daß du uns gebieten willst ... die Priester ruft, die Priester ... Es
gibt keine Priester mehr ... alle raffte sie das Schwert ... Hananja ist
entkommen ... nein, am Pfahle verdarb er ... führerlos sind wir ...
verlassen von allen ... wer wird uns gebieten ... oh, Qual der
Knechtschaft ... wer wird die Opfer empfangen zu Babel ... wer uns
deuten das Wort ... ausgerottet ist Aarons Geschlecht ... weh uns
Verwaisten ... daß wir die Lade doch hätten und die Rolle des
Gesetzes ... sie ist verbrannt ... nein, Gottes Wort verbrennt nicht ...
selbst sah ich sie kohlen im Feuer, wie eine Schlange sprang sie hoch ...
wehe, sie ist verbrannt ... verbrannt das Gesetz ... nein, es kann nicht
wahr sein, Gottes Wort verbrennet nicht ... ist sein Haus nicht
verbrannt, sein Altar nicht gestürzt ... ließ er nicht sinken seine
heilige Stadt ... Ja ... ja ... hat er nicht uns in Knechtschaft
gegeben ... ja ... ja ... gebrochen hat er den Bund, vernichtet die
Verheißung ... lästert nicht ... lästert nicht ... ich fürchte ihn nicht
mehr ... lästert nicht ... wer gebietet mir ... führerlos sind wir ...
daß doch Mose uns erstünde ... daß ein Richter unter uns wäre ... der
König, wo ist er ... der Geblendete ... blind ist er immer gewesen ...
er hat uns hinabgestoßen ... oh, Ende Israels, Ende Jerusalems ... was
ziehen wir aus ohne Gott und Gesetz, ohne Führer, der uns weise ... oh,
Simson, Simson ... warum kommt er nicht, der uns ausführet mit starker
Hand ... nie war größer die Not ... ach, er kommt nicht, verloren sind
wir ... Gott ist gesunken mit seinem Tempel ... lästere nicht ...
lästere nicht ... daß er doch käme, der Verkünder, der Befreier ...
EINE NEUE GRUPPE (aus dem Dunkel):
Hier ist des Marktes Mitte ... wer seid ihr ... Benjamin sind wir ...
die Letzten, reihet euch an ... nein ... nein ... wir wollen nicht
fressen von eurem Staube ... und wir nicht den euren ... fort mit den
Tieren, führt sie am Zaume ... ihr tretet die Frauen ... weichet aus ...
wehe, was stoßet ihr ... es ist so dunkel ... ach, daß es schon Morgen
würde, daß ausginge diese Nacht ... wehe, wie Arges wünschest du, bete,
daß ewig sie währte, denn die letzte ist sie auf Zions Berge ... ja ...
ja ... segne die Nacht, sie birgt unsere Tränen, sie hüllt unsere
Schmach ... die Sonne von morgen wird uns entblößen und unsere Scham den
Heiden zeigen ... wehe ... betet, daß der Morgen nie komme über unser
beladen Haupt ... ich kann nicht beten mehr ... meine Seele ist starr
geworden in Schrecken und mein Herz steinern vor Grauen ... selig die
unten liegen im Dunkel für ewig und Ruhe haben, selig die Toten Israels,
sie dürfen weilen im Schatten der Heimat ... ins Diensthaus müssen wir
ziehen ... ach, bräche doch nie dieser Tag über uns ... wehe uns, weh
unsern Kindern, den Knechten der Fremde ...
(GELÄCHTER UND TUMULT aus dem Palast. Heraus treten, beleuchtet von
Fackeln, die trunkenen chaldäischen Fürsten, grölend und lachend. In
ihrer Mitte haben sie einen, den sie fortstoßen, einer zum andern,
daß er zwischen ihnen schwankt und immer zu fallen droht.)
