Ein Paar florentiner Künstler, deren Thätigkeit im Wesentlichen auf ihre

Heimat beschränkt bleibt, behalten von ihren Vorgängern und Lehrern die

Freude an reicher Dekoration. _Andrea Ferrucci_ (1465-1526) erscheint

in seinem großen Tabernakel im Dom zu Fiesole und im Taufbrunnen des

Doms zu Pistoja herzlich unbedeutend in den kleinen Figuren, aber

tüchtig im Aufbau und in der malerischen Behandlung der Dekoration. Im

höheren Maße gilt dies noch von _Benedetto da Rovezzano_ (1476-1556),

dessen Altar in Sa. Trinita, dessen Kamin und Marmornischen im Bargello

mit ihrem zierlichen malerisch behandelten Ornament wohl als die

feinsten dekorativen Arbeiten der florentiner Hochrenaissance gelten

dürfen, während die kleinen Figuren an diesen Arbeiten, die Reliefs aus

dem Leben des hl. Giovanni Gualberto (Bargello) und seine Statuen (wie

der Evangelist Johannes im Dom) unbelebt und befangen erscheinen.

Ferrucci's Andreasstatue im Dom (1512) leidet an denselben Mängeln;

dagegen zeichnen sich seine Büste des Marsilio Ficino im Dom (1521) und

eine ähnliche Büste in S. Francesco al Monte durch einfache

Naturbeobachtung und geschmackvolle Anordnung vor den meisten

gleichzeitigen Büsten vorteilhaft aus.

Benedetto wurde in seiner späteren Zeit durch Kardinal Wolsey nach

England gezogen, um dort das Grabmal dieses Kirchenfürsten auszuführen.

Schon vor ihm war ein ähnlich veranlagter Landsmann, _Piero Torrigiano_

(geb. 1472), durch den König selbst an den englischen Hof gezogen und

arbeitete hier das edle Grabmonument Heinrichs VII. in Westminster

Abbey, wo auch das einfache Grab der Mutter des Königs von seiner Hand

ist. Später ging der Künstler nach Spanien; unter den dort ausgeführten

Bildwerken ist die bemalte Thonfigur des hl. Hieronymus im Museum zu

Sevilla die tüchtigste. Weit manierierter ist als Bildhauer der bekannte

Architekt _Francesco di Sangallo_ (1493 bis 1570), wie seine

Marmorgruppe der Madonna mit Anna in Or San Michele (1526) und das

Monument des Bischofs Angelo Medici in der Annunziata zu Florenz

beweisen. Schlichter und naturwahrer ist seine Grabplatte des Bischofs

Bonafede in der Certosa bei Florenz.

Zwei andere Florentiner dieser Zeit sind uns namentlich durch ein Paar

stattliche Bronzearbeiten bekannt. Die Gruppe der Predigt des Täufers am

Battistero (1511), von der Hand des _Gio. Francesco Rustici_

(1474-1554), schon stark beeinflußt durch Michelangelo, ist durch die

Einfachheit und den Ernst der Auffassung und Anordnung, durch die Kraft

der Gestalten eine der besten Arbeiten der Hochrenaissance überhaupt.

Die Bronzestatue des Evangelisten Johannes an Or San Michele von _Baccio

da Montelupo_ (1469-1533?) erscheint daneben nüchtern und gesucht.

[Abbildung: 225. Marmorbüste der Teodorina Cibò von G. Cr. Romano (?).]

Die Arbeiten der genannten florentiner Künstler charakterisieren sich

regelmäßig durch eine gewisse Schwerfälligkeit und Nüchternheit, sowohl

in der Dekoration wie in den Figuren, welche neben der eleganten

Leichtigkeit und frischen Natürlichkeit ihrer Vorgänger besonders stark

auffallen. Ein gleichzeitiger römischer Bildhauer und Goldschmied, der

Sohn des Isaïa, _Gian Cristoforo Romano_ (um 1465-1512), bewahrt weit

mehr von der einfachen Natürlichkeit und Grazie des Quattrocento.

Freilich haben seine Arbeiten, auch die umfangreichsten, mehr den

Charakter der Kleinkunst, welche während der Hochrenaissance durch ihren

engeren Anschluß an die vorausgegangene Epoche und an die Bedingungen

des Materials vielfach den Vorzug vor der monumentalen Plastik besitzt.

Cristoforo's Mausoleum des Gian Galeazzo Visconto in der Certosa zu

Pavia (um 1491-1497) erscheint wie ein Schmuckkästchen im Kolossalen;

die Reliefs von seiner Hand haben noch viel Verwandtschaft mit besseren

Arbeiten des späteren Quattrocento in Rom. Ein jüngeres Grabmonument

seiner Hand, das des Pier Francesco Trecchi in S. Vincenzo zu Cremona

(um 1502-1505), ist ohne feineren Sinn für den Aufbau, aber sehr

reizvoll in der zierlichen Dekoration. Als ein Jugendwerk des Künstlers

ist die treffliche Marmorbüste der jungen Beatrice d'Este im Louvre (um

1491) wohl mit Recht für Cristoforo in Anspruch genommen. Nach dem

Vergleich mit dieser Büste und verschiedenen beglaubigten Medaillen

berühmter italienischer Frauen seiner Zeit darf auch die große

Marmorbüste der Teodorina Cibò in der Berliner Sammlung (No. 225) mit

Wahrscheinlichkeit auf Gian Cristoforo zurückgeführt werden. In Rom im

Anfang des XVI. Jahrh. entstanden, zeigt dieses Werk in der

anspruchslosen Haltung, in der klassischen Gewandung die Richtung der

Hochrenaissance in einer schlichten Größe wie wenige Büsten der Zeit.

In Gian Cristoforo Romano ist der Einfluß der Frührenaissance, in

welcher der Künstler groß geworden war, ein maßgebender geblieben,

obgleich er in Rom in Beziehung zu den großen Meistern der

Hochrenaissance, namentlich auch zu Michelangelo stand. In höherem Maße

ist dies noch der Fall bei mehreren gleichzeitigen oder selbst jüngeren

Bildhauern, welche fern von den großen Kunststätten aufgewachsen waren

und in ihrer Thätigkeit auf ihre Heimat beschränkt blieben. In einer

Reihe von Bildwerken in den Marken, wie im Monument des Ritters

Guidarelli im Museum zu Ravenna, oder in den beiden Marmoraltären im Dom

von Cesena, teilweise auch noch in den Grabmonumenten des _Pietro

Bariloto_ in Faenza (thätig um 1520-1545), sind die Vorbilder der

venezianischen Künstlerfamilie Lombardi nur in verallgemeinerten, etwas

verflauten Formen wiedergegeben. Ähnlich ist es nördlich von Bologna, wo

in Parma _Gian Francesco da Grado_ in mehreren seiner Feldherrnmonumente

in der Steccata (am Ende der zwanziger Jahre) Einfachheit im Aufbau mit

geschmackvoller Dekoration und feiner Farbenwirkung zu verbinden weiß.

Wie in der Plastik der Lombardei noch bis tief in das XVI. Jahrh. hinein

die Traditionen des Quattrocento nachwirkten und selbst ein Künstler wie

_Ag. Busti_, dessen Thätigkeit die erste Hälfte des Cinquecento

ausfüllt ({~DAGGER~} 1548), noch auf der Grenze beider Epochen steht, ist früher

schon ausgeführt worden (S. 138).

In Busti und anderen Bildhauern der Lombardei bringt der Einfluß der

neuen Zeit auf die herbe alte Kunstweise oft eine eigentümlich

unerfreuliche Mischung hervor, die als Karikatur oder Manier wirkt. In

dem benachbarten Modena tritt uns dagegen ein etwas jüngerer Bildhauer,

_Antonio Begarelli_ (um 1498-1565), wenn er auch seinem Vorgänger im

Quattrocento Guido Mazzoni die Anregung zu seiner eigentümlichen

Kunstthätigkeit verdankt, doch als völlig freier Künstler der

Hochrenaissance entgegen. Seine Ausbildung und Beschäftigung abseits von

den großen Kunstcentren hatte bei ihm nur die günstige Wirkung, daß er

seine Richtung besonders eigenartig entwickelte und von fremden,

barocken Einflüssen freihielt. Die hervorstechende Eigentümlichkeit

seiner Kunstwerke: die Anordnung seiner Kompositionen als Gruppen von

großen Freifiguren in Thon, ist freilich stilistisch ein Unding, da sie

als plastische Nachbildung lebender Bilder erscheint und nur durch die

Aufstellung in Kapellen und Nischen einen Abschluß bekommt. Aber in der

Auffassung, in der Bildung der einzelnen Gestalten, in der Gewandung und

Haltung derselben kommen ein Ernst und Schönheitssinn zum Ausdruck, wie

ihn selbst Andrea Sansovino nicht aufzuweisen hat, der auch an

Lebenswahrheit die Gestalten Begarelli's selten erreicht. Freilich sind

dieselben so sehr auf die Zusammenstellung in Gruppen berechnet, daß

seine Einzelfiguren regelmäßig unruhig und unsicher in der Haltung

erscheinen. Die Kirchen Modenas sind reich an Werken seiner Hand: die

Beweinung Christi in S. Pietro, und derselbe Gegenstand in Sa. Maria

Pomposa, die Kreuzabnahme in S. Francesco, Christus bei Martha in

S. Domenico sind seine bekanntesten Gruppen; Einzelstatuen an mehreren

Stellen; auch außerhalb Modenas (in S. Benedetto bei Mantea und

S. Giovanni zu Parma). Die Berliner Sammlung besitzt eine kleinere

Gruppe Begarelli's: Christus am Kreuz mit schwebenden und knieenden

Engeln zur Seite (No. 259); eine Arbeit, die wohl geeignet ist, die

eigentümlichen Schönheiten der Kunst des Meisters zu kennzeichnen,

daneben aber auch, als allgemeines Erbteil der Hochrenaissance, eine

gewisse Allgemeinheit in Ausdruck und Formengebung, Absichtlichkeit in

der Anordnung und Kälte der Wirkung durch die Farblosigkeit nicht

verleugnet.

In Bologna vertritt _Alfonso Lombardi_ (1497-1537) eine dem Begarelli

verwandte Richtung. Auch von ihm sind ähnliche Thongruppen erhalten: die

farbige Gruppe der Beweinung Christi im Dom und die farblose des Todes

Mariä im Sta. Maria della Vita (1519); letztere in der Häufung der

Figuren, in der anspruchsvollen Haltung derselben und der barocken

Auffassung eine eigentümliche Verirrung dieser Kunstgattung. Seine

kleineren Gruppen und Reliefs außen und innen an der Fassade von

S. Petronio sind durch Geschmack und malerische Wirkung ausgezeichnet;

dasselbe gilt auch von den kleinen Marmorreliefs am Untersatz der Arca

in S. Domenico.

Mit Alfonso war der Florentiner _Tribolo_ (Niccolo Pericoli gen,

Tribolo, 1485-1550) am Schmuck der Fassade von S. Petronio thätig. Im

Anschluss und unter der Einwirkung von Quercia's Arbeiten an der Fassade

sind namentlich die kleinen Reliefs an den Thüren weit stilvoller in der

Reliefbehandlung, einfacher in der Anordnung und lebendiger in der

Schilderung als die gleichzeitigen Arbeiten an der Santa Casa des Andrea

Sansovino, an der auch Tribolo später thätig war, oder als die Reliefs

der Capella del Santo in S. Antonio zu Padua.

Tribolo war in Florenz Schüler des _Jacopo Sansovino_ (eigentlich Jacopo

Tatti, 1486-1570). Groß geworden in Florenz in der Werkstatt des Andrea

Sansovino, dem er seinen Namen verdankt, dann in Florenz und später in

Rom thätig, hat Jacopo seine Eigenart doch erst nach seiner

Übersiedelung nach Venedig (1527) voll ausgebildet. Für diese Stadt ist

der Künstler zugleich von hervorragender Bedeutung geworden durch die

dort von ihm ausgebildete Schule, die, im Anschluß an die gleichzeitige

Architektur, in Verbindung mit der Malerei und unter dem entschiedenen

Einflusse derselben nahezu ein Jahrhundert lang eine reiche Thätigkeit

entfaltete. Sansovino's Arbeiten in Florenz: der hl. Jacobus im Dom

(1511-1513) und der jugendliche Bacchus im Bargello, und die römischen

Bildwerke: die Madonnenstatue in S. Agostino, die kleine Wachsgruppe

einer Kreuzabnahme (jetzt im South Kensington Museum) u. a. m., stehen

noch ganz unter dem Einflusse seines Lehrers Andrea, sind aber frischer,

lebendiger und individueller als dessen Werke; dies gilt namentlich von

der köstlichen Jünglingsgestalt des Bacchus. Als eine Arbeit seines

römischen Aufenthalts (um 1511-1515) bezeichnet Vasari, freilich nur

als wahrscheinlich, ein Brustbild des Kardinals Ant. del Monte in

Hochrelief, welches jetzt das Berliner Museum besitzt (No. 226). Die

Formenbehandlung dieses energisch aufgefaßten Kopfes scheint jedoch eher

auf Andrea Sansovino selbst wie auf seinen Schüler zu deuten (vergl.

S. 163). Für den Einfluß Michelangelo's auf Jacopo in der späteren Zeit

seines Aufenthalts in Rom ist das große Thonrelief der Madonna in

unserer Sammlung (No. 232) besonders bezeichnend, ein Werk von großer

Wirkung.

[Abbildung: 230. Bemaltes Stuckrelief der Madonna von Jac. Sansovino.]

In Venedig wurde Sansovino's bildnerischer Stil wesentlich bestimmt

durch seine umfangreiche Thätigkeit als Architekt und durch das

Zusammenleben mit den ihm überlegenen Malern, namentlich mit Tizian und

Tintoretto. Nicht, daß er im Stande gewesen wäre, die plastische Kunst

Venedigs ebenbürtig auf einen Platz neben die venezianische Malerei zu

heben: seine Bildwerke und die der zahlreichen Schüler, welche er in

Venedig um sich versammelte, sind kaum weniger allgemein und

oberflächlich und sind gelegentlich ebenso manieriert, als die seiner

Zeitgenossen außerhalb Venedigs. Aber sie haben den großen Vorzug einer

glücklichen Verbindung mit der Architektur und einer malerischen Wirkung

durch Auffassung, Behandlung und Material (vielfach Bronze). Sie fügen

sich geschickt in ihre Umgebung, sind in ihrer Art meist lebensvoll und

ohne besondere Ansprüche, und haben nicht selten gerade dadurch zugleich

eine vornehme und selbst große Erscheinung; ähnlich etwa wie die Werke

des Tintoretto, dessen Porträts auch die Büsten dieser Künstler nahe

kommen.

Sansovino's Werke in Venedig sind sehr zahlreich und mannigfaltig. Sehr

nüchtern erscheint er in den beiden späten Kolossen an der Treppe des

Dogenpalastes. Besonders malerisch und elegant sind dagegen die

Bronzestatuen und Reliefs an der Loggietta (um 1540); ähnlichen Reiz

besitzen die verschiedenen kleineren Bronzearbeiten im Chor von

S. Marco, namentlich die sitzenden Apostel. Unter mehreren Grabmälern

sind das Monument Venier ({~DAGGER~} 1556) in S. Salvatore und das des Thomas von

Ravenna mit der sitzenden Bronzestatue über der Thür von S. Giuliano die

ansprechendsten. Für seine Behandlung der Madonnenreliefs bieten

verschiedene Arbeiten der Berliner Sammlung besonders charakteristische

Beispiele. Das bemalte Hochrelief der Madonna zwischen Heiligen (No.

231), das noch in Anlehnung an Altarbilder des Quattrocento aufgebaut

ist, zeigt im Reliefstil wie in den Figuren die Einflüsse seines Lehrers

Andrea mit denen Michelangelo's gemischt. Ein Paar große Stuckreliefs in

flachem Relief (No. 230 und 230A), mit alter Bemalung, sind durch ihre

malerische Wirkung und eine gewisse Größe der Auffassung ausgezeichnet.

Von besonderem Interesse sind sie durch den Anschluß des Künstlers an

Vorbilder des Quattrocento, namentlich an Donatello.

[Abbildung: 247. Marmorbüste des Ott. Grimani von Al. Vittoria.]

Sansovino's Schüler, die er aus allen Gegenden um sich versammelte,

haben unter der starken Einwirkung ihres Meisters einen diesem nahe

verwandten gemeinsamen Charakter, soweit nicht Einflüsse anderer Meister

in ihnen schon übermächtig geworden waren, wie bei dem Florentiner Bart.

Ammanati und Danese Cattaneo aus Carrara (1509-1573). Von _Alessandro

Vittoria_ aus Trient (1525-1608) sind Einzelfiguren in beträchtlicher

Zahl in den Kirchen Venedigs zerstreut; so ein Sebastian in

S. Salvatore, ein Hieronymus in S. Giovanni e Paolo u. s. w. In ihrer

gestreckten Form und oberflächlichen Charakteristik sind sie doch von

wirkungsvoller, malerischer Erscheinung, den Gestalten Tintoretto's

vergleichbar. Charakteristische Beispiele dafür bieten vier kleine

Bronzestatuetten der Evangelisten (No. 639H bis L.) und eine größere

Bronzefigur in der Berliner Sammlung. In dem gut aufgebauten Grabmal,

das Vittoria sich selbst in Sa. Zaccaria errichtete, zeigt die Büste die

eigentliche Kraft des Künstlers, die Porträtdarstellung. Auch die

Berliner Sammlung hat verschiedene Beispiele derselben aufzuweisen:

außer dem Selbstbildnis (No. 246), das durch seine Aufstellung im Freien

beschädigt ist, das Thonmodell zu einer Büste des Admirals Contarini

(No. 249), sowie die großen Marmorbüsten des Pietro Zeno (No. 248) und

des Ottavio Grimani (No. 247); letztere in ihrer vornehmen individuellen

Erscheinung, die durch die warme naturalistische Färbung des Marmors

noch erhöht wird, wohl die bedeutendste unter den zahlreichen derartigen

Arbeiten des Vittoria.

Ein anderer Schüler Sansovino's, _Girolamo Campagna_ aus Verona, ist

Vittoria in der Schönheit wie im Ausdruck seiner Gestalten und in der

Durchbildung derselben überlegen. So in der Verkündigung am Pal. del

Consiglio in seiner Vaterstadt Verona, dann zu Venedig in den Gruppen

der Hochaltäre von S. Giorgio Maggiore, Redentore, Sto. Stefane und

S. Tommaso, in verschiedenen Einzelfiguren in Sto. Stefano, in der

Scuola di S. Rocco u. s. f. Auch der Doge Loredan am Grabmal desselben

in S. Giovanni e Paolo ist eine edle Porträtfigur. In der malerischen

Reliefbehandlung besonders ausgezeichnet sind die Darstellungen des

Bronzedeckels vom Taufbrunnen in S. Marco, die gemeinsame Arbeit des

_Tiziano Minio_ von Padua (1517-1552) und des _Desiderio_ von Florenz.

Andere Schüler, wie _Pietro de' Sali_ ({~DAGGER~} 1563), _Jacopo Colonna_,

_Tommaso da Lugano_ waren, neben den Genannten, Sansovino's Gehülfen bei

den Dekorationen der Bibliothek, des Dogenpalastes und der Capella del

Santo in S. Antonio zu Padua. Diese großen gemeinsamen Arbeiten sind um

so glücklicher, je mehr sie auf architektonische Wirkung berechnet sind;

wo sie, wie im Santo, rein plastisch sein wollen und hochdramatische

Motive darzustellen haben, sind Meister und Schüler ebenso schwach wie

die Nachfolger Michelangelo's und Andrea Sansovino's in Rom und Florenz.

Die letzten Ausläufer dieser Schule Sansovino's am Ende des XVI. und im

Anfange des XVII. Jahrh. sind _Tiziano Aspetti_ ({~DAGGER~} 1607) und _Giulio dal

Moro_, deren Richtung in der Berliner Sammlung durch zwei malerisch

wirkungsvolle, lebendig bewegte Marmorstatuetten, »Die Ehre« und »Der

Reichtum« (No. 266 und 267), vorteilhaft vertreten ist. Mit diesen

Künstlern erlischt in Venedig nahezu für ein Jahrhundert fast jede

größere plastische Thätigkeit; aber auch nach ihrer Wiederbelebung durch

die Berninische Kunstrichtung hat sie nicht mehr die Kraft zu einer

freieren, reicheren Entfaltung.

Die ganze hier betrachtete Gruppe von Künstlern seit Andrea Sansovino

erscheint mehr oder weniger beeinflußt von Michelangelo. Auch die

unabhängigsten unter ihnen, wie Andrea Sansovino selbst und sein Schüler

Jacopo, gehen gelegentlich bis zur direkten Nachahmung des weit

überlegenen Meisters (wie in Andrea's Propheten an der Santa Casa und in

den Evangelisten Jacopo's im Chor der Markuskirche); aber sie verlieren

darüber doch nicht ihre Eigenart und besitzen, bald in höherem bald in

geringerem Grade, eine gewisse Lebensfülle und malerische Erscheinung.

Den eigentlichen Schülern und Nachfolgern Michelangelo's fehlen in der

Regel auch diese Vorzüge. Wo dieselben nicht gerade Modelle ihres

Meisters ausführen, erscheinen sie meist manieriert oder selbst plump

und unkünstlerisch. _Raffaello da Montelupo_ (1505-1567), der den hl.

Damian in der Mediceerkapelle und verschiedene Figuren am Juliusgrabmal

ausführte und vorher an der Ausschmückung der Santa Casa in Loreto Teil

nahm, ist in seinem Grabmal Rossi in Sa. Felicità in Florenz noch

verhältnismäßig einfach und würdig. _Fra Gio. Angiolo Montorsoli_ (1507

bis 1563), ein anderer Mitarbeiter an Michelangelo's Grabmälern (Statue

des hl. Cosmas), fand später in Genua ein ausgiebiges Feld der

Thätigkeit, als Bildhauer wie als Architekt. Hier ist die prachtvolle

Ausschmückung von S. Matteo von besonderem Interesse, weil der Künstler

sie ganz einheitlich und mit den reichsten Mitteln ausführen konnte. Der

Hochaltar in den Servi zu Bologna ist eine spätere Arbeit des Künstlers,

der in Messina verschiedene große Brunnen von geringem dekorativen Werte

ausführte. Beiden überlegen ist der Lombarde _Guglielmo della Porta_ ({~DAGGER~}

1577), Sohn und Schüler des _Gio. Giac. della Porta_. Vater und Sohn

haben eine beträchtliche Zahl von Marmorarbeiten in Genua (im Dom,

S. Tommaso u. s. f.) hinterlassen, die meist leere, anspruchsvolle

Schaustücke sind. Nach seiner Übersiedelung nach Rom trat Guglielmo in

enge Beziehung zu Michelangelo. Sein bekanntestes Werk hier, das große

Grabmal Papst Pauls III. im Chor des Peter ist wohl das hervorragendste

plastische Werk, das unter dem unmittelbaren Einflüsse Michelangelo's

entstanden ist. Groß durch den einfachen Aufbau und die kolossalen

Gestalten, ist dasselbe namentlich ausgezeichnet durch die Lebensfülle

und Kraft der Papstfigur, der nur wenige Bildnisfiguren dieser Zeit

gewachsen sind.

Besonders befangen in der Nachahmung Michelangelo's erscheinen die

florentiner Künstler dieser Zeit; auch die, welche, wie _Baccio

Bandinelli_ (1493-1560), sich persönlich feindlich dem alten Meister

gegenüberstellten. Was ihnen an Michelangelo am meisten Eindruck machte,

war das Kolossale; aber bei dem Mangel an feiner Naturkenntnis, an

Geschmack und Phantasie erscheinen sie leer und roh in ihren Kolossen,

die langweilig und nicht einmal dekorativ wirken. Dies gilt sowohl von

Baccio's kolossalem Herkules und Kakus vor dem Pal. Vecchio, wie von den

Statuen von Adam und Eva im Bargello und von verschiedenen Gruppen der

Beweinung Christi und Einzelfiguren in florentiner Kirchen. In seiner

Marmorstatue des Giovanni de' Medici vor S. Lorenzo steht die

kriegerische Derbheit im Einklänge mit der Erscheinung und dem Charakter

des Mannes. Am glücklichsten ist Baccio in den Propheten und Aposteln an

den Chorschranken des Domes, die in ihrem malerischen Flachrelief von

feiner Wirkung und meist geschickt im Raum erfunden und gut in der

Bewegung sind. Ein Relief von ähnlichem Charakter ist das in Thon

modellierte Selbstporträt in halber Figur im Berliner Museum (No. 218),

welches dem danach ausgeführten Marmorrelief in der Domopera zu Florenz

entschieden überlegen ist.

Enger noch und mit mehr Glück schließt sich _Pierino da Vinci_ an

Michelangelo (jung verstorben, thätig um 1540-1553). Von ihm sind nur

wenige kleinere Flachreliefs im Bargello, im Privatbesitz in Florenz und

im Auslande erhalten. Ein charakteristisches Beispiel seiner Richtung

giebt das kleine Stuckrelief der hl. Familie in der Berliner Sammlung

(No. 217).

Der Architekt _Bartolommeo Ammanati_ (1511-1592) ist im figürlichen

Teil seiner Grabmonumente (in S. Pietro und S. Mercurio in Rom, im Campo

Santo zu Pisa und in den Eremitani zu Padua) wie in seinem Brunnen auf

dem Piazza del Granduca zu Florenz äußerst nüchtern und unbelebt.

_Giovanni dall' Opera_, der Schüler Bandinelli's, ist wesentlich von

diesem abhängig. Der jüngere _Vincenzo Danti_ (1530-1576) hat in dem

Bronzerelief mit der Anbetung der Schlange im Bargello ein im Geiste

Michelangelo's gehaltenes Werk geschaffen, während seine große

Bronzegruppe der Enthauptung des Täufers am Battistero in Florenz und

seine sitzende Papstfigur Julius' III. in Perugia manieriert erscheinen.

[Abbildung: 216. Bronzebüste des Papstes Gregor XIII.]

In anderer Weise abhängig von Michelangelo zeigt sich der berühmteste

Goldschmied seiner Zeit, _Benvenuto Cellini_ (1500-1572). Als Goldschmied

weit über Gebühr gefeiert, da die wenigen beglaubigten Arbeiten sowohl

echt dekorativen Sinn wie feinere Empfindung für die Bedingungen des

Materials vermissen lassen, hat Benvenuto in seinen eigentlichen

Bildwerken einen Ernst im Naturstudium und in der Durchbildung und

gelegentlich eine leichte Grazie, die allen anderen florentiner

Zeitgenossen abgeht. Freilich verraten Büsten, wie der Bindo Altoviti im

Privatbesitz zu Florenz und die Kolossalbüste Cosimo's I. im Bargello,

in ihrer übertrieben sauberen Ciselierung, namentlich in der scharfen

Umränderung der Augen und des Mundes, die Gewöhnung des Goldarbeiters;

aber die treue Wiedergabe der Persönlichkeit in diesen Büsten wie die

Behandlung des Nackten in den Figuren, sowohl an dem schön aufgebauten

Perseusmonument in der Loggia de' Lanzi zu Florenz wie im Bronzekrucifix

im Escurial, erscheinen für diese Zeit sehr beachtenswert. Die Modelle

des Perseus im Bargello (eines in Wachs, das andere in Bronze) sind der

großen Statue noch durch Schönheit der Formen und glücklichere Bewegung

überlegen. Die Berliner Sammlung besitzt verschiedene kleine Bronzen,

die mit Wahrscheinlichkeit auf Cellini zurückzuführen sind: so eine

Gruppe mit dem Sieg der Tugend, mehrere Figürchen von badenden Frauen

und eine besonders reizende schlafende Nymphe (No. 639B, Abb. S. 178).

Die Berliner Sammlung besitzt auch eine große Bronzebüste des Papstes

Gregor XIII. (No. 216), welche deutlich den Einfluß Michelangelo's

verrät. Der Meister hat bisher (so wenig wie für ein Paar ganz ähnliche

Bronzebüsten der Päpste Sixtus V. in Sanssouci und Gregor XIV. im Besitz

der Kaiserin Friedrich) noch nicht bestimmt werden können. Schlicht und

doch groß in der Auffassung, malerisch in der Anordnung und in der

Behandlung, ist sie von einer für diese Zeit ganz ungewöhnlich

meisterhaften Individualisierung und von bewunderungswerter Breite und

Sicherheit in der Ausführung.

Die Italienische Plastik · 第 14 / 16 段