In dem gleichen Streben, bei ähnlicher künstlerischer Ausbildung und

ganz verwandter Veranlagung wie Pollajuolo, hat der wenige Jahre jüngere

_Andrea del Verrocchio_ (1435 bis 1488) sein Talent in glücklicherer

Weise entfaltet und einen viel bedeutenderen Einfluß auf seine

Zeitgenossen und die spätere Entwickelung der italienischen Kunst

gehabt. Schüler eines Goldschmieds, wie Pollajuolo, und wie dieser als

Goldschmied von Luca della Robbia zu der Ciselierung von dessen

Bronzethür im Dom herangezogen (1467), ist er auch als Maler ebensosehr

thätig gewesen und hat in allen Zweigen der Kunst eine Vertiefung im

Inhalt wie eine Vervollkommnung der Technik angestrebt und durchgeführt.

Verrocchio war es gegeben, den geistigen Gehalt voll zu erfassen und ihn

ganz in der Form zum Ausdruck zu bringen, die Form selbst aber mit

möglichster Naturtreue wiederzugeben und künstlerisch, dem jedesmaligen

Stoffe entsprechend, aufs Höchste durchzubilden. Dabei verstand er es,

im Einzelnen zu verallgemeinern und im Individuellen zugleich Typen

hinzustellen. In diesem Streben hat er in den verschiedensten

Kunstgattungen Großes geschaffen; ein ganz besonderer Reiz dieser seiner

Kunstwerke liegt aber in der Einfalt seiner Kunst, in dem Ernst seines

Strebens, in dem mühseligen Ringen nach einem vollen und doch stets

neuen Ausdruck seines künstlerischen Ideals.

[Abbildung: Bronzegruppe von Verrocchio an Or San Michele in Florenz.]

Verrocchio hatte das Glück, schon jung die Aufmerksamkeit der Mediceer

auf sich zu lenken, die ihm bis zu seinem Tode die mannigfachsten

Aufgaben stellten und ihn in den Stand setzten, sein Talent in der

vielseitigsten Weise zu entfalten. Zwei der frühesten uns bekannten

Arbeiten sind ein Paar große dekorative Bildwerke in der Sakristei von

S. Lorenzo, ein Marmorbrunnen und das Bronzegrabmal des Piero und

Giovanni de' Medici (vollendet 1472), beide in ihrer Art ganz

eigenartig, vollendet im Aufbau und meisterhaft in der Dekoration. Von

verschiedenen Büsten, die er damals und einige Jahre später von

Mitgliedern der Mediceerfamilie ausführte, sind noch die beiden, wohl

als Modelle für Bronzeguß entstandenen, Thonbüsten des Lorenzo und

Giuliano als Jünglinge erhalten (bei Mr. Shaw in Boston und M. Dreyfuß

in Paris); auch die aus dem Pal. Medici stammende Marmorbüste einer

jungen Frau im Bargello stellt wahrscheinlich gleichfalls ein Mitglied

der Familie dar. Diese Büsten sind neben ihrer meisterhaften Wiedergabe

der Individualität sämtlich ausgezeichnet durch die große, stilvolle

Auffassung, die den Charakter trefflich wiedergiebt und die

Dargestellten zugleich als wahre Typen vornehmer Florentiner jener Zeit

erscheinen läßt. Es ist nur eine Konsequenz dieser Richtung, daß

Verrocchio auch schon Charakterköpfe bildet, wie das schöne

Scipio-Relief der Rattier'schen Sammlung (jetzt im Louvre; ein ähnliches

Kriegerrelief in Robbia-Nachbildung findet sich in der Berliner Sammlung

No. 137A). Köstliche Bilder der Jugend sind die beiden Bronzen, die

Verrocchio für Lorenzo ausführte, der berühmte David im Bargello (1476)

und der als Fontaine gedachte Knabe mit dem Fisch, jetzt im Pal.

