Auch die bildnerische Kunst der Lombardei zeigt den Einfluß des

Quattrocento, in die Bahnen der Renaissance einlenkte. Freilich waren

schon vorher an verschiedenen Orten florentiner Künstler thätig gewesen.

Der Mitarbeiter Donatello's bei der Statue am Campanile in Florenz,

_Giovanni Bartolo_ gen. _Rosso_, errichtete in S. Fermo zu Verona schon

bald nach dem Jahre 1420 jenes imposante Wandgrab der Familie Brenzoni

mit dem Hochrelief der Auferstehung, dessen kräftige Gestalten einen

frischen Realismus zeigen, der aber von gotischen Traditionen noch nicht

frei ist. Den gleichen Charakter hat das Monument des Cortesia Sarego in

Sa. Anastasia (1432), mit der energischen Reiterfigur des Feldherrn

zwischen seinen Knappen; und in derselben Kirche besteht der Wandschmuck

der Capella Pellegrini aus einer Folge von Thonreliefs aus dem Leben

Christi, welche etwa gleichzeitig von einem florentiner Künstler im

ähnlichen Übergangsstile ausgeführt wurden (vgl. S. 51). Aber diese

Arbeiten fremder Künstler fanden keine Nachfolger unter den heimischen

Bildhauern. Ähnlich war es in Mailand. Donatello's Schüler und

Mitarbeiter _Michelozzo_ war hier seit 1456 thätig. Seine Bauten, die er

für die Vertreter des Bankhauses Medici, für die Portinari errichtete,

sind mit dekorativen Skulpturen verziert, welche in ihren Putten und

Fruchtkränzen den Charakter seiner von Donatello abhängigen, aber etwas

schwerfälligen und wenig belebten Plastik zeigen, dabei aber auch schon

dem lokalen Geschmack in Anordnung, Kostümen u. s. f. Rechnung tragen.

Dies gilt sowohl für das Portal der Mediceerbank (jetzt in der Brera)

wie für die Pilaster und die Kuppelverzierungen der Cappella Portinari

in S. Eustorgio (Engel mit Kränzen). Aber auch in Mailand setzt an diese

Arbeiten nicht unmittelbar und nicht direkt eine lokale Kunstthätigkeit

an; wie in Verona haben solche florentiner Bildwerke zweifellos später

anregend gewirkt, aber sie waren nur ein Moment bei der Belebung der

einheimischen Renaissanceplastik in der Lombardei und nicht das

entscheidende.

Der Charakter der lombardischen Skulptur, die bald nach der Mitte des

Jahrhunderts an verschiedenen Orten in sehr verwandter, scharf

ausgeprägter Weise gleich mit zahlreichen und umfassenden Werken

auftritt, weist vor Allem auf den Einfluß der Paduaner Schule

Donatello's, den die fahrenden comaskischen Steinmetzen und Bildhauer

aus Padua und Venedig in die Heimat zurückbrachten. Die den

lombardischen Bildwerken eigentümlichen hageren, sehnigen Gestalten, der

unruhige, knitterige Faltenwurf der am Körper anklatschenden Gewänder,

das Streben nach dramatischer Schilderung figurenreicher Darstellungen

und nach starkem Gefühlsausdruck entspricht ganz der Paduaner Kunst,

Aber eine ungenügende Kenntnis der Natur und eine meist oberflächliche

Durchführung lassen diese Arbeiten nur ausnahmsweise zu voller

künstlerischer Reife gelangen; im Ausdruck sind sie in der Regel

schwächlich oder verzerrt, in der Formenbildung übertrieben und

karikiert, in der Anordnung überhäuft. Die Freude an bilderischem

Schmuck, einmal belebt, ist alsbald wieder eine so große und allgemeine,

daß die Künstler das Innere und Äußere der Gebäude damit bedecken und,

da sie Architekten und Bildhauer zugleich sind, ihren höchsten Triumph

darin suchen, die architektonischen Formen in Bildwerke geradezu

aufzulösen. Dabei ist die Vorliebe für kleine Figuren, für die Häufung

zahlreicher Scenen und Figürchen, für die Ausführung in Holz, wo es der

Platz erlaubte, und für reiche Bemalung und Vergoldung offenbar durch

die Berührung mit der deutschen Kunst, wenn nicht angeregt, so doch

wesentlich gefördert; denn diese Eigenschaften sind in den der deutschen

Grenze benachbarten Orten am stärksten ausgeprägt. Keine andere Provinz

von Italien ist so reich an Skulpturen dieser Zeit; aber kaum an einem

anderen Platze sind dieselben so wenig unterschieden, drücken so wenig

die Individualität ihrer Meister aus, wie gerade in der Lombardei. Die

Künstler lassen sich an der dekorativen Wirkung ihrer Bildwerke genügen;

daher fehlt es denselben an absolutem künstlerischen Wert und an dem

Reiz der künstlerischen Eigenart. Andererseits hat aber gerade die neu

belebte Lust am Bauen und Meißeln, welche schon im XII. und XIII. Jahrh.

die Steinmetzen der Lombardei, namentlich aus Como und Umgebung, ihren

Weg durch ganz Italien finden ließ, auch jetzt wieder zahlreiche

Lombarden als fahrende Künstler über die Grenzen ihrer Heimat

hinausgetrieben, und sich in den meisten Provinzen Italiens, außerhalb

Toskanas, wie als Architekten so auch als Bildhauer bethätigen lassen.

Unter ihnen sind einzelne Künstler, dank der Berührung mit der fremden

Kunst, von einer Bedeutung, wie sie keiner der lombardischen Bildhauer

in der Heimat besitzt. Gerade hierin liegt auch in dieser Periode die

hervorragende Bedeutung der lombardischen Skulptur.

Der Baueifer einzelner Tyrannen, namentlich der Visconti und Sforza,

sowie des Condottiere Colleoni, der ihnen darin nacheiferte, bot den

Bildhauern der Lombardei Gelegenheit, sich in ihrer Kunst nach

Herzenslust in unerhörter Pracht zu zeigen. Die Certosa bei Pavia, deren

Bau und Ausstattung fast ganz in diese Zeit fallen, hat in zierlicher

Eleganz der Arbeit, in Pracht des wertvollen prunkenden Gesteins nicht

ihres Gleichen in Europa; der Mailänder Dom erhielt jetzt seine graziöse

Kuppel, die mit einem Wald von zierlichen Marmorpfeilern umkleidet

wurde, den Tausende von kleinen und großen Statuen schmücken; und

Bartolommeo Colleoni ließ für sein und seiner Tochter prunkendes Grabmal

neben S. M. Maggiore in Bergamo, deren Fassade er hatte erbauen lassen,

eine Kapelle aus farbigem Marmor herstellen, die ein wahrer

Schmuckkasten reichster und sauberster Renaissancearbeit ist. Die

hervorragendsten Künstler dieser Bildwerke, Baumeister zugleich, sind

anfangs _Cristoforo Mantegazza_ ({~DAGGER~} 1482) und sein Bruder _Antonio

Mantegazza_ ({~DAGGER~} 1493). _Gianantonio Amadeo_ (1447-1522), der für Bart.

Colleoni jene Grabkapelle arbeitete und die Monumente darin errichtete,

ist (seit 1477) ihr Nachfolger am Bau der Certosa und übernimmt 1499 die

Leitung des Dombaues in Mailand. An beiden Orten entstehen gleichzeitig

zahlreiche Statuen und Monumente in seiner Werkstatt, denen sämtlich

mehr oder weniger der herbe, oft karikierte Charakter der Figuren, der

unruhige Faltenwurf, die Überfüllung mit Motiven und kleinen Figuren

innewohnt, der auch die Arbeiten der beiden Mantegazza kennzeichnet.

Das früheste bisher nachweisbare Werk lombardischer Renaissance ist die

Fassade der Taufkapelle im Dom von Genua, von _Dom_. und _Elia Gagini_

und _Giovanni da Bissone_ seit 1448 ausgeführt. Später und weicher sind

die Arbeiten des _Ant. Tamagnini_ und _Pace Gagini_ im Pal. San Giorgio

ebenda; herber und eckiger die Bildwerke, mit denen namentlich _Tommaso

Rotari_ während seiner Leitung des Dombaues in Como (1487-1526) die

Kirche innen und außen geschmückt hat. Ein Altersgenosse, _Vincenzo

Foppa_ gen. _Caradosso_ (um 1445-1527), der als Goldschmied und

Stempelschneider später am Hofe der Päpste Jahrzehnte lang beschäftigt

war, hat in Mailand als Gehülfe Bramante's bei der Ausschmückung der

Sakristei von S. Satiro in den Thonreliefs mit spielenden Putten, welche

Medaillons mit Charakterköpfen umgeben, Werke von reinerem plastischen

Gefühl und lebensvollerer Durchbildung geschaffen, welche das Studium

Donatello'scher Arbeiten verraten (um 1488). In der wohl früher

entstandenen großen Freigruppe der Beweinung Christi in derselben Kirche

(wenn mit Recht ihm beigemessen?) verfolgt er die Richtung des G.

Mazzoni in stilvoller, größerer Weise. Von den jüngeren Künstlern haben

_Tommaso Cozzanigo_ und _Andrea Fusina_ in den Mailändischen Kirchen

eine Anzahl kleinerer Grabmonumente hinterlassen, die durch ihre

Beschränkung, durch feines Gefühl für Verhältnisse und zierliche

Dekoration vor jenen älteren Monumenten wie vor den weit berühmteren

Denkmälern ihrer Zeitgenossen _Cristoforo Solari_ und _Agostino Busti_

gen. _Bambaja_ (1480-1548) weitaus den Vorzug verdienen. Namentlich in

Bambaja artet die Zierlichkeit der Arbeit, selbst in seinem Hauptwerke,

dem Grabmal des Gaston de Foix (jetzt in einzelnen Teilen in den Museen

von Mailand, Turin, London u. s. f.) gar zu leicht in Zuckerbäckerwerk,

die Eleganz der schlanken Figürchen mit ihren Gewändern mit zahllosen

kleinen Parallelfalten in leere Manier, die Lieblichkeit der Köpfe in

süßliche Ziererei aus. Der Künstler, der jünger ist als die meisten

Bildhauer der Hochrenaissance und sie zum großen Teil überlebt, hat

daher auch nicht die Kraft gehabt, aus der manierierten Weiterbildung

der lombardischen Frührenaissance in die Bahnen der Hochrenaissance voll

einzulenken.

Das Berliner Museum besitzt verschiedene lombardische Bildwerke dieser

Zeit. Ein Marmorrelief der Caritas (No. 208A) ist ein bezeichnendes Werk

eines der Künstler der Fassade der Johanniskapelle im Dom zu Genua; ein

Profilporträt in Marmor ist eine charakteristische Arbeit des C. Solari

(No. 201); und unter mehreren Bruchstücken bemalter Holzaltäre ist

namentlich eine Scene aus dem Leben des hl. Bernhard (No. 199) eine

besonders gute Arbeit dieser Art.

* * * * *

Die Plastik Venedigs erhält die entscheidende Anregung zu einer neuen

Entwickelung gleichfalls von Padua; namentlich durch den von der

Republik bevorzugten Bellano, von dessen Thätigkeit in Venedig wir

leider noch keine genügende Vorstellung haben (vgl. S. 122 f. Ein

Denkmal dieser seiner Thätigkeit besitzt die Berliner Sammlung

wahrscheinlich in der Portallünette der Scuola di S. Giovanni; Abbild.

S. 122). Sein Einfluß verrät sich noch in den frühesten Arbeiten jener

lombardischen Bildhauer, die in Venedig nicht nur eine hervorragende

Thätigkeit ausübten, sondern recht eigentlich die Plastik Venedigs für

ein halbes Jahrhundert bestimmten. Dieser neue Zuzug lombardischer

Bildhauer beginnt aber erst nach der Mitte des XV. Jahrh., nachdem sich

in Venedig schon längere Zeit eine bedeutende bildnerische Thätigkeit in

ausgesprochenem Charakter der Renaissance entfaltet hatte. Ein Paar

florentiner Bildhauer, _Piero di Niccolo_ und _Giovanni di Martino_,

hatten das Dogengrab des Tom. Mocenigo ({~DAGGER~} 1423) errichtet, in dem sich

handwerksmäßige Künstler unter dem Einfluß der früheren Werke

Donatello's und Michelozzo's bekunden; ein anderer anonymer Florentiner,

der »_Meister der Pellegrinikapelle_«, ist der Künstler des Monuments

des Beato Pacifico Buon (1435, vgl. S. 51 f.); zwei dem Namen nach

unbekannte Florentiner (wohl identisch mit dem eben genannten Künstler

des Grabmals Tom. Mocenigo) sind etwa gleichzeitig Mitarbeiter an den

Kapitellen des Dogenpalastes, und _Donatello_ selbst hat um die Mitte

des Jahrhunderts von Padua aus für den Chor der Frari die Figur des

Täufers geschnitzt. Alle diese Künstler, die freilich einen

unmittelbaren Einfluß auf ihre venezianischen Mitarbeiter nicht

ausübten, schärften doch ihren Sinn für die Natur, förderten das

Verständnis derselben und führten dadurch in Venedig die Plastik

allmählich und fast unmerklich aus der Gotik in die Renaissance über.

Schon die Gruppen am Dogenpalast haben bis in die Durchführung im

Einzelnen einen ausgesprochenen Naturalismus, wenn ihnen auch die innere

Belebung mangelt. Die reichen Bildwerke am Portal des Dogenpalastes, der

sog. Porta della Carta, welche unter der Leitung des _Bartolommeo Buon_

seit dem Jahre 1439 ausgeführt wurden, zeigen bei ähnlichem Charakter in

Bewegung und Ausdruck bereits eine viel feinere Belebung, namentlich in

dem großartigen Kopf des Dogen Foscari (das Original im Museum des

Dogenpalastes) und in den nackten Putten. Der Künstler verleugnet sich

darin freilich nicht als Nachfolger der Massegne; die schönen vollen

Formen und der gehaltene Ernst sind ein Erbteil der älteren

venezianischen Schule.

Zum Schmuck der Rückseite dieses großen und tiefen Eingangsbaues

fertigte ein lombardischer Künstler, _Antonio di Gio. Rizo_ aus Verona,

im Jahre 1462, die Statuen von Adam und Eva. Hier kommt die neue Zeit

zum ersten Mal voll und in ganz eigenartiger Form zur Geltung. Diesen

beiden großen nackten Figuren wohnt ein so energischer, unverhohlener

Realismus inne, wie irgend einem Werke der bahnbrechenden Florentiner

Meister; aber er äußert sich in naiverer, derberer Weise, ähnlich wie

gleichzeitig in der nordischen Kunst, namentlich bei den Gebrüdern van

Eyck (man vergl. die Eva mit unserer Ältermutter vom Genter Altarbild).

Vor den nordischen Künstlern hat der Veronese jedoch voraus, daß er das

Motiv, den geistigen Gehalt auch in Ausdruck und Bewegung, wenigstens

beim Adam, voll und groß wiedergiebt. Die bekleideten Figuren des bis zu

seiner Flucht aus Venedig 1498 namentlich als Architekt hervorragend

thätigen Künstlers, wie der Schildhalter in antiker Rüstung im Hofe des

Dogenpalastes (zur Seite des Adam), die beiden Tugenden und die

Dogenstatue am Grabmal Tron ({~DAGGER~} 1472), zeigen Rizo in der eng

anliegenden, knitterigen Gewandung, in den knochigen schlanken Gestalten

mit kleinen Köpfen als ausgesprochenen und hervorragenden Schüler der

Paduaner Schule, dem Maler Andrea Mantegna verwandt.

Obgleich Rizo ohne besondere Eigenart in dem Aufbau seiner Denkmäler

ist, obgleich er größeren Kompositionen, deren uns wenigstens keine von

seiner Hand bekannt ist, aus dem Wege geht, hat doch die freie Erfindung

und die breite naturalistische Durchbildung seiner Einzelfiguren auf die

weitere Entwickelung der venezianischen Plastik einen bestimmenden

Einfluß gehabt. Schon _Pietro Solari_ gen. _Lombardo_ ({~DAGGER~} 1515), ein

jüngerer Landsmann und als solcher auch wieder Bildhauer und Architekt

zugleich, erscheint ebenso sehr von Rizo wie von Bellano beeinflußt.

Seine eigene umfangreiche Thätigkeit und die Werke seiner tüchtigen

Schüler, die er namentlich in seinen Söhnen Tullio und Antonio groß zog,

geben der Erscheinung Venedigs noch heute einen wesentlichen Teil ihres

Charakters. Die lombardische Lust an vielgegliedertem und dadurch oft zu

leicht motivlosem und kleinlichem Aufbau der Monumente ist bei Pietro

und seinen Söhnen durch das venezianische Formengefühl gemäßigt; die

dekorative Verwendung der Bildwerke wird durch die venezianische Freude

an der Durchbildung vor Ausartung in Flüchtigkeit bewahrt, und die herbe

Formenbildung, wie das unruhige, knitterige Faltenwerk der Lombarden

erscheinen hier durch den venezianischen Schönheitssinn und die Studien

nach der Antike, namentlich nach griechischen Bildwerken, auf ein

glückliches Maß eingeschränkt. Ist bei Pietro seine Herkunft von der

lombardischen Kunst immer noch deutlich erkennbar, so ist bei seinen

Söhnen die Umbildung in den venezianischen Charakter schon so stark

ausgeprägt, daß sie in manchen ihrer Bildwerke schon nüchtern und

weichlich erscheinen.

Pietro Lombardo hat seine größeren Arbeiten meist mit seinen Söhnen und

anderen Gehülfen zusammen ausgeführt; auch diesen Werkstattarbeiten ist

regelmäßig der Charakter des Meisters mehr oder weniger stark

aufgeprägt. Als eigenhändige und frühere Werke erscheinen die

bezeichneten Statuetten von Hieronymus und Paulus in Sto. Stefano, die

beiden Altäre mit einzelnen Heiligen in der Markuskirche und der Schmuck

des Chors von San Giobbe. Das früheste seiner größeren Monumente, das

des Dogen Nic. Marcello ({~DAGGER~} 1474) in S. Giovanni e Paolo, schließt sich

dem A. Rizo noch so eng an, daß es eine Zeit lang für eine Arbeit

desselben galt. Im Aufbau wie in der Durchführung der Figuren ist dies

wohl das feinste unter Pietro's Monumenten, während das Dogengrab P.

Mocenigo ({~DAGGER~} 1476) in derselben Kirche in dem reicheren Aufbau, in der

Fülle von Figuren in antikem Kostüm und den Reliefs mit antiken Motiven,

in den herberen Formen die Eigenart des Künstlers noch schärfer

ausspricht. Eine Reihe kleinerer Grabmäler in und außerhalb Venedigs,

namentlich in Ravenna und Treviso, der Schmuck einzelner Prachtfassaden

an öffentlichen Bauten und Palästen, verschiedene Madonnen in Altären

und Tabernakeln lassen sich nach dem gleichen Charakter gleichfalls dem

Pietro Lombardo zuschreiben.

[Abbildung: 164. Hl. Hieronymus von B. Buon (?).]

Pietro's Sohn, _Tullio Lombardo_, hat schon früh auch außerhalb der

Werkstatt seines Vaters selbständig gearbeitet: der Wandaltar in

S. Martino datiert schon von 1484, und das große Relief der Krönung

Mariä in S. Giovanni Crisostomo, die Gruppen der Beweinung Christi in

S. Lio (vielleicht noch von Pietro?) und in S. M. della Salute, sowie

die Reliefs an der Scuola di S. Marco gehören gleichfalls wohl seiner

früheren Zeit, während seine Beteiligung am Schmuck von Sta. M. de'

Miracoli und an den Reliefs der Antoniuskapelle in Padua (1501 und 1525)

erst in die ersten Jahrzehnte des Cinquecento fallen, ohne jedoch eine

wesentliche Änderung im Charakter aufzuweisen. In den meisten dieser

Arbeiten, namentlich in den späteren, steht Tullio im Figürlichen

entschieden hinter seinem Vater zurück; die Falten seiner Gewänder sind

in ihrer zierlichen parallelen Bildung fast ebenso behandelt, wie die

sauber gekämmten Haare; die Anordnung ist durch ihre Gleichmäßigkeit

nüchtern; und die ruhige Haltung der Gestalten des Pietro wird bei

Tullio zu starrer Leblosigkeit, welche die mit Vorliebe von ihm

gewählten bewegten Scenen karikiert und verzerrt erscheinen läßt.

Tullio's jüngerer Bruder _Antonio Lombardo_ ({~DAGGER~} 1516) zeigt in den von

ihm allein ausgeführten Arbeiten, wie in einem der Reliefs in der

Antoniuskapelle zu Padua (1505), in den kleinen Reliefs am Grabmal

Mocenigo in S. Giovanni e Paolo, in einer Reihe ähnlicher Kompositionen

im Museum des Dogenpalastes, im Louvre und namentlich in der Sammlung

Spitzer zu Paris zwar gleichfalls eine gewisse Kälte und Nüchternheit

der Handlung: er ist Tullio aber überlegen durch sein an der Antike

gebildetes Schönheitsgefühl, das sich in der Bildung seiner Gestalten,

seiner Gewandung und Komposition aufs deutlichste bekundet.

[Abbildung: 166. Marmorstatue von A. Leopardi (?).]

Ähnliche Vorzüge zeichnen die Werke des _Alessandro Leopardi_ ({~DAGGER~} 1522)

aus, der wohl mit den jüngeren Lombardi bei Pietro Lombardo ausgebildet

wurde. Er war vorwiegend als Architekt und Dekorator beschäftigt. Nach

Verrocchio's Tode zur Vollendung des Colleoni-Monuments berufen, hat er

den trefflichen Sockel mit dem Waffenfries entworfen und ausgeführt, der

so wesentlich zur großartigen Wirkung des Denkmals beiträgt. Von seiner

Hand ist die Dekoration und teilweise auch der bildnerische Schmuck des

umfangreichsten und schönsten aller Grabmäler Venedigs, des

Dogenmonuments A. Vendramin ({~DAGGER~} 1478, vollendet 1494) in S. Giovanni e

Paolo; seine Arbeit sind die bronzenen Flaggenhalter auf dem Markusplatz

(1500-1505), sowie einzelne Teile am Monumente des Kardinals Zeno mit

dem reichen Bronzeschmuck des Altars seiner Grabkapelle in S. Marco

(1501-1515). Seine Monumente sind gleichmäßig ausgezeichnet durch den

feinen architektonischen Sinn, die graziöse Ornamentik, die schöne

Gliederung und Verteilung des bildnerischen Schmuckes, den

geschmackvollen Aufbau der Kompositionen, den feinen, der

architektonischen Wirkung entsprechenden Reliefstil, die vollen, schönen

Gestalten mit dem sinnigen, schwärmerischen Ausdruck, der vornehmen

Haltung, dem zierlichen Faltenwurf und der sauberen Durchführung. Auch

hier freilich erhebt sich die venezianische Plastik nicht zu der

künstlerischen Freiheit, Größe und Gestaltungskraft der florentiner

Skulptur oder der gleichzeitigen Malerei in Venedig; aber in ihrer

dekorativen Wirkung und im Zusammenklang mit der Architektur kommt sie

der florentiner Plastik nahe.

[Abbildung: 183. Profilporträt einer jungen Venezianerin, um 1500.]

Die Zahl der Monumente dieser Zeit in Venedig ist eine außerordentlich

große; auch in den Venedig unterworfenen Landstädten, bis Verona und

Brescia, bis in die Marken und nach Istrien und Dalmatien, haben die

Bildwerke dieser Zeit durchaus venezianischen Charakter. Die Zahl der

Künstler, welche neben und außerhalb der Werkstätten der genannten

großen Meister beschäftigt wurden, war zweifellos noch eine

beträchtliche; nur von Wenigen, wie _Antonio Dentone_, _Camelio_,

_Andrea Vicentino_, _Pyrgoteles_ u. a. sind uns beglaubigte Arbeiten

erhalten. Dieselben schließen sich fast alle mehr oder weniger der

Richtung des Pietro Lombardo und seiner Schüler an. Das Berliner Museum

ist reich an venezianischen Bildwerken dieser Zeit, von denen sich

jedoch nur wenige mit Sicherheit auf bestimmte Künstler zurückführen

lassen. Eine ernste, vornehme Figur, der hl. Hieronymus in Hochrelief,

gilt als ein Werk des Bart. Buon (No. 164), dem er wenigstens verwandt

und ebenbürtig ist. Von Leopardi's Grabmal Vendramin stammen die beiden

großen, bis auf einen Schurz nackten Wappenhalter (No. 165 und 166),

schöne Jünglingsgestalten mit klagendem Ausdruck. Für den eigentümlich

flachen Reliefstil, der sich an zahlreichen Monumenten Venedigs gegen

Ende des XV. Jahrh. findet und dessen Vorbilder wohl Donatello's Reliefs

am Hochaltar im Santo waren, ist ein marmornes Antependium mit Engeln,

welche spielen oder die Marterinstrumente Christi halten (No. 172),

besonders charakteristisch. Auch von den seltenen venezianischen

Bildnissen dieser Zeit besitzt die Sammlung verschiedene tüchtige

Beispiele: die einfache, sehr individuell gehaltene Thonbüste eines

älteren Mannes mit langem Haar (No. 167) und unter mehreren Flachreliefs

namentlich das feine Marmorrelief einer jungen Dame im Profil (No. 183),

in dem hohen Kopfputz, wie wir ihn in Carpaccio's Bildern finden.

* * * * *

Die Plastik des Quattrocento in Rom hat mit der venezianischen manche

Züge gemeinsam. Angeregt von außen, wird sie im Wesentlichen durch

fremde Künstler geübt und geht mehr auf reiche dekorative Wirkung als

auf künstlerische Durchbildung aus. Doch wird in Rom mit der Tradition

viel gründlicher gebrochen als in Venedig; der Charakter der römischen

Kunst im Quattrocento ist auch weniger geschlossen und beruht in viel

geringerem Maße auf lokalen Bedingungen. Die Kunstübung ist daher

vielfach von den Launen der Besteller abhängig und hat, trotz aller

Pracht des Materials und dem Umfange der Monumente, einen stark

handwerksmäßigen Beigeschmack. Dieser zeigt sich auch in dem nur für Rom

charakteristischen häufigen, ja beinahe regelmäßigen Zusammenarbeiten

verschiedener Bildhauer an demselben Monumente, das an sich schon die

einheitliche künstlerische Wirkung beeinträchtigt; eine

Eigentümlichkeit, welche ihren Grund in der Ruhmsucht der Kirchenfürsten

hatte, die noch bei Lebzeiten ihre Denkmäler vollendet sehen wollten.

Die Italienische Plastik · 第 11 / 16 段