Sehet, vor des Todes Angst bricht seines Lebens Angst. Er schweiget, zum

ersten Male schweiget er!

JEREMIAS:

Willst du mich versuchen, du Versucher Israels, daß ich sage nein für

Gottes Ja und ja für sein Nein! Stärker hat er mich versuchet, daß ich

weiche von seinem Wege, und ich bin nicht gewichen. Er hat eine wider

mich gestellt, deren Atem mir teurer war, als meines Lebens Hauch, und

ich wankte ihr nicht, denn wen der Herr zur Geißel erlesen, den reißt er

los vom Baume des Lebens. Steinern bin ich worden in dieser Stunde, oh,

daß ich wäre der Stein des Anstoßes, an dem ihr euch zerstoßet. Weichet

von mir und verstört nicht meinen Frieden!

SEBULON:

Nicht weiche ich! Meinen Sohn hat er verstört. Gericht fordere ich,

gerecht Gericht.

HANANJA:

Das Volk hat er verwirrt! Tod über sein Haupt!

STIMMEN:

Tod über ihn ... befreie uns von seiner Nähe ... tilg ihn aus ... Sprich

deinen Spruch ...

PASHUR:

Zweimal habe ich dich gerufen zum Wort. Da du schweigen solltest, hast

du geredet, und nun du reden solltest, schweigest du. Zum drittenmal

rufe ich dich.

JEREMIAS (schweigt).

PASHUR:

So sprech ich deinen Spruch! Nicht mehr sollst du schrecken die Mutigen,

nicht mehr verwirren die Knaben. Jeremias, Sohn Hilkias in Israel ...

JEREMIAS:

Ein Ende! Macht ein Ende! Brennt mich nicht an mit den Blicken! Euer

Atem ekelt mich! Ein Ende, ein Ende!

PASHUR:

In die Düngergrube stoßt ihn hinab, Unrat zu Unrat, Kot zum Kote, daß

Gottes Licht er nicht länger schände und ledig sei seiner Stimme die

Stadt. Möge er faulen wie seine Worte im Dunkel der Erde.

JEREMIAS:

Oh Qual alles Lebens! Oh Qual aller Worte! Gesegnet das Dunkel, gesegnet

das Grab!

PASHUR:

Faßt ihn an, vollzieht den Spruch!

STIMMEN:

Gerechter Spruch ... gesegnet deine Weisheit ... fort ... hinab ...

schleifen wir ihn fort ... die Seile holt ... die Seile ... daran wir

ihn niederlassen.

JEREMIAS (zurückzuckend vor ihrer Berührung):

Nicht rühret mich an, nichts hab ich gemein mehr mit euch! Oh, besser

jetzt im Dunkel zu weilen, denn die Stunde ist nahe, da die Lebendigen

neiden werden die Toten und die Wachen die Schweigenden in Israel. Oh,

wie michs schon lüstet des Schweigens, wie michs brennet, der Toten

Bruder zu sein -- fort -- weichet, selbst scharr ich mich ein, daß ich

erlöst sei der Welt und Israel meiner erlöset sei!

(JEREMIAS geht mit eingezogenen Armen wie ein Frierender gegen die

Türe, das Haupt schon gesenkt gegen die Tiefe. Die andern beginnen,

ihm vorsichtig nachzufolgen.)

HANANJA (mit gellem Ton die Stille zerschneidend):

Jauchze, Zion, geborsten ist die Posaune deines Untergangs, zerrissen

die Lippe deines Leugners. Jauchze, Zion, denn ewig ist deine Blüte!

Ewig währet Jerusalem!

(JEREMIAS hat sich im Zorne gewaltig umgewandt. Er spannt seine Arme

zur Beschwörung, aus seinen Blicken flammt ekstatische Drohung, von

seinen Lippen will furchtbarer Fluch brechen. Die ihm folgen, fahren

schauernd zurück wie vor eines wilden Tieres Ausbruch. Aber Jeremias

bezwingt sich. Seine Arme sinken langsam nieder, die gespannte

Furchtbarkeit seiner Züge löst sich. Einmal noch sucht sein Blick

das Bett der Toten, dann lischt seine Glut. Er verhüllt sein Antlitz

und schreitet einsam voran, wie gebückt von großer Last.)

DIE ANDERN (sich allmählich aufraffend, doch noch voll Gedrücktheit):

Selig, daß wir diesen wüsten Träumer abtaten von der Stadt ... ein

Verhängnis war er ... man verbrannte an seinem Blut ... oh, daß nun doch

Frieden würde ... Friede in Israel ... hinab mit ihm, daß versiegelt sei

dieser Mund des Schreckens, oh, Erlösung ... daß doch nun Friede würde

in Israel ...

(ALLE folgen in Unruhe und Bewegung Jeremias. Als Letzter verläßt

ernst und sinnend Pashur den Raum. Achab und Jochebed sind

zurückgeblieben und blicken einander unsicher an. Dann hebt Achab

ein Linnen und breitet es ehrfürchtig über die Tote.)

DAS SECHSTE BILD

STIMMEN UM MITTERNACHT

»Es will Abend werden, und die Schatten werden groß.«

Jer. VI, 4.

Das Schlafgemach des Königs Zedekia, ein weiter prunkvoller Raum,

dessen Umrisse sich im Dunkel verlieren. Nur über dem Ruhebett

leuchtet eine Ampel in goldener Schale, und durch das Fenster, das

weitaufgetan über die Stadt blickt, strömt weiches Mondlicht. Vorne

ein breitgefügter Tisch mit tiefen Sitzen; das Ruhebett, hinter

Vorhängen, steht rückwärts in der Mitte des Raumes.

(ZEDEKIA steht am Fenster und sieht regungslos auf die mondbeglänzte

Stadt. Es ist ganz still und er selbst ein Teil dieser Stille.)

(DER KNABE SPEERTRÄGER von der Türe auf ihn zu. Er wartet

ehrfurchtsvoll, ob der König ihn bemerken wolle. Zedekia wendet sich

nicht, sondern sieht regungslos in die Nacht hinaus.)

DER KNABE SPEERTRÄGER (nach einer Pause, ehrfurchtsvoll, behutsam):

Mein König!

(ZEDEKIA wendet sich wie erschreckt.)

DER KNABE:

Mitternacht, mein König. Die Stunde ist es, da du mich hießest, den Rat

vor dich zu rufen.

ZEDEKIA:

Sind alle versammelt?

DER KNABE:

Alle, so du entboten.

ZEDEKIA:

Hat keiner des Volks oder der Knechte sie gesehen?

DER KNABE:

Keiner, mein König. Auf dem geheimen Wege habe ich sie geleitet.

ZEDEKIA:

Und der Späher, ist er gesondert von ihnen?

DER KNABE:

Er harrt in der Halle der Türhüter.

ZEDEKIA:

Er möge warten. Erst rufe den Rat.

(DER KNABE verneigt sich, hebt den Vorhang der Türe und

entschwindet.)

ZEDEKIA (allein, durchmißt mit starken Schritten den Raum. Dann bleibt

er wieder am Fenster stehen und blickt hinaus):

Wie die Sterne heute abends glühen, so sah ich sie nie. In Reihen stehen

sie, wirr und weiß wie eine Schrift zu schauen auf dem Dunkel des

Himmels, und doch vermag keiner sie zu lesen. In Babel, so sagen sie,

sind Deuter und Priester, die den Gestirnen dienen und Zwiesprache

pflegen mit ihnen des Nachts. Anderen Königen sprechen ihre Götter, auf

Türmen sind Stätten gebaut, das Wort der Himmel zu fassen, wenn innen im

Herzen das Dunkel waltet wie am Tage des Anbeginns. Warum sind mir nicht

Diener gegeben, die Zukünftiges wissen! Wahrlich, es ist furchtbar,

Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des Auge keiner

gesehen! (Er blickt lang auf die Stadt): Schlaf liegt auf ihnen, denen

ich gesetzt bin als König, bei ihren Weibern ruhen sie oder bei ihren

Waffen, und all ihr Wachsein ist in mir und ihre Not. Rat muß ich geben,

doch wer ist, der mich beratet? Führer muß ich sein, doch wer ist, der

mich führte? Über sie bin ich gesetzt, doch einer ist gesetzt über mich,

und ich sehe ihn nicht. Schlaf hängt unter mir, Schweigen hängt über

mir. Furchtbar, Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des

Auge keiner gesehn!

(DER KNABE hebt den Vorhang. Es treten lautlos die fünf Räte des

Königs ein. PASHUR, der Priester, HANANJA, der Profet, IMRE, der

Älteste, ABIMELECH, der Heerführer, NACHUM, der Verwalter. Zedekia

wendet sich und schreitet auf sie zu. Alle verneigen sich.)

ZEDEKIA:

Ich habe euch des Nachts entboten, auf daß geheim bleibe unsere Rede.

Des Großen Rates habe ich entraten, denn ich bin seiner nicht sicher

mehr. Zu viele sind sie, als daß ein Geheimnis nicht schlüpfte von

hundert Zungen. Doch euch vertraue ich des Herzens Geheimstes. Redet

frei, wie ich frei zu euch rede, keiner möge zagen, daß ich ihm zürne,

wenn sein Wort gegen das meine sich wendet. Doch was an Rede und

Ratschluß hier fällt, muß tot sein für Stadt und Volk, begraben in

unserer Brust. Das fordere ich von euch und daß ihr es bekräftigt mit

einem Gelöbnis. Legt eure Hände zum Zeugnis in des Priesters Hand, er

bewahre an des Höchsten Statt euren Eid!

(ALLE heben die Hände schweigend zum Eid und legen sie dann in

Pashurs Hand.)

ZEDEKIA:

Und ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, daß ich mein Herz

verschließen will dem Zorne gegen jeden, der wider mich redet. (Er legt

seine Hände in die Pashurs.) Und nun laßt uns Rates pflegen! (Er weist

mit der Hand gegen den Tisch. Alle lassen sich nieder. Schweigen.) Der

elfte Monat ist es, daß Nabukadnezar uns belagert. Die Reben sind grün

geworden zum andern Male. Nichts hat Nabukadnezar vermocht wider

Jerusalem, aber desgleichen auch wir nichts wider ihn. Wie in Wasser

schlägt sein Schwert wider uns, wie in Wasser das unsere wider ihn.

Nichts haben wir unterlassen, dem Hilfe entwachsen könnte. Ich habe

Boten entsandt an Cyros, den Meder, und zu den Fürsten des Morgenlands,

daß sie uns beikämen wider Assur. Sie sind heimgekehrt leerer Hände.

Keiner ist gewillt, unserer Not zu helfen. Wir sind allein.

HANANJA (heftig):

Gott ist mit uns!

(DIE ANDERN schweigen.)

ZEDEKIA (sehr ruhig):

Gott ist mit uns, er hat sein Zelt geschlagen auf diesem Hügel, und sein

Haus schattet mein eigen Dach. Aber Gott sendet auch Prüfungen über sein

Volk. Nochmals sei es gesagt: die uns Treue schwuren, haben uns

verraten, Ägypten hat uns verlassen, wir sind allein. Lasset uns nun

bereden, Wort wider Wort, Meinung wider Meinung, wie wir den Streit

ausfechten möchten mit Nabukadnezar oder ob einer Rat wüßte, ihn zu

enden.

HANANJA:

Wir müssen beten zu Gott, daß er das Wunder sende. Wir müssen unsere

Herzen füllen mit Gebet und seine Altäre mit Opfern. Wir müssen ein

Doppeltes tun als bisher ...

NACHUM:

Es sind keine Opfer mehr, nicht Farren noch Böcke.

HANANJA:

Nicht wahr ist dies. Selbst habe ich das Blöken der Rinder gehört, die

du birgst vor den Altären.

NACHUM:

Die letzten sind es, Milchkühe, gespart den Frauen, ihre Kinder zu

säugen, und als Zehrung den Kranken.

HANANJA:

Man darf nicht sparen für Gott. Mögen darben die Kranken und verdorren

die Brüste der Frauen. Gott darf nicht entbehren des Opfers.

PASHUR (ernst):

Sein Herz weiß unsere Not auch ohne Gabe.

HANANJA:

Aber nichts ist ihm süßer, denn die Gabe der Not. Man gebe ihm das

Letzte und reiße es selbst sich vom Munde.

PASHUR:

Ich kenne die Bräuche, nicht mußt du meines Dienstes mich belehren,

Hananja, besser ist er vielleicht mir bewußt, als dir Gottes Wort und

Wille.

HANANJA:

Wer nicht opfert heißen Herzens, wer da zaudert und zählt, ist nur ein

Schlächter des Tieres und nicht Diener des Herrn. Ich aber sage euch, so

ihr nicht das Letzte hingebet von eurer Notdurft, seid ihr nicht würdig,

vor sein Antlitz zu treten ...

ZEDEKIA (heftig):

Schweigt stille! Ich mag eure Worte nicht. Noch sind der Sandkörner

kaum zehn niedergeronnen in der Uhr, und schon erhebt ihr Rede

widereinander. Was Gottes ist, will nicht beredet sein. Ich habe euch

zum Rate gerufen über unsere Not und wie wir sie vermöchten zu wenden.

Kriegszeit ist unsere Zeit, und so frage ich dich als ersten, Abimelech,

den Obersten meiner Krieger.

ABIMELECH:

Fest sind die Mauern Jerusalems, mein König, aber noch fester ist mein

Herz.

ZEDEKIA:

Aber deine Knechte, du Getreuer, wie ist ihr Sinn? Selten höre ich sie

jubeln, und schreite ich an ihnen vorüber, so schlagen sie nicht mehr

die Schilde und wahren den Blick.

ABIMELECH:

Schweigsam macht der Krieg, aber er härtet die Herzen. Vorbei ist die

Stunde, da sie jauchzten vor Lust, daß das Schwert ihnen frei aus den

Händen fuhr, denn die Gewöhnung mordet alles Große, und jede Lust wird

schal an der Dauer. Aber sie wachen und warten, ehern hüten sie die

Mauern Jerusalems.

ZEDEKIA:

Und wenn die Monde wachsen und sich mindern, wenn abermals das Jahr sich

neut? Wir haben keine Hilfe zu erharren.

ABIMELECH:

Mag es dauern, solang es Gott gefällt! Wir werden dauern wie die Zeit.

ZEDEKIA:

Der Herr erfülle dein Wort! (Zu den andern:) Ist eure Meinung gleicher

Art?

PASHUR:

Wir müssen harren und gedulden, bis das Los des Sieges gefallen.

ZEDEKIA:

Und was ist dein Wort, Hananja?

HANANJA:

Nie wird Nabukadnezar uns obkommen! Weh denen, die kleinmütig sind und

denen das Herz schmilzt im Leibe, es wäre besser, man schlüge sie mit

der Schärfe des Schwerts.

IMRE:

Mein Auge ist trübe geworden, doch es hat dereinstens noch Salmanassar

gesehen, der aufstund wider Israel, und es sah seiner Toten Schar vor

den Mauern. Nie waren so fett die Schakale, denn das Jahr, da Jerusalem

gegürtet war von den Feinden des Herrn. Und so wird er wiederum treffen,

die wider uns aufstunden. Möge mein Auge nicht welken, ehe es diesen

Tag erschaut. Ewig währet Jerusalem!

ABIMELECH, HANANJA, PASHUR:

Ewig währet Jerusalem!

ZEDEKIA (nach einer Pause):

Ich misse dein Wort, Nachum! Warum verharrst du in Schweigen?

NACHUM:

Düster sind meine Gedanken, mein König, und bitter meine Rede. Nicht

drängt sich vor, dessen Sinn ohne Freude ist.

ZEDEKIA:

Ich rief euch, Rates zu halten. Willkommen, des Botschaft Labsal bringt,

willkommen auch der, des Wort Warnung ist. Sprich frei vor uns allen!

NACHUM:

Ehe du mich entbotest zum Rate, bin ich in die Kammern des Korns

gegangen und habe die Scheffel gezählt. Die Räume, die voll gewesen bis

zum Speicher, sind licht und leer. Es geht nicht mehr an, daß jeder ein

ganzes Brot erhalte des Tages.

(ALLE schweigen betroffen.)

ZEDEKIA:

Wurde nicht Korn aus den Dörfern geschafft? Ließ ich nicht Milchkühe und

Vieh in die Mauern treiben?

NACHUM:

Elf Monde währet der Krieg, und viel fressende Mäuler flohen zur Stadt.

ZEDEKIA (nach einer Pause):

Es ist nicht vonnöten, daß jeder die volle Zehrung habe. Wir werden

sparen.

NACHUM:

Auch bislang ward kein Körnchen verschwendet, mein König, und doch

gähnen die Speicher. Gewaltigen Schlund hat die Zeit.

ZEDEKIA:

Und wie lange ... meinest du ... könnten wir ausharren ... mit unserer

Zehrung ...

NACHUM (leise):

Drei Wochen, Herr, -- zum längsten.

(ALLE schweigen wieder betroffen.)

ZEDEKIA:

Drei Wochen ... und dann?

NACHUM:

Ich weiß nicht Antwort, Herr, Gott weiß sie allein.

(ALLE schweigen wieder.)

HANANJA (erregt):

Man teile die Brote. Man gebe jedem nur das Halbe oder ein Drittel.

Genug lang haben sie gepraßt für sich und ihre Kebsen, nun mögen sie

darben für den Herrn.

ABIMELECH:

Meine Krieger dürfen nicht geschmälert werden. Wer kämpfen soll, darf

nicht darben.

HANANJA:

Alle müssen ihr Teil geben, auch die Krieger. Es gilt Jerusalem.

ABIMELECH:

Meine Krieger müssen Kraft haben. Lieber mögen die Unnützen verhungern,

die Luftbläser und Wortemacher.

NACHUM:

Um Nichtiges rechtet ihr. Denn was wäre gewonnen, schnürten wir die

Magen, wenn Hundertmaltausend in unsern Mauern sind? Drei Wochen reicht

die Zehrung, und schlachten wir die Tiere des Tempels, so währet es zwei

Sabbate mehr.

PASHUR:

Es muß mehr Stille sein zwischen uns. Wie die Feinde sprecht ihr

gegeneinander. Wir müssen verbündet sein gegen Nabukadnezar und

verbündet gegen das Volk. Nicht er und nicht sie dürfen wissen von

unserer Not.

ZEDEKIA:

Und wenn er es wüßte bereits?

NACHUM:

Keiner kann es wissen. Ein Siegel drücke ich allmorgendlich an die Tür

der Kammern und löse es mit eigener Hand. Nicht das Volk ahnt die Not,

nicht Nabukadnezar.

ABIMELECH:

Gott sei gepriesen. Er würde unser nicht schonen.

ZEDEKIA:

Ich habe euch gerufen zum Rat, ihr Ältesten des Volkes. Nicht war mir

bewußt, wie karg unsere Speise sei, und doch, meine Gedanken standen auf

wider die Zeit. Nicht das Schwert allein endet die Kriege, oft sänftigt

sie das Wort. Und ich rief euch, zu fragen, was ihr dächtet, wenn ich

Botschaft sendete zu Nabukadnezar, daß wir fragten um den Frieden

zwischen unsern Völkern.

HANANJA:

Keinen Frieden mit den Lästerern des Allmächtigen!

ABIMELECH:

Möge er senden zu dir, mein König! Nicht wir zu ihm!

PASHUR:

Gefährlich dünkt mich dies Beginnen. Er wird uns zu knechten suchen,

sobald er unsere Botschaft gehört.

ZEDEKIA:

Anders denn eure sind meine Gedanken. Noch ist unsere Not ihm verborgen,

doch in wenig Tagen wird er sie wissen. Wir müssen die Zeit des

Geheimnisses nutzen.

NACHUM:

Wie wahr ist deine Rede, mein König! Wir müssen Gnade suchen bei

Nabukadnezar, ehe seine Hoffart mächtig wird über uns.

ABIMELECH (erbittert):

Keine Gnade! Lieber den Tod!

PASHUR:

Gottes Gnade bedürfen wir, keiner andern!

HANANJA:

Feiger Verräter du, Krämer des Glaubens ...

IMRE (mühsam):

Wann wird der Streit tot sein in euren Herzen! Wahr redet der König.

Nicht zur letzten Stunde dürfen wir warten. Lasset uns ihm

entgegengehen, solange wir noch aufrecht sind.

ABIMELECH:

Es ist zu spät schon. Die Toten vor den Mauern reden wider uns.

PASHUR:

Es ist zu spät. Zuviel Grimm hat der Krieg gehäuft.

ZEDEKIA:

Es ist nicht zu spät. (Er schweigt einen Augenblick.) Denn schon ist ein

Bote gegangen zwischen Nabukadnezar und mir!

(ALLE aufspringend, wirr durcheinander.)

NACHUM:

Du hast Botschaft von ihm! Gesegnet sei die Stunde!

HANANJA:

Verrat! Du verhandelst mit den Feinden!

ABIMELECH:

Keinen Vertrag ohne unsere Stimme! Du hast unser vergessen!

PASHUR:

Was handelst du, König, ohne unsere Meinung? Wozu sind wir berufen?

ZEDEKIA:

Ruhe vor mir! Könnt ihr nicht warten auf einer Rede Ende! Wie die

hungrigen Hunde zerfleischt ihr das erste Wort! (Pause. Er spricht

ruhiger:) Ein Sendling ist gekommen von Nabukadnezar in mein Haus,

Botschaft zu bringen. Nicht habe ich ihr gewehrt, nicht habe ich sie

empfangen. Versiegelt noch harrt sie in seinem Munde. Ist dies

Verhandeln, was ich tat, ist dies Betrug? Redet!

(ALLE schweigen.)

PASHUR:

Verzeihe, mein König. Schwer ist es, sein Herz zu halten, wenn es heilig

Schicksal trägt.

ZEDEKIA:

An euch ist es, ihn zu hören oder ihn abzuweisen.

NACHUM:

Wir sind in Not. Wir müssen ihn hören.

IMRE:

Man höre ihn und mißtraue doch seinen Worten.

ABIMELECH:

Man höre ihn, doch erwäge, ob man ihn heimsende hernach, denn er mag

ein Späher sein und gesandt, uns auszuschleichen.

ZEDEKIA:

Und ihr, Pashur und Hananja?

PASHUR:

Man höre ihn!

(HANANJA schweigt, wendet sich ab.)

ZEDEKIA:

Da keiner dawider spricht, sei er berufen. (Er tritt zur Tür und ruft:)

Joab, hole den Boten! (Dann zurück zu den andern:) Fraget ihn aus, jeder

nach seinem Dünken. Vielfach sei unser Fragen, doch einig unsere

Antwort. Meidet, vor ihm uneins zu sein.

(BARUCH tritt ein hinter Joab, der den Vorhang über ihn hebt und

dann verschwindet. Er verneigt sich vor dem Könige.)

ZEDEKIA:

Bist du es, der Botschaft bringt vom Könige Nabukadnezar an Israel?

BARUCH:

An dich hat er mich mit Botschaft gesandt.

ZEDEKIA:

Meine Räte sind dies. Wer zu mir redet, muß ihnen Antwort stehen, denn

sie und ich, Israel und sein König, sind eines Gottes Wille. (Zu den

andern:) Fraget ihn aus.

HANANJA (höhnisch):

Was geruhet die Gnade des heidnischen Königs ...

ABIMELECH (hart unterbrechend):

Die Frage der Vorsicht zuerst! Wie ist dein Name?

BARUCH:

Baruch bin ich, der Sohn Sebulons, aus dem Stamme Naphtali.

ABIMELECH:

Unseres Blutes nennst du dich?

BARUCH:

Ich bin Diener des alleinigen Gottes, und zu Jerusalem steht meiner

Väter Haus.

ABIMELECH:

Ist einem Kenntnis dieses Mannes?

PASHUR:

Seinen Vater kenne ich, rechtlich ist er, ein treuer Diener des Herrn.

ABIMELECH:

Wie fielest du in des Feindes Hand?

BARUCH:

Ich war gegangen, Wasser zu holen vom Brunnen Moria. Da faßten sie mich

von den Schultern her und griffen mich.

ABIMELECH:

Und wie weisest du, daß du sein Bote bist? Ist geschrieben Zeugnis dir

gegeben, gesiegelte Schrift?

BARUCH:

Er ließ seinen Ring an meine Hand tun, daß ich kenntlich sei seinen

Kriegern für Eingang und Widergang. (Er hebt die Hand mit dem Ringe.)

ABIMELECH:

Ich habe keine Frage mehr. Er rede seine Botschaft.

BARUCH:

Da mich die Krieger griffen vor dem Tore, schleppten sie mich in des

Königs Zelt. Sie führten mich vor sein Angesicht und frugen, ein Ebräer

sei gefangen und ob sie mich vom Leben zum Tode bringen sollten. Doch

der König wehrete ihnen und hielt mich elf Monde bis zum gestrigen Tage,

da er mich frug: »Willst du Botschaft bringen an den König Zedekia?« Ich

stund vor ihm ohne Furcht und sagte, daß ich willens sei. Da sprach

Nabukadnezar: »Elf Monate lagere ich hier vor der Stadt, und ich habe

geschworen, nicht eher zu weichen und bei einem Weibe zu liegen, bis

diese Tore sich auftun vor mir. Doch nun ist des Harrens nicht länger.

Lange habt ihr mir widerstanden, doch nun reifet der Zorn in mir:

fürchtet seine Frucht! Will der König sich bedenken, so möge er eilen.

Kein Volk hat mir besser widerstanden, gegen keines will ich milder

sein, so ihr euch eilet, die Gnade zu nehmen.«

ABIMELECH:

Nabukadnezar ist ein großer Krieger. Ehre ist es, ihm widerstrebt zu

haben elf Monde lang.

BARUCH:

Und er sagte ferner -- die Krone trug er zu Häupten, wie ich nie eine

gesehen, funkelnd von Gold und Edelgestein: »So ihr die Tore noch auftut

und euch beugt, ehe der volle Mond sich neut, will ich euch das Leben

lassen. Jeder möge seines Weinstocks pflegen und in Frieden von seinem

Feigenbaume essen. Ich will nicht Blut von euch, obzwar ihr Blut

vergossen, ich will nur den Ruhm und den Sieg. Ich will, daß die Völker

von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang des Neuen gewahr werden, daß kein

Trotz ist wider mein Schwert, der nicht zerbräche, und kein König, der

mir sich nicht beugete, dem König der Könige. Des will ich ein Zeichen,

und dauern möge eure Stadt und eure Tage.«

NACHUM:

Milde dünkt mich die Botschaft.

PASHUR:

Zu milde, als daß ich ihr traute.

ZEDEKIA:

Doch das Zeichen! Welches Zeichen fordert Nabukadnezar?

BARUCH:

Er sagte: Also sprich mein Wort zu Zedekia: »Ich habe die Krone gelassen

auf deinem Haupte, weil sie ein Kind war der meinen, ein Kind meiner

Gnade. Doch du hast aufgereckt dein Haupt wider mich, so mußt du wieder

es beugen; du warst König durch meine Gnade vordem und sollst es

wiederum werden durch meine Gnade, doch meinem Zorne mußt du zuvor Buße

tun und deiner Hoffart.«

ZEDEKIA (ruhig, sehr langsam):

Was fordert König Nabukadnezar von mir, daß ich tue?

BARUCH:

Er sprach: »Der aufstand wider mich, muß sich beugen, und der die Stirne

reckte wider mich, dessen Rücken will ich sehen. Wenn ich einschreite

durch das Tor, soll Zedekia mir entgegengehen vom Tor des Tempels bis

zum Walle, die Krone in Händen und ein hölzern Joch auf seinem Nacken ...«

ZEDEKIA (auffahrend):

Ein Joch?

BARUCH:

»Ein Joch, auf daß alle gewahr werden, daß sein Starrsinn gebrochen sei

und sein Hochmut sich beuge. Und ich will ihm entgegengehen und das Joch

nehmen von seinem Nacken und die Krone wieder setzen auf sein Haupt.«

ZEDEKIA:

Nie wird das Haupt eine Krone tragen, des Nacken ein Joch gefühlt.

Niemals! (Er steht auf.)

ABIMELECH:

Nie werde ich es dulden. (Er steht gleichfalls auf.)

(DIE ANDERN bleiben schweigend sitzen.)

NACHUM (endlich nach einer langen Pause nachdenklich):

Vom Tor des Tempels sagte er, bis zur Mauer der Stadt?

PASHUR:

Hundert Schritte kaum sind es ... nicht mehr ...

IMRE:

Nicht siebenzig sind es ... nicht siebenzig ...

ZEDEKIA (sich umwendend in Zorn):

Die Schritte zählet ihr schon, die ich tun soll, den Nacken unter das

Joch gespannt wie der Stier vor dem Pflug? Ist Wahnsinn in euch

gefahren, daß ihr meint, ich würde mich beugen? Wart ihr nur mutig mit

mir, solange es euer Leben galt und euer Gespartes, und nun, da der

Freche euch befriedet, verschachert ihr meine Schmach? Feiglinge seid

ihr ...

PASHUR:

Mit deinem Eide hast du gelobt, mein König, daß jeder frei vor dir sage,

was sein Herz ihm gebietet.

ZEDEKIA:

Zum rechten erinnerst du mich. Verzeih meinem Blute. Sprecht frei nach

eurem Herzen.

NACHUM:

Hart ist Nabukadnezars Heischung, doch härter die Not. Man möge ihm

willfahren. Nicht aber meine, daß wider deine Ehre ich rede, mein König.

Habe ich bislang mich gebeugt in Ehrfurcht vor dir, so will ich noch

tiefer mich neigen vor dem, der die Not des Volkes auf den Nacken

genommen, der sich erniedrigt, auf daß Israel erhöhet sei. Denn

wahrlich, Königstat ist es, zu leiden für sein Volk.

PASHUR:

Und ich, mein König, neide dir deine Stunde. Denn selig ist es, zu

leiden für seine Brüder. Siebenzig Schritte hast du unter dem Joche zu

gehen, und Siebenzigmaltausend rettet dein Schreiten.

ZEDEKIA:

Leicht ist euch, was mir Tod ist. Alle, alle wider mich! Und du,

Hananja?

HANANJA:

Ich schweige, mein König. Dein ist die Tat!

ZEDEKIA:

Schweigst du jetzt, Profet! Noch sind die Ohren mir voll deiner

Verheißung. Alle, alle wider mich in der Not! So wollt ihr mich zwingen?

ABIMELECH:

Ferne sei es uns, zu zwingen den Gesalbten des Herrn. Frei walte sein

Wille!

ZEDEKIA:

Jeremias: Eine dramatische Dichtung in neun Bildern · 第 7 / 14 段