in die Stadt den König von Mitternacht, was rufet ihr zum Kriege, Männer
Jerusalems? Habet ihr dem Mord eure Söhne gezeuget, und der Schande eure
Töchter? Ward dem Feuer eure Hausung gebaut und dem Prellbock die Mauer?
Besinne dich, Israel, halt ein, eh du rennest ins Dunkel, Jerusalem! Ist
denn so hart deine Knechtschaft, ist so brennend dein Leiden? Siehe,
siehe um dich: es ist Gottes Sonne über dem Lande, und eure Weinstöcke
blühen in Frieden, es schreiten beseligt die Bräute mit ihren Erwählten,
es spielen einfältig die Kinder, und sanft glänzet der Mond in
Jerusalems Schlaf. Das Feuer hat seinen Ort und das Wasser seine Stätte,
die Speicher ihre Fülle und Gott sein geräumiges Haus. Sage, Israel,
sage, ist es nicht schön in Zions Mauern, ist es nicht lind in Sarons
Talen, nicht selig an des Jordans blauem Gefäll? Oh, laß es dir genug
sein, friedsam zu wohnen unter Gottes beruhigtem Blick, und halte den
Frieden, halte ihn fest in deinen Mauern, Volk von Jerusalem, halte den
Frieden!
SEBULON:
Recht redet er! Heil ihm! Wie Gold ist seine Rede!
PASHUR:
Wie chaldäisch Gold!
STIMMEN:
Ja ... er ist verkauft ... nein, recht redet er ... Friede ... wir
wollen den Frieden ... ein Verräter ist er ... ein Söldling von Assur ...
lasset ihn reden ... nein, Hananja redet wahr ... nur Hananja ...
HANANJA:
Fort mit dir, fort! In Samaria rede, wo Knechte sitzen; zu Moab sprich
also oder zu den Unbeschnittenen, doch zu Israel nicht, das Gottes
Erstling ist unter den Völkern.
BARUCH (auf Jeremias eindringend):
Sprich, stehe Rede, hier vor dem Volke sprich es aus, daß sie es hören:
soll dauern unsere Knechtschaft, sollen wir länger Gold zahlen an
Chaldäa? Sprich Antwort, du Verräter!
STIMMEN:
Ja ... ja ... antworte ... rede ... sollen wir weiter zahlen ...
antworte.
JEREMIAS:
Laut spreche ich vor dem Volke: Besser den Zins des Goldes zahlen dem
Feinde, denn den Zins des Blutes dem Kriege! Besser der Weise sein, denn
der Starke, besser Gottes Knecht, denn der Menschen Herr!
HANANJA:
Oh, du Gehorcher und Diener, du Knecht Chaldäas, willst du leugnen
Gottes Wort, das heischet den Krieg wider die Bedrücker, willst du
leugnen die Schrift?
JEREMIAS:
Doch es stehet auch geschrieben daselbst: »Wenn ihr stille bleibet,
würde euch geholfen, durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein.«
STIMMEN:
Ja, so ist es geschrieben ... er redet wahr ... ja, so ist es
geschrieben ... weise ist sein Wort ... nein, er drehet es zu seinem
Sinne.
HANANJA:
Unheiligem Krieg ist es gesagt, Zwist der Geschlechter Israels! Doch
dies ist ein heiliger Krieg, ein Gotteskrieg ist es, Jerusalem, um
deines ewigen Namens willen, ein Gotteskrieg, ein Gotteskrieg!
JEREMIAS:
Abtut Gottes Namen vom Kriege, denn nicht Gott führet Krieg, sondern die
Menschen! Heilig ist kein Krieg, heilig ist kein Tod, heilig ist nur das
Leben.
BARUCH:
Du lügst! Du lügst! Das Leben ist uns einzig gegeben, daß wir es
hinopfern für Gott und seinen Geist. Ich will mich opfern auf seinem
Altare, ich will sinken vor seinen Feinden, ich will sterben für Israel
und seine Herrschaft auf Erden. Nie wird Israel besiegt sein, wenn alle
meines Sinnes sind!
HANANJA:
Nie wird es besiegt sein, solang die Sterne vor Gott leuchten, doch in
dreien Monden wird Babel in unsere Hand gegeben sein, so wir ausziehen
mit Ägypten.
STIMMEN (jauchzend):
In drei Monden ... Heil Hananja ... höret ihn ... in drei Monden ...
HANANJA:
Israel wird siegen, gegen tausend und tausend.
BARUCH:
Angst streut er aus, wie sie ihm Gold streuten.
STIMMEN:
Israel über den Völkern ... auf wider Assur ... Krieg ... Krieg ...
nein, Friede ... Friede über Israel ... Krieg ... Krieg ... für Assur
spricht er ... ein Verräter ... sind die nur wahrhaft, die Krieg
schreien?... gekauft ist er ... übereilet nicht ...
BARUCH:
Ins Weiberhaus mit dem Feigling! Ins Weiberhaus!
EIN WEIB (Jeremias anspeiend):
Schmach wär er für uns! Da dem Manne, der sich verkriecht und uns
schändet! Krieg ... Krieg wider Assur!
JEREMIAS (in Zorn ausbrechend):
Wer bist du, die du so brünstig bist nach dem Blute? Hast du deine
Lenden aufgetan für das Grab und deine Kinder gesäugt für die Grube?
Fluch über den Mann, der nach Blut schreit, aber siebenmal Fluch über
die Frauen, die brünstig sind nach dem Kriege, denn die Frucht ihres
Leibes wird er fressen, und die Knechte Assurs werden worfeln um sie und
um ihr Gewand. Klageweiber werdet ihr sein und mit den Nägeln zerren an
euren Wangen, schrill Heulen wird aus euren Zähnen brechen, die gespien
wider mich und wider den Frieden ...
STIMMEN (Weiber):
Wehe ... wehe ... höret den Fluch ... unsere Söhne ... wehe ... wehe ...
der Furchtbare ... wehe ...
BARUCH:
Die Frauen schreckst du, du Zagherziger, doch die Männer nicht. Hinunter
mit dir!
EINIGE KRIEGER:
Hinunter! Jagt ihn in die Gasse!
HANANJA:
Sperrt ihm den Mund!
STIMMEN:
Fort ... er verstört die Frauen ... fort ... genug Unheil gekündet ...
kalt ward mein Gebein, da er sprach ... er schweige ... schweige ...
JEREMIAS:
Ich schweige nicht, ich schweige nicht, denn in mir schreit Jerusalem!
Jerusalems Mauern stehen in meinem Herzen, und sie wollen nicht sinken,
Israels Lande blühen in meiner Seele, und ich will sie behüten! Dein
eigen Blut schreiet aus mir, Jerusalem, daß es nicht vergossen werde,
dein Same, daß er nicht versprengt werde, deine Steine, daß sie nicht
stürzen, und dein Name, daß er nicht vergehe! Halte dich fest, du
Schwankende, und birg deine Kinder an dich, höre, Jerusalem, des
Warnenden Stimme höre, meine liebende Angst, meine ängstende Liebe höre!
Höre sie, Zion, du Gottesburg, und wahre den Frieden, wahre den Frieden ...
STIMMEN (jetzt im vollen Widerstreit):
Ja ... Gottes Friede über Israel ... Verräter ... Gekaufter ... Gottes
Friede über uns ... meine Söhne will ich bewahren ... Krieg ... Krieg
wider Assur ... dem König die Entscheidung ... ein Verräter ... wir
wollen in Frieden leben ... feige ist er ... gekauft ... Krieg ...
Friede ... Hananja sagt die Wahrheit ... nein Jeremias ... wir glauben
ihm ... recht redet er ... Krieg ... nein ... zerbrechet das Joch ...
Krieg ... Friede ...
(EIN GETÜMMEL erhebt sich in der Richtung des königlichen Palastes,
eine Gruppe Menschen kommt mit Abimelech in der Mitte, der
schwertlos aus der Säulenhalle stürzt.)
DIE STIMMEN DER NAHENDEN:
Verrat ... Verrat ... Verrat in Israel.
(DIE MENGE läßt ab von dem Streite um Jeremias.)
STIMMEN:
Was ist geschehen ... Abimelech ... was ist ihm widerfahren ... vom
Könige kommt er ... Abimelech ... Zorn schattet seine Brauen ... was ist
geschehen.
ABIMELECH (vorne auf den Stufen, neben Jeremias):
Verkauft ist Israel von den Weichlingen, verschachert von den Krämern.
Obgesiegt haben Imri und Nachum im Rate, sie sprachen wider Ägypten, und
der König gab ihnen Gehör.
STIMMEN:
Nieder mit Nachum ... Verrat ... Imri der Greis ... Verräter ... Was
ward beschlossen ... was sagte der König ... Friede, heil dem Frieden ...
Gottes Gericht.
ABIMELECH:
Sein Herz schwanket, denn er scheuet den Krieg. Er will besinnen und
bereden, eh er entscheidet.
JEREMIAS:
Ruhm Zedekia, mit Weisheit ist er gegürtet!
ABIMELECH:
Mit Schwachheit ist er umstellt, das Alter und die Angst sind seine
Berater. Ich aber warf hin das Schwert, denn kein Schwert will ich mehr
um meine Lenden tragen, solange Zion pflichtig bleibet an Assur. Ich
diene seinem Rufe, aber ich diene nicht der Knechtschaft.
BARUCH (ekstatisch):
Oh, du Herrlicher, du Gotteskämpfer, heilig dein Schwert, das für Israel
flammt!
PASHUR:
Segen über dich, der du dich nicht verbrüdert den Käuflingen und
Krämern.
HANANJA:
Sollen wir zögern noch? Wes ist die Stunde? Ist sie Nachums, des
Krämers, und Imres, des Greises, oder deiner, Volk von Jerusalem! Gottes
Stunde ist gekommen, nimm sie hin! Auf zum Könige, auf zum Palast, daß
er uns höre, daß er uns sehe. Auf, Jerusalem, hebe deine Stimme, stoß
aus den Atem deines Zorns, tritt hin das Gewürm des Palastes, auf,
Israel, auf, in den Palast.
STIMMEN:
Auf! Zum Palast ... Zum Könige ... nieder mit den Greisen ... zum
Palast ... zieh mit uns, Abimelech ... auf.
PASHUR:
Zum Könige, daß er dich schaue, Volk von Jerusalem. Zum Könige und zum
Siege! Gott will es! Gott will es!
STIMMEN:
Auf ... zum Könige ... zum Palast ... zum Sieg ...
JEREMIAS (vor den Eingang der Säulenhalle springend):
Haltet ein, haltet Friede, ihr mordet Jerusalem!
STIMMEN:
Fort ... Raum ... Zum Palast ... Was ruft er ...
BARUCH (das Schwert ziehend):
Mein Schwert über den, der jetzt noch Friede spricht!
HANANJA:
Schlag ihn nieder! Schlag ihn nieder!
PASHUR:
Nieder mit dem Verräter!
JEREMIAS:
Um mich, Freunde Gottes, rettet, rettet Jerusalem!
PASHUR:
Stoß ihn nieder! Er will Aufruhr schaffen!
JEREMIAS:
Um mich, Freunde des Friedens, nicht weichet der Gewalt, rettet, rettet
Jerusalem!
PASHUR:
Stopft ihm das Maul. Die Zähne in den Schlund!
BARUCH:
Bei meinem Zorn, weiche vom Markte!
JEREMIAS:
Hier bleibe ich, ich weiche nicht; um den Frieden kämpfe ich, um
Jerusalems Leben! Wahnwitz zurück! Höret, höret ...
DIE MENGE (die Stufen hinaufschäumend):
Auf ... was zögert ihr ... wer wehrt den Eingang ... fort ... zum
Palast ...
BARUCH:
Fort! Zum letztenmal! Frei gib den Weg!
JEREMIAS:
Mit meinem Leibe wider den Krieg, mit meinem Leben für den Frieden!
HANANJA:
Schlag ihn hin! Schlag ihn hin! Es ist Gottestat!
BARUCH:
Zum letztenmal! Den Weg frei zum König! (Er sucht ihn zur Seite zu
stoßen.)
JEREMIAS (sich losreißend mit gewaltiger Stimme):
Keinen Schritt für die Torheit! Friede! Gottes Friede über Israel!
(BARUCH hat das Schwert gezückt und schlägt ihn nieder.)
(JEREMIAS stürzt blutend die Stufen hinab.)
DIE MENGE (in Entsetzen auseinanderstiebend):
Mord ... sie haben einen erschlagen ... Mord ... wer ist es ...
Jeremias ... sie haben ihn erschlagen ... wehe ... warum Gewalt ...
warum schlägt man den Profeten ... recht getan an den Lügnern ...
zum König ... zum König!
(BARUCH bleibt betroffen stehen, das Schwert schwer in der sinkenden
Hand.)
HANANJA (ekstatisch über alle rufend):
Mögen alle Feiglinge so enden, alle Söldlinge Assurs, alle Knechte
Chaldäas! Auf zum Palast, auf zum Könige. Erlöset Israel, erlöset
Jerusalem!
ABIMELECH:
Tod den Verrätern! Rache an Assur!
PASHUR:
Gott hat ihn gefällt!
HANANJA:
Gott hat ihn gefällt! Sein Blitz ist über den Leugner gefahren!
DIE MENGE (nach dem kurzen Erschrecken wieder emporschäumend und in die
Säulenhalle des Palastes flutend):
Zum Könige ... Israel über alle Völker ... Krieg ... Krieg mit Assur ...
nieder mit den Verrätern ... zum Könige ... Gott mit uns ... Gott mit
uns ... nieder mit Assur ... Freiheit ... Freiheit ...
(DIE MENGE strömt jauchzend in die Halle.)
(JEREMIAS ist am Stufenrande ohnmächtig liegen geblieben, ohne daß
einer seiner achtete. Der Sturm der andern flutet über ihn hinweg.
Wie die Woge des Volkes verbrandet, bleibt er zurück wie ein
ausgeworfenes Stück Leben in den Steinen.)
(BARUCH, der für einen Augenblick aus seinem Erschrecken von der
Menge mitgerissen war, arbeitet sich wieder aus der Flut heraus. Er
tritt langsam, wie von innerer Macht gezwungen, an den Ohnmächtigen
heran, beugt sich über ihn, betastet seine Stirne und horcht nach
seinem Atem.)
BARUCH:
Jeremias ... sprich, Jeremias ... wenn noch Leben in dir ist!
(BARUCH richtet den Betäubten halb auf von den Stufen.)
JEREMIAS (mit geschlossenen Augen, aus der Dumpfheit der Sinne):
Die feurige Wolke ist gefallen ... es brennt ... es brennt ... Feuer
über der Stadt ... es brennet uns an ... wehe ... wehe ...
BARUCH:
Halte still, daß ich dir das Blut von den Augen wische ... still ...
JEREMIAS (die Augen aufschlagend):
Wo ... wo bin ich ... wer ... wer bist du ...
BARUCH:
Halte dich still und laß deiner warten ...
JEREMIAS:
Wer ... wer bist du ...
BARUCH:
Nicht krampfe dich auf, laß das Blut dir stillen ...
JEREMIAS:
Lasse mich ... lasse mich ... ich kenne dein Antlitz ... aus deiner
Stimme fuhr Haß wider mich ... deine Augen brannten mich an ... ich
kenne dich ... warst du es nicht ...
BARUCH:
Ich war es, der im Zorne wider dich schlug, doch flach fiel mein
Schwert, und lieb ist mir dies, denn wider einen Waffenlosen hab ich
geschlagen. Sühngeld will ich bieten für dein Blut ... laß es mich
stillen ...
JEREMIAS:
Laß es fließen, laß es fließen ... oh, daß einzig das meine strömte in
Jerusalem ... (sich aufrichtend): Wo ... wo sind die andern ... das
Volk, wo ... leer die Straße ... der Markt ... ah ... im Palaste schon ...
bei dem König, daß sie ihn zwingen ... wo ... wo sind sie ...
BARUCH:
Beruhige dich ...
JEREMIAS:
Fort sind sie ... zu spät ... Fluch über dich, Fluch über dich, daß du
mich fälltest ... daß du brachst meine Knie ... Oh Mörder mehr, als wenn
du mich schlugest ... nicht mein Blut hast du gemordet, aller in Israels
Blut ... nicht mich hast du gemordet, aber Zion hast du gebrochen ...
Zion zerstört ... den Wächter hast du getötet, und sie wüten im
Heiligtum des Herrn ... auf ... auf ... laß mich ... weg, du Mörder
Israels ...
BARUCH:
Was willst du?
JEREMIAS (fiebrig):
Auf ... hilf mir auf ... Du hast mich gefällt, so hilf mir empor ...
auf ... raffe mich hoch ... vielleicht ist es noch Zeit ...
(JAUCHZEN von fern aus dem Palast.)
JEREMIAS (aufschreiend):
Ah ... ah ... ihr Jubel ist Tod, ihre Freude Vernichtung ... zu spät
wird es ... ich muß ... ich muß ... warnen ... auf, um Jerusalems
willen willen ... stütze mich ... ich muß zu ihm ... es ruft mich ... es
ruft ...
BARUCH (verwirrt):
Was willst du? Noch beben deine Knie ...
JEREMIAS:
Wider Hananja, wider Pashur, wider die Lockvögel des Krieges, wider das
Volk ... hilf mir auf ... ich muß schreien das Friedenswort, ich muß es
gellen in die Ohren der Vertaubten ... auf ... auf ...
BARUCH (erstaunt):
Noch einmal willst du ... noch einmal allein wider das Volk ... in
deinen Tod stürzest du dich ...
JEREMIAS:
Und hätte ich sieben Leben, siebenmal will ich geben für Jerusalem und
Gottes Frieden ... so hilf mir ... hilf mir für mein vergossen Blut ...
noch dunkeln mir die Sinne ... hilf ... es gilt Jerusalem ...
BARUCH (schaudernd):
Noch einmal willst du ... noch einmal allein gegen alle ... mächtig ist
die Gewalt, die dich treibt, Jeremias ... ich habe dich gesehen unter
meinem Schwert, und dein Auge war klar ... Jeremias ... einen Feigen
habe ich dich geschmäht und einen Weichling vor dem Volke ... Doch ich
sehe, daß du stark bist in deinem Willen wider den Tod ... Jeremias ...
ein Gewaltiges kündest du mir ...
JEREMIAS:
Wenn du mich ehrest, so hilf mir ... auf, stütze mich, daß ich wider sie
schreite ... daß ich rette Zion vor dem Verderben ...
BARUCH (ihn stützend):
Ich ... helfe dir ... Jeremias ... wider meinen Willen und meinen
Glauben ... denn Macht ist in dir, die mich zwingt ... wie heiß dein
Auge brennt im Willen ... Einen Schwachen und Scheuen vermeinte ich
dich, darum stand ich wider dich, der du schmähtest die Tat und den
sanften Frieden gefordert.
JEREMIAS:
Meinst du, der Frieden sei eine Tat nicht und aller Taten Tat? Tag um
Tag mußt du ihn reißen aus dem Maule der Lügner und aus dem Herzen der
Menschen; als einer mußt du stehen gegen sie alle, denn immer ist das
Lärmen bei den vielen und die Worte bei der Lüge. Stark müssen die
Sanftmütigen sein, und die den Frieden wollen, stehen im ewigen Streit.
Oh, ich weiß, daß ich in Fluch gehe und sie Tod wider mich werfen, aber
ich fürchte mich nicht, denn Gottestat muß ich tun, und wer Gottestat
will, darf nicht ängstig sein vor der Menschen Haß.
BARUCH:
Nicht gehe ... nicht gehe allein ... nichts vermagst du wider sie ...
JEREMIAS:
Ich gehe, ich gehe, daß nicht Wind seien meine Worte. Denn wer nicht
einstehet mit dem Leben für sein Wort, des Rede ist Rauch und verwehet.
Auf ... daß ich ausgieße meine Gesichte und schreie mein Warnen wider
den König ... fort ... hilf mir weiter ...
BARUCH:
Laß mich ... laß mich mit dir gehen ... daß ich tue, wie du tuest ...
denn ich fühle, ein Großes muß es sein, das du beginnest.
JEREMIAS:
Mit mir willst du gehen ... war denn dein Wille nicht wider mich und
dein Schwert?
BARUCH:
Zu stark warst du, da ich wider dich war ... so will ich mit dir sein.
Gebannt hast du mein Herz mit deinem Blute, ich tue, was du tuest, denn
ich ... ich glaube dir, Jeremias!
JEREMIAS (innehaltend, wie erschreckt):
Du glaubst meinen Worten?
BARUCH:
Ich ... glaube an dich ... denn klar sah ich dein Auge unter meinem
Schwert.
JEREMIAS:
Du ... glaubst an mich ... wider die Priester und Profeten, die mich
verleugnen, wider Volk und Stadt?
BARUCH:
Ich glaube an dich ... denn ich sah dein Blut für dein Wort.
JEREMIAS:
Du glaubest an mich ... eh ich selber kaum glaube meinen Träumen ...
redest du wahr, du Knabe?
BARUCH:
Ich glaube an dich, denn ich sehe dich aufrecht wider den Tod. Meinen
Willen tu ich in deinen Willen.
JEREMIAS (erschüttert):
Du glaubst an mich ... Knabe ... wer bist du? Mein Blut hast du
gesprengt aus mir und deinen Willen geworfen in den meinen ... der erste
bist du, der mir glaubet ... und noch weiß ich deinen Namen nicht.
BARUCH:
Baruch bin ich, der Sohn Sebulons von Gilead.
JEREMIAS:
Du wirst keines Sohn mehr sein, so du mir glaubest, der Verstoßene
wirst du sein, so du mir folgest, der Gehaßte und Verbannte, denn in
Flammen muß verbrennen, wer leuchten will im Wort. Hüte dich, Baruch, du
Knabe! Mein Blut hast du genommen von mir, soll ich darum das deine
schon nehmen? (Ihn ergriffen fassend): Laß sehn deine Augen! Morgendlich
noch leuchtet ihr Stern, soll ich ihn umwölken mit meinen Träumen? Rein
glänzet deine Stirn, soll ich sie furchen mit meinen Sorgen? Klar runden
dir die Lippen sich, soll ich sie bitter machen mit meiner Rede? Nein,
Knabe, geh, geh von mir, den Schrecknis umgürtet, nicht wirf in Lauge
dein Herz, weiche von mir um deines Lebens willen.
BARUCH:
Ich will mein Leben nicht ... Dein Weg soll mein Weg sein, denn ich
glaube dir, Jeremias, und dieser Glaube ist nunab mein Leben.
JEREMIAS (bewegt):
Der erste bist du, der mir glaubet, wahrlich meines Glaubens Erstling
bist du und meiner Angst erstgeboren Kind ... mit meinem Blute habe ich
dich gezeuget und aus meiner Qual dich gewunden ... soll ich dich
wahrhaft nehmen in meiner Bitternis ...
BARUCH:
Nimm mich mit dir ... nimm mich mit dir ... um Jerusalems willen ...
JEREMIAS (sich aufraffend):
Um Jerusalems willen! Oh, es bedarf der Helfer in dieser Stunde, das
verwirrte ... So komm, Baruch, du Gezeugter meines Worts, auf, stütze
mich, daß wir schreiten wider sie. Meine Angst, ich will sie werfen
wider den König, meine Sorge, ich will sie schleudern in ihrer Herzen
Schoß, auf, stütze mich, hilf mir wider sie!
BARUCH:
Ich gehe mit dir ... ich gehe mit dir ...
(JUBELGESCHREI von nahe.)
JEREMIAS:
Wehe ... wehe ... wenn das Volk jubelt, ist Unheil im Werke.
BARUCH:
Sie kommen ... sieh ... aus dem Palast kommen sie ...
JEREMIAS:
Ihnen entgegen ... raffe mich auf ... noch dunkeln mir die Sinne ...
BARUCH:
Der König ... der König ist unter ihnen ... er hält das Schwert nackt
in den Händen ... zum Tempel ziehen sie ...
JEREMIAS:
So raffe mich weiter ... es ist Zeit ...
BARUCH:
Die Hallen dröhnen von ihrem Gelärme ... Hananja tanzt ihnen voraus wie
David vor der Lade ... sie haben obgesiegt ... es ist zu spät ... Weiche
von ihnen, birg dich ... es ist zu spät.
JEREMIAS:
Es ist nie zu spät ... laß mich ihnen entgegen.
BARUCH:
Was willst du tun ... mich laß es tun ... ich bin jung und stark.
JEREMIAS:
Das Wort wider sie zücken wie ein Schwert ... ich will wenden des Königs
Herz ... zu ihm muß ich durch ... zu ihm ...
(DIE MENGE ist inzwischen unter wilden Rufen und Geschrei, Gesang
und Lärmen aus dem Palaste hervorgeströmt, schäumt die Stufen nieder
und strömt wieder zum Tempel empor. Das ganze Volk flammt in einer
einzigen Ekstase. Alle Schreie von früher sammeln sich.)
STIMMEN:
Heil Zedekia ... Israel über alle Völker ... Krieg wider Assur ... das
Joch ist zerbrochen ... es lebe Ägypten ... Krieg mit Chaldäa ...
Vernichtung Nabukadnezar ... zum Siege ... zum Siege ... heil dem Bund
mit Ägypten ... heil Zedekia ... heil Abimelech ... Sieg ... Sieg ...
HANANJA (wie ein Trunkener voraneilend zum Tempel, laut):
Auftut des Tempels Tore! Auftut die Tore! Vor dem Altar beschwört der
König den Bund wider Assur!
STIMMEN:
Heil dem Bunde!... Oh Tag der Verheißung ... oh Ende der Knechtschaft ...
Nieder mit Assur ... heil Zedekia ... heil ... Sieg ... Sieg ... Israel
über alles ... Gott ist mit Israel ...
(DER KÖNIG ZEDEKIA ist, gefolgt von den ägyptischen Gesandten, aus
dem Palaste geschritten. Er trägt das Schwert bloß in den Händen.
Sein Antlitz ist strenge und ernst, er geht inmitten des Jubels wie
gedrückt von Gedanken, neigt sich kaum dem allgemeinen Schrei und
Zuruf und steigt jetzt mit langsamen Schritten den Tempel hinan.)
(DIE MENGE drängt ihm nach, lärmend und jubelnd, plötzlich gellt
mitten aus ihr der Schrei):
JEREMIAS:
Zedekia! Zedekia! Tu ab das Schwert!
(DIE MENGE bricht in Tumult aus, die Schreie fallen plötzlich
nieder.)
(DER KÖNIG bleibt stehen auf der Stufe und wendet sich um.)
JEREMIAS (Stimme sich gewaltig erhebend):
Tu ab das Schwert, Zedekia! Du rettest Jerusalem! Friede gib Israel!
Gottes Friede!
DIE MENGE (wild aufschäumend durcheinander):
Krieg ... Krieg ... Krieg mit Assur ... wer redet ... ein Gekaufter ...
nieder mit den Verrätern ... Krieg ... Krieg ... Schlagt ihn nieder ...
Israel über alles ... Krieg ... Krieg ...
(JEREMIAS Schrei ist schnell im aufspringenden Getöse untergegangen,
er selbst fortgedrängt und nur mühsam von Baruch geschützt; die
Menge schäumt und tost fort mit verdoppelter Wucht ihrer
ekstatischen Stimmen zum Könige.)
(DER KÖNIG ist horchend stehen geblieben und sucht nach dem
untergegangenen Schrei. Er hat das Schwert für einen Augenblick
sinken lassen und wendet sich wie nach Hilfe rings um. Um ihn
brandet jetzt donnernd der fanatische Ruf des Volkes, die Tore des
Tempels werden breit aufgetan. Er zögert noch einen Augenblick, dann
hebt er wieder das Schwert und schreitet fest und ernst die letzten
Stufen empor.)
DAS DRITTE BILD
DAS GERÜCHT
»Weil ihr solche Rede treibet, siehe, so will ich meine Worte in
deinem Munde zu Feuer machen und dieses Volk zu Holz und sollen sie
verbrennen.«
Jer. IV, 14.
Der gleiche Platz vor dem Tempel und dem Königspalast. Auf den
Stufen sitzen und lagern lässige Bündel von Männern und Frauen. In
den Straßen und in der Halle das gewohnt beständige Auf- und
Niedergehen von Menschen in Geschäften und Gespräch.
EINER (in der großen Gruppe auf den Stufen):
Und ich sage es euch, es ist gewiß: eine gewaltige Schlacht hat
angehoben zwischen Nabukadnezar und Pharao.
EIN ANDERER:
Ja ... auch ich habe es gehört ... ein Bote ist gekommen ...
EINE STIMME:
Unablässig kommen Boten in den Palast ... das hat nichts zu bedeuten.
DER ZWEITE:
Aber ich habe ihn gesprochen, ich weiß es gewiß.
DIE STIMME:
Den Boten hast du gesprochen?
DER ZWEITE:
Nein ... Aphitor, den Schreiber des Königs ... auch er sagte, eine
Schlacht habe begonnen ... eine große Schlacht ...
DER ERSTE:
Eine gewaltige Schlacht, wie nie eine war seit Menschengedenken, Ägypten
gegen Nabukadnezar ...
STIMMEN:
Möge der Himmel ihn zermalmen, den Verfluchten ... Ägypten ist mächtig ...
auch von den Unsern sind Streiter zur Stelle ... sie werden ihn strafen,
den Hochmütigen ...
EINER:
Er wird ihn zerbrechen, denn Gott ist mit uns.
EIN ANDERER:
Stark ist Ägypten, er wird ihm nicht obkommen.
EIN ANDERER:
Auch Nabukadnezar ist stark. Sie sagen ...
EIN ANDERER:
Laß sie sagen, die Schwachmütigen! Laß sie sagen!
DER ERSTE:
Sie sagen, wie ein Heuschreckenschwarm seien seine Krieger!
EINER:
Krieger! Es sind keine Krieger! Klein sind sie von Wuchs wie die Knaben
und unkund des Schwerts. Mein Schwestermann hat ihrer viel gesehen, in
den Weiberhäusern sind sie Männer und nicht auf dem Feld.
EIN ANDERER:
Bei den Knaben liegen sie des Nachts und machen sie zu Weibern.
(EINIGE lachen.)
EINER:
Pharao wird sie vernichten.
STIMMEN:
Wie Spreu wird er sie fegen von der Tenne ... lang lebe Pharao, unser
Freund ... es lebe Pharao, der Besieger ... lang lebe Pharao ... er kann
nicht an wider ihn ... es lebe Pharao ...
ANDERE (von den Rufen hergelockt, die Gruppe vergrößernd):
Was sagt ihr vom Pharao ... was ists mit Pharao Necho ...
EINER:
Eine große Schlacht schlägt er wider Nabukadnezar ...
STIMMEN:
Er wird sie besiegen ... wie die Hunde mit geklemmten Schwänzen werden
sie vor ihm laufen ... ja, ich habe es gehört, ein gewaltig Ringen hat
angehoben ... er wird sie besiegen ... er wird uns befreien ... es lebe
Pharao ... ewigen Ruhm über Pharao ... eine Tafel des Gedenkens möge man
ihm graben aus Gold ... es lebe Pharao, der Besieger Assurs.
NEUE NEUGIERIGE (herbeieilend):
Was ists ... was ist geschehen ...
EINER DER JÜNGSTGEKOMMENEN:
Pharao hat Nabukadnezar besiegt.
STIMMEN:
Heil Pharao Necho ... ist es wahr ... ich muß heim, meinem Weibe es
künden ... heil Pharao Necho ...
EINER:
Aber noch ists nicht gewiß!
ANDERE:
Wieso ist es nicht gewiß ... willst du zweifeln ... wie kann Baal wider
unsern Gott ... Gott ist mit uns ...
EINER:
Ich habe es immer gewußt, Gott wird mit unsern Waffen sein. Wo er
streitet, ist Sieg ... Keiner kann wider uns ... keiner ...
EIN ANDERER (wegeilend, andern entgegenrufend):