Wir haben gesiegt ... Pharao hat Nabukadnezar geschlagen ...

(DIE MÜSSIGEN des Platzes auf diesen Ruf zur Gruppe hineilend.)

STIMMEN:

Sie erzählen von Sieg ... ist es wahr, daß Pharao Nabukadnezar

geschlagen ...

STIMMEN:

Ja, es ist wahr ... noch nichts ist gewiß ... ja, es ist gewiß ... wer

sagt es ... alle sagen sie es ... er hat es gehört ... der Schreiber des

Königs hat es gesagt ... der König hat es gesagt ... er hat es selbst

gehört vom Könige ... Pharao möge leben ... es lebe unser Freund ... ein

Ende der Knechtschaft ... es lebe Zedekia, der Erlöser des Tempels ...

EINER:

Habe ich es nicht gesagt, eine Schmach war es, daß wir Tribut zahlten

diesen Übermütigen!

STIMMEN:

Eine Schmach ... nun sollen sie uns bezahlen ... das Haus Jahves muß

erneut werden ... ein neues müssen wir ihm bauen ... ja, ein neues ...

sie müssen es bezahlen zur Sühne ... Salomos Palast muß erstehen ...

Salomos Haus ...

EIN MANN:

Was ists? Was ist geschehen?

STIMMEN:

Wir haben gesiegt ... Pharao hat Nabukadnezar geschlagen ... Sieg ...

Sieg ... wir haben gesiegt ...

DER MANN:

Sieg, endlich Sieg, heil Pharao ... ich muß es verkünden daheim ... sie

harren der Kunde ... (wegeilend) Sieg ... Sieg über Assur.

DIE MENGE (strömt jetzt rauschend zu, sich immer mehr begeisternd die

Rufe werden lauter und lauter):

Gottes Gebot war es, daß wir diesen Krieg begannen ... heil Zedekia ...

nun müssen wir sie alle besiegen ... Israel muß über allen Völkern sein ...

ein Brandopfer auf dem Altar ... danket dem Herrn, daß er unsere Feinde

geworfen ... ja ... ja ... danket dem Herrn, Halleluja ... Sieg über

Assur ... zum Tempel ... zum Könige ... daß wir mehr doch wüßten, mein

Herz verzehrt sich in Ungeduld ... von Gott war diese Erleuchtung über

Zedekia ... Hananja hat es geweissagt ... Ja, Hananja ... Hananja ...

sein war der Ruf ... nun müssen wir wider Babel ... ja, zerbrechen wir

seine Mauern ... die goldenen Geräte muß man holen ... Sklaven müssen

sie werden, unsere Sklaven ... mein Herz hat gedürstet nach dieser

Stunde ...

EINER:

Ein Bote kommt vom Tore ...

ALLE (wild in die Richtung stürzend):

Ein Bote ... ein Bote ... wer hat es gesagt ... vom Blachfeld kommt

er ... was ist es ... was bringt er ... er wird uns berichten ... wo ist

er ... wo ...

(EIN BOTE, schweißbedeckt, keuchend vom Lauf, ringt sich durch die

Menge.)

STIMMEN:

Erzähle ... er hat gesiegt ... was ists mit Nabukadnezar ... wieviel

sind der Toten ...

DER BOTE:

Los ... laßt mich los ... Raum ... an den König geht meine Botschaft ...

STIMMEN:

Sei nicht so grob ... ein Wort nur ... ein Wort ... ist er geflohen ...

erzähle ... laßt ihn frei ... er muß zum Könige ... ein Wort nur ...

DER BOTE (sich ihnen entwindend):

Laßt mich frei!... laßt mich frei ... ihr werdets bald erfahren ... zum

König ... ich muß zum König ... meine Botschaft ist eilig ...

STIMMEN:

Was hat er gesagt ... was ists ... Die Botschaft sei eilig ... was hat

er gesagt ...

EINER:

Er sagte, wir würden es bald erfahren, er eilte zum König.

EIN ANDERER:

Das ist gut.

EIN DRITTER:

Warum gut?

DER ZWEITE:

Hätte er nicht gute Botschaft, würde er so hastig sein?

STIMMEN:

Ja ... das ist wahr ... ja ... ja ... mit einem silbernen Schäkel zahlt

ihm der König jedes Wort ... ja ... er eilt um den Botenlohn ... er

verkündet den Sieg ... Sieg ... Sieg ... gute Nachricht ... Sieg ...

STIMMEN (von rückwärts, die den Boten nicht sehen konnten):

Sieg ... er verkündet den Sieg ... Der Bote hat den Sieg verkündet ...

zerschmettert ist Assur ... Sieg ... Sieg ...

EINIGE LEUTE (neu herbeiströmend):

Was ist ... was ists ... was jauchzet ihr ...

STIMMEN:

Sieg ... Sieg ... ein Bote ist gekommen ... er hat Botschaft vom Siege

gebracht ... Nabukadnezar ist geschlagen ... ein Sieg ist errungen ...

ein gewaltiger Sieg ... danket Gott ... Halleluja ... nun ist es gewiß ...

Sieg ... Sieg ...

EINER:

Ein gewaltiger Sieg muß es sein.

EIN ZWEITER:

Sonst hätte er nicht so verborgen getan.

EIN DRITTER:

Man spart uns die Kunde.

STIMMEN:

Ja ... ein gewaltiger Sieg ... bald werden wir es hören ... Tausende

müssen gefallen sein ... vielleicht Nabukadnezar selbst ... Tausende ...

Zehntausende müssen es sein ... ich habe es immer gesagt ... heil

Zedekia ... ein weiser König ist er ... Salomo ...

EINER (sich durchdrängend):

Ist es wahr ... Nabukadnezar ist gefallen ... sie sagen es in allen

Gassen ...

STIMMEN:

Ja ... tot ist der Bedrücker ... nein ... es ist noch nicht gewiß ...

ja ... er hat es gesagt ... der Bote ... inmitten seines Zeltes haben sie

ihn geschlagen ... Zehntausende mit ihm ... lobpreiset Gott ... ja ...

ja ... lobpreiset Gott ... danket dem Herrn ... der Bedrücker ist

gefallen ... Halleluja ...

EIN ÄLTERER MANN:

Aber er sagte doch nur, der Bote ...

STIMMEN:

Sieg hat er gekündet, was zweifelst du noch ... ausrotten soll man diese

Kleinmütigen ... ich hab es gehört ... ich auch ... ich auch ... er

sagte, daß sie Nabukadnezar schlugen ... inmitten seines Zeltes, sagte

er ... nein, das hat er nicht gesagt ... ja ... nein... aber Sieg hat er

gekündet ... frei ist Israel ... frei ...

DER ÄLTERE MANN:

Aber ich stand doch neben ihm und hörte ...

STIMMEN:

Taub ist dein Herz und deine Ohren, totschlagen soll man diese Würger der

Freude ... kommt, legt Festkleider an ... fort mit dir, du Schwätzer ...

(EINE NEUE GRUPPE strömt aus der Gasse.)

STIMMEN:

Sieg ... Sieg, Nabukadnezar ist gefallen ... habt ihr es auch gehört ...

durch die ganze Stadt ... ein Bote ist gekommen und hat es berichtet ...

ja, hier ... hier hat er es erzählt ... längst wissen wir es schon ...

länger als ihr ... uns hat er es zuerst berichtet ... nein ... uns ...

uns ... wir wußten es als erste!...

EINER:

Hananja hat es verkündet als erster, der Seher, der Profet. Oh, wie

weise waren wir, daß wir auf ihn hörten und nicht die Verzagten, die

flennten und greinten, der Tempel werde stürzen ...

EIN ANDERER:

Assur würde Zion besiegen ...

EIN DRITTER:

Unsere Jungfrauen geschwächt werden von den Chaldäern.

DER ERSTE:

Zum Tempel! Zum Tempel! Wir müssen Gott danken und Hananja, seinem

Profeten!

STIMMEN:

Ja ... ja ... nein, wir wollen warten ... Freude und Ungeduld zehrt

unser Herz ... der König wird erscheinen ... ja ... ja ... wer hat es

gesagt ... immer erscheinen die Könige nach dem Siege ... er wird in

den Tempel gehen ... er zuerst muß Dankopfer spenden, nicht uns ziemt

es ... ja ... ja ... bleiben wir ... aber Zimbeln und Pauken laßt uns

rüsten zum Siege ... wie David hinter der Lade wollen wir tanzen ... oh,

Gott ward wieder gütig Jerusalem ... den Reigen rüstet ... den Reigen ...

die Frauen holt alle ... die Bläser und die Lautenschläger ...

ja ... ja ... tuen wir also ... allen erzählet vom Siege ... ein Fest

lasset uns rüsten, ein Fest dem König der Könige .. ja, wir gehen ...

ich bleibe ...

(DIE MENGE wogt freudig wie ein aufgeregter Strom hin und wider,

Gruppen bilden und lösen sich in Erwartung und Ungeduld.)

(JEREMIAS und BARUCH kommen aus einer Nebenstraße gegangen, um ihren

Weg weiter durch die Menge zu verfolgen.)

EINER (lachend):

Da ... da kommt er ... da seht hin ... Jeremias ...

ANDERE (übermütig):

Gegrüßt, du Verkünder!... der Profet kommt, lasset uns grüßen den

Zerstörer Jerusalems ... da ist er, der Schwätzer der Gasse ... kommt ...

kommt mit ...

(EINIGE DER LEUTE umringen Jeremias und Baruch, hindern sie, ihren

Weg fortzusetzen, indem sie sich spöttisch vor ihnen verneigen.)

EINER (sich tief verneigend):

Gegrüßt du, Gesalbter des Herrn!

DIE ANDERN:

Gegrüßt du, Elia ... heil dir, du Verkünder ... Gruß dir, du

Starkmutiger ... heil Jeremias, dem Profeten!

JEREMIAS (stehen bleibend, finster):

Was heischt ihr von mir?

BARUCH (an ihm drängend):

Nicht sprich mit ihnen, nicht rede mit ihnen. Spott ist auf ihren Lippen

und Verhöhnung in ihrem Blick.

EINER:

Weisheit wollen wir von dir und Verkündigung!

DER ZWEITE:

Wir wollen dich fragen, ob unsere Jungfrauen Jungfrauen bleiben dürfen.

DER DRITTE:

Wir wollen dich bitten, daß du dich geduldest und lassest weiter ragen

die Mauern Jerusalems.

JEREMIAS (hart):

Was wollt ihr von mir! Nicht ists zu Scherzen Zeit, da Blut fließt und

Krieg hängt über Israel.

DER ERSTE:

Vorbei ist der Krieg, nun dürfen wir wieder scherzen!

DER ZWEITE:

Und am Bart fassen die Weisen und an ihrer Torheit die Schwätzer.

DER DRITTE:

Wo ist er, dein König von Mitternacht, wo ist er, du Verkünder?

DER VIERTE:

Wo sind ihre Sklaven, wo sind ihre Rosse?

JEREMIAS:

Was wirrt euch die Sinne? Seid ihr rasend geworden? Wie sagt ihr? Vorbei

schon der Krieg, kaum daß er begonnen?

BARUCH:

Nicht rede mit ihnen, nicht rede mit ihnen! Zum Spott wird, wer mit

Rasenden spricht!

DER ERSTE:

Er weiß es noch nicht! Er weiß es noch nicht, der Profet!

DER ZWEITE:

Ei, seht! Er weiß nicht, was gestern war, und will künden, was morgen

geschieht.

JEREMIAS:

Was weiß ich noch nicht? Was ists, das euch so froh macht, ihr

Witzlinge! Ein Arges wohl muß es sein.

DER ERSTE:

Ein Arges nennt ers. Ein Arges fürwahr deinen Wünschen!

DER ZWEITE:

Dein König ist gefallen, erstickt ist er in seinem Blut!

JEREMIAS:

Nabukadnezar ist gefallen? Assur geschlagen?

DER ERSTE:

Ja, du Allweiser. Hananjas Wort hat sich bewährt.

DER ZWEITE:

Zerreiß dein Gewand und scher dir den Bart. Israel hat gesiegt.

DER DRITTE:

Grab dich ein, du Profet, und verschneide deine Zunge. Tot ist

Nabukadnezar, ewig währet Jerusalem.

JEREMIAS (erschüttert):

Tot wäre Nabukadnezar? Ist es wahr, ist es gewiß auch? Sprecht ...

treibt nicht Scherz mit so Gewaltigem!

DER ERSTE:

Er zweifelt noch! Weine, weine, Profet!

DER ZWEITE:

Ja, ich gell dirs in deine Ohren, tot ist Nabukadnezar, zerschlagen

seine Wagen, zerjagt seine Krieger. Gerettet, gerettet ist Israel!

JEREMIAS (ist einen Augenblick starr geblieben. Dann spreitet er die

Arme wie in höchster Freude von seiner aufatmenden Brust. Plötzlich läßt

er sie sinken, und es quillt ihm fast jubelnd von den Lippen):

Gebenedeit sei Gott! Oh, Dank, du Allgütiger, daß du zuschanden

machtest meine Träume, daß du bewahrtest Jerusalem! Besser ich ein Narr

meines Wahns, als die Stadt die Beute der Feinde! Gesegnet seiest du,

Gott, gesegnet!

DER ERSTE:

Ja, du Allweiser, Gott ist milder als du, er liebt uns und erquickt

unser Herz.

DER ZWEITE:

Was wirst du nun uns verkünden? In welchen Winkel wirst du kriechen, du

Maulwurf? Wen wirst du jetzt noch verwirren, du Verwirrter?

DER DRITTE:

Wen nunab betrügen, du Betrüger?

DER VIERTE (mit gespielter Entrüstung):

Oh, wie sprecht ihr arg mit dem Boten des Herrn? Oh, lasset uns küssen

sein Gewand, lasset uns ehren sein Geträume!

STIMMEN (durcheinander lachend):

Ja, erzähle uns, Elia ... belehre uns wieder, du Allweiser ... beglückt,

der dir vertrauet ... auch dein Knabe ... beschläfst du ihn mit

Weisheit ... wo hast du dies Hühnchen gefunden, das gackert hinter

dir ... oh, erzähle uns, Jeremias ... Unheil verkünde uns, viel Unheil,

Jeremia ... Berge von Unheil ...

JEREMIAS (plötzlich ausbrechend):

Ein Wunder ist über dich gekommen, du feiles Volk von Jerusalem, ein

Wunder, das dich erlöst vom Tode, und statt fürchtig zu werden daran,

spottest du im Überwitz! Eine Stunde kaum ist es, und ihr waret im

Rachen der Angst; noch wanken die Knie eurer Seelen, noch beben die

Herzen eurer Herzen, und schon belfert wieder euer Mund. Weh euch, daß

euer erster Schrei, seit der Strick riß eurer Kehle, Hohn war und

Überheben!

BARUCH (sich an ihn drängend):

Nicht sprich zu ihnen. Töricht, wer zu Toren spricht!

EINER:

Ja, Spott werfe ich wie Kot auf dich, denn auf das Herz warfst du uns

Angst, da wir uns aufrafften zum Kampfe.

DER ZWEITE:

Jetzt möchtest du, daß wir schwiegen, aber unser ist jetzt das Reden, an

dir jetzt das Schweigen.

DER DRITTE:

Nicht hören willst du's, aber mach dir taub wie die Eule dein Ohr, ich

schrei dirs hinein aus meiner Freude: »Wir haben gesiegt, wir haben

gesiegt!«

JEREMIAS (einen anfassend):

Wo hast du gesiegt, erzähle hier! Wen hast du geschlagen, du, der du

dich brüstest? Ich seh kein Blut an deinem Schwert, und du, deine Narbe

zeig her, die du empfingest im Streit! Auf dem Markte seid ihr gesessen

allesamt und bei euren Weibern gelegen. Was hurt ihr mit der Ägypter

Sieg, was buhlt ihr mit fremder Tat? Beugt die Knie und bläht eure Hälse

nicht: denn nicht ihr habt gesiegt.

STIMMEN:

Ägyptens Sieg ist Israels Sieg ... wir sind Israel ... auch der Unsern

waren dabei ... wir haben gesiegt, weil Israel befreit ist ... es ist

das gleiche ... er will uns nur höhnen ... seine Wut seht, daß wir

siegten ...

JEREMIAS:

Aber nicht du und nicht du und nicht du, der jetzt die Backen bläht,

nicht ihr, die ihr euch mästet mit fremder Tat! Sie haben gesiegt, die

Krieger, nicht ihr! Demütig sind sie hingegangen, Tod zu senden und Tod

zu leiden, mit krummen Rücken unter der Waffen Wucht sind sie gekeucht,

und der Tod warf sich über sie und drückte ins Knie die Geschwächten. Wo

sie ackerten mit ihrem nackten Gebein, wollt ihr Stolz ernten, aus ihrem

Blute tränken euren Frechsinn, ihr verlassen Volk! Weh, daß sie siegten

für euch und euren stinkenden Stolz!

STIMMEN:

Weh, daß sie siegten -- habt ihr gehört?... er ist toll ... Ihn lüstet

nach Nabukadnezar ... er trauert um Assur ... weh, daß sie siegten ...

er heulet um Jerusalems Fall ... Ohrenschmaus ist sein Zorn ...

JEREMIAS:

Weh, daß sie siegten, sage ich, weh, daß sie siegten, denn zum Narren

gemacht hat euch der Sieg, und den Narren ist böses Ende. Da Josuas

Schwert die Feinde zerschlug, schwieg sein Mund, er brach hin vor dem

Altar und dankete Gott. Hin beugte er sich in Stille, von Schweigen und

Demut glänzte sein Herz, seine Seele tönte an Gott, und war doch ein

Kriegsherr wie keiner der euren. Ihr aber, denen Sieg auf den Scheitel

fiel wie Regen vom Himmel, wem habt ihr gedanket, wem geopfert aus des

Herzens Stille? Mit Hochmut habt ihr euren Wanst gefüllt, mit Stolz habt

ihr euch trunken gemacht, bis ihr taumelig wart; freche Worte rülpst ihr

heraus und speit Unreines vor wie die Schlange ihr Gift. Wahrlich, wert

seid ihr, gezüchtigt zu werden, und so groß Gottes Langmut ist, an

eurer Hurenstirn muß sie zerbrechen!

STIMMEN:

Kommt ... kommt her ... hört den Profeten ... zerreißt die Kleider, denn

wir haben gesiegt ... streut die Asche aufs Haupt, denn Nabukadnezar ist

gefallen ... heulet, heulet, ihr Kinder Israels, denn Zion ward erlöset ...

trauert, ihr Gerechten, denn Gott schenkte uns den Sieg ... Oh, Weisheit,

oh, Jeremias!

JEREMIAS (immer mehr entbrennend):

Wahrlich, du Volk, unter euch sein, ist unter Skorpionen sein; aber ich

sage euch, ihr Frechen, euer Lachen wird kürzer dauern denn die Blüte

des Weinstocks! Gott hat euch begnadet, er hat noch einmal errettet

Jerusalem, aber nicht um eures Lachens, sondern um der Demut willen!

Nicht wollet ihr seiner gewahr werden in der Güte, wohlan, ihr

Verworfenen, bald werdet ihr ihn erkennen in seinem Zorne! Wie einen

Vorhang wird er das Lachen zerreißen in eurem Gesicht, und wie Stein

werden eure Augen dann starren im Schrecken! Rücklings wird fallen eure

Freude, denn nahe ist die Stunde der Sühne dir, Jerusalem, Furchtbares

ist dir bereitet ...

STIMMEN:

Es werden stürzen die Mauern ... es werden weinen die Jungfrauen ... wir

kennen es schon ... Zion wird sinken ... oh, Jeremias, du Weisheit des

Narren ... wie unsere Freude ihn brennet ... hört ihr wanken die

Mauern?...

JEREMIAS:

Höhnt ihr den Warner? So hat Sodom gelachet, wie ihr lachet, und Gomorra

gespottet, denn auch Sodom hat Gott verschonet zu zweien Malen! Aber

schon ist der Rächer gerüstet, der euren stinkenden Stolz wegfeget,

schon das Schwert gezückt, das eure Frechheit zerhauet; der Bote, schon

eilt er heran, euch Jammer zu bringen, er eilt, er eilt, schon hasten

seine Schritte gen Jerusalem, daß sie euch verstören! Schon naht er, der

Bote der Schrecknis, schon naht er, der Bote des Entsetzens, daß seine

Worte wie Hämmer auf euch fallen, schon naht der Bote ...

STIMMEN:

Geh heim, Jeremias ... friß dich satt an deiner Galle und spei nicht auf

unsere Freude ... nein, hört ihn, er erheitert das Herz ... sprich

weiter ... spei dich aus, du Verkünder ...

EINE STIMME (von rückwärts):

Ein Bote ... von Moria kommt er ...

DIE MENGE (sich verlaufend, in die Richtung stürzend):

Ein Bote ... wo ist er ... er bringt Nachricht vom Siege ... führt ihn

her ... vom Siege bringt er Kunde ...

JEREMIAS (erbebend im Schrecken):

Der Bote ... der Bote ...

EINE STIMME:

Vom Tore kommt er gelaufen ... wie ein Trunkener wankt er von seiner

Schnelle ...

STIMMEN:

Wo ist er ... hieher ... hieher ... was ist ... erzähle ... wann fiel

er ... hieher ... hieher ...

(DIE MENGE umstürmt den Boten, der eilig vorwärts will und vor

Erschöpfung keucht.)

STIMMEN:

Heil dir, Siegbringer ... gegrüßt ... gegrüßt ... erzähle ...

DER BOTE (mit letzter Stimme, sich fortkämpfend):

Den Weg frei ... ich ... zum König ... ich ... ich muß ...

STIMMEN:

Ein Wort nur ... wie fiel Nabukadnezar ...

DER BOTE:

Ist Irrwitz unter euch gefahren ... was ist so viel Jubel in Jerusalem ...

rüstet euch, rüstet euch ... laßt mich ... zum König ...

STIMMEN:

Was ist geschehen ... ist Nabukadnezar denn nicht tot ... Pharao hat ihn

zerschlagen ... was sollen wir rüsten ...

DER BOTE:

Mit seiner ganzen Macht zieht er heran ... Nabukadnezar ... kaum entkam

ich seinen Reitern ... rüstet ... rüstet ... Wächter an die Mauern ...

ich ... ich muß ...

STIMMEN:

Wie ... was sagt er ... wer ist geschlagen ... wo ist Pharao ... Du bist

verwirrt ... gebt ihm Wasser ... er lebt ... es ist nicht möglich ... wo

ist Ägypten ...

DER BOTE:

Wasser ... ich kann nicht mehr ... Ägypten ist geschlagen ... Necho hat

Friede gemacht ... Tribut ... Tribut ... nun zieht er heran ...

Nabukadnezar ... führt mich ... ich kann nicht mehr ... hinter mir seine

Reiter ... zum Könige ...

(EINIGE führen den Boten, der kaum vor Erregung gehen kann, zum

Palast.)

STIMMEN (von rückwärts):

Was hat er gesagt ... sind die Chaldäer geschlagen ... was ist ... warum

schweigt ihr ... was ist geschehen ...?

DIE MENGE (wird allmählich von einer grauenhaften Angst befallen, der

große, rauschende Tumult ist in ihr erloschen. Ein ungeheures Schweigen

der Bestürzung geht allmählich über in die Stimmen, die zaghaft und

erschreckt aus der Stille aufzucken):

Es ist nicht möglich ... es darf nicht wahr sein ... was ... was hat er

gesagt ... ein Betrüger ... er ist trunken ... nein, er war erschöpft ...

die Reiter hinter ihm, hat er gesagt ... es kann nicht sein ... sie

haben doch gesagt ... er lügt ... nein, nicht eines Lügners war sein

Gebaren ... was ist ... was ist geschehen ... was hat er gesagt ... es

kann nicht sein ... Gott kann das nicht wollen ...

EINE STIMME (laut):

Pharao hat uns verraten!

STIMMEN (plötzlich aufspringend im Zorn und raschen Anlaufs wachsend):

Ja ... Pharao hat uns verraten ... ja ... ja ... Fluch über Pharao ...

ein Bündnis geschlossen ... Fluch Mizraim ... Betrüger die Ägypter ...

sie haben uns verraten ... Fluch Pharao ...

EINE STIMME:

Immer habe ich gesagt: kein Bündnis mit Ägypten.

STIMMEN:

Ich auch ... ich auch ... ja ... ich auch ... ich auch ... wir alle ...

ich auch ... ein Rohrstab ist Ägypten ... weh, daß der König ihnen

traute ... ich habe widerraten ... ich auch ... ich auch ... wir alle ...

Fluch über Pharao ... was wird nun aus uns ... wehe über Israel ... mein

Weib, meine Kinder ... ich habe gewarnt ... ich auch ...

EIN MANN (hereinstürzend):

Zu den Waffen! Zu den Waffen! Verschließet die Tore, Nabukadnezar zieht

heran und seine Scharen. Schon bei Hebron sind seine Reiter ...

STIMMEN:

Wehe ... bei Hebron ... in zwei Tagen umgürtet er die Stadt ... wir sind

verloren ... nein ... an die Mauern ... wo ist der König ... man

schließe Friede ... nein ... es ist zu spät ... sind wir besiegt denn ...

die Priester, wo sind sie ... bei Hebron hat er gesagt ... zu den

Waffen ... nein, Friede ... Friede ... zieht ihm entgegen ... verloren

sind wir ... von je hab ich gewarnt ...

EINER (plötzlich auf Jeremias hindeutend, der sich wie ein Trunkener an

eine Säule stützt und sein Antlitz verhüllt):

Da ... da seht hin ...

STIMMEN:

Was ist ... wer ist es ... was habt ihr ... was meinet er ...

DER EINE:

Dort ... dort sehet hin ... von ihm geht es aus ... er hat sie

gerufen ... er hat den Boten gekündet ... er hat uns verflucht ...

STIMMEN:

Wer ... Jeremias ... wer ist es ... Jeremias, er hat uns verflucht ...

ja, er hat ihn gerufen ... er hat gebetet um Nabukadnezars Sieg ... ein

Gekaufter ist er ... zerreißet ihn ... nein, nicht rührt ihn an ... er

hat es gekündet ... ein Profet ist er ... ein Gekaufter ... seht, wie er

brütet ...

DER EINE:

Sein Lachen verbirgt er hinter dem Tuche. Aber zu frühe freuet er sich.

Noch steht Jerusalem, ewig wird es bestehen.

STIMMEN:

Ja ... ja ... ewig währet Jerusalem ... tretet ihn tot ... nein, weichet

von ihm ... Macht ist in ihm ... weh, daß er uns fluchte ... er ist

alles Unheils schuld ... ausreißt ihm die Zunge ... nein, laßt ab von

ihm ...

(EIN HEROLD tritt hastig aus des Königs Palast.)

STIMMEN:

Ein Herold ... ein Bote des Königs ... Botschaft des Königs ...

schweigt ... schweiget ... höret ihn an ... ein Bote ...

(DIE MENGE wird ganz still und sammelt sich um die Stufen.)

DER HEROLD:

Botschaft des Königs! Feind ziehet wider Jerusalem, Chaldäa ist auf

wider uns. Jeder Mannbare greife zum Schwert, und die Weiber mögen

Pfeile rüsten und Schleuder. Es schaffe aus der Stadt ein jeder seine

Siechen und Unkräftigen, es tue jeglicher Zehrung in sein Haus, daß

nicht Hunger uns zwinge. Denn wider Waffen stehen unsere Mauern, nichts

vermag Baal wider Jahve, nichts Assur wider Jerusalem!

DIE MENGE:

Ja ... Gott ist mit Israel ... Wir werden uns rüsten ... ja ... Gott ist

mit uns ... auf ... zu den Waffen ...

DER HEROLD:

Keiner bleibe zurück, und keiner entbehre des Mutes. Wer in Zagen

spricht, den sollt ihr schlagen mit dem Schwert, wer von Flucht redet,

den sollt ihr jagen aus den Mauern. Ihr sollt euch nicht rotten auf den

Gassen, jeder hüte sein Haus und rüste sich dem Feinde. Auf, Volk

Israels, recke deine Kraft und zage nicht, denn ewig währet Jerusalem!

DIE MENGE (wieder ganz im Taumel):

Ewig währet Jerusalem ... zu den Waffen ... ich hole mein Schwert ...

auf wider Assur ... lasset uns ermannen ... auf ... zu den Waffen ...

eilt, eilt ... an die Wälle ... in die Häuser ... wir werden

zerschellen ihre Macht ... ewig währet Jerusalem!...

(DIE MENGE zerstreut sich in wildem Tumult nach allen Seiten, so daß

der ganze Platz frei bleibt und mit einem Male die lärmende Erregung

einer grauenhaften Stille weicht.)

(JEREMIAS ist langsam aufgestanden und schreitet mit verhülltem

Antlitz die Stufen zum Tempel empor.)

BARUCH (ihm nach):

Wohin gehst du, Meister? Nicht lasse mich, den Getreuen!

JEREMIAS:

Allein muß ich ... allein ... zu ihm, daß er mich erleuchte ... ein

Zeichen ließ er mich tun vor dem Volke, und doch, ich glaube ihm nicht,

denn, Baruch ... ich will es nicht glauben, daß Gottes seien in mir die

Gesichte, daß Gottes sei dieser schreckhafte Wahn ... oh, daß es Gebrest

nur wäre meines Hirns und nicht Botschaft seines Geistes ... Denn wehe,

wär ich erwählet als Künder und wahr meine Träume ... wehe ...

BARUCH:

Du bist erwählet, Meister, ich hab es erschauet in dieser Stunde. Ein

Zeichen hat dich bezeugt, ein Zeichen von Gott! Der Geist der Profeten

ist über dir und ihre Gewalt!

JEREMIAS (die Stufen empor, gleichsam fliehend vor ihm, mit abwehrenden

Händen):

Nicht sage, daß ich erwählet sei, nicht versuche mein Herz! Es darf

nicht wahr werden mein Wort, es darf nicht wahr werden um Israels, um

Jerusalems willen. Oh, lieber der Verlachte und Verhöhnte sein des

Volkes, denn der Erfüller solcher Schrecknis! Lieber Lügner und Narr,

denn dieser Wahrheit Profet! Lieber ich, denn die Stadt dein Opfer,

Herr! Möge ich stürzen ins Dunkel der Vergängnis, wenn nur leuchten

deine Zinnen, Jerusalem! Mögen vergehen meine Worte wie Rauch, wenn du

nur dauerst, du ewige Stadt, möge Gott meiner vergessen, wenn er nur

deiner gedenket! Oh, ich will knien vor seinem Altare, daß er zerschlage

das Wort in meinem Munde, ich will beten auf meines Herzens Knien, daß

er verstoße meine Verkündung und, Baruch -- bete, bete mit mir, daß ich

als Lügner erfunden werde an Jerusalem!

(JEREMIAS steigt demütig die letzten Stufen empor und tritt mit

gebeugtem Haupte in die Vorhalle des Tempels. Baruch verharrt

regungslos und sieht ihm nach, bis er verschwindet.)

DAS VIERTE BILD

DIE WACHEN AUF DEM WALLE

Jeremias: Eine dramatische Dichtung in neun Bildern · 第 3 / 14 段