Der oben erwähnten Jugendarbeit des Savinusaltars in Faenza folgt in

Florenz im Auftrage des P. Meilini, dessen Büste als Greis aus dem Jahre

1474 jetzt das Bargello besitzt, die berühmte Kanzel in Sa. Croce. Sie

ist ganz besonders ausgezeichnet durch ihre glücklichen Verhältnisse und

die zierliche Dekoration. Ein Thonmodell zu einer der Reliefdarstellungen

aus dem Leben des hl. Franz besitzt die Berliner Sammlung: die (bei der

Ausführung verworfene) Vision des Papstes Innocenz III. (No. 87). Etwa

gleichzeitig (1475) scheint der Altar der hl. Fina in der Collegiata zu

San Gimignano entstanden zu sein, der im Aufbau durch Rossellino's

Grabmonument in San Miniato beeinflußt ist. Durch die Zartheit der

Empfindung, die Lieblichkeit der Gestalten und die Zierlichkeit der

Dekoration erscheint er für seine Bestimmung zur Verherrlichung einer

heiligen Jungfrau besonders geeignet. Wohl im Anschluß an diese Arbeit

fertigte Benedetto für San Domenico in Siena das große herrlich

aufgebaute Marmorciborium mit den Evangelisten am Sockel und den schönen

Figuren der leuchterhaltenden Engel, denen zur Seite des Finamonuments

ganz verwandt.

[Abbildung: 86. Bemalte Thonstatue der Madonna von Ben. da Majano.]

Von San Gimignano zurückgekehrt, war Benedetto für den Palazzo Vecchio

in Florenz thätig, wo er die Marmoreinrahmung der Thür des Audienzsaales

zwischen den Jahren 1475 und 1481 ausführte; dazu gehörten ursprünglich

auch die Johannesstatue und die beiden Gruppen von Kindern mit

Kandelabern, welche jetzt im Bargello aufgestellt sind. Aus dem Jahre

1480 datiert die jetzt unbemalte Thonstatue der Madonna im Dom zu

Prato, an deren Sockel ein Marmorrelief der Beweinung Christi sich

befindet. Ihr ebenbürtig und durch die Erhaltung der alten Bemalung noch

überlegen, erscheint eine ganz ähnliche große Madonnenstatue der

Berliner Sammlung (No. 86), die in der Verbindung von naiver Wiedergabe

der schlichten Lebenswahrheit mit vollendeter Anmut und feinem Geschmack

in der Anordnung als ein Meisterwerk des Benedetto gelten darf.

Genrehafter in der Auffassung und wohl etwas jünger ist eine

Madonnenstatuette unserer Sammlung (No. 89D), in welcher wir das Kind im

Einschlafen auf dem Schoße der Mutter sehen. Solche Statuetten, die wohl

zum Teil als Skizzen oder Modelle entstanden, sind aus der späteren Zeit

des Benedetto nicht selten.

[Abbildung: 85. Bemalte Thonbüste des Fil. Strozzi von Ben. da Majano.]

In der ersten Hälfte der achtziger Jahre vollendete Benedetto das

Grabmal der Maria von Arragonien in der Chiesa di Montoliveto zu Neapel,

über dessen Ausführung A. Rossellino hingestorben war. Im Aufbau und in

sämtlichen Figuren fast treu kopiert nach dem Monument des Kardinals von

Portugal, ist es in den Typen, in der Bewegung und Gewandung wie in der

Dekoration ein gleich bezeichnendes Werk des Benedetto, der auf die

Durchführung ganz besondere Sorgfalt verwendete. Diese Arbeit wurde die

Veranlassung zu einem zweiten großen Monumente für dieselbe Kirche, dem

Marmoraltar mit der Verkündigung, als Gegenstück von Rossellino's

Anbetungsaltar, der dem Meister wieder als Vorbild für den Aufbau

gegeben wurde. Es fehlt diesem 1489 vollendeten Monumente, bei aller

Schönheit im Einzelnen, schon vielfach an der Frische und Naivetät der

früheren Arbeiten; auch machen sich hier die langen Falten in den

bauschigen Gewändern teilweise schon recht störend geltend.

[Abbildung: 88. Fahnensockel in Marmor von Ben. da Majano.]

Als dieser Marmoraltar fertig wurde, beschäftigten den Künstler schon

die Pläne für den Palast, mit dessen Bau ihn Filippo Strozzi betraut

hatte; und als bald darauf eine schwere Krankheit den Auftraggeber

befiel, gab dieser ihm auch sein Grabmal in Arbeit, welches jetzt die

Familienkapelle in Sa. Maria Novella schmückt. Auf dunkler Rückwand vier

Engel, die schwebend in schwärmerischem Anblick des Christkindes

versunken sind, das in den Armen der Mutter von einem Rosenkranz umgeben

ist. In der ersten Zeit seiner Beziehungen zu diesem kunstsinnigen

Gönner entstand die bemalte Thonbüste Fillippo's in der Berliner

Sammlung (No. 85), mit deren Benutzung einige Zeit später die

Marmorbüste im Louvre ausgeführt wurde. Die feinen Züge dieses großen

Mannes sind, namentlich in der Thonbüste, mit einer Frische und Treue,

mit einer Anspruchslosigkeit und einem Geschmack wiedergegeben, welche

diese Büste als ein Meisterwerk der Porträtplastik überhaupt erscheinen

lassen. Eine zweite Thonbüste, die gleichfalls noch ihre alte Bemalung

besitzt, die Büste der hl. Katharina von Siena (No. 149), darf wohl

ebenfalls auf Benedetto zurückgeführt werden, für den der halb

schwärmerische, halb träumerische Ausdruck des schönen Kopfes, die

weichen Falten und die Dekoration des Sockels charakteristisch sind. Die

kranztragenden Engel am Sockel kommen genau so als Dekoration eines

trefflichen kleinen Reliefs mit der Geburt des Johannes im South

Kensington Museum vor, welches Ende der siebziger Jahre entstanden zu

sein scheint.

Als charakteristisches Werk der letzten Zeit Benedetto's besitzt die

Berliner Sammlung ein kleines Stuckrelief mit der Kreuzigung Christi

(No. 92). Das Hauptwerk dieser Zeit ist der schön aufgebaute Altar des

hl. Bertoldus in S. Agostino zu San Gimignano (seit 1494). Die Büsten

Giotto's und des Squarcialupi im Dom zu Florenz (um 1490) sind weniger

bedeutend und verraten in der Ausführung die Hand von Schülern. Auch das

fein durchgeführte Krucifix ebenda ist zu weichlich in der Auffassung.

Die Statuen der Madonna und des (unvollendeten) Sebastian, die er in

seinem Testament der Misericordia hinterließ, sind besonders bezeichnend

für die etwas leere Allgemeinheit in den Formen und in dem

schwärmerischen Ausdruck, wie für die schwülstige Fülle der Gewandung in

seiner letzten Zeit. Das einzige Beispiel für Benedetto's Behandlung des

Marmors bietet in der Berliner Sammlung (No. 88) eine dekorative Arbeit:

der Sockel einer Kirchenfahne mit drei köstlichen Engelsköpfen am Fuß.

Mit Ant. Rossellino und Ben. da Majano wetteifert als beliebter

Marmorbildner in seiner Heimat wie außerhalb derselben ein dritter

florentiner Künstler, _Mino da Fiesole_ (1431-1484). Erst durch

Desiderio aus einem Steinmetzen zum Künstler ausgebildet, wie uns Vasari

berichtet, hat er in seiner künstlerischen Thätigkeit das Handwerkmäßige

nie völlig abgestreift. Seine außerordentliche Fertigkeit verführte ihn

zu flüchtiger und ungleichmäßiger Massenproduktion; als Unternehmer

unterzog er sich bald hier, bald dort großen Aufgaben und nahm keinen

Anstand, die Ausführung mit anderen, oft recht geringwertigen Künstlern

zu teilen. Nicht gewöhnt, auf die Natur als letzte und einzige Quelle

zurückzugehen, war er, wo er nicht (wie in den Porträts) zur

unmittelbaren Wiedergabe der Natur angehalten wurde, der Gefahr des

Manierismus besonders ausgesetzt. Der Liebreiz seiner Figuren ist mehr

äußerlich; Ausdruck und Bewegung derselben ermangeln des inneren Lebens

und haben daher leicht etwas Starres und Kleinliches, wie auch sein

Faltenwurf eckig und einförmig ist. Wie ihm wirkliches Formenverständnis

und freie schöpferische Phantasie abgehen, so fehlt ihm auch die Freude

des echten Künstlers an der Durchbildung seiner Werke. Andererseits

weisen alle Bildwerke des Mino große technische Fertigkeit und

Sicherheit in der Behandlung des Marmors auf; durch sie wird der

Künstler in den Stand gesetzt, ohne Skizzen und Modelle unmittelbar aus

dem Marmor heraus und daher ganz im Charakter des Materials zu schaffen.

Daneben besitzt er eine, ich möchte sagen, bäuerische Naivetät und

Frische der Auffassung, sobald er unmittelbar nach der Natur arbeitet,

also namentlich als Porträtbildner. In seinen zahlreichen Porträts,

Büsten wie Reliefporträts, deren er fast so viele hinterlassen hat wie

alle seine florentiner Zeitgenossen zusammen, zeigt er eine Breite und

Derbheit der Charakteristik, eine Frische der Wiedergabe, welche ihn dem

Frans Hals vergleichen, ihn aber gelegentlich auch, gerade wie Hals, bei

besonders frappanten Persönlichkeiten nahe an Karikatur streifen läßt.

Mino ist schon jung nach Rom gekommen: im Jahre 1454, also mit 23 Jahren

datiert er seine jetzt im Berliner Museum befindliche Büste des Niccolo

Strozzi »in urbe«; 1463 und 1464 ist er dort für die Kanzel im Peter,

sowie für das große Ciborium und den Hieronymusaltar in Sa. M. Maggiore

thätig; nach dem Tode Papst Pauls II. (1471) wurde er zur Anfertigung

von dessen Grabmal berufen, und um 1475-1480 finden wir ihn für Nepoten

und Kirchenfürsten unter Sixtus IV. beschäftigt. Wie Mino durch diese

seine außerordentlich umfangreiche Thätigkeit in Rom auf die gesamte

römische Plastik der Frührenaissance bestimmenden Einfluß ausübte, so

hat der Aufenthalt in Rom auch auf ihn zurückgewirkt; namentlich ist

sein eigentümlicher Faltenwurf mit den zierlichen Parallelfalten und

ihren scharfen Knicken augenscheinlich eine mißverstandene Auffassung

der Gewandbehandlung an archaistischen römischen Bildwerken.

Die Zahl und der Umfang der meisten Monumente, welche Mino in Rom wie in

Florenz und Umgebung geschaffen hat, ist nur erklärlich aus seiner

außerordentlichen handwerksmäßigen Sicherheit und Leichtigkeit des

Schaffens. Mino scheint jede Aufgabe übernommen zu haben, die sich ihm

darbot; daher sind die Bildwerke seiner Hand ebenso mannigfaltig wie

zahlreich. In der Erfindung meist von den Vorbildern seiner Florentiner

Zeitgenossen abhängig oder lokalen Bedingungen sich fügend, im Aufbau

wenig originell und ohne feines Ebenmaß der Verhältnisse, in der

Ornamentik und Profilierung ohne den Sinn für Natur und Stil, der

namentlich seinen Lehrer Desiderio auszeichnet, erzielt Mino doch in

einer Anzahl dieser Monumente durch Frische der Empfindung, glückliche

Verbindung der architektonischen und plastischen Teile, Zierlichkeit der

Arbeit, gelegentlich auch durch eigenartige Ideen eine reizvolle

Gesamtwirkung. Unter den Grabmonumenten, den zahlreichsten unter Mino's

Arbeiten, stehen die einfachsten obenan: das Grabmal des Bischofs Leon.

Salutati im Dom von Fiesole (vor 1466), in der Verbindung von Büste und

Sarkophag und im Aufbau an der Wand, wie in der Durchführung eines der

vollendetsten und eigenartigsten Monumente der Frührenaissance; sowie

das köstliche Monument des jungen Francesco Tornabuoni in der Minerva zu

Rom ({~DAGGER~} 1480). Andere Grabdenkmäler sind stärker beeinflußt von fremden

Vorbildern, namentlich vom Marzuppini-Monument: so das des Giugni ({~DAGGER~}

1466) und des Grafen Hugo (vollendet 1481) in der Badia zu Florenz, das

des Kardinals Nie. Forteguerri ({~DAGGER~} 1473) mit der trefflichen Gestalt des

Toten auf schöner Doppelbahre in Sa. Cecilia zu Rom, sowie die späteren

römischen Grabmäler des P. Riario ({~DAGGER~} 1474) in Sti. Apostoli, des Chr.

della Rovere ({~DAGGER~} 1479) in Sa. M. del Popolo, des Ferricci im Hof der

Minerva. Sie sind sämtlich unter mehr oder weniger starker Beteiligung

anderer in Rom arbeitender Künstler ausgeführt und von dem Typus der

römischen Gräber beeinflußt. Andere Monumente dieser Art in Rom, wie das

des Papstes Paul II. und des Kardinals Piccolomini ({~DAGGER~} 1479), sind nur

noch in einzelnen Teilen vorhanden (in den Grotten des Vatikan und in

S. Agostino).

[Abbildung: 81. Marmorrelief der Madonna von Mino da Fiesole.]

Die Berliner Sammlung besitzt ein unfertiges Relief, das jedenfalls für

die Rückseite eines Grabmonuments berechnet war, die Gestalt des

Glaubens (No. 82); von besonderem Interesse durch den unfertigen

Zustand: der Kopf, bis auf die Politur schon ganz durchgeführt, andere

Teile der Figur dagegen eben erst aus dem Groben herausgehauen. Der

Umstand, daß jede Angabe von Punkten fehlt, läßt darauf schließen, daß

Mino diese Figur ganz eigenhändig und ohne Modell arbeitete. Wir dürfen

danach wohl annehmen, daß er überhaupt seine Arbeiten, soweit nicht

andere Künstler neben ihm thätig waren, im Wesentlichen allein

ausführte. Auch ein im Rund komponiertes, ziemlich flach gehaltenes

Marmorrelief der Madonna (No. 81) bildete wohl ursprünglich den Abschluß

eines Grabmonuments. In Zeichnung und Durchbildung eine der besten

Arbeiten des Künstlers, im Ausdruck so anmutig, wie kaum eine zweite

Madonna, läßt sich dieselbe nach ihrer Verwandtschaft mit den spätesten

Arbeiten Mino's, namentlich mit der Madonna am Grabmal Hugo, in die

letzten Jahre seiner Thätigkeit setzen. In diese Zeit gehört wohl auch

die eben genannte (vielleicht bei seinem Tode unvollendet gebliebene)

Figur des Glaubens, deren Kopf mit dem der Madonna die größte

Verwandtschaft hat.

[Abbildung: 79. Marmorbüste des N. Strozzi von Mino.]

Die Zahl der Kanzeln, Altäre, Tabernakel und Ciborien von Mino's Hand

ist fast ebenso groß, wie die der Grabdenkmäler; teilweise sind

dieselben auch von gleichem Umfange. In Florenz gehören die Altäre im

Dom von Fiesole (vor 1466) und der bald darauf entstandene ähnliche

Altar in der Badia, die Tabernakel in Sa. Croce und S. Ambrogio (1481)

zu seinen bekanntesten Arbeiten. Die Kanzel in Prato, die er 1473 mit

Ant. Rossellino zusammen ausführte, und das Ciborium in Volterra (1471)

stehen durch die Flüchtigkeit der Zeichnung und die oft kindlich

ungeschickte Komposition wesentlich hinter jenen Arbeiten zurück. In Rom

sind die meisten Werke dieser Art zerstückelt: so die große Kanzel des

Peter, an welcher vier Apostel von Mino's Hand sind, das kolossale

Ciborium in Sa. Ma. Maggiore (1463) und das gemeinsam mit Dalmata

ausgeführte Tabernakel in S. Marco (um 1463). Die Tabernakel in Sa. Ma.

in Trastvere und in S. Pietro in Perugia (1473, wohl gleichfalls in Rom

entstanden) befinden sich dagegen noch an ihrem ursprünglichen Platze.

Von den ziemlich zahlreichen Madonnenreliefs, die der Bargello, der

Louvre und Pariser Privatsammlungen aufzuweisen haben, war wohl die

Mehrzahl für Tabernakel bestimmt, wie heute noch eines mit dem besonders

tüchtigen, größeren Madonnenrelief als Straßentabernakel gegenüber

Palazzo Martelli in Florenz aufgestellt ist.

[Abbildung: 80. Marmorbüste eines jungen Mädchens von Mino.]

Die Meisterschaft des Mino als Porträtbildner ist nicht nur durch die

Grabstatuen seiner Monumente, sondern auch durch eine stattliche Reihe

von Büsten und Reliefs bezeugt, die fast ausschließlich Florentiner

darstellen. Die früheste beglaubigte Büste stellt den in Rom im Exil

lebenden Niccolo Strozzi (1454) dar; sie befindet sich jetzt im Berliner

Museum (No. 79). Die auffallende Persönlichkeit dieses bedeutenden

Mannes, der seit seiner Jugend an Fettsucht litt, ist mit einer Größe

und Breite zum Ausdruck gebracht, welche diese und ähnliche Büsten

Mino's unter die besten florentiner Arbeiten der Art einreihen läßt.

Bald darauf wurde der Künstler als Porträtbildner für die Medici

beschäftigt: die Büsten des Piero und seines Bruders Giovanni de'

Medici (im Bargello) entstanden etwa gleichzeitig mit der Büste eines

Unbekannten in der Sammlung Hainauer zu Berlin (1456), um die Mitte der

fünfziger Jahre. Die kleinere Büste des Rinaldo della Luna (Bargello)

datiert von 1461, und wenig später entstand wohl die großartige Büste

von Mino's Gönner Diotisalvi Neroni, welchen 1466 für seinen Verrat an

den Mediceern die Verbannung traf. Aus der gleichen Periode ist die

Büste am Grabe des Bischofs von Fiesole, wieder ein Meisterwerk in

feiner Charakteristik und geschmackvoller Aufstellung. In diese Zeit

gehört auch, nach Auffassung und Behandlung, die einzige bisher bekannte

fertige[B] Frauenbüste von Mino's Hand, im Berliner Museum (No. 80);

etwas eckig in Formgebung und Bewegung, aber von köstlicher Frische der

Auffassung und höchster Delikatesse der Durchführung. Die einzige von

ihm in Rom ausgeführte Büste, Papst Paul II. im Pal. Venezia, geht dort

von Alters her als ein Werk des Bellano. Eine Anzahl florentiner

Knaben- und Jünglingsbüsten, hergebrachter Weise in der Ausstaffierung

des Schutzheiligen von Florenz, Johannes d. T., sind fast ausnahmslos

jetzt außerhalb Italiens: im Louvre, im Museum zu Lyon, in Pariser

Privatsammlungen.

Wohin Mino's handwerksmäßige Ausübung der Marmorplastik ohne

künstlerische Begabung führen konnte, beweist ein dem Namen nach noch

unbekannter florentiner Bildhauer dieser Zeit, der regelmäßig mit Mino

verwechselt wird. Von diesem jetzt als »_Meister der Marmormadonnen_«

bezeichneten Anonymus besitzt die Berliner Sammlung zwei sehr

charakteristische und besonders gute Arbeiten: die Madonna im

Cherubimkranz (No. 77) und eine kleine sitzende Madonna in ganzer Figur

(No. 76). Eckig, unbelebt und gespreizt, wie Mino in seinen geringeren

Arbeiten, ist dieser Künstler in der Formbehandlung wie in der

Faltengebung dem Ant. Rossellino näher verwandt; seine maskenhaften

Gesichter, sein stereotypes, grinsendes Lächeln verraten ihn in allen

seinen Werken. -- Eine große Marmorbüste Christi als Eccehomo in der

Berliner Sammlung (No. 84), die manche Verwandtschaft mit diesem

Künstler zeigt, ist seinen Madonnen in dem herben Naturalismus doch so

sehr überlegen, daß sie wohl einem dritten, dem Mino nahestehenden

Bildhauer dieser Zeit zuzuschreiben ist.

Zur florentiner Schule muß auch der Lucchese _Matteo Civitale_

(1435-1501) gerechnet werden. Urkundlich steht er zwar nicht in

Beziehung zu Florenz; aber die Abhängigkeit Lucca's von Florenz seit dem

Anfange des Quattrocento und, als Folge davon, das Aufhören einer

lokalen künstlerischen Tradition, wie die völlige Abhängigkeit des

Künstlers von seinen Florentiner Zeitgenossen, namentlich von Desiderio,

lassen keinen Zweifel darüber, daß er in Florenz seine Lehrzeit

durchmachte und an die Florentiner Kunst sich anschloß. Ohne

hervorstechende Eigenart und ohne die lebensvolle Frische und den feinen

Natursinn der Florentiner, verdient Matteo doch durch sein

Schönheitsgefühl, durch die Innigkeit der Empfindung und seinen

Geschmack einen Platz neben den Florentiner Marmorbildnern seiner Zeit.

Besonders glücklich in seinen Dekorationsarbeiten, wie heute namentlich

noch das Tempietto (1481) und die Kanzel (1492) im Dom zu Lucca

bezeugen, befriedigt er in seinen figürlichen Darstellungen am meisten,

je einfacher sie sind und je mehr seine fromme, innige Empfindung darin

zum Ausdruck kommen kann. Sein Christus als Schmerzensmann, den er mit

Vorliebe zum Vorwurf wählt und am glücklichsten in der Büste des Museums

zu Lucca und in dem Hochrelief des Bargello wiedergegeben hat, wird im

Adel der Formen und des Ausdrucks durch keine ähnliche Florentiner

Arbeit übertroffen; seine betenden Engel vom (zerstörten)

Sakramentsaltar im Dom zu Lucca (1473) und sein Relief mit der

allegorischen Figur des Glaubens im Bargello gehören durch die

Vereinigung von begeistertem Ausdruck gläubiger Andacht mit Schönheit

der Form und Bewegung zu dem besten, was die toskanische Kunst dieser

Zeit hervorgebracht hat. Unter den großen Monumenten genügen die

einfacheren am meisten; so das Grabmal von Matteo's langjährigem Gönner

Dom. Bertini im Dom (1479), teilweise auch das Grabmal des hl. Romanus

in S. Romano (1490). Das Monument des Pietro a Noceto ({~DAGGER~} 1472) im Dom

giebt sich dagegen zu sehr als Nachbildung des Marzuppini-Monuments von

Desiderio; und der Regulusaltar (1484) ist eine nur teilweise geglückte

Verbindung von Wandaltar und Grabmal. Gegen Ende des Jahrhunderts

erhielt Matteo eine größere Aufgabe außerhalb seiner Heimat: er wurde

nach Genua berufen, um das Innere der Johanneskapelle im Dom

auszuschmücken. Die Reliefs aus dem Leben des Täufers und sechs der

lebensgroßen Statuen sind von seiner Hand; in Florenz würden diese

Figuren zu weichlich und nicht frei genug in ihrer naturalistischen

Durchbildung erscheinen; in Genua sind sie die beste Leistung der

Renaissance, selbst neben den Statuen des A. Sansovino, welcher nach

Matteo's Tode den Schmuck der Kapelle zu vollenden hatte.

Die Berliner Sammlung besitzt keine Arbeit des Luccheser Künstlers, der

außerhalb seiner Heimat überhaupt nur sehr spärlich vertreten ist. Doch

befindet sich im Berliner Privatbesitz, in der Sammlung des Herrn A. von

Beckerath, das Profilporträt eines jungen Mädchens in reicher Tracht,

ein tüchtiges Werk aus Matteo's früherer Zeit.

* * * * *

Die Marmorplastik in ihrer einseitigen Richtung mußte zu einer

dekorativen und dadurch zugleich oberflächlichen und selbst

handwerksmäßigen Ausübung führen, welche die Künstler von den großen

Zielen der Kunst abdrängte. In naturgemäßem Gegensatz gegen diese Art

der plastischen Kunst und zugleich zum Heil für die gedeihliche

Fortentwickelung der italienischen Plastik bildete sich neben ihr eine

auf Donatello's letzter Thätigkeit fußende Richtung der Skulptur in

Florenz aus, welche den Schwerpunkt ihres Strebens auf möglichst treue

naturalistische Durchbildung legte und damit zugleich eine Vertiefung

der Auffassung und Erweiterung und Vervollkommnung der Technik verband.

Die Künstler dieser Richtung gehen aber keineswegs, wie ihr großer

Lehrmeister Donatello, einseitig auf die Wiedergabe des

Charakteristischen und Momentanen aus, sondern verbinden damit ein

ausgesprochenes Streben nach Anmut und selbst nach Schönheit. An der

Spitze dieser Bewegung stehen Ant. Pollajuolo und Andrea del Verrocchio.

Ihrer Richtung entspricht es, daß sie sich in den verschiedensten

Künsten versuchen und diese sämtlich nicht nur mit großer

Geschicklichkeit ausüben, sondern auch technisch wesentlich vorwärts

bringen, und daß sie als Bildner sich mit Vorliebe der Bronze bedienen.

_Antonio Pollajuolo_ (1429-1498), der geschätzteste Goldschmied seiner

Zeit, als Maler durch seine Versuche in der Firnis- und Ölmalerei von

hervorragender Bedeutung, hatte auch als Bronzegießer mit Recht einen

Ruf in ganz Italien. In großem Stil konnte er sich als solcher erst in

seinem Alter an den Bronzemonumenten in der Peterskirche bekunden, die

ihm Papst Innocenz VIII. in Auftrag gab. Die Denkmäler von Papst Sixtus

IV, (vollendet 1493) und von Innocenz VIII. selbst beweisen aber, daß

Pollajuolo's Begabung nicht nach der monumentalen Seite lag: die Art,

wie das Sixtus-Denkmal gewissermaßen als Grabplatte etwas erhöht über

dem Fußboden angebracht ist und wie die Gestalten der Tugenden in eine

tiefe Hohlkehle hineingezwängt sind, ist entschieden verfehlt. Daneben

erscheint der Aufbau des Innocenzgrabes als Wandgrab glücklicher; die

Wirkung desselben wird noch durch die außerordentlich individuelle

Kolossalfigur des sitzenden Papstes gehoben; aber nach einer inneren

Beziehung der allegorischen Gestalten zu dem Verstorbenen, nach der

künstlerischen Berechtigung der Darstellung desselben in zwei fast

gleich großen Porträtgestalten wird man vergeblich suchen. Die Freude

des Künstlers und seine Kraft liegt in der Durchbildung im Einzelnen: in

der individuellen Gestaltung der Bildnisse, in der naturwahren Bildung

der schlanken, jugendlichen Frauengestalten, in der Charakteristik der

Stoffe und in der Durchbildung ihrer Falten, welche bis ins Kleinste

hinein das treueste Naturstudium beweisen. In der Sauberkeit von Guß,

Ciselierung und Politur, in der Zierlichkeit der Faltenbildung verrät

sich der als Goldschmied großgewordene Künstler. Die gleichen

Eigenschaften charakterisieren auch die wenigen erhaltenen kleineren

Bildwerke: sein Relief und mehr noch seine gravierten Darstellungen an

dem Silberaltar der Domopera zu Florenz (seit 1456), sein Thonmodell

eines keck dreinschauenden Jünglings im Panzer, die kleine Bronzegruppe

von Herkules und Kakus, die in ihrem Aufbau als Gruppe besonders

gelungen ist, sowie ein Paar Bronzestatuetten nach der Antike, sämtlich

im Bargello.

Die Italienische Plastik · 第 8 / 16 段