Der Zorn des Herrn ist gefallen über des Friedens Verstörer, und von

Mitternacht den König hat er gen Israel gesandt, daß er ihm breche Türme

und Trotz. Wachet auf, um zu fliehen, wachet auf, euch zu retten, denn

er ist gekommen, der Würger eurer Söhne, der Schänder eurer Töchter, der

Verwüster eurer Felder. Wachet auf! Wachet auf!

ZEDEKIA (zusammenschreckend und sich schließlich stark aufraffend):

Wer spricht da? Wer redet da?

DER ERSTE KRIEGER:

Ein Wahnwitziger ist es, Herr, der Mond hat ihn verwirrt.

STIMMEN:

Sperr ihm das Maul ... fort mit ihm ... fort ... ein Toller ...

ZEDEKIA:

Nein ... bring ihn vor ... ich will ihn sehen ... ich will sehen, daß

ein Lebendiger solches sprach ... denn zu furchtbar klang diese

Stimme ... mir war, als schrien Klage die Steine Jerusalems, als entbebte

der Mauer das Wort ...

(DIE BEIDEN KRIEGER eilen hinab.)

ABIMELECH:

Nicht laß dich verwirren, Herr ... viele sind gekauft in der Stadt von

chaldäischem Gold ...

ANDERE:

Nicht höre ihn an ... laß von der Mauer ihn werfen ... Nicht mit den

Verängstigten sprich ...

(JEREMIAS UND BARUCH werden von den beiden Kriegern heraufgeholt,

Jeremias vor den König gestoßen.)

DER ZWEITE KRIEGER:

Dieser ist es, der so lästerlich redete. Schon vordem habe ich ihn

belauscht.

ZEDEKIA:

Sie sagen von einem, der umginge in der Stadt und Unheil kündete vor den

Leuten. Ist es dieser?

STIMMEN:

Er ist es ... Jeremias ... Fluch über ihn ... Unheil sprengt er aus ...

er vergiftet die Herzen ... ein Lügner ist er ...

BARUCH:

Gottes Bote ist er, und Wahrheit kündet er, ich zeuge für ihn.

STIMMEN:

Wer bist du, daß du zeugest?... Du Knabe ... nicht höre ihn ...

niederschlagen soll man solch Otterngezücht.

ZEDEKIA:

Schweiget ... Weg mit diesem vorerst, ich bedarf eines Zeugen nicht ...

(BARUCH wird zurückgestoßen in das Dunkel.)

ZEDEKIA:

Tritt heran zu mir, Jeremias ... Bist du es, der Israel verwirrt?

JEREMIAS:

Von Israel geht Wirrnis aus und nicht von mir.

ZEDEKIA:

Ich kenne deine Stimme ... ich muß sie gehört haben ... aus meinem

Herzen klingt etwas zurück, da du mir zusprichst, und doch blickte ich

dich nie. Oder ... Warst du es nicht, der damals um Friede schrie vor

dem Palast ...

JEREMIAS:

Ich war es, Herr!

ZEDEKIA:

Du warst es, Jeremias? Viele schrien um mich zu jener Stunde, doch als

ich heimging des Nachts und ruhte ohne Schlaf auf meinem Lager, da war

dein Ruf noch wach in meinem Herzen.

JEREMIAS:

Gott wollte, daß du ihn hörtest, und weh dir, daß du ihn wegwarfst, denn

es wäre Schlaf jetzt auf deinen Lidern und ein Friede in Israel.

DIE ANDERN:

Nicht höre auf ihn, König ... ein Gaukler ist er und frevelt mit Gottes

Wort ... sprich nicht mit ihm ...

ABIMELECH:

Was schaffst du hier auf der Mauer des Nachts? Zu den Chaldäern willst

du fallen? Nimm ihn fest, mein König, sein Wandel ist Gefahr!

EINER:

Seine Mutter ringt mit dem Tode, vergiftet hat sie sein Wort. Aber er

meidet das Haus, sieh, des Nachts schweift er hier um und späht zu den

Feinden ...

JEREMIAS (erschreckt):

Meine Mutter, sagst du ...

ANDERE:

Ein Verräter ist er ... nicht höre ihn, mein König ... nicht höre ihn ...

nimm ihn fest ...

ZEDEKIA:

Ruhe um mich! Meine Seele ist so schwach nicht gemauert, daß ein

Schwätzer sie werfe. Jeremias, tritt her zu mir und sei ohne Scheu. Ich

habe das Wort vernommen, das du riefest am Tage des Ausgangs, und dies

Wort klang mir zu, denn ein Gotteswort ist das Friedenswort. Doch

vergangen ist das Vergangene. Nun brennt Krieg zwischen Assur und

Israel. Nicht bändigt ihn mehr ein Wort, ich kann ihn nicht niedertreten

mit dem Willen ...

JEREMIAS:

Du kannst es, Herr!

ZEDEKIA (zornig):

Wie kann ich es noch? Siehst du den Feind nicht um die Mauern, hörst du

seine Speere nicht klirren im Wind? Wie kann ich das wenden?

JEREMIAS:

Du kannst es, Herr, denn du bist der König.

ZEDEKIA:

Kann ich sie fortblasen mit meinem Hauch, kann ich austilgen das

Vergangene? Zu spät ist es für den Frieden.

JEREMIAS:

Es ist nie zu spät.

ZEDEKIA (noch zorniger):

Wie ein Einfältiger redest du. Noch ward Assur nicht geschlagen von

Israel und nicht Israel von Assur, noch ist Blut nicht geflossen. Wie

kann ich enden, was nicht begonnen?

JEREMIAS:

Das Blut ist ein Graben zwischen den Völkern. So tiefer du ihn ziehest,

so schwerer wirst du ihn dämmen. Darum laß sprechen die Worte vor dem

Schwert, geh hin zum König oder sende ihm Botschaft!

ZEDEKIA:

Ich soll zu Nabukadnezar, meinem Feinde?

JEREMIAS:

Sende Boten an ihn, vielleicht, daß du noch rettest Jerusalem!

ABIMELECH:

Eine Schmach sind seine Worte, eine Schmach für Israel ... fort mit dem

Zagherzigen ...

ZEDEKIA:

Warum soll ich senden zu ihm, warum ich als der erste? Bin ich sein

Knecht denn, bin ich der Besiegte schon?

JEREMIAS:

Es muß einer den Frieden beginnen, wie einer den Krieg.

ZEDEKIA:

Warum soll ich es sein, der als der erste spricht, warum ich und nicht

er? Soll er meinen, daß ich verzagte? Möge er senden zu mir, so will ich

Zwiesprache halten und erwägen sein Wort. Doch warum ich als der erste?

JEREMIAS:

Selig, der als erster die Hand bietet für den Frieden, selig der König,

der das Blut spart seines Volkes.

ZEDEKIA:

Und wenn ich die Hand böte, wenn ich mein Herz bezwänge, Jeremias, wenn

ich so täte, wie du heischest, und er stößt sie zurück, meine Hand?

JEREMIAS:

Selig die Verstoßenen um der Gerechtigkeit willen, denn Gott nimmt sie

auf an sein Herz.

ZEDEKIA:

Ich aber sage dir, die Kinder würden meiner spotten und die Weiber

lachen meiner Schmach.

JEREMIAS:

Besser, der Narren Gelächter hinter dir, als der Witwen Klage. Nicht

deiner gedenke jetzt, sondern des Volkes, dem du gesetzt bist von

heiliger Hand. Laß dich verlachen von den Toren um der Gerechtigkeit

willen, aber tu Gottes Tat! Tu auf die Tore, tu auf dein Herz, Zedekia,

bedenke, du rettest Jerusalem! Du hast dich erhoben wider Assur, so

beuge dich vor ihm!

ZEDEKIA:

Ich mich beugen?

JEREMIAS:

Beuge dich, beuge dich, Gesalbter des Herrn, um Jerusalems willen! Tu

auf die Tore, tu auf ihm dein Herz! Du rettest, du rettest Jerusalem!

ZEDEKIA:

Mit dem Schwert will ich es retten und meines Lebens Preis, doch mit

meiner Ehre nicht. Du weißt nicht, was du heischest von mir.

JEREMIAS:

Das Schwerste heische ich von dir, denn wem ziemt das Gewaltige denn den

Gesalbten? Deines Herzens Kleinod, deinen Stolz opfre hin für die Stadt!

Wirf dich hin vor jenen, wie ich mich hinwerfe vor dir, tu auf die Tore,

tu auf dein Herz! Beuge dich, König Zedekia, denn besser, du beugest

dich, denn daß Israel gebeuget werde.

ZEDEKIA:

In Spott willst du mich stoßen und dich weiden an meiner Schmach, du

Rasender! Aber ich steh aufrecht und halte mein Erbe! Lieber sterben,

als Gnade erbitten, lieber Vernichtung, denn diese Demut! Weg von mir,

weg! Ich beuge mich nicht, keinem auf Erden beuge ich mich!

JEREMIAS (von den Knien sich gewaltig aufhebend):

Dann Fluch dem Öl, das dir salbte die Stirn, und Fluch der Krone, die

dir die Stirne gürtet; Fluch dir, Davids Sohn, daß du nur deinen Hochmut

schützest, dein irdisch Teil, statt daß du wahrest Jerusalem, dein

Gottesteil. Aber höre mich ...

ZEDEKIA:

Nichts will ich mehr hören, du Narr, du böser Narr Gottes ...

JEREMIAS:

Stoße es nur fort mein Wort mit dem Fuße, du Taumelnder, nicht kannst du

zertreten ein Gotteswort. Spei es aus, du Trunkener, aber wisse es bis

in deine Eingeweide: nahe ist die Stunde, Zedekia, da du schreien wirst

nach meinem Troste, wie die Gebärerin schreit! Doch dann wird kein Rat

mehr sein, denn wer weiß Rat wider den Tod und hat ein Retten vor Gottes

Gericht. Gedenke der Mauer hier, gedenke der Stunde! Rechtzeit habe ich

dich gewarnt, aber ein Prellbock starret dein Herz und von Eisen deine

Stirne, und wie ich dir darob fluche aus dieser Stunde, werden fluchen

Geschlechter und Geschlechter deinem Namen. In deine Hände war Zion

gegeben, und du ließest es fallen, dir war es vertraut, und du hast es

verschleudert! Mögest du darum vergessen werden von Gottes Gnade, wie du

vergaßest Jerusalem! Fluch über dich, du Vollstrecker Babels, du Würger

Zions, du Mörder, du Mörder von Israel!

ABIMELECH:

Die Mauer hinab! Zerbrecht ihm den Nacken!

DIE ANDERN:

Er hat den König gelästert ... sperrt ihm das Schandmaul ... die Mauer

hinab ... nicht fürchte des Rasenden Wort ... Schaum steht um seine

Lippe ... ein Kranker ist er ... hinab mit ihm.

(DIE BEGLEITER des Königs dringen gewaltsam auf Jeremias ein.)

ZEDEKIA (der wie vor unsichtbarem Anprall zurückgefahren ist, die Hand

am Herzen, sich wieder ermannend):

Ablaßt von ihm! Meint ihr, eines Narren Fluch machte mich blassen, ein

frech Wort knickte schon meine Kraft? (Nach einer Pause): Aber dies sehe

ich: wahr ist, was sie sagten im Volke: gefährlich ist dieses Menschen

Wort. Wie ein Sturmbock stößt er wider die Herzen. Es geht nicht an,

daß solch ein Gottesleugner länger frei rede im Volke und seine Angst

auf die Krieger falle.

ABIMELECH:

Töten muß man ihn. Wer nicht Gott vertraut, ist unwert des Lebens.

STIMMEN:

Man steinige ihn ... ein Söldling ist er ... er will die Stadt den

Chaldäern preisgeben ... laß ihn töten ... er betet um unser Verderben ...

ZEDEKIA:

Soll ich töten den, der mich schmähte, daß man meine, ich fürchte sein

Wort? Nicht so! Tritt her, Jeremias! Wind ist mir dein Wort, doch noch

einmal frage ich dich um deinetwillen: Sagt dir untrüglich dein Herz,

daß Tod sei über Zion und allen in Zions Mauern? Ich frage dich!

Antworte mir frei!

JEREMIAS:

Tod steht über Jerusalem, Tod über uns allen. Nur Ergebung kann uns

erretten.

ZEDEKIA:

Dann geh und ergib dich! Als einziger aller rette dein Leben!

(JEREMIAS starrt ihn an, ohne ihn zu verstehen.)

ZEDEKIA:

Wer zehrt an unserem Brote, soll nicht auch zehren an unserer Kraft.

Fürchtest du für Zion, so fliehe von Zion! Ich schenk dir dein Leben!

Die Mauer hier, klimm sie hinab, zu Nabukadnezar geh und birg deinen

Leib. Und so dein Wort sich erfüllet, bläh auf deine Backen und lache

der Brüder, die starben für Jerusalem.

ABIMELECH:

Zu milde bist du, König, mit dem Lästerer.

(JEREMIAS unbeweglich, ringt um ein Wort.)

ZEDEKIA:

So geh doch, flieh fort, Abtrünniger des Glaubens, geh zu Nabukadnezar,

des Sieg du gekündet, und küsse seinen Fuß! Ich aber bleibe in meines

Volkes Mitte und in meiner Väter Heimat, denn ich glaube bis zum letzten

Atem meines Leibes: Lüge ist dieses Mannes Rede und ewig währet

Jerusalem!

DIE ANDERN (jauchzend):

Ewig währet Jerusalem! Nie vergehet Gottes Haus!

ZEDEKIA:

So eile! Lauf über zu Assur, ich hab dirs gewährt! Laß uns unsern Tod

und kriech in dein Leben!

JEREMIAS (sich fassend):

Ich lasse nicht Jerusalem!

ZEDEKIA:

Hast du nicht eben gekündet uns allen, Tod stünde über Jerusalem? So

flieh, daß du ihm entweichest!

JEREMIAS:

Nicht meines Lebens trage ich Bangen, sondern für die Tausendmaltausend

schreiet mein Herz. Ich weiche nicht! Mögen fallen seine Mauern, ich

stürze mit dem letzten seiner Steine.

STIMMEN:

Nicht dulde ihn bei den Kriegern ... ein Verräter ist er ... Verwirrung

sprengt er unter die Krieger ... jage ihn fort ... nicht habe er länger

Gemeinschaft mit uns ...

ZEDEKIA:

Zum letztenmal, Jeremias! Aufgetan ist dir der Weg!

JEREMIAS:

Ich bleibe in Gottes Stadt, bis daß sie vergehet, bis daß ich vergehe!

ZEDEKIA:

Dann aber wisse dieses zur Warnung: Schwert liegt fortab auf deinem

Wort! So du noch einmal hebst die Stimme zu harter Verkündung, so du

noch einmal ausschreiest Untergang in diesen Mauern, ist dein Leben

verfallen.

JEREMIAS:

Nicht ich hebe die Stimme, Gott wirft sie aus mir. Wie die Luft fährt

durch die Posaune, daß sie erklinge, so tönet sein Wille durch mich. In

seine Hände habe ich mich gegeben.

ZEDEKIA:

Ich habe dich gewarnet, Jeremias, wie du mich gewarnet. Selbst schützest

du fortan dein Leben. (Zu den andern): Keiner rühre ihn feindlich an,

solange er sich zähmet. Doch schreit er noch einmal Schrecknis über die

andern, so fasset ihn, und er büße nach euerm Spruch. (Zu Jeremias):

Hüte dich, hüte deine Lippe, daß dein Blut nicht springe über sie! Uns

aber möge Gott schonen, wie ich heute deiner geschonet.

JEREMIAS (reglos, mit unsicherer Stimme):

Nicht mich hüte ich ... ich hüte Jerusalem ...

ZEDEKIA (wieder an den Rand der Mauer tretend):

Noch immer ziehen sie her, und wie von Wettern rollts von ihren Wagen

und Rossen, es ist kein Ende abzusehen, kein Ende. Wahrlich, furchtbar

ist er, der König von Mitternacht, furchtbar wird es sein, ihm zu

begegnen! Gott schütze Jerusalem! (Tief atmend): Gott schütze Jerusalem!

(ZEDEKIA wendet sich langsam zum Gehen und schreitet die Runde

weiter; Abimelech, die anderen sowie die beiden Krieger folgen dem

sinnend Hinschreitenden langsam nach.)

BARUCH (aus dem Dunkel vorstürzend):

Rasch ... eile ihm nach, noch einmal fasse deine Kraft ... Gottes

Sendung ist über dir ... eile, daß du ihn zwingest.

JEREMIAS (erwachend aus seiner Dumpfheit):

Wen ... wen soll ich zwingen?

BARUCH:

Den König ... eile ihm nach ... entbrenne dein Wort, rette, rette

Jerusalem!

JEREMIAS:

Den König! (In heißem Erschrecken um sich auf die leere Mauer starrend):

Oh, fort ... fort ... versäumt ... verloren die heilige Stunde ... von

Gott war er mir gesandt, in meine Hände geworfen, daß ich knetete seinen

Willen, und ich ließ ihn entgleiten ... Blick in Blick war mir der

Schwanke gegeben, und doch: wie Asche zerstäubte an seiner Stirne mein

Wort ... Oh, Schmach über mich, daß so dürr war meine Rede, so laulich

mein Atem ... Mit Fluch fiel ich ihn an, und mit Güte hat er mich

geschlagen ... wer bin ich, daß man mir diente, wenn ich nicht diene dem

Wort ... Oh, Fluch der Nessel meiner Rede ... Fluch der Distel meines

Munds ...

BARUCH:

Noch einmal versuch es, und du zwingest ihn. Schon erschwankte sein

Wille!

JEREMIAS:

Zu spät, zu spät, verloren ist die Stunde, die Gott mir erkor! Doch was

wählete er auch mich, den Schwächling, was rief er Unkraft zu so

gewaltig Beginnen! Warum tat er nur Galle des Fluches in meinen Mund und

des Wortes bittern Wermut, warum die läutrige Flamme nicht, die

entbrennet die Herzen der Menschen! Wer bin ich denn, Nichtiger, daß ich

mich erfreche, seines Wortes Profeten mich zu nennen, Bruder der

Erlauchten, wenn ich nicht Erbe bin ihrer Stärke? Königen umtaten sie

den Zaum ihres Willens und beugeten der Völker Stirn, Feuer des Herrn

fuhr voran ihrer Rede, doch ich, ich Dorn im Fleisch ihrer Qual, nicht

ein Blatt vermag ich zu wenden mit meiner Seele Odem ... ein

Speichelspeier nur bin ich, ein Tönen von Wirrsal und Wind ...

BARUCH:

Nicht quäle dich, Meister ... der Schmerz verwirret dich.

JEREMIAS:

So sage doch, zeuge, künde mir, daß ichs gewahr sei ... was hab ich

vermocht? Eine Stadt hängt am Tode, und ihre Not verzehret mich ... von

Träumen bin ich allnächtens umtan und schmerzhaft trächtig des Worts ...

so sag, was vermocht ich wider den Herren der Stunde ... meine Warnung,

wen warnete sie ... nicht daß er einen Boten sendete von Zelt zu Zelt ...

nicht daß ein Mensch seine Schritte aufhübe als Bote des Friedens ...

Oh, die Luft frißt meine Schreie, und das Gelächter der Menschen

schluckt meine Schreie, zur Schande bin ich gezeugt und zur Plage

geboren! Wem hab ich Freude geschenket? Ein Greuel bin ich den Gerechten

und meiner Mutter Kümmernis. Kein Weib trägt ein Kind mir im Schoß, und

kein Lebendiger glaubet meiner Rede!

BARUCH:

Ich glaube dir, ich laß dich nicht.

JEREMIAS:

Du glaubest mir ... noch immer ... dann hör mein Wort ... So du mir

glaubest, verlaß mich! Denn du verderbest dich. Geh zu den andern, die

Süße predigen und triefen von Verheißung, geh zu Hananja, der Sieg sagt,

und nicht spotte ihrer mehr, denn wisse, sie sind besser denn ich. Ihre

Lüge, sie zeuget noch Kühnheit, doch schlaff sind die Lenden meines

Worts, sie wecken keinen Samen des Sieges. Ohnmacht nur zeugt meine

Ohnmacht. Oh und sage, wer ist unnützer, denn der Friede schreit

zwischen den Schwertern, wer törichter als der Weisheit Verkünder in der

Trunkenen Mitte? Ist denn nicht Freude der Menschen Brot und die

Hoffnung ihre Speise? Gesegnet, wer tröstet, verflucht, wer nur

fluchet ... daß ihm darre die Zunge ... daß auslösche, der Anstoß ist

und Ärgernis ...

BARUCH:

Nein, ich weiche nicht von dir ... Du bist der Große ... Dich hab ich

erwählt um deines Leidens willen.

JEREMIAS:

Nicht lobe mich, nicht lobe mich ... mich verbrennet die Scham ... was

hab ich denn Jerusalem zum Heile getan ... hab ich gebeugt des Königs

Starrnis, hab ich zum Rechten geführt das irrend Volk, hab ich erweckt

den Boten des Friedens mit meiner Rede Stachel? Nur geschrien habe ich

und gefluchet, doch mein Geschrei war ein Blitz, der in Wasser fährt,

und mein Fluch ein Wind, der nicht wehet ... wo ist meine Tat ... wem

brachte ich Segen ... wo schuf ich den Frieden ... wo weckte ich den

Boten zum Wege, da ich selber gestrauchelt ...

BARUCH:

Wie sagtest du ... einen Boten müßtest du schaffen, daß er gehe von

Nabukadnezar zum Könige?

JEREMIAS:

Will er denn als erster sprechen zum andern. Wie die Knaben warten die

Könige, daß einer anhübe mit dem Wort.

BARUCH (heiß):

Aus deinem Atem, sagtest du, müßtest du einen Boten erschaffen ... aus

deinem Atem ... siehe, Jeremias, wisse ... du heilig Verzagter ... nicht

dürr und fruchtlos ist dein Wort ... fruchtend ist es mir in die Seele

gefallen ... in mir nun keimet Gottes Geheiß ... ich danke dir, Meister,

Erwecker ... aus dem Dunkel hast du mich gehoben ... meine Tat mir

gewiesen ... oh, Jeremias, der du Kraft zeugest aus deinem Schmerze ...

ich danke dir ... ich danke dir.

JEREMIAS:

Was erglühest du so ... Ich fasse dich nicht ...

BARUCH:

Meine Tat ... Sie ist es, die mir entglüht ... Du hast mich befeuert ...

ich weiß den Weg, nachbarlich geht er dem Tode wie der deine ... doch

ich will ihn gehen für Jerusalem ... lebe wohl, Meister ... ich will

würdig sein deines Rufes, lebe wohl.

JEREMIAS:

Wohin willst du?

BARUCH:

Lebe wohl, Meister ... lebe wohl und segne mich, wenn ichs vollbringe,

und fluche mir nicht, so ichs versäume ... lebe wohl ... lebe wohl ...

es gilt Jerusalem ...

(BARUCH schwingt sich zur Mauer und beginnt hinabzuklettern.)

JEREMIAS:

Was willst du an der Mauer ... Baruch ... wohin ...

BARUCH:

Deinen Weg ... lebe wohl ... lebe wohl ...

(BARUCH verschwindet jenseits der Mauer.)

JEREMIAS (sich über die Mauer beugend):

Baruch, wohin gehest du ... halt ein ... sie werden dich fassen ... die

Späher Chaldäas sind schon rege um die Wege ... Baruch ... Baruch ...

Was fliehst du von mir ... Was lässest du mich allein ... Baruch ...

Baruch ... bleib bei mir in dieser Stunde ...

DER ERSTE KRIEGER (ist herbeigeeilt):

Was rufst du da ... was schreist du in die Nacht ...

JEREMIAS (sich aufrichtend):

Ich rufe ... ich rufe, und doch hört keiner auf mich ...

DER ERSTE KRIEGER:

Was geht hier vor? Was treibst du noch da? Mir war, als glitte ein

Schatten die Mauer hinab. Ist einer mit dir?

JEREMIAS:

Keiner ist mit mir ... keiner ist mehr mit mir ...

(JEREMIAS geht langsam, mit schwerem Schritt, von der Mauer

stadtwärts hinab. Der Krieger sieht ihm starr nach, bis er im

Schatten der Mauer verschwindet, dann rafft er sich auf und

schreitet im harten Mondlicht schweigend auf und ab. Es ist ganz

still, nur sein schwerer Schritt hallt über die mondblanken Quadern,

und von ferne tönt aus dem Unsichtbaren heranklingend wieder der

Wachtruf: »Simson über sie« ... »Simson über sie« durch die weiße

Nacht ...)

DAS FÜNFTE BILD

DIE PRÜFUNG DES PROFETEN

»Doch der Herr wollte ihn mit Leiden zermalmen.«

Jes. LIII.

Das enge Schlafgemach der Mutter Jeremias in seinem Hause. Die Türen

des schmalen Raumes sind mit Vorhängen überhängt, ebenso die

Fenster, so daß Licht und alle Laute nur gedämpft von außen in die

Düsterheit der Stube dringen und kaum mehr als der Umriß der

Gestalten und Dinge wahrnehmbar wird. Im Hintergrunde glänzt weiß

aus der Dunkelheit das breite bettartige Pfühl, auf dem die alte

Frau regungslos liegt. Neben ihr aufrecht stehend ACHAB, der alte

Diener.

JOCHEBED (eine Anverwandte, hebt vorsichtig den Vorhang des Einganges):

Achab ... hör, Achab ...

ACHAB:

Leise!... Tritt leise heran! Wie Flaum liegt der Schlummer über ihr,

eines Wortes Windhauch schon bläst ihn fort. Nicht störe ihre Ruhe!

JOCHEBED:

Wohl dem, der noch ruhen kann, indes die Tore schüttern und die Festen

beben der Stadt!

ACHAB:

Nicht sprich davon, nicht erwähne des Feindes! So du sie liebst, schone

der Kranken.

JOCHEBED:

Wie meinest du? Was soll ich nicht sagen?

ACHAB:

Nicht nenn unsere Not! Fremd ist ihr Jerusalems Schicksal.

JOCHEBED:

Nicht fasse ich dich. Sie weiß nicht, daß Krieg unsere Stadt umfährt?

ACHAB:

Wozu ihrs verraten, woran sie verginge? Ein Ahnen schon wäre ihr Tod.

JOCHEBED (in höchstem Erstaunen):

Sie weiß nicht, daß Assur über uns gefallen? Es ist noch ein Lebendiger

in den Mauern, der unwissend blieb unseres Elends? Wie konnte solch

Wunder geschehen? Sind ihre Sinne verschlossen denn, daß sie die

Posaunen nicht hört, meint sie noch Frieden, da schon Widder die Mauern

anrennen?

ACHAB:

Ihre Sinne sind dunkel geworden. Was sie hört, vermeinet sie Traum. Die

Türen hab ich vertan und die Spalten verschlossen, daß nichts Eingang

finde von Lärmen und Licht!

JOCHEBED:

Sie weiß es nicht? Sie weiß es nicht? Wunder ist dies und grausam

zugleich. Nichts, sagst du, Achab, weiß sie, auch kein Ahnen rührt ihren

Sinn?

ACHAB:

Manchmal flog Ahnen sie an, doch traumhaft nur, und mit Worten scheucht

ich es fort. Nur gestern, als das Volk schrie bei des ersten Widders

Prall, da schreckte sie auf. Die Decken warf sie im Fieber von sich und

reckte die Hände, sie müsse hinaus, sie müsse zu Walle, Krieg sei im

Land, Feind in der Stadt, Zion vergehe, Jerusalem falle. Das Wort sei

erfüllt, ihr Sohn, er habe es wahrgesagt, der König sei gekommen, der

König von Mitternacht. Und sie reckte sich auf und brach in die Knie,

doch ehe sie noch stürzte, faßte ich sie und trug sie zum Bett und

begütete sie, es sei nur ein Traum, nur ein Fiebertrug, dies Dröhnen

draußen von Volk und Posaunen. Sie schien es zu glauben und lag dann

offenen Auges und horchte dem dunklen Gedröhne der Gasse nach.

JOCHEBED:

Wie sonderlich! Doch sag: was ists, das sie so verwirrt?

ACHAB:

Ihre kranken Sinne suchen den Sohn.

JOCHEBED:

Jeremias ... den Rasenden ... den Geiferer der Gasse ... sie selbst doch

stieß ihn aus dem Haus.

ACHAB:

Doch ward keine Stunde ihr seitdem froh. Stumm saß sie nur mehr in den

Gemächern, und oft fand ich sie gebeugt über das Tor wie einer, der

eines Gastes wartet. Und als er nicht kam und nicht kam, ward es mählich

düster in ihren Sinnen.

JOCHEBED:

Doch was kommt er nicht, der Verworfene, daß sie genese an ihm? Die

Gassen streift er alltags und speit Fluch in das Volk, indes die Mutter

seiner sehnend ist. Warum kommt er nicht, der Schwätzer des Markts, der

Würger der Freude?

ACHAB:

Unwissend ist er, daß sie seiner begehrt. Stolz ist er wie sie selbst,

nicht die Steine der Schwelle tritt er, auf die sie ihn gestoßen.

JOCHEBED:

So laß es ihn wissen.

ACHAB:

Wie darf ichs ohne ihr Geheiß? Ein Sklave bin ich, ein Diener nur. Darf

ich mich unterfangen denn, zu hören, was sie unwissend spricht?

JOCHEBED:

Du darfst es, du mußt es, so es ihr Leben gilt.

ACHAB:

Ist wahrhaft dies dein Meinen? Glaubst du, ich täte recht, voraus zu

sein ihrem Wort und ihm Botschaft zu senden?

JOCHEBED:

Bei Gottes Güte, so mein' ichs. Ihr Leben rettest du damit.

ACHAB:

So sei Gott gedankt, denn höre, Jochebed! Was du forderst, ich hab es

getan in meines Herzens Bedrängnis.

JOCHEBED:

Gesegnet, gesegnet dafür!

ACHAB:

Schon gingen meine Knaben aus, ihn zu suchen. Durch die Stadt sandte ich

sie, noch fanden sie ihn nicht, doch hart sind ihre Schritte hinter den

seinen!

JOCHEBED: Ach, fänden sie ihn nur! Es würde ihr Genesung bringen, der

Armen, denn wirr ist zwischen Stolz und Sehnen ihr Sinn.

ACHAB:

Ja, wirr ist ihr Gefühl und verdüstert ihr Blut. Seit er ging, ist sie

wie mit sich selber entzweit.

JOCHEBED:

Ach, wer fühlt denn noch klar in der Wirrnis der Zeit!

(DIE MUTTER regt sich seufzend auf dem Bette.)

JOCHEBED (ihr Erwachen bemerkend, leise zu Achab):

Achab ... sie regt sich ... der Schlaf fällt von ihr ab ... noch sind

ihre Augen verschlossen, doch ihre Lippen füllt schon das Wort ...

(ACHAB eilt hin und beugt sich über die Kranke.)

DIE MUTTER (mit geschlossenen Augen, ihre Stimme ist leise wie ferner

Gesang):

Sag, ist er gekommen, sag, kam er schon? Oh, wo ist er, wo ist er, mein

Sorgensohn?

JOCHEBED (flüsternd):

Wie wunderlich! Zum erstenmal denkt sie seiner im Wort!

ACHAB:

Noch ist Traum über ihr, noch sind ihre Augen verhangen.

DIE MUTTER (regt sich und schlägt ihre Lider auf):

Jeremias: Eine dramatische Dichtung in neun Bildern · 第 5 / 14 段