Traum, Traum, der mich verwirrte ... wo ...
ACHAB (zärtlich sich hinbeugend):
Wie fühlst du, du Liebe? Wie hast du geruht?
DIE MUTTER:
Wie kann ich ruhen ... wie ruhen in solcher Träume Schrecknis ... wo ist
er ... war er nicht hier ... wo ist er ... ich hab ihn gesehen ... was
ging er fort ...
JOCHEBED:
Sieh den Glanz in ihren Augen! Wie aus Fieber blickt sie, noch wirrt sie
der Traum.
ACHAB:
Wen meinst du, Liebe?
DIE MUTTER:
Fort ... was ging er fort ... was ließest du ihn von mir ... hier war
er, hier ...
ACHAB:
Keiner war im Gelaß, denn Jochebed und ich ...
DIE MUTTER:
Nicht er ... nicht er ... oh, Träume, wie voll ist von ihnen das Haus ...
(plötzlich sich aufrichtend, fiebrigen Blicks): Was rufst du ihn
nicht ... er soll kommen ... soll kommen ...
ACHAB:
Wen soll ich rufen?
DIE MUTTER:
Was fragst du, was fragst du? Siehst du nicht, Tod kniet auf mir, und du
rufst ihn nicht!
ACHAB:
Wie wagte ich ...
DIE MUTTER:
Oh, daß meine Füße vermauert sind, daß ich sieche, gehütet von blinden
Knechten, von steinernen Herzen. Fort ... fort von mir!
ACHAB:
Aber Liebe ...
DIE MUTTER:
Verraten hast du mich ... gesperrt ihm das Haus ... gewiß war er hier,
und du hast ihn fortgestoßen ... er war hier ... mein Blut spürt ihn an
der Schwelle ... er harrt nur des Rufes, und du schweigst ... Du hast
ihn weggestoßen.
ACHAB:
So höre doch, Liebe ...
DIE MUTTER:
Weh über mich ... fort ... fort von mir ... mögest du sterben wie ich,
verlassen von deinen Kindern, sterben am Streu wie das Räudige ...
ACHAB:
Ein Wort nur laß mich sagen.
DIE MUTTER:
Ein Wort nur will ich hören, nur eines: Er kommt, er ist da ...
ACHAB:
Dies eben vermeld ich ... er kommt ... schon nahen dem Haus seine
Schritte ...
DIE MUTTER (sich aufrichtend, ganz verzückt):
Er kommt ... er kommt ... mein Jeremias ... oh, Achab ... nicht belüge
mich ... nicht trüge den Tod ...
JOCHEBED:
Schon hat er die Söhne gesandt, daß sie ihn suchen ... bald ist er hier ...
DIE MUTTER:
Er kommt ... Ist es wahr ... er kommt ... ja, schon höre ich ihn ... in
mir gehen seine Schritte ... ich hör ihn im Haus ... er will herein ...
im Herzen pocht er ... hinab, so geh doch, ans Tor, eile, flieg hinab ...
was steht ihr noch ...
ACHAB (beruhigend):
Du Liebe, gleich ist er bei dir ... frühmorgens schon sandte ich die
Söhne ... er kommt gewiß ...
DIE MUTTER (wieder erregt):
Nein ... er kommt nicht ... träge sind sie, die Knaben, nicht suchen sie
ihn ... sie streichen die Gassen ... oh, eilten sie doch ... das
Dunkel ... das Dunkel ... im Blute steigt mirs auf ... ich ... ich will
ihn noch sehen, eh mirs blendet den Blick ... geh, Achab ... sieh
doch ... er ist da ...
ACHAB:
Gedulde dich, Liebe, nicht reg dich so wild.
DIE MUTTER:
Laß ihn ein ... was läßt du ihn warten ... hörst du nicht, wie er
hämmert am Tor ... an den Schläfen fühle ichs schon ... auf ... tu ihm
auf ... wie er hämmert ... weh ... wie er hämmert mit den Fäusten ...
auf, tu ihm auf ...
ACHAB:
Noch ist er nicht hier, Liebe, doch er zögert nicht lang ...
JOCHEBED:
Gleich wird er kommen ... gedulde dich ...
DIE MUTTER:
Nein, nein, er ist da ... was haltet ihr ihn von mir ... ich habe nicht
Zeit ... kalt rinnts mir die Glieder herauf ... oh, kalt ... wie Stein
meine Beine ... es will ... es will ...
(JEREMIAS ist leise zur Türe eingetreten und bleibt zögernd dort
stehen, seine Hände sind verkrampft, sein Haupt wie von ungeheurer
Last gebeugt.)
ACHAB:
Nicht raff dich so auf ... bette dich hin ... er wird ...
(ACHAB bemerkt Jeremias, er hält erschrocken inne; auch Jochebed
schweigt voll starrer Ergriffenheit. Eine steinerne Stille steht
plötzlich im dunklen Raum.)
DIE MUTTER (sich mühsam aufrichtend):
Was schweigt ihr plötzlich mit einemmal ... was schweigt ihr so?
(Plötzlich mit einem Jubellaut): Ist er gekommen ... ist er da, mein
Kind, mein Sohn ... mein Jeremia ... oh, daß meine Sinne so dunkel
sind ... wo ... wo bist du, Jeremia ...
(JEREMIAS tritt zögernd einige Schritte näher, bleibt dann stehen,
gleichsam vom eigenen Gefühle bezwungen.)
DIE MUTTER (sich gegen ihn wendend):
Du bist da, ich fühl es ... meine Sinne eratmen dich ... weh, daß es so
dunkelt vor meinem Gesicht ... was trittst du nicht nah, daß meine Hände
dich fassen ... Was kommst du nicht, mein Jeremia?
JEREMIAS (unbeweglich verharrend, die Hände an sich gekrampft):
Ich wage es nicht! Ich wage es nicht! Unheil hängt mir an, Fluch fährt
mir voraus. Laß mich ferne stehn, daß mein Hauch dich nicht rühre, nicht
Schauer anstreife dein heilig Herz!
DIE MUTTER (fiebrig):
Mein Kind, meine Arme, sie sehnen sich aus, was kommst du nicht, Lieber,
was kommst du nicht nah? Ward dir so widrig die Lippe, so fremd meine
Hand?
JEREMIAS:
Fremd bin ich mir selbst, fremd steh ich im Haus!
DIE MUTTER:
Oh, er verstößt mich, er läßt mich zum andermal! Was läßt du mich
sehnen, was bist du so hart?
JEREMIAS:
Ich kann nicht! Ich kann nicht! Ein Wort brennt zwischen mir und dir wie
des Engels Schwert.
DIE MUTTER:
Oh, der Fluch, den ich tausendmal selber verfluchte. Wind hat ihn
zerblasen, mit dem Atem ist er verweht.
JEREMIAS:
Nein, Mutter, wach ist dein Fluch und alle Gassen rege deines Worts. Von
den Häusern ist er gefahren wider mich, aus aller Menschen Mund sprang
er mich an. Nicht dein Sohn, nicht atmend Fleisch bin ich mehr, nur
Gelächter einer Welt, der Ausgestoßene bin ich worden meines Volks und
der Zorn der Gerechten, der Vergessene Gottes und Ekel mir selbst.
Allein, laß mich allein, abseits laß mich stehen im Dunkel, den
Verfluchtesten aller!
DIE MUTTER:
Oh, mein Kind, und wärest du der Verstoßene einer Welt, in der Priester
Bann und des Volkes Acht, und hätte selbst Gott dich verstoßen von
seinem Antlitz, mein Kind bist du und mein selig Blut für immerdar! Für
ihren Haß will ich dich lieben und segnen für ihren Fluch! Haben sie
gespien auf dich, oh, komm, daß ich dich küsse; haben sie dich
verstoßen, oh, komm, daß ich dich empfange; oh, kehr heim an mein Herz,
da du ausgegangen. Süß ist mir deine Lippe, die bittere, und süß das
Salz deiner Tränen, gesegnet mir dein Wandel für allezeit, kehrst du nur
heim an mein mütterlich Herz ...
JEREMIAS (mit einem Aufschrei hinstürzend und in die Knie sinkend):
Oh, Mutter, du ewige Güte du! Oh, Mutter, du meine verlorene Welt!
DIE MUTTER (ihn in den Armen einwiegend, hält ihn lautlos umfangen. Ihre
Hände streichen immer aufs neue zitternd über sein Haupt, seinen Leib.
Endlich blickt sie ihn an, in ihrem Auge glänzt ein fremdes,
glückseliges Licht, wie sie gleichsam in singender Klage zu ihm
spricht):
Mein Kind, du mein weltverlorenes Kind,
Ach, wärst du doch niemals von mir gegangen
Zu den Menschen, die starr wie die Steine sind!
Oh, du Lieber, du Guter, du spät Belehrter,
Mein Herzgewiegter, mein Heimgekehrter
Ruh aus nun, du Lieber, am Herzen ruh aus,
Ich habe dich ja wieder, spür Blut dich im Blut,
Väterlich hält dich mit Stille das Haus,
Mütterlich warm mein Arm dich gefangen.
Laß dir streicheln die Stirn, laß dir schmeicheln das Haar
Wie einstens, wenn in dir ein Wehes war,
Und das Wort, das harte, das törige Wort,
Sieh, schon streichts die Hand von den Schläfen dir fort.
JEREMIAS (mit leisem Erschrecken):
Oh, Mutter, wie deine Hände doch schmal sind,
Oh, Mutter, wie deine Wangen doch fahl sind,
Dein Herz ward so still, deine Lippen so blaß.
Bist du krank denn, Mutter, sag, fehlt dir etwas?
DIE MUTTER:
Was mir fehlte, warst du allein,
All, was mich quälte, dein Fernesein.
Als hier vom Haus
Dein letzter Schritt im Gang verklang,
Da ward herzinnen mir so schwach,
Wie jenes Tags vor Jahr und Jahr,
Als ich dich in die Welt gebar
Und vieler Monde volle Frucht
Aus meinem süß beschwerten Schoß
Mit einmal schmerzhaft von mir fiel
Und fast das Herz mir stille stand,
Da es nicht mehr dies andre fand,
Das mit ihm schwang im Wechselspiel. --
Oh, jene Stunde banger Qual,
Da du zuerst dich mir entrafft,
Als neue Not und Mutterschaft
Durchlebt ich sie nun abermal,
Oh, Tag um Tag und Nacht für Nacht,
Und du weißt nicht, wie Sehnsucht uns müde macht.
JEREMIAS:
Oh, Mutter, so hast du um mich gelitten,
Und ich stieß durch die Straßen, starrfühlend wie Stein!
Oh, Mutter, wie kann ich dir dies abbitten,
Oh, Mutter, wie kannst du mir dies verzeihn!
DIE MUTTER:
Und wenn ich so mit mir allein
Im leeren Haus verlassen lag,
Träumt ich dir all deine Träume nach.
Bei Tag
Da duckten sie sich, da hockten sie stumm
Im grauen Gespind und Gebälk herum.
Doch kaum, daß am Dach die Sonne verblich,
Da regten sie sich,
Wie Eule, Unke und Fledermaus
Flatterten sie schwarz aus den Schatten aus.
Sie schlichen
Und strichen
Um meine Schläfen mit Graun und Geraun.
Sie hockten
Sich schwer auf die Brust, daß der Atem mir stockte.
Sie hackten
Und nagten
Kaltgleitende Schatten mir schwarz auf der Stirn
Und fraßen den Schlaf vom Herzen und Hirn.
Oh, wie sie mich quälten, die widrigen Tiere,
Die wirrichten Träume, die geilen Vampire,
Bald kühlten und bald durchschwülten sie mich,
Bis tiefst zu innen aufwühlten sie mich,
Daß ich, wenn endlich der Morgen anbrach,
Entkräftet im Schweiß meines Leibes lag,
Von Schauer und Traum
Ganz ausgehöhlt wie ein uralter Baum.
JEREMIAS:
Oh, Mutter, oh, Mutter, was tat ich dir an!
Und ich strich die Straßen, fremd, unbedacht!
Mit Jahren laß jede Nacht mich entsühnen,
Die du um meinetwillen verwacht!
Jetzt, jetzt erst hebt ja mein Leben an,
Seit ich heim in deine Vergebung mich fand,
Nun weiß ich erst, daß die wirrichte Welt
Der Liebe nicht auch nur ein Tausend enthält,
Als das milde Kreuz deiner Arme umspannt.
DIE MUTTER:
Oh, mein Sohn, mein Kind, mein Jeremia,
Oh, ahntest du, was du an Tröstung gibst,
Wenn ich wieder erfühle, daß du mich liebst,
Oh, daß du doch immer mir nahe bliebst,
Du mein brennender Trost, mein seliges Licht,
Du mein Erdenbrot, du mein Gottesdank,
Genesen entglüht mir schon deinem Gesicht!
Oh, höre, ich beschwöre dich,
Jeremias, verlaß mich nicht,
Bleib mir jetzt nah, es währt nicht lang,
Bleib da bei mir, Jeremia!
JEREMIAS:
Was fürchtest du ... ich faß dich nicht ...
DIE MUTTER:
Nicht lüge, nicht betrüge mich.
Glaubst du, daß ichs nicht innen spür,
Wie sichs mit mir zu Ende neigt.
Ich fühls: der Tod ist wach in mir!
Und wie in einer Schattenuhr
Ganz unmerklich
Der schwarze Zeiger Strich um Strich
Wandaufwärts schiebt und ründet sich,
So steigt
Mit jedem wachen Atemzug
Das Dunkel tiefer mir ins Blut.
Weh, daß ichs selbst so wissend spür,
Wie ich im wachen Blut einfrier.
JEREMIAS:
Mutter, wie soll ich den Wahn verstehn,
Du willst mich verlassen? Willst von mir gehn?
Bedenke, nun sind
Wir doch einander kaum wiedergewonnen,
Zu neuer Gemeinschaft, Mutter und Kind,
Nun erst hat mein wahrhaft Leben begonnen,
Gott hat nicht vergebens mich heimgesendet
Aus meiner Wirrnis und meinem Wahn:
Ein Anbeginn ist dies von Gott und kein Ende,
Oh, Mutter, heb neu mir zu leben an!
DIE MUTTER:
Du ewiger Träumer, du mein töriges Kind,
Wie verführungsvoll deine Worte doch sind!
Ach, daß ichs vermöchte,
Was du ersehntest, dir wahrhaft zu werden,
Ein Traum wär die Welt, zum Himmel die Erde!
Im stillen Haus, einträchtig zu zwein,
Wie friedsam sollte dies Leben sein!
Mit lindem Gang
Schritt ich des Tags deine Stunden entlang,
Und zur Nacht
Säß ich ob deinem Schlummer wach
Und glänzte den Blick als ein lauschend Licht
In das schlafend Dunkel auf deinem Gesicht,
Ich horchte in deines Atems Getön,
Ob still er weht
Oder heiß von Fiebern und Träumen geht.
Und fühlt ich, die Träume erschreckten dich,
So weckte ich dich,
Und dein erster, dunkelenttauchender Blick
Fiele froh in das Lächeln des meinen zurück.
JEREMIAS:
Mutter, Geliebte, sorge dich nicht,
Meine Nächte sind dunkel und träumeleer.
Es ist vorüber: ich träume nicht mehr.
DIE MUTTER:
Du träumst nicht mehr?
JEREMIAS:
Ich träume nicht mehr.
Mein Schlaf ward schwarz, mein Schlaf ward stumm,
Nicht mehr wallen
In meinem Blut die Gesichte um,
Meine Träume sind tief in den Tag gefallen,
Ihr Schauer hat sich den Stunden gesellt:
Ich träume nicht mehr, denn wach ward die Welt.
DIE MUTTER (ekstatisch):
Jeremia! Du träumst nicht mehr?
Oh, wie gut! Oh, wie gut!
Siehst du Verzagter, ich wußte es ja,
Gott würde dein dunkelndes Herz erleuchten
Von seiner Wirrnis und seinem Wahn!
Oh, so selig sicher glühts mir im Blut,
Was ich dich lehrte von Anfang an:
Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen,
Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen,
Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm,
Ewig werden die ragenden Mauern,
Ewig die Herzen Israels dauern,
Ewig währet Jerusalem!
JEREMIAS (ist von den Knien aufgefahren. Er starrt sie wie ein Sinnloser
an. Seine Lippen beben das Wort wie eine Frage nach):
Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt ... umwallen?...
DIE MUTTER (aufzitternd vor Angst):
Was schrickst so jäh,
Was blickst du so blaß?
JEREMIAS (noch ganz benommen im Schauer):
Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt umwallen ...
DIE MUTTER:
Jeremia, sprich,
Was ist dir geschehn,
Was krampfst du die Hand,
Was birgst du den Blick?
Was schrickst du und blickst du so unbewußt?
Und ihr,
Achab, Jochebed,
Was winkt ihr ihm ab,
Was blinkt ihr ihm zu,
Jeremia, Jeremia,
Sage mir, sage, was ist geschehn?
JEREMIAS (sich fassend):
Nichts, Mutter ... nichts ... nicht errege dich.
Mir war
Nur dein Wort so fremd ... so sonderbar.
DIE MUTTER:
Nein!
Euer Blick
Ward mit einmal schwarz und sorgenumdüstert;
Und nun steht ihr im Dunkel und schauert und flüstert.
Fürchterlich, fürchterlich
Ist dies Geheimnis, das ihr verschließt.
Ich spür
Es wie Tod und Gottes Zorn über mir.
JEREMIAS (stammelnd):
Nichts, Mutter ... nichts ... verbergen wir dir.
DIE MUTTER:
Was belügt ihr mich,
Was betrügt ihr mich?
Noch bin ich nicht tot und nicht eingesargt,
Noch geht der warme Atem von mir,
Noch schlägt mir das Blut aus dem Herzen heraus,
Noch kann ich hören, noch bin ich nicht stumm,
Noch bin ich lebendig im eigenen Haus.
JEREMIAS:
Mutter ... du fieberst ... Wahn hält dich umkrallt,
Deine Schläfen sind Feuer ... deine Hände so kalt ...
DIE MUTTER:
Was biegt ihr mir aus,
Was schließt ihr mich ab?
Und wär es die Schrecknis, ich will um sie wissen!
Warum, oh warum
Sind hier die Fenster und Türen verhängt,
Warum ist alles so dunkel und stumm?
Wie in einen Sarg
Habt ihr mich wach in mein Bett versenkt,
Mich schwarz vergraben in Matten und Kissen.
Warum, warum
Stoßt ihr gewaltsam in Grauen und Grab
Mich, die Lebendige, jetzt schon hinab?
JEREMIAS:
Mutter ... Mutter ... bette dich hin ...
Nicht wirf dich hoch ... beruhige dich ...
Meine Hände fühle ... ich bin doch bei dir ...
DIE MUTTER:
Ich lebe ... ich lebe ... ich lebe noch,
Ich lasse mich nicht belügen und trügen.
Fürchterlich Wachen kommt über mich.
Ich weiß es, ich weiß es jetzt grauenvoll klar,
Daß mein Träumen nicht Traum, sondern Wirklichkeit war.
Oft
Hörte ich Dröhnen
Von Rossen und Wagen,
Ein Tönen,
Klirren und Klagen und Waffenschlagen,
Posaunen schollen dumpf in den Raum her,
Und ich lag
Von Grauen umdrängt
Und meinte,
Daß all dies nur mein eigener Traum wär.
Doch jetzt
Bin ich wach,
Grauenhaft wach,
Der Tod hat die Lider mir aufgesprengt.
Ich weiß,
Warum ihr das Licht und den Lärm mir verhängt:
Unheil ist um in der Stadt, in den Toren,
Wir sind geschlagen, wir sind verloren.
Wehe, Krieg ist in Israel!
JEREMIAS:
Mutter! Mutter!
DIE MUTTER:
Jeremia,
Jeremia, sprich,
Nicht laß mich in Dunkel, nicht schweige mich an.
Sag,
Ist er gekommen,
Den du verkündet,
Der König, der König von Mitternacht?
JEREMIAS:
Du träumst, Mutter, du träumst.
JOCHEBED (flüsternd):
Leugne es ihr ... um ihres Lebens willen leugne es ihr ...
DIE MUTTER (im Fieber):
Weh, die Fanfaren,
Wie sie dröhnen und schallen!
Er ist da, er ist da,
Der reisige König von Mitternacht!
Krieg ist in unsere Länder gefallen,
Feind kommt gefahren
Unendliche Scharen.
Weh, wie sie stürmen!
Es knicken die Mauern,
Es brechen die Tore
Gewaltig entzwei.
Verloren ... verloren
Israels Stadt und heiliges Haus.
Die Mauer begräbt mich,
Die Mauer erschlägt mich.
Weh! Ich will nicht verbrennen im Bette!
Rette mich, rette!
Wohin
Soll ich entfliehn?
Jeremia ... wo bist du ... Jeremia,
Hebe mich fort ... trag mich hinaus!
JEREMIAS (bei ihr kniend):
Mutter, Mutter, unseliger Wahn
Hält dich umkettet,
Mutter, Mutter, höre mich an!
DIE MUTTER:
Ich halt deine Hand, ich halt deine Hände,
So schwöre mir, schwöre,
Daß es nicht wahr ist.
Schwöre mir, schwöre,
Daß Israel nicht in Not und Gefahr ist.
Schwör mirs, beschwöre,
Daß kein Feind mir die letzte Ruhe verstört,
Daß mein Leib in Zion zur Erde fährt!
JEREMIAS (erschreckt):
Es wird ... es wird ... Gott wird gnädig sein
Unserm Tode, wie ers dem Leben ist.
DIE MUTTER:
Jeremia,
Sage mir, sage,
Bin ich wach oder wirr,
Ist Feind vor den Toren
Oder seligen Friedens voll unsere Welt?
(JEREMIAS mit sich ringend, sucht vergeblich ein Wort.)
ACHAB (gleichzeitig auf ihn eindringend):
Täusche sie ... sprich
doch ... eh sie vergeht.
Siehst du denn nicht,
Wie dunkel schon auf ihrem Gesicht
Schatten des Todesengels hinweht?
Die Angst ... die Schrecknis ... scheuch ihr sie fort ...
JOCHEBED:
Sprich ihr zu ... sonst wird es zu spät ...
Ein Wort nur ... ein Wort,
Daß sie in Frieden zu Gott eingeht.
JEREMIAS (mit sich ringend):
Ich ... kann nicht ... ich kann nicht.
Es hält mir einer die Kehle umpreßt,
Es hält mir einer die Seele umschnürt ...
DIE MUTTER:
Wehe,
Er schweigt,
Oh, wahr, es ist wahr!
Gott hat sein eigenes Volk geschlagen ...
Jerusalem ... Fluchtag, der mich gebar ...
Das Dunkel ... wehe ... das Dunkel steigt ...
Brand überm Land ... die rasende Glut ...
Weh, ich verbrenne ... rettet mich fort ...
ACHAB (gleichzeitig):
Ein Wort ... ein Wort nur sprich ... nur ein Wort.
JOCHEBED:
Tröste sie ... tröste sie ... eh sie vergeht ... Ein Wort nur ... ein
Wort ... sieh, wie sie verschmachtet.
JEREMIAS (wie ein Gewürgter röchelnd):
Ich ... kann es nicht sagen ... das Wort ...
Er läßt nicht ... Er ... Mir die Kehle verdorrt ...
Die Hand ... die grausame Gotteshand ...
Mir ... die Seele geschnürt ... die Kehle umspannt ...
Gott ... Gott, gib mich frei ... gib mich frei ...
DIE MUTTER (aufzuckend in wildem Schrei):
Verloren ... weh ... wehe ... ich brenne ... Mord im Gezelt ...
Hilfe ... die Stadt ... der Tempel ... Gott fällt ...
Gott ist gefallen ... verloren ... die Flammen Gehennas ...
Ins Herz ... bis ins Herz ... oh, Jerusalem ...
(Die Mutter stürzt plötzlich in sich zurück. Ein tiefes Schweigen.)
(ACHAB UND JOCHEBED treten erschreckt heran und beugen sich über die
Tote.)
JEREMIAS (Stimme plötzlich grell wie ein Springquell aufschießend):
Es ist nicht wahr:
Ich log, ich log,
Ewig währet Jerusalem,
Nie wird ein Feind unsere Stadt umwallen,
Nie Zion sinken, nie Davids Burg fallen.
Höre mich, Mutter, noch einmal aufhöre,
Ich schwöre, siehe, ich schwöre, ich schwöre:
Ewig währet Jerusalem!
ACHAB (im Zorn):
Weg,
Du schreist sie nicht wach!
Laß ihr den Frieden!
JEREMIAS:
Sie muß mich hören, sie muß mich hören,
Eh es zu spät ist!
ACHAB:
Es ist zu spät!
Weg
Von ihrer Stille,
Fort aus dem Gemach,
Du schreist sie nicht auf, du lügst sie nicht wach!
Was sprachst du nicht, da sie vor Angst sich verzehrte
Und ihr Leben an deinem Schweigen verging?
Fort,
Du Mitleidsloser, du Gottesnarr,
Du wüster Träumer, du Ausgestoßner!
Da,
Sieh nur, wie starr
Ihre Blicke nach Güte und Hoffnung fragen,
Und du hast
Ihr den Schrecken des Todes hineingeschlagen.
Du Gottverfluchter ... weg ... laß ihr den Frieden ...
Der du sie selber gemordet hast.
JEREMIAS (stammelnd):
Laß mich ... ich will ...
JOCHEBED:
Fort, du Aussatz
Von den Gerechten,
Fort aus dem Haus!
Wehe, warum
Ließ sie dich ein?
Weg, du Verfluchter,
Rühr nicht die heilige Stille an
Und den Tod, den du ihr angetan.
JEREMIAS (zusammenbrechend):
Ewig verflucht,
Ewig verstoßen,
Aus dem Mutterschoß in die Welt hinein,
Gott ... Gott ... es ist hart, dein Bote zu sein!
(ACHAB UND JOCHEBED umschreiten feierlich die Tote. Sie drücken ihr
die Augen zu und schlagen die Laken um ihren Leib. ACHAB geht zu den
Krügen und schüttet das Wasser auf die Erde. Man hört nur ihr
ernstes Schreiten. Jeremias stumpfer Blick ist starr zu Boden
gerichtet. Ein langes, tiefes Schweigen voll der Geheimnisse des
Todes.)
(LÄRMEN von außen, heftige Stimmen in Erregung.)
ACHAB:
Wer dringt heran?
JOCHEBED:
Außen stehen sie, ein lärmender Hauf. Sie wollen ins Haus.
ACHAB:
Wie die Feinde pochen sie hart. Tu ihnen auf!
JOCHEBED:
Wehe, die Wilden! Sie sprengen das Tor!
(Gepolter nah außen von zerbrechendem Holz. Herauf dringt das
Dröhnen schwerer hastiger Schritte und herein stürmen SEBULON,
PASHUR, HANANJA, DER ERSTE KRIEGER und ein Schwarm mit ihnen.)
SEBULON:
Hier muß er sein.
EIN KNABE:
Ich sah ihn eingehn ins Haus.
STIMMEN:
Ich auch! Vor einer Stunde schlich er hier ein. Ich hielt Wache, wie du
befahlst ... ich auch ... ich hab ihn gesehn.
ACHAB:
Wen sucht ihr?
PASHUR:
Gib ihn heraus, den du birgst!
SEBULON:
Wir wollen ihn fassen! Blut um Blut!
ACHAB:
Was lärmt ihr! Weg von hier, ihr Rotte ...
PASHUR (die Tote sehend, hebt die Hände von sich und spricht ernst):
Gelobt sei der ewige Richter. Gnädig möge er sein der Gerechten! (Dann
wendet er sich und tritt schweigend zurück.)
DIE ANDERN (plötzlich still werdend, murmeln):
Gelobt sei der ewige Richter ...
EINER (leise):
Wer starb?
ACHAB:
Eine, von der Gott sein Antlitz kehrte. Eine Kummervolle, eine
Leidbeschwerte. Eine, deren Schmerz und bitterste Sorge war, daß sie
einen Feind ihrem Volke gebar.
EINER:
Jeremias!
SEBULON:
Ihn suche ich! Ihn suche ich! Jeremias!
JEREMIAS (auffahrend, seine Stimme ist gewaltig von schmerzlichem
Zorne):
Wer sucht mich noch? Wer will noch Fluch schreien über mich? Er komme,
daß er es tue, der Aufgetane bin ich allen Flüchen dieser Erde!
SEBULON:
Ich komme, dir zu fluchen, du Verfluchter, ich, Sebulon, der Vater
Baruchs, den du verführtest. Wo ist mein Sohn?
JEREMIAS (abwesend):
Ich weiß es nicht. Nicht bin ich der Hüter deines Sohnes.
SEBULON:
Der Verführer doch bist du und der Verderber. Schande hast du geworfen
auf mein Haupt und Schmach auf seinen Namen. Brüder um mich, höret,
diesen klage ich an! Er hat meinen Sohn verlockt, daß er untreu ward
seinem Gotte und feige an seinem Volke. Er hat ihn beredet, mit Worten
des Unheils und verleitet zur Schande.
HANANJA:
Antworte! Klage erhebt dieser Mann wider dich!
JEREMIAS:
Auch er klaget, auch er? Wehe, wenn ich anhübe zu klagen, mein Wort
müßte fahren zu Gott!
STIMMEN:
Er schweigt ... er redet wirr, daß man ihn nicht fasse ... Haltet
Gericht ... nicht gebet ihn frei ... Pashur, Hananja ... Ein Ende machet
mit ihm ... haltet Gericht ...
HANANJA:
Hast du Zeugen deines Wortes, Sebulon?
SEBULON:
Verschwunden ist mein Sohn aus der Stadt, und mit ihm nur ward er
gesehn! Und dieser hat gehört, wie er ihn verlockte des Mitternachts an
der Mauer, daß er überliefe zum Feind!
HANANJA (zu dem ersten Krieger):
Bist du des zu zeugen erbötig?
DER ERSTE KRIEGER:
Ich bin es, Profet! Da ich stund auf dem Walle, kamen selbander die
beiden, dieser, Jeremias, den ich kannte, und ein Jüngerer, wie ein
Knabe anzuschaun, schwarz von Haar und feurigen Blickes ...
SEBULON:
Baruch, mein Sohn, mein Kind, das verführte!
DER ERSTE KRIEGER:
Und viel Redens war zwischen ihnen, und dieser, Jeremias, kündete laut
Untergang, daß mir das Herz ergrimmte ...
HANANJA (zu den andern):
Habt ihr vernommen? Laut kündete er Zions Fall!
DER ERSTE KRIEGER:
... und da der König gegangen war und beide allein, klomm jener, den ihr
Baruch nennet, die Mauer hinab und lief zum Feinde, indes dieser zagte
und blieb.
SEBULON:
Hört ihr? Habt ihrs vernommen, Männer Israels? Der Verführung klage ich
ihn und der Schmach über mein Haus.
PASHUR:
Was ist dein Einspruch, Jeremias? Klage stehet wider dich.
JEREMIAS (schweigt).
PASHUR:
So nennest du keinen Zeugen?
JEREMIAS (dumpf):
Der für mich zeugen wird, nennet sich nicht.
PASHUR:
Wird er sich erweisen zur Zeit?
JEREMIAS:
Oh, Schweigen, Schweigen! Qual eurer Worte!
HANANJA:
Hört ihr? Eitel Ausflucht und Ränke!
STIMMEN:
Er leugnet nicht ... überwiesen ist er! Ein Ende, macht ein Ende.
PASHUR:
Stille! Gerecht Gericht will ich halten! Jeremias, ich rufe dich zu
Einspruch und Widerrede!
JEREMIAS (schweigt).
PASHUR:
Klage ist wider dich, daß du gekündet Untergang wider des Königs Geheiß.
JEREMIAS (schweigt).
STIMMEN:
Er verbirgt sich ... brich seinen Trotz ... ein Ende, mach ein Ende ...
HANANJA:
So leugnest du deine Verheißung?
JEREMIAS (schweigt wie abwesend).
HANANJA: