Donatello's Thätigkeit für Neapel und sein Aufenthalt in Rom waren zu

kurz und fanden den Boden noch zu wenig vorbereitet; Künstler wie

Filarete, der die Petersthüren goß, wie Rosso oder Piero di Niccolo, die

schon in den zwanziger Jahren in Verona und Venedig beschäftigt wurden,

waren zu unbedeutend, um hier eine nachhaltige Wirkung ausüben zu

können. Dies geschah erst durch den zehnjährigen Aufenthalt Donatello's

in Padua, der für die Entwickelung der Plastik in ganz Oberitalien

bestimmend wurde und dadurch (bei dem Wandertrieb der lombardischen

Bildhauer) auch auf die mittel- und süditalienische Kunst nicht ohne

Einfluß blieb. Seine damalige Richtung, seine Art der Thätigkeit hier

wurden grundlegend für seine Nachfolger. Die Aufgaben, die ihm in Padua

gestellt wurden, waren umfangreiche und schwierige Bronzearbeiten; sie

erforderten Künstler, die nach den Skizzen des Meisters die Modelle in

Thon herstellten, erforderten andere Künstler zum Guß und zur

Ciselierung. Donatello hatte dafür verschiedene junge Bildhauer, die uns

namhaft gemacht werden, aus Toskana mit sich gebracht, zog aber bei dem

Umfang und der langen Dauer seiner Arbeiten auch Künstler aus Padua und

der Nachbarschaft zu seiner Beihülfe heran. So bildete er hier in den

zehn Jahren seiner Anwesenheit eine so große Werkstatt aus, wie sie bis

dahin in Italien, selbst in Florenz kein Künstler gehabt hatte; eine

Werkstatt, welche nach Donatello's Rückkehr nach Florenz umfangreich und

selbständig genug war, um Padua selbst als Mittelpunkt bildnerischer

Thätigkeit für Oberitalien zu erhalten, und um von hier aus nach den

verschiedensten Seiten, namentlich über Oberitalien, durch die in dieser

Werkstatt gebildeten Künstler die Kunstrichtung Donatello's zu

verbreiten und der Renaissance dadurch dauernden Eingang zu verschaffen.

Daß dieses so rasch und gründlich geschah, dafür gebührt freilich das

Hauptverdienst nicht einem Bildhauer, sondern dem Maler Andrea Mantegna,

dessen Lehrzeit bei dem untergeordneten Squarcione und dessen erste

Thätigkeit in Padua gerade zusammenfällt mit der Zeit von Donatello's

Aufenthalt daselbst.

Der Paduaner Bildnerschule ist der Charakter der späteren Werke

Donatello's auf's schärfste aufgeprägt. Die einseitige Richtung auf das

Charakteristische und Natürliche, die struktive Bildung der Gestalten

ohne Rücksicht auf gefällige Erscheinung, ja selbst mit Vernachlässigung

derselben, die eng anliegende Gewandung, in welcher der Körper möglichst

stark zur Geltung kommt, und die malerische Behandlungsweise der kleinen

knitterigen Falten, die Vorliebe für die Ausführung in Bronze und die

dadurch bedingte Modellierung in Thon sind die hervorstechenden

Eigenschaften, welche den Paduaner Skulpturen des späteren Quattrocento

und teilweise der gesamten oberitalienischen Plastik eigentümlich sind.

Freilich, die Unmittelbarkeit der Naturanschauung und die dramatische

Gestaltung konnten diese Künstler dem großen Meister nicht absehen; die

Gefahr, die künstlerische Formensprache desselben zu übertreiben und zu

veräußerlichen, sie zur Karikatur zu machen, lag daher bei diesen

Nachfolgern Donatello's besonders nahe, und dieser Gefahr haben

keineswegs alle die Kraft eigener künstlerischer Empfindungsart mit

Erfolg entgegensetzen können.

Unter Donatello's Gehülfen am Hochaltar für den Santo war der tüchtigste

_Giovanni da Pisa_. Von ihm ist der Altar in der von Mantegna und

anderen Schülern Squarcione's ausgemalten Kapelle der Eremitani

erhalten: die Madonna thronend zwischen sechs Heiligen, in der Predella

die Anbetung der Könige, im Fries und Aufsatz spielende Putten; in Thon

im Relief gebildet, trotz des dicken modernen Anstrichs noch jetzt von

großem Reiz durch die Lebendigkeit der Komposition, die Frische und

Natürlichkeit der Gestalten.

[Abbildung: 163. Portallünette von Bellano (?).]

Ein jüngerer Schüler, der von Donatello auch in Florenz (und Perugia)

beschäftigte Paduaner _Bartolommeo Bellano_ (um 1430-1498), von Haus aus

weniger begabt, zeigt sich gelegentlich schon sehr manieriert. In dem

großen Marmorgrab des A. Rouzelli ({~DAGGER~} 1466) im Santo folgt er mit

geringem architektonischen Sinn dem Vorbild des Marzuppini-Monuments.

Die gleichen Schwächen im Aufbau hat der Wandaltar in der Sakristei,

während hier das große Flachrelief in der Lünette mit der Darstellung

des Wunders vom gläubigen Esel eine lebendige freie Nachbildung der

gleichen Darstellung Donatello's am Hochaltar ist. Wie wenig das Talent

des Künstlers sonst für große dramatisch bewegte Kompositionen

ausreicht, beweisen die Bronzereliefs an den Chorschranken des Santo

(1484-1488) mit zahllosen ungeschickt gehäuften puppenartigen Figuren

von schlechten Verhältnissen und in verfehltem Hochrelief. In die letzte

Zeit seiner Thätigkeit fallen ein Paar große Grabmonumente, beide aus

umfangreichen Bronzetafeln zusammengesetzt: das des Paolo und Angelo de

Castro in den Servi (1492), und das des Pietro Roccabonella in

S. Francesco, über dessen Vollendung der Künstler hinstarb. Ersteres ist

lebendig in den beiden Reliefporträts, aber unglücklich im Aufbau und in

den Verhältnissen; letzteres lehnt sich in den beiden ganz bildartigen

Tafeln an venezianische Gemälde eines Bellini an; in den tüchtigen

Einzelfiguren ist es noch unter dem Einfluß von Donatello's Statuen am

Hochaltar.

[Abbildung: Bronzestücke von Riccio, Bellano u. A.]

Von der Madonna am Grabmal de Castro, die sich als genreartige

Umgestaltung von Donatello'schen Madonnenkompositionen seiner Paduaner

Zeit charakterisiert, besitzt die Berliner Sammlung das Thonmodell (No.

156A). Ein zweites Thonrelief der Madonna steht dem Donatello noch

besonders nahe (No. 156B). Von einer anderen größeren Madonnenkomposition

mit anmutigem genrehaften Charakter befindet sich in der Sammlung ein

alter Thonabdruck nach dem Marmororiginal in italienischem Privatbesitz

(bezeichnet und datiert 1461, No. 155A). Ein Paar ähnliche Madonnen des

Künstlers findet man in den Eremitani zu Padua, wo auch im Privatbesitz

verschiedene größere Darstellungen der Beweinung Christi in bemaltem

Thon erhalten sind, herbe, aber ausdrucksvolle Kompositionen. In Venedig

gehört dem Künstler augenscheinlich das dort besonders energisch

erscheinende Evangelistenrelief rechts vom Hauptportal von S. Zaccaria;

auch die Reliefs an den Chorschranken in den Frari verraten deutlich

seinen Charakter.

Dem Bellano ist _Giovanni Minello_ nahe verwandt, dem urkundlich ein

Paar Thonstatuen im Museo civico zu Padua angehören, nach deren

Verwandtschaft wohl auch die reichen, in ihrer alten Bemalung noch sehr

wirkungsvollen Wandaltäre an der inneren Eingangswand der Eremitani dem

Minello zuzuschreiben sind; Arbeiten aus dem letzten Viertel des

Quattrocento, deren Einzelfiguren voller und schöner erscheinen als die

Bellano's und deren reiche Ornamente schon den feinen Naturalismus und

die zierliche Bildung der gleichzeitigen venezianischen Monumente

zeigen. In besonders reicher, phantastischer Ausbildung kehrt dieselbe

Ornamentik an der berühmten von Minello begonnenen Marmorkapelle des

Santo wieder.

[Abbildung: Bronzestatuetten von Bellano, Sansovino (?) u. A.]

Diese Abschwächung Donatello'scher Traditionen durch den schlichten, auf

das Malerische gerichteten Naturalismus, wie er sich in Venedig in den

letzten Jahrzehnten des Quattrocento ausbildete, und durch einen engeren

Anschluß an die Antike, namentlich in der Gewandung und in den Motiven,

tritt noch stärker bei dem jüngsten Künstler dieser Richtung hervor, bei

_Andrea Briosco_ gen. _Riccio_ (der »Krauskopf«, 1470-1532). In ihm

erreicht die Paduaner Gießhütte ihre höchste und mannigfaltigste

Entwickelung. Riccio ist auch im Großen thätig gewesen. In S. Canziano

zu Padua befindet sich eine Pieta aus bemaltem Thon nebst verschiedenen

Statuetten, zu denen ursprünglich auch die edel empfundenen Halbfiguren

von Maria und Magdalena im Museo civico gehörten (1530). Der Dom von

Treviso besitzt von ihm die anmutige Marmorstatue eines hl. Sebastian

(1516). Das Wandgrab des Ant. Trombetta an der Eingangswand im Santo zu

Padua zeigt in einer Einrahmung von zierlichem Steinmosaik die

individuelle und meisterhaft durchgearbeitete Bronzebüste des

Verstorbenen (1522). Als freistehender Sarkophag mit zierlichen

Ornamenten ist das Grabmal Torriani in S. Fermo zu Verona gestaltet,

dessen Bronzen jetzt im Louvre sich befinden. In beiden Monumenten

verrät sich im Aufbau wie in der Dekoration der Kleinkünstler, der für

die Prachtmöbel der Kirchen wie der Paläste zu modellieren gewohnt war.

In der That liegt die Begabung und Bedeutung des Künstlers recht

eigentlich nach dieser Seite, und bei dem rasch wachsenden Wohlstand in

Venedig konnte sein Talent die reichste Bethätigung nach dieser Richtung

finden. Kleinere Kirchenmöbel wie Einrichtungsgegenstände des Hauses,

soweit sie für Bronzeausführung geeignet waren, sind in größter

Mannigfaltigkeit und reicher Zahl aus seiner Werkstatt hervorgegangen

und finden sich heute noch vereinzelt in den Kirchen und Sammlungen von

Padua (vor Allen der berühmte große Kandelaber im Santo, ausgeführt

zwischen 1507 und 1516) und Venedig, namentlich aber in den Sammlungen

des Auslandes. Kleine Altäre und Tabernakel, Kandelaber, Leuchter,

Lampen und Vasen, Mörser und Glocken, Kästchen und Tintefässer,

Kußtafeln für die Hausandacht, Hutagraffen, Schwertgriffe und ähnliche

Gegenstände sind noch jetzt in großer Zahl erhalten, teils vollständig,

teils in ihren einzelnen Täfelchen (Plaketten, vergl. S. 123). Frisch

und phantasievoll in der Erfindung, zeigen sie den feinsten Geschmack in

der Ausführung: zweckentsprechend und zierlich in der Form, elegant in

der Dekoration sind sie in ihrem figürlichen Schmuck, namentlich den

kleinen Reliefs, die mit großer Vorliebe daran angebracht sind, auf der

Höhe der großen Plastik, ja derselben in mancher Beziehung überlegen. In

der Unterordnung unter die Zwecke des Möbels, in der Wahl des

Reliefstils, in der Einordnung in den Raum sind diese Darstellungen

ihrer Mehrzahl nach ebenso ausgezeichnet, wie in der klaren Komposition,

in der lebendigen Erzählung, in der Meisterschaft der Durchführung und

in einer im Kleinen wahrhaft großen Auffassung. Ähnliche Vorzüge haben

auch die Statuetten und kleinen Gruppen des Künstlers, die gleichfalls

in größerer Zahl erhalten sind.

