Hebet ihn auf,

Den Hingesenkten,

Ehrt den Gekränkten

Mit sorgender Liebe!

Hüllet um ihn

Königsgewande

Und erneuet

Der Zeichen Gewalt,

Ehret, oh ehret

In ihm euer Leiden,

Als der Erste schreite er aus.

Zäumet die Rosse,

Rüstet die Sänfte,

Fürchtigen Armes

Hebet ihn hoch,

Denn er ist

Heiligste Bürde,

Israels Hort und königlich Haus.

(EINIGE führen mit allen Zeichen der Ehrfurcht den König hinab und

betten den Blinden in eine Sänfte.)

(EINE POSAUNE schallt mächtig aus der Ferne her als ungeheurer Ruf,

der gleichsam von der Stadt selbst auszutönen scheint. Der Tag ist

inzwischen angebrochen und überleuchtet mit rötlicher Glut die

geschwärzten Mauern. Eine große Helle geht, immer sich steigernd,

vom morgendlichen Himmel aus.)

(DIE MENGE in mächtigem Aufschwall beim Ruf der Posaune, die Hände

gen Osten gereckt, flutet ekstatisch durcheinander.)

STIMMEN:

Die Posaune ... die Posaune ... Gott ruft uns ... der Tag ist

angebrochen ... der Tag unserer Prüfung ... die Sonne nahet Jerusalem ...

rüstet die Tiere ... rüstet die Herzen ... Gott ruft uns ... wir kommen,

wir kommen ... Auszug ... Auszug ... oh Einkehr und Wiederkehr ...

Jerusalem ... Jerusalem!

JEREMIAS (gewaltig auf der Höhe der Stufen aufgerichtet. Alle um ihn

sind zurückgetreten, so daß er, einsam auf der Höhe, noch gewaltiger

scheint. Seine Arme sind erhoben, seine Stimme bebend in Überraschung):

Auf, ihr Verstoßenen,

Auf, ihr Besiegten,

Rüstet zur Reise!

Wandervolk, Gottesvolk, welterwähltes,

Hebe dein Herz!

(DIE MENGE gerät in gewaltige Bewegung.)

JEREMIAS (zur Stadt hingewandt):

Zum letztenmal glänzen

Jerusalems Zinnen

In eure Tränen,

Leuchtet euch Höhe

Des heiligen Bergs!

Einmal noch hebet

Brennende Blicke,

Trinket der Heimat

Verlorenes Bild!

Trinket die Zinnen,

Trinket die Mauern,

Trinket die Türme

Der ewigen Stadt,

Trinket das Dürsten,

Sie wieder zu schauen,

Trinket, oh trinket Jerusalem!

STIMMEN:

Glüh ein in uns, daß wir entbrennen ... wie könnt ich dich vergessen,

Bild der Bilder ... möge darren meine Rechte, wenn ich dein vergäße,

Jerusalem ... oh, Heimat unserer Herzen ... Zion, Zion, du heilige

Stadt!

JEREMIAS:

Einmal noch beuget

Fromm euch der Erde,

Einmal noch rühret

Die Grube der Väter

Fürchtiger Hand!

Erde, oh Erde, die ich verlasse,

Du blutgetränkte,

Du tränenversengte,

Sehet, ich fasse

Sie fromm mit liebenden Händen an.

Erde, Erde, ich schlinge dich,

Erde, Erde, durchdringe mich!

Bitteren Kloß

Würg ich die schluchzende Kehle hinab,

Doch deine Bitternis innen im Leibe

Entbrenne mir Seele und Eingeweide,

Daß ich ewig deiner gedenke,

Ewig deiner teilhaftig werde!

Erde, du heilige Vätererde,

Schenke

Mir ewig Begehren und ewigen Brand,

Ewigen Hunger und Heimverlangen

Nach Zion, unserm verlorenen Land!

DIE MENGE (sich niederwerfend und wie Jeremias von der Erde einen Kloß

schlingend):

Oh, teure Erde, Scholle der Väter ... dring ein in mich ... würg meine

Seele, wie ich dich würge ... oh, verloren Land ... Sarg meiner Väter ...

oh, dich lassen ... Erde, Erde, du heilige Erde ...

JEREMIAS (sich erhebend):

Doch nun du gespeiset

Bittere Sehnsucht,

Doch nun du getrunken

Brennendes Bild,

Wandervolk, Gottesvolk, hebe dich auf!

Lasset die Toten,

Sie haben den Frieden,

Lasset die Mauern,

Sie stehen nicht auf,

Du doch erstehest

Ewig und ewig

Aus deinen Tiefen

In deinem Gott.

Auf,

Wandervolk, Gottesvolk, rüste zur Reise,

Blick in die Ferne,

Blick nicht zurück!

Die verweilen,

Haben die Heimat,

Doch die wandern,

Haben die Welt!

Auf, ihr Gebeugten,

Auf, ihr Besiegten,

Hebet die Stirnen

Über die Nöte

Wider die ewigen Morgenröten

Und der Gestirne

Wanderndes Zelt.

Gott hat die Straßen,

Die ihr beschreitet,

Wissend bereitet,

Wandervolk, Gottesvolk, auf in die Welt!

(DIE MENGE rüstet ringsum zur Wanderung, Getümmel der Menschen und

Tragtiere, erregte, eifernde Bewegung.)

EINER (vortretend):

Doch sage, du Führer, dulde die zage Klagende Frage,

Werden die Tale uns wieder gehören,

Wird einstens Israel wiederkehren,

Sag, schauen wir wieder Jerusalem?

STIMMEN:

Ja ... sage ... künde, verkünde ... schauen wir wieder Jerusalem?

JEREMIAS:

Ewig wird inwendig es schauen,

Wes Seele nicht Knecht seiner Knechtschaft ist,

Und mit dem Maß seines Gottvertrauens

Die Tiefe allirdischen Leidens durchmißt.

Ihm glänzet urmächtig, am innersten Grunde

Des Herzens Zion zu jeglicher Stunde,

Schöner als wir es vordem gekannt,

Jede Fremde wird ihm das Gottesland!

Oh, wer vertrauet, dem ist es erbauet,

Wer glaubt, schaut immer Jerusalem!

STIMMEN:

Wir glauben ... wir glauben ... ewig werden wir es schauen ... Der

Glaube ist unser Jerusalem!

EIN ANDERER (vortretend):

Doch sage, du Führer, wer wird es uns bauen?

JEREMIAS:

Die Inbrunst des Sehnens, die Nacht unsrer Kerker,

Und das Leiden, das euch gelehrigt hat,

Ihr selber werdet die heiligen Werker,

Umschafft ihr die Seelen zur seligen Stadt.

Aus euern Trauern erhebet die Mauern,

Und je tiefer die Völker euch niederbeugen,

Um so höher werden sie gottwärts aufsteigen,

Um so schöner erstehet Jerusalem!

STIMMEN:

Ja, laßt es uns bauen ... das Senkblei niederwerfen in unsere Leiden ...

laßt uns die Steine bebauen unseres Schmerzes ... zu Gott die

Richtschnur erhoben ... bauen wir Jerusalem.

EIN ANDERER:

Doch sage, du Führer, wird es dann dauern?

JEREMIAS:

Steine bröckeln, es stürzen die Mauern

Irdischer Werke, die Reiche veralten,

Städte verschwemmen im Strome der Zeit,

Doch was die Seelen in Leiden gestalten,

Dauert in Gottes Allewigkeit.

Wer kann sie zerstören,

Die unsichtbaren,

Innen geschauten,

Tränenerbauten

Zinnen der heiligen Zuversicht,

Wer kann ihn uns rauben

Den seligen Glauben,

Wer stürzet des Herzens Jerusalem?

STIMMEN:

Ewig währet Jerusalem ... wer kann es zerstören ... heilig, heilig

unsrer Herzen Haus ... heilig die Stätte unsrer Not ... oh, Tröstung ...

oh, Zuversicht ...

EIN ANDERER:

Doch sage, du Führer, wo sollen wirs finden, Wo schauet die Seele

Jerusalem?

JEREMIAS:

Wo immer ihr euch in euch selber aufrichtet

Und feurig von Furcht und Fremdnis erhebt,

Da ist es aus Wunsch in die Welt gedichtet,

Da ist der Traum unseres Heimwehs erlebt,

An jeglichem Orte,

Wo euch Glaube inwohnet,

Überwölbt euch hell seine mauerne Krone:

Wer glüht, sieht ewig Jerusalem!

STIMMEN:

Oh, Tröstung des Glaubens ... Gottes selige Knechtschaft ... zerstört

hat er die Stadt, daß sie uns ewig in den Herzen erstehe ... überall

wollen wir sie finden ... laßt sie uns aufbauen in den Herzen ... ewig

ist unser Jerusalem ... Oh, ewiger Auszug und Wiederkehr ...