DIE CHALDÄISCHEN KRIEGER (durcheinander):
So geh doch wider Nabukadnezar ... Auf, Erstürmer Babels ... nicht
falle, du Säule Israels ... geh ... stoßt ihn weg ... er ödet uns ...
nicht kann er tanzen, wie David, der König ... nicht schlägt er die
Psalter ... lasset ihn ... kommt zurück zum Weine ... an seinen Weibern
erletz ich mich lieber ... lasset ihn Dunkel trinken, und trinken wir
Wein ... kommt ... kehret ... laßt ihn ...
(DIE KRIEGER kehren lachend und lärmend in den Palast zurück. Der
Verlassene bleibt unsicher im Dunkel über der Treppe stehen. Ein
matter Strich verwölkten Mondlichtes läßt seinen Schatten schwarz
hinter ihm aufstehen, daß er groß und gespenstig scheint.)
(DIE MENGE, unten in Schrecken und Staunen wogend, leise flüsternd.)
STIMMEN:
Wer ist es ... warum haben sie ihn fortgestoßen vom Mahle ... wer ist
er ... wie ein Felsen steht er schwarz ... warum spricht er nicht ...
seine Blicke sind verschnürt ... wie er die Hände hebt ... wer ist er ...
nicht nahet ihm ... wer mag es sein ... ich will sehen ...
(EINIGE der Beherzten sind die Stufen emporgeklommen.)
EINER (plötzlich aufschreiend):
Zedekia!
DIE MENGE (durcheinander):
Der König ... der Geblendete ... Gottes Gericht ... Zedekia ...
ZEDEKIA (unsicher):
Wer ruft mich?...
STIMMEN:
Keiner ruft dich ... Fluch ruft dich und Gottes Gericht ... Wo sind die
Ägypter ... wo ist Zion ...
ANDERE STIMMEN:
Schweiget!... Der Gesalbte ist er des Herrn ... geblendet haben ihn
unsere Feinde ... Ehrfurcht dem Könige ... ehret den Dulder ...
ANDERE STIMMEN:
Nein, er soll nicht sitzen unter uns ... wo sind meine Kinder ... gib
sie mir wieder ... Fluch über den Mörder Israels ... sein ist die
Schuld ... fort mit ihm ... warum lebt er, da Bessere starben?
ZEDEKIA (zu einem, der emporgestiegen ist und ihn leitet):
Wer sind jene, die wider mich rufen? Ist es Israel, das mir feind ist?
DER FÜHRENDE:
Herr, Unglückliche sind es!
STIMMEN:
Nicht führe ihn her, gesondert sei unser Los von dem seinen!... abseits
möge er sitzen ... Gott hat ihn gestraft ... Fluch liegt auf ihm ...
ZEDEKIA:
Fort ... führe mich fort ... in den Tempel, daß er mich berge vor ihrem
Hasse ... ich will ihre Stimmen nicht hören ... ihr Haß brennt auf meine
Wunden ... in den Tempel.
DER FÜHRENDE:
Herr, der Tempel ist nicht mehr.
ZEDEKIA:
Ist der Tempel gefallen ... dann falle auch ich ... wehe, wer tötet
mich, den Blinden ... geh ... sage ihnen, rufe sie, die mich schmähen,
daß sie ein Ende machen.
DER ÄLTESTE:
Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Was zerfleischet
ihr einander, da der Feind uns würget?
STIMMEN:
Ein Fluchbringer ist er ... er hat Gottes Haus stürzen lassen ... er
brach den Eid ... nein, lasset ihn ... man hat seine Söhne geschlagen ...
ein Blinder ist er ... aber er soll nicht mehr König sein ... nein ...
nein ... was soll uns ein Blinder ... eine Last ist er ... nein, er
soll nicht König sein ... nein ...
ZEDEKIA (fast weinend in seiner Hilflosigkeit):
Führ mich fort ... meine Augen sind mir genommen ... die Krone noch
reißen sie mir ab ... birg mich ... verbirg mich vor ihnen.
EINE FRAU:
Hier ruhe aus ... mein König, bette dich hin.
(ZEDEKIA wird an der Treppe hingebettet, Neugierde drängt um ihn.)
DER ÄLTESTE:
Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Unser Führer ist
er von Gott.
STIMMEN:
Nein ... ein Blinder ist kein Führer ... wie kann er König sein in
Jerusalem, da Zion fiel ... Knechte sind wir alle, wir brauchen keine
Führer ... oh, wir bedürfen eines Erretters ... oh, daß Mose uns
erstünde ... ein Tröster wäre vonnöten, kein Bedrückter ... ein
Erleuchteter und kein Blinder ... niemand kann uns helfen ... rüstet zur
Reise ... sehet das Dämmern ... wehe der Tag ... oh, Auszug ins
Fremde ... wehe wir Vertriebenen ... wehe uns Führerlosen ...
(EIN LAUTES KLINGENDES TÖNEN von ferne.)
STIMMEN:
Wehe, die Posaune ... die Posaune ... hört ihr sie tönen ... nein, es
ist die Posaune nicht ... wie von Zimbeln klingt es und Pauken ...
Gesang, hört ihr Gesang ... es jauchzen unsere Feinde ... oh, Schmach ...
oh, Qual ...
(DAS LAUTE KLINGENDE TÖNEN kommt näher.)
STIMMEN:
Pauken und Zimbeln ... sie rufen ... sie jauchzen ... sie kommen, uns
fortzutreiben ... Gesang schwillt her ... wehe, wehe, wenn unsere Feinde
jauchzen ... ihren Sieg jubeln sie ... verschließet die Ohren ... weh,
ihrer ist das Frohlocken und unser die Trauer ... Schmach, es hören zu
müssen ... wohin flüchten vor ihrem Hohn ... sie danken ihrem Gotte ...
wem sollen wir klagen?
(DAS TÖNEN ist ganz nah, man hört einzelne Rufe und Zimbelschläge.
Aus dem Dunkel sieht man eine Gruppe Menschen schreiten, die sich
jubelnd um eine hohe Gestalt drängen.)
EINER (aus der Menge):
Sehet ... sehet ... der Unseren welche sind es, die nahen ...
STIMMEN:
Es ist nicht wahr ... wie könnten sie jauchzen ... Fluch dem Sohn
Israels, der frohlockte an diesem Tag ... Trunkene müssen es sein ...
die Unsern sind es ... ich erkenne sie ... Wer ist es, den sie
umschreiten ... was geschieht hier ... was jauchzen sie ... was schlägt
die Zimbel das rasende Weib ...
(DIE GRUPPE der Nahenden, mit Jeremias in der Mitte, ist aus der
Tiefe ins fahle Morgenlicht getreten. Sie schreiten wie die
Trunkenen einher im Taumel, einige ekstatisch, andere wieder ernst
und feierlich.)
STIMMEN DER NAHENDEN:
Hosianna ... Verkündigung ... ewig währet Jerusalem ... oh, selige
Heimkehr, oh, ewige Wiederkehr!... Gesegnet der Tröster, gesegnet die
Tröstung ... Hosianna ... ewig währet Jerusalem ...
STIMMEN DER MENGE (in wilder Erregung):
Sie sind rasend ... was ist geschehen ... höret ... höret! Hosianna
rufen sie ... was bringet er ... was ist seine Botschaft ... er rede
auch zu uns ... wer ist es ... auch zu uns sprich, Verkünder ... Oh,
Tröstung, wer gibt uns Tröstung ...
EINER:
Sehet, ist dies Jeremia nicht, den sie umschreiten?
STIMMEN:
Ja ... nein ... dunkel war jenes Gesicht ... ein Leuchten ist aber um
diesen ... doch, sehet, er ist es ... er ist es ... wie ist er
gewandelt ... wehe der Flucher ... wie kann Süßes kommen von dem
Bittern ... was folget er uns, der uns verfolgte ...
BARUCH:
Höret die Tröstung, Brüder, lasset euch speisen mit dem Worte Gottes,
mit dem Brote des Lebens!
