut, mit trotzigem Willen

immer auf Staffeln zu stehn, die er der Fremde geraubt?

Mißt er nicht Freiheit und Recht sich zu nach Römischer Elle,

gab nicht zum Bau seines Staats Gallien das Winkelmaß her!

Will er den Bau der Natur, Dasein und Werden ergründen,

nimmt er den Grundriß vor, den ihm der Britte entwarf;

oder er möchte sich selber erbaun, dann strebt er zum Himmel

gar auf der Leiter hinauf, die ihm der Jude gebaut.

Doch nun heb’ich den Blick: da versinkt der Bestrebungen Fülle,

und es entschwebt dem Gewirr stark ein vereinender Geist.

Zwar der Tragwind, ja, der kam aus fremden Bezirken;

aber die Flugkraft, Freund, +die+ doch ist eigen, ist deutsch.

Ruhig jetzt, fast träg, so schwebt er im Völkerzenithe,

zu noch höherem Flug sammelt er heimliche Kraft:

schon verspürt er die Höhn, wo Volk und Völker verschwinden,

wo ihn, das ewige Haupt hebend, die Menschheit begrüßt.

Nein, kein Gallier wars, kein Römer, kein Britte, kein Jude:

Mensch war Jeder, mein Volk, der dich zum Aufstieg erzog.

Und, mein römischer Freund, so stieg auch ich auf des Griechen

klappriges Schaukelpferd, hopp! reit es auf eigene Faust.

Lächeln wirst du vielleicht: dazu die erhabenen Worte,

daß sich das winzige Ich etwas gehobener fühlt?

Aber so gehts wohl stets: nimm irgend etwas, es deutet

immer vom Ganzen auf Uns, immer aufs Ganze zurück.

Hier dein Dutzend Orangen: ich lasse die rundeste rollen,

und sie werden im Nu Bild des Planetensystems.

Stets enteignet der Mensch sich selbst, je eigner sein Wille;

was sein innerster Trieb, äußert sich lehrhaft als Zweck.

Drum quält Mancher sich ab mit Einer Erlösung für Alle,

+wo doch Jedem das All tausend Erlösungen gönnt;

was den Menschen entzückt, entsetzt, empört, das erlöst ihn,

weil’s ihn außer sich bringt, weil’s ihn mit Leben erfüllt+.

Und so lernte mein Geist die Zweifel der Zwecksucht belächeln,

ob man lebt für sich selbst oder dem Ganzen zur Pflicht.

Denn kein Zweck gibt Kraft, allein der Antrieb begeistert;

Arbeit, unterste Pflicht, macht er zum obersten Recht.

Unabweisbar treibt Natur jed Wesen zum Wirken,

aber im Menschen der Trieb kennt sich als Wille und Wahl.

Und beim Jupiter, Freund: nie wieder wähl ich des Griechen

klappriges Schaukelpferd, brrr! hopp, aus poetischem Trieb.

Nur als Mensch, mein Freund, laß diesen Brief dir gefallen,

und mein Abschiedswort gelte der Menschheit in uns:

Treibe Jeder den Andern auf immer eignere Wahlstatt,

mag er erliegen im Kampf, mag er als Sieger bestehn!

Dann, wie immer du wählst, dann lebst du dem Ganzen zu Liebe,

lebst dir selber zur Lust -- Alles in Allem: leb wohl!

Kampfspruch

Siege oder Niederlagen:

immer gilt es, neu zu wagen.

Werkspruch

Mensch, was dir leicht fällt, das nimm schwer!

Natur gibt viel; entnimm ihr mehr!

Sprüche vom Glück

I

Schaffenslust, das ist die Quelle,

die den eignen Grund zerspellt;

einen Trunk von dieser Welle,

und du schmeckst das Glück der Welt.

II

Weltwille wirkte dich,

du wirkst auf ihn zurück;

tust du das williglich,

so wird dein Werk dein Glück.

III

Glück ist Gabe;

rechte nicht um fremde Habe,

Richter mit dem Bettelstabe!

Menschenrecht

Dein Recht ist deine Kraft -- drum bläh dich nicht,

du stehst mit deinem Recht vorm Weltgericht.

„Was? Weltgericht? ein längst entkräftet Wort!“

Doch setzt die Welt das Richten kräftig fort.

„Und wenn mein Recht mit Macht dagegenrennt?“

Kein Recht wird Macht, das seine Pflicht verkennt.

„Und was ist meine Pflicht, o Weltgewalt?“

Da siehe Du zu -- lacht das Scheusal kalt.

Machtsprüche

I

Macht spornt den Wicht, Kraft den Braven;

Kraft schuf den Herrn, Macht den Sklaven.

II

Wohin du blickst, ist Krieg auf Erden.

Wohin du blickst, kann Friede werden.

III

Laßt uns gern einander lauschen,

innerst grenzenlos gesellt,

Sinn und Seele liebreich tauschen,

so wird kleine große Welt.

Das Spiel der Welt

Philosophisches Scherzo

1) Dialog

Die Seele sprach zur Welt:

Du machst dich viel zu wichtig.

Dein Spiel ist ohne mich

im Grunde null und nichtig.

Zur Seele sprach die Welt:

Das ist im Grunde richtig.

Das Spiel machst du, nicht ich;

drum ist es gründlich nichtig.

2) Moral

Die Seele macht sich gern

mit ihrer Welt zu wichtig;

Weltseele muß man sein,

dann macht man Alles richtig.

3) Kritik

Das ist ein schlechter Spaß;

du hältst die Welt zum Narren

und rätst ihr obendrein

zu deinem eignen Sparren.

4) Antikritik

Das ist kein schlechter Spaß,

ich hab gar gut erfahren:

wo Weisheit ratlos steht,

ist Narrheit flugs im Klaren.

5) Supermoral

Die Seele mahnt sich stets:

sei endlich ganz und tüchtig!

So bleibt sie ewig halb

weltsüchtig, halb weltflüchtig.

In Summa

Bin Mensch, All, Nichts,

nach Wahl des Lichts.

Lohngesetz

Jeder will möglichst viel vom Leben

und möglichst wenig dafür geben.

Als bloßer Anblick scheint’s abscheulich,

doch handle, Mensch, dann weicht der Schein;

du wirst dir wert, das ist erfreulich,

nun muß das Ganze wertvoll sein.

Vergieb dir nichts, tu nichts vergebens,

das ist das Lohngesetz des Lebens.

Ungleiche Schätzung

Schlauheit erwägt das Schlechte,

Klugheit das Rechte,

Weisheit die Mächte.

Schlauheit fristet sich hin,

Klugheit bringt Gewinn,

Weisheit schenkt dem Leben Sinn.

Reinertrag

Was wir sammeln, was wir speichern,

mag’s die Erben noch bereichern,

einst vergeht’s.

Nur der Schatz der Seelenspenden

wächst, je mehr wir ihn verschwenden,

jetzt und stets.

Ewiges Ziel

Zum verschloßnen Schrein

eilt dein Lebenslauf;

schließt er Liebe ein,

schließt ihn Liebe auf.

Zwecksprüche

I

Lebe mit Zweck,

wirf dich nicht weg,

gib dich den Andern hin

mit eignem Sinn!

II

Wem Zweckbesinnung fehlt,

den knechten seine Triebe;

es sei denn, ihn beseelt

die Herrscherin, die Liebe.

III

Mit Lust und Liebe sein Werk anpacken,

macht frei von allem Zweckzwickzwacken.

Allerlei Menschliches

I

Verdammte Liebe! schimpft Hans Aff,

dem seine Liebschaft schlecht bekam.

Verfluchte Lust! stöhnt Christian Pfaff,

der sich in Wollust übernahm.

Herr, schenke diesen beiden Armen

mit Lust und Liebe dein Erbarmen!

II

Ein Spaß für Götter:

Affen als Menschheitsretter.

III

X schreit: der Mensch ward ungesund!

U will den Übermenschen züchten.

V wills mit Unzucht, W mit Züchten.

Z schreit: ihr bringt ihn auf den Hund!

Sie greifen schließlich noch zum Messer,

die -- idealen Menschenfresser.

Quintessenz

Was ist ein Ideal?

Dem Weisen eine Not,

dem Helden eine Qual,

den Schwätzern Himmelsbrot.

Heldentümliches

I

Die misera Plebs begreift es nie:

wer für sie kämpft, ist wider sie.

II

Ihr meint, ihr hättet euch ermannt,

weil ihr euch hart wie Brutus stellt?

Jesus kam mit weichster Hand

und brachte Schwerter in die Welt.

III

„Er hat als Gott sich aufgespielt!“

Das sei mit Freuden ihm verziehn.

Doch daß er +euch+ für Götter hielt,

dafür, ihr Menschen, kreuzigt ihn!

Humaner Konflikt

„Du bester Mensch, den’s giebt,

willst von der Menschheit lassen?“

Ach, wer die Menschheit liebt,

der lernt die Menschen hassen.

Mann und Weib

I

Du haß-und-liebestarker Mann,

der auch sich selber hassen kann:

steht nicht ein freudig Weib dir bei,

martert dein Zwiespalt dich entzwei.

II

Daß der Mann am Weib sich freut,

daß die Freude Samen streut,

das ists, was die Welt erneut.

III

Ihr eifert gegen Frauenrechte?

ihr feigsten aller Weiberknechte!

Komm nur, du neue Eva du:

der alte Adam weiß, wozu.

Sprüche der Liebe

I

Wo im wirren Weltgebrause

zwei versprengte Funken sprühn,

die aus reiner Lust sich mühn,

klar einander zu durchglühn:

Liebe, da bist Du zuhause.

II

Glut klärt,

Glut verzehrt;

hüte jeder seinen Herd!

III

Schwur der Liebe: ob gegeben,

ob empfangen -- welch Verschulden!

Schwellend wühlt sich Leben in Leben:

was wird wachsen? -- Herz, lern dulden!

Spruch in die Ehe

Ehret einander,

wehret einander!

Sprüche der Treue

I

Wie läßt sich Alt und Neu,

o Liebeslust, vereinen?

Bleib dir nur selbst getreu,

so bleibst du’s all den Deinen.

II

Treue mit Reue

ist Feiglings Untreue.

III

Der Drache Leidenschaft

speit Mut um sich wie Feuer;

stählt dich nicht Liebeskraft,

frißt dich das Ungeheuer.

Einziger Grund

Es ist zum Lachen wie zum Weinen,

wir mögen lieben oder hassen,

es wurzelt Alles in dem Einen:

das Herz +will+ sich erschüttern lassen.

Die ewige Sehnsucht

Wir werden’s immer spüren

und niemals weiterbringen:

die Seele will sich rühren

und dabei Ruh erringen.

Sprüche der Zeit

I

Ich weiß ein Wort,

das setzt mich über Alles fort,

über Raum und Zeit

und Traurigkeit:

Ich und die Zukunft!

II

Daß du über der Zukunft

nur nicht ihr stetes Dasein vergißt!

Es gibt eine Gegenwart,

die ewig ist.

III

Lern in der Zeit dein Urbild finden,

Kunst geht dem Leben Hand in Hand,

es gilt den Stoff zu überwinden,

Tod ist des Lebens höchstes Unterpfand.

Sprüche zur Kunst

I

Was in unser Leben fiel,

schwer wird leichter, fremd wird eigen,

rüstig will es wieder steigen,

will zurück zum Lebensreigen,

und so wird’s ein freudig Spiel.

II

Das Leben läßt sich stets nur stückweis fassen,

Kunst will ein Ganzes ahnen lassen.

III

Nur ein bißchen Traum,

und im dürrsten Blatt

lebt dir der Baum,

der’s geboren hat.

Inhalt der Kunst

I

Suchst du im Bild nach allen Zügen

des Lebens, wird dir keins genügen.

Das eben ist es: weil’s nicht Leben,

kann dein Gefühl ihm Leben geben.

II

Gefühl treibt eins das andre fort;

o gieb uns, Geist, das Fassungswort!

III

Nimm, vernimm, und frag nicht viel,

tiefster Ernst wird höchstes Spiel;

sieh nur, mit dem Schmerz der Zeit

spielt die ewige Seligkeit.

Maßstäbe

Das Unermessne ist

der Kunst so eingemessen,

daß du vermessen bist,

willst du’s allein ermessen.

Gesichtspunkte

Manches Auge schwelgt im Grauen,

manches wühlt sich bis zur Qual

in ein Farbenbachanal,

aber jedes will einmal

hochgemut ins Blaue schauen.

Kunstgenuß

Schönheit wird wie Glück empfangen:

Freude krönt dein bang Genießen,

und die Freude ein Verlangen,

sich als Liebe zu erschließen.

Denn der Schöpfung schöne Hülle

hält ihr Wesen wohlverwahrt,

ist von Reiz so spröd wie zart

und erschließt des Glückes Fülle

+Dem nur, dessen eigne Art

die Art des Schöpfers offenbart+.

Einem und jedem Schöpfer

Du hast uns mehr als Leben,

du hast uns aus dem Geist,

der das Leben speist,

eine Welt gegeben.

Den Empfänglichen

Ein Wörtlein Dank -- o schönster Schall:

des Schöpferwortes Widerhall.

Uns allen ahnt kein höher Glück:

nun tönt die Welt zu Gott zurück.

Den Querköpfen

I

Komm und laß dich ganz gewinnen:

sieh, der Schöpferbecher kreist,

voller Lebensglanz den Sinnen,

Voller Liebeslicht dem Geist.

II

Ich +bin+ dumm! sprach Hans Dummerjan

und kuckte frech den Herrgott an.

Da lachte Der

und sprach: Ja, sehr!

III

Sie möchten Kunst genießen, ach,

und kauen Schönheitsregeln nach.

Es ist das alte Leid, daß Gott erbarm:

stark ist der Hunger, schwach ist der Darm.

Den Auslegern

Man soll alles nehmen, wie es ist;

das Licht legt wirklich Gold auf den Mist.

Nimmt man es aber durch die Blume,

dann natürlich bis in die Wurzelkrume!

Da sitzt ein Kobold, der sich ins Fäustchen lacht

und aus übeln Düften Wohlgeruch macht.

Dichtersprache

I

Dichter kann man nicht ergründen;

seid nur, Freunde, recht erhoben!

Jede Flamme schlägt nach oben,

jeder Geist wird weiterzünden.

Durch den Rauch der Worte steigen

alle auf ins blaue Schweigen.

II

Ist nur feuerecht dein Wort,

flammt’s durch fernste Nächte fort.

Sprachgrenzen hindern nicht den Geist,

der übers Volk zur Menschheit reist.

III

Was sind Worte, was sind Töne,

all dein Jubeln, all dein Klagen,

all dies meereswogenschöne

unstillbare laute Fragen --

rauscht es nicht im Grunde leise,

Seele, immer nur die Weise:

still, o still, wer kann es sagen!

Dichterschicksal

Eine heilige Dichtung vernahm ich:

war einst ein Diener, der opferte willig

sein Gut, sein Blut, sich selbst, seinen Sohn

der herrischen Zucht eines Heldengeschlechtes,

wie der Urwaldbaum sich samt all seinen Früchten

dem Boden hingibt, dem er entsproß.

Ach, aber wo lebt das Volk, das dich hört,

von Ahnengeistern begeisterter Dichter?

Und dennoch atmet die Klage Jubel:

von jeher säte der Dichtergeist

seine Früchte aus in scheintotes Land,

des Daseins opferwilliger Diener,

künftigen Lebens erhabener Ahnherr,

volkstreuer Held wie der Urwaldbaum.

Der geduldige Dichter

I

Der Dichter steht am Herd und schürt

und wartet, daß sein Volk sich rührt.

Das Holz liegt da, der Funken auch;

wann springt die Flamme aus dem Rauch?

II

Das Publikum hat gezischt und geklatscht,

die Kritiker haben gequietscht und gequatscht.

Der Dichter lächelt: Das verschallt,

rings rauscht mein immergrüner Wald.

III

Was soll mir euer Lorbeer, Freunde;

an jedem Blatt zupfen hundert Feinde.

Bringt Blumen, edle Früchte, Wein:

die Kunst will sich des Lebens freun.

Den Lorbeer legt mir aufs Totenkissen;

da wird er nicht mehr heruntergerissen.

Guter Rat

Nur kein törichtes Ereifern,

wenn die Wichte dich begeifern.

Diese Kautschukmännlein fliegen

mannshoch, wenn sie Hiebe kriegen;

laß sie lügen, laß sie liegen.

Den Kennern

Selbst der rarste Diamant,

dem Verächter ist er Tand.

Ach, wie arm wär jede Spende,

wenn sie keine Gnade fände!

Den Herren Kritikern

Der Kritiker hat immer Recht,

unfehlbar wie der Kletterspecht:

die Eiche trotzt dem stärksten Sturm,

der Specht entdeckt in ihr den Wurm.

Kumpaney

Ein Herr Laus, ein Floh und eine Wanze

setzten sich an meinen Tisch.

Sprach der Floh: Brüderchen, tanze!

hoppla! frisch!

Sprach ich bald: Ich kann nicht tanzen

so wie Sie, Herr Floh!

Sprach das Fräulein von den Wanzen:

Klettern Sie mal Stroh!

Sprach ich gleich: Wer kann strohklettern

so wie Sie!

Sprach der Lauserich: Entblättern

Sie mal Schinn, hihi!

Sprach ich: Ihre Kunst! wer könnte

die wohl ebenso!

sprach ich. Und die dreu Talönte

waren seelensfroh.

Laufbahn

Als ich jung war, hab ich verwogen

alle Zäune im Feld überflogen.

Nun ich älter bin, will ich verwegen

selber neue Felder einhegen.

Und kommen, wenn ich alt bin, die Jungen

auch auf die herübergesprungen,

beflügel euch Gott, ihr wilden Fohlen!

Aber könnt ihr nichts weiter vollbringen

als dem alten Sturmfried dummdreist nachspringen,

soll euch Kracken der Teufel holen!

Der Hahnenkampf

Parabel

Liebe Leute! ihr kennt den Baum der Erkenntnis.

Mit seiner Frucht hats ’ne eigne Bewendnis:

seit Adam hat niemand sie mehr gesehn,

also wird er wohl ewig in Blüte stehn.

Unter dieser Blüte nistet ein Geist,

in Gestalt eines Gockels, der Gigenius heißt,

ein gewaltiger Kampfhahn bei seinen Lebzeiten,

um den sich noch heut alle Federviecher streiten.

Er ist zwar tot; doch wie ihr hört,

kräht er noch immer ungestört --

ucke-ru-uh! --

Aber jetzt erscheint da ein zweiter Geist,

ein lebendiger, der Gigigenius heißt

und sich vor keinem toten grault,

der kräht: pfi, Gi, du riechst verfault --

ücke-rü-üh! --

Drob schwillt allen Geistern der Kamm mit Macht;

man merkt, es gibt eine Hahnenschlacht.

Man sieht, wie Hals und Brust sich bläht;

wohl dem, der nicht dazwischen gerät!

Sie balgen sich, daß keiner weiß,

wo ist der Kopf, wo ist der Steiß;

und über ihrer Kraftverschwendnis

hängt still die Blüte der Erkenntnis.

Zuletzt ist jeder arg verprügelt,

aber alle krähn sie siegbeflügelt:

ucke-rü-üh!

ücke-ru-uh! --

Drauf gehts mit würdigem Gestapf

an den gemeinsamen Futternapf,

aus dem auch schon Gigenius schluckte,

als Gigigenius noch nicht muckte.

Da stehn sie sämtlich ruhmbedeckt,

und jeder nimmt sich, was ihm schmeckt.

Moral: Erkenne, edler Christ,

wie unermeßlich der Futternapf ist!

Vielleicht hielt Adams Unverständnis

ihn für die Frucht vom Baum der Erkenntnis.

Die neue Würde

Parabel

Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3) · 第 3 / 14 段