Ist unter euch der, den sie Jeremias nennen, den Sohn Hilkias von
Anathoth?
JEREMIAS:
Ich bin, den du suchst. Tu an mir nach deinem Geheiß.
(DER GESANDTE wirft sich seiner ganzen Länge nach vor Jeremias
nieder und berührt dreimal mit seinem Haupte die Erde. Die beiden
anderen tun desgleichen.)
(JEREMIAS tritt erschreckt einen Schritt zurück.)
DER GESANDTE (sich aufrichtend):
Gruß und Ehrfurcht dem Deuter der Zeichen! Ehre und Ruhm dem Verkünder
des Geschehens, dem Erschauer des Verhüllten! (Er neigt sich wieder
dreimal zur Erde, dann steht er auf, die beiden andern folgen seinem
Gehaben.)
(JEREMIAS hat sich wieder gefaßt und sieht ihn finster an.)
DER GESANDTE:
Auftrag ist dir und Botschaft gesandt durch meinen knechtischen Mund von
Nabukadnezar, meinem Herrn, dem König der Könige, dem Umpflüger des
Lands. Also ergeht an dich das Wort des Gewaltigen. Gekündet ward
Nabukadnezarn, daß du der einzige warst deines Volkes, der Untergang
kündete den Empörern und Schande den Schwätzern. Wie Blei sind
geschmolzen die Worte der Priester, die wider seine Stärke sprachen,
aber das deine der Warnung ward bewähret wie Gold. Nabukadnezar hat
deinen Ruhm vernommen, sein Ohr hat deinen Namen getrunken, und nun
dürstet sein Auge, dich zu schauen.
JEREMIAS:
Mögen die Feinde meine Weisheit rühmen, ich fluche meinem Wort!
DER GESANDTE:
Also aber ergehet des Allkönigs Ruf an dich: »Ich habe geblendet, die
verblendet waren. Ich habe die Kinnbacken gebrochen den Empörern und die
Zunge ausgerissen denen, die sprachen wider mich. Aber die meine Macht
ehrten, die will ich ehren, und Macht geben, die meine zu fürchten
gewußt.« Ein Gewand sendet er dir, wie es die Fürsten Chaldäas tragen,
und du sollst der Oberste seiner Diener sein an seinem Tisch.
JEREMIAS:
Ich diene keinem mehr im Himmel und auf Erden, seit ich Gott gedient und
müde ward an ihm. Ich weigere mich dem Dienst.
DER GESANDTE:
Falsch deutest du das Wort. Nicht zu geringem Dienste bist du begehrt,
sondern über alle gestellt, die dem Könige dienen. Der Oberste sollst du
seiner Magier werden, Schicksal sollst du ihm deuten und die Sterne
zählen, die seine Jahre sind. Es soll keiner sein über dir, frei dein
Ausgang und Eingang in seinem Palast.
JEREMIAS:
Ich höre dein Wort, ich höre des Königs Wort aus deinen Worten und wäge
es flach in den Händen. Groß ist der Ruf, den Nabukadnezar mir sendet,
doch größer des Volkes Not, dem ich zu eigen bin. Darum höre! Ich mag
nicht eingehen in den Palast, des Stufen die Töchter meines Herren
scheuern als Mägde. Ich mag nicht das Brot brechen bei Tische als jener
Gesell, deren Hände den Vorhang von Gottes Verborgenheit rissen zu Zion.
Ich mag Gunst nicht von dem Grausamen und die Gnade nicht von dem
Gnadelosen, ich mag sie nicht.
DER GESANDTE:
Botschaft habe ich dir gebracht, du hast sie vernommen, und eines Königs
Botschaft will Gehorsam.
JEREMIAS:
Klar ist deine Rede, klar sei auch die meine. Geh hin zu dem, von dem du
gekommen, und sage ihm, wie ich dir sage: »Also spricht Jeremias zu
Nabukadnezar. Meine Bitternis hat keine Süße für dich und meine Lippen
keine Verheißung für deinen Stolz. Und wenn du riefest mit aller Engel
Stimme, mein Herz wird dich nicht hören, und wägtest du alle Steine
Jerusalems mir mit Gold, so spricht dir nicht zur Süße mein Mund. Ob du
mich gleich ehrest, ich ehre dich nicht, und ob du mich suchest, ich
will dich nicht finden.«
DER GESANDTE:
Besinne dich, der Könige König ist es, der dich vor sein Antlitz
fordert!
JEREMIAS:
Ich weigere mich ihm! Ich weigere mich!
DER GESANDTE:
Noch nie ward Weigerung ihm geboten.
JEREMIAS:
Ich biete sie ihm, ich, der Letzte Israels. Wer ist er, daß ich ihn
fürchten soll? Ein Strohhalm ist seine Macht und ein Windhauch sein
Zorn.
DER GESANDTE:
Verwegener, wen lästerst du? Des Herren geheiligten Namen sprichst du
liederlich aus. Hüte deine Zunge, hüte dein Leben!
JEREMIAS (entbrennend):
Wer ist er, daß ich ihn fürchten soll? Viele waren, die einst solch
Stirnband trugen von Gold und sich Pharao nannten, und ist doch keiner
mehr, der ihnen nachfragte und einen Stift faßt, ihr Gedächtnis zu
schreiben in die Bücher der Zeit. Mächtigere waren denn er, und die
Geschlechter der Erde vergaßen ihrer, ehe die Bäume morschten, die sie
gepflanzt. Wer ist Nabukadnezar unter den Sternen, daß ich ihn fürchten
soll? Ist er ein Menschwurm nicht und wartet nicht Tod hinter seinem
Schlaf und Fäulnis in seinem Leibe? Ist er dem Wandel enteilt schon und
dem Umschwung der Stunde? Meinst du, er halte schon, was er habe, und
mag sich des Ausgangs berühmen inmitten des Wegs?
DER GESANDTE:
Ewig währet Nabukadnezars Macht, ewig hält er den Sieg.
JEREMIAS:
Hast du es gelesen im Buche des Schicksals, haben die Magier ihm die
Siegel gelöst vom Zukünftigen und die Sterngucker es bedeutet? Weiß er
seinen Ausgang schon, daß ihr ein Prahlen um ihn anhebt, und kennet er
sein Los, daß er sich erfrechet? Ich aber, Jeremias, sage dir: gebrochen
ist der Stab über Nabukadnezar und zerrissen das Kleid seiner Macht.
Tief hat er Israel geknechtet, aber siebenmal tiefer wird er geknechtet
werden. Schon keimet sein Sturz, und seine Stunde, sie ist nah, sie ist
da, schon erstanden ist der Rächer für Israel, erstanden der Rächer für
Jerusalem!
(DER GESANDTE schrickt zurück.)
DER ÄLTESTE (aus dem Dunkel ist plötzlich aufgestanden und schreit
begeistert):
Erfülle, erfülle sein Wort! Erhöre es, Gott, erhöre es!
JEREMIAS (ganz in Glut):
Geh hin zum Könige, geh hin! Hat er doch gesendet um Botschaft und
gefordert das Verhüllte, geh hin, geh hin, sage ihm Verkündigung, daß
die Ohren ihm gellen, geh hin, du Gesandter, geh hin und sage, wie ich
es ihm sage: »Weh dem Verstörer, denn er wird verstöret werden, und weh
dem Räuber, denn er wird beraubet werden! Der Blut getrunken in
Scheffeln, wird darin ersaufen; und der sich gemästet vom Fleische der
Völker, bald wird er Fraß sein der Würmer! Horch! Ein scharfer Wind
wacht auf wider Babel und ein Sturmwind gen Ninive! Gezählt sind die
Tage Assurs und gezückt das Schwert -- Schwert wider Babel, Schwert
wider dich, Schwert über deine Männer, Schwert über Volk und Gefild!
Gezückt, gezückt ist das Schwert, Blut will es trinken, es ist gezückt,
es ist gezückt! Wisse es, du Neugieriger, erfahr es, du Vorwitziger,
reif ist dein Assur zur Grube, voll sind die Kelter deiner Missetaten
und die Kufen deines Frevels, Nabukadnezar.«
(DIE GESANDTEN haben sich scheu vor dem Ausbruch geflüchtet und
halten die Hände abwehrend vor sich.)
DER ÄLTESTE (in Ekstase):
Erhöre ihn, Herr! Erhöre ihn! Mache wahr seine Rede, mache wahr seine
Zunge! Sei du, der es sendet, sein Wort!
EINIGE DER FRAUEN UND MÄNNER (haben sich aus dem Dunkel gewagt und um
ihn gesammelt. Flehentlich):
Erhöre ihn, erhöre ihn, Gott Zebaoth! Erhöre ihn!
JEREMIAS:
Schon ist er wach, der Rächer, er ist wach, denn der Herr des Tempels
hat ihn erweckt und mit Stärke geschienet! Und er kommt, er naht, er ist
da, gewaltig sind seine Fäuste, sie werden Babel zerdrücken wie ein
Vogelnest und sein Volk jagen wie Spreu! Setze nur Wächter auf die
Türme, daß sie warnen, rüste geharnischte Männer, daß sie ihm wehren,
schärfe die Speere; doch so wenig du die Wolke kannst scheuchen am
Himmel mit deinem Hauche, kannst du scheuchen seinen Sturm, denn als ein
Rächer kommt er gefahren, und ein Segen ist auf seinem trunkenen
Schwert.
DER ÄLTESTE (ekstatisch):
So lasse es geschehen, Gott! Lasse es geschehen!
DIE ANDERN (um ihn haben sich gesammelt, auch sie ergreift die
Begeisterung):
Stürze nieder auf sie, wie er gesprochen ... erfülle, erfülle sein
Wort ... oh, Verheißung ... sende den Rächer ... sende den Rächer ...
fälle Babel, wie er gekündet ... erhöre ihn, Gott ... erhöre ihn ...
(DIE GESANDTEN weichen verstört zum Ausgange.)
JEREMIAS (in einem wilden Gemenge von Jubel und Ekstase):
Oh, du Irrwitziger der Irrwitzigen, hast du wahrhaft gemeint, uns zu
knechten, hast du gemeint, Gott vergäße unser, Gott vergäße Jerusalem?
Sind wir denn sein Kind nicht und seines Namens Vermächtnis, seine
Erstgeburt und Erbe, ist sein Geist nicht auf uns und sein Segen auf
Abrahams Scheitel? Er hat uns gezüchtigt in unsern Sünden, doch er wird
unser sich erbarmen, er hat zerstört, doch er wird wieder aufbauen, er
hat uns zerstreut, doch seine Liebe wird uns wieder sammeln, und wären
wir zerstreut bis an die Enden der Erde. Was seine Linke genommen, wird
die Rechte uns heimgeben tausendfach, denn, ihr Brüder, ihr Brüder, eher
mögen Berge stürzen und aufwärts fließen die Flüsse und verdunkeln des
Himmels Gezelt, als daß Gott vergäße seines Bundes, daß er vergäße
Israel, daß er versäumte Jerusalem!
(DIE GESANDTEN sind mit ratlosen Gebärden entschwunden.)
DER ÄLTESTE UND DIE ANDERN (umdrängen Jeremias von nah und begleiten
seine Rede mit hymnischem Zuruf):
Segen auf dein Wort ... Segen über dein Haupt ... Gott vergißt nicht
Jerusalem ... Oh, Verkündigung, selige Botschaft ... Segen auf dein
Wort ... Segen über dich!
JEREMIAS (immer jauchzender, ohne ihrer zu achten):
Oh, wie dunkel doch waren die Tage der Erde, da dräuend die Brauen
Gottes sich ballten und sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern! In
Finsternis waren wir zergangen, schon meinten wir zu ersterben in den
Kerkern der Ängste. Aber, meine Brüder, seines Ingrimms Ende war seiner
Liebe Anfang schon. Ein Wetter ist er hingefahren über unsern Häupten
und hat uns zerschlagen, wie Rohr brach er die Kraft unseres Leibes,
aber neu glänzt bald die Sonne seiner Gnade. Er wirft die Blitze aus den
Händen, er heißt seine Donner schweigen, und im sanften Säuseln klingt
seine Stimme. Oh, sie klingt, sie hebt an, süß zu vernehmen über Länder
und Meere, mildiglich hebt sie an, und sie wird sprechen zu ihrer
Stunde:
Stehe auf, Jerusalem,
Stehe auf, du Gekränkte,
Und fürchte dich nicht,
Denn ich erbarmte mich dein.
Ich habe dir gezürnet
Und dich einen kleinen Augenblick verlassen,
Aber nicht immerdar will ich mit dir hadern,
Und ich zürne nicht ewiglich.
Und darum, daß du die Verlassene gewesen bist
Und die Verstoßene einen Tag,
Sollst du die Prächtige sein für und für
Und die Erhobene in aller Ewigkeit.
Ich will dich schmücken mit meiner Liebe
Und gürten mit meinem Frieden,
Mein Antlitz hat sich dir zugewendet,
Und mein Segen ist deinem Scheitel gesenkt.
So stehe auf, Jerusalem,
Stehe auf,
Denn ich hab dich erlöset!
DER ÄLTESTE:
Segen über dein Wort und Erfüllung!
DIE ANDERN:
Erhöre ihn, Gott ... tue nach seinen Worten ... erhöre uns ... erlöse
Jerusalem ... erlöse Jerusalem ...
JEREMIAS:
Und siehe, sie ist aufgestanden, die Verstörte, da sie hörte den
wonnigen Ruf, und es löset der Herr die Fesseln ihres Halses und das
Joch ihrem Nacken. Er hebt auf die Geknickte von den Knien, er wischt
ihr die Tränen von den Wangen, die Witwe und Waise erkürt er zur Braut.
Und es lächelt die Gekränkte, es blüht die Verdorrte, es wird fruchtbar
die Verschlossene und verlangt ihrer Söhne, daß sie möchten sie schauen
in ihrem Glücke und frohlocken ihrer Erneuung. Aber schon haben Israels
Kinder vernommen den Ruf des Herrn, und so weit sie verstoßen von den
Enden der Erde und den Eilanden des Meeres, kommen sie heimgezogen gen
Zion. Von Morgen und Mittag, von Abend und Mitternacht, selige Pilger
kommen sie gezogen, über Gileads Gebirge eilen ihre Schritte, über Basan
und Karmel ihre Ungeduld, daß sie schauen die Stadt unserer Liebe, die
Stadt unseres Leidens, Zions heilige Burg. Und es glänzet Jerusalem, es
jubelt Zions Tochter, da sie schauet ihre Kinder, zahllos gekommen aus
den Kerkern der Verbannung, es blühet die Verdorrte, es glänzt die
Verdunkelte, es jauchzt die Verstummte, auferstanden ist die Versargte,
sie ist auferstanden! Und die Hügel winken ihr zu wie einst, und es
schatten sie die Berge, und wie der Tau auf den Feldern, so glänzet der
Friede über ihr, Friede des Herrn, Friede Israels, der Friede, Friede
Jerusalems!
DIE ANDERN:
Oh, lasse es geschehen, wie er kündet, Herr ... tue also, wie er
gesagt ... Friede über Israel ... lasse auferstehen Jerusalem ... laß
uns auferstehen ... laß uns auferstehen ...
JEREMIAS:
Und des Tags, da wir wieder um Zion uns scharen,
Die wir so lange die klagenden Knechte
Im düsteren Zinshaus der Fremde waren,
Da werden wir gläubig zusammentreten,
Da werden wir sprechen, da werden wir beten:
»Gesegnet seist du, Herr Zebaoth,
Der du groß und gnädig an uns hast getan!
An den Wassern von Babel saßen wir bangend
Und brachen der Knechtschaft bitteres Brot,
Wir mengten mit Tränen den Wein in den Krügen,
Denn unsere Seele war heimverlangend
Und unsere Dienstschaft ein täglicher Tod.
Da riefen wir heiß, wir riefen aus Tiefen
Des brennenden Sehnens dich, Gütigen, an,
Wir riefen dich an, und es war nicht vergebens,
Denn du hast unsere Fesseln, die harten, gesprengt,
Mit dem Tau deiner Güte, mit den Wassern des Lebens
Den Brand unserer dürstigen Seelen getränkt,
Du hast unsere Hoffnung, die schon versiegte,
Mit dem heiligen Stab deines Namens berührt,
Du hast die Verirrten, du hast uns Besiegte
Aus der Tiefe geholt und uns heimgeführt.
Oh, seht
Es, ihr Berge, oh, seht es, ihr Lande,
Wir sind heimgekehrt, wir sind auferstanden!
Oh, beugt euch, ihr Berge, oh, beugt euch, ihr Hügel,
Oh, Ströme, rauscht auf in unser Gebet,
Umgrünt uns, ihr Felder, empfanget, ihr Gärten,
Mit Blütenfackeln die Heimgekehrten!
Bekränzt uns, ihr Wälder, mit jubelndem Ton,
Streu Rosen uns, Saron, zum andern Male,
Umschatte uns, Karmel und Libanon,
Wir sind heimgekehrt, wir sind heimgekehrt!