STIMMEN:
Wie kann Tröstung kommen von dem Verfluchten ... wie die Geißel schlägt
er zu ... er wird uns würgen mit dem Wort ... genug der Profeten, sie
haben uns verredet mit ihren Worten ... nein, dieser hat gewarnet ...
hart ist sein Mund wie ein Schwert ... Salz streut er in unsere
Wunden ... hebe dich fort, Unbarmherziger!
BARUCH:
Nein, höret ihn! Das Herz hat er uns erhoben, oh, lasset euch trösten,
ihr Gottesbrüder!
DER KRANKE:
Ich zeuge für ihn, ich bezeuge ihn! Im Brand meiner Wunde lag ich, ein
Siecher, und er hat mich erhoben. Ich zeuge für ihn, ich zeuge ...
STIMMEN:
Wer ist dieser ... höret ihn an ... Wunder verheißet er, und wir
bedürfen der Wunder ... Tröstung will mein Herz ... mich trösten einzig
Zions Tale ... wie kann er trösten ... kann er wecken die Toten, kann er
aufbaun die zederne Burg ... nein, höret ihn ... wehe uns ...
DAS WEIB:
Bileam! Bileam! Bileam! Heil dir, der du kamest zu fluchen Israel, und
dreimal hast du uns gesegnet.
BARUCH:
Meister, sieh ihren Widerstreit! Mache einig ihr Herz, mache fruchtbar
ihre Seelen, hebe auf, hebe auf zu Gott ihre Trauer!
JEREMIAS (aus dem Kreise vortretend an die höchste der Stufen):
Meine Brüder, im Dunkel fühle ich eure Nähe und des Dunkels voll eure
Seelen. Aber, meine Brüder, warum verzaget ihr, warum klaget ihr?
STIMMEN:
Hört ihr den Lästerer ... ich habe gewarnt vor ihm ... er höhnt uns ...
er fragt, warum wir klagen ... Salz streut er in unsere Wunden ...
sollen wir jauchzen am Tage unseres Ausgangs ... sollen wir vergessen
der Toten ... er spottet unserer Tränen ... schweige ... nein, höret
ihn ... lasset ihn reden ...
JEREMIAS:
Oh, höret mich, ihr Brüder, höret mich an! Ist denn alles verloren, daß
ihr klaget? Sehet und fühlt es mit den Sinnen: das Leben ist euch
geschenkt ...
EINE STIMME:
Wehe, welch ein Leben!
JEREMIAS:
Und ich sage euch, wes das Leben ist, dessen ist auch Gott. Nur der
Toten ist es, zu schweigen und zu klagen derer, die zur Grube fahren,
doch der Lebendigen ist es, zu hoffen. Oh, meine Brüder, nicht klaget
und verzaget, solange euch Atem vom Munde fließt, nicht tut auf euren
Mund der Empörung und nicht schließet euer Ohr der Tröstung!
STIMMEN:
Ach, Trost der Worte, er wärmet nicht ... willst du uns aufrichten, so
richte auf die Mauern Jerusalems ... baue Zions Burg ... wehe, er sieht
unsere Not nicht ... er erkennet unsere Leiden nicht ...
JEREMIAS:
Ich schaue, meine Brüder, in euer Leiden wie in ein geöffnet Buch, und
eurer Schmerzen Schrift ist mir aufgetan; doch, meine Brüder, auch
unseres Leidens Sinn sehe ich: ich sehe den Gott darin. Seine Prüfung
nur ist diese Stunde, so lasset sie uns bestehen!
STIMMEN:
Warum prüfet uns Gott ... Warum gerade uns, seine Auserwählten ... warum
ist so hart diese Prüfung ...
JEREMIAS:
Damit wir ihn erkennen, sendet Gott uns die Prüfung. Andern Völkern ist
klein Zeichen und gering Erkennen gegeben, in Hölzern und Steinen meinen
sie des Ewigen Gesicht zu erschauen. Doch unser Gott, unserer Väter
Gott, ein verborgener Gott ist er, und erst in der Tiefe des Leidens
werden wir seiner gewahr, nur in der Prüfung tut er sich auf seinen
Erwählten. Segen, wem sie begegnet, denn was wäre Israel unter den
Völkern, prüfte es nicht ewig sein Gott? Wen er liebet, den stößt er
hinab in die Tiefe des Lebens, daß er ihn erprobe, und, ihr Brüder,
immer hat Gott sein Volk geliebt, immer hat er es hinabgestoßen.
STIMMEN:
Ja, er redet recht ... nein, gütig ist Gott ... verstehet ihn recht ...
ja, es steht geschrieben: »Selig der Mensch, den Gott strafet, darum
weigert euch der Züchtigung des Allmächtigen nicht« ... Ja, ja ... so
steht es geschrieben ... nur die Sünder strafet er ... was haben wir
getan ... Vergessen haben wir seiner in Hoffart ... nie rief ich ihn an
wie jetzt in der Not ... wahr redet er ... Tröstung ist in seinen
Worten ...
JEREMIAS:
Nur die Geprüften hat er erwählet, und nur den Leidenden gilt seine
Liebe. So lasset uns die Geprüften sein und lieben sein Leid, ihr
Brüder! Er hat uns brüchig gemacht, daß er tiefer sich senke in unseres
Herzens Scholle und wir fruchtend würden seines Samens, er hat uns
geschwächet am Leibe, daß er uns stärkte in der Seele. Oh, willig lasset
uns eingehen in die Schmelzfeuer seines Willens um der Läuterung willen.
Tut, wie eure Väter taten, und weigert euch der Züchtigung des
Allmächtigen nicht!
STIMMEN:
Geben wir uns hin seinem Willen ... gepriesen die Prüfung ... ich will
die Klage zerschlagen in meinem Munde ... ja ... auch sie waren in
Knechtschaft, und er hat sie erlöset ... auch uns wird er hören ...
ja ... ja ... oh, daß er unser sich erbarmte ... sage, du Verkünder, wird
er uns wieder aufnehmen ... gibt er uns Erhebung ... erlöst er uns von
Babel ... laß es uns glauben ...
JEREMIAS:
Glaubet an die Erstehung, ihr Brüder, und ihr seid schon erstanden. Denn
wer sind wir, wenn wir nicht gläubig sind? Nicht ward uns wie andern
Völkern Scholle gegeben, daran zu kleben, Heimat, darin zu verharren,
nicht die Rast, darin unser Herz fett werde! Nicht zum Frieden sind wir
erwählet unter den Völkern: Weltwanderschaft ist unser Zelt, Mühsal
unser Acker und Gott unsere Heimat in der Zeit. Aber nicht neidet sie
darob, nicht klaget! Lasset den andern ihr Glück und den Stolz, lasset
ihnen Haus und die Heimstatt der Erde, du aber lasse dich prüfen, du
Leidensvolk, und glaube, du Gottesvolk, denn das Leid ist dein heilig
Erbe, und ihm einzig bist du erwählet um deiner Ewigkeit willen.
STIMMEN:
Oh, Wahrheit des Wortes ... unser Erbe ist das Leid ... ich will es auf
mich nehmen ... ich glaube an seine Barmherzigkeit ... er wird uns
ausführen, wie er uns führte aus Mizraim ... Segen auf dein Wort ...
Gott wird uns erlösen, wie er erlöste unsere Väter ...
JEREMIAS:
So steh auf, du Volk, aus deiner Klage; wie einen Stab nimm deinen
Glauben, und du wirst schreiten aus deinen Nöten, wie du geschritten
tausend und tausend Jahre! Selig die Besiegten, die wir sind um
seinetwillen, selig unsere Vertriebenheit! Selig, daß wir alles
verlieren, um ihn zu finden, selig unser hart Schicksal, selig unsere
Plage und Prüfung! Denn zur Dauer sind wir erwählt durch das Leid und
zur Ewigkeit durch die Erneuung! Könige, die uns Herren waren, sind
vergangen wie Rauch; Völker, die uns geknechtet, zerstreut und zertreten
ihr Samen; Städte, darin wir dieneten, geborsten und der Schakale
Hausung; doch Israel lebt und veraltet nicht an den Zeiten, ist doch das
Leid seine Kraft und der Sturz seine Stufe. Durch Leiden haben wir die
Zeit bestanden, immer war Untergang unser Anbeginn, doch aus allen
Tiefen hub er uns immer an sein heilig Herz! Gedenket, gedenket der
einstigen Mühsal und gedenket, wie wir sie bestanden; gedenket, gedenket
Mizraims, des Diensthauses, der ersten Prüfung! Rühmet die Plage, ihr
Geplagten, rühmet die Prüfung, ihr Geprüften, rühmet den Gott, der uns
ihr erwählte in alle Ewigkeit!
(DAS VOLK gerät in mächtige Erregung. Aus den einzelnen Stimmen
heben sich rhythmisch die Chöre.)
STIMMEN:
Knechte Mizraims
Waren die Väter,
Eiserne Zäume
Preßten und banden
Israels Stirn.
Knechte und Vögte
Schlugen die Klage
Auf dienendem Rücken
Mit Peitschen entzwei,
Schlugen die Kinder
Mit tödlichem Erz.
HELLERE STIMMEN:
Doch in dem Dunkel, das uns umwölkte,
Fand uns Gottes erbarmender Blick,
Einen Befreier in niederem Schoße
Weckt' er dem Volke, eh es zerbrach.
In seine Zunge ergoß er die Rede
Und in seine Hände der Zeichen Gewalt.
Aufhub Mose das Volk, das bedrückte,
Aus seiner Rede glänzte uns Heimat,
Und wir ließen das bittere Land.
JUBELNDE STIMMEN:
Und die Siebzig dereinstens gekommen,
Tausend und Tausend kehrten darwider,
Gehäufeter Habe mit Knechten und Tieren,
Ein starkes Geschlechte zogen wir aus.
Säule des Rauchs und Säule des Feuers
Zogen voran den seligen Blicken,
Engel des Herrn flogen hell vor uns her.
Oh, erster Auszug! Oh, Anhub des Glückes!
Oh, erste Einkehr und Wiederkehr!
JEREMIAS:
Doch neue Nöte waren Israel bereitet, Prüfung um Prüfung!
Entsinnet sie, entsinnet die brennenden Tage der Bitternis! Entsinnet
sie!
STIMMEN:
Hinter uns jagten,
Schäumender Nüster,
Rosse und Wagen
Pharaos Heer.
Über uns schollen
Schon Schreie der Rache,
Vor uns war Meerflut
Und hinter uns Tod.
HELLERE STIMMEN:
Da aber ging Sturm von Gott aus der Höhe,
Weit voneinander riß er die Fluten,
Wasser ward Mauer, die Tiefe ward Gang,
Hausung der Fische, sie ward uns zum Pfade,
Und wir wandelten trockenen Fußes
Zwischen der Wasser getürmeter Schlucht.
JAUCHZENDE STIMMEN:
Klirrend folgten die gierigen Feinde,
Prasselnd jagten sie hin durch die Gasse
Wartender Wasser, schon fing uns ihr Schrei,
Da aber fiel Sturmwind des Herren hernieder,
Brandend zerschäumten die wassernen Mauern,
Über sie stürmte das blaue Verhängnis,
Rosse und Wagen erwürgte das Meer!
ERNSTE STIMMEN:
So zerbrach der Herr die Gefahren,
Heil entriß er das Volk seiner Haft.
Oh, großer Anhub der wunderbaren,
Selig unseligen Wanderschaft!
JEREMIAS:
Doch nochmals und nochmals goß er des Todes Bitternis über uns und der
Prüfung Kelch, damit wir geneseten auf immerdar! Besinnet sie! Besinnet
sie, die heißen Tage der Wüste, die vierzig Jahre Mühsal vor dem
Gottesland!
STIMMEN:
Brach die Kehle,
Leer die Lippen,
Ausgedürstet
Und verschmachtet
Wankten wir
Im leeren Land.
JAUCHZENDE STIMMEN:
Da reckte Mose, der Gottesgesandte,
Den Stab und schmetterte ihn wider den Stein.
Aufbrachen der Felsen marmorne Flanken,
Wasser netzte die lechzende Lippe,
Kühlung umspülte den staubigen Fuß.
HELLERE STIMMEN:
Wann wir müdeten, wurde uns Tröstung,
Wunder durchrauschten den brennenden Tag,
Bittere Bronnen wurden zu süßen,
Würzige Wachteln herblies der Wind,
Und als Hunger feurigen Eisens
Unsere Eingeweide zerriß,
Brach aus dem Morgen blendende Weiße:
Manna fiel nieder, das himmlische Brot!
JEREMIAS:
Niemalens aber war Sicherheit uns gegeben. Ewig warf er uns nieder mit
seiner heiligen Hand! Immer erneute er die Gefahren seinem Volke!
Besinnet sie! Besinnet sie!
STIMMEN:
Völker standen
Auf in Waffen,
Neid und Habsucht
Sperrten Wege
Unsrer Fahrt,
Städte schlossen
Turm und Tore,
Speere starrten
Trotz und Tod.
HELLERE STIMMEN:
Da gab uns Gott Gewaffen zu Händen
Und in die Herzen die Schärfe des Schwerts,
Wider Tausend gab er uns Stärke,
Wider Zehntausend gab er uns Sieg.
JAUCHZENDE STIMMEN:
Posaunen bliesen, es stürzten die Mauern,
Moab zerknickte, Amalek verging.
Mit dem Schwerte schlugen wir Wege
Durch den Zorn der Völker und Zeiten,
Bis unser Herz die Prüfung bestand,
Bis wir ihn fanden, den Acker der Ruhe,
Kanaan, unser verheißenes Land.
Heimat durften die Schweifenden haben,
Segnend lösten wir Gürtel und Schuhe,
Rebe entgrünte dem Wanderstabe,
Israel blühte, und Zion erstand.
ALLE STIMMEN:
Immer waren wir Pflüger im Joche,
Immer gebeugt und in Dienstbarkeit,
Doch ewig hat er das Joch uns zerbrochen,
Aus allen Kerkern uns heimbefreit,
Wo immer sie Not und Drängung uns schufen,
Immer hat er uns heimgerufen,
Und unsern Samen zur Blüte erneut!
JEREMIAS:
Und nie wird geschehn, daß er unser vergißt.
Bedenket, bedenket,
Daß, wenn er uns niedrigt, daß, wenn er uns kränket,
Dies Leiden nur Brand seiner Liebe ist.
So beugt euch, ihr Brüder, dem Joch in Ergebung,
Segnet die Schickung, so uns geschah,
Leiden ist Prüfung und Prüfung Erhebung,
Erniedrigung macht uns nur gottesnah,
Jeder Sturz führt höher in seine Reiche,
Denn nur die Besiegten wissen um ihn:
Ihr Brüder, auf denn! Auf, ihn zu erreichen!
Auf, Brüder, lasset uns gotteswärts ziehn!
STIMMEN (ekstatisch):
Ja, auf, zur Wanderschaft ... führe uns an ... wie die Väter wollen wir
leiden ... oh, Auszug und ewige Wiederkehr ... auf ... auf ... hebet
an ... es ist nahe gen Tag ... ziehen wir aus ... ziehen wir aus in die
Knechtschaft ... Gott wird uns erlösen, wie er immer uns erlöset ...
Alle wollen wir gehen ... alle ... ja, wir alle ...
DIE STIMME ZEDEKIAS:
Wehe, wehe! Wer wird mich führen? Nicht lasset mich zurück! Wehe, wehe,
wer hebet mich auf?
JEREMIAS:
Wes Ruf ist dies?
STIMMEN:
Laß ihn ... er bleibe ... Spreu ist er und verworfen ... Du führe uns
an, du, Gesegneter ... Du sei uns Herr ... Laß den Verworfenen ...
JEREMIAS:
Keiner ist verworfen! Wer rufet, muß erhört werden um unserer aller
willen!
STIMMEN:
Nicht er ... nicht er ... Aussatz ist er unseres Volkes ... alles
Unheils Quelle ... Laß den Verstoßenen Gottes ... Laß den Verfluchten!
JEREMIAS:
Auch ich war ein Verstoßener Gottes, und er hat mich erhört; auch ich
war ein Verfluchter, und er hat mich gesegnet! Wo ist er, der aufschrie
aus seiner Not, daß ich ihn tröste, wie ich selber getröstet ward?
STIMMEN:
Im Dunkel ist er ... auf den Stufen ... dort, sieh den Gebückten ...
Gottes Zorn ist auf seinen Hochmut gefallen.
JEREMIAS:
Warum naht er nicht? Warum weilet er abseits?
STIMMEN:
Sieh doch ... seine Sterne sind erloschen ... seine Schritte sind
irr ... er weiß nicht seinen Weg mehr, blind ist er, der Verblendete ...
JEREMIAS (näher tretend, in heißem Erschrecken):
Zedekia! Mein König!
ZEDEKIA:
Bist du es, Jeremias, der mir nahet?
JEREMIAS:
Ich bin es, mein König, dein Knecht und Diener Jeremias! (Er beugt sich
in die Knie vor dem Könige.)
ZEDEKIA:
Wehe, nicht höhne mich, nicht stoße mich fort, wie ich dich von mir
stieß! Zu Asche hat dein Wort mich gebrannt, du Gewaltiger, nun schone
mein; nicht wirf mich fort, nicht laß mich allein in der Stunde des
Schreckens! Sei bei mir, wie du geschworen vor Gottes Antlitz in der
Stunde, der letzten, die ich schaute auf Erden.
JEREMIAS (zu seinen Füßen):
Ich bin bei dir ... mein König Zedekia.
ZEDEKIA (nach ihm ins Leere tastend):
Wo bist du? Ich fühle dich nicht!
JEREMIAS:
Zu deinen Füßen bin ich, dein Diener und dein Knecht.
ZEDEKIA (zitternd):
Nicht höhne mich vor dem Volke, nicht beuge dich dem Gebeugten! Das
Salböl ward zu Blut auf meiner Stirne und meine Krone zum Staube.
JEREMIAS:
Doch des Leidens König bist du geworden, und nie warst du mehr
königlich! Zedekia, mein Herr und König, starr stand ich vor dir, da die
Macht in dir war und die Stärke, doch dem Gebeugten Gottes beuge ich
mich, des Leidens niederster Knecht. Der Erste hast du getrunken den
Kelch unserer Bitternis, der Erste wärest du des Duldens, so mögest du
der Erste sein unseres Volkes in alle Ewigkeit und seiner Erlösung
Anbeginn. Oh, du König der Leiden, Gesalbter der Prüfung, Israels Herr,
erheb deine Stirne, daß sie uns glänze, führe, der du Gott nur schauest
und nicht mehr die Erde, führe, führe dein Volk!
JEREMIAS (aufstehend, zum Volke):
Sehet, sehet,
Leidensvolk, Gottesvolk,
Gott erhörte euer Begehr,
Er hat euch einen Führer gesandt!
Der Schmerzengekrönte,
Der Menschenverhöhnte,
Wer mag wie er,
König der selig Besiegten sein?
Gott hat ihm den irdischen Blick verschlossen,
Daß er besser schaue sein ewiges Reich,
Oh, Brüder, wer war je von Davids Sprossen
Diesem als König der Duldenden gleich?
ZEDEKIA:
Wohin führest du mich? Was geschieht mir?
JEREMIAS: