Auffassung und Behandlung der frühesten dieser Reliefs, die noch den

zwanziger Jahren angehören, zeigen eine so auffallende Verwandtschaft

mit einzelnen Madonnenreliefs der frühen florentiner Thonbildner (vergl.

S. 53), daß wir daraus wohl auf eine engere Beziehung Luca's zu diesen

Künstlern schließen müssen; mutmaßlich war er der Schüler eines dieser

Meister. Um 1430, als Luca seine Reliefs der Orgelballustrade begann,

stand er bereits unter dem entschiedenen Einflusse Donatello's, mit

welchem er damals schon in die Schranken treten durfte; zwei der

Berliner Madonnenreliefs (No. 50A und 117) verraten in dem ernsten

Ausdrucke der Maria und in der Art, wie ihr Kopf ins Profil gestellt

ist, das Vorbild Donatello's ebenso sehr, wie in dem derben Typus und in

dem ausgelassenen Gebahren des Kindes. Ähnlich auch das Relief No. 116.

In verschiedenen anderen Reliefs sehen wir Mutter und Kind in zärtlicher

Liebe an einander geschmiegt (No. 115) oder die Mutter bemüht, durch

scherzhaftes Spiel ihrem Liebling ein Lächeln abzugewinnen, wie in No.

113 und 114. Hier wie in der Maria, welche das Kind stillt (No. 116),

ist die Komposition vergrößert durch Engel und Heilige, welche

verehrend, spielend und bedienend zu den Seiten der Maria stehen. Diese

Darstellungen sind ganz besonders geeignet, den Geschmack und das

Geschick des Künstlers im Aufbau und in der Anordnung, die Wahrheit und

Mannigfaltigkeit in der Charakteristik, die Feinheit der Empfindung,

namentlich in den Beziehungen der Figuren zu einander kennen zu lehren.

Ähnliche Vorzüge zeichnen auch eine abweichende Darstellung aus: den

Leichnam Christi, der von klagenden Engeln unterstützt wird (No. 157).

Nach der Verwandtschaft der jugendlichen Engelsgestalten ist dies Relief

wohl gleichzeitig mit den Marmorreliefs der Sängertribüne entstanden.

Auch die bemalte Thonfigur einer knieenden Maria (No. 112C), offenbar

von einer Gruppe der Verkündigung, ist ein edles Werk aus Luca's

mittlerer Zeit.

[Abbildung: 116L. Bemaltes Thonrelief der Madonna von Luca della

Robbia.]

[Abbildung: 113. Unbemaltes Thonrelief der Madonna mit Engeln von

Luca della Robbia.]

Luca della Robbia verdankte seine Popularität schon zu seiner Zeit den

glänzenden und einschmeichelnden glasierten Thonarbeiten, die zugleich

durch ihre Billigkeit und die Schnelligkeit der Herstellung die weiteste

Verbreitung fanden. Es ist daher begreiflich, daß sein Schüler und

Neffe, _Andrea della Robbia_ (1437-1528), welcher bis zum Tode Luca's

sein Gehülfe war und der allein das Geheimnis der Glasierung kannte,

seine Thätigkeit so gut wie ausschließlich auf diese Thonbildwerke

beschränkte, für welche ihn obenein sein schlichteres Talent und seine

Empfindungsweise besonders befähigten. Die Arbeiten dieser Art, welche

er während seines langen Lebens, in jungen Jahren mit dem Onkel

zusammen, in hohem Alter unter Beihülfe verschiedener Söhne ausführte,

bezeichnet schon Vasari als »zahllose«. In allen diesen, meist als

Altäre oder Tabernakel, über Florenz und ganz Toscana zerstreuten

Arbeiten bewundern wir einen Künstler, der in seinem Schönheitssinn,

seinem Geschmack der Anordnung und Färbung, in der Zartheit der

Empfindung und der Feinheit der Durchbildung sich als der treue und

glückliche Schüler seines Oheims Luca bewährt. Seine Arbeiten, die jene

Eigenschaften ganz besonders beliebt machen, werden regelmäßig als Werke

des Luca ausgegeben. Aber der bestechende Liebreiz seiner Köpfe und

seiner Gestalten ist ein mehr äußerlicher; wo es gilt, Charaktere zu

zeichnen oder lebendige Scenen zu schildern, reicht sein Talent nicht

aus. Er sucht sich daher möglichst auf einfache Darstellungen ruhiger

Existenz zu beschränken, auf den Ausdruck stiller Andacht und heiterer

Freude, wozu ihm seine Madonnen, einzeln oder umgeben von andächtigen

Heiligen, seine Anbetungen des Kindes, seine Putten- und

Kinderdarstellungen und ähnliche Motive die reichste und schönste

Gelegenheit bieten.

[Abbildung: 116. Stuckrelief der Madonna mit Engeln von Luca della

Robbia.]

Andrea's Mangel an origineller Gestaltungskraft, die seinen Figuren bei

aller bestrickenden Lieblichkeit eine gewisse Einförmigkeit und

Schwächlichkeit aufprägt, hat auch in seiner langen Thätigkeit nur eine

verhältnismäßig geringe künstlerische Wandlung hervorgerufen. Jahrzehnte

lang der Gehülfe seines Onkels Luca, dessen spätere Aufträge wohl im

Wesentlichen schon von seiner Hand ausgeführt wurden, ist er in seinen

frühesten eigenen Arbeiten: in den köstlichen Wickelkindern an der Halle

der Innocenti, in der Begegnung Mariä in San Domenico zu Pistoja, in

der Begegnung der Heiligen Franz und Dominicus unter der Halle auf

Piazza Sa. Maria Novella, in den Altären von La Vernia u. s. f. (meist

Ende der sechziger oder in den siebenziger Jahren entstanden) von einer

seinem Lehrer nahekommenden Schönheit der Gestalten, Feinheit der

Durchbildung und Vornehmheit der Erscheinung. Ein treffliches Werk

dieser Zeit ist der Hochaltar der Berliner Sammlung (No. 118), welcher

Maria zwischen zwei Heiligen zeigt. Gleichfalls in die frühere Zeit

gehört wohl die kleine Verkündigung (No. 119A), welche durch die reichen

Farben unter Andrea's Werken fast einzig dasteht. In seiner mittleren

Zeit erscheint der Künstler, anscheinend unter Verrocchio's Einfluß,

kräftiger in seinen Gestalten, reicher und unruhiger in der Gewandung;

so in der schönen Verkündigung in den Innocenti. Aus dieser Zeit sind in

der Berliner Sammlung u. A. die Lünette mit der Madonna zwischen

anbetenden Engeln (No. 119) und »der Knabe als Brunnenfigur« (No. 121).

Mehrere andere glasierte Thonbildwerke sind Werkstattarbeiten des

Andrea.

[Abbildung: Andrea della Robbia. Begegnung der Maria mit

Elisabeth in S. Domenico zu Pistoja.]

Wie bei den späteren Aufträgen an Luca della Robbia die Ausführung durch

seinen Neffen Andrea wahrscheinlich ist, so läßt sich das gleiche

Verhältnis zwischen Andrea und seinen Söhnen für die Bestellungen

annehmen, welche dieser Künstler in den letzten Jahrzehnten seines

langen Lebens erhielt. Unter diesen Söhnen des Andrea ist _Giovanni

della Robbia_ (geb. 1469, gest. angeblich 1529) diejenige

Persönlichkeit, welche die Kunst der della Robbia in der dritten

Generation bestimmt. Seine eigenen Arbeiten und die seiner Werkstatt

sind fast noch in größerer Zahl, wie die seines Vaters, über ganz

Mittelitalien verbreitet. In seinen Jugendarbeiten, wie in dem

köstlichen Sakristeibrunnen von Sa. Maria Novella (1497), erscheint der

Künstler unter dem Einflüsse seines Vaters diesem noch ganz nahe

verwandt und beinahe ebenbürtig; später werden seine Arbeiten nicht nur

technisch immer geringer: bunt in den Farben oder nüchtern farblos,

ungleichmäßig und flüchtig in der Glasur (die Fleischteile daher meist

überhaupt nur bemalt) und schwerfällig und selbst roh in den

Einrahmungen durch Fruchtkränze. Auch die Nüchternheit der Erfindung,

die ausdruckslose Regelmäßigkeit der Köpfe, die schwerfällige Bildung

der Falten fallen darin ebenso störend auf wie der Mangel an

Individualität und Naturstudium in der Durchbildung. Ein

charakteristisches Beispiel dafür ist das große Rund mit der Madonna

zwischen den Heiligen Johannes dem Täufer und Hieronymus (No. 129), das

in seiner Farblosigkeit ebenso nüchtern wirkt, wie der hl. Antonius (No.

135) durch die Buntheit seiner Farben unruhig und schwerfällig

erscheint. Besonders bezeichnend für das Bestreben des Künstlers, nach

den Lehren seines Freundes Savonarola die Kunst zu einem reinen

Andachtsmittel zu gestalten und daher an die Stelle der von der Andacht

abziehenden naturalistischen Durchbildung und der einfach menschlichen

Empfindung das Typische und Allgemeine zu setzen, ist die große Gruppe

der Beweinung Christi (No. 128A), ein frühes Hauptwerk dieser Art von

Giovanni's eigener Hand. --

Giovanni della Robbia ist bereits ein Künstler der beginnenden

Hochrenaissance, der hier vorweg besprochen ist, weil er durch die

Technik und den inneren Zusammenhang mit den älteren Gliedern seiner

Familie von diesen nicht getrennt werden kann. Wir kehren zu

Donatello's Nachfolgern und jüngeren Zeitgenossen zurück.

[Abbildung: 118. Glasierter Thonaltar von Andrea della Robbia.]

Als Schüler Donatello's gilt seit Vasari _Desiderio da Settignano_

(1428-1464). Obgleich jung verstorben, hat der Künstler doch auf die

Entwickelung der florentiner Plastik einen nachhaltigen Einfluß

ausgeübt. In der Natürlichkeit und Lebendigkeit der Auffassung, in dem

Momentanen der Darstellung dem Donatello nahe kommend, in der

malerischen Behandlung des Reliefs ihm gewachsen, hat er vor seinem

großen Meister einen besonders feinen Sinn für architektonischen Aufbau

und Dekoration wie die Freude an der Durchführung seiner Arbeiten

voraus. Daß dieselben fast alle in Marmor ausgeführt sind, ist kein

Zufall: war er doch recht eigentlich für die Behandlung des Marmors

begabt und hat denselben für die zweite Hälfte des Quattrocento zu dem

bevorzugten Material für plastische Kunstwerke gemacht. Der schalkhafte

Ausdruck seiner Kinder, der frische, fast übermütige Sinn seiner Jugend

und ein echt weiblicher Zug von Schönheit verbinden sich mit einer

Leichtigkeit der Erfindung, einer Fröhlichkeit des Schaffens, einer

Meisterschaft der naturalistischen Durchbildung und einer malerischen

Weichheit der Behandlung in allen seinen Werken zu einem stets

bezaubernden, stets überraschenden Gesamteindruck.

Die beiden Hauptwerke Desiderio's, das Grabmal des Staatssekretärs

Marzuppini ({~DAGGER~} 1455) in Sa. Croce und das große Marmortabernakel in San

Lorenzo, gehören wohl beide der gleichen späteren Zeit des Künstlers an.

Aus dieser Zeit stammen auch verschiedene Madonnenreliefs in Marmor, für

welche eine ähnliche malerische Behandlung in ganz flachem Relief

charakteristisch ist: zwei davon im Privatbesitz in Paris, ein drittes

(als Tabernakel) in der Via Cavour zu Florenz, ein viertes in der

Galerie zu Turin. Letzteres kommt besonders häufig in farbigen

Stucknachbildungen vor; die feinste derselben besitzt die Berliner

Sammlung (No. 62 B). Als Arbeiten der früheren Zeit des Künstlers lassen

sich vielleicht das beinahe noch herbe Madonnenrelief unter Donatello's

Namen in der Via dei Martelli und der ähnlich behandelte köstliche Kamin

aus Sandstein mit den Reliefporträts eines jungen Ehepaares im South

Kensington Museum ansprechen. Die herrlichen dekorativen Arbeiten in der

Badia unter Fiesole, die Kanzel im Refektorium und eine Thür in der

Kirche, wurden offenbar nach seinen Entwürfen von Schülern ausgeführt.

[Abbildung: Grabmal Marzuppini von Desiderio in Sa. Croce zu Florenz.]

Die Feinheit der Beobachtung, der Geschmack in der Anordnung und die

Vollendung in der Durchführung sind Eigenschaften Desiderio's, die ihm

ganz besonders zum Porträtbildhauer befähigten, namentlich für die

Wiedergabe von Kindern und jungen Frauen. Nur eine solche Arbeit ist uns

gesichert und auch diese nur auf die Autorität Vasari's hin: die Büste

der Marietta Strozzi im Palazzo Strozzi zu Florenz; aber nach dieser wie

nach dem Charakter der Gestalten Desiderio's in seinen Monumenten lassen

sich dem Künstler noch verschiedene ähnliche Frauenbildnisse und

Büsten von Knaben und Jünglingen mit großer Wahrscheinlichkeit zuweisen.

Die Mehrzahl dieser Frauenbüsten ist jetzt in der Berliner Sammlung

vereinigt. Eine derselben ist eine Marmorbüste der jungen Marietta

Strozzi (No. 62), der verstümmelten Büste im Palazzo Strozzi sehr

ähnlich; in der schlanken Bildung, der kecken Haltung, dem offenen Blick

und dem schelmischen Zug um den leicht geöffneten Mund erscheint sie wie

ein Geschwisterkind der Jünglingsgestalten am Grabmal Murzuppini und am

Tabernakel in San Lorenzo. Eine jetzt farblose, teilweise modellierte

Stuckbüste (No. 62 C) ist dieser Marmorbüste aufs engste verwandt und

stellt vielleicht dieselbe junge Florentinerin in etwas vorgeschrittenem

Alter dar. Eine zweite ähnliche Stuckbüste (No. 62E), deren feine alte

Bemalung noch erhalten ist, stellt nach ihrer Herkunft wahrscheinlich

eine der vielen Töchter des Herzogs Federigo von Urbino dar. Eine andere

Tochter dieses Fürsten vermuten wir in der aus der Urbiner Erbschaft

stammenden, in Kalkstein ausgeführten Mädchenbüste (No. 62A) von sehr

verschiedenem Typus; in der treuen Wiedergabe der Individualität und in

der feinen naturalistischen Durchbildung ein unübertroffenes

Meisterwerk.

[Abbildung: 62B. Bemaltes Stuckrelief der Madonna von Desiderio.]

Von den verschiedenen Kinderbüsten, welche sich nach dem Vergleich mit

den beglaubigten Arbeiten auf Desiderio zurückführen lassen, ist keine

in der Berliner Sammlung vertreten; die Marmorbüste eines älteren Knaben

im Museo Nazionale zu Florenz und der lachende Knabe bei Herrn Benda in

Wien sind die Hauptwerke dieser Art; letztere als Jugendarbeit noch ganz

unter Donatello's Einfluß, welchem sie daher auch zugeschrieben wird.

[Abbildung: 62. Marmorbüste der Marietta Strozzi von Desiderio.]

Dem Desiderio steht der gleichaltrige Antonio Rossellino besonders nahe.

Bei der frühzeitigen und von vornherein ganz eigenartigen Entwickelung

Desiderio's dürfen wir die Verwandtschaft des Antonio wohl mit

Bestimmtheit auf den Einfluß des Ersteren zurückführen. Seine Schule hat

Antonio aber wohl unter seinem älteren Bruder, dem berühmten Baumeister

und Bildhauer _Bernardo Rossellino_ (eigentlich Bernardo di Matteo

Gamberelli gen. Rosselino, 1409-1464) durchgemacht, mit dessen späteren

Arbeiten Antonio's Jugendwerke die nächste Verwandtschaft zeigen. Der

eigenartige, schaffensfreudige und energische Charakter in Bernardo's

Bauten wohnt auch seinen Bildwerken inne. In der Durchbildung der

menschlichen Gestalt teilweise noch befangen, hat er durch den großen

architektonischen Aufbau seiner plastischen Monumente die florentiner

Skulptur des Quattrocento in vorteilhaftester Weise bestimmt; ihm

verdankt dieselbe wohl in erster Reihe die feine Empfindung für die

architektonischen Verhältnisse, welche sich in fast allen Denkmälern aus

der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts bekundet. Bernardo's großes

Marmorgrabmal des Leon Bruni ({~DAGGER~} 1444) in Sa. Croce ist das erste und

zugleich das vornehmste Nischengrab in Florenz, das Vorbild für alle

anderen. Der figürliche Schmuck, dessen Verteilung zu der Wirkung des

großartigen Aufbaues wesentlich beiträgt, ist im Allgemeinen noch etwas

schwerfällig und in der Bewegung nicht immer frei; dagegen ist die Figur

des Toten so edel gedacht und so schön angeordnet, wie wohl an keinem

zweiten italienischen Grabmonument. In dem Grabmal Lazzari in

S. Domenico zu Pistoja, über dessen Ausführung der Künstler hinstarb,

hat er den von ihm verlangten Typus des Bologneser Professorengrabes mit

dem Auditorium als Mittelpunkt in freie künstlerische Form gebracht,

während er in dem Monument der Beata Villana in Sa. Maria Novella ein

einfaches gotisches Motiv sich aneignete: Engel ziehen den

baldachinartigen Vorhang vor der im Todesschlafe ruhenden Gestalt des

jungen Heiligen zurück. Auch das Marmortabernakel in der Kirche des

Hospitals von Sa. Maria Nuova (um 1450) hat in seinem architektonischen

Aufbau wie in der Gliederung ähnliche Vorzüge.

[Abbildung: 62A. Büste einer Urbiner Prinzessin von Desiderio.]

[Abbildung: 141. Bemalte Stuckbüste des Gio. Rucellai von einem

unbekannten Florentiner um 1460.]

Die figürlichen Darstellungen an diesen Monumenten wie seine rein

figürlichen Bildwerke; die große Lünette und die beiden Heiligenfiguren

an der Fassade der Misericordia zu Arezzo (von 1434 u. 1435) und die

Gruppe der Verkündigung in S. Francesco zu Empoli (vom Jahre 1447) haben

noch etwas Schwerfälliges in Form und Bewegung und eine gewisse stumme

Befangenheit im Ausdruck. Damit verbinden sie aber einen wirkungsvollen

Ernst, eine wie mühsam verhaltene Empfindung und inbrünstige

Begeisterung, weiche, wenn auch etwas motivlose Faltenbildung in den

vollen Gewändern und feine naturalistische Behandlung des Fleisches,

namentlich in den schönen Köpfen. Die einzige Arbeit in der Berliner

Sammlung, die sich mit einiger Wahrscheinlichkeit auf diesen Künstler

zurückführen läßt, ist ein Stuckrelief, Maria, das Kind anbetend (No.

73A), das in den Typen und in der weichen unbestimmten Behandlung der

Gewandfalten die Merkmale Bernardo's aufweist; doch ist die Komposition

offenbar abhängig von der auf Donatello's Schule zurückgehenden Anbetung

des Kindes (No. 47).

[Abbildung: 65A. Marmorrelief der Madonna von Ant. Rossellino.]

Bernardo's jüngster Bruder _Antonio Rossellino_ (1427 bis 1478), an

seinem letzten Denkmal, dem Grabmal Lazzari in Pistoja, urkundlich sein

Mitarbeiter, erscheint auch nach dem Charakter seiner Bildwerke,

namentlich der Jugendarbeiten, als ein Schüler seines Bruders. Er sucht

zuerst außerhalb Florenz seine Sporen zu verdienen: 1457 arbeitet

Antonio am Sebastianaltar in Empoli und im folgenden Jahre vollendet er

den Marmorschrein des Beato Marcolini, jetzt im Museum zu Forlì. In

beiden Arbeiten ist er schon voller Meister und seinem Bruder überlegen

durch freiere Bewegung und feineres Naturverständnis, das sich

namentlich in der weichen, geschmackvollen Behandlung der Gewandung und

in der meisterhaften Wiedergabe des Fleisches bekundet. Die Statue des

Sebastian in Empoli ist eine der schönsten Freifiguren der

Frührenaissance.

Solche Arbeiten mußten dem Künstler auch in der Heimat, wo sie sehr

wahrscheinlich ausgeführt wurden, rasch Ansehen verschaffen und Aufträge

zuführen. Im Jahre 1461 wurde ihm in der That ein solcher in großartiger

Form zu Teil: der Bau der Grabkapelle für den 1459 jung verstorbenen

Kardinal von Portugal mit seinem Grabmal in San Miniato al Monte.

Antonio hat diese Aufgabe in einer Weise gelöst, daß die Kapelle,

obgleich seines Altarbildes von Piero Pallajuolo beraubt, noch heute mit

Recht als ein Schmuckkästchen Florentiner Quattrocentokunst berühmt ist,

und das Grabmal, wenn nicht als das großartigste, so doch als das

reizvollste Grabmonument der Renaissance gelten darf. Erscheint schon in

der Gestalt des auf dem Paradebett ausgestreckten Verstorbenen der Tod

nur als ein sanfter Schlaf, als ein Ausruhen zu neuem Leben, so ist die

überirdische Freude des zukünftigen Lebens auf köstliche Weise in der

Schar der Engel zum Ausdruck gebracht, von denen die einen die Madonna

mit dem Christkind in der Mandorla zu dem Verstorbenen herabtragen, die

anderen mit der Krone zu seiner Seite knien. Beide Motive: Tod und

Leben, kommen in sinniger, wirkungsvoller Weise auch im

architektonischen Aufbau und in der Dekoration zur Geltung.

Dieser Arbeit, welche den Meister wohl eine Reihe von Jahren fast

ausschließlich beschäftigte, folgten verschiedene größere und kleinere

Madonnenreliefs in Marmor, wie die große Madonna del latte in Sa. Croce,

das durch seine reiche Umrahmung ausgezeichnete Relief in Solarolo, ein

kleineres Relief im Museum zu Wien und ein zweites im Bargello, endlich

das Rundrelief der Anbetung ebenda und eine Umarbeitung dieser

Komposition zu einem reich gegliederten, höchst sauber durchgearbeiteten

Altar in der Kirche Montoliveto zu Neapel. Für seine Meisterschaft und

seinen Geschmack in der Wiedergabe der vollen Individualität geben zwei

gleichzeitig (1468) entstandene Marmorbüsten älterer Männer im Bargello

und im South Kensington Museum das glänzendste Zeugnis. Sein besonderes

Talent für die Darstellung des Kindes bekunden eine Anzahl Kinderbüsten

in der Chiesa de' Vanchettoni zu Florenz, im Bargello, im Pal. Martelli,

im Medaillenkabinet, bei G. Dreyfuß zu Paris und in der Sammlung

Hainauer in Berlin, samtlich in Marmor. Einige Thongruppen der Maria mit

dem Kinde, wahrscheinlich Modelle für größere Marmorarbeiten, erscheinen

durch die Auffassung des Kindes beinahe wie Genredarstellungen. Die

köstlichste dieser Gruppen ist die Madonna mit dem lachenden Kinde im

South Kensington Museum.

[Abbildung: 149A. Bemalte Thonbüste der hl. Elisabeth von Ant.

Rossellino.]

Wie Antonio in seiner früheren Zeit zur Fertigstellung eines Monuments

berufen wurde, über das sein Bruder hingestorben war (Grabmal Lazzari in

Pistoja, vollendet 1468), so hat er selbst einen großen Auftrag, den er

von Neapel aus erhielt, das Grabmal der 1470 verstorbenen Maria von

Arragonien für die Chiesa di Montoliveto, nur noch anfangen können. Die

Ausführung dieses Monuments, für welches das Grabmal des Kardinals von

Portugal ausdrücklich als Vorbild ausbedungen war, ist in allen

wesentlichen Teilen von der Hand des Benedetto da Majano.

[Abbildung: 67. Marmorbüste von Ant. Rossellino.]

Die Berliner Sammlung enthält eine reiche Auswahl verschiedenartiger

Arbeiten des A. Rossellino, die den Künstler in vorteilhafter Weise

kennen lehren; außer mehreren bemalten Stucknachbildungen von

Madonnenreliefs (No. 66 und 68 bis 70) auch verschiedene Originale. In

dem großen Marmorrelief der Madonna, welche das Kind auf dem Schoße hält

(No. 65A), besitzt die Sammlung eine ganz eigenhändige und zugleich wohl

die vollendetste Arbeit des Meisters in dieser Art. Die Modellierung,

namentlich im Kinderkörper und in den Händen der Maria, ist mit

unübertrefflicher Treue und Feinheit der Natur abgelauscht; die

Behandlung des Reliefs von den ganz flach gehaltenen Cherubim in den

oberen Ecken bis zu dem ganz in Hochrelief gearbeiteten Körper des

Christkindes ist von großer malerischer Wirkung, die Ausführung in

Marmor von höchster Delikatesse. Die zahlreichen Aufträge, wie die

Vorliebe für die Wahl des Marmors und die Ansprüche an die Durchführung

in diesem Material machte sonst in der zweiten Hälfte des XV. Jahrh.

eine starke Beteiligung von Schülern und Gehülfen an der Ausführung zur

Regel und hatte, neben kleinen Thonskizzen, die Anfertigung großer

Modelle in Thon als Vorlagen für die Schüler zur Folge. Gerade von Ant.

Rossellino sind uns solche Thonmodelle noch in größerer Zahl erhalten,

die sich alle durch die feine naturalistische Durchbildung und die

Frische der Arbeit auszeichnen. Dies gilt ganz besonders von einigen

hervorragenden Arbeiten dieser Art in der Berliner Sammlung, einer

Madonna mit dem Kinde auf reich dekoriertem Sessel (No. 65) und dem

großen Rundrelief mit der Anbetung der Hirten (No. 64), dessen

wesentlich veränderte Marmorausführung das Bargello besitzt (vgl. oben).

Auch ein Paar tüchtige Büsten der Sammlung lassen sich wenigstens mit

Wahrscheinlichkeit auf Antonio zurückführen; die Marmorbüste eines

Florentiners in mittleren Jahren (No. 67) und die farbige Thonbüste der

hl. Elisabeth (No. 149A), worin das Porträt einer vornehmen Nonne

wiedergegeben ist.

[Abbildung: 65. Thonrelief der Madonna von Ant. Rossellino.]

Ebenso reich und vorteilhaft wie A. Rossellino ist auch der jüngste

unter den großen Marmorbildnern des Quattrocento, _Benedetto da Majano_

(1442-1497), im Berliner Museum vertreten. Benedetto erscheint als

Nachfolger Rossellino's für die Vollendung des Grabmals der Maria von

Arragonien (nach 1481); diesen hat er sich aber auch schon in seinem

frühesten bekannten Werke zum Vorbild genommen, im Wandaltar des hl.

Savinus in der Kathedrale von Faenza (um 1470). Augenscheinlich hat

Antonio's Markolinusmonument in Forlì den Aufbau dieses Altares

bestimmt; aber auch Behandlung, Ausdruck und Empfindung sind dem

Rossellino so verwandt, daß daraus eine nähere Beziehung Benedetto's zu

diesem Künstler fast zweifellos wird. Auch in späteren Werken bleibt die

innere Verwandtschaft zwischen beiden Künstlern, so daß ihre Arbeiten

oft mit einander verwechselt werden. Gemeinsam ist ihnen der

Schönheitssinn und Geschmack, die Einfachheit und Natürlichkeit in

Auffassung und Darstellungsweise, die Lieblichkeit der Erscheinung und

die Holdseligkeit im Ausdruck ihrer Gestalten, die Weichheit in der

Behandlung, namentlich auch in der Gewandung, die Eleganz und

Zierlichkeit im architektonischen Aufbau und in den dekorativen Details.

Doch sind bei Benedetto alle diese Eigenschaften schärfer ausgeprägt und

werden, wenigstens in seiner letzten Zeit, schon teilweise zur Manier;

seine Gestalten sind schlanker, der Faltenwurf der in späterer Zeit wie

gebauscht erscheinenden Gewänder, ist voller und weicher; die Formen

seiner Figuren sind von einer mehr allgemeinen Schönheit, der Ausdruck

zuweilen schon von einer etwas leeren träumerischen Holdseligkeit, und

den figurenreicheren Kompositionen fehlt es an dramatischer Auffassung

und energischer Bewegung. Innerhalb seiner Befähigung hat aber

Benedetto doch eine so glückliche und mannigfaltige Thätigkeit

entfaltet, daß er unter den letzten Bildhauern des Quattrocento in

Florenz in erster Linie genannt zu werden verdient.

Die Italienische Plastik · 第 7 / 16 段