(DIE POSAUNE schallt mächtig zum zweiten Male. Es ist ganz hell

geworden, offen regt sich der unübersehbare Tumult der

wanderbereiten Massen, die mit einem gewaltigen Schrei der Ungeduld

und der Erhebung das Zeichen des Auszuges grüßen.)

JEREMIAS (hoch über ihnen):

Wandervolk, Leidvolk -- im heiligen Namen

Jakobs, der von Gott einst dir Segen entrang --

Hebe dich auf, in die Welt zu fahren,

Rüste und schreite unendlichen Gang!

Wirf deinen Samen

Willig ins Dunkel der Völker und Jahre,

Wandre dein Wandern und leide dein Leid!

Auf, du Gottvolk! Beginn deine wunderbare

Heimkehr durch Welt in die Ewigkeit!

(DIE MENGE gerät in mächtige Bewegung. Schweigend ordnet sich ein

ungeheurer Zug. Voran tragen sie den König in einer Sänfte, dann

schreiten ernst und feierlich, Geschlecht um Geschlecht, die

geordneten Gruppen den Weg gegen die Tore. Ihre Blicke sind aufwärts

gerichtet, sie singen im Schreiten, und ihr Ausziehen hat die ernste

Feierlichkeit einer Opferhandlung. Keiner drängt sich vor, keiner

bleibt zurück, ohne Eile und Hast schreiten die Reihen dahin und

schwinden im Vorbeigehen. Immer neue kommen ihnen nach, und es ist,

als ginge eine Unendlichkeit hier aus dem Dunkel in die Ferne.)

STIMME DER SCHREITENDEN:

In fremden Häusern werden wir wohnen

Und brechen ein tränensalzenes Brot.

Auf Schemeln der Schande werden wir sitzen

Und ängstend schlafen an feindlichem Herd.

Dunkel der Jahre wird über uns fallen,

Der Könige Fron und der Herrschenden Haft,

Doch unsere Seelen entwandern der Fremde

Und ruhen allzeit in Jerusalem.

ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:

Aus weiten Wassern werden wir trinken,

Die bitter brennen dem sehnenden Mund,

Mit Fremdnis werden uns Bäume umschatten

Und Stimmen des Ängstens wehen der Wind,

Doch keine Fremde wird uns zur Ferne,

Denn von den Sternen wehet uns Tröstung;

Träume der Heimat enttauchen den Nächten,

Und unsere Seele erstehet gekräftigt

Von der heiligen Zehrung Jerusalem!

ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:

Auf fremden Straßen werden wir fahren,

Durch Land und Länder stößt uns der Wind,

Heimat um Heimat reißen die Völker

Uns von den brennenden Sohlen fort,

Nirgends ist Wurzel dem stürzenden Stamme,

Wanderschaft stets unsere wandelnde Welt,

Doch selig, selig wir Weltbesiegten,

Denn sind wir auch nur Spreu aller Straßen,

Nirgends verschwistert und keinem genehm,

Ewig doch geht unser Zug durch die Zeiten

Zu unserer Seelen Jerusalem!

(EINIGE CHALDÄER, unter ihnen ein Hauptmann, sind halbtrunken aus

dem Palaste herausgekommen. Ihre Stimmen fahren laut und grell über

das dunkle Sprechen der Schreitenden hin.)

DER HAUPTMANN DER CHALDÄER:

Hört ihr sie murren? Sie wollen nicht ausziehen! Mit der Peitsche schlag

unter sie, wenn sie trotzig sind!

EIN CHALDÄER:

Herr, siehe, sie ziehen schon ohne Geheiß! Und sie murren nicht!

DER HAUPTMANN:

Wenn sie klagen, schlag die Klage entzwei in ihrem Munde.

DER CHALDÄER:

Herr, sie klagen nicht.

EIN ANDERER CHALDÄER:

Siehe ... wie sie schreiten ... wie die Sieger gehen sie einher ... es

leuchtet in ihren Blicken.

DIE CHALDÄER:

Was ist mit diesem Volke ... sind sie die Besiegten nicht ... hat sie

einer genarrt mit falscher Botschaft der Befreiung ... hört, was sagen

sie ... was singen sie ... seltsam ist dies Volk ... unverständlich in

seinem Trotz und seiner Ergebung ... wer begreifet dies Volk ... in

dieser Milde ist eine Kraft, die gefährlich ist ... ein Einzug ist dies

eines Königs und nicht Auszug der Geknechteten ... nie sah die Welt ein

Volk wie dieses ...

STIMMEN (vereint sich ablösend, in immer neuen, weiterschreitenden

Zügen, in die auch Jeremias unscheinbar eingegangen ist):

Wir wandern durch Völker, wir wandern durch Zeiten

Unendliche Straßen des Leidens entlang,

Ewig sind wir die ewig Besiegten,

Hörig dem Herde, an dem wir ausrasten,

Niedrige Knechte niedrigen Frons,

Doch die Städte, sie sinken, es gleiten

Völker ins Dunkel wie stürzende Sterne,

Und die hart unsere Rücken zerschlugen,

Werden zuschanden Geschlecht um Geschlecht.

Wir aber schreiten und schreiten und schreiten

Tiefer hinein in die eigene Kraft,

Die sich aus Erden die Ewigkeiten

Und aus ihrem Leiden den Gott entrafft.

DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:

Sieh ... sieh ... wie die Tänzer schreiten sie her ... ein Taumel ist

über sie gekommen ... haben wir sie denn nicht besiegt ... sind sie

nicht in Schande ... warum klagen sie nicht ...

EIN CHALDÄER:

Ein Geheimnis muß in ihnen sein, das sie verwandelt, ein Unsichtbares,

das sie verzückt ...

EIN ANDERER CHALDÄER:

Ja ... sie glauben an das Unsichtbare ... das ist ihr Geheimnis ...

DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:

Wie kann man das Unsichtbare schauen, wie glauben, was man nicht

sieht ... ein Geheimnis muß in ihnen sein wie in unsern Sterndeutern ...

man müßte es lernen von ihnen ...

DER CHALDÄER:

Man kann es nicht lernen. Man kann es nur glauben, und sie sagen, es sei

ihr Gott.

DIE STIMMEN DER AUSZIEHENDEN (sich mächtig erhebend, da nun die Letzten

unter ihnen auszuschreiten beginnen):

Wir wandern den heiligen Weg unserer Leiden,

Von Prüfung und Prüfung zur Läuterung,

Wir ewig Bekriegte und ewig Besiegte,

Wir ewig Verstrickte und ewig Befreite,

Wir ewig Zerstückte und ewig Erneute,

Wir aller Völker Spielball und Spott,

Wir einzig Heimatlosen der Erde,

Wir wandern in alle Ewigkeiten,

Die Letztgebliebnen

Unendlicher Schar

Heimwärts zu Gott,

Der aller Anfang und Ausgang war,

Bis daß er uns selber die Heimstatt werde,

Der ruhlos wie wir mit Sternen und Jahren

Die Welt umwandert und leuchtend umkreist,

Und wir ganz aufgehn im Unsichtbaren:

Verlorenes Volk, unsterblicher Geist.

DER CHALDÄER:

Siehe, siehe, wie sie in die Sonne schreiten! Es ist ein Glanz auf

diesem Volke, ein Morgenrot auf ihren Häupten. Mächtig muß ihr Gott

sein.

DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:

Ihr Gott? Haben wir nicht seine Altäre zerbrochen? Haben wir nicht

gesiegt über ihn?

DER CHALDÄER:

Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! Man kann Menschen töten, aber

nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, doch nie

seinen Geist.

(DIE POSAUNE schallt zum dritten Male. Die Sonne ist aufgegangen

über Jerusalem und strahlt üb er dem Auszug des Volkes, das aus der

Stadt in die Zeiten schreitet.)

Alle Rechte vorbehalten. Das Recht der Aufführung ist durch Felix Bloch

Erben, Berlin-Wilmersdorf, zu erwerben.

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.

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_Von Stefan Zweig wurden eingeleitet:_

Charles Dickens: Ausgewählte Romane. -- Arthur Rimbaud: Leben und

Dichtung. -- Alexandre Mercereau: Worte vor dem Leben.

Anmerkungen zur Transkription:

Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils

zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.

Seite 79: »jedes Hand gehoben«

»jede Hand gehoben«

Seite 139: »wie ein Schuldiger schrakst du«

»wie ein Schuldiger schreckst du«

Seite 175: »weil ich meinete«

»weil ich meinte«

Seite 185: »sein Antlitz sich hüllte seinem Kinde!«

»sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern!«

Seite 196: »EINIGE der Beherzteren«

»EINIGE der Beherzten«

Jeremias: Eine dramatische Dichtung in neun Bildern · 第 14 / 14 段