Die Monumente, welche in Rom Ende des XIV. und im Anfange des XV. Jahrh.

von Nachfolgern der Cosmaten ausgeführt wurden, hätten die Entwickelung

einer eigenartigen tüchtigen römischen Bildnerschule im Quattrocento

vermuten lassen: das Grabmal des Ph. d'Alençon ({~DAGGER~} 1397) in S. M. in

Trastevere und die beiden Monumente von der Hand des _Meister Paulus_,

das Grabmal Caraffa im Priorato di Malta und namentlich das des

Kardinals Stefaneschi ({~DAGGER~} 1417) in S. M. in Trastevere, sind so einfach

und doch so wirkungsvoll im Aufbau, so groß und lebendig in der Gestalt

des Toten, trotz der Befangenheit in der Durchbildung, daß man glauben

sollte, in der Werkstatt solcher Künstler hätten jüngere Kräfte

selbständig die römische Plastik zur Renaissance führen müssen. Gerade

das Gegenteil ist der Fall: in diesen Künstlern erlischt die ältere

eigenartige Bildnerschule Roms, und erst nach einem Zwischenraum von

mehreren Jahrzehnten, der fast gar keine Monumente aufzuweisen hat,

machen fremde Bildhauer die Renaissancekunst in Rom allmählich heimisch.

_Donatello's_ vorübergehende Thätigkeit im Jahre 1432 blieb ohne

Nachwirkung; die neue Richtung macht sich nur zögernd geltend, nachdem

gegen Ende der dreißiger Jahre ein Paar weit untergeordnetere Künstler,

die Florentiner _Antonio Filarete_ und _Simone Ghini_, zu längerer

Thätigkeit nach Rom berufen wurden und sich ihnen _Isaïa_ aus _Pisa_

kurz vor der Mitte des Jahrhunderts zugesellte. Filarete's Bronzethür

der Peterskirche (1439-1445) steht zwar weit hinter den gleichzeitigen

Florentiner Thüren zurück: die Verteilung und die Verhältnisse der

Reliefs unter einander, der flache Reliefstil, die schwerfällige

Einrahmung, in der sich antike Vorbilder mit gotischen Traditionen

mischen, sind unglücklich; die großen Hauptfiguren wie die Reliefs mit

den Darstellungen aus dem Leben der Päpste in zahlreichen kleinen

Figuren sind nüchtern und leblos; nur in den kleinen Kompositionen,

welche das Rankenwerk der Einrahmung einschließt, zeigt sich in

frischerer, naiverer Weise der Charakter der Renaissance schon in der

Wahl der antiken Motive. Nach der Verwandtschaft mit den Figuren an den

Thüren ist wohl auch das steife Relief mit der Figur des hl. Markus über

dem Eingange in S. Marco von Filarete's Hand. Simone's Bronzegrabplatte

Papst Martins V. ist diesen Arbeiten durch lebensvollere und größere

Naturauffassung entschieden überlegen.

Mit _Isaïa di Pisa_ beginnt die Reihe der eigentlich römischen Künstler;

römisch freilich nur nach dem Charakter ihrer Bildwerke, da auch sie

fast alle keine Römer von Geburt sind. Von Isaïa sind uns in Rom das

Grabmal des Papstes Eugen IV. ({~DAGGER~} 1447) in S. Salvatore in Lauro, die

Reste des Grabmals der hl. Monica in einem Nebenraume von S. Agostino

und sein Anteil an dem Andreastabernakel in den Grotten des Vatikans

erhalten. Der nüchterne Aufbau seiner Monumente, die leblosen plumpen

Figuren mit ihren kleinlichen Parallelfalten, die phantasielose

Dekoration lassen uns heute unverständlich erscheinen, daß die Päpste

sich mit König Alphons diesen Bildhauer streitig machen konnten.

Künstlerisch ebenso unbedeutend sind ein Paar gleichzeitige Monumente,

wie das Grabmal Astorgio Agnense ({~DAGGER~} 1451) im Hofe der Minerva, von

ähnlichem Aufbau wie das Eugensmonument, und das Tabernakel in

S. Francesca Romana. Regeres Leben und freiere Behandlung kam in die

Plastik Roms erst nach dem Jahre 1460, namentlich durch die Päpste Paul

II. und Sixtus IV., deren Kunstsinn zugleich den Wetteifer aller höheren

Geistlichen in der Ausschmückung ihrer Kirchen und der eigenen

Verherrlichung hervorrief. Diese bildnerische Thätigkeit, die in

gleicher Regsamkeit und Pracht bis zur Zeit von Papst Julius II.

anhielt, bewahrt in einem Zeitraum von mehr als einem halben

Jahrhundert fast den gleichen Charakter. Der Florentiner Mino, der Römer

Paolo Taccone, der Istrianer Giovanni Dalmata und die Lombarden Andrea

Bregno und Luigi Capponi, die etwa gleichzeitig und vielfach zusammen

arbeiteten, haben gemeinsam den Charakter dieser Kunst und die Typen der

Monumente bestimmt, die in den letzten Jahrzehnten des XV. und zum Teil

auch noch im Anfang des folgenden Jahrhunderts mit mehr oder weniger

Selbständigkeit, oft aber sehr geistlos wiederholt wurden. Große Altäre,

Tabernakel, Ciborien, Kanzeln, Sängertribünen, meist von bedeutendem

Umfange und regelmäßig in Marmor ausgeführt, vor Allem aber Grabmäler

sind die Aufgaben, welche den Künstlern gestellt werden. Letztere sind

Nischengräber in verschiedener Form: in der Nische die Gestalt des Toten

auf dem Sarkophag ruhend, bald flach abschließend, bald im Halbrund mit

Relief oder Gemälde darüber, zu den Seiten bald Pfeiler mit Statuetten

in Nischen, bald schlichte Pilaster, oder auch eine Büste in Nische mit

einfacher Inschrifttafel darunter. Vorliebe für allgemeine Allegorien,

Mangel an Individualität, Einförmigkeit und Mangel an Phantasie,

zierliche aber nüchterne Ausführung, in der Gewandung ein Anschluß an

klassische Vorbilder, namentlich aus archaistischer Zeit, sind fast

allen diesen Monumenten in größerem oder geringerem Maße eigen.

_Paolo Taccone_ gen. _Romano_ ({~DAGGER~} wahrscheinlich 1470) arbeitet zuerst

mit Isaïa zusammen am Andreastabernakel (jetzt in den Grotten des

Vatikans); später finden wir ihn mit Mino u. A. gemeinsam beschäftigt.

Verschiedene Kolossalstatuen: der Paulus auf Ponte S. Angelo, der

Andreas in S. Andrea, Petrus und Paulus im Peter (alle zwischen 1461 und

1464), haben den gleichen nüchternen, mehr von der Antike als von der

Natur bestimmten Charakter. -- Der wenig jüngere _Giovanni Dalmata_

(thätig in Rom um 1460-1480) ist derber und lebendiger; durch sein

unruhiges knitteriges Faltenwerk, sein starkes Hochrelief ist er unter

den übrigen Römern leicht herauszuerkennen. Am Paulsgrabe und am Grabmal

Eroli ({~DAGGER~} 1479) in den Grotten, am Tabernakel in S. Marco arbeitet er

neben Mino, am Grabmal Roverella ({~DAGGER~} 1476) in S. Clemente und am Grabmal

Tebaldi in der Minerva neben Andrea Bregno. -- Am häufigsten begegnet

uns in den Denkmälern Roms, neben Mino, der Lombarde _Andrea Bregno_

(1421-1506), namentlich in Arbeiten seiner Werkstatt. Seine lombardische

Herkunft verrät sich in den schlanken Figuren und den zierlichen

Parallelfalten: die edlen Köpfe und die vornehme Haltung seiner Figuren

verdankt er aber dem Studium der Antike in Rom, mit der er freilich auch

den Mangel an feinerer Belebung und Individualität gemein hat. Zwei

Altäre in S. M. del Popolo, die Grabmäler Roverella und Tebaldi (vergl.

oben) in Rom und der kolossale Altar Piccolomini im Dom zu Siena (1485)

sind seine Hauptarbeiten. -- Dem Andrea ist ein um 1480-1500 in Rom

thätiger Lombarde, _Luigi Capponi_ aus Mailand, nahe verwandt. Von ihm

ist u. A. das Monument Brusati in S. Clemente (1485) ein

Kreuzigungsrelief und ein zierlicher Altar im Ospedale della

Consolazione, der Gregorsaltar in San Gregorio, das Monument der Brüder

Bonsi ebenda, das Grabmal des Lor. Colonna in der Vorhalle zu Sti.

Apostoli. Letztere originell durch die Anordnung der Büsten der

Verstorbenen, und sämtlich durch die zierliche goldschmiedartige

Dekoration ausgezeichnet.

Neben diesen Künstlern, sind uns einige wenige andere Bildhauer in

vereinzelten Monumenten bezeugt. So ein zweiter Meister _Andrea_ in

einem kleinen Madonnenrelief im Hospital S. Giacomo, eine treffliche

Arbeit in feinem Flachrelief; ein _Pasquino da Montepulciano_ soll der

Meister des großen Grabmals Pius' II. in S. Andrea della Valle sein; ein

zierlicher Altar in S. M. della Pace soll den Namen eines _Pasquale da

Caravaggio_ tragen; _Michele Maini_ aus Fiesole (geb. 1459) fertigte die

Sebastiansstatue in der Minerva, wohl die tüchtigste Freifigur dieser

Zeit in Rom. Für die Mehrzahl der Monumente fehlt aber bisher der Anhalt

zur Bestimmung ihrer Meister; darunter sind einige der besten Werke

Roms, meist aus früherer Zeit, wie das Grabmal Coca mit dem Fresko

Melozzo's, das Petrusrelief mit dem Kardinal Cusa in S. Pietro in

Vincoli (1465), und das Grabmal Lebretto in Araceli aus demselben Jahre.

[Abbildung: 204. Engel neben dem Rovere-Wappen, in der Art des A.

Bregno.]

Die Berliner Sammlung besitzt einige charakteristische, gute Arbeiten

dieser römischen Schule. Ein leider verstümmelter Engel in Hochrelief

(No. 202) giebt sich in seinen knitterigen Falten unverkennbar als ein

Werk des Dalmata zu erkennen; ein Marmortabernakel mit vier anbetenden

Engeln (No. 203) ist eine gute Arbeit der Werkstatt des Andrea Bregno,

und ein diesem verwandter, aber feinerer Künstler hat die beiden

Engelsgestalten gemeißelt, die zur Seite eines Baumes (das Wappen der

Rovere) gelagert sind (No. 204). Das merkwürdigste Stück der Sammlung,

einzig in seiner Art unter den römischen Bildwerken, ist die

Kolossalbüste des Papstes Alexander VI. (No. 205), schlicht und selbst

etwas nüchtern aufgefaßt, jedoch von bedeutender, lebensvoller Wirkung.

* * * * *

[Abbildung: 61. Marmorbüste einer neapolitanischen Prinzessin von

Franc. Laurana.]

Süditalien hat im Quattrocento nur in _Neapel_ eine reichere

bildnerische Thätigkeit aufzuweisen, die aber, angeregt und ausgeübt

durch fremde Künstler, keine nennenswerte lokale Schule groß zieht.

_Donatello_ und _Michelozzo_ hatten sich in dem Grabmal Brancacci an den

alten neapolitanischen Gräbertypus angeschlossen; die Erbauer des

Triumphbogens König Alphons' I., meist von Rom bezogene Künstler: _Isaïa

di Pisa_, _Paolo Romano_, _Guglielmo Monaco_ aus Perugia, _Silvestro

d'Aquila_ u. a., aber auch _Desiderio da Settignano_ müssen ihre

Bildwerke einem mittelalterlichen Festungsbau anpassen. Erst die jüngere

Generation: _Ant. Rossellino_, _Ben. da Majano_, _G. Mazzoni_ durften

freier nach künstlerischem Ermessen schaffen; doch haben sie wohl, mit

Ausnahme des letzteren, ihre Altäre und Grabmonumente in ihrer Heimat

ausgeführt. Die Reliefs und Statuen am Triumphbogen haben mehr oder

weniger den Charakter der gleichzeitigen römischen Arbeiten, mit

Ausnahme von zwei ganz Donatelloartigen Putten, die auf Desiderio

zurückzugehen scheinen. Am Portal des Kirchleins Sta. Barbara tritt,

neben _Giuliano da Majano_ (von dem die kleinen Architravreliefs im

Charakter seines Bruders Benedetto herrühren), in der Madonnenstatue

(1474) ein Künstler auf, der ein Wanderleben an den Höfen Italiens

führte, der Dalmatiner _Francesco Laurana_ (oder Lavrana). Der Künstler

war damals von Palermo gekommen, und hier in Sicilien hat er auch, in

Verbindung mit einer Künstlerfamilie lombardischer Herkunft, den Gagini,

eine nicht unbedeutende plastische Thätigkeit angeregt, die sich,

namentlich in Palermo, nahezu ein halbes Jahrhundert lang stetig

entfaltet.

Laurana hat in Palermo verschiedene Madonnenstatuen, ähnlich der in

Neapel, und den Reliefschmuck einer Kapelle in S. Francesco gefertigt.

Außerdem enthält das Museum zu Palermo mehrere dekorative Arbeiten mit

feinen Renaissanceornamenten, sowie ein Paar Reliefporträts und Büsten,

die mit großer Wahrscheinlichkeit auf Laurana zurückgehen. Diese Büsten

gehören nach ihrer ganz eigenartigen Auffassung und Formgebung zu einer

Gruppe von Marmorbüsten junger Frauen, von denen das köstliche

Hauptwerk, die früher sogenannte Marietta aus Pal. Strozzi in Florenz,

sich jetzt im Berliner Museum befindet (No. 61). Die schüchterne, echt

mädchenhafte Haltung, gelegentlich so stark betont, daß sie etwas

linkisch wirkt, die halb geschlossenen, etwas schräg gestellten Augen,

der fest geschlossene Mund, die delikate Durchführung, die starke

Politur des Fleisches sind allen diesen Büsten gemeinsam, die sich im

Bargello, im Louvre, im Museum zu Wien, bei M. G. Dreifuß und M. E. André

in Paris befinden. Durchaus den gleichen Charakter hat auch eine Anzahl

von Marmormasken junger Mädchen, die sämtlich aus Südfrankreich stammen,

wo Laurana in seinen letzten Jahren thätig war; eine derselben besitzt

jetzt das Berliner Museum (No. 208). Der Umstand, daß alle diese Büsten

und Masken nachweislich oder wahrscheinlich aus den Orten stammen, an

denen Francesco Laurana nach einander thätig war, und die Verwandtschaft

derselben mit den Frauenköpfen seiner Statuen und Reliefs lassen

dieselben mit großer Wahrscheinlichkeit gleichfalls auf ihn

zurückführen.

Dem Laurana nahe verwandt und wohl von ihm beeinflußt ist der Lombarde

_Domenico Gagini_, der 1463 aus Genua nach Palermo kam. Er und

namentlich sein Sohn _Antonio Gagini_ (1478-1536) haben mit ihrer großen

Werkstatt hier und in anderen Städten Siciliens eine Reihe von

Bildwerken verschiedenster Art hinterlassen. Das Museum zu Palermo ist

reich an solchen Arbeiten; der Dom besitzt in Antonio's Madonnenstatue

vom Jahre 1503 das lieblichste Werk des Künstlers und in dem

Weihwasserbecken mit dem reichen Baldachinaufsatz und den nett erzählten

Reliefs ein noch stark lombardisches späteres Werk seines Vaters.

Schönheit der Gestalten, Lieblichkeit des Ausdrucks und saubere

Bearbeitung des Marmors zeichnen diese Arbeiten gleichmäßig aus, während

ihnen feinere seelische Belebung meist abgeht.

Die Hochrenaissance

(Das Cinquecento, um 1500 bis 1630).

Im letzten Jahrzehnt des XV. Jahrh. bereitet sich in Florenz, das auch

jetzt wieder die Schicksale der italienischen Kunst entscheidet, eine

Wendung vor, welche hier mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts als

vollzogen bezeichnet werden darf; eine Wendung, die eine neue, von der

vorausgehenden Entwickelung grundverschiedene Epoche der italienischen

Kunst heraufführt. Kaum in einem anderen Zweige der Kunst kommt dieselbe

so scharf zum Ausdruck wie in der Plastik, in keinem anderen Zweige aber

auch im Allgemeinen so wenig günstig wie gerade in der Plastik.

Die Skulptur des XV. Jahrh. strebte nach Natürlichkeit und Wirklichkeit;

die neue Zeit setzte dagegen an die Stelle der Individualität die

Verallgemeinerung. Sie will nicht das Modell mit allen seinen

Eigenheiten und Zufälligkeiten geben, sondern einen daraus abstrahierten

Typus. Diese Verallgemeinerung und Idealisierung der Formen erstreckt

sich nicht nur auf die Köpfe und den Körper, auch die Stoffe und das

Nebenwerk werden vereinfacht und nach einem Schema behandelt, das sich

die Künstler nach selbstgeschaffenen Schönheitsgesetzen gebildet haben.

Dicke Stoffe, die volle Falten bilden, werden das Vorbild, und jede

Verzierung derselben wird verschmäht.

Diese Schönheitsgesetze wurden aber nicht aus der Natur, sondern aus der

antiken Kunst abstrahiert. Die Antike wird daher jetzt mit erneutem

Eifer studiert; nicht mehr um Anregung für Motive und Begeisterung für

eigene Erfindungen daraus zu schöpfen, sondern um daraus allgemeine

Grundgesetze der statuarischen Kunst abzuleiten und auf Grund derselben

Neues zu schaffen. Dadurch, daß die Künstler die Gesetze aus den Antiken

abstrahierten, wie sie ihnen vorlagen, also aus mehr oder weniger

geringwertigen römischen Kopien, meist außer Zusammenhang mit den

zugehörigen Skulpturen und der Architektur, für die sie erfunden waren,

mußten sie vielfach zu Trugschlüssen kommen, die für ihre eigene Kunst

verhängnisvoll wurden.

Die Skulptur wurde allerdings jetzt selbständiger gestellt, sie wurde

noch freier als sie es selbst im Quattrocento gewesen war. Denn die

Dekoration, mit der sie bis dahin im Zusammenhang gedacht war, wurde

beseitigt oder doch sehr eingeschränkt; die Malerei, welche man bisher

zu ihrer Vollendung für erforderlich gehalten hatte, wurde völlig

getrennt von der Skulptur, und selbst mit der Architektur ist dieselbe

meist nur lose verbunden oder drückt diese sogar in ein untergeordnetes,

dienendes Verhältnis herab.

Auch auf den Inhalt sucht die Hochrenaissance ihre Nachahmung der Antike

auszudehnen. Die religiösen Vorwürfe und Gestalten hatten schon lange

ihre feste Form bekommen; jetzt wurde im Anschluß an die Antike aufs

eifrigste die Mythologie und Allegorie gepflegt. Die antiken Götter

entstanden, trotz der Reaktion in der Kirche, zu neuem Leben; freilich

nicht als Andachtsbilder, sondern als allegorisches Beiwerk. Daher wurde

ihnen unbeanstandet selbst in die Kirchen und in kirchlichen

Darstellungen der Eintritt gestattet.

Die Überzeugung von der Größe und Selbständigkeit der Plastik verleitete

Künstler wie Auftraggeber zu dem Streben, die Skulpturen, wenn möglich,

kolossal zu gestalten. Während die Frührenaissance ihre Figuren

regelmäßig etwas unter Lebensgröße bildete, ist in der Hochrenaissance

der kolossale Maßstab beinahe Regel; was die Skulptur an Interesse durch

den Mangel an individuellen Gestalten eingebüßt hatte, sollte durch die

überwältigende Wirkung des Kolossalen wieder eingebracht werden. Ein

anderes Mittel zum gleichen Zweck, das Aufsuchen und Herausheben von

Gegensätzen, wird geradezu zu einem der leitenden Grundsätze für die

Plastik der Hochrenaissance; nicht nur die Gegensätze in Geschlecht und

Alter, deren typische Gestaltung die Künstler anstreben, sondern bei der

einzelnen Figur der Gegensatz zwischen Körper und Kopf, sowie namentlich

zwischen den beiden Seiten des Körpers. Der »contra-posto«: das

Hervortreten der einen Körperseite gegen die andere, die scharfe

Betonung zwischen Spielbein und Standbein und ein entsprechender

Gegensatz in der Bewegung der beiden Arme, ist den meisten Bildhauern

der Hochrenaissance ein viel wichtigeres Gesetz als das Studium der

Natur.

Die Richtung auf das Große und Schöne in der Kunst des Cinquecento

entstand als natürliche Gegenwirkung gegen die einseitige Betonung des

Wirklichen und Gefälligen in der Kunst des Quattrocento; sie wurde

außerdem, ganz besonders in der Skulptur, gefördert durch das erneute,

völlig veränderte Studium der Antike; der innerste Antrieb, aus dem sie

hervorging, liegt jedoch in der geistigen Strömung der Zeit, die schon

Ende des XV. Jahrh. in Florenz die reformatorische Bestrebung

Savonarola's hervorrief und später, in andere Kanäle geleitet, durch

die Päpste selbst zur Gegenreformation gestaltet wurde. Das Wirkliche,

das rein Menschliche verdammte sie im Leben wie in der Kunst, die sie

nur als Mittel zur Förderung religiöser und kirchlicher Zwecke, im

weitesten Sinne, gelten lassen wollte; daher die bewußte Abkehr von der

Natur.

Im Gebiete der Malerei und teilweise auch der Architektur sehen wir ein

verwandtes Streben die köstlichsten Früchte zeitigen, wenn auch nur

während eines kurzen Zeitraums und bei einer kleinen Zahl besonders

begnadigter Künstler: in der gleichzeitigen Plastik ist dies, den Einen

Michelangelo ausgenommen, keineswegs der Fall; die Bildwerke der

Hochrenaissance befriedigen nur ganz ausnahmsweise in dem Maße wie die

der vorausgegangenen Epoche oder halten doch bei näherer und

wiederholter Betrachtung keineswegs, was sie auf den ersten Blick

versprechen. Die Plastik war aber auch von vornherein in einer weit

weniger günstigen Lage als ihre Schwesterkünste. Abgesehen davon, daß

die Aufgaben der Kirche an sich für die plastische Darstellung weit

weniger geeignet sind wie die griechische Mythologie, konnten auch die

allegorischen Gestalten und die der Antike entlehnten Motive, da sie

nicht aus dem Volksbewußtsein hervorgegangen waren, sich nicht typisch

ausbilden und erscheinen daher als etwas Künstliches und Fremdartiges.

Auch mußte in der Plastik die Absichtlichkeit, die bewußte Abwendung von

dem Individuellen und das Zurschautragen stilistischer Gesetze, welche

zum Teil ohne wirkliche Grundlage waren, von besonders ungünstiger

Wirkung sein, sobald nicht ein Genie, wie das Michelangelo's, die

Aufgabe erfaßte. Daher leiden die Bildwerke der Hochrenaissance vielfach

an nüchterner Einförmigkeit, gesuchter Ziererei und leerer

Empfindungslosigkeit, die sich doppelt fühlbar machen durch den

kolossalen Maßstab. Dies ganz besonders bei der Darstellung des Nackten,

das ja am wenigsten eine Behandlung nach der Schablone verträgt.

Bei dieser Richtung ist es begreiflich, daß in der Plastik der

Hochrenaissance das Porträt in den Hintergrund tritt und, wo es

ausnahmsweise gefordert wird, der Mangel an naiver Naturanschauung der

vollen Wiedergabe der Persönlichkeit meist hinderlich ist. Ebenso

schlimm, obgleich aus anderen Gründen, ergeht es dem Relief, auf das die

Künstler zwar keineswegs Verzicht leisten, das aber mit Übertreibung

römischer Vorbilder regelmäßig als Hochrelief derart behandelt wird, daß

es mehr einer Gruppe von Freifiguren gleicht, worin die Leere und

Unwahrheit der Formen und die Einförmigkeit in der Bildung derselben

durch die Zahl der Figuren besonders ungünstig zur Geltung kommen.

Der Mangel an Individualität in dieser Kunst führt zu einer immer

stärkeren Verwischung der lokalen Verschiedenheiten, auch an den

besonders kunstthätigen Orten; und dieser Prozeß der Uniformierung der

ganzen italienischen Skulptur wird noch beschleunigt durch den

überwältigenden Einfluß, welchen Michelangelo allmählich auf fast alle

italienische Bildhauer ausübt. Es kann daher in dieser Zeit auch nicht

mehr von örtlichen Schulen in der italienischen Plastik die Rede sein,

sondern nur von einzelnen Künstlern und den Schulen, welche sich an ihre

Werkstätten anschließen. Nur an kleineren Orten, fern vom großen

Verkehr, erhalten sich gelegentlich einzelne Künstler mehr in ihrer

Eigenart; und hier bleibt zugleich der Einfluß der älteren Kunst noch

mehr oder weniger lebendig. Daher sind die Leistungen verschiedener

solcher Künstler (wie besonders Begarelli) lebenswahrer und erfreulicher

als die der meisten gefeierten Bildhauer, die von einem Hof zum andern

gezogen wurden. Dieses Wandern der Künstler, welches den für eine

gesunde Kunstentwickelung unentbehrlichen Zusammenhang mit der Heimat

noch mehr lockert, ist ein besonders charakteristisches Merkmal für die

Skulptur der Hochrenaissance. Ein förmliches Reislaufen beginnt unter

den italienischen Bildhauern; in Scharen ziehen sie selbst über die

Grenzen Italiens hinaus: nach Frankreich, Spanien, Portugal, England,

Deutschland, Ungarn und bis nach Polen und Rußland. Andererseits kommen

jetzt, durch wechselseitige politische oder Handelsbeziehungen, mehr und

mehr auch fremde Künstler nach Italien, insbesondere Bildhauer, von

denen einzelne dauernd hier Beschäftigung fanden und einen nicht

unwesentlichen Anteil an der Entwickelung der italienischen Skulptur

genommen haben. Beide Umstände trugen dazu bei, den nationalen Charakter

derselben zu beeinträchtigen oder abzuschwächen.

* * * * *

An die Spitze der neuen Zeit wird herkömmlich eine Gruppe toskanischer

Bildhauer gestellt, deren Jugendentwickelung noch ganz im Quattrocento

liegt, bei denen sich aber die charakteristischen Merkmale der

Hochrenaissance schon von ihren ersten Arbeiten an geltend machen. In

Florenz ausgebildet, ist auch ihre erste beglaubigte Thätigkeit an

Florenz geknüpft. Aber alle diese Künstler, selbst der älteste und

gefeiertste unter ihnen, Andrea Sansovino, treten erst im letzten

Jahrzehnt des XV. Jahrh. mit größeren Arbeiten an die Öffentlichkeit, zu

einer Zeit, als ihr jüngerer Landsmann _Michelangelo Buonarroti_ (1475

bis 1564) bereits durch seine ersten Jugendwerke ein künstlerisches

Genie verraten hatte, das schon seine Zeitgenossen in seiner

Eigenartigkeit und Überlegenheit allen mitlebenden Künstlern gegenüber

richtig erkannten. Michelangelo prägt, von seinen ersten Arbeiten an, so

stark und rein den Charakter der Hochrenaissance in sich aus, er hat so

wesentlich zur Entfaltung und Entwickelung derselben beigetragen, er

erscheint von frühester Jugend so eigenartig und selbständig und von

einer so magischen Einwirkung auf seine Zeitgenossen, die er, trotz

seiner persönlichen Vereinsamung, allein durch seine Werke in seinen

Kreis bannte, daß jede Besprechung dieser Zeit mit ihm beginnen soll.

Michelangelo ist in allen bildenden Künsten gleich heimisch: der

Petersdom und die Deckenbilder der Sixtina sind zwei der großartigsten

Kunstschöpfungen aller Zeiten; als Bildhauer hat er zwar nichts

vollendet, was sich dem ebenbürtig an die Seite setzen ließe, aber doch

war die Plastik sein eigenstes Feld. Er selbst betrachtete sich in

erster Linie als Bildhauer und fühlte sich am wohlsten, wenn er den

Meißel in der Hand führte. Neben allen anderen großen Aufgaben ist er

daher auch fast ununterbrochen als Bildhauer thätig gewesen.

Die Italienische Plastik · 第 12 / 16 段