[Abbildung: Plaketten von Riccio, Ulocrino, Moderno, Caradosso (?) u. A.]

Der Anklang, den Riccio's Arbeiten fanden, führte eine Reihe anderer

Künstler, namentlich Goldschmiede und Medailleure, zur Nachfolge.

Zumeist waren auch sie in Padua thätig oder doch hier ausgebildet; ihre

zahlreichen Arbeiten sind leider der Mehrzahl nach namenlos oder mit

Beinamen und Monogrammen versehen, deren Entzifferung noch unsicher ist.

Hier seien nur einige der tüchtigsten namhaft gemacht. Stolz auf seine

Nachbildungen der Antike zeichnet der Eine sich _Antico_ (Pier Jacopo

Alari-Bonacolsi, 1460-1528); ein Anderer, Riccio nahe verwandt, giebt

sich im Bewußtsein seiner künstlerischen Selbständigkeit den Beinamen

_Moderno_; ein Dritter prunkt mit seiner Kenntnis der alten Sprachen in

dem Pseudonym _Ulocrino_ (»Krauskopf«, also gleichbedeutend mit »Riccio«,

der sich vielleicht hinter jenem Beinamen versteckt). Ein Künstler, den

man (wohl irrtümlich) für den am päpstlichen Hofe viel beschäftigten

Mailänder _Caradosso_ hält, ist durch kräftige Bildung seiner Gestalten

und dramatische Auffassung ausgezeichnet; der Jo. F. F. zeichnende

Künstler, in dem man bisher (wohl mit Unrecht) den Florentiner

Steinschneider _Giovanni delle Corneole_ vermutet hat, ist schlanker und

gefälliger in seinen Figuren, aber ein ebenso geschickter, echt Paduaner

Komponist und Erzähler. In dem Vicentiner Steinschneider _Valerio

Belli_, dessen überschlanke antikisierende Figuren und dessen nüchterne

Kompositionen schon den vollen Charakter der Hochrenaissance haben,

erreicht diese reizvolle Gattung der italienischen Kleinkunst ihren

Abschluß. In ähnlicher Richtung bewegt sich die Kunst des

Medaillengusses, die gleichzeitig und zum Teil von denselben Künstlern

ausgeübt wird und als eine der stilvollsten Bethätigungen der

Porträtdarstellung in der italienischen Kunst sich darstellt.

[Abbildung: Plaketten von Riccio, Ulocrino, Moderno, u. A.]

Wie das Berliner Museum im Münz- und Medaillenkabinet eine besonders

reiche und vollständige Sammlung der italienischen Medaillen von Vittor

Pisano bis auf die beiden Leoni besitzt, so hat die italienische

Abteilung der christlichen Plastik auch die reichhaltigste Sammlung von

Plaketten aufzuweisen, von denen einige besonders charakteristische

Stücke der tüchtigsten Meister nebenstehend in Abbildung wiedergegeben

sind. Einige vollständige Tintefässer, Lampen, Kußtafeln u. s. f.

erläutern die Art der Verwendung dieser kleinen Bronzetafeln. Auch von

kleinen Bronzestatuetten und Gruppen besitzt das Museum eine

reichhaltige wertvolle Sammlung, zu welcher der Grund erst kürzlich

durch den Ankauf der Falcke'schen Sammlung aus London gelegt wurde. Es

sind darin _Riccio_ (besonders zahlreich), _Bellano_, _Bertoldo_ und

unter den jüngeren _Cellini_ und _Gio. di Bologna_ gut vertreten sind

(vergl. die Abbildungen auf S. 123 und 125).

* * * * *

Die Künstler der Padua benachbarten Städte erscheinen in unmittelbarster

Weise von Padua aus beeinflußt. In Mantua ist das geschmackvolle

Grabdenkmal des Andrea Mantegna in S. Andrea, mit der edlen Bronzebüste

vor einer Porphyrplatte, wahrscheinlich ein Werk des _Gianmarco Cavalli_

(geb. um 1450). Von dem als Gegenstück entstandenen Denkmal, dem

Monument des Karmelitergenerals und Dichters G. Spagnoli, besitzt die

Berliner Sammlung die ausdrucksvolle Bronzebüste (No. 160D), eine

treffliche Arbeit von herber Individualität. Als Modell für ein anderes

Denkmal desselben Mannes entstand gleichzeitig, vielleicht von der Hand

desselben Künstlers, die große Halbfigur in Holz in der Bibliothek zu

Mantua. Die Berliner Sammlung besitzt noch eine zweite große Bronzebüste

eines berühmten Mantuaners (No. 140), den Markgrafen Lodovico III.

Gonzaga als bejahrten Greis; nach der außerordentlich fleißigen und

vollendeten Durchführung, der künstlichen grünen Patina und den in

Silber eingesetzten Augen wohl die Arbeit eines Goldschmieds vom Ende

des Quattrocento.

[Abbildung: Plaketten von Riccio, Meister IO. F., V. Belli u. A.]

In Ferrara sind die wenigen erhaltenen plastischen Arbeiten dieser Zeit

von ausgesprochen Paduanischem Charakter. Als Altarschmuck des Domes

entstand das Krucifix zwischen den Figuren der Maria und des Johannes,

mit den Heiligen Mauritius und Georg zur Seite (1453-1466),

überlebensgroße Bronzefiguren, welche die beiden Florentiner

_Baroncelli_, Vater und Sohn, angefangen hatten und die der Paduaner

Donatello-Schüler _Domenico di Paris_ vollendete: ernste und tüchtige

Gestalten, nach dem Vorbilde der Donatello'schen Figuren auf dem

Hochaltar des Santo, aber etwas starr und im Charakter getriebener

Arbeiten. Breiter und freier behandelt sind (neben kleineren Arbeiten

des Künstlers, die in Ferrara zerstreut sind) Domenico's

Stuckdekorationen eines Saales im Palazzo Schiffanoja, die Gestalten der

Tugenden und Putten, die in ihren mageren, schlanken Körpern, ihren

kleinen Köpfen, den herben Zügen, den unruhigen Falten der am Körper

anklatschenden Gewänder die Abkunft von Donatello deutlich verraten und

die engste Verwandtschaft mit den ferraresischen Gemälden zeigen. Eine

sehr bezeichnende Arbeit dieser Art in der Berliner Sammlung ist die

fein empfundene Maria in Anbetung des schlafenden Kindes (No. 155),

welche sich in dem großen Altarbilde von Cosma Tura in unserer Galerie

fast treu wiederholt findet.

[Abbildung: 160D. Bronzebüste des G. Spagnoli von Gianmarco Cavalli (?).]

Auch nach Bologna erstreckt sich noch der Einfluß der Paduaner Kunst.

Quercia's langjährige Thätigkeit hatte hier keine unmittelbare Nachfolge

gefunden; das Grabmal Fava ({~DAGGER~} 1439) im Chorumgang von S. Giacomo

Maggiore ist nur eine geistlose Nachahmung von Quercia's Grabmal

Bentivoglio, wohl von der Hand eines seiner Gesellen. Erst zwanzig Jahre

nach Quercia's Tode tritt wieder ein Künstler von ausgesprochener

Eigenart in Bologna auf, einer der tüchtigsten und originellsten

Bildhauer des Quattrocento, der Süditaliener _Niccolo dell' Arca_

({~DAGGER~} 1494). Das erste datierte Werk, das Monument mit dem bemalten

Reiterrelief des Annibale Bentivoglio in S. Giacomo Maggiore (vom Jahre

1458), ist noch ziemlich nüchtern und unbedeutend. Erst der Aufsatz auf

der Arca des hl. Dominicus in S. Domenico, an dem der Künstler seit 1469

arbeitete, gab Niccolo Gelegenheit, seine Eigenart voll auszubilden und

aufs Vorteilhafteste zur Geltung zu bringen. Phantastisch in Marmor

aufgebaut, mit reichem Pflanzenschmuck von vollendet naturalistischer,

zierlichster Durchbildung, ist dieses Denkmal auch in seinen Statuetten

von Heiligen und Propheten, die ringsum angebracht sind, von so frischem

Naturalismus, die Figuren sind so keck und frei in Haltung und Ausdruck,

so malerisch in dem reichen Zeitkostüm mit den vollen Falten, daß hier

das Vorbild Quercia's unverkennbar ist. Der köstliche lockige Engel

links zur Seite des Marmorschreins ist lange als ein Meisterwerk

Michelangelo's bewundert worden, dessen eigene Arbeit unbeachtet diesem

Engel gegenüber stand.

Ein zwischen der Arbeit an diesem umfangreichen Werk ausgeführtes großes

Madonnenrelief aus Thon an der Fassade des Palazzo Apostolico (1478) ist

in der überreichen, ganz an Quercia gemahnenden Gewandung nicht von

gleichem Reiz wie der in ganz eigener Weise in Bronze und Marmor

gearbeitete Grabstein Garganelli ({~DAGGER~} 1478) im Museo Civico zu Bologna.

Ein aus Bologna stammendes Thonrelief der Madonna, die von Cherubim

hochgetragen wird, Kolossalfiguren in Thon mit alter Bemalung im Besitze

der Berliner Sammlung (No. 191A), ist zwar nicht auf Niccolo selbst

zurückzuführen, zeigt aber in ihrer schlichten Naturbeobachtung,

namentlich im Kind, Verwandtschaft mit den frühesten Werken dieses

Künstlers.

Mit Niccolo tritt in Bologna ein Mantuaner Meister um die siebziger

Jahre in die Schranken, _Sperandio_ (um 1425-1500), über dessen groß

empfundenen und breit und derb behandelten Medaillen seine selteneren,

meist in Thon ausgeführten großen Bildwerke bisher vergessen waren. Von

seiner Hand ist der Unterbau des Grabmals Papst Alexanders V. in San

Francesco, die Flachreliefs mit den Gestalten der Tugenden und die

Statuetten der Madonna zwischen zwei Heiligen über der Grabfigur

(vollendet 1482); flüchtige Arbeiten, die in den mageren Figuren und den

knitterigen Falten ihre Herkunft aus der Paduaner Werkstatt Donatello's

nicht verleugnen. Ebenso stark, aber in vorteilhafterer Weise verrät

sich dieser Einfluß auch in dem reich dekorierten Portal der Chiesa la

Santa, mit kräftigen Puttengestalten zwischen ganz Donatello'schen

Ornamenten. Am günstigsten erscheint Sperandio in der Porträtdarstellung;

wie in den kleinen Reliefporträts seiner Medaillen, so auch in den

großen Thonbüsten vornehmer und gelehrter Bolognesen, die sich noch

vereinzelt im Privatbesitz erhalten haben; Arbeiten von einfacher, aber

überraschend lebensvoller Auffassung und breiter, derber Wiedergabe der

Persönlichkeit.

[Abbildung: 191A. Madonna in bemaltem Thon von einem Bologneser

Meister um 1460.]

In der jüngeren Generation der Bologneser Bildhauer, unter denen

_Vincenzo Onofri_ der namhafteste ist, schwächt sich die Frische und

Kraft des Naturalismus eines Niccolo dell' Arca und Sperandio mehr und

mehr zu einer mehr schüchternen, zuweilen selbst schwächlichen

Auffassung und sauberer und zierlicher Behandlungsweise ab. Ihre

Arbeiten sind den Werken der gleichzeitigen Maler: der Costa, Aspertini,

Francia u. s. f. aufs engste verwandt. Das Grabmal Nacci in S. Petronio,

ein Jugendwerk des Onofri, die Büste des Beroaldus in S. Martino

Maggiore (1504) und der farbige Altar mit dem Relief der Madonna

zwischen Heiligen und Engeln in den Servi (1503), beide gleichfalls von

Onofri, ein Professorengrab im Kreuzgang von S. Martino Maggiore (1503)

und ein dem _Francesco Francia_ zugeschriebenes Marmorporträt des Giov.

Bentivoglio II. in S. Giacomo Maggiore, in flachem Relief ausgeführt

(1497), sind charakteristische und gute Arbeiten dieser Richtung, aus

der auch das Berliner Museum ein Hauptwerk besitzt (No. 191): die in

ihrer feinen Bemalung erhaltene Büste eines vornehmen Bolognesen. Sie

gilt von Alters her als Arbeit des Fr. Francia, dessen gemalten

Bildnissen sie in der That nahe verwandt ist.

In dem Kirchlein Sa. Maria della Vita zu Bologna ist eine große Gruppe

der Beweinung Christi versteckt, als deren Urheber erst neuerdings

_Niccolo dell' Arca_ erkannt worden ist. Obgleich am falschen Platze und

in schlechter Beleuchtung, entstellt durch dicken braunen Anstrich und

schlechte Restaurationen, namentlich der Hände, ist diese Gruppe doch

noch von überraschender, freilich teilweise entschieden abschreckender

Wirkung. In verzweifeltem Schmerz umstehen die Verwandten den Leichnam

des Herrn, die Frauen laut schreiend und in Verzweiflung sich über den

Leichnam werfend oder ohnmächtig daneben zusammensinkend. Die zufällige

Zusammenstellung dieser großen Freifiguren zu einer Gruppe, die volle

naturalistische Durchbildung derselben, welche soweit geht, daß die

meisten Figuren sogar im Zeitkostüm auftreten, steigert den

übertriebenen Ausdruck des Schmerzes bis zu einem widerwärtigen Eindruck

der Natürlichkeit und des Augenblicklichen (vgl. S. 132f.). Aber gerade

durch diese Eigenschaften, in Verbindung mit der Bemalung und

Aufstellung in Nischen, scheinen diese und ähnliche regelmäßig in Thon

ausgeführte Gruppen einen außerordentlichen Anklang gefunden zu haben.

Wenigstens fand Niccolo in dem Modenesen _Guido Mazzoni_ (um 1450-1518)

einen Nachfolger, der seine Thätigkeit fast ausschließlich auf solche

Gruppen der Beweinung des Leichnams Christi, Krippen u. s. f.

beschränkte und damit in den verschiedensten Teilen Italiens den größten

Erfolg hatte und selbst in das Ausland berufen wurde. Einfacher und

weniger dramatisch in der Auffassung als Niccolo dell' Arca, wählt er

seine Modelle mitten aus dem Volk und geht in der naturalistischen

Wiedergabe derselben bis auf ihre Tracht und alles Beiwerk in der völlig

genreartigen Behandlung seiner biblischen Motive noch über sein Vorbild

hinaus, so daß nur seine biedere, ernste Auffassung eine lächerliche

oder abschreckende Wirkung dieser Gruppen verhindert. Die früheste

derselben, die große Gruppe der Beweinung in S. Giovanni decollato zu

Modena (1477-1480), ist wohl seine tüchtigste und sorgfältigste Arbeit;

sie wirkt weit weniger banal als die Anbetung des Kindes in der Krypta

des Domes oder wie die sehr ungünstig aufgestellte Gruppe der Beweinung

Christi in der Chiesa di Montoliveto zu Neapel. Nach Neapel wurde der

Künstler 1491 berufen und führte hier wahrscheinlich auch die einfache,

lebensvolle Bronzebüste des Königs Ferrante im Museo Nazionale aus. Die

Beweinungsgruppe in S. M. della Rosa zu Ferrara ist der Gruppe in

S. Giovanni zu Modena nahe verwandt, wenn auch nicht gewachsen. -- Das

Berliner Museum besitzt, als einziges Stück seiner Hand außerhalb

Italiens, das Bruchstück einer solchen Gruppe: den Kopf eines Stifters,

ernst und schlicht in der Auffassung, treffend lebensvoll auch in der

unberührten alten Bemalung.

Guido's Gruppen haben in Modena im Cinquecento eine klassische

Weiterbildung durch Begarelli erhalten (S. 167); sie haben aber noch zu

seiner Zeit Nachahmer gefunden, namentlich in der Lombardei, deren

Arbeiten in erster Linie auf unmittelbare Wirkung auf die Andacht

berechnet und daher regelmäßig an Wallfahrtsorten oder an wunderthätigen

Altären aufgestellt waren.

* * * * *

Die Italienische Plastik · 第 10 / 16 段