Als Bildhauer tritt er uns zuerst entgegen und ist sogar in den ersten

zehn Jahren selbständiger künstlerischer Beschäftigung fast

ausschließlich als solcher thätig. Zwei bezeugte Jugendarbeiten, die er

mit etwa 17 Jahren ausführte: das Flachrelief der Madonna an der Treppe

und das unfertige Hochrelief mit dem Kentaurenkampf im Museum Buonarroti

in Florenz, zeigen schon in auffallender Weise die wesentlichsten Züge

seiner Eigenart; das Madonnenrelief in den individualitätslosen Typen

von Mutter und Kind; in der mächtigen Bildung und den malerischen

Wendungen der Körper, den kleinen Köpfen, der meisterhaften Behandlung

der Extremitäten, der eigentümlich tastenden Bewegung der Finger, die

wie ein unwillkürlicher Ausdruck des verschlossenen Lebens erscheint.

Die Kampfesscene, obgleich überfüllt, ist ausgezeichnet durch die große

vielseitige Gestaltung der Motive und die Art, wie die schönen nackten

Körper in der mannigfaltigsten Weise zur Geltung gebracht sind. Während

Michelangelo's Aufenthalt in Bologna, wohin er im Juli 1494 geflohen

war, entstanden drei Statuetten für die Arca in S. Domenico, von denen

noch der knieende Engel mit dem Leuchter und der hl. Petronius erhalten

sind. Der unruhige, motivlose Faltenwurf der dicken Gewänder, beim

Petronius sogar die Haltung und der Typus erscheinen hier deutlich

beeinflußt durch den geistesverwandten Quercia, dessen großartige

Bildwerke am Portal von S. Petronio auf den jungen Künstler einen tiefen

Eindruck machten.

[Abbildung: 209. Marmorstatue des Giovannino von Michelangelo.]

Im Sommer 1495 war Michelangelo wieder in Florenz; die Arbeiten, die er

hier in Jahresfrist bis zu seiner Abreise nach Rom ausführte: ein

schlafender Amor, der so sehr im Anschluß an die Antike gebildet war,

daß er als antik in den Handel kam, und eine Statue des jugendlichen

Johannes des Täufers schienen verloren, bis die letztere vor zwei

Jahrzehnten in Pisa wieder auftauchte; sie befindet sich heute im

Berliner Museum (No. 209). Die schlanken Verhältnisse, die leichte, fast

tänzelnde Bewegung, teilweise auch das ungewöhnliche Motiv werden auf

den ersten Blick die Benennung dieser Marmorstatue befremdlich

erscheinen lassen; eine nähere Betrachtung ergiebt aber die

charakteristischen Merkmale von Michelangelo's Kunst im Großen wie im

Einzelnen, und speziell die Eigenart der frühen Zeit, in der die Figur

entstanden sein muß. Das Motiv: der junge Prophet ist im Begriff, ein

mit Honig gefülltes Horn (dessen Spitze abgebrochen ist) zum Munde zu

führen, den er aus den Waben in der Linken auslaufen ließ, ist gerade,

weil es so unbedeutend und selbst banal ist, für die realistische

Auffassungsweise Michelangelo's bezeichnend. Dasselbe gilt für den

Übergang aus einer Thätigkeit in die andere, durch welche die Figur eine

zwar unruhige, aber von verschiedenen Standpunkten sehr mannigfache und

wirkungsvolle Erscheinung bekommt. Auch gewisse Eigentümlichkeiten im

Einzelnen sind für Michelangelo, und zwar gerade für diese frühe Zeit

charakteristisch: die Behandlung der Haare (wie beim Bacchus), die

Stellung der Finger und Zehen und ihre Bildung, das Band über Brust und

Schulter, die Falten im Fell und die Behandlung desselben, der felsige

Fußboden und der Baumstamm bis zu den technischen Eigentümlichkeiten in

der Anwendung des Bohrers, in der Handhabung von Meißel und Zahneisen,

wie sie namentlich an den mehr skizzenhaft behandelten Teilen (im

Baumstamm, am Fell und am Boden) zu Tage treten. Wenn einzelne andere

kleine Eigenarten des jungen Künstlers hier nicht zu finden sind, wenn

z. B. die Augensterne und die Ränder der Lippen nicht so unbestimmt sind,

wie in den Bologneser Statuetten, und andererseits weit weniger scharf

als in den ersten römischen Arbeiten, so kann der Grund dafür darin

liegen, daß diese Figur gerade zwischen jenen beiden Gruppen von Werken

liegt; in einer Zeit, aus der uns kein zweites Werk erhalten ist: vor

Allem sind solche kleine Abweichungen aber in der eigentümlichen

Aufgabe, einen halbwachsenen Jüngling darzustellen, und in individuellen

Besonderheiten begründet, wie sie in jedem Werke eines großen Meisters

sich ergeben. Sie kommen aber auch in ihrer Gesamtheit gar nicht in

Betracht neben der Erscheinung der Statue, die durch die Schönheit der

Konturen, die meisterhafte Wiedergabe der Formen und die vollendet feine

und ungewöhnlich originelle Wiedergabe der Oberfläche überzeugend auf

Michelangelo hinweist, und zwar auf seine früheste, in der Wiedergabe

der Natur noch beinahe schlichte, vielfach von dem Studium der Antike

bedingte Zeit.

Die beiden erhaltenen Arbeiten Michelangelo's, welche während seines

ersten Aufenthalts in Rom (1496-1500) entstanden: der Bacchus im

Bargello und die Pieta im Peter zu Rom, haben unter sich große

Verwandtschaft und gehören zu den glücklichsten plastischen Schöpfungen

des Künstlers. Beim Bacchus hat der Künstler zwar wieder, wie beim

Giovannino, ein unangenehm naturalistisches Motiv gewählt: im Rausch

unsicher stehend, lächelt er mit stierem Blick den Weinbecher an. Auch

über die vollen, feisten Formen muß sich der Beschauer hinwegsetzen, um

zum reinen Genuß des in der meisterhaften Wiedergabe der Natur

unübertrefflichen Körpers zu gelangen. Eine Vorstudie zu dieser Figur,

der kleinere Bacchus mit dem Satyr im Gange der Uffizien, als

Restauration eines antiken Torso entstanden (freilich durch keinerlei

Überlieferung bezeugt), ist im Motiv weit glücklicher, wohl in Folge des

notwendigen Anschlusses an die Antike. Die Pieta (1498/99) im St. Peter

zu Rom ist, wenn auch nicht die freieste, so doch die edelste plastische

Schöpfung Michelangelo's. Die Anordnung kann nicht schöner gedacht

werden, der Gegensatz zwischen dem vollendet schönen nackten Körper

Christi und der in dichte faltenreiche Gewänder gehüllten Maria,

zwischen dem Leichnam und der lebendigen Gestalt ist ebenso

wirkungsreich wie maßvoll; und die Art, wie der stumme Schmerz der

Mutter in der Bewegung der linken Hand zum Ausdruck gebracht ist, zeugt

von feinster psychologischer Beobachtung. Mit dem weichen Fluß in der

Behandlung der Glieder und der Gewandung steht hier, wie in den

gleichzeitigen und wenig späteren Arbeiten, die bronzeartige Schärfe in

der Behandlung des Mundes, der Augen, der Nasenflügel in eigentümlichem

Gegensatze. Darin wie in der gehaltenen Stimmung, der ruhigen Haltung

und dem stummen, ernsten Ausdruck von Mutter und Kind steht der Pieta

die kleine Madonnenstatue in Notredame zu Brügge noch sehr nahe,

obgleich sie erst mehrere Jahre später, nach der Rückkehr nach Florenz

(Sommer 1501) entstand und daher in der Gewandung und Fleischbehandlung

noch vollendeter ist. In die gleiche Zeit fallen vier Marmorstatuetten

für den Altar Piccolomini im Dom zu Siena; der Maßstab und das

Zusammenarbeiten mit einem Künstler wie Andrea Bregno wirkten ungünstig

auf Michelangelo. Er läßt den Beschauer in keinem anderen Werke so

gleichgültig, wie in diesen Figuren.

Die Arbeit, welche damals sein ganzes Interesse in Anspruch nahm, war

die Kolossalfigur des David (jetzt in der Akademie zu Florenz): sie

wurde ihm im August 1501 in Auftrag gegeben und konnte im Frühjahr 1504

schon zur Aufstellung vor dem Palazzo Vecchio kommen. Der David ist der

reinste und glücklichste Ausdruck von dem, was Michelangelo in dieser

früheren Zeit in einer Einzelfigur zu geben bestrebt war. Daß diese

Gestalt eines jugendlichen Herkules seit ihrer Aufstellung eine ganz

außerordentliche Bewunderung gefunden hat, verdankt sie nicht nur ihrer

imposanten Wirkung durch den kolossalen Maßstab, auch nicht allein der

wohl niemals übertroffenen Naturwahrheit, durch welche sie selbst für

den Anatomen eine Quelle zum Studium der Natur ist: ihre Wirkung, die

ungewöhnlich plastische Erscheinung dieser Schöpfung Michelangelo's

liegt namentlich auch in der Wahl eines glücklichen Motivs und in dem

vollen Aufgehen von Körper und Geist in diesem Motiv: der jugendliche

Kämpe (keineswegs ein kolossaler Knabe, wie man ihn irrtümlich genannt

hat) faßt seinen Feind scharf ins Auge, um den Moment zum Schleudern des

Steines zu erspähen; sein ganzer Körper ist in gehaltener Anspannung zur

Vorbereitung dieses Momentes, der sein Sinnen ausfüllt. Ähnliche Vorzüge

zeigen auch die zwei von der Statue noch wesentlich verschiedenen

Modelle im Museo Buonarroti.

Neben dem David arbeitete Michelangelo gleichzeitig in Florenz ein Paar

Madonnenreliefs in Marmor, die beide leider unvollendet blieben; das

eine jetzt im Bargello, das andere in der Akademie zu London. Beide Male

die Madonna sitzend, das Kind an der einen, den kleinen Johannes an der

anderen Seite; in ein Rund komponiert und in mäßigem Relief in fast

lebensgroßen Figuren ausgeführt. Das erstere ernst und traulich, das

zweite eine so anmutig naive Scene mit so neckischem Motiv, wie

Michelangelo kein zweites erfunden hat; dabei beide so hehr und schön in

der Bildung der Maria, so groß und weich in der Anlage der Falten, so

meisterhaft in der Komposition im Rund (namentlich das Londoner Relief),

daß diese Arbeiten als Relief der Gruppe, der Pieta und der Davidstatue

an die Seite gestellt werden dürfen.

In die gleiche Zeit gehört wohl auch die nicht ganz vollendete

Marmorfigur des knieenden »Kupido« (vielleicht Apollo?) im South

Kensington Museum, während der tote Adonis im Bargello, wenn überhaupt

von Michelangelo, doch wohl erst zur Zeit seiner Arbeit am Juliusdenkmal

entstand.

Ehe der Künstler, im März 1505, von Papst Julius II. zur Ausführung

seines Grabmonumentes nach Rom gezogen wurde, entstand die Anlage zu

einer der Kolossalgestalten der zwölf Apostel, mit denen der Künstler

den Dom seiner Vaterstadt schmücken sollte. Der Marmorblock, aus dem

diese Hünengestalt wie ein versteinertes Gebilde dem Blicke sich mühsam

enträtselt, ist heute in der Akademie zu Florenz untergebracht. Diese

Figur ist das erste Zeugnis, daß sich in Michelangelo die Wandlung zu

der Richtung bereits vollzogen hatte, in der er uns fortan entgegentritt

und in der er, namentlich durch seine Riesenschöpfungen: die

Deckenbilder der Sixtina, das Juliusmonument und die Mediceergräber, uns

vor Augen steht, wenn sein Name genannt wird. Hatte der Künstler bis

dahin, angeregt durch das Studium nach der Antike, die menschliche

Gestalt als Einzelfigur oder als Gruppe um ihrer Schönheit willen treu

nach der Natur zu bilden gestrebt und dadurch plastisch abgeschlossene

und vollendete Werke geschaffen, welche in ihrer Art noch den Vergleich

mit den antiken Bildwerken gestatten, so ist Michelangelo in diesem

Matthäus und in allen späteren Werken ganz er selbst, schafft er ein

eigenes Geschlecht, das unter ganz eigentümlichen Bedingungen ein Leben

für sich zu führen scheint; ein Geschlecht von gewaltiger Körperbildung,

gewaltsam bewegt wie zum Ausdruck der schmerzvollen mürrischen Stimmung,

welche den Geist dieser Titanen befangen hält. Unbekümmert um einander

und in sich versunken, erscheinen sie doch von einander abhängig. In der

Einzelfigur genügt sich der Künstler nicht mehr: eine ganze Schar dieser

Giganten bevölkert die Monumente von kolossalem Umfang, wie er sie

fortan nur noch plante. Was er mit dem Pinsel zu leisten im Stande war,

das traute er jetzt auch dem Meißel zu: leider sind deshalb alle seine

späteren plastischen Monumente sehr unvollständig und unfertig auf uns

gekommen. Ohne Rücksicht auf den Gegenstand, den er darzustellen hat,

bringt er seine biblischen oder allegorischen Gestalten in die

schwierigsten, gewagtesten Stellungen, um immer neue Schönheiten in der

menschlichen Figur veranschaulichen zu können. So gesucht und oft

gewaltsam wie diese Bewegungen sind, so wenig naiv ist jetzt auch seine

Wiedergabe des menschlichen Körpers. Freilich beruht sie nach wie vor

auf einer so gründlichen Kenntnis der Natur, wie sie wohl kein anderer

Künstler irgend einer Zeit besessen hat. Aber gerade diese

wissenschaftliche Gründlichkeit, namentlich seine anatomischen Studien

verleiteten den Künstler, nicht die einfache Erscheinung, sondern

gewissermaßen die Ursächlichkeit derselben zu geben: den Knochenbau, die

Muskeln und Sehnen dem Beschauer unter der Haut nur wie durch »einen

Schleier« sehen zu lassen.

Michelangelo wurde im März 1505 nach Rom berufen, um ein Grabmal für

Papst Julius zu entwerfen. Ehe er an die Ausführung des ersten Planes,

der ein Freigrab in Aussicht nahm, gehen konnte, erkaltete das Interesse

des Papstes über seinen Plänen für den Neubau der Peterskirche. Auch

fiel dazwischen ein Aufenthalt Michelangelo's in Florenz und in Bologna

(zur Ausführung der Bronzestatue des Papstes, die bald darauf vernichtet

wurde), und später die Ausmalung der Decke der Sixtina: erst 1513 kam es

zu einem neuen Plane (Original-Zeichnung in der Sammlung A. von

Beckerath in Berlin). Der hohe, an drei Seiten freie Aufbau sollte

danach unten Victorien und gefesselte Sklaven (als Allegorien der

eroberten Provinzen), oben auf dem Sarkophag die knieende Figur des

Papstes zwischen zwei Engeln mit der Madonna darüber und sitzende

Kolossalfiguren an den Seiten (worunter der Moses) enthalten. Der

Künstler ging mit dem Feuereifer, der ihn besonders für dieses Monument

erfüllte, an die Arbeit; aber schon 1516 wurde die Ausdehnung desselben

durch einen neuen Vertrag mit Papst Leo X. eingeschränkt und bald darauf

auch die Arbeit durch Aufträge für Florenz unterbrochen. Das Monument,

welches 1545 in S. Pietro in Vincoli zur Aufstellung kam, ist zum

größten Teil von Schülern ausgeführt, und erscheint fast wie eine

Karikatur des ersten großartigen Planes. Abgesehen von den beiden erst

spät in Aussicht genommenen, wenig bedeutenden Figuren von Lea und Rahel

ist hier nur der kolossale Moses von des Meisters Hand. Ohne die für ihn

geplanten Nachbarfiguren und in ungünstiger Aufstellung übt diese Figur

doch eine ganz außerordentliche Wirkung durch die mächtige Bildung der

Glieder, die energische Wendung und die nur mühsam verhaltene innere

Erregung. Die herrlichen beiden »Sklaven« im Louvre, die vier, erst aus

dem Rohen gehauenen Kolosse in einer Grotte des Giardino Boboli zu

Florenz und die Gruppe mit dem Sieg im Bargello sind weitere Zeugnisse

dessen, was Michelangelo in diesem Monument der Welt hatte bieten

wollen.

Auch das zweite große Monument, die Mediceergräber in S. Lorenzo zu

Florenz, seit 1519 geplant, aber erst 1524 nach der Wahl des zweiten

Mediceerpapstes Clemens VII. in Angriff genommen, ist nur in einem Teile

seines Planes zur Ausführung gekommen, und auch dieser Teil wurde nicht

ganz vollendet, da Michelangelo, seitdem er Florenz 1534 für immer

verließ, auch die Arbeit an diesen Monumenten liegen ließ. Die

Grabkapelle der Mediceer enthält nur die beiden Denkmäler des jüngeren

Lorenzo und seines Onkels, des jüngeren Giuliano de' Medici; beide in

Nischen sitzend, unter ihnen, auf den Sarkophagen die nackten Gestalten

des Tages und der Nacht, des Abends und des Morgens; an einer dritten

Wand die Statue der Madonna zwischen den, von Montorsoli und Montelupo

ausgeführten, Statuen der Schutzheiligen der Mediceerfamilie, Cosmus und

Damianus. Auch hier sind die Stellungen und Bewegungen meist gesucht und

teilweise geradezu gewaltsam, und in den Porträtstatuen ist auf das

Porträtartige so gut wie ganz verzichtet. Aber so wenig ihrer Idee

Entsprechendes, so wenig Persönliches diese Gestalten haben, so stark

spricht die Persönlichkeit des Künstlers aus ihnen: der eigene

leidenschaftliche Geist, der rastlos und unbefriedigt nach dem Großen

und Gewaltigen strebt, wohnt auch diesen seinen Schöpfungen inne und

zieht uns, trotzdem sie auf den ersten Blick abstoßen, mit magischer

Gewalt immer wieder zu ihm hin. Dieser leidenschaftliche Sinn, der

mühsam und widerwillig zurückgehalten scheint, äußert sich in den wie in

schwerer Ruhe versunkenen Riesenleibern nur in vereinzelten, aber

heftigen Bewegungen einzelner Teile, wie das Wetterleuchten eines fernen

Ungewitters.

[Abbildung: Michelangelo's Grabmal des Lor. de' Medici in S. Lorenzo

zu Florenz.]

Was Michelangelo zwischen und nach diesen Monumenten an Bildwerken noch

geschaffen hat, ist meist nicht über die Anlage hinaus gekommen. Die

einzige Ausnahme, die Christusstatue in der Minerva zu Rom (vollendet

1521), in der ruhigen Haltung, in der ungesuchten Schönheit der nackten

Männergestalt den früheren Werken noch verwandt, ist in einzelnen

Extremitäten durch die Hand eines Gehülfen beeinträchtigt. Nur im Rohen

zugehauen sind der »Apollo« im Bargello und eine kauernde Gestalt in der

Leuchtenberg-Sammlung zu St. Petersburg; die unter dem Namen des Brutus

bekannte Büste im Bargello, groß in der Bewegung und edel in der

Gewandung, macht schon einen fertigeren Eindruck. Von zwei Gruppen der

Kreuzabnahme, die seiner späteren römischen Zeit angehören, ist

diejenige im Pal. Rondanini zu Rom nur ein kleines Bruchstück;

wundervoll in einzelnen ausgeführten Teilen des Leichnams und merkwürdig

als Beweis, wie der Künstler sich bei seiner Art nach kleinen Modellen

die Figuren direkt und ohne Punktierung aus dem Marmor herauszuhauen,

gelegentlich verhauen konnte. Die zweite, größere Gruppe, die unfertig

jetzt im Dom zu Florenz steht, ist edel und auffallend maßvoll für diese

späte Zeit.

* * * * *

Neben Michelangelo treten die gleichzeitigen Bildhauer auch in Florenz

vollständig in den Hintergrund. Ohne ausgeprägte Eigenart, und ohne

tiefere Kenntnis der Natur unterscheiden sie sich hauptsächlich durch

das größere oder geringere Maß ihrer Abhängigkeit von der antiken Kunst,

von Michelangelo oder von der Kunst des Quattrocento. In ihrem Streben

nach Schönheit gelingt ihnen gelegentlich eine einzelne Figur oder eine

Gruppe; auch ist die Dekoration einzelner Monumente dieser Künstler,

namentlich aus ihrer früheren, noch mit der Kunst ihrer Vorgänger

zusammenhängenden Zeit durch Geschmack, Fluß der Linien und malerischen

Reiz ausgezeichnet: in der großen Mehrzahl erscheinen aber ihre

Bildwerke nur gar zu häufig leer und oberflächlich, vielfach auch schon

schwülstig und manieriert, namentlich die Reliefs. Dies gilt für

_Giovanni della Robbia_ (geb. 1469, vergl. oben S. 79) trotz seiner

starken Abhängigkeit von der Kunst seiner Vorfahren; dies gilt auch von

_Andrea Sansovino_ (eigentlich Andrea Contucci dal Monte Sansavino,

1460-1529), dem gefeiertesten Bildhauer der Hochrenaissance nächst

Michelangelo. In einem großen Thonaltar seiner Heimatstadt Monte

Sansavino sieht der Künstler etwa einem guten Giovanni della Robbia

ähnlich. Die Dekoration der Durchgangshalle zur Sakristei und die

Sakramentsnische in Sto. Spirito, die ersten Arbeiten Sansovino's in

Florenz, seine Arbeiten in Portugal, wohin der Künstler 1491 auf acht

Jahre berufen wurde, sowie das nach seiner Rückkehr ausgeführte

Taufbecken im Battistero von Volterra (1502) sind meist verfehlt im

Aufbau, unglücklich in der Dekoration und im Reliefstil, und flüchtig

und vielfach selbst kleinlich in den figürlichen Darstellungen, denen

feinere Belebung völlig abgeht. Von diesen Arbeiten sticht ein Werk, das

der Künstler unmittelbar darauf begann, die Gruppe der Taufe Christi in

kolossalen Marmorfiguren über dem Hauptportal des Battistero zu Florenz

(begonnen 1502, erst weit später durch Vincenzo Danti vollendet), durch

Größe der Empfindung und Schönheit der Gestalten vorteilhaft ab. Doch

auch hier stört eine gewisse Absichtlichkeit und fehlt die volle

Feinheit der naturalistischen Durchbildung; Schwächen, die noch im

höheren Maße an seinen fast gleichzeitig ausgeführten (1503) Statuen der

Madonna und des Täufers in der Taufkapelle des Domes zu Genua auffallen.

Im folgenden Jahre wechselt Sansovino schon wieder seinen Aufenthalt: er

siedelt nach Rom über, wo, nach einem kleineren Grabmal im Durchgang zu

Araceli (Monument des Pietro da Vincenza von 1504), seine beiden

berühmten Monumente im Chor von Sa. Maria del Popolo im Auftrage Papst

Julius' II. entstanden, die Denkmäler der Kardinäle Ascanio Maria Sforza

(1505) und Girolamo Basso (1507). Im Aufbau den besten der älteren

römischen Vorbilder, an die sich diese Monumente anlehnen, durch die

anspruchsvolle Betonung der Architektur nicht gewachsen, steht auch der

figürliche Schmuck durch die zu allgemeine Schönheit der Figuren und ihr

wenig glückliches Verhältnis zur Architektur, wie durch die

unvorteilhafte Anordnung der Grabfiguren hinter den besseren

Grabmonumenten des Quattrocento entschieden zurück. Selbst die mit

höchster Delikatesse durchgeführte, im Einzelnen sehr reizvolle

malerische Dekoration hat mit der Architektur eine gewisse Unruhe der

Gesamtwirkung gemein und läßt in ihrer örtlichen Verwendung die feine

Berechnung, in ihrer Erfindung und Durchbildung die Naturwahrheit der

großen Meister des XV. Jahrh. vermissen. In dem Marmorgehäuse der Santa

Casa zu Loreto, an dem Sansovino (nach Bramante's Entwurf) den

plastischen Schmuck, unter Teilnahme zahlreicher anderer Bildhauer, von

1513 bis zu seinem Tode 1529 ausführte, ist die Dekoration ganz

zurückgedrängt, die Freifiguren sind den Deckenbildern Michelangelo's

entlehnt, und in den Reliefs stört das übertriebene Herausarbeiten der

einzelnen Figuren. Doch ist Sansovino hier in Abwägung der Kompositionen

wie in der Durchführung immerhin noch glücklicher als in der unmittelbar

vor seiner Übersiedelung nach Loreto ausgeführten Gruppe der Maria

Selbdritt in S. Agostino zu Rom (1512), die in der Anordnung, obgleich

von Leonardo entlehnt, verfehlt, in der Ausführung oberflächlich und

karikiert erscheint. Das Berliner Museum besitzt in dem großen

Marmorrelief mit dem Sturz des Phaeton (No. 227) eine charakteristische

Arbeit Andrea's in der Art der Hochreliefs in Loreto; das Reliefporträt

des Kardinals Ant. del Monte (No. 226) ist dagegen ein tüchtiges,

einfach aufgefaßtes Bildnis, das durch den warmen Ton des Marmors noch

besonders anziehend wirkt.

Wie Sansovino's Arbeiten der späteren Zeit durch die Berührung mit

Michelangelo und namentlich mit dem ihm nahe verwandten Raphael in Rom

von diesen Künstlern wesentlich beeinflußt erscheinen, so hat ein

florentiner Bildhauer, _Lorenzetto_ (Lorenzo di Lodovico gen.

Lorenzetto, 1489-1541), wenig später in Rom direkt nach Entwürfen

Raphaels den plastischen Schmuck der Cap. Chigi in Sa. Maria del Popolo

ausgeführt. Die Statue des Propheten Jonas und die ganz im antiken Sinne

erfundene Komposition des Bronzereliefs mit Christus und der Samariterin

(jetzt am Altar) gehören zu den edelsten Arbeiten der Hochrenaissance,

denen A. Sansovino nur die Gruppe der Taufe in Florenz an die Seite zu

setzen hat. Wie wenig Verdienst dabei dem Lorenzetto selbst gebührt,

beweisen dessen spätere Arbeiten, wie die Madonnenstatue am Grabe

Raphaels im Pantheon, die Figur der Caritas am Monument Forteguerri in

Pistoja (1514) und die nüchterne Petrusstatue auf der Engelsbrücke.

Die Italienische Plastik · 第 13 / 16 段