Vecchio: dort ein Jüngling mit noch nicht voll entwickelten Formen, von

graziösester Haltung und in dem holdseligen Lockenkopf mit einer kecken

Mischung von stolzer Siegesfreude und mädchenhafter Schüchterheit; hier

ein prächtiger nackter Bube im ausgelassenen Spiel. Für eine ähnliche

Figur, einen posaunenblasenden Putto, war das Modell in der Sammlung

Dreyfuß bestimmt. Verschiedene für die Medici gearbeitete

Madonnenreliefs in Marmor (eines jetzt im Bargello, ein zweites,

größeres bei Mr. Shaw in Boston) stehen mit diesen Arbeiten nicht ganz

auf derselben Höhe, weil bei der Marmorausführung durch Schülerhände die

Frische der Empfindung und die Feinheit der naturalistischen

Durchbildung verloren ging, welche das große Thonmodell einer Madonna im

Museum von Sa. Maria Nuova dagegen im vollsten Maße besitzt.

In etwas späterer Zeit, gegen Ausgang der siebziger Jahre, traten fast

gleichzeitig zwei neue Aufgaben gleichen Charakters an den Künstler

heran: die Denkmäler für die 1477 im Wochenbett verstorbene Francesca

Tornabuoni und für den Kardinal Niccolo Forteguerri ({~DAGGER~} 1473) in Pistoja,

zu dem Verrocchio auf Lorenzo's Entscheidung 1477 den Auftrag erhielt.

Beide Monumente sind unvollständig auf uns gekommen und gehen in ihrer

Ausführung in Marmor auf Schüler zurück. Für das Tornabuoni-Monument

lassen die Überreste: das friesartige, höchst dramatisch empfundene

Relief mit dem Tode der Francesca im Bargello und die vier Statuetten

der Tugenden im Besitz von M. E. André in Paris, eine sehr eigenartige

Erfindung wenigstens vermuten; für das Forteguerri-Monument ist uns

dieselbe in dem kleinen Modell im South Kensington Museum bezeugt.

Verrocchio hat seine Aufgabe völlig neu erfaßt, indem er das Grabmal

als große Wandtafel gestaltet, auf welcher er die Darstellung als

einheitliche Komposition in ganz dramatischer und malerischer Weise

ausbildet. Dem auf dem Sarkophag knieenden Kardinal naht sich die

Gestalt des Glaubens und weist ihn nach oben, wo Christus segnend in

einer von vier Engeln getragenen Mandorla thront; zu ihm blickt flehend

die auf der anderen Seite des Kardinals heranschwebende Figur der

Hoffnung, während die Liebe hinter ihm zum Erlöser aufschwebt.

[Abbildung: Reitermonument des Colleoni von Verrocchio in Venedig.]

Ebenso eigenartig, ebenso groß komponiert und tief und dramatisch

empfunden ist die 1483 vollendete Bronzegruppe von Christus und Thomas

an Or San Michele zu Florenz; die großartigste Gruppe der

Frührenaissance durch den äußerst geschickten Aufbau, die Klarheit und

Feinheit in der Wiedergabe der Handlung (man beachte die sprechende

Bewegung der Hände!), den überwältigenden Ernst in der Auffassung und

die vollendete Durchbildung. Als Verrocchio diese Gruppe in der

Marmornische aufstellte, die einst Donatello gearbeitet hatte, war er

schon zu einer ebenso großen Aufgabe, zur Anfertigung eines bronzenen

Reiterdenkmals für Bartolommeo Colleoni in Venedig, berufen (1479). Dem

Künstler war es nicht vorbehalten, dieses gewaltige Werk zu vollenden:

er starb 1488 in Folge einer Erkältung beim Guß. Der Colleoni gilt heute

als das großartigste Reitermonument aller Zeiten: er verdient diesen

Ruhm in vollem Maße, da in keinem zweiten Monument Roß und Reiter so

einheitlich komponiert und empfunden sind und wohl kaum zum zweiten Mal

in einem Denkmal ein so gewaltiges Zeitbild gegeben ist, wie er es in

der für das Quattrocento besonders bezeichnenden, ja den Charakter der

Zeit vielfach bestimmenden Gestalt des Condottiere mit überraschender

Wucht und Lebensfülle geschaffen hat.

[Abbildung: 97A. Thonrelief der Grablegung von Verrocchio.]

Die Größe und Meisterschaft Verrocchio's in der Erfindung und

Komposition zeigen namentlich ein Paar kleinere Reliefs: die von

Federigo von Urbino gestiftete Bronzetafel der Kreuzabnahme in der

Carmine zu Venedig, sowie das nur als Stucknachbild (im South Kensington

Museum) erhaltene Relief der »Eifersucht«.

Unsere Berliner Sammlung besitzt keines der großen Meisterwerke

Verrocchio's, wohl aber eine ganze Reihe von kleineren Arbeiten der

verschiedensten Art, namentlich Modelle, welche für ihn besonders

charakteristisch sind und die künstlerische Absicht in größter Frische

zum Ausdruck bringen. Einzelne sind große Modelle, die als Vorlagen für

die Ausführung durch Schüler entstanden; so zwei nackte liegende Putten,

als Wappenhalter für ein Grabmal gedacht (No. 96 u. 97). Dasselbe gilt

wohl auch von einem flachen Relief der Grablegung (No. 97A), eine

besonders edel aufgefaßte, trefflich abgewogene und fein durchgebildete

Komposition aus der späteren Zeit, über deren Bestimmung bisher nichts

bekannt ist. Die mittelgroße Figur eines schlafenden Jünglings (No. 93)

scheint, wie der lesende Alte im South Kensington Museum, als Aktstudie

für eine größere Komposition entstanden zu sein. Sie ist als solche von

besonders feiner Durchbildung und läßt sich nach der Verwandtschaft des

schönen lockigen Kopfes mit dem David in die mittlere Zeit des Künstlers

setzen. Auch für den David besitzt die Berliner Sammlung ein kleines

flüchtiges Modell (No. 95). Ein größeres, feiner durchgeführtes und sehr

edel aufgefaßtes Modell der knieenden Maria von Egypten (No. 94) und ein

Paar im Pariser Besitz befindliche kleine Thonreliefs mit der in einer

Cherubimglorie gen Himmel fahrenden Heiligen scheinen auf Studien zu

einem uns unbekannten größeren Werke dieser Heiligen hinzuweisen.

Ähnliche Modelle zu bekannten Werken besitzt der Louvre in zwei

schwebenden Engeln (für das Forteguerri-Monument) und Baron Ad.

Rothschild in Paris in zwei Statuetten für die lebensvolle Komposition

der Enthauptung des Johannes am Silberaltar des florentiner Doms (1480).

Unter den Porträts der Berliner Sammlung trägt die Thonbüste eines

kraushaarigen Jünglings (No. 100) deutlich den Typus Verrocchio's;

ebenso scheinen mir die fein empfundenen Reliefporträts in Marmor von

Matthias Corvinus und seiner Gemahlin (No. 98 und 99) dem Künstler

selbst anzugehören, wie auch die lebensvollen Hochreliefs des alten

Cosimo (No. 104) und seines Enkels Giuliano (No. 104A) mit

Wahrscheinlichkeit auf ihn zurückzuführen sind.

Von einem anfangs ganz von Desiderio beeinflußten, später fast sklavisch

sich an Verrocchio anschließenden florentiner Künstler, von _Francesco

di Simone_ (1440-1493), der in Florenz und Bologna verschiedene

Grabmonumente und dekorative Skulpturen hinterlassen hat, besitzt die

Berliner Sammlung einen tüchtigen Kamin in pietra serena (No. 106). Auf

_Lorenzo di Credi_ (1459-1537), der auch als Bildhauer mit Verrocchio

thätig war, namentlich bei der Ausführung des Forteguerri-Monuments,

scheint das Thonrelief der sitzenden Madonna in ganzer Figur (No. 104D)

hinzuweisen, wenn ein Schluß aus dessen Gemälden auf Skulpturen, die wir

sonst nicht von ihm kennen, erlaubt ist.

Indem Verrocchio volle Beseelung der Form mit vollendeter

naturalistischer Wiedergabe derselben zu verbinden strebt, führt er das

Quattrocento zu seinem Abschluß. Es war eine Notwendigkeit, daß der

Schöpfer der Hochrenaissance, daß _Leonardo_ auf seinen Schultern stand

und aus seiner Werkstatt hervorging, in der er bis zu seinem 28. Jahre

Mitarbeiter seines Lehrers gewesen war.

* * * * *

[Abbildung: 93. Thonfigur eines schlafenden Jünglings von Verrocchio.]

Unter den Künstlern, welche die Entstehung und Entwickelung der

Renaissance mit am meisten beeinflußt haben, hätte der Sienese _Jacopo

della Quercia_ (1371-1438) mit voran genannt werden müssen. Ohne

Vorgänger und ohne eigentlichen Nachfolger steht der Künstler völlig

eigenartig zwischen der Kunst des Trecento und der des Quattrocento,

erscheint aber zugleich wie ein Vorläufer Michelangelo's, dem er auch in

seiner einsamen Stellung unter den Künstlern Sienas verwandt ist. In

seiner Dekoration noch vollständig gotisch, in der ausgeschwungenen

Haltung seiner Figuren, in den weichen Falten der dicken Gewänder, in

der oberflächlichen, wenig naturwahren Durchbildung der Formen noch

abhängig von der Kunst des Trecento, ist Quercia durch seine großartige

Auffassung, wie durch die eigentümliche Belebung seiner Gestalten völlig

neu und ein echter Künstler der Renaissance. Seine Kompositionen sind

groß aufgebaut, seine Körper sind gewaltig gebildet und von einem

dämonischen Geist beseelt, der sie zu stürmischer Bethätigung drängt,

welche nur mühsam zurückgehalten erscheint. Wie bei Michelangelo ist in

Quercia's Bildwerken das Leben, ist die Handlung mehr im Körper als im

Gesicht ausgedrückt. Da dem Künstler zu einer naturalistischen

Durchbildung noch die Kenntnis abgeht, so stehen seine Einzelfiguren

hinter seinen Reliefdarstellungen zurück, die meist in einem

eigentümlich flachen, malerischen Stil gehalten sind.

[Abbildung: 94. Thonmodell der Maria von Egypten von Verrocchio.]

Quercia's Thätigkeit ist nicht auf seine Vaterstadt beschränkt; er war

auch für Lucca hervorragend thätig und verbrachte den Schluß seines

Lebens in Bologna, wo er den Schmuck des Hauptportals von S. Petronio

arbeitete. Quercia's Jugendarbeiten sind nicht mehr erhalten, und selbst

die früheste Arbeit, die auf uns gekommen ist, die 1409 begonnene

Marmoreinfassung des Wasserbeckens auf dem großen Platz in Siena, ist

nur noch in dürftigen Überresten (in der Domopera) vorhanden: lebhaft

bewegte Statuen und Relieffiguren der Tugenden sowie die großartigen

Kompositionen der Schöpfung Adams und der Austreibung aus dem Paradiese.

Während der Künstler an diesem umfangreichen Werke arbeitete, war er

auch für Lucca beschäftigt: 1413 entstand das Grabmal der Ilaria del

Caretto im Dom (die schöne Gestalt der jungen Toten auf einem Untersatz

ruhend, welchen nackte Putten mit Kränzen schmücken); 1416 fertigte

Quercia die Grabsteine des Ehepaares Trenta in S. Frediano, und für

dieselbe Familie führte er hier den 1422 vollendeten Marmoraltar aus.

Der manieriert gotische Charakter der Einzelfiguren dieses Altares

sticht auffallend ab gegen die groß empfundenen, lebensvollen

Darstellungen der Predella.

Im Jahre 1416 hatte Quercia den Auftrag zum Entwurf des Taufbrunnens in

S. Giovanni zu Siena erhalten, dessen Ausführung seiner Leitung

unterstellt wurde. Neben der Johannesstatuette auf der Spitze und

mehreren kleinen Prophetenfiguren in Relief ist eines der Bronzereliefs,

die Ausweisung des Zacharias aus dem Tempel (vollendet 1430), von seiner

Hand; unter allen Arbeiten am Taufbrunnen ist es allein dem daneben

angebrachten Relief Donatello's in Klarheit und Lebendigkeit der

Komposition und in Großartigkeit der Gestalten gewachsen.

