Vor der Säulenhalle des Palastes, auf der Straße und die Stu

Anmerkungen zur Transkription:

Im Original sind die Bühnedirektionen im Kleinschrift gesetzt.

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;

lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der

vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.

Kursiver Text wurde _so_ markiert

Fett gedruckter Text wurde =so= markiert

[Illustration]

STEFAN ZWEIG

=JEREMIAS=

EINE DRAMATISCHE DICHTUNG IN NEUN BILDERN

[Illustration]

INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG 1918

FRIEDERIKE MARIA VON WINTERNITZ

DANKBARST

OSTERN 1915 -- OSTERN 1917

DIE BILDER DES GEDICHTS

I. Die Erweckung des Profeten 11

II. Die Warnung 25

III. Das Gerücht 51

IV. Die Wachen auf dem Walle 67

V. Die Prüfung des Profeten 91

VI. Stimmen um Mitternacht 113

VII. Die letzte Not 147

VIII. Die Umkehr 163

IX. Der ewige Weg 193

DIE GESTALTEN DES GEDICHTS

ZEDEKIA, der König

PASHUR, der Hohepriester

NACHUM, der Verwalter

IMRE, der Älteste der Bürger

ABIMELECH, der Oberste der Kriegsknechte

HANANJA, der Profet des Volkes

Schwertträger, Krieger, Knechte

* * * * *

JEREMIAS

SEINE MUTTER

JOCHEBED, eine Anverwandte

ACHAB, der Diener

BARUCH, ein Jüngling

SEBULON, sein Vater

* * * * *

DAS VOLK VON JERUSALEM

DIE GESANDTEN NABUKADNEZARS

CHALDÄISCHE UND ÄGYPTISCHE KRIEGER

* * * * *

Der Schauplatz des Gedichts ist Jerusalem zur Zeit seines Untergangs.

DAS ERSTE BILD

DIE ERWECKUNG DES PROFETEN

»Rufe mir, so will ich dir antworten und dir anzeigen große und

gewaltige Dinge, die du nicht weißt.«

Jer. XXX, 3.

Das flache Dach auf dem Hause des Jeremias, weißgequadert und

blinkend im matten Mond. In der Tiefe mit Türmen und Zinnen, mit

Schlaf und Stille Jerusalem. Alles ist reglos ringsum, nur der Wind

der ersten Frühe fährt manchmal tönend durch das Schweigen.

Plötzlich Schritte, polternd und hastig, die Treppe empor. Jeremias

im losen Kleid, die Brust offen, wie ein Gewürgter keuchend, stürmt

herauf.

JEREMIAS:

Die Tore rammelt zu ... die Riegel vor ... zum Wall ... zum Walle!... Oh

Wächter, schlimme Wächter ... sie kommen ... sie sind da ... Brand über

uns ... im Tempel Brand ... Hilfe ... zu Hilfe!... Die Mauer fällt, die

Mauer ...

JEREMIAS (ist bis zum Rande des Daches vorgestürmt und hält plötzlich

inne. Sein Schrei prallt gell gegen die weiße Stille. Er schrickt

zusammen, ein Erwachen kommt über ihn. Sein Blick tastet wie der eines

Trunkenen über die Stadt hin, seine Arme, die schreckhaft gespreizten,

brechen langsam nieder, müde streift die Hand über die offenen Lider):

Wahn! Wieder Trug und Traum, der fürchterliche! Oh Träume, Träume,

Träume, wie voll ist ihrer das Haus!

(Er beugt sich über den Rand der Mauer und blickt hinab:)

Friedlich die Stadt, friedlich das Land, in mir nur dieser Brand, nur

meine Brust ein Feuer! Oh, wie sie selig ruht in Gottes Arm, von Schlaf

bebrütet, überdacht von Frieden, ein Tau von Mond auf jedem Haus und

Schlummer, sachter Schlummer auf jedes Hauses Stirn. Nur ich, ich brenne

Nacht um Nacht, stürz hin mit allen Türmen, fliehe Flucht, vergeh in

Flammen, nur ich, nur ich, zerwühlt die Eingeweide, fahr taumelnd hoch

vom heißen Bett zum Mond, daß er mich kühle! Nur mir sprengt Traum den

Schlaf, nur mir frißt feurig Graun das Schwarze von den Lidern! Oh

Marter dieses Bilds, oh Irrwitz von Gesichten, die trügerisch im Blut

sich ballen und matt schmelzen dann im wachen Mond!

Und immer gleich der Traum, gleich dieser Wahn, Nacht, Nacht und Nacht,

der gleiche Schrecken sich im Fleische bäumend, der gleiche Traum zu

gleicher Qual entbrennend! Wer tat dies in mein Blut, dies Gift der

Träume, wer, wer jagt mich so mit Schrecknis? Wer hungert meines

Schlafs, daß er ihn wegfrißt mir vom Leibe, wer quält, wer quälet mich?

Mond, Nacht, Gestirn, ihr kalten Zeugen, wer, wer plaget mich, und wem,

wem wache ich? Oh Antwort, Antwort! Wer bist du, Unsichtbares, das vom

Dunkel zielt auf mich mit Pfeilen des Entsetzens, wer bist du,

Schrecknis, die mich nachts beschläft, daß ich dein schwanger ward und

mich hinkrümme in den Wehen? Warum dies Grauen mir, nur mir in dieser

Stadt voll Schlummer und Entsinkens!

(Er horcht in die Stille hinein. Immer fiebriger.)

Oh Schweigen, Schweigen, immer Schweigen und innen Aufruhr noch und

aufgewühlte Nacht. Mit heißen Fängen krallt sichs ein in mich und kann

sie doch nicht fassen, mit Bildern geißelts mich und weiß nicht, wer

mich treibet, in leere Luft hinfallen meine Schreie! Wohin, wohin

entfliehn? Oh wirr Geheimnis dieser Jagd, der ich erliege, und weiß

nicht, wessen Ziel und wem zur Beute! Tu auf dich, Netz und Wirrnis, den

Sinn sag dieser Qual, du Unsichtbarer, oder laß von mir, ich kann, ich

kann nicht mehr. Laß ab, du Jäger, oder fasse mich, in Wachen ruf mich,

nicht im Traum, in Worten sprich und nicht in Bildern brenne, -- tu auf

dich, der du mich verschließest, den Sinn sag dieser Qual, den Sinn, den

Sinn!

EINE STIMME (leise rufend vom Dunkel her. Sie scheint aus Tiefen oder

Höhen zu kommen, geheimnisvoll in ihrer Ferne):

Jeremias!

JEREMIAS (taumelnd, wie von Steinwurf getroffen):

Wer?... mein Name ... war dies mein Name nicht ... rief es von Sternen,

riefs aus meinem Traum?... (Er horcht hinaus. Alles ist wieder stumm.)

JEREMIAS:

Bist du es, Unsichtbarer, der mich jagt und plaget ... bin ich es selbst,

tönt mein hinstürmend Blut ... noch einmal sprich, daß ich dich kenne,

Stimme ... noch einmal ruf mich an ... noch einmal, einmal sprich ...

DIE STIMME (näher tastend):

Jeremias!

JEREMIAS (zerschmettert in die Knie stürzend):

Hier bin ich, Herr! Es hört dein Knecht! (Er lauscht atemlos. Nichts

regt sich ringsum.)

JEREMIAS (erbebend vor Leidenschaft):

Sprich, Herr, zu deinem Knecht! Du riefest meinen Namen, so gib die

Botschaft auch, auf daß mein Sinn sie fasse. Wach bin ich deinem Wort

und offen deiner Rede! (Er lauscht wieder angespannt. Tiefes

Schweigen.)

JEREMIAS:

Ist es vermessen, daß ich dein begehre? Ein Unbelehrter bin ich und

geringer Knecht, ein Staubkorn deiner Erde, doch dein ist alle Wahl! Der

du Könige kiesest aus den Hirten und oft entsiegelst eines Knaben Mund,

daß er dann glühet deiner Rede, -- du wählst nach andern Zeichen. Wen du

berührest, Herr, der ist erwählet, wen du erwählest, Herr, der ist

berufen. War schon dein Ruf dies, der an mich ergangen, oh sieh, ich

habe ihn vernommen; bist du es, Herr, der mich gejagt, so sieh, ich

flieh dir nicht. Faß deine Beute, Herr, greife dein Wild oder jag weiter

mich zum Ziele! Nur mach mich wissend, daß ich dich nicht fehle, tu auf

die Himmel deines Wortes, daß ich dich erschau, dein Knecht!

DIE STIMME (näher, eindringlicher):

Jeremias!

JEREMIAS (entbrennend):

Ich höre, Herr, ich höre! Mit meiner ganzen Seele horche ich dir zu!

Aufgetan sind die Quellen meines Bluts und strömen, ausgereckt jede

Faser meines Leibs, dich zu fassen, offen bin ich, unwürdig Gefäß,

deiner Verkündung. Rede mir deine Rede, befiehl deine Befehle, dein bin

ich mit dem Fleisch und dem Inwendigen meiner Seele! Ich will werden in

deinem Willen und vergehen in deinem Geheiß. Ich will verlassen, die ich

liebte, um deinetwillen und abseits werden meinen Freuden, ich will

lassen die Süße des Weibes und die Hausung der Menschen, in dir allein

will ich wohnen und wandern deine Wege. Keinen Ruf will ich hören, da

ich deinen erhörte, und ertauben der Rede von Menschen. Dir allein

gelobe ich mich, Herr, dir allein, denn durstig ist meine Seele deines

Dienstes -- offen bin ich deinem Wort und gewärtig deiner Zeichen!

DIE STIMME DER MUTTER (nun schon ganz nahe und kenntlich):

Jeremias!

JEREMIAS (in Ekstase):

Brich ein in mich, Herr, mein Herz birst vom Schauer deiner Nähe schon!

Schütte dich aus, selig Gewitter; wühl mich auf, daß ich deinen Samen

trage, mache fruchtend meine Erde, mache trächtig meine Lippe -- einbrenn

mir das Brandmal deiner Hörigkeit! Wirf dein Joch über mich, siehe,

gebeuget schon ist mein Nacken, -- dein bin ich, dein für immerdar. Nur

erkenne mich, Herr, wie ich dich erkenne, nur laß mich deine

Herrlichkeit schauen, wie du erschautest im Dunkel meine Niedrigkeit,

den Weg nur weise deines Willens, Herr, weise ihn, weise ihn deinem

ewigen Knecht!

DIE MUTTER (ist suchend die Treppe emporgestiegen. Ihr Blick ist

ängstliche Sorge, ihre Stimme voll Zärtlichkeit):

Oh hier ... hier bist du, mein Kind.

JEREMIAS (auffahrend von den Knien, voll Schreck und Ingrimm):

Weg ... fort ... oh, verloschen die Stimme ... zerschlagen der Weg ...

verborgen für immer ...

DIE MUTTER:

Weh ... wie du hier stehest im dünnen Gewand am Kalten der Mauer ... komm

hinab, mein Kind ... Fieber schwelt her von den Sümpfen des Morgens ...

JEREMIAS (voll Wildnis):

Was folgst du mir, was verfolgst du mich! Oh Jagd ohne Ende, umstellt

von Stirn und Rücken, in Wachen und Schlaf ...

DIE MUTTER:

Jeremias, wie faß ich dich? Ich lag unten im Schlafe, da war mir, als

hörte ich Zwiesprach vom Dache und Rede und Wort ...

JEREMIAS (auf sie zu):

Du hörtest ... Du auch ... um der ewigen Wahrheit willen ... Du hörtest

Ihn reden, vernahmest den Ruf ...

DIE MUTTER:

Wen meintest ... keinen seh ich mit dir ...

JEREMIAS (sie fassend):

Mutter ... ich beschwöre dich, sprich mir ... Tod oder Seligkeit trägt

mir dein Wort ... Du hörtest eine Stimme ... wachen Sinnes hörtest du

sie ...

DIE MUTTER:

Eine Stimme hört ich vom Dache und tastete, daß ich dich weckte. Doch

kalt war das Linnen, leer lag dein Bett. Da fiel Angst über mich, und

ich rief deinen Namen ...

JEREMIAS (erschwankend):

Du riefest ... Du riefest meinen Namen ...

DIE MUTTER:

Zu dreien Malen rief ich ihn ... Doch warum ...

JEREMIAS:

Zu dreien Malen? Mutter, des bist du gewiß ...

DIE MUTTER:

Dreimal rief ich dich an ...

JEREMIAS (mit brechender Stimme):

Zernichtung und Hohn! Oh, Trügnis überall, außen und innen. In Angst

schrie eine zu mir, und mein Grauen vermeinte den Gott ...

DIE MUTTER:

Wie bist du sonderlich! Kein Unrecht glaubt ich zu tun. Und stieg, da

keiner Antwort gab, selbstens empor, ob hier einer wäre. Doch keiner war

hier.

JEREMIAS:

Oh doch! Ein Rasender, ein Verblendeter ... oh Qual und Marter der

Träume ... Sinn und Widersinn im Betruge ... ich Narr, ich Narr meines

Wahns!...

DIE MUTTER:

Was redest du ... was ficht dich an ...

JEREMIAS:

Nichts, Mutter, nichts ... nicht achte meiner Worte ...

DIE MUTTER:

Nein, Jeremias, ich achte ihrer, doch sie verschließen sich mir.

Jeremias, ein fremder Geist ist über dich kommen, fremd ward und

feindlich dein Sinn. Was ist dir geschehen, mein Kind, was quälet, was

sorget dich?

JEREMIAS:

Nichts quält mich, Mutter ... mich schwülte das Bett ... Kühlung kam ich

zu trinken ...

DIE MUTTER:

Nein, du verschließt dich, du Harter, vor mir und bist doch offen meiner

Seele. Meinst du, ich wisse nicht, wie du umgehst seit Monden Nacht um

Nacht; meinest du, ich hörte nicht das Stöhnen deines Schlafs und den

Angstschrei deines Schlummers? Oh, offenen Auges hör ich dich im Dunkel,

wie du umwanderst ruhlos im Haus, Schritt für Schritt hör ich dich

schreiten, und Schritt für Schritt mitwandert mein Herz. Was ists, das

dich quälet? Tu dich auf, du Verschlossener, nicht birg meiner Sorge die

Qual!

JEREMIAS:

Nicht sorge dich, Mutter! Nicht sorge dich!

DIE MUTTER:

Wie soll ich deiner nicht sorgen? Bist du denn meiner Tage Tag nicht und

meiner Nächte Gebet? Aus den Händen bist du mir gewachsen, darin ich

dich trug, doch meine Seele, noch hält sie dich inne, daß sie wache

deines Lebens. Oh, ich wußte es vordem, eh du es wußtest, ich sah es, eh

du es schautest, seit Monden schon: es ist ein Schatten auf dein Antlitz

gefallen und eine Sorge in deine Seele. Du bist fremd worden deinen

Freunden und abseits der Fröhlichen, den Markt meidest du und der

Menschen Haus. In Gedanken vergräbst du und des Lebens versäumest du

dich. Jeremias, besinne dich, zum Priester bist du gezogen, dein harret

des Vaters Gewand, daß du lobpreisest den Herrn mit Psalter und Gesang.

Heb auf dein Antlitz vom Dunkel in den Tag, es ist Zeit, daß du bauest

dein Leben, daß du beginnest dein Werk!

JEREMIAS:

Nicht ist Zeit jetzt des Beginnens! Zu nah ist das Ende!

DIE MUTTER:

Es ist Zeit! Es ist Zeit! Mannbar bist du des langen, eines Weibes

verlanget dies Haus und der Kinder, damit erweckt sei deines Vaters

Bild.

JEREMIAS (in grimmigem Schmerz):

Ein Weib heimführen in Wüstung? Kinder zeugen dem Würger? Wahrlich,

nicht bräutlich nahet die Stunde!

DIE MUTTER:

Ich faß dich nicht.

JEREMIAS:

Soll ich bauen ein Haus in den Abgrund und mein Leben in den Tod? Soll

ich säen der Fäulnis und lobpreisen die Vernichtung? Ich sage dir,

Mutter, wohl dem, der sein Herz nicht hängt jetzt ans Lebendige, denn

wer atmet diesen Tag, trinkt schon von seinem Tod.

DIE MUTTER:

Welch ein Wahn ist über dir? Wannen war sanfter die Zeit, wann stiller

im Frieden dies Land?

JEREMIAS:

Nein, Mutter, sie sagen Friede und Friede, die Toren, aber es ist darob

kein Friede noch, und sie legen sich nieder und vermeinen Schlaf, die

Arglosen, und schlafen schon in ihren Tod. Mutter, eine Zeit ist nahe

wie keine gewesen je in Israel, und ein Krieg, wie noch keiner über

Erden gefahren! Eine Zeit, daß neiden werden die Lebendigen die Toten in

der Grube um ihren Frieden und die Schauenden die Blinden um ihr Dunkel.

Noch ist es nicht sichtig den Toren, noch ist es nicht offenbar den

Träumern, doch ich, ich hab es geschauet Nacht um Nacht. Immer höher

brennet der Brand, immer näher nahet der Feind, er ist da, der Tag des

Getümmels und der Zertretung, schon steiget des Krieges rot Gestirn aus

der Nacht.

DIE MUTTER:

Entsetzen ... wie wüßtest du's?...

JEREMIAS:

Ein Wort, ein heimlich Wort ist über mich kommen,

Da ich Gesichte beschaute des Nachts

Und irrging in Träumen.

Furcht und Bangnis fiel über mich,

Meine Gebeine erbebten wie eine Klapper,

Und gleich rissiger Mauer

Einstürzte mein Herz. --

Mutter,

Ich habe Dinge gesehen,

Wenn die stünden geschrieben,

Würde starren der Menschen Haar

Und der Schlaf fallen wie Asche

Von ihrem Gesicht.

DIE MUTTER:

Jeremias ... was ist über dich ...

JEREMIAS:

Das Ende nahet, das Ende,

Es fahret aus

Dräuend von Mitternacht,

Feuer sein Wagen,

Würgung sein Flug!

Schon rauschen Schrecknis die heiligen Himmel,

Schon bebt die Erde von Donner und Huf.

DIE MUTTER (im Entsetzen):

Jeremias!

JEREMIAS (sie anfassend, lauschend):

Hörst du ... hörest du nicht, es rauschet, es rauschet schon nah ...

DIE MUTTER:

Nichts höre ich! Es morgent. Hirtenflöten wachten im Tal, und ein klein

Wind umspielet das Dach.

JEREMIAS:

Ein klein Wind?

Wehe, wehe!

Gewaltigen Rauschens

Wächst er empor,

Sturmwind von Gott.

Aus dem Geklüfte

Der Mitternacht

Kommt er gefahren,

Schrecknis schwingt er

Über die Stadt.

Mutter! Mutter! Hörst du es nicht:

Schwert klirrt im Wind,

Räder rollt die rauschende Welle,

Lanze blinkt und Harnisch die Nacht,

Krieger und Krieger, unendliche Scharen

Schüttet der Sturmwind über das Land.

DIE MUTTER:

Wahnwitz von Träumen! Wirrnis und Trug!

JEREMIAS:

Es nahet, es nahet,

Fremd Volk,

Mächtig und alt

Aus dem Osten der Erde,

Unendliche Fülle

Rauschen sie an,

Wie Blitz fliegen weit ihre windigen Pfeile,

Ihre Rosse sind alle mit Eile behufet,

Ihre Wagen starr wie die Felsen geschient.

Und inmitten ausfähret

Mit blutiger Krone

Der Stürzer der Städte,

Der Zünder der Brände,

Der Zwingherr der Völker,

Der König, der König von Mitternacht.

DIE MUTTER:

Der König von Mitternacht ... Du träumest ... der König von Mitternacht.

JEREMIAS:

Den Er erweckte,

Den Er erwählte,

Als harten Vollstrecker

Härtesten Spruchs,

Daß er strieme das Volk um all seiner Fehle,

Daß er mahle die Mauer und berste die Türme,

Daß er lösche das Licht und das Lachen der Häuser,

Daß er tilge die Stadt und den Tempel von Erden

Und pflüge die Straßen Jerusalems.

DIE MUTTER:

Irrwitz und Frevel! Ewig währet Jerusalem!

JEREMIAS:

Es fällt!

Was Gott berennet,

Hat nicht Bestand!

Von untenher

Werden dorren seine Wurzeln,

Und von obenher

Geschnitten seine Frucht!

Mit der Axt und dem Brande

Wird der Reisige roden

Israels Forst und Zions Gefild.

DIE MUTTER (ausbrechend):

Es ist nicht wahr!

Du lügst! Du lügst!

Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen,

Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen!

Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm,

Ewig werden die ragenden Mauern,

Ewig die Herzen Israels dauern,

Ewig währet Jerusalem!

JEREMIAS:

Es stürzet! Gebrochen ist der Stab und gezeichnet die Stunde! Das Ende

nahet, Israels Ende!

DIE MUTTER:

Gottesleugner! Gottesleugner! Des Herrn Erwählte sind wir und werden

dauern über die Zeiten! Nie vergehet Jerusalem!

JEREMIAS:

Ich habe es geschauet in meinen Träumen, offenbar ward es meinen

Gesichten!

DIE MUTTER:

Frevler, wer so träumet, und Frevler siebenfach, wer glaubt solchen

Träumen! Wehe, wehe, daß ichs erlebe, mein eigen Blut zaget an Zion und

zweifelt des Herrn! Jeremias, Jeremias, willst du, daß mir zum Abscheu

werde mein Schoß?

JEREMIAS:

Wider Willen kam mir das Grauen, nicht vermag ich zu wehren den

Gesichten.

DIE MUTTER:

Halte dich wach im Gebet wider sie, und an dem Namen des Herrn

zerschellet ihr Trug. Jeremias, besinne dich: eines Gesalbten Sohn bist

du und geweiht, daß deine Stimme lobsinge dem Herrn, daß sie erhebe die

Herzen der Zagenden und mit Mut fülle der Verstöreten Sinn!

JEREMIAS:

Wie kann ichs, wie kann ichs! Selbst bin ich der Verstörteste aller! Laß

ab von mir, Mutter, laß ab!

DIE MUTTER:

Ich lasse nicht dein und nicht deine Seele dem Zweifel. Jeremias, mein

einzig Kind, höre mich an! Geheimes künde ich dir zum erstenmal, daß

erwache dein Herz. Höre mich, die ich zu dir rede aus meiner Not. Auch

ich war eine Verzagete einst, denn zehen Jahre verschloß der Herr meinen

Schoß. Spott ward ich den Gefährtinnen und der Kebsen Gelächter. Zehen

Jahre trug ich es duldend und zagete schon, aber im elften entbrannte

mein Herz, und ich ging in Gottes Haus, daß Er Frucht schenke meinem

Schoß.

JEREMIAS:

Zum erstenmal kündest du dies ... zum erstenmal.

DIE MUTTER:

Und ich warf mich zur Erde und tränkte sie mit meinen Tränen und

gelobete: so ein Sohn mir geschenkt sei, ihn zu weihen dem Herrn. Ich

gelobete zu schweigen und kein Wort zu tun vom Munde in meiner schweren

Zeit, daß ihm dereinst der Rede Fülle sei, zu lobpreisen den Gott.

JEREMIAS:

Mich gelobet ... Mutter!... auch du ... auch du ...

DIE MUTTER:

Selbigen Tages erkannte dein Vater mich, und ich ward dein gesegnet.

Jeremias, höre, Jeremias, neun Monde begrub ich getreu die Stimme in

meinem Leibe, daß dir alle Fülle des Wortes sei, daß du Lobkünder

werdest des ewigen Gottes! So lösete ich mein Wort, und wir zogen dich

auf, daß du lerntest die Schrift, und lieblich klang deine Stimme zum

Psalter. Jeremias, nun weißt du: zum Priester bist du geweiht von

Anbeginn und zum Lobkünder des Herrn. Zerreiß deiner Träume Netz und

tritt in den Tag.

JEREMIAS:

Oh, zwiefach Gelöbnis, Mutter, oh, zwiefach Zeugnis dieser Nacht. Zum

andern Male hast du mich erwecket dem Leben, ein Wissender bin ich

worden an deinem Wort, denn wundersam: ich schrie auf meine Frage zu

Gott, und er entsandte dich mir zur Rede! Oh Geheimnis dieses Wegs, oh

Stachel der Träume, der mich aufstieß, oh Lockung der Bilder, die mich

weckten, oh trefflicher Jäger, der nicht fehlet! Nun weiß ich, wer

geschlagen an meines Schlafes Wand, bis ich aufstund von meines Lebens

Schlummer, nun weiß ich, wer drängete meine Säumnis, nun weiß ich, wer

mich gefordert ...

DIE MUTTER:

Was ward dir! Wie eines Trunkenen gehet deine Rede ...

JEREMIAS:

Ja, trunken bin ich nun der Gewißheit seines Willens und so voll der

Rede, daß mich der Odem in meinem Innern ängstet. Die Siegel sind

gebrochen meines Mundes, und mir brennet die Lippe der Verkündung ...

DIE MUTTER:

Wehe, wenn du sie kündest deine Träume, die verruchten! Mein Sohn bist

du nicht, schreist du aus solchen Wahn!

JEREMIAS:

Dein Sohn, Mutter? Oh, wie sehr bin ich dein Sohn, wie dir gleich im

Geschehen! Wisse, auch ich bin ein Unfruchtbarer gewesen, und Er hat mir

ein Wort gezeuget und ein Geheimnis. Erneut habe ich, Mutter, dein Wort,

auch ich habe mich ihm gelobet ...

DIE MUTTER:

So tritt hin in sein Haus, daß du ihm opferst, der dich erweckte, daß du

lobpreisest seinen Namen!

JEREMIAS:

Nein, Mutter, nicht Opferers Dienst hab ich genommen -- selbst will ich

das Opfer sein. Ihm bluten entgegen meine Adern, ihm brennet mein

Fleisch, ihm flammet meine Seele. Ich will ihm dienen, wie keiner

gedient, seine Wege sind meine Wege nunab. Oh, siehe, schon morgents im

Tale, und auch in mir war es Tag aus den Dunkelheiten! Sein Himmel

brennet in Feuer, und auch mir entbrannte das Herz. Oh, Wagen Elias,

auffahrend im Feuer, reiß mit meine Rede, daß sie niederstürze wie

Donner in der Menschen Tag! Wehe, mir brennet die Lippe schon, fort, ich

muß fort ...

DIE MUTTER:

Wohin willst du vor Tag?

JEREMIAS:

Ich weiß nicht, Gott weiß es.

DIE MUTTER:

Doch sage, was planest du?

JEREMIAS:

Ich weiß nicht, ich weiß nicht! Sein ist mein Herz, sein ist die Tat!

DIE MUTTER:

Jeremias, ich lasse dich nicht, du schwörest mir denn, daß du

verschweigst deine Träume ...

JEREMIAS:

Ich schwöre nicht! Ihm allein bin ich verschworen!

DIE MUTTER:

... daß du nicht kündest Schrecknis vor dem Volke.

JEREMIAS:

Sein ist die Verkündung, mein nur die Lippe!

DIE MUTTER:

Wehe, du fliehest mein Wort! So höre und wisse: wer ausgehet Zweifel zu

säen in Israel, geht nicht mehr ein in mein Haus.

JEREMIAS:

Sein ist mein Wort, sein meine Hausung.

DIE MUTTER:

Wer nicht glaubet an Zion, ist nicht mehr mein Sohn!

JEREMIAS:

Sein bin ich allein, der mich eintat deinem Leibe.

DIE MUTTER:

So weichest du? Aber höre vordem noch, Jeremias, höre, eh du auftust die

Lippe vor dem Volke: Ich fluche aus meiner Seele Kraft dem, der

Schrecknis wirft über Israel, ich fluche ...

JEREMIAS (schauernd):

Nicht fluche, Mutter, nicht fluche!

DIE MUTTER:

Ich fluche dem, der Sturz sagt den Mauern und Wüstung den Gassen, ich

fluche dem, der Tod schreit über Israel. Möge sein Leib in Feuer fallen

und seine Seele in des lebendigen Gottes Faust.

JEREMIAS:

Nicht Fluch sprich ... Mutter ... vielleicht stößt Er mich unter ihn ...

DIE MUTTER:

Ich fluche dem Zweifler, der mehr vertrauet den Träumen denn Gottes

Barmherzigkeit! Ich verfluche, ich verfluche den Leugner Gottes und wäre

es mein Kind! Zum letztenmal, Jeremias ... wähle!

JEREMIAS:

Ich ... geh ... meinen Weg ... (Er beginnt mit schwerem Schritt zur

Treppe zu treten.)

DIE MUTTER:

Jeremias ... mein einzig Kind bist du und meines Alters Trost ...

entweiche meinem Fluch ... denn Gott wird ihn erhören, wie er erhörte

mein Gelöbnis.

JEREMIAS:

Auch ich bin ihm gelobet, Mutter, auch mich hat er erhöret. Lebe wohl!

(Er schreitet die erste Stufe hinab.)

DIE MUTTER (aufschreiend):

Jeremias! Über mich geht dein Schritt! Du zertrittst mir das Herz!

JEREMIAS:

Ich weiß die Straße nicht, die ich schreite ... ich fühl die Steine

nicht, die ich trete ... ich fühl einen Ruf nur ... einen Ruf, der mich

rufet ... und ich folge dem Ruf ...

(Er steigt langsam die Stufen nieder, das Antlitz ernst und

verhalten, die Augen starr in den Himmel.)

DIE MUTTER (zur Treppe hinstürzend, in Verzweiflung):

Jeremias!... Jeremias!... Jeremias!...

(Keine Antwort. Der Schrei verhallt zur Klage und schwingt

allmählich ganz ins Schweigen zurück. Einsam steht die einstürzende

Gestalt der Mutter vor dem hohen Himmel, über den sich tragische

Morgenröte wie ein Schein von Feuer und Blut mählich zu verbreiten

beginnt.)

DAS ZWEITE BILD

DIE WARNUNG

»Die Profeten, die vor mir gewesen sind von alters her, haben wider

viel Länder geweissaget von Krieg, von Unglück und Pestilenz;

wenn aber ein Profet von Frieden weissagt, den wird man kennen, ob

ihn der Herr wahrhaftig gesandt hat, wenn sein Wort erfüllet wird.«

Jer. XVIII, 8/9.

Der große Platz von Jerusalem, der mit vielen Stufen aufsteigend in

den Säulenvorhof der Burg von Zion führt, rechts zum königlichen

Palaste und mittseits zum anschließenden Tempel. Auf der andern

Seite ist der geräumige Platz von Häusern und Gassen begrenzt, die

nieder und gebückt scheinen gegen den hochragenden Bau. Die Eingänge

in den Palast sind umschmückt von Girlanden und prächtigem

Zedergetäfel; in breite, kunstvolle Brunnenschalen des Vorhofs

fließt Wasser nieder, rückwärts glänzt dunkel das erzgetriebene Tor

des Tempels.

Vor der Säulenhalle des Palastes, auf der Straße und die Stufen

empor wirr durcheinandergedrängt das Volk von Jerusalem, eine

farbige, erregte Masse von Männern, Frauen und Kindern, die von

einhelliger Erwartung bewegt sind. Die Menge hat viele Stimmen, die

in den Augenblicken des Geschehens oft in einen einzigen Schrei

zusammenfließen, sonst sich aber erregt widerstreiten. Im

gegenwärtigen Augenblicke sind alle in die Richtung der Gassen

gewandt und drängen sich in erwartender Unruhe.

STIMMEN:

Der Wächter hat schon gerufen vom Turm ... nein, noch nicht ... doch,

ich habe das Horn gehört ... ich auch ... ich auch ... sie müssen nahe

sein ... von wo kommen sie ... werden wir sie sehen ...

ANDERE STIMMEN:

Vom Tore Moria kommen sie ... hier müssen sie vorbei ... sie gehen zum

Palast ... laßt die Gasse frei, ... ja ... ja ... wir wollen sie sehen ...

weicht zurück ... macht Raum ... Raum für die Ägypter ...

EINE STIMME:

Aber ist es gewiß auch, daß sie kommen?

EINE ANDERE STIMME:

Den Boten sprach ich, der ihnen vorausgeeilt.

STIMMEN:

Er hat den Boten gesprochen ... erzähle ... wie viele sind ihrer ...

bringen sie Geschenke ... wer ist ihr Führer ... was bringen sie ...

erzähle, Isaschar!

(EINE GRUPPE bildet sich um den Mann Isaschar.)

ISASCHAR:

Ich vermag nur zu berichten, was der Bote, mein Schwäher, mir gesagt.

Die ersten Krieger Ägyptens sind es, die Pharao uns sandte, und Sklaven

sind viele mit ihnen, die Geschenke bringen auf Sänften und Tragen. Seit

Salomos Tagen ward nichts ihresgleichen gen Zion gebracht.

STIMMEN:

Es lebe Pharao ... Ruhm seiner Herrschaft ... Heil Ägypten!

EINE STIMME:

Sie sagen, auch eine Tochter Pharaos reise mit ihnen, daß sie Zedekia

vermählt werde. Ist es wahr, Isaschar?

ISASCHAR:

Es ist wahr. Eine Tochter Pharaos geleiten sie. Die Schönste ist sie

seiner Töchter, und er hat sie Zedekia gewählt.

STIMMEN:

Ruhm Pharao ... Heil Zedekia ... werden wir sie schauen ... Heil

Ägypten!...

EIN ALTER MANN:

Unheil kam von je über Israel von den fremden Weibern der Könige ...

STIMMEN:

Ja, sie wenden den Sinn der Gerechten ... fort mit ihnen ... was schmähst

du Ägypten ... ja, was wollen, sie ... was bedeutet die Sendung ...

seit wann ist Freundschaft zwischen Ägypten und Israel ... was wollen

sie?

EINE STIMME:

Ein Bündnis bietet Pharao Necho wider Nabukadnezar, ich weiß es von

Abimelech.

STIMMEN:

Heil Abimelech, unser Führer ... kein Bündnis ... kein Bündnis mit

Ägypten ... kein Bündnis mit Mizraim ... wider wen ist das Bündnis ...

ISASCHAR:

Warum kein Bündnis mit ihnen? Mächtig sind sie, und vereint wären wir

stark wider unsern Unterdrücker. Zehntausend Sichelwagen vermag Pharao

Necho ins Blachfeld zu stellen, und seine Bogenschützen und Reiter sind

ohne Zahl. Er will aufstehen wider Assur, unsern Peiniger, und sie

begehren unseres Beistands.

DER ALTE:

Kein Bündnis mit Ägypten! Unser Kampf ist nicht der ihre!

ISASCHAR:

Unsere Not ist die ihre, sie wollen nicht Knechte sein der Chaldäer!

STIMMEN:

Wir auch nicht ... wir auch nicht ... nieder mit Assur ... zerbrechen

wir das Joch ... hüten wir uns ...

BARUCH (ein Jüngling, ekstatisch):

In Ketten gehen unsere Tage und mit güldenen Schäkeln unsere Boten

allneumonds gen Babel. Wie lange wollen wir es dulden noch?

SEBULON (der Vater Baruchs):

Schweige ... nicht dein ist die Rede ... eine linde Knechtschaft ist

Chaldäas Joch ...

STIMMEN:

Aber wir wollen nicht länger Knechte sein ... die Stunde der Freiheit

ist gekommen ... nieder mit Assur ... verbinden wir uns Ägypten ...

SEBULON:

Nie kam Gutes von Mizraim. Man muß prüfen und erwägen, man muß mißtrauen

und gedulden.

STIMMEN:

Die Geräte des Tempels muß man schaffen ... nicht länger soll Baal sich

ihrer ergötzen ... nieder mit den Räubern des Tempels ... jetzt ist es

die Stunde ...

ANDERE STIMMEN (von der Tiefe der Gasse her):

Sie kommen! Sie kommen!

STIMMEN (von allen Seiten jauchzend):

Sie kommen ... Raum ... macht Raum ... sie kommen ... hier herauf ...

zurück hier ... ich sehe sie schon ... hier kannst du sie sehen ...

(DAS VOLK stürmt die Stufen empor und bildet eine Gasse, durch die

nun die Gesandtschaft der Ägypter zum Palaste ziehen kann. Man sieht

vorerst nur die Lanzenspitzen der Krieger über dem Gewoge der

lärmenden Menge leuchten.)

STIMMEN:

Wie stolz sie gehen ... wer ist der Führer ... Araxes ist es ... die

Geschenke ... die Sänften ... seht diese, sie ist verhüllt ... die

Tochter Pharaos muß es sein ... heil Araxes ... heil Ägypten ... wie

schwer sie tragen an den Truhen, Gold muß darin sein ... wir werden es

zahlen müssen mit Blut ... die Schwerter, seht die kurzen ... die unsern

sind besser ... wie hochmütig sie gehen ... gewaltige Krieger müssen es

sein ... es lebe Pharao Necho ... es lebe Ägypten ... heil ... Gott

strafe Assur ... heil Ägypten ... heil Araxes ... es lebe Necho ...

Segen über Pharao ... geheiligt unser Bund ... heil euch ... heil euch ...

(DIE MENGE umdrängt mit frenetischen Jubelrufen den Zug der

Ägypter.)

(DIE ÄGYPTER, reichgeschmückt, schreiten stolz und ernst durch die

Reihen. Sie klirren die Schwerter zusammen und danken würdevoll.)

BARUCH (von den Stufen herab):

Der König erfülle eure Wünsche! Er schließe den Bund!

STIMMEN:

Ja ... ja ... auf gegen Assur ... zerbrechen wir das Joch ... es lebe

Necho ... Segen über eure Ankunft ... Rache für Zion ...

ANDERE STIMMEN:

Zum Palast ... geleitet sie zum Palast ... zum Könige ... er schließe

den Bund ... es lebe Araxes ... Segen über Zedekia, unsern König ...

ein König der Knechte ... nein ... nein ... Freiheit ... auf zum Palast ...

(DIE ÄGYPTER sind die Stufen empor zum Palast geschritten und in die

Säulenhalle eingetreten. Hinter ihnen strömt der Schwall des Volkes.

Andere Schwärme verlaufen sich in den Gassen. Es bleiben auf den

Stufen nur einzelne kleine Gruppen älterer Leute zurück, während die

Krieger und die Frauen schaulustig den Ägyptern nachstürmen, die

Sänften umdrängen und mit dem Zuge im Säulenvorhof verschwinden.)

BARUCH (der ihnen ekstatisch zugewinkt hat):

Ich muß mit ihnen.

SEBULON:

Du bleibst!

BARUCH:

Ich will es schauen, ich will es erleben, wie Israel aufsteht wider

seine Peiniger. Meine Seele verzehrt sich, das Gewaltige zu erschauen,

und nun ist die Stunde genaht.

SEBULON:

Du bleibst! Gott wägt seine Stunden, nicht wir. Des Königs ist die

Entscheidung.

BARUCH:

Wie sie jubeln! Laß mich mit ihnen sein, mein Vater, daß ichs erlebe.

SEBULON:

Oft und oft noch wirst du's erleben. Denn immer jubelt das Volk zu den

lauten Worten, immer läuft es hinter dem Gepränge.

EIN ANDERER:

Was verweigerst du ihm die Freude? Ist der Tag unseres Sehnens nicht

erschienen? Freunde sind Israel erstanden.

SEBULON:

Nie war Mizraim Israels Freund.

BARUCH:

Unsere Schmach ist die ihre, Israels Not die Ägyptens.

SEBULON:

Nichts gemein haben wir mit den Völkern der Erde. Einsamkeit ist unsere

Gewalt.

DER ANDERE:

Aber sie wollen für uns kämpfen.

SEBULON:

Für sich wollen sie kämpfen. Jedes Volk kämpft nur für sich allein.

BARUCH:

Sollen wir Knechte bleiben, soll Zedekia ein König sein der Sklaven und

Zion ein Pflichtling Chaldäas? Oh, daß er ein König wäre, Zedekia ...

SEBULON:

Schweige, ich befehle es dir. Nicht ziemt es den Knaben, die Könige zu

richten.

BARUCH:

Jung bin ich, doch wer ist Jerusalem, wenn die Jugend nicht? Die

Bedächtigen nicht haben es gebaut. David, der Junge, hat sie getürmet

und groß gemacht unter den Völkern.

SEBULON:

Schweige, nicht dein ist das Wort auf dem Markte.

BARUCH:

Sollen nur die Bedächtigen reden, nur die Greise beraten, daß Israel

ergreise vor den Jahren und Gottes Wort faule in unsern Herzen? Unser

ist die Stunde, unser die Rache. Ihr habt euch gebeuget, wir wollen uns

erheben, ihr habt gezögert, und wir wollen vollbringen, ihr hattet den

Frieden, und wir wollen den Krieg.

SEBULON:

Was weißt du vom Kriege, du Vorwitziger. Wir, die Väter, haben ihn

gekannt. Er ist groß in den Büchern, aber ein Würger ist er in Wahrheit

und ein Schänder des Lebens.

BARUCH:

Ich fürchte ihn nicht. Ein Ende der Knechtschaft!

EINE STIMME:

Einen Eid des Friedens hat Zedekia geschworen.

STIMMEN:

Ungültig ist der Eid ... er zerbreche den Schwur ... kein Eid gilt den

Heiden ...

STIMMEN (von rückwärts aus der Gasse kommend, im Jubel):

Abimelech! Heil Abimelech ... Abimelech, unser Führer ... heil dir ...

(DIE GRUPPEN sammeln sich um Abimelech, den Obersten der Krieger,

und jubeln ihm zu.)

STIMMEN:

Abimelech ... ist es wahr, daß Ägypten ein Bündnis bietet ... raffe dein

Schwert ... auf, ziehe wider Assur ... raffe Israels Kraft ... wir sind

bereit ... wir sind bereit ...

ABIMELECH (auf der Höhe der Stufen zu der Menge):

Sei bereit, Volk von Jerusalem, denn nahe ist die Stunde deiner

Freiheit.

(DIE MENGE, die ihn umringt, bricht in Jubelschreie aus.)

ABIMELECH:

Pharao Necho hat uns seine geharnischte Hand geboten. Er will sich uns

gesellen, daß wir selbzweit Assurs Macht brechen, und wir wollen es tun,

mein Volk von Jerusalem. Bereit sind deine Streiter, gerüstet deine

Kämpfer, geschirrt deine Wagen, gespannt deine Bogen, nun stähle dein

Herz, Volk von Jerusalem.

DIE MENGE (jauchzend):

Auf gegen Assur ... Krieg mit Chaldäa ... heil Abimelech ...

EIN KRIEGER:

Wie die Schafe werden wir sie vor uns hertreiben. Sie haben sich matt

gemacht in den Frauenhäusern, und ihr König trug nie eines Kriegers

Gewand.

EINE STIMME:

Das ist nicht wahr!

DER KRIEGER:

Wer sagt, es sei nicht wahr?

EINE STIMME:

Ich sage es. In Babel bin ich gewesen und habe Nabukadnezarn gesehen. Er

ist gewaltig und sein Kriegsvolk ohne Makel.

STIMMEN:

Du Schurke, lobpreisest du unsere Feinde ... ein Gekaufter ist er ...

sein Weib ist eine Chaldäerin ... sie hat gehurt mit allen Knechten

Babels ... Verräter ...

DER KRIEGER (vortretend zu den Sprechenden):

Willst du sagen, wir könnten ihrer nicht obsiegen?

DIE STIMME:

Ich sage, daß sie mächtig sind, die Chaldäer.

DER KRIEGER (auf ihn eindringend):

Meine Faust sieh hier und sage noch einmal, sie seien besser denn

Israel.

STIMMEN:

Sag es noch einmal ... zerreißt ihn ... Verräter ... Verräter ...

DER SPRECHER (von allen gefaßt, eingeschüchtert):

Nicht das sagte ich ... ich meinte ... ich meinte, daß ihrer viele sind.

ABIMELECH:

Immer waren unserer Feinde viel, und immer haben wir sie geschlagen.

STIMMEN:

Wer kann an wider uns ... alle haben wir geschlagen ... Moab

zerschmettert und Ammon ... Sanherib und seine Tausendmaltausend ... die

Philister und Amalek ... Wer kann uns widerstehn ... Tod über den, der

uns schmäht ...

(EINIGE BOTEN eilen aus dem Palast.)

DIE MENGE (sie umdrängend):

Wohin eilet ihr ... was bringt ihr ... wen suchet ihr ... was ist ...

EIN BOTE:

Der König hat den Rat berufen.

STIMMEN:

Krieg ... er beschließet den Krieg ... Krieg ...

ABIMELECH:

Wen hat er berufen?

DER BOTE:

Imre, den Ältesten, Nachum, den Verwalter; und auch an dich ergehet sein

Ruf.

ABIMELECH:

Zauderern bin ich gesellt und Klüglern, die das Wort wägen und schauern

vor der Tat. Aber ich bringe mein Schwert, und ich will es von mir

werfen, darf ich es nicht zücken wider Assur. Dein ist die Stunde, ich

kämpfe für sie, Volk von Jerusalem!

DIE MENGE:

Heil Abimelech ... Heil Abimelech ... heil dir, du Gottesstreiter ...

heil ...

(ABIMELECH eilt in den Palast.)

BARUCH:

Ihm nach, ihm nach! Der König soll unsere Stimme hören, er höre unsern

Willen erdonnern vor seinem Palast.

SEBULON:

Ich verstoße dich, wenn du nicht schweigest. Der König will beraten, und

Ruhe muß sein um den Ratschluß.

BARUCH:

Er soll nicht beraten. Er beschließe! Er beschließe den Krieg! Wir alle

wollen den Krieg.

STIMMEN:

Ja, wir alle ... wir alle ... schreit auf zu ihm ...

EINE STIMME:

Nein, ich will keinen Krieg ... ich will keinen Krieg ...

STIMMEN:

Schweige ... Verräter ... noch ein Gekaufter ... wer bist du ... nieder

mit ihm ... wer bist du ...

DER SPRECHER:

Ein Bauer bin ich, und nur im Frieden blüht mein Feld. Aber der Krieg

stampft meine Äcker und zerstößt mir die Scholle. Ich will keinen Krieg,

ich will nicht!

BARUCH (wild):

Schmach über dich! Schmach über dich! Daß du doch faultest in deinem

Acker und ersticktest an deinen Früchten! Fluch denen, die am Gewinn

ihren Mut messen und an ihrem Leben des Landes Geschick! Israel ist

unser Acker, und wir wollen ihn düngen mit unserm Blute, denn, ihr

Brüder, es ist Seligkeit, zu sterben für den alleinigen Gott.

DER SPRECHER:

So stirb und lasse mich leben. Die Erde liebe ich, auch sie ist Gottes,

und er hat sie mir zu eigen gegeben.

BARUCH:

Nichts ist uns zu eigen gegeben, Lehen ist alles vom lebendigen Gotte,

daß wir es wiedergeben an ihn auf seinen Ruf. Und sein Ruf ist

erschollen, oh, daß wir ihn hörten! Erfüllet sind die Zeichen! Oh, wo

sind die Künder der Worte, wo sind sie, die seines Geistes sind, daß sie

die Trägen entflammen und hören machen die Tauben. Wo sind die Priester,

wo sind die Profeten? Was schweigt ihre Stimme in dieser Stunde zu

Jerusalem?

STIMMEN:

Ja ... die Profeten ... wo sind sie, die Priester ... wecket sie auf ...

sie versäumen die Stunde ... wo ist Hananja ...

BARUCH:

Zum Tempel empor! Nichts ohne Gottes Wort! Sie mögen entscheiden, die

Gottesmänner!

STIMMEN:

Ja ... wo sind unsere Hirten ... in ihnen ist die Wahrheit ... Hananja ...

Pashur ... wo sind sie ... tut auf den Tempel ... tut auf das Tor ...

Hananja ... Pashur ...

(EINIGE sind die Stufen hinaufgeeilt und schlagen an die erzene Tür.

Die Tür tut sich auf, und es erscheint im Ornat:)

PASHUR (der Hohepriester):

Was ist dein Begehr, Volk von Jerusalem?

BARUCH:

Erfüllt ist die Verheißung, aufstehet das Volk! So säume nicht. Sprich

den Fluch über unsere Widersacher, denn die Stunde der Freiheit winket

deinem Volke.

STIMMEN:

Tu den Tempel auf, daß Gott über uns sei ... den Profeten rufe, daß er

uns Wahrheit sage ... aus den Büchern lies die Weissagungen ... zum

Könige sprich und zum Volke ...

PASHUR:

Was ist geschehen? Was glühet ihr mit einem Male?

BARUCH:

Ein Bündnis ist geboten von Ägypten wider Assur, und der König zaudert.

Krämer und Knechte sind seine Vertrauten. Doch das Volk verlanget eurer

Stimme.

STIMMEN:

Die Profeten rufe, daß sie uns Weisheit lehren ... Hananja ... Hananja ...

wann waren sie vonnöten, die heiligen Worte, wenn nicht zu dieser

Stunde?... Ihrer sei die Entscheidung ... Hananja ...

PASHUR:

Was begehret ihr des Profeten?

BARUCH:

Sein Wort falle in unser Herz, er segne Israel, er verfluche

Nabukadnezar und seine Knechte ... Sein Wort soll wie Feuer über uns

fahren, daß wir entbrennen. Hananja rufe, Hananja, es fordert ihn die

Stunde, Gott fordert ihn.

DIE MENGE:

Hananja ... wo ist unser Profet ... Gott fordert ihn ... Er erscheine ...

wir dürsten nach seinem Worte ... Hananja ... Hananja ...

(HANANJA tritt aus der Tür des Tempels.)

(DIE MENGE bricht bei seinem Anblick in wilde Jubelrufe aus.)

BARUCH (zu ihm empor):

Hananja, Gottes Gesandter, siehe, dein Volk dürstet nach deiner Rede!

Gieß aus die Welle deines Wortes über sie, daß Kraft ihnen entbrande,

mache fruchtbar unsern Ingrimm und ziele unsern Zorn. In deinen Händen

liegt Jerusalems Schicksal!

DIE MENGE:

Gieß aus Gottes Wort über uns ... Die Verheißung verkünde ... Sage, sollen

wir ausziehen ... Gottes Wille laß uns wissen ... belehre dein Volk, du

Bote des Herrn, belehre den König ... oh, sprich die Verheißung ... sieh

unser Schwanken ... erwecke unser Herz.

HANANJA (vor die Schwelle des Tempels tretend, pathetisch):

Selig deine Frage, selig deine Stimme, selig du selber, Volk von

Jerusalem, daß du sie endlich aufhebst zum Schrei! Denn Schlaf war

gefallen über dich, ein Ohnmächtiger bist du gelegen in den Sielen der

Knechtschaft, Jerusalem, und die Völker sind geschritten über dich wie

über einen Trunkenen, sie haben gespien auf dein Gewand, und sie haben

gelacht deiner Blöße. Aber ein Ruf ist gegangen an die Schläfer, eine

Botschaft an die Verträumten, und ich will sie künden euch

Gotterweckten.

DIE MENGE (bricht in fanatische Jubelschreie aus):

Höret ihn!... Erweckte sind wir ... wahrlich, wie im Schlafe sind wir

gelegen ... sage, Meister, ist es Zeit ... sag an, ist es die Stunde ...

HANANJA:

Wie lange noch wollet ihr euch gedulden der Taten, da Gott euch erweckte

... wie lange stille sein, da der Herr euch gerufen? Gott dürstet, denn

leer sind seine Krüge, Gott hungert, denn gebrochen sind seine Altäre,

Gott friert, denn geraubt ward der Schmuck seiner Fliesen, Gott leidet,

denn es spotten sein die Priester Baals und die Knechte der Astaroth! Er

harret euer, daß ihr ihn erlöset, und wie im Schlafe habt ihr gelegen;

er winket zu sich euch, aber ihr rühret euch nicht im Joche. So werfet

ab das Joch, reißt euch los von den Ketten, die Posaune laßt schallen

und erklirren das tödliche Erz; Gott hat euch wach geschrien, so kämpfet

für ihn!

BARUCH:

Töne, oh töne, du Gottesposaune! Auf, Israel, auf, Jerusalem, brecht

Gottes Joch!

DIE MENGE:

Zerbrechen wir das Joch ... auf wider Assur ... streiten wir gegen

Nabukadnezar ... zu den Waffen ... werft auf das Panier ... Sage, ist es

Zeit, daß wir ausziehen ... Krieg wider Assur ... Sag, werden wir ihrer

obsiegen?

HANANJA:

Die Stimme des Herrn erbrauset mir innen, wie ein Meer schäumt sie mir

stürmend zum Munde, und also tönet sie euch zu: »Erhebe dich, Israel,

wappne deine Lenden, fasse froh den Schild und die Speere, auf, tummle

deine Rosse, denn Assur ist dein Wild und Babel deine Beute. Gehe an, du

Gewaltiger, deine Bedränger zu jagen, ich habe dir Pfeile in den Köcher

getan, die nicht fehlen, und Lanzen gerüstet, die nicht splittern. In

deine Hand habe ich Assur gegeben, so balle sie zur Faust, Israel, und

knicke seine Knochen! Tritt unter die Fersen, die dich bedrückten, hole

heim meine Habe, erlöse mich, wie ich dich erlöse. Wirf weg, die dir

widerraten, tilge aus, die dich zäumen, nicht höre die Schwachmütigen,

nur meinen Boten erhöre! Höre, Israel, höre auf ihn!...«

JEREMIAS (aus der Menge wild aufschreiend):

Nicht höret auf ihn! Nicht höret auf ihn --! Nicht höret auf ihn!

(DIE MENGE weicht im Tumult auseinander. Jeremias wird mitten in der

erregten Masse sichtbar. Er arbeitet sich gegen die Stufen zu der

Stelle empor, wo Hananja spricht.)

STIMMEN:

Wer redet ... wer ist dieser ... was für Rede ... was sagt er ... wer

ist er ...

JEREMIAS:

Nicht höret ihn, nicht höret denen zu, die euch nach dem Munde reden,

tut ab die Schlingen seiner Worte! Nicht höret die Gleisner, die euch

ins Schlüpfrige stoßen, nicht tappet in die Netze der Vogelsteller,

nicht lausche, Jerusalem, den Lockpfeifern des Krieges!

PASHUR (sich aufrichtend):

Wer redet in der Menge?

HANANJA:

Wer redet wider den Herren? Hervor aus dem Dunkel!

JEREMIAS (sich vorstoßend):

Es redet die Angst, und es schreit das Bangen um Jerusalem, die

Schrecknis tut auf ihren Mund. Für Israel spreche ich und um Israels

Leben!

STIMMEN:

Wer ist er ... ich kenne ihn nicht ... es ist keiner von den Profeten ...

ich kenne ihn nicht ... wer ist es ...

EINE STIMME:

Jeremias ist es von den Priestern zu Anathoth.

STIMMEN:

Wer ist Jeremias ... wer ist er ... was wollen die zu Anathoth in

Jerusalem ... der Sohn Hilkias ist es ... wer ist er ... was will er ...

PASHUR (zu Jeremias, der die Stufen emporgestiegen ist):

Fort von des Tempels Stufen! Den Gesandten Jahves, den Gottesmännern

und Profeten ist allein verstattet die heilige Schwelle! Uns allein ist

es, Gottes Wille zu künden!

JEREMIAS:

Wer ist so vermessen, daß er sich unterfange, ihm allein habe der Herr

die Weisheit zugeteilt und das Geheimnis seines Willens! Nur in Träumen

spricht Gott zu den Menschen, und auch mir hat er Träume gesandt. Mit

Entsetzen hat er gefüllt meine Nächte und mich wach gemacht in die Zeit,

er hat mir einen Mund gegeben, daß ich rede, und eine Stimme, daß ich

schreie. Er hat die Angst in mich eingetan, daß ich sie über euch werfe

wie ein brennend Tuch, und ich will sagen meine Angst um Jerusalem, ich

will schreien meinen Schrei vor dem Volke, ich will künden meine Träume ...

BARUCH:

Fort mit den Träumern und Traumdeutern! Wache will die Stunde!

HANANJA:

Wem sind nicht Träume gegeben! Das Tier wälzt sich im Schlafe, und der

Sklaven Traum ist mit Bildern voll. Wer hat dich gesalbet, daß du redest

vor dem Tempel?

STIMMEN:

Nein ... er soll reden ... wir wollen ihn hören ... ein Wahnwitziger ist

er ... seine Träume soll er künden ... erzähle ... offen ist der Markt ...

frei ist Gottes Haus ... sprich, Jeremias ...

PASHUR:

Nicht von des Tempels Schwelle! Nicht vor des Tempels Gelaß!

HANANJA:

Ich bin Gottes Profet und keiner sonst in Israel. Auf mich sollet ihr

hören und nicht die Schwätzer der Gasse. Weg die Träumer vom Markte!

BARUCH:

Ein Feigling ist er, entlaufen seinen Ängsten.

STIMMEN:

Er soll reden ... wir wollen ihn hören ... nein, Hananja rede ...

Hananja ... er ist vielleicht gesandt vom Herrn ... sprich, Jeremias ...

warum ihn nicht hören ... was hat er geträumt ... in Träumen ist oftmals

Verkündung ... laß ihn reden, Hananja ... man wäge ihre Worte ...

sprich, Jeremias ...

JEREMIAS (hat sich emporgeschwungen):

Brüder in Israel, Brüder in Jerusalem, einen Sturm hört ich fahren im

Traume wider Zion, und Kriegsvolk wider unsere Mauern, und sie warfen

nieder das Gebälk und stürzten die Zinnen, Flamme saß auf den Dächern

wie ein rot Tier und fraß leer unsere Hausung. Es war kein Stein mehr,

der stund auf dem andern, und eine Wüstung in den Gassen; so viel Tote

sah ich liegen wie Kehricht, daß das Herz sich mir wandte im Leibe und

die Siegel meines Mundes aufbrachen im Schlaf ...

PASHUR:

Wahnwitz schreit von den Stufen des Tempels.

HANANJA:

Fallsucht plaget ihn, und er plaget uns.

BARUCH:

Hinunter mit ihm!

STIMMEN:

Nein, die Träume wollen wir hören ... was deuten sie ... ein Irrwitziger

ist er ... ein Narr ... fort mit ihm ...

JEREMIAS:

Doch da ich wach auffuhr im Schweiße meines Leibes, ihr Brüder, da

spottete ich mein, wie diese meiner spotten! Denn war nicht Friede im

Lande, ihr Brüder, saß die Stille nicht auf den Mauern und kein Wind

rührete sie an? Und ich ging fort vom Hause und schämete mich meines

Ängstens und ging her zum Markte, daß ich mich freute des Friedens. Da

scholl Jauchzen her, und das Herz brach mir ein inwendig, denn ein

Jauchzen war es zum Kriege. Meine Brüder, da ward bitter wie Galle meine

Seele, und das Wort sprang mir zum Munde wider meinen Willen, denn saget

wahrhaft, ihr Brüder: ist Krieg ein so kostbar Ding, daß ihr ihn

lobpreiset? Ist er so gütig, daß ihr ihn ersehnet, ist er so wohltätig,

daß ihr ihn grüßet mit der Brunst eures Herzens? Ich aber sage dir, Volk

von Jerusalem, ein bös und bissig Tier ist der Krieg, er frißt das

Fleisch von den Starken und saugt das Mark von den Mächtigen, die Städte

zermalmt er in seinen Kinnladen, und mit den Hufen zerstampft er das

Land. Nicht schläfert ihn ein mehr, der ihn weckte, und wer das Schwert

zücket, mag leicht selber darein fallen. Weh darum über den Fürwitz, der

Streit anhebt ohne Not, denn auf einem Wege wird er ausziehn, und auf

sieben wird er rückfliehen, weh denen, die Mord tun am Frieden mit dem

Wort! Hüte dich vor ihnen, hüte dich, Volk von Jerusalem!

BARUCH:

Vor den Feiglingen hüte dich, Volk von Jerusalem, vor den Gekauften und

Verrätern!

HANANJA:

Wo ist seine Verheißung? Wo Gottes Wort? Für Babel spricht er und Bel.

STIMMEN:

Nein ... er redet recht ... viel Wahres ist an seinem Wort ... lasset

ihn ausreden ... die Träume ... was für Verheißung ... lasset ihn ...

auch ihn wollen wir hören ...

JEREMIAS:

Jeremias: Eine dramatische Dichtung in neun Bildern · 第 1 / 14 段