JEREMIAS:

Wie soll Wahrheit dorthin eilen, wo Dünkel weilt? Ist ihr denn Willkomm

bei den Königen? Hart ist das Ohr der Könige und nur aufgetan der

Honigrede, ihre Hüften umgürtet mit Hochmut und ihre Füße umnestelt mit

Schmeichlern. Sie meinen, die Hochmütigen, man könne Feuer fassen, ohne

sich zu brennen, und ins Schwert greifen, ohne sich zu schneiden. Wer

aber den Frieden stört, dem wird er verstöret werden, und wer Wind in

die Welt gesäet, wird Sturm ernten in seiner Seele.

ZEDEKIA:

Jeremia, zum Rat habe ich dich gerufen, nicht zur Schmähung! Aus deiner

Tiefe habe ich dich geholt, und keiner weiß es von ihnen, daß aus dem

Brunnen, darein sie dich versenkten, Ratschluß ich hebe. Darum sprich zu

mir wahrhaft und rate, ehe daß du schmähest. Willst du mir zu Willen

sein?

JEREMIAS:

Gott einzig bin ich zu Willen.

ZEDEKIA:

So höre, was keiner weiß, denn meine Räte. Ein Bote kam von

Nabukadnezar, daß wir wendeten den Krieg von unseren Völkern.

JEREMIAS (jauchzend):

Gelobt sei Gott! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut dein Herz!

ZEDEKIA:

Nicht juble zu früh! Hart ist, was er fordert von uns, und seine Hoffart

ohne Maß.

JEREMIAS:

Hoffärtig warst du wider ihn, so nimm nun Hoffart von ihm. Zwinge dein

Herz, doch rette die Stadt!

ZEDEKIA:

Meine Ehre hat er gefordert.

JEREMIAS:

Gib sie hin für die Stadt!

ZEDEKIA:

Ist nicht Ehre mein Amt und der Stolz meine Krone?

JEREMIAS:

Was dein ist, wirf weg! Besser als Ehre ist Friede, besser Leiden denn

Sterben.

ZEDEKIA:

In ein Joch will er mich beugen!

JEREMIAS:

Selig zu leiden einer für alle, zu leiden für das lebendige Leben. Beuge

den Nacken, errette die Stadt!

ZEDEKIA:

Schmach wäre es für all die Könige, deren Erbe ich bin, Unflat am Kleid

meiner Ahnen.

JEREMIAS:

Nicht derer denke, die waren, denn Staub sind sie und Wurmfraß. Denke

der Stadt, gedenke der Lebendigen!

ZEDEKIA:

Doch nicht mich nur will er erniedrigen, auch unsern Gott.

JEREMIAS:

Gott lächelt seiner Verächter! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut

dein Herz!

ZEDEKIA:

Das Heiligste will er betreten, dem keiner genaht!

JEREMIAS:

Gott wird es wehren, so es sein Wille ist, nicht du. Tu auf die Tore, tu

auf der Demut dein Herz!

ZEDEKIA (ergrimmt):

Starrsinn ist deine Weisheit und Trotz dein Ratschluß. Mit tauben Ohren

hörst du mir zu, und Kieselstein ist deine Antwort.

JEREMIAS:

Soll ich die Hände klappen zu deiner Verblendung und jauchzen zu deinem

Wort? Rat scheinst du zu fragen und buhlst doch nur Beifall. Doch eher

dorre meine Zunge und zerfalle mein Gebein, als daß ich deine Torheit

lobe und nicht schreie wider deine Verblendung.

ZEDEKIA:

Was wirfst du dich hart über mich? Noch weißt du meinen Willen nicht.

JEREMIAS:

Ich kenne deinen Sinn. Nur dein Wort buhlt um mich, doch dein Wille

bockt wider mich! Willst du meiner spotten und spielen mit Gottes Wort?

Nicht riefst du mich, daß ich die Wage sei deines Entschlusses. Längst

ist die Botschaft gehärtet in deiner Seele und gesiegelt deine Meinung.

Nicht mich belügst du, nur dich selber, König von Israel.

ZEDEKIA:

Jeremias!

JEREMIAS:

Ja, ich, Jeremias, sage dir, dem Könige: Unwahr handelst du an mir, und

Ausflucht sind deine Worte. Denn nicht frei ist dein Wille mehr, und du

willst nicht, daß ich ihn wende.

ZEDEKIA (unsicher):

Wie kannst du es wissen?

JEREMIAS:

Deine Lippe verrät es, wie ein Schuldiger schreckst du vor meinem Zorn.

Versuchen wolltest du mich, daß ich dir zuspräche und ablüde die Schuld

deinen Schultern, aber, wehe dem, der Menschen versucht, denn Gott

versucht er in ihnen.

ZEDEKIA (zögert betroffen. Dann leise):

Viel ist dir zu wissen gegeben, Jeremias! Wahr, allzu wahr ist dein

Wort. Nicht ist mein Wille mehr frei. Schon ist die Botschaft bei dem

Boten.

JEREMIAS:

Nimm sie ihm ab! Errette die Stadt!

ZEDEKIA:

Schon ist er gegangen.

JEREMIAS:

Zurück! Ruf ihn zurück!

ZEDEKIA:

Zu spät! Zu spät bist du gekommen.

JEREMIAS:

Eile ihm nach! Laß ihm nachsetzen mit Rossen und Läufern.

ZEDEKIA:

Es ist zu spät. Schon hält sie des Königs Hand!

JEREMIAS (bricht zusammen, verhüllt sein Gesicht, mit einem dumpfen

Schrei die Hände reckend):

Dann wehe, wehe Jerusalem! Jerusalem! Jerusalem! Wehe! Wehe!

ZEDEKIA (erschreckt ihm nahe tretend):

Was ist dir, Jeremias?

JEREMIAS (hört ihn nicht. Ein Schluchzen geht durch seinen Körper.

Allmählich richtet er sich ganz empor. Seine Augen starren in die Ferne

mit ekstatischem Blick, sein ganzer Leib ist durchschüttelt von

mächtiger Bewegung. Er spricht abwesend wie im Gebet, die Hände

aufhebend, überwältigt von innern Gesichten):

Oh wehe, wie bist du vom Himmel gefallen,

Jerusalem, prächtiger Morgenstern,

Und gedachtest doch über die Welten zu steigen!

Über die Wolken wolltest du fahren,

Doch wehe, du bist gesunken, du Schöner,

Nieder, oh nieder, in Dunkel und Nacht.

ZEDEKIA (ihn erwecken wollend):

Jeremias!

JEREMIAS:

Was war heller, als deine Stirne,

Du Burg Jakobs,

Du Kronstadt Davids,

Du Zelt Salomos,

Gottes Kleinod und heiliges Haus?

Wer konnte dich künden, wer durfte dich rühmen?

Die Psalter ward müde, die Zimbel zu leise,

Von Morgen bis Abend dich heilig zu preisen.

Völker pilgerten her, dich zu schauen,

Und wer dich schaute, dem frohlockte das Herz!

ZEDEKIA:

Du rasest, Jeremias! Wach auf! Wach auf!

JEREMIAS:

Doch wie still bist du nun, du Schöne, geworden,

Wo ist dein Leuchten, wohin dein Gefunkel?

Nicht mehr flüstern

Die Stimmen des Bräutigams und der Braut,

Weithin verscholl das Wogen des Marktes,

Das Tönen der Freude,

Flötenklang und der Jungfraun Gesang!

Weh! Ein Würger ist über dich kommen,

Ein arger Vollstrecker von Mitternacht.

Eitel Wüstung sind deine Straßen,

Dornen wachsen in Marmelgemächern

Und Nesseln in deines Königs Palast.

Weh! Gesunken sind all deine Mauern,

Geborsten die Türme und schmählich zerstoßen

Das ewige Herz deines Heiligtums.

ZEDEKIA:

Du lügst, Verfluchter! Hoch und heil sind Jerusalems Mauern!

JEREMIAS (immer frenetischer):

Alles Haupt ist geschoren,

Aller Bart ist geschnitten,

In Säcken gehen die Mütter und reißen

Mit Nägeln sich rot das Fleisch von den Wangen:

Wo sind meine Söhne? Wo sind meine Töchter?

Doch wehe! Es liegen wie Kot in den Gassen

Die Leichen der Knaben, erwürgt von den Knechten,

Die Frauen, erdrosselt im Strang ihrer Haare,

Die Schwangern zerhaun mitsamt ihrer Frucht.

Schon ekeln die Raben sich vor ihrer Fülle,

Und die Schakale der Wüste sind satt.

ZEDEKIA:

Schweig still! Schweig still! Du lügst!

JEREMIAS:

Was hilft es zu flüchten in die Geklüfte,

In brennenden Steinriß, in tiefes Gestrüpp?

Sie jagen dir nach mit Rossen und Meuten,

Sie treiben dich aus mit Räuchern und Bränden,

Sie fassen dich an und fassen dich doch!

Sie treiben das Volk mit dem Stecken des Treibers,

Sie schwächen die Frauen, sie schlagen die Greise,

Die Tochter des Königs wird Magd seiner Mägde

Und Sklave der Sklaven der rechtliche Mann.

ZEDEKIA:

Kein Wort mehr, du Lügner, bei meinem Zorn!

JEREMIAS (aufklagend):

Oh, Jerusalem, Jungfrau und Gotteskind,

Geschmäht und geschwächt vom Hohne der Heiden,

Oh wehe, daß ich dich so schauen muß!

Alle deine Neider sind voll jetzt des Lachens,

Sie blecken die Zähne und lachen betulich:

»Ei, wie haben wir diese erniedrigt,

Wie ward willfährig die Stolze, die Schöne!

Das ist der Tag, des wir haben begehret,

Wir habens erlanget,

Wir habens erlebt!«

ZEDEKIA (zitternd vor Zorn auf ihn, mit geballten Fäusten):

Schweige, du Lügner! Ich kann es nicht hören! Du lügst! Du lügst!

JEREMIAS:

Oh, Jerusalem, heilige Gottesstadt,

Wiege der Völker und Kleinod der Welt.

Wer wird dich rühmen, wer findet dich?

Eine Sage der Zeiten bist du geworden,

Fabel und Sprichwort unter den Völkern,

Oh, ich sehe ...

ZEDEKIA:

Nichts wirst du sehen, du Rasender du!

JEREMIAS:

Ich sehe dein Leid, ich seh deinen Tod,

Ich sehe ...

ZEDEKIA (ihn wild anfassend und rüttelnd, in höchstem Zorn):

Nichts wirst du sehen! Ich lasse dich blenden!

JEREMIAS (wie in einem fürchterlichen Erwachen ihn anstarrend. Dann

plötzlich grell auflachend, in vorbrechender Ekstase):

Mich?!

Du mich blenden, du Ruchloser!? Nein!

Anders hat Gottes Entschluß bestimmt!

Wohl wird einer geblendet sein,

Ehe der Tag noch sein Ende nimmt,

Doch jener, der längst schon verblendet war,

Als sein Auge noch blickte und sah: --

Höre mich, König Zedekia!

(ZEDEKIA hat ihn losgelassen und starrt ihn erschrocken an.)

JEREMIAS (mit beiden Fäusten auf ihn zu):

Dich

Werden sie fassen, des Königs Knechte

Im Hause Gottes, das du verstört,

Sie reißen die Rechte

Dir los vom Altar,

Daran sie zur Hilfe verklammert war!

Du willst dich wehren, sie brechen dein Schwert,

Umtun deine Arme mit eisernen Flechten

Und schleppen

Und schleifen dich über die Treppen,

Wie ein Opfertier mit Peitschen und Schlägen

Jenem entgegen,

Dessen Hand du verstoßen, dessen Joch du zerbrochen

Und der dir ein feuriges Urteil gesprochen!

(ZEDEKIA ist zurückgefahren und hebt wie abwehrend die Hände.)

JEREMIAS:

In die Knie

Knicken sie dich und stoßen dich sie,

Ein Feuer loht knisternd auf rundem Stein,

Vier Hände halten den Blendstahl hinein.

Heiß

Frißt die Hitze

Vom schwarzen Griff sich auf in die Spitze.

Sie glüht! Sie flammt! Sie wird rot! Sie wird weiß!

Und dann

Fassen dich rauh ihre Fäuste an,

Zischend und rauchend

Tauchen

Sie die Nacht dir in dein Auge hinein.

ZEDEKIA (aufschreiend und sich an die Augen greifend, wie ein

Geblendeter):

Weh!

JEREMIAS:

Doch eh

Dir noch in einer brennenden Gischt

Von Blut und Tränen dein Blick verlischt,

Mußt du noch sehn

Deine Söhne, die drei, vor dem Henker stehn!

Doch dich halten die Knechte, dich halten die Ketten,

Du kannst sie nicht lösen, du kannst sie nicht retten,

Du kannst nur aufschrein, wie jetzt das Schwert

In den ersten! den zweiten! den letzten fährt!

Du siehst,

Wie ihr Blut, ihr junges, im Kote fließt,

Und siehst,

Eh der rote Stahl dich für immer blendet,

Wie Israels Stamm und Königtum endet.

ZEDEKIA (der, wie ein Blinder tappend, auf das Ruhebett gesunken ist,

die Hände flehend aufhebend):

Erbarmen! Erbarmen!

JEREMIAS:

So wirst du ins ewige Dunkel schrein,

Doch dir wird kein Helfer im Himmel sein,

Denn Gott erhört

Nie den, der frevelnden Übermutes

Seine Stadt vertan und sein Haus zerstört.

Er wirft dich nieder zu den Würmern und Schlangen,

Die blind am Bauche der Erde hinlangen,

Er wirft dich zum Abhub, zu den Siechen, Verschwärten,

Den Unreinen, zu den Aussatzverzehrten,

Er wirft dich in Abseits, zu Räude und Grind,

Wo die Ausgestoßenen des Volkes sind.

Ein blinder Bettler, der Ärmste der Armen,

Durchstreifst du fremd dein eigenes Land,

Und tritt einer nah

Und sieht unter dem aschenwirrichten Haar

Das, was einstens König zu Zion war,

Dann hebt er die Hand

Und flucht dir, König Zedekia!

ZEDEKIA (ist wie zerschmettert von den Worten stöhnend auf dem Lager

liegen geblieben. Jetzt richtet er sich langsam auf und sieht Jeremias

mit einem wirren Blicke schauernd an):

Was für eine Macht ist dir gegeben, Jeremias! Die Kraft hast du

gebrochen in meinen Gliedern, und das Mark steht starr mir im Leibe.

Furchtbar sind deine Worte, Jeremias!

JEREMIAS (die Ekstase ist von ihm gefallen, der Glanz in seinen Augen

erloschen):

Arm sind meine Worte, Zedekia, Ohnmacht meine Macht. Nur wissen kann ich

und nicht wenden!

ZEDEKIA (erschüttert):

Warum bist du nicht früher vor mich getreten?

JEREMIAS:

Ich war immer zur Stelle. Doch du fandest mich nicht.

ZEDEKIA:

Es muß so Gottes Wille gewesen sein! (Schweigen. Dann steht Zedekia

langsam auf und geht auf Jeremias zu): Jeremias, höre mich an -- ich ...

glaube dir! Furchtbareres hast du gekündet, denn je gekündet ward einem

König in Israel, und doch -- ich glaube dir. Mit Schauer hast du mein

Herz geschlagen, und doch, ich ward dir nicht gram. Es möge kein Streit

mehr sein zwischen uns im Schatten des Todes. Geh hinab, woher du

gekommen, nicht soll es dir fehlen an Zehrung, das letzte Brot meines

Tisches will ich teilen mit dir. Und niemand wisse um unsere Zwiesprache

denn Gott allein.

(JEREMIAS wendet sich zum Gehen.)

ZEDEKIA (gequält):

Jeremias! Muß es denn sein? Oh, Jerusalem, mein Jerusalem! Kannst du es

nicht wenden?

JEREMIAS (düster):

Es muß sein! Nichts vermag ich zu wenden. Verkünden ist mein Amt. Wehe

den Ohnmächtigen!

ZEDEKIA (schweigt, dann von innen):

Jeremias, ich habe es nicht gewollt! Ich mußte Krieg künden, aber ich

liebte den Frieden. Und ich liebte dich, weil du ihn gekündet hast.

Nicht leichten Herzens hab ich den Harnisch genommen, es war Krieg vor

mir unter Gottes Angesicht und wird auch nachdem sein. Viel habe ich

gelitten, sei dessen Zeuge zu seiner Zeit. Und sei bei mir, wenn dein

Wort sich erfüllt.

JEREMIAS (ergriffen):

Ich werde bei dir sein, mein Bruder Zedekia!

(JEREMIAS wendet sich langsam, abgekehrten Gesichtes von ihm. Er ist

schon bei der Türe, da ruft noch einmal:)

ZEDEKIA: Jeremias!

(JEREMIAS wendet sich.)

ZEDEKIA:

Tod ist über mir, und ich sehe dich zum letztenmal. Du hast mir

geflucht, Jeremias -- nun segne mich auch, ehe wir scheiden.

JEREMIAS (zögert, dann schreitet er feierlich zurück und hebt die Hände

über des Königs Stirn):

Der Herr segne dich und behüte dich auf allen deinen Wegen. Er lasse dir

leuchten sein Angesicht und gebe dir den Frieden.

ZEDEKIA (träumerisch verworren nachsprechend):

Und ... gebe ... uns ... den Frieden ...

DAS SIEBENTE BILD

DIE LETZTE NOT

»Ich hielt meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine

Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht

vor Spott und Speichel.«

Jer. L, 6.

Auf dem großen Tempelplatze am Morgen des nächsten Tages. Eine

gewaltige Menge, meist Frauen mit Kindern, drängt sich wild vor dem

Palaste die Stufen empor und wird eine einzige, lärmende Flut,

überschäumt von einzelnen gellen Rufen und Schreien. Die Vordersten

sind bis zu der Tür gelangt und hämmern an das Tor.

DER TÜRHÜTER (erscheint):

Was wollt ihr noch? Ich habe euch schon gesagt, es wird heute kein Brot

mehr gegeben!

EIN WEIB:

Aber ich habe Hunger! Ich habe Hunger!

EINE ANDERE:

Ein Brot haben sie mir gegeben für meine drei Kinder, klein wie die

Spanne meiner Hand! Sieh her: ganz dürr ist das Mädchen, wie Bast ihre

Finger. (Sie hebt ein Kind empor.)

EINE ANDERE:

Das meine sieh! Das meine! (Sie hebt ihr Kind empor.)

STIMMEN (wild durcheinander):

Ich habe Hunger ... Gib Brot ... Brot ... Brot ... Wir verhungern ...

Brot ... Brot ...

EINER (ist bis zur letzten Stufe emporgeklettert):

Her mit den Schlüsseln, sage ich.

STIMMEN (durcheinander):

Ja ... her mit den Schlüsseln ... Sperrt auf ... Die Schlüssel ...

Ja ... ja ...

DER TÜRHÜTER (den Emporgeklommenen vor die Brust stoßend):

Zurück! Befehl des Königs, jedem ein Brot zu geben bei Tagesanbruch, und

dann die Speicher zu schließen.

EINE STIMME:

Mir hat man keines gegeben!

ANDERE STIMMEN:

Mir auch nicht ... mir auch nicht ... Man hat mich vergessen ... mich

auch ... warum mir keines?

EINE FRAU:

Wie ein Goldstück war meines, und ich habe ein Kind an der Brust.

Gerechtigkeit!

EINE ANDERE:

Sand war in meinem, Kies und Sand!

EINE ANDERE:

Es sind nicht die gleichen Brote wie vordem! Falsch teilt man uns zu!

Gerechtigkeit!

DER TÜRHÜTER:

Nachum teilt jedem das gleiche zu. Er ist gerecht.

EINE STIMME:

Wo ist er?

ANDERE STIMMEN:

Ja, wo ist er? Wir wollen ihn sehen!... Wo ist er ... er soll uns Rede

stehn ... Heraus mit ihm ... Er bestiehlt uns ... wo ist er ...

EINE STIMME (aufreizend, grell):

Zu Hause sitzt er und mästet die Seinen. Kringel und Kuchen backen sie.

EIN ANDERER:

Ja, sie haben alles beiseite geschafft, die Reichen!

ANDERE:

Und wir sollen hungern ... nein! nein!... Sie bestehlen uns ... Brot für

die Armen ... Brot ... Brot ...

DIE AUFREIZENDE GRELLE STIMME:

Beim Könige sind die goldenen Schüsseln voll mit Wildbret und Leckerei.

Den Hunden werfen sie im Palast lieber die Reste vor als unseren

Kindern.

EINE STIMME:

Das ist nicht wahr.

ANDERE STIMMEN:

Ja ... ja ... ich habe es selbst gesehen ... meine Schwester sagt es

auch ... Wo ist Nachum ... Vorwärts ... Hinauf ... Brot ... Brot ...

Verschwunden sind sie jetzt alle ... Brot ... Brot ...

(DIE STIMMEN schwellen allmählich zu einem einzigen gewaltigen

Schrei »Brot! Brot!« an. Die Menge flutet die Treppen in steigender

Erregung hinauf, die Vordersten wollen schon den Türhüter greifen

und hämmern mit ihren Fäusten an die verschlossene Tür.)

(DER TÜRHÜTER hat in ein Horn gestoßen. Aus dem Palast eilt sofort

ABIMELECH mit einigen Kriegsknechten herbei.)

ABIMELECH:

Fort!... Stoßt sie zurück ... Hinunter die Treppen ... hinunter ... Raum

vor dem Palast.

(DIE MENGE flüchtet, gestoßen von den umgekehrten Lanzen, hinab in

panischem Tumult.)

DIE STIMMEN (durcheinander):

Wehe ... Er hat mich geschlagen ... Sie töten uns ... Wehe ... Wo ist

mein Kind ... Weh ... Gewalt ... Zu Hilfe!

(DIE MENGE hinabgedrängt, wogt unten in zorniger Erregung.)

ABIMELECH:

Seid ihr rasend! Der Feind wirft sich wider uns. Vor dem Walle stehe ich

seit morgens gegen seinen Ansturm, und derweil brecht ihr hier vor? Was

wollt ihr, Rotte?

DIE STIMMEN:

Brot ... Wir haben Hunger ... Brot ... Unsere Kinder verhungern.

ABIMELECH:

Jedem ist Brot zugeteilt.

DIE STIMMEN:

Mir nicht ... Man hat mich vergessen ... Nicht genug ...

ABIMELECH:

Der Feind berennt die Stadt! Spannt den Riemen enger. Kriegszeit ist

jetzt.

DIE STIMMEN:

Nicht genug ... Wir haben Hunger ...

ABIMELECH:

So hungert! Ihr könnt hungern, wenn wir bluten! Erst die Stadt, dann

ihr! (Aufmunternd): Es lebe Jerusalem!

EINE EINZIGE STIMME (aus der Menge, schwach):

Es lebe Jerusalem!

DIE AUFREIZENDE STIMME (grell):

Wer ist Jerusalem? Hat es Magen und Blut? Steine und Mauern sind nicht

Jerusalem. Wir sind Jerusalem!

DIE MENGE:

Ja! Wir sind Jerusalem ... wir wollen leben ... wir wollen nicht

verhungern ... Meine Kinder sollen leben ... Was ist mir Jerusalem?

Brot ... Brot ...

ABIMELECH (aufstampfend):

Ruhig, Volk! In die Häuser mit euch! Was steht ihr müßig auf dem Markt

statt an der Mauer! Es ist Krieg jetzt.

EIN WEIB:

Warum ist Krieg?

VIELE STIMMEN:

Ja, warum? Warum ist Krieg? Machen wir Friede ... Friede ... Friede ...

Brot ...

DIE AUFREIZENDE STIMME:

War uns nicht wohl unter Nabukadnezar, war sein Joch nicht sanft, und

linde unsere Tage?

VIELE STIMMEN:

Ja ... ja ... Friede mit ihm ... Friede ... Ja ... ja ... Endet den

Krieg ... Nieder mit dem Krieg ... Fluch dem, der ihn begann ...

EIN WEIB:

Zedekia hat ihn gewollt um der Ägypter willen ...

STIMMEN:

Ja ... Er hat uns verkauft ... Unsere Räte haben uns verraten ...

Zedekia hat uns verraten ... er hat sich verkrochen bei seinen Weibern.

ABIMELECH:

Wer wagt, den Gesalbten des Herrn zu schmälen? Der Erste ist er im

Kampfe ...

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Das ist nicht wahr!

ABIMELECH:

Wer sagt, es ist nicht wahr? Er trete vor, der Verleumder, ich will ihn

vor mein Schwert. Wer hat es gesagt?

(DIE MENGE schweigt.)

ABIMELECH:

Hütet euch vor den Verleumdern! Und jetzt in die Häuser, und wer Kraft

hat, an die Wälle.

STIMMEN (von rückwärts):

Nachum ... Nachum ... da ist er.

DIE MENGE (verteilt sich, flutet gegen Nachum, den sie umringt):

Nachum, guter Nachum ... Gib uns Brot ... Brot ... Brot ... Du bist der

Gerechte ... Nachum ... Hilf uns ... Guter Nachum ...

NACHUM (sich losringend):

Laßt mich los! Gebt mich frei!

DIE MENGE (hinter ihm die Treppen emporwogend):

Nachum, Nachum ...

ABIMELECH:

Zurück mit euch!

(DIE KNECHTE heben die Speere, die Menge bleibt schreiend unten.)

NACHUM:

Was wollt ihr von mir?

EINE STIMME:

Die Speicher schließ auf!

NACHUM:

Sie sind leer. Jedem ein Brot des Tages, das muß reichen.

DIE STIMMEN VON FRÜHER:

Ich habe keines bekommen ... ich auch nicht ... tu auf die Speicher ...

tu auf die Speicher ...

NACHUM:

Die Speicher sind leer.

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Wir wollen sie sehen.

VIELE STIMMEN:

Ja, wir wollen sie sehen ... ich glaube es nicht ... es ist nicht

wahr ... mit unseren Augen wollen wir es sehen ... schließe sie auf ...

wir wollen selbst sehen ... ja ... ja ... schließe auf ... ich glaube es

nicht ...

NACHUM:

Ich schwöre euch ...

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Wir glauben nur, was wir sehen. Zuviel hat man uns gelogen.

VIELE STIMMEN:

Ja ... alle haben uns belogen ... die Priester ... Ja, alle ... der

König ... Her mit den Schlüsseln ... Alle haben sie Lügen gesagt ...

Sieg haben sie verkündet.

ANDERE STIMMEN (immer stärker ausbrechend):

Wo sind die Ägypter ... Wir wollen sie sehen ... Zedekia hat sie

verheißen ... Wo sind die Wunder ... Wo sind sie ... wo ... Brot ...

Brot ... Her mit den Schlüsseln ... Brot ... Her mit den Schlüsseln ...

(DIE MENGE ist wieder mächtig aufgewogt gegen die Treppen. Sie

bedrängen Nachum und suchen ihm die Schlüssel zu entreißen.)

NACHUM:

Zu Hilfe! Zu Hilfe!

ABIMELECH (dreinschlagend mit seinen Knechten):

Hinunter, ihr Rotte! Hinunter! Hinunter!

EINE STIMME:

Wehe, ich bin getroffen!

VIELE STIMMEN:

Wehe ... mein Kind ... er hat mich geschlagen ... Mörder ... Mörder ...

Wehrlose schlagt ihr ... Sie morden uns ... Mein Kind ... Wehe ...

Gewalt ...

EIN WEIB (sich das Gewand aufreißend):

Hier hat er mich getroffen! Ich blute! Ich blute! Seht her!

DIE MENGE (die zurückgeworfen ist, stößt Wutschreie aus):

Rache ... Nieder mit ihnen ... nieder!

ABIMELECH:

Zum letztenmal! In die Häuser mit euch! Räumt den Platz, oder ich fasse

das Schwert!

DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME:

Unser ist der Markt, unser die Stadt!

VIELE STIMMEN:

Ja, wir bleiben.

EIN WEIB:

Ich bleibe, bis der König kommt.

STIMMEN:

Ja ... ja ...

DAS WEIB:

Mein Kind werfe ich ihm vor die Füße. Er soll es nähren. Ich weiche

nicht, ehe ich nicht Brot habe.

ANDERE:

Ich bleibe ... wir warten ... ich weiche nicht ... ich bleibe.

EINE STIMME (von rückwärts durch das Gedränge):

Abimelech, wo ist Abimelech?

ABIMELECH:

Hier bin ich!

DIE MENGE:

Dort ist er, der Verruchte ... der Mörder ...

DER BOTE:

Zu Hilfe, Abimelech ... Am Tore Moria sind sie eingedrungen.

(DIE MENGE stößt einen Schreckensschrei aus.)

ABIMELECH (mit dem Schwert sich durchschlagend):

Platz, Gesindel! Fort! Raum! (Er schlägt sich durch eine Gasse von

Entsetzen und Schreien mit dem Schwerte durch.)

(DIE MENGE wird jetzt im Entsetzen zu einem einzigen, gewaltig

tönenden Chaos. Während sie früher in einer Richtung, einem Willen

drängte, wirren die einzelnen jetzt durcheinander, strömen zu,

flüchten und kommen. Es ist ein brodelndes Geschwirr von Worten,

Schreien und Bewegungen in ihnen, das in seinen hundertfachen Formen

ein einziges ausdrückt: grenzenlose, sinnlose, ziellose Angst,

ratloses Entsetzen.)

STIMMEN AUS DER MENGE:

Bei Moria sind sie ... Wir sind verloren ... jetzt ist es zu Ende ...

wohin ... Meine Frau ... meine Kinder ... Wehe ... wehe ... Wo bist

du ... Gottes Tod über uns ... In den Tempel ... Elia ... Elia ...

Gott errette uns ... Wo sich bergen ... Wehe ... wehe ... Was sollen wir

tun ...

EINE STIMME:

An die Mauern ... Alles an die Mauern ...

STIMMEN:

Ja ... nein ... An die Mauern ... Elia ... Wohin ...

EINE GRUPPE löst sich ab und eilt fort, andere Gruppen strömen

wieder her, eine flutet heran und ruft mit einzelnen

STIMMEN:

In den Tempel ... In den Tempel ... Gott muß uns helfen ... Die

Bundeslade ... Die Bundeslade ... Traget sie vor ...

ANDERE STIMMEN:

In den Tempel ... Wo sind die Priester? Wehe, wo sind sie? Wo sind sie?

Verschlossen die Türen!

EINER (hereinstürmend):

Verrat! Der König ist geflohen! Wir sind verloren!

(DIE MENGE bricht in einen Schrei wütenden Entsetzens aus.)

STIMMEN:

Verraten sind wir ... verloren ... Wo ist der König ... wo sind die

Priester ... wo Hananja ... verraten ... Verschlossen die Türen ... wir

sind verloren ... wohin ... sie haben uns belogen ... Rache ... Rache ...

sie lassen uns ermorden ... Wehe, wer rettet uns ... Wer rettet uns ...

Tod über uns ... Die Chaldäer ...

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Fluch dem Könige!

STIMMEN (im Wutgeschrei):

Fluch! Fluch!

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Fluch den Priestern! Fluch den Profeten! Alle haben sie uns belogen!

DIE MENGE:

Fluch! Fluch!

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Sie haben geschlagen, die warnten und rieten ...

EINE STIMME:

Geschlagen Jeremias!

ANDERE STIMME:

Ja! Er hat es gesagt! Jeremias ... Jeremias ...

ANDERE STIMMEN:

Jeremias: Eine dramatische Dichtung in neun Bildern · 第 9 / 14 段