nennet den Namen des Verruchten ... Fluch ist auf ihm ... fort ...
Sprich nicht zu ihm ...
ZEFANJA:
Wer ist, der da fragte? Ich kenne diese Stimme.
STIMMEN:
Nicht frage ... Fluch über ihn ... er gehört nicht zu uns ... ein
Ausgestoßener ist es des Herrn...
EINE FRAU:
Gottes Fluch ist er, über uns gesandt zu brennender Qual, Gottes Geißel
und Galle -- Jeremias, Jeremias!
ZEFANJA (mit einem gellen Aufschrei, beide Hände vor sich hinhaltend):
Jeremias!
JEREMIAS:
Was schrickst du so vor mir? Was fürchtest du dich? Ich bin nicht zu
fürchten mehr. Wind ward mein Wort, und Kot ist meine Kraft. Spei mich
an und geh deines Wegs!
ZEFANJA (schauernd):
Nicht fluche mir, du Furchtbarer, nicht fluche mir! Nein, nein, nein,
ich tat dir nichts! Nicht fluche mir!
JEREMIAS:
Und wenn ich dir fluchte, was schädigte es dich, und wenn ich dich
segnete, was förderte es dich? Was bin ich denn? Ein Hauch ohne Wort,
ein Fluch ohne Kraft, ein Verkünder ohne Gott. Spei mich an, denn
Aussatz war mein Wort und Lahmheit mein Wandel.
ZEFANJA (noch mehr schauernd):
Nicht fluche mir! Nicht fluche mir! Nie war ich dir feind! Oh, schützet
mich! Verbergt mich vor ihm! Flehet ihn an, daß er mir nicht fluche! Ich
kann sein Auge nicht schauen, ohne zu zittern, ich kann seinen Namen
nicht hören, ohne zu schauern.
DER ÄLTESTE:
Ermanne dich! Was schauerst du vor ihm? Wind sind seine Worte und die
Schmach seine Heimstatt.
ZEFANJA:
Nein ... nein ... furchtbar ist er ... furchtbar ... er hat es gewußt ...
er hat es gewußt voraus ... er ... er allein ... und er hat ihn
gerufen ... der König ... er ... er ...
DER ÄLTESTE:
Wer hat ihn gerufen?
ZEFANJA (ganz entgeistert):
Er ... er hat ihn gerufen ... der König. Gefaßt hatten sie ihn in seinen
Ketten und wandten sein Antlitz, daß er schaue, wie man seine Kinder
schlüge ... er wehrte sich ... aber sie zwangen ihn... Seine Lippen
waren zwischen den Zähnen, er wollte schweigen ... und er schwieg, wie
sie den ersten faßten seiner Söhne ... aber wie sie den zweiten griffen,
da bebten sie ... und da sie den dritten durchstießen, da sprangen sie
auf, die Lippen, die verzerrten ... aber nicht um Gnade schrie er ... er
schrie: »Jeremias!« »Jeremias!«
(ALLE schauern zurück.)
ZEFANJA:
Seinen Namen schrie er in der Qual. Und da der Brandstahl seine Augen
zerstieß, da schrie er nochmals ... Jeremias ... Jeremias... Wo bist du,
Verkünder ... wo bist du ... mein Bruder Jeremias ... ihn ... ihn hat er
gerufen ... Er hat es gewußt ...
(ALLE weichen vor Jeremias, wie vor einem gefährlichen Tier.)
JEREMIAS (in wirrer Qual mit sich ringend):
Es ist nicht wahr ... Ich habe es nicht gewollt ... nichts, habe ich
gewollt von dem allen ... er darf mich nicht anklagen ... er darf
nicht ... Das Wort ist in mich gefahren, wie das Feuer vom Steine fährt ...
er darf mich nicht anklagen ... ich ... ich wollte zu ihm ... nicht ich ...
Gott hat mich zum Lügner gemacht ... ich habe mich seiner erwehret ...
es ist nicht wahr ... nicht ich habe es getan ...
ZEFANJA:
Was redet er?
EIN WEIB:
Wahnsinn hat ihn befallen.
EIN ANDERER:
Ein Rasender ist er.
EIN MANN:
Nein ... er hat es gesagt ... er hat alles gewußt ... ein Weiser ist
er ... ein Profet ...
JEREMIAS:
Er darf nicht ... er darf nicht ... er darf mich nicht anklagen ... mein
Wort ist mein Wille nicht ... Macht ist über mir ... Er ... Er ... Der
Furchtbare ... Der Mitleidslose ... Sein Werkzeug bin ich nur ... sein
Hauch ... seiner Bosheit Knecht ... Er hat mich beredet, und ich ließ
mich bereden ... denn übermächtig war er, und sein Knecht bin ich
geworden ... Fluch hat er in meinen Atem getan ... Er ... Er ... der
Furchtbare ... die Galle in meine Rede ... und das Bittere in meinen
Speichel ... Oh, wehe über die Gottesfaust ... wen er faßt, der
Furchtbare, den läßt er nicht wieder ... oh, daß er mich freigäbe, den
Verfluchten seines Worts ... ich ... ich ... ich will nicht mehr reden
seine Rede ... schweigen will ich ... schweigen ... ich ... ich ... ich
will nicht mehr, Gott ... ich will nicht mehr ... ich fluch deinem
Fluche ... laß deine Hand von mir, tu das Feuer von meinem Mund ...
ich ... ich ... ich kann nicht mehr ... ich will nicht mehr ...
DIE STIMMEN:
Tobsucht hat ihn überkommen ... die Krämpfe ... die Krämpfe ... wie eine
Gebärerin windet er sich ... weichet von ihm ... hört ihn nicht an ...
Gott hat ihn gestraft ...
(JEREMIAS bricht wie zerschmettert in sich zusammen.)
DIE STIMMEN:
Sehet ... seht ... Die Hand des Herrn hat ihn getroffen ... Wahnsinn hat
ihn geschlagen ... weichet von ihm ... weichet von ihm ...
(ALLE haben sich zusammengeschart und drängen sich von Jeremias
fort, der auf der Erde liegt, wie ein gefällter Baum. Einige
Augenblicke herrscht bestürztes, ratloses Schweigen. Dann plötzlich
von außen ein Hörnerschall aus großer Ferne.)
ZEFANJA:
Wehe, sie nahen schon, die Verkünder, die Herolde des Unheils!
ALLE (um ihn):
Was ist ... was ist geschehen ... was bedeutet der Ruf ... Lasset den
Narren ... Sprich, Zefanja ... welche Botschaft ...
ZEFANJA:
Botschaft Nabukadnezars an die Restlinge des Volkes.
STIMMEN:
Wehe ... was haben sie vor ... sollen wir gehen, sie zu hören ... dürfen
wirs wagen ... sprich, Zefanja ...
ZEFANJA:
Nicht eilet euch, böse Botschaft ist immer zu früh noch vernommen.
STIMMEN:
Nein ... sprich ... erzähle ... sprich ... was ist uns verhängt ...
ZEFANJA:
Es ist Nabukadnezars Wille, daß die Stadt nicht mehr lebe auf Erden.
(STIMMEN in Schreckensschreien.)
ZEFANJA:
Zum Denkmal der Schrecknis hat der Verruchte Gottes Stadt bestimmt! Von
der Erde reißt er uns weg, wandern müssen wir, Brüder, wie einst in die
Knechtschaft. Eine Nacht nur wird uns Restlingen gegeben zur Rast, daß
wir die Toten begraben, dann muß ein jeder, Greis und Kind, fort von
hier in der Chaldäer Land. Fremden Acker sollen wir bauen, fremde Reben
aufpflanzen und fremd uns selber werden und unserm Gott. Zum letzten
Male halten wir Jerusalems Erde an unserm Fuß, zum letzten glänzt
heimatlich Gestirn ob unsern Häupten. Das ist jener Botschaft. Weh, wen
es lüstet, sie zu vernehmen!
(DER POSAUNENSCHALL tönt wieder von näher.)
STIMMEN:
Wir sollen hinaus ... fort von Zion ... fort von Jerusalem ...
DER ÄLTESTE:
Ich gehe nicht ... ich bleibe ... ich bleibe ...
ZEFANJA:
Wer sich weigert der Wandrung, den fällt das Schwert. Jeder soll sich
rüsten zur Reise und sich sammeln auf dem Markte. Dreimal wird die
Posaune tönen vor dem Morgenrot. Wer dann noch betroffen wird in der
Mauern Geviert, der verfällt ihrem Schwert.
DER ÄLTESTE:
Möge es mich fällen, ich bleibe, ich bleibe! Ich will nicht leben ohne
Jerusalem. Im Sarge lieber, denn in fremdem Geviert!
EIN WEIB:
Mein Bruder ist gefallen, meines Bruders Sohn und mein Gemahl. Gräber
sind mein Erbe, ich will es behüten.
EIN MANN:
Ich bleibe! Ich bleibe! Hier ist meine Wurzel und meine Kraft. Lahm
würde mein Arm, sollte ich den Pflug stoßen in fremde Erde, und blind
meine Lider in fremder Welt.
STIMMEN (begeistert):
Wir bleiben ... wir wollen sterben ... lieber den Tod, als das
Diensthaus ... nicht in die Verbannung ... sterben für Gott ...
sterben ... lieber sterben ...
DER KRANKE (von seinem Lager rückwärts sich fiebernd aufrichtend):
Nein ... nein ... ich will nicht sterben ... nicht sterben ... leben
will ich, leben ... ich will fort ... fort ... nur nicht sterben ... wer
wird mich tragen ... verlaßt mich nicht ... nicht ... nicht sterben ...
leben, leben, leben!...
DIE FRAU (zu ihm hinstürzend):
Beruhige dich ... ich trage dich.
DER KRANKE (fiebernd):
Ja ... fort ... fort von den Wahnwitzigen ... nur nicht sterben ... nur
nicht sterben ...
DER ÄLTESTE:
Er spricht wirr ... sein Leib ist verbrannt, sein Arm zerschmettert ...
er weiß nicht, was er redet ...
DER KRANKE (in fiebriger Wut):
Ich weiß ... ich weiß ... ich habe den Tod gespürt ... nur nicht
sterben ... Lieber verbrennen, lieber leiden ... aber doch Leben noch
fühlen, Leben ist Hoffnung, und Totsein ist nichts ... nur nicht
sterben ... leben ... leben ...
EINE JUNGE FRAU:
Ja, auch ich will leben ... ich habe noch nichts geschaut, nichts
gefühlt ... meine Glieder blühn noch ... ich spüre mich ... ich will
nicht ins Kalte ... ich will nicht ... ich gehe mit dir ...
überallhin ... überallhin ...
EIN ANDERES WEIB:
Metze du ... Buhlerin ... willst du Kebse werden der Fremden?
DIE JUNGE FRAU:
Alles ... alles ... nur leben, nur leben ...
DER KRANKE:
Leben ... alles leiden, alle Qualen ... aber leben ...
EIN MANN (wild):
Kein Leben ohne Gott ... kein Leben ohne Jerusalem ...
ANDERE STIMMEN (durcheinander):
Lieber sterben ... lieber sterben ... nur nicht zurück ins Diensthaus ...
nicht Sklave sein ... nicht sterben, nur nicht sterben ...
(DER POSAUNENRUF der Herolde tönt nun von ganz nahe.)
EINER:
Laßt sie rufen, ich höre sie nicht. Die Stimme des Todes tönt in mir
stark wie Gotteswort! Sterben wir, sterben wir, lassen wir uns nicht
locken! Sterben wir mit Jerusalem!
DER ÄLTESTE:
Ich halte dich, Jerusalem, heilige Stadt, mit meinen welken Händen
klammre ich mich dir an, mein Leben warst du, so sei auch mein Tod! Wie
könnte ich atmen ohne dich, wie auftun das Auge des Morgens, ohne zu
schauen Salomos Haus und Gottes irdische Rast? Lieber in deine Erde
versargt sein, als hingehen über andere Scholle, lieber ein Toter mit
meinen Vätern, denn ein Knecht unter Fremden. Jerusalem, Jerusalem,
Jerusalem, nimm mich in deine Erde, mein Leben warst du, sei auch mein
Tod!
ZEFANJA:
Ich scheide mich von dir. Ich will nicht sterben! Zu viel der Toten habe
ich gesehn in den Straßen, ihre Augen standen starr in den Himmel der
Stadt, ihre Fäuste waren gekrampft in Israels Erde, aber es war kein
Friede in ihrem Gesicht. Ich will leiden ohne Maß, aber ich will leben.
Mögen sie mich hämmern in die Bergwerke von Tyr, wo das Wasser tropft,
daß der Bart fault und die Augen blinden, mögen sie mich schmieden mit
krummem Rücken in den Ring ihrer Ruderschiffe, mögen sie mich
verschneiden ihren Göttern und verstümmeln, jedes Glied in mir schreit
noch um Leben zu Gott. Jeden Tag will ich segnen aus Ketten und Qual,
oh, nur nicht tot sein, nicht tot sein!
DER KRANKE (sich aufrichtend):
Ja, nur leben, nur ein Sandkorn Zeit noch zwischen den Fingern fühlen!
Nur noch sehn die kleinen Blüten der Mandeln, die sich weiß auftun über
Nacht, und den Mond, wie er schmilzt und sich rundet unter den Sternen.
Oh, nichts genießen mehr, verkrümmt sein und vertaubt, aber noch schauen
die seligen Dinge der Welt und die Luft einziehen im Munde. Nur sein
eigen Herz spüren, wie es schlägt und die Ader warm läuft an den Händen!
Leben, oh, leben, nur leben!
DER ÄLTESTE:
Schmach über euch, Weichlinge! Wollt ihr leben ohne Gott? Wollt ihr ihn
rücklings lassen in Schutt und Schande?
EIN MANN:
Er geht mit uns, wie er ging durch die Wüste.
EINE FRAU:
Wir wollen seiner gedenken im Gebet.
DER ÄLTESTE:
Wo wollt ihr beten, wenn nicht an seinem Altar? Abtrünnige seid ihr und
Verräter. Wollt ihr knien vor Bel und opfern vor Astaroth? Lebe, wer
leben will ohne ihn. Ich bleibe ihm getreu.
EIN MANN:
Ein neues Haus wollen wir ihm bauen.
DER ÄLTESTE:
Dieses hat er gewählt. Hier ist er allein.
STIMMEN:
Er wandert mit uns ... überall spricht er zu uns ... auch aus dem Golus
wird er uns hören ... auch dort werden wir gläubig sein ... unter allen
Himmeln ist sein Wort, sein Antlitz überschattet alle Wege ...
DER ÄLTESTE:
Nein, wer Jerusalem lässet, verläßt auch Gott. Hier ist Jahwes Haus,
hier ist er allein. Götzendienst ist jedes Opfer als an seinem Altar.
STIMMEN (widerstreitend):
Nein ... überall ist er ... hier ist er allein ... überall ... allerorts
ist er ... er wird sich uns weisen an jeder Stätte ... nur im Tempel ist
sein Haus ... überall ist er ... überall ... nur hier ist sein
Antlitz ...
JEREMIAS (plötzlich sich aufraffend, mit furchtbarem Ausbruch):
Nirgends ist er! Nirgends! Wer hat ihn gesehn von den Lebendigen, wer
gehört seine Stimme? Nirgends ist er! Nirgends! Ins Leere starren, die
ihn suchen, und die ihn bezeugten, sind Lügner geworden vor der
Menschheit Gesicht. Nirgends ist Gott, in den Himmeln nicht und auf der
Erde und in den Seelen der Menschen nicht! Nirgends, nirgends ist er!
DER ÄLTESTE (ganz erstarrt mit offenem Munde. Endlich mit den Händen
aufzuckend zum Himmel fahrend):
Lästerung! Lästerung! Fahre nieder auf ihn mit deinen Blitzen!
JEREMIAS (immer heißer):
Wer hat ihn gelästert, wenn nicht er selbst? Zerbrochen hat er seinen
Bund, verleugnet seine Schwüre, zerschmissen seine Mauern und verbrannt
sein eigen Haus. Er selbst verneinet sich, er selbst ist Gottes
Lästerer, er, nur er!
DER ÄLTESTE:
Hört nicht auf ihn! Hört nicht auf ihn! Ein Abgefallener ist er, ein
Ausgestoßener, hört nicht auf ihn, ihr Diener des Allmächtigen!
JEREMIAS (immer mehr sich entzündend):
Wer hat ihm gedient wie ich in Israel, wer war sein Knecht so treuselig
wie ich in Jerusalems Mauern? Ich habe mein Haus gelassen um
seinetwillen im Hasse und meine Mutter im Tode, Freunde habe ich
geopfert seiner Liebe und der Frauen Süße seiner Eifersucht! Seinem
Willen habe ich mich aufgetan wie ein Weib dem Manne. Das Wort zwischen
meinen Zähnen war sein, und das Blut in meinem Leibe, jeder Gedanke war
seines Willens Kind und die Träume hinter meinem Schlaf. Ich habe meinen
Rücken geboten, die mich schlugen, mein Angesicht verbarg ich nicht vor
Hohn und Speichel. Und ich habe gedient, ich habe gedient, weil ich
meinte, daß er wenden werde das Unheil durch mich; ich habe geflucht,
weil ich meinte, er werde es zum Segen kehren; ich habe gekündet, weil
ich meinte, er werde mich zum Lügner machen und werde retten Jerusalem!
Aber Wahrheit habe ich gekündet, und nur er ward Lügner an seinem Wort.
Wehe, wehe, daß ich so treu gedient dem Treulosen! Da meine Brüder
lachten, hat er mich entsendet, daß ich speie auf ihre Freude, und nun,
da sie sich ängstigen und sich winden im Krampf ihres Elends, will er,
daß ich ihrer lache! Aber ich lache nicht, Gott! Ich lache nicht an
meiner Brüder Qual, ich lache nicht! Nicht vermag ich mich zu freuen wie
du an dem Jammer der Verschreckten, und der Erschlagenen Geruch duftet
mir nicht! Deine Härte ist mir zu hart und zu schwer deine Hand! Ich
diene nicht mehr deiner rasenden Rache, ich dien dir nicht mehr. Ich
zerreiße den Bund zwischen dir und mir. Ich zerreiße ihn! Ich zerreiße
ihn!
STIMMEN (durcheinander):
Er ist rasend ... er lästert Gott ... fort von ihm ... Gott wütet in
ihm ... Irrwitz hat ihn befallen.
JEREMIAS (über sie hinweg, in wilder Ekstase ins Leere sprechend):
So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich!
Wie ich wider dich zeuge, zeug du wider mich!
Sag an,
Ob je ich meinem Gelöbnis mich wehrte,
Ob je ich gemüdet und aufbegehrte?
So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich,
Raff dich auf vor diesen und sprich wider mich!
Du hast mich gesucht und hast mich gefunden,
Mit Ahnung verschreckt und mit Träumen entzunden,
Und da meine Seele in Flammen stand,
Als Feuerbrand wider mein Volk entsandt;
Was wars, als dein rasender Wille nur,
Daß wie ein Feind ich wider sie fuhr?
Ich war die Drossel, die sie umkrampfte,
Der Huf, der ihren Frieden zerstampfte,
Ich war die Säge, die sie zerkreischte,
Der Stachel, der sie lebendig entfleischte,
Ich war die Schrecknis, die sie erschreckte,
Der Angsttraum, der sie allnächtens erweckte,
Der Brand, der an ihren Knochen fraß,
Der Dorn, der in ihrem Fleische saß,
Ich war der Zänker, der sie schmähte und schmälte,
Der Henker, der sie zerpfählte und quälte,
Und war noch der Hohn, der dann sie verlachte verlachte --
Oh, alles war ich, was dein Irrwitz mich machte,
Denn fühllos wie Feuer und dumpf wie ein Tier,
So diente ich dir! So diente ich dir!
Ich fühlte die Brüder, deren Seele mich suchte,
Und doch! Ich verschloß mich und fluchte und fluchte,
Und ob auch mein Herz sich bäumte und schrie,
Ich zäumte es nieder und züchtigte sie.
STIMMEN:
Im Fieber redet er ... zu wem spricht er ... er ist rasend ... sein Hirn
verbrennt ... Irrwitz redet er ...
JEREMIAS:
Aber ich sage mich los!
Ich tu nicht länger nach deinem Begehr,
Ich rechte nicht mehr und knechte nicht mehr!
Mein Herz ist nicht länger dir Heimstatt und Haus,
Ich stürz dich aus deinen Himmeln hinaus!
Wie du dein Volk, so hab ich dich verstoßen,
Den harten Hasser, den Mitleidslosen,
Denn ein Gott, der Hohn anstatt Hilfe gibt,
Ist nicht wert mehr, daß man ihn kündet und liebt!
Nur wer das Leiden wendet, ist Gott allein,
Nur wer Trost ausspendet, darf Allmacht sein!
Oh, ich weiß es, ich weiß es, nur der ist Profet,
Dessen Hand die ewige Liebe aussäet,
Dessen Seele Flut ist von großem Erbarmen,
Dessen Seele Glut ist von allem warmen
Strömenden Blut, das unschuldig versprengt ist,
Und dessen Herz von unendlicher Liebe versengt ist!
Oh, und ich fühl es, ich fühl es, ich kann einer sein,
Denn die Stimmen, die ungehört auf zu dir schrein,
Sie schlagen wie Flammen in mich hinein!
Mich ruft die Stadt, die du zürnend verbrannt hast,
Mich ruft dein Volk, das du hassend verbannt hast,
Mich rufen die Witwen, die du gezeugt hast,
Mich rufen die Mütter, die du gebeugt hast,
Mich ruft der König, den du geblendet,
Dein Altar, den du dir selber geschändet:
Aus Grüften und Lüften sind klingende Boten
Urmächtigen Leidens mir zugesendet,
Die Lebenden rufen, mich rufen die Toten,
Und mein Herz erhört sie -- es hat sich gewendet:
Gewendet von dir, der du hassend und hart bist
Und zum Götzenstein deines Stolzes erstarrt bist,
Zu ihnen, den Schwestern, zu ihnen, den Brüdern,
Die Leiden umkleiden, die Qualen erniedern!
Nur ihnen, nur ihnen
Tut auf sich mein Herz, blühn auf meine Arme,
Und ich beug ihrem Leid mich, ihm beug ich die Knie --
Denn ich hasse dich, Gott, und ich liebe nur sie!
DER ÄLTESTE:
Er hat Gott verflucht ... Schlagt ihn nieder ...
STIMMEN:
Er rast ... er ist toll ... Irrwitz ist seine Rede ... Wachen Auges
träumt er ... es ist Gefahr, ihn zu hören ... bringt ihn zum Schweigen ...
JEREMIAS (plötzlich in die Knie brechend, gegen die andern gewandt):
Oh, meine Brüder, verzeiht mir, verzeiht,
Verzeiht meiner ruchlosen Eitelkeit!
Er, er nur hat mich mit Träumen verblendet,
Mit Worten gelockt und mit Zeichen versucht,
Daß ich meinte im Trotz meiner Eigensucht,
Ich sei als ein Mahner gen euch gesendet.
Ich meinte, daß ich der Große bin,
Wenn seinen Namen ich wider euch reckte
Und die Zähne mit seinen Flüchen ausbleckte, --
Doch ich reiße mich los und verstoße ihn!
Und ob ich hoffärtig an euch getan,
Ihr Brüder, hört mich erbarmungsvoll an!
Weil ich euch fluchte, erbost euch nicht,
Weil er mich versuchte, verstoßt mich nicht,
Zu euren Füßen werf ich mich hin,
Fühlt, fühlt es, daß ich voll Buße bin!
(DIE MÄNNER UND FRAUEN weichen entsetzt zurück.)
JEREMIAS (ihnen nachkriechend auf den Knien):
Ihr Brüder, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht,
Oh, wie fühl ichs jetzt, daß ihr mir Brüder seid
Und ich der jüngste, geringste von allen!
Oh, laßt mich, ihr Lieben, nun Liebe nur sprechen
Und selig das Brot eures Leidens mitbrechen,
Oh, laßt es, ihr Brüder, euch gütig gefallen,
Daß ich euch liebe, daß ich euch gehöre,
Nie soll mein Wort mehr, ich schwöre, ich schwöre,
Sich frech und mahnend wider euch kehren.
Das Letzte, das Niederste will ich euch tun,
Das ihr mir auflegt als Buße und Pein,
Den Staub will ich küssen von euren Schuhn
Und der klägliche Knecht eurer Knechte sein.
Oh, ihr Brüder im Dunkel, ihr Brüder im Leid,
Meine Reue fühlt, meine Demütigkeit,
Und vergebt mir, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht!
DER ÄLTESTE:
Tod über den, der ihn berührt! Gott hat ihn gerichtet.
STIMMEN:
Gottverfluchter ... fort mit dir ... fort ... weg von uns ... weg aus
unserer Mitte ... verpeste uns nicht ... Gottesleugner ... fort ...
fort ...
JEREMIAS (zurückgestoßen, mit einem dumpfen Aufschrei):
Aussatz über mich! Aussatz über mich und Tod! (Er bricht in sich
zusammen.)
STIMMEN:
Man muß ihn hinausschaffen wie ein Aas ... er verpestet mit seiner Nähe
den Atem ... Wahnsinn ist über ihm ... hinaus mit ihm ... tötet ihn ...
schlagt ihn nieder ...
DER ÄLTESTE:
Rührt ihn nicht an! Gottes Hand ist über ihm, und sie ist stärker, denn
die unsere.
(EIN POCHEN, heftig und herrisch, an der Türe.)
ALLE (durcheinander):
Die Herolde ... die Chaldäer ... es pocht wie die Hand eines
Gebieters ... es ist keiner der unsern ...
(DAS POCHEN, heftiger und eiliger.)
ALLE (durcheinander):
Wie er drängt ... er ist ungeduldig ... man darf ihn nicht erzürnen ...
laßt verschlossen, Räuber sind es, Chaldäer ... man muß auftun ... er
erzürnt sonst.
DER ÄLTESTE:
Ich tue ihm auf. Sind wir denn des Todes nicht zu jeder Stunde?
(DER ÄLTESTE öffnet zaghaft einen Spalt der großen Türe. Sie wird
hastig aufgestoßen und herein stürzt)
BARUCH (verstörten Gesichts):
Brüder, ist Jeremias hier?
DER ÄLTESTE:
Nenn seinen Namen nicht, sprich ihn nicht aus!
BARUCH:
Ist er hier? Man hat mirs gesagt.
DER ÄLTESTE:
Daß er doch anderwärts wäre, im Schlund der Gehenna und zerrissenen
Gebeins im Schlachthaus der Feinde! Hier liegt er, getroffen von Gottes
Hand.
BARUCH (hinstürzend):
Jeremias! Jeremias!
JEREMIAS (sich aus seiner Hingesunkenheit langsam erhebend, ganz fremd
ihn anstarrend):
Wer sucht mich noch, wer versucht mich noch?
BARUCH:
Meister, mein Meister, kennst du mein Antlitz nicht mehr, ward dir fremd
meine Stimme?
JEREMIAS:
Ich will nichts schauen mehr und nichts hören. Weg du, der du noch Atem
im Maule hast! Laß mich liegen und faulen!
BARUCH:
Jeremias, gütigster Meister du! Ich beschwöre dich, raffe dich auf, sie
fahnden nach dir, sie sind nah, sie kommen!
JEREMIAS:
Wer sucht mich noch auf dieser Welt?
BARUCH:
Du bist verraten, man weiß deine Hausung. Nabukadnezar sandte Schergen
nach dir, sie suchen dich, und rasch nur flog ich voraus.
JEREMIAS:
Mögen sie kommen. Selig die Schlächter, selig der Tod!
BARUCH:
Jeremias, fasse deine Sinne. Der Letzte bist du von den Edlen der Stadt;
alle sind sie gefallen und geschlachtet, nur um dich fahnden sie noch,
daß alles ausgerottet sei, was edel war in Israel.
JEREMIAS:
Mögen sie kommen! Selig die Schlächter, selig der Tod!
BARUCH (in Verzweiflung ihn aufrüttelnd):
Jeremias! Jeremias! Wach auf aus deinem Traum! Furchtbar ist
Nabukadnezars Zorn und entsetzlich seine grausame Lust. Noch den Tod
schärft er durch Qualen, und seine Knechte wissen zu martern wie keiner.
JEREMIAS:
Meinst du das, Knabe? Oh, du kennst Ihn nicht, den Fürchterlichen, der
Qualen hat und Martern, die kein Irdischer weiß. Wes lebendige Seele in
Gottes Marter gefallen, der fürchtet nicht mehr des Leibes Pein und die
Schrecknis der Knechte. Mögen sie kommen, mögen sie kommen und sich
versuchen an mir, dem Gott in die Eingeweide griff, und ich spotte
ihrer. Denn ich habe die Gottesqual gekannt, und Seligkeit ist die
Marter des Tods gegen die Marter des Lebens, eine Wollust der Menschen
Qual wider die Gottesqual.
BARUCH:
Jeremias, Jeremias! Wenn du mich liebst, so entfliehe, ich lasse dein
Leben nicht, ich lasse es nicht!
JEREMIAS:
Ich liebe nicht mehr! Keinen mehr liebe ich, keinen!
BARUCH (ihn umschlingend):
Nein, Meister, mein Blut eher, denn deines. Ich sterbe mit dir.
(HEFTIGE SCHLÄGE von ehernen Lanzen an der Tür.)
ALLE (stürzen in die Winkel):
Wehe ... wehe ... die Chaldäer ... unsere Stunde ist gekommen ... er hat
das Unheil über uns gebracht ... Wehe ... er ... er ... liefern wir ihn
aus ...
BARUCH (entsetzt):
Es ist zu spät ... sie sind da ...
JEREMIAS:
Tu ihnen auf, Baruch!
(BARUCH zögert.)
JEREMIAS (aufstehend, stark, mit großer, klingender, fast jauchzender
Stimme):
Tu ihnen auf, daß ich aufrecht sie empfange, denn dürstig ward meine
Seele des Todes. Oh, erster Erfüller meines Wortes, sei gegrüßet,
gegrüßet das Ende! Tu auf, Baruch! Tu ihm auf, dem Erlöser!
(BARUCH schreitet gegen die Tür, zögert wieder.)
(NEUE HEFTIGE SCHLÄGE von außen.)
JEREMIAS (mächtig):
Tu auf, Baruch, wenn du mich liebst. Ich befehle es dir. Tu ihm auf!
(BARUCH verhüllt sein Gesicht und schiebt den Riegel zur Seite.)
(DIE TÜRE wird mächtig mit ihren beiden Flügeln aufgestoßen, ein
Schimmer vom letzten abendlichen Licht glüht in das verdunkelte
Gemach herein. Die drei Abgesandten des Königs treten reich
geschmückt herein, hinter ihnen steht feurige Helle des sinkenden
Tages. Die Flüchtigen scheuen vor ihnen in die dämmerigen Winkel
zurück, nur Jeremias bleibt aufrecht ihnen gegenüber.)