Noch vor Vollendung dieser Arbeit wurde Quercia nach Bologna gerufen, wo

er zwischen 1425 und 1438 den reichen bildnerischen Schmuck des

Hauptportals von S. Petronio ausführte: in der Lünette die großen

Freifiguren der Heiligen Petronius und Ambrosius zur Seite der sitzenden

Madonna; am Architrav und an der Einrahmung der Thür flache Reliefs aus

dem Leben Christi und der Schöpfungsgeschichte; an den Laibungen und am

Thürbogen in etwas höherem Relief die kleinen Halbfiguren der Propheten.

Von allen Bildwerken des Künstlers sind diese wohl die vorzüglichsten

und, mit Einschluß der Freifiguren, auch die am besten durchgebildeten

Arbeiten. Alle Vorzüge Quercia's: Reichtum und Großartigkeit der

Erfindung, großer und malerischer Aufbau, mächtige Gestalten und

stürmische Bewegung sind hier in glücklichster Weise vereinigt. Neben

diesen Arbeiten entstanden ein Paar andere Monumente in Bologna, von

denen das eine in Bruchstücken im Museo civico, das zweite, ein

Grabdenkmal des Rechtsgelehrten Antonio Galeazzo Bentivoglio, sich noch

am Bestimmungsort, im Chorumgang von S. Giacomo Maggiore befindet. Die

Statuetten an diesem Monument sind den Holzfiguren von Heiligen im Chor

von S. Martino zu Siena nahe verwandt; das Flachrelief, welches den

Professor auf dem Katheder vor seinen Zuhörern darstellt, ist wieder von

großer Lebendigkeit und feiner malerischer Behandlung.

[Abbildung: 153A. Weibliche Marmorbüste von Ant. Federighi.]

Quercia's Richtung ist eine vom sienesischen Kunstcharakter im

Allgemeinen wesentlich verschiedene. Der allmähliche Verfall der Stadt,

die schon für Quercia selbst nicht ausreichende Beschäftigung darbot,

verhinderte auch die Ausbildung einer seinen Bahnen folgenden Schule.

Nur ein Künstler Sienas, _Antonio Federighi_ (um 1420-1490), obgleich

schwerlich ein Schüler Quercia's, zeigt sich doch noch wesentlich

beeinflußt von ihm und hat ein Stück seines großen Sinnes geerbt. Die

reckenhaften Gestalten Quercia's sind bei Federighi zu kräftiger Fülle

gemäßigt, seine stürmisch unruhige Bewegung zu kühner Haltung, der

stumme, halb befangene, halb mürrische Ausdruck zu frischem kecken Sinn,

die tiefen unruhigen Falten der dicken Gewänder zu rundem vollen

Faltenwurf; dazu bringt der Künstler einen offenen Sinn und fleißige

Beobachtung der Natur und andererseits ein dem Quercia unbekanntes

Studium der Antike hinzu. Federighi genügt daher gerade in seinen

Statuen und in seiner Dekoration am meisten: unter den drei tüchtigen

Figuren von seiner Hand am Casino de' Nobili ist der hl. Ansanus (seit

1456) die wirkungsvollste Statue der sienesischen Kunst; ebenso sind die

nackten Statuetten an den beiden Weihwasserbecken im Dom durch ihre

kräftige naturalistische Bildung als Arbeiten des Künstlers

gekennzeichnet. Der dekorative Teil dieser und ähnlicher Arbeiten ist in

gleicher Weise durch die glückliche Verbindung antiker Motive mit feinem

Naturstudium und energischer Behandlungsweise ausgezeichnet. Sein

Anschluß an die Antike geht gelegentlich so weit, daß man bei der Wahl

antiker Motive an antike Herkunft glauben konnte; so gelten der

reichverzierte Sockel der Taufkapelle im Dom und eine Bacchusstatuette

im Privatbesitz als römische Arbeiten. Die Reliefs am Taufbecken jener

Kapelle, die dem Quercia zugeschrieben werden, stehen zwar unter dem

Einfluß der gleichen Kompositionen dieses Künstlers, zeigen aber

Federighi's geringeres Talent in der Erfindung und im Aufbau. Diese

Eigenschaften kennzeichnen auch das Monument Bartoli im Dom.

[Abbildung: 151. 152. Holzstatuen der Verkündigung von einem

Quercia-Schüler.]

Von Quercia's Hand hat die Berliner Sammlung noch kein eigenhändiges

Werk aufzuweisen; doch kennzeichnen sich zwei (ursprünglich bemalte)

Holzstatuen der Verkündigung von schöner Haltung und edlem Ausdruck

(No. 151 und 152) als Arbeiten eines von Quercia beeinflußten, aber

schlichter empfindenden Künstlers. Eine ganz ähnliche, jedoch geringere

Verkündigungsgruppe in der Collegiata zu S. Gimignano ist nach der

Inschrift darauf 1426 vom sienesischen Maler Martino di Bartolommeo

ausgeführt. Als ein Werk Federighi's läßt sich wohl mit Sicherheit die

Marmorbüste einer jungen Frau bestimmen, welche sich früher im

Privatbesitz in Siena befand (No. 153A). Die kecke Wendung des Kopfes,

der energische, fast mürrische Ausdruck der individuellen Züge, und

andererseits der Anschluß an die Antike im Kostüm, in der Behandlung der

Haare, der Augensterne u. s. f. sind ebensoviele charakteristische

Merkmale für die Urheberschaft des Federighi. Auch das Reliefporträt

eines schielenden Mannes (No. 153), derber noch behandelt wie jene als

sienesische Porträtbüste fast alleinstehende Arbeit, ist nach dem

ähnlichen Charakter mit Wahrscheinlichkeit dem Federighi zuzuschreiben.

Unter den Bildhauern Sienas ist nur _Giovanni di Stefano_ dem Federighi

noch teilweise verwandt und wohl unter seinem Einfluß groß geworden. Das

altarartige Tabernakel in S. Domenico (1466) zeigt die kräftige Art der

Dekoration und die frischen Engelsgestalten wie in Federighi's Werken;

seine Marmorstatue des hl. Ansanus mit dem Krüppel zur Seite, in der

Johanneskapelle des Doms (vor 1487), hat noch die kräftigen Formen und

die vollen Falten wie die Figuren jenes Künstlers, wenn ihr auch die

energische Auffassung und kecke Haltung derselben fehlen. In seinen

spätesten Arbeiten, den leuchterhaltenden Bronzeengeln neben

Vecchietta's Tabernakel im Dom (seit 1489), schließt sich der Künstler

dagegen in den schlanken Verhältnissen, den schönen Köpfen und

zierlichen Falten mehr dem Vorbild Vecchietta's an. -- Ein Zeitgenosse

Federighi's, der neben ihm in Siena arbeitet, _Urbano da Cortona_, ist

ein geringer, nüchterner Geselle, obgleich er unter Donatello in Padua

gearbeitet hatte. (Reliefs im Dom und in der Loggia de' Nobili.)

[Abbildung: 154. Marmorrelief der Madonna von einem unbekannten

Sienesen.]

_Lorenzo Vecchietta_ (um 1412-1480) ist auch in seiner bildnerischen

Thätigkeit recht eigentlich der Vertreter der sienesischen Kunst des

vorgeschrittenen Quattrocento im Großen und Ganzen. Zu großen Aufgaben

nicht berufen und gezwungen, in den verschiedensten Kunstfächern sich zu

versuchen, sind die Künstler Sienas im kleinen Kreise und im Kleinen

thätig, und erscheinen daher auch klein im Charakter ihrer Kunst. Sind

schon die Arbeiten des Goldschmieds _Turino di Sano_ und seiner Söhne,

namentlich des talentvollen _Giovanni di Turino_ ({~DAGGER~} um 1454), welche

einen wesentlichen Anteil an der Ausführung von Quercia's Taufbrunnen

nahmen, neben Quercia's und Donatello's Reliefs nüchtern und kleinlich,

so hat auch Vecchietta nichts von der großen Auffassung, von der reich

gestaltenden Phantasie dieser Künstler; sein Streben geht vielmehr, wie

in seinen Bildern so in seinen Skulpturen, auf treue und oft ängstliche

Wiedergabe der Natur in allen Details, auf sauberste Durchbildung, auf

Lieblichkeit der Erscheinung und Innigkeit des Ausdrucks. Galt es eine

Einzelgestalt von großem Charakter, eine Komposition von dramatischem

Inhalt, so erscheint der Künstler regelmäßig ungenügend und schwächlich;

wo aber die Aufgabe seiner Begabung entgegenkam, wo es galt, einen

Engelskopf oder eine jugendliche Frauengestalt zu schaffen, oder Scenen

frommer Andacht zu schildern, wo Fleiß und Ausdauer zum Erfolge

notwendig waren, wie bei der Bronzearbeit, da hat der Künstler Tüchtiges

und Reizvolles geleistet. Vecchietta's Statuen des Paulus (1458) und

Petrus (1460) an der Loggia de' Nobili erscheinen daher neben

Federighi's energischen Gestalten schwächlich und charakterlos; die

Bronzestatue Christi auf dem Altar der Spitalkirche und das Marmorrelief

mit dem Hieronymus am Eingang der Libreria wirken kleinlich durch die

übertriebene Betonung der Details. In der bronzenen Grabfigur des

Marino Soccino (jetzt im Bargello zu Florenz) und namentlich in dem

1465-1472 ausgeführten Bronzetabernakel auf dem Hochaltar des Doms zu

Siena kommen dagegen seine guten Eigenschaften voll zur Geltung: die

Schönheit und der Liebreiz seiner jugendlichen Gestalten, der Geschmack

im Aufbau und in der Dekoration, das tüchtige Naturstudium und die

Meisterschaft der Durchführung und der Technik in Guß, Ciselierung und

Patinierung.

Dem Vecchietta sind eine Reihe jüngerer Künstler, die gleichfalls meist

auch als Maler thätig waren, nahe verwandt. So _Francesco di Giorgio_

(1439-1502), dessen tüchtigste Arbeiten verschiedene der Bronzeengel

neben Vecchietta's Tabernakel sind (1497), holdselige Gestalten von

schöner Bewegung und ganz malerisch behandelter Gewandung. Auch

_Neroccio di Bartolommeo_ (1447-1500), in seiner Katharinenstatue der

Taufkapelle des Domes (1487) dem Federighi und Gio. di Stefano noch

nahe, erscheint regelmäßig nüchtern und selbst schwächlich in seinen

Gestalten, und in dem Piccolomini-Grabmal im Dom ist er abhängig von

Federighi's Monument Bartoli. Ähnliches gilt von _Giacomo Cozzarelli_

(1453-1515), dessen nicht seltene kleinere Thonfiguren von Heiligen in

Sto. Spirito, Sa. Caterina u. s. f. von weichen gefälligen Formen und

lieblichem Ausdruck sind. Die bildnerische Kunst Sienas, das inzwischen

seine politische Selbständigkeit schon an Florenz verloren hatte,

erschöpfte sich in solchen vereinzelten kleinen Bildwerken, denen Kraft

und Eigenartigkeit der Auffassung, wie Frische der Naturanschauung

abgehen. Zu neuem Leben hat sich seitdem die Plastik in Siena nicht

wieder erhoben.

* * * * *

Der außerordentliche Aufschwung der Kunst in Toskana weckte schon früh

in allen Teilen Italiens das Bedürfnis nach toskanischen Kunstwerken.

Wir sahen, wie eine Reihe von Florentiner Bildhauern, darunter auch die

tüchtigsten, auf kürzere oder längere Zeit zu den verschiedensten

Aufgaben nach dem Norden wie nach dem Süden Italiens berufen wurden;

neben den Monumenten, die sie dort schufen, haben sie fast überall den

Keim zu einer eigenen lokalen Kunstentwickelung in den Bahnen der

Renaissance gelegt, in der sich der Einfluß der florentiner Kunst in

verschiedener Weise und mehr oder weniger nachhaltig geltend macht.

Die Italienische Plastik · 第 9 / 16 段