Und du,
Du selige Stadt, geliebt und verloren,
Im Wachen erträumt, in Träumen beschworen,
Du Braut unsrer Liebe, du Mutter uns allen,
Mit Zimbeln erfüll dich und Flötengetön,
Wach auf und laß deinen Jubel erschallen,
Denn heimgekehrt sind wir, Jerusalem!«
DIE ANDERN (ihn jauchzend umdrängend, zu seinen Füßen hinstürzend,
seine Knie umfassend in wilder Hingerissenheit):
Heimgekehrt ... auferstanden ... oh, Verheißung ... Jerusalem ...
Jerusalem ...
BARUCH (zu seinen Knien):
Oh, mein Meister, mein Lehrer, wie ist deine Lehre süß meinem Herzen,
wie selig deine Erleuchtung!
DER ÄLTESTE:
Gebenedeit sei, wer die Verheißung bringt in den Stunden der Not. Segen
über deine Tröstung! Erfüllung, oh, Erfüllung!
EINE FRAU:
Sein Antlitz seht, wie es leuchtet! Wie zwei Sterne glühn die Augen ihm
auf und hellen den Raum.
EINE ANDERE:
Gottes Geist hat sich auf ihn gesenkt!
DER KRANKE:
Aufgerichtet hat mich sein Wort ... aufrecht bin ich ... ich lebe, ich
lebe wieder ... oh, daß ich heimkehrte mit euch.
ZEFANJA:
Mein Herz ist erstanden und klingt dir zu, Jeremias.
JEREMIAS (ohne sie zu hören, ganz allmählich aus seiner Ekstase
erwachend und erschreckt um sich blickend):
Wo sind sie hin, zu denen ich sprach? Wo sind sie hin?... Waren nicht
Boten da des Königs Nabukadnezar? Habe ich geträumet ... mir dünkte,
drei Männer kamen und redeten ... prächtig waren sie gewandet ... wo
sind sie hin ...
DER ÄLTESTE:
Der Blitz deines Blickes hat sie gescheucht.
ANDERE:
Deine Worte haben sie gejagt ... wie ein Schwert fuhr dein Zorn über
sie.
JEREMIAS (immer verwirrter):
Was habe ich gesagt? Ein Dunkles liegt um mich, und doch glänzt michs
von innen an ... Was habe ich gesagt ... Oh, und warum, warum blickt ihr
mit einmal auf zu mir wie die Durstigen ... was seid ihr geschart um
mich ... es war doch Dunkel auf euren Stirnen, und nun glänzt ihr mich
an mit den Blicken ... Was ist geschehen mit mir, was ist geschehen mit
euch?
DER ÄLTESTE:
Du brennendes Herz der Herzen, in das Gott seine Flamme geworfen, von
dir strahlt dieses Licht! Oh, welche Verheißung hast du uns gekündet,
welche Verheißung!
EIN MANN:
Aufgetan hast du mir die Seele, du Guter!
EIN WEIB:
Mein Herz mir mit Manna gespeist.
STIMMEN:
Oh, wie süß waren deine Worte, du Lieber ... genesen sind wir an deiner
Verheißung ... nun ist die Fremde nicht mehr Bitternis ... heimkehren
werden wir, oh, seliges Wort ...
JEREMIAS (ergriffen):
Meine Brüder, meine Brüder, was ist mit mir geschehen? War nicht Groll
zwischen uns und Fluch auf meinen Lippen, da ich redete zu euch? Ein
Sturmwind hat mich gefaßt und getragen, wohin ich nicht weiß, und nun
ich stürze, sehen eure Augen mich liebend an, ihr Brüder, eure Hand
spüre ich an meinen Knien, und eure Seele zittert wie ein Falter mir zu!
Was ist mir geschehen, was ist mir geschehen?
DER ÄLTESTE:
Oh, Jeremias, der du bitter warst unserer Freude, wie süß ist deine Rede
nun unserm Leiden! Du hast uns getröstet, du hast uns erlöset wie keiner
vordem!
EINER:
Aus der Nacht hast du meine Seele gehoben, beglückt hast du mich,
Gebenedeiter!
EIN ANDERER:
Die Zweifel hast du gerodet aus meiner Brust und Gottes ewige Heimstatt
bereitet.
EIN ANDERER:
Oh, du Tröster der Tröster! Möge nun Leid auf mich fallen, meine Seele
wird ihm nicht mehr erliegen.
EINE FRAU:
Im Tode war mein Herz und ist auferstanden durch dich.
JEREMIAS:
Ihr Lieben, ihr Lieben, was ihr sprechet, ist es wahr? Von meiner Lippe,
der fluchverbrannten, ist Tröstung gekommen, aus meiner Seele, der
nächtigsten aller, ein liebendes Wort!
EIN WEIB:
Oh, wie es dir sagen? Meine Hände fühl an, die wie Früchte sich heben!
Uns alle, uns alle sieh, du Gebenedeiter, Beseligte deines Worts!
DER KRANKE:
Seht her ... seht her ... ich schreite, ich gehe ... ich spüre die
Qualen nicht mehr ... aus dem Tode hat dein Wort mich erweckt ... wie
Elia ... ein Wunder hast du an mir getan.
DAS WEIB:
Seht ihn an ... er lag, vom Fieber zerfressen ... ich bezeuge es, ich
bezeuge es ... ein Wunder hat er an ihm getan ...
STIMMEN (ekstatisch):
Ein Wunder ... ein Wunder wie Elia ... ein Wunder hat er getan ...
Erweckung ... beugt euch dem Gottgesandten ... ein Wunder ... ein
Wunder ... beugt euch vor ihm, dem Wundertäter!...
JEREMIAS (hat sich aufgerichtet vor ihnen, ganz leise):
Schweiget, ihr Brüder ... nicht rühmet mich ... beschämet mich nicht ...
ich habe nicht Anteil daran. Wohl ist ein Wunder geschehen, doch nicht
ich habe es vollbracht -- an mir, ihr Brüder, ist es geschehen. Ihr
Brüder, ihr Brüder, ich sage euch, ein Großes hat Gott in dieser Stunde
an mir getan. Ich habe gefluchet meinem Gotte und ihn getötet in meiner
Seele. Doch, meine Brüder, meine Brüder, ehe der Atem noch kalt war in
meinem Munde, ist er mir auferstanden. Er riß mir das Herz aus dem
Leibe, daß ich meinte zu vergehen vor seinem grimmigen Stoß, aber ein
steinernes Herz war es, das er von mir riß, und ein fleischernes hat er
mir nun eingetan, daß ich fühle alles Leiden und alles Leidens Sinn. Oh,
ihr Brüder, ihr Brüder, schauet das Wunder, das an mir geschehen: ich
habe Gott gefluchet, und er hat mich gesegnet, ich habe ihn geflohen,
und er hat mich gefunden, ich wollte ihm entweichen, und er hat mich
erreichet. Denn es ist kein Entweichen vor seiner Liebe und kein
Obsiegen wider seine Kraft. Er hat mich besiegt, meine Brüder, und
nichts ist süßer, als von ihm besiegt zu sein.
DER ÄLTESTE (ekstatisch):
Jeremias ... oh, Jeremias ... uns allen möge er tuen wie dir!
JEREMIAS:
Oh, daß ich so spät ihn erkannte, so spät euch fand, meine Brüder! Doch
ich will nicht klagen mehr. Ich will nur mehr danken, ich will nicht
fluchen mehr, ich will nur mehr segnen. Dunkel liegt vor uns die Stadt,
dunkel unser Schicksal, aber, meine Brüder, vertrauen wir, denn
wunderbar ist das Leben, heilig die irdische Erde. In Liebe will ich
umfassen, die ich im Zorne getreten, und die ich bespien mit meinem
Fluche, will ich tränken mit meinen Tränen. Nimm, Erde, du geschmähte,
gütig meine demütigen Knie; nimm, Gott, du verkannter, gnädig mein
gläubiges Wort!
(Er kniet nieder und spricht wie ein Gebet:)
Ich danke dir, Herr, daß du so lind mir begegnet,
Als ich mich wehrte und von dir gekehrt,
Ich hab dir geflucht, und du hast mich gesegnet,
So segn ich, solang mir mein Leben währt.
Ich segne dich, daß du das würzige Brot
Des Wortes in meine Lippen getan,
Damit ich dich preise in Leben und Tod,
Ich segne dich, daß du mir wecktest den Geist,
Der die Welten mit Liebe durchgütet und speist.
Ich segne dich, daß du so hart mich gefaßt
Und im Zorn vor dein Antlitz getrieben hast,
Und ich segne dich, Gottes Gabe, dich Leid,
Daß du läuternd die Seelen der Menschen durchdringst
Und flammend mit deiner Allfältigkeit
Ihre Einsamkeit einst, ihre Fremde bezwingst,
Und ich segne dich, Gott, der es im Sturm uns gesendet,
Der du mit Qualen beginnst und mit Seligkeit endest,
Der die Suchenden führt und die Fliehenden findet,
Dem jeder entweicht und dem sich keiner entwindet,
Der dem Niedersten sich als der Gnädigste gibt
Und den Sündigsten um seiner Sünden liebt,
Selig, der sich an dich verloren,
Selig, den du dir auserkoren,
Selig der Himmel, der dich rauschend umstellt,
Selig dein lauschender Spiegel, die Welt,
Selig die Sterne, die sie strahlend umschweben,
Selig der Tod und selig das Leben!
BARUCH (auf die Knie zu dem Knienden stürzend):
Jeremias, mein Meister, Jeremias! Nicht uns allein lasse leuchten dein
Wort. Auf dem Markte harret das Volk, und sie vergehen in Ängsten, ihre
Seele lischt in Zagen und Klagen. Sie wollen sterben und vergehen um
Jerusalems willen. Meister, mein Meister, gib ihnen Leben, gib ihnen
Gott zurück! Richte auf die Verzagten, und die Durstigen tränke mit den
Wassern des Lebens!
DER ÄLTESTE:
Ja, richte auf der Wankenden Knie, belebe die zagenden Herzen! Gieß aus
dein Wort über die Schmachtenden, gieß es aus!
STIMME:
Auf ... zu den Brüdern ... zu unsern Brüdern ... erwecke sie ... gib
ihnen Trost, wie du uns gegeben ... gib Verkündigung ... gib
Verheißung ...
JEREMIAS (sich aufrichtend):
Wohlan, meine Brüder, führet mich zu ihnen! Der Getröstete Gottes bin
ich gewesen, nunab will ich ein Tröster sein! Laßt uns gehen, meine
Brüder, vielleicht ist der Verworfene gewählet, laßt uns gehen zu den
Brüdern, den verzagten, daß wir den Tempel in ihren Herzen aufrichten,
daß wir ihnen bauen das ewige Jerusalem!
(JEREMIAS geht mit starken Schritten gegen den Ausgang.)
DIE ANDERN (umringen ihn jauchzend, einige eilen voraus, ihre Stimmen
klingen ekstatisch durcheinander):
Jerusalem ... oh, das ewige Jerusalem ... Verkündigung ... Auf, Bauherr
Gottes ... Ewig währet Jerusalem ...
DAS NEUNTE BILD
DER EWIGE WEG
»Denn ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht
der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch
gebe das Ende, dessen ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen, und
ich werde euch erhören. Denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen
werdet, will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und
will euer Gefängnis wenden.«
Jer. XIX, 11--14.
Der gleiche große Platz vor dem Tempel wie im ersten Bilde, doch nun
mit allen Zeichen der Vernichtung und Zerstörung.
Auf dem Platze stauen sich in wirrem Geschiebe Karren mit Hausrat
beladen, aufgezäumte Tragtiere, Wagen und Gefährte, dazwischen der
strömende Schwarm der flüchtigen Menschen, die zum großen Aufbruch
rüsten. Immer neue Gruppen drängen aus den Gassen her, immer lauter
wird das Geschwirre der Stimmen. Auf den Stufen hocken teilnahmlos
Greise und Frauen, indes die Männer die Maulesel zäumen; chaldäische
Krieger in voller Rüstung schreiten stolz und herrisch durch das
Getümmel, sich Platz mit den Speeren stoßend, und wachen über die
Vertriebenen.
Über dem wirr geschäftigen tragischen Treiben hängt das Dunkel einer
mondverwölkten Nacht, die allmählich in das Ungewiß der nahenden
Dämmerung übergeht. Manchmal löst sich ein Glanz von Licht weißlich
aus den Wolken los und erhellt das Bild der Verwirrung, indes von
Osten schon als rötlicher Rauch der Frühschein des Morgens sich
kündet.
STIMMEN:
Hier ist der Platz ... wie viele ihrer schon sind ... haltet euch
zusammen, Söhne Rubens ... wie es doch dunkel ist ... hier voran, daß
ihr die ersten seid ...
ANDERE STIMMEN:
Was drängt ihr ... unser ist die Stelle ... seit Abend stehen unsere
Mäuler hier gegürtet ... Unser ist die Stelle ... immer will Ruben voran
sein ...
EIN ALTER:
Nicht streitet ... lasset Ruben voran, so will es das Gesetz ...
DIE ANDERN STIMMEN: