Er hat gewarnt ... Friede hat er gefordert ... gedenket ihrs noch ...

ja ... Ich habe es gehört ... Ja ... ja ... Hier hat er es gesagt ...

ja ... ja ... Er ist der Profet ... immer wurde sein Wort Wahrheit ...

Ja ... ja ... ja ... Er hat alles gekündet.

ANDERE STIMMEN:

Wo ist er ... Jeremias ... rufet ihn her ... Jeremias ... wo ist er ...

er soll uns raten ... ja ... ja ... er hat stets das Rechte gewußt ...

er wird uns helfen ... Wo ist er ... wo ist er ...

EINE STIMME:

In den Düngerhaufen haben sie ihn versenkt, hier im Palast.

(DIE MENGE bricht in ein Wutgebrüll aus.)

STIMMEN:

Wir müssen ihn befreien ... ja ... ja ... er wird uns erretten ...

sprengt seine Gruft ... ja ... heraus mit ihm.

ANDERE STIMMEN:

Die Tore auf ... Jeremias ... Jeremias ... Oh, er ist der Befreier. Gott

hat ihn gesandt ... Wo ist er ... Jeremias, du Gottesknecht ...

Erlösung ... Erlösung ...

ANDERE:

Schlagt die Lügner und Profeten ... Er ist der Wahre, er hat es

verkündet ... ja ... ja ... jedes Wort ist Wahrheit geworden ... Gottes

Gnade war über ihm ... Gib das Beil ... die Latte gib her ... wir müssen

ihn befreien ... hinauf ... Jeremia!... Jeremia!... Er soll König

sein ... Wo ist er ... oh Helfer, Erretter, oh Trost, oh Tröster ...

(DIE MENGE hat ihre Stimmen zu dem einzigen glühenden Schrei

»Jeremias, Jeremias« zusammengefaßt, in dem sich ihre Wut, ihre

Hoffnung und Angst vereint. Ihre Flut ist die Treppe wieder

hinaufgeschäumt, mit Brettern und Hämmern und den Fäusten schlagen

sie gegen das verschlossene Tor. Endlich wird zögernd aufgetan.)

DER TÜRSTEHER:

Was wollt ihr?

DIE MENGE:

Fort! Jeremia! Jeremia! (Sie stoßen ihn zur Seite.)

DER TÜRSTEHER:

Hilfe! Hilfe! (Sein Schrei wird mit ihm selbst fortgerissen, ein Teil

der Masse flutet schwarz durch die Tür, man hört dumpf das Sprengen von

Türen, das Schlagen von Äxten.)

(DIE MENGE unten beobachtet in wilder Ekstase und Ungeduld das

Geschehen.)

STIMMEN:

Hinein!... Hinein!... Ganz unten haben sie ihn verscharrt ... sie hatten

Furcht vor ihm ... die Hunde ...

STIMMEN:

Oh, ein Heiliger ist er ... ein Gesandter des Herrn ... Oh, Jeremia ...

er wird uns erretten ...

EIN WEIB (in Ekstase):

Er hat die Hände gebreitet und gerufen: Friede! Gottes Flamme war auf

seinen Lippen und seine Stirne hell wie von Engelsgeleucht. Oh, er wird

uns erlösen!

EINE ANDERE:

Er wird seine Hand ausrecken wider die Feinde, und Aussatz wird über sie

fallen. Oh, seine Füße zu küssen, des Heiligen, der für uns gelitten!

EINE ANDERE:

Gegeißelt haben sie ihn ... wie Balsam sind für uns seine Wunden ... ich

will knien vor ihm in den Staub ...

DIE ERSTE:

Heilig ... heilig ... heilig ist er, Jeremia!

STIMME (von oben):

Seile ... Bringt ein Seil ... daß wir ihn heben!

DAS WEIB:

Oh, er naht! Rettung naht, wir werden leben, mein Kind! Der Heilige

naht.

DIE ANDERE:

Daß ich doch schon schauen könnte sein seliges Antlitz. Leuchten wird

davon Jerusalem.

(JUBELGESCHREI von oben aus der Tiefe.)

DIE MENGE UNTEN:

Sie haben ihn gefunden!... Rettung ... Rettung ... Gottes Gnade ...

Jeremia ... Jeremia ...

DAS WEIB:

Oh, ihn schauen, ist schon genesen, mein Herz brennt loh, ihn zu sehen!

Oh, du Heiliger, du Erlöser, nahe deinem Volke, nahe deinen Mägden,

rette, rette Jerusalem! Gehe auf, du Sonne unserer Nacht, erglühe, du

Stern unseres Dunkels! Rette! Rette Jerusalem!

DIE MENGE (wild ekstatisch):

Jerusalem!... Rette die Stadt ... Jeremia ... Jeremia ...

DAS WEIB:

Er naht! Oh, ich sehe ihn, ich sehe, ich sehe sein seliges Antlitz. Wie

die Sonne ist es zu schauen, da sie über den Libanon steigt. Oh, sieh

nieder, du Gebenedeiter! Sieh nieder auf unser Elend! Hebe uns auf!

(DIE MENGE hat unter wildem Getöse Jeremias im Triumph aus dem Tore

geschleppt. Er steht an der obersten Stufe, die Augen verhüllend vor

dem Licht, das so plötzlich auf ihn eindringt. Um ihn tost die

Ekstase der Menge.)

STIMMEN:

Heiliger! Meister!... Samuel ... Elia ... Elia ... Oh, Verkünder ...

Jeremia ... errette ... errette uns ... Jeremia ... König ... Gesalbter

du ... Jeremia ... Höre ihn, Israel ... Jeremia ...

DAS WEIB (zu seinen Füßen sich werfend):

Was verhüllst du dein Antlitz? Labsal ist dein Blick! Oh, sieh,

Gesegneter, auf das Kind, damit es genese, sieh auf uns, daß wir

auferstehen vom Tode!

JEREMIAS (langsam die Hände von den Augen nehmend. Er ist sehr ernst und

düster, wie er in die wilde Erwartung blickt):

Fremd ist das Licht meinen Augen, es brennet mich, und ungewohnt diese

Liebe meiner Seele: auch sie brennet mich! Was heischt ihr von mir?

DIE MENGE:

Heiliger ... Jeremias ... rette uns ... Gesalbter ... rette die Stadt ...

Unser König sei ... tue ein Wunder ...

JEREMIAS:

Ich verstehe eure Worte nicht. Was wollt ihr von mir?

DIE MENGE (chaotisch durcheinander):

Moria ... die Burg ... rette Jerusalem ... ein Wunder ... wir sind

verloren ... Unser Hort bist du ... errette uns ... rette Jerusalem ...

JEREMIAS:

Einer rede, nicht alle!

DAS WEIB (hinstürzend zu seinen Füßen):

Heiliger! Gesalbter Gottes, Stern unserer Hoffnung, tu auf deine Hände,

die gebenedeiten! Rette uns, rette uns, rette Jerusalem! Was du

geschaut, hat sich erfüllet, die Chaldäer sind über uns!

EINE STIMME:

Sie stürmen die Mauer von Moria!

EINE ANDERE STIMME:

Unsere Männer sind geschlagen ...

EINE ANDERE STIMME:

Vor dem Tempel schon kämpfen sie.

EINE DRITTE STIMME (verzweifelt):

Rette, rette Jerusalem!

DIE MENGE (frenetisch):

Rette, rette Jerusalem!

(JEREMIAS bleibt unbeweglich und birgt sein Gesicht in den Händen.)

DAS WEIB:

Wir wollen dich rächen an deinen Feinden, mit den Nägeln zerreißen das

Antlitz deiner Widersacher. Aber erbarme dich unser, erbarme dich! Unser

Hort bist du und unsere Hoffnung.

EINE STIMME:

Wer errettet uns, wenn nicht du?

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Die Priester haben uns verraten, der König uns verkauft.

JEREMIAS (auffahrend):

Das ist nicht wahr! Was schmäht ihr den König?

STIMMEN:

Er hat uns verlassen ... Wo ist er ... warum hilft er nicht ... er ist

geflüchtet ... er ist geflohen ...

JEREMIAS (stark):

Das ist nicht wahr.

STIMMEN:

Es ist wahr ... Sie haben uns in diesen Krieg geführt ... sie haben uns

geopfert ... Wir haben diesen Krieg nicht gewollt ... Friede wollten

wir ... Friede ... Mache Friede mit ihnen ... Friede ... Friede ...

JEREMIAS:

Spät wollt ihr den Frieden! Was werft ihr Blutes Schuld von euch fort

auf den König? Auch ihr habt diesen Krieg gewollt.

STIMMEN:

Ich nicht ... nein ... ich nicht ... ich nicht ... Der König hat ihn

gewollt ... ich nicht ... keiner von uns ...

JEREMIAS:

Alle habt ihr ihn gewollt, alle, alle! Wankelmütig sind eure Herzen und

schwanker denn Rohr. Die jetzt Friede schreien, hörte ich toben nach dem

Kriege, und die jetzt den König schmähen, jauchzeten ihm zu. Wehe, du

Volk! Doppelzüngig ist deine Seele, und jeder Wind wendet deine Meinung!

Ihr habt gehurt mit dem Kriege, nun traget seine Frucht! Ihr habt

gespielt mit dem Schwerte, nun fühlet seine Schärfe. Wider euch schlaget

mit den Fäusten, wider euch mit den Worten!

STIMMEN:

Wehe ... er zürnt uns ... Jeremias ... sieh unsere Not ... hilf uns ...

was sollen wir tun ...

JEREMIAS:

Es tue jeder nach seinen Kräften. Wer ein Schwert fassen kann, fasse das

Schwert und diene mit seinem Blute, und wem der Arm lahmt, der gehe ein

in sein Haus und diene mit seinen Tränen. Aber rottet euch nicht und

murret nicht!

DIE MENGE:

Nein ... Rettung ... Hilf uns ... Sieg, gib uns Sieg ... Laß uns nicht

ohne Hoffnung ... Siehe, wir vergehen ... Jerusalem ... rette uns ...

rette Jerusalem ... Heiliger ... Gütiger ... hilf uns ... ein Wunder tu,

laß es nicht geschehen ... ein Wunder ... recke aus deinen Arm, wie

Jesaja tat ... wie Elia ... wie Aaron ... hilf uns ...

JEREMIAS:

Niemand kann helfen, so Gott euch nicht hilft.

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Gott hat uns verlassen!

DIE MENGE:

Ja ... Gott hat uns verlassen ... wo ist er ... wo ist der Bund, den er

geschlossen mit uns ... Gott hilft nicht ...

JEREMIAS (zornig):

Was zischt ihr wider Gott aus eurem Elend, ihr Gewürm der Erde, wollt

ihr, daß er euch zertrete mit seiner Ferse? Da er euch gnädig war,

brüstetet ihr euch mit seiner Liebe und prangertet mit seiner Güte, und

meinet ihn nun wegspeien zu dürfen am Tage des Gerichts! Wehe, welch ein

Volk seid ihr. Stein ist eure Stirne und eine eiserne Ader euer Nacken,

aber ich sage euch: Nicht stemmet die Stirn wider Gottes Stärke, beuget

euch, beuget euch, ehe ihr zertreten werdet!

STIMMEN:

Wehe ... wie unbarmherzig ... er verläßt uns ... nur Worte gibt er ...

Wir sind verloren ... wer hilft uns ... Nicht harte Worte gib uns ...

ein Wunder tu ... ein Wunder ... ein Wunder ... ein Wunder ...

JEREMIAS:

Wahrlich, ein Wunder wäre vonnöten, euren Starrsinn zu beugen! Noch aus

dem Tod hebt ihr die Stirne, noch aus dem Untergang eure Lästerung!

Wehe, welch ein Volk seid ihr! Ich aber sage euch, beuget euch, beuget

euch! Nicht auf das Wunder wartet, das euch erlöse -- den Gott erlöset

in euch! Beuget euch, ihr Starren, demütiget euch, ihr Hochmütigen, ehe

ihr zerbrochen werdet!

STIMMEN HERBEISTÜRMENDER:

Sie haben ein Tor gesprengt bei Moria ... Abimelech ist gefallen!

DIE MENGE (wild aufschreiend):

Wehe ... wehe ... (Dann plötzlich mit verdoppelter Wucht gegen Jeremias

aufschäumend): Höre ... höre ... wir sind verloren ... jetzt hilf ...

tue ein Wunder ... ein Wunder, Profet ... ein Wunder ...

JEREMIAS (verzweifelt):

Was wollt ihr, daß ich tue? Soll ich die nackten Arme recken wider den

Feind ...

DIE MENGE (ekstatisch):

Ja ... ja ... tue also ...

JEREMIAS:

Glaubt ihr denn, daß ich jagen kann, den Gott wider euch sandte?

DIE MENGE:

Ja ... ja ... Du kannst es ... Du kannst es ... Du mußt es können ...

ja ... ja ... alles kannst du ...

JEREMIAS:

Ich kann es nicht, Wahnwitzige! Nichts vermag ich wider Gott!

DIE MENGE:

Du kannst es ... rette Jerusalem ... Du kannst es!... Das Wunder tu ...

JEREMIAS (ausbrechend):

Und wenn ich es könnte wider Gottes Wille, ich täte es nicht. Weichet

von mir, die ihr mich verlockt wider ihn. Zu ihm halte ich und nicht zu

euch, ich streite nicht wider sein Schwert, ich rede nicht wider seine

Rede, ich will nicht wider seinen Willen! Möget ihr euch ihm wehren, ich

beuge mich! Was immer er verhänge, ich beuge mich seinem Willen, ich

beuge mich.

STIMMEN:

Wehe ... nein ... nein ...

JEREMIAS:

Es geschehe, wie er bestimmt. Es erfülle sich sein Wille: wer durch das

Schwert fallen solle, falle durch das Schwert, wen der Hunger schlägt,

durch den Hunger, wen Pest würget, würge die Pest -- sein Wille geschehe,

sein Wille geschehe, ich beuge mich, ich beuge mich! Seine Bitternis

will ich trinken und seine Fäuste fühlen, so es sein Wille ist -- ich

beuge mich.

STIMMEN:

Wehe ... er verleugnet uns ... er verläßt uns ...

JEREMIAS (immer mehr in Ekstase):

Zu ihm halte ich, dem Getreuen, und nicht zu euch, die ihr schwanket. Sein

Wille geschehe und nicht der eure! Herr, tue, wie es dein Wille ist --

ich beuge mich dir, ich beuge mich. Fallen möge Jerusalem, so es dein

Wille ist -- ich beuge mich!

(DIE MENGE bricht in einen Entsetzensschrei aus.)

JEREMIAS:

Fallen möge dein heiliges Haus, so es dein Wille ist -- ich beuge mich!

(AUS DER MENGE zucken wilde Wutschreie.)

JEREMIAS:

Fallen mögen die Türme, zerstieben das Volk und sinken sein Name,

Schmach möge stürzen auf meinen Leib und Marter auf meine Seele, so es

dein Wille ist -- ich beuge mich, Herr, ich beuge mich!

DIE MENGE:

Er ist rasend ... Nieder mit ihm ... Er ist toll ... Wehe ... Er

verflucht uns ... Schweige ... Verräter ... Wehe ...

JEREMIAS (ganz in Ekstase):

Was immer du tust, ich beuge mich.

Ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich!

Ström nieder auf mich mit all deinen Schauern,

Ich tu mich dir auf, ich sperr mich nicht ab,

Brich ein in mein Herz, brich ein in die Mauern,

Wirf nieder die Tore, die tödlich umstürmten,

Verbrenn deinen Altar, den blutig beschirmten,

Verstoße dein Volk und verstoße auch mich --

Ich bleib dir doch treu in Tiefe und Trauer,

Denn mein Herz beherbergt dich ewiglich!

DIE MENGE (ihn wild umstürmend):

Verräter ... Er betet um unsern Tod ... Er verflucht uns ... Steiniget

ihn ... steiniget ihn ...

JEREMIAS (noch ekstatischer sich aufrichtend, wie eine Flamme über der

dunkel schwelenden Masse):

Herr, tue an mir, wie dir es gefällt.

Ist Dunkel gesunken, kam Leidenszeit,

Herr, ich bin allem Leiden bereit!

Gieß aus deines Zornes fressende Lauge

In meine Seele -- sie wird dich nicht lassen,

Zerbrich meine Hände, verschließ meine Augen --

Ich werde dich schauen, ich werde dich fassen.

Sinn aus das trächtigste Maß deiner Leiden,

Ich will mich nicht wehren, ich bin ihm bereit!

Und je mehr du mir Leiden und Martern gibst,

Um so mehr will ich künden, daß du mich liebst!

Ich will doppeln die Qual, die du auferlegt,

Ich will küssen die Geißel, die mich zerschlägt,

Ich will danken der Hand, die mich knechtet und kränkte,

Ich will rühmen den Brand, der das Herz mir versengte,

Ich will segnen den Tod, den dein Wille entsandte,

Ich will segnen die Not, die die Stadt uns verbrannte,

Ich will segnen Bitternis, Knechtschaft und Schmach,

Ich will segnen den Feind, der die Tore zerbrach,

Denn ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich!

Was immer du sendest, ich lobe dich,

Herr, höre mein Wort und erprobe mich!

DIE MENGE (in Wutschreien ihn unterbrechend):

Verräter ... steiniget ihn ... er segnet unsere Feinde ... er betet für

unsere Feinde ... Steiniget ihn ... Fluch wirft er über uns ...

Lästerer ... Steiniget ihn ...

DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME (alle überkreischend):

Kreuziget ihn! Kreuziget ihn ...

DIE MENGE (die Stufen emporschäumend in wildem Schrei):

Ja ... ans Kreuz ... kreuziget ihn ... Gotteslästerer ... Verräter ...

steiniget ihn ... kreuziget ihn ...

JEREMIAS (die Arme auftuend zur Kreuzgebärde, in äußerster Ekstase):

Dein Wille geschehe! Kommt her! Kommt her!

Die Lanze rammt mir ein und den Speer,

Oh, geißelt nur, speit und beschmähet mich,

Zum Kreuze schleppt und erhöhet mich,

Zerreißt meine Hände, zerbrecht mein Gebein, --

Ich will ja nur für euch alle und alle

Vor Gott das selige Sühnopfer sein.

Oh, faßt mich! Vielleicht ist mein Opfer genehm,

Vielleicht sieht sein Auge mit Wohlgefallen

Mein brennendes Herz und erbarmet sich

Und rettet und rettet Jerusalem!

(DIE MENGE schäumt empor, ihn umdringend. Einige fassen ihn, andere

werfen sich ihnen entgegen und versuchen, ihn zu befreien.)

STIMMEN:

Ans Kreuz ... steiniget ihn ... Er lästert Gott ... Kreuziget ihn ...

Fluch Jeremias ... Kreuziget ihn ...

ANDERE STIMMEN:

Laßt ... Der Geist Gottes ist über ihm ... Er rast ... laßt ab ...

ANDERE STIMMEN:

Ans Kreuz ... Ans Kreuz ... Er hat uns verflucht.

JEREMIAS (im Tumult, die Hände kreuzgebreitet):

Was zögert ihr noch? Den seligen Preis

Des Martertods, ich will ihn bezahlen!

Oh, wie dürstig bin ich der Martern und Qualen,

Denn ich weiß,

Der am Kreuze hinstirbt in irdischer Pein,

Wird der selige Mittler und Fürbitter sein.

Seine Arme, die brechend am Kreuzholz hangen,

Werden liebend die Seele der Welt einst umfangen,

Seine Lippen, die schmachtend verlöschen und brechen,

Das erlösende Wort des Friedens aussprechen,

Seine Seufzer werden zu Wohllaut werden,

Seine Qual die ewige Liebe auf Erden.

Oh, sein Tod ist Leben, sein Leiden Vergeben,

Nur sein Fleisch kann sinken, sein Leib kann zerfallen,

Doch seine Seele wird flügelnd mit allen

Sünden der Menschen zu Gott aufschweben

Und dort der Bitter und Bote sein!

Oh, daß ich es wäre, oh, daß ich es würde,

Meine Seele verzehrt und verlodert sich!

Auflegt mir das Kreuz! Aufhäuft mir die Bürde!

Kreuziget mich! Oh, kreuziget mich!

(DIE MENGE hat ihn unter wilden Rufen gefaßt und schleift ihn mit

sich. Sie schlagen auf ihn ein.)

STIMMEN:

Kreuziget ihn ... Ans Kreuz ... Er hat sie gerufen ... er ist der

Feind ... Kreuziget ihn!... steiniget ihn ...

(Flüchtige kommen in diesem Augenblick von rückwärts gestürmt in

wahnsinniger Verwirrung. Sie schleudern die Waffen im Lauf weg und

gebärden sich wie Tolle.)

WILDE STIMMEN:

Die Mauer ist gefallen ... Die Feinde sind in der Stadt ... Die Chaldäer

über uns ... Verloren ... Israel ist verloren ...

NEUE FLÜCHTIGE:

Abimelech ist tot ... Alles ist verloren ... Jerusalem ist gefallen ...

Rettet euch ... Die Chaldäer ...

NEUE FLÜCHTIGE (in vollem Lauf):

Sie sind hinter uns ... Zum Tempel ... Alles ist verloren ... Wehe ...

Israel ... Israel ... Wehe! Israels Ende ... verloren Jerusalem!

(DIE MENGE stiebt in furchtbarem Entsetzensschrei auseinander. Sie

lassen Jeremias und stürzen kreischend in alle Richtungen. Die ganze

Stadt dröhnt von Geschrei und Getöse wirrer Verzweiflung und

Flucht.)

DAS ACHTE BILD

DIE UMKEHR

»Oh, daß Hiob versuchet würde bis ans Ende.«

Hiob XXXIV, 36.

Ein weitläufiges kellerartiges Gewölbe, dessen Läden verschlossen

und dessen Türen verrammelt sind. Feuchtes Grau füllt die Tiefe des

unterirdischen Raumes. Wie Gewürm, dunkel und verstrickt, kauern und

liegen Flüchtlinge auf den Steinen, einige haben sich um einen Greis

zusammengetan, der aus der Schrift mit zerbrochener Stimme halblaut

liest; rückwärts liegt, von einer Frau behütet, ein Verwundeter.

Abgesondert von ihnen, auf einem Stein und selbst reglos wie er in

Fels erstarrt, sitzt gebückt JEREMIAS, das Antlitz in den Händen

vergraben. Er ist ganz teilnahmslos. Sein Schweigen liegt wie ein

Block in dem wogenden Murmeln und Widerstreiten der andern.

Es ist der Tag nach Jerusalems Fall, die Stunde nach

Sonnenuntergang.

DER ÄLTESTE (liest vor aus der Schrift, den Leib rhythmisch wiegend zu

den Worten, die er leise und monoton spricht, nur manche Rufe der

Verzweiflung und der Begeisterung ruft er vor, und die andern sprechen

sie im murmelnden Chore mit):

Höre, oh höre, du Hirte Israels,

Der du Josefs hütest wie der Schafe,

Erscheine, der du sitzest über Cherubim,

Erscheine, erwecke deine Gewalt!

DIE ANDERN UM IHN (mitmurmelnd):

Erscheine, erscheine, Erwecke deine Gewalt!

DER ÄLTESTE:

Erscheine, du Hirte! Gott, tröste uns,

Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!

Wie lang willst du zürnen dem betenden Volke,

Mit Tränen sie speisen, mit Tränen sie tränken?

Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth,

Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!

DIE ANDERN:

Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!

DER ÄLTESTE:

Du hast aus Mizraim den Weinstock geholet

Und eingepflanzt in der Heiden Land,

Du ließest die Wurzeln ihn mächtig ausgreifen,

Gehügel und Berge deckte sein Schatten

Und sprossende Reben die Zedern des Tals,

Doch wehe,

Die Fremden haben die Reben zerrissen,

Die wilden Tiere sein Wachsen verderbet,

Festiglich war er, und wüst ist er nun!

DIE ANDERN:

Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth,

Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!

DER ÄLTESTE:

Nicht denke der Sünden, so wir begingen,

Erbarme dich unser, eh wir vergehn,

Denn dünn und schwank schon sind wir geworden,

Und der Sturm deines Ingrimms wirft uns zu Tod,

Nicht denke der Sünden, so wir begingen,

Gedenke des Bundes, gedenk deines Namens,

Erscheine, du Hirte! Führ heim deine Herde!

Erscheine! Erwecke deine Gewalt!

DIE ANDERN:

Erscheine! Erwecke deine Gewalt!

ANDERE (flehentlich):

Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!

DER VERWUNDETE (von rückwärts, der leise gestöhnt hat, jetzt laut

aufschreiend):

Ah! Ah! Ah!... Ich verbrenne ... Legt mir Wasser auf ... ich

verbrenne ... ah ... ah ... ah ... Wasser!

DIE FRAU (neben ihm):

Schweige, Guter, schweige um Gottes Gnade willen! Sie hören uns sonst.

DER ÄLTESTE:

Schweige! Sei stille! Verschließ dich! Du stürzt uns alle ins Verderben.

EIN ANDERER:

Sie töten uns, wenn sie uns entdecken!

DER VERWUNDETE:

Sie sollen mich töten ... ah ... ah ... ich ertrage es nicht ... es

frißt mich das Feuer ... ah ... ah ... Wasser ... Wasser ... gebt mir

Wasser ... ich verbrenne ... Hilfe ... Hilfe!...

EIN MANN:

Wir müssen ihn schweigen machen, er verrät uns.

DIE FRAU:

Nein ... fort von ihm ... mein Bruder ist er ... von der Mauer habe ich

ihn auf meinen Schultern getragen. (Sie kniet bei ihm nieder.) Lieber ...

Lieber ... ich flehe dich an ... versuche zu schweigen ... ich hole

dir Wasser ... da, mein Tuch nimm und klemm es in die Zähne ... so ...

so ...

(DER VERWUNDETE hat das Tuch sich in den Mund geknebelt. Sein

Schreien geht in ein dumpfes Wimmern über.)

(DIE ANDERN, die erregt aufgestanden waren, haben sich wieder

niedergelassen.)

EINER:

Lies weiter, Pinehas! Es ist viel Tröstung im Wort.

EIN ANDERER:

Lies weiter! Von der Verheißung lies, von der Verheißung!

ANDERE:

Ja ... vom Gottesknecht ... vom Reis aus Isais Stamm ... die

Verkündigung ... Oh, lies ... sänftige mein Herz ... vom Erlöser lies ...

unsere Herzen dürsten nach dem Tau des Worts ...

(DER ÄLTESTE hat die Schrift wieder aufgenommen und will zu lesen

beginnen. Es pocht von außen an eine Türe. Alle fahren zusammen.)

EINE FRAU (ängstlich):

Es hat gepocht!

EINE ANDERE (erregt):

Sie sind da! Sie haben uns ausgespürt!

EIN MANN:

Es ist nicht vom Tore her! Einer der unsern muß es sein. Nur sie kennen

den Gang. Tut ihm auf!

DIE FRAU:

Nein! Nein! Es kann Verrat sein. Schächer sind unter dem Volke. Laßt zu!

DER ÄLTESTE:

Stille! (Er nähert sich vorsichtig der hinter Steinen verborgenen Türe).

Wer ist es?

(EINE STIMME von außen antwortet.)

DER ÄLTESTE:

Zefanja ist es, der Sohn meines Schwähers, den wir auf Kundschaft

gesandt. (Er schiebt den Riegel auf, ein Mann tritt ein, behelmt und wie

ein Chaldäer gekleidet. Alle stürzen sich um ihn. Nur Jeremias bleibt,

wie der Stein, auf dem er mit gestütztem Arm starrt, reglos und

unbeteiligt.)

ALLE (wild durcheinander):

Was ist geschehen ... Hast du Neter gesehen, meinen Sohn ... Tebia, mein

Weib ... mein Haus, haben sie es verbrannt ... Erzähle ... sprich ... Wo

ist der König ... Der Tempel ... Erzähle, Zefanja ... Mein Gatte,

Ismael ... wo ist er ... Sprich ... Wo ist der Priester ... was geschieht

mit uns ... Erzähle ...

DER ÄLTESTE:

Stille! Ihm lasset die Rede, denn seine Augen haben den Tag gesehen und

die Stadt!

ZEFANJA:

Besser im Dunkel zu sitzen, anstatt solches zu schauen, besser als

dieses noch, blind sich zu weinen, und am besten tief unten im Schwarzen

zu schlafen zwischen den Wurzeln der Bäume und den Eingeweiden der Erde.

Ein Acker der Toten ist Davids Stadt geworden, Schutt und Kehricht

Salomos Burg.

ALLE:

Wehe ... Jerusalem ... wehe ... wehe ...

ZEFANJA:

Wie Kot liegen unserer Brüder Leichen auf den Gassen, und selbst den

Toten noch rauben sie das Kleid. Aus den Gräbern haben sie das Gebein

des Königs Judas gerissen und geworfelt um den Purpur Salomos aus

seinem Sarge. Sie haben die Brote gegriffen vom heiligen Tisch und die

Leuchter geraubt von den Wänden.

DER ÄLTESTE (sein Kleid zerreißend):

Ich will nicht mehr leben! Oh, könnt ich mein Innres zerreißen wie dies

mein Gewand!

STIMMEN:

Wehe ... wo ist Gottes Kraft ... der Bund ... die Verheißung ... wo sind

unsere Führer ... Nachum ... wo ist Jochan ... verloren, verloren ...

Jerusalem ... mein Gatte ... wen sahest du ...

ZEFANJA:

Um viele fraget ihr, und eine Antwort habe ich für alle. Es sieht keiner

Gottes Morgen mehr von den Edlen der Stadt.

ALLE:

Wehe ... Sie alle ... es ist nicht möglich ... Was ist mit Abodassar ...

Jojakim, auch er ... Hedassar ... Imre ... mir sage, mir ... Nachum ...

ZEFANJA:

Nicht fraget mich ... ihr Leiden ist gewesen und ihre Seelen bei Gott.

ALLE (durcheinander):

Und sage, auch Nachum ... antworte ... die Kinder des Königs ...

Absalon, mein Schwäher ...

ZEFANJA:

Es ist keiner am Leben. Wer nicht fiel an der Mauer, den erwürgten

Nabukadnezars Schlächter. Keiner lebet mehr, denn Zedekia.

STIMMEN:

Zedekia lebet ... Warum ihn geschont ... warum gerade ihn ... Ein

Verräter ist er ... Warum Gnade ihm, wenn den andern Tod ... warum ihm

Schonung?

ZEFANJA:

Ehrfurcht vor dem Könige! Ehrfurcht vor seinem Leide.

STIMMEN:

Was ist mit ihm ... ist er gefangen?...

ZEFANJA:

Zedekia brach durch mit sechzig der Tapfersten, daß sie sich sammelten

im Gebirge und den Kampf erneuerten wider Assur. Aber jene jagten ihnen

mit Wagen nach und faßten ihn und schleppten ihn vor Nabukadnezar.

STIMMEN:

Und er ... was tat er?

ZEFANJA:

Ich kreuzte den Weg seines Leidens und stand auf dem Platze, da sie ihn

in Ketten hielten. Und sie schlugen vor seinen Augen seine Kinder eines

nach dem andern mit dem Schwert. Dann aber ... als seine Augen voll

waren mit Grauen und Tränen ... dann ward der Gesalbte des Herrn, dann

ward Zedekia geblendet ...

JEREMIAS (plötzlich aus seiner ehernen Reglosigkeit auffahrend, in

furchtbarstem Entsetzen):

Geblendet, sagst du ... geblendet ...

ZEFANJA:

Wer ist dieser?

STIMMEN:

Jeremias: Eine dramatische Dichtung in neun Bildern · 第 10 